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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 18
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Der Herr Direktor.

Finale.

Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten. Auch wir erfuhren die Wahrheit dieser Dichtung.

Das Dekamerone war bereits dem Druck übergeben, die ersten Bogen waren abgezogen und die Portraits, fein und säuberlich ausgeführt, harrten ihrer Auferstehung in Druckerschwärze.

Alle die Künstler sahen sich schon ruhmbedeckt als Schriftsteller und Schriftstellerinnen gepriesen, als der Drucker Vorschuß verlangte.

Schreckenswort für die, welche gewohnt waren, Vorschuß zu empfangen, aber nie zu geben.

Was thun? Sollte das Werk unvollendet bleiben? Sollten die Hoffnungen auf Ruhm, Anerkennung und Unsterblichkeit zu Nichte werden, weil es am Nöthigsten fehlte?

Grausames Schicksal, so nahe am Ziel zu scheitern! Dreifach destillirtes Pech!

Man wandte sich hülfesuchend an den Direktor, allein dieser war taub für alle Bitten.

»Wenn Ihr berühmt seid, lauft Ihr mir aus dem Engagement, liebe Kinder!« sagte er. »Ich kenne das!« –

Carabella lachte die Deputation aus, welche ihm vorstellte, daß er moralisch verpflichtet sei, die Kosten des Unternehmens zu tragen.

Der Souffleur war jedoch auch hier wieder der praktische, »warum geht Ihr nicht sammeln beim Publikum?« lautete seine Meinung. »Ihr schenirt Eich doch sonst nicht zu schnorren!« –

Der Rath war allerdings bitter, aber was thut man nicht des leidigen Ruhmes willen. Ach, wie mancher Ruhm, wie mancher Ruf, wie manche Größe ist – schon zusammengeschnorrt worden.

Der Herr Direktor war um so bereitwilliger, uns den Umgang durch die Stadt und die Sammlung bei dem hochverehrten Publikum und dem Adel der Umgegend zu gestatten, als er großmüthig darauf verzichtete, irgend noch ein Jubiläum zu feiern und dasselbe als Zugmittel zu annonciren, wie er bereits des Oefteren gethan hatte.

Die Vorsehung verdient den uneingeschränktesten Dank aller zur Bühne gehörigen Personen, vom Direktor bis zum Lampenputzer, für die Institution der Jubiläen. Ein Jubiläum ist oft für die Theaterkasse dasselbe, was Moschus für den Kranken. Es giebt einige nothdürftige Anregung und stinkt ebenfalls.

Wenn nichts mehr zieht, wenn das Publikum theatermüde geworden ist und sich vor Allem, was Komödie heißt, ekelt, wie der Seemann nach langer Fahrt vor dem Salzfleisch, genügt die Ankündigung eines Jubiläums, ihm einige Entree-Groschen abzuzwacken.

Unser Direktor war in der Erfindung von Jubiläumsveranlassungen großartig. Viermal im Jahre feierte er sein fünfundzwanzigstes Direktionsjubiläum, viermal seinen fünfzigsten Geburtstag, viermal sein hundertstes oder zwei- bis fünfhundertstes Auftreten als Posa, König Philipp, Faust, Valentin oder welche Rolle ihm gerade geeignet erschien.

Das waren zwölf Jubiläen, die derart vertheilt wurden, daß auf jeden Monat eins fiel. Natürlich wechselten die Jubiläen mit den Ortschaften, in denen wir unser Theater aufschlugen.

Die Geburtstage unserer großen Dichter und Komponisten gaben Gelegenheit, erstens für eine Festvorstellung am Vorabend und zweitens für eine noch festlichere Aufführung an dem betreffenden Tage selbst.

Auf das Stück kam es freilich so genau nicht an, da das einmal festgestellte Repertoir doch wegen eines längst vermoderten und vermulschten Dichters oder Musikmachers nicht verändert werden konnte.

Es genügte ja auch, die Gipsbüste des Gefeierten aufzustellen und einen Prolog zu sprechen. Das war hinreichend, um den Gefühlen der Huldigung und Dankbarkeit Rechnung zu tragen. Nachher wollte das Publikum sich amüsiren. Zur letzten Feier von Schillers Geburtstage gaben wir am Vorabend »Die Kohlenschulzen« und am Tage selbst einen Prolog und »Pariser Leben«. – Goethes Todestag begingen wir mit den »Rosadominos« und Lessing bekam die »Fourchambaults«, die ja einstimmig als ein moralisch erhebendes Stück erklärt worden sind, während selbst die Drepplern sagte, sie hätte noch nie einen so gemeinen Charakter darzustellen gehabt, als die alte Fourchambault in dem französischen Sittlichkeitsdrama.

Was aber bedeutet die Meinung der Drepplern gegen die der gesammten Kritik? – Klopstocken feierten wir mit der »Kameliendame«.

Um die Prologe brauchten wir uns nicht viel Sorge zu machen, denn jede kleinere oder größere Stadt hat ihren vaterstädtischen Dichter, der den Pegasus so lange reitet, bis er einen gereimten Prolog von sich giebt.

Je geschwollener ein solcher Prolog klingt, um so mehr Poesie sitzt darin. Ich glaube daher, diese Spezies von Dichtern leidet viel an Rheumatismus und dicken Backen, sonst wüßte ich mir all' den Schwulst nicht zu erklären, den sie liefert. Der vaterstädtische Dichter ist stolz auf die Stadt, welche ihn geboren. Dies ist jedoch das Einzige, was er davon hat.

Der Direktor dagegen freut sich stets sehr, wenn er einen vaterstädtischen Prolog bekommt, denn einige Leute gehen darauf hin ins Theater, um zu sehen, wie der heimische Gewerbefleiß blüht und was Menschenhände nicht Alles zu machen vermögen.

Das ist ja auch die Hauptsache.

Wenn unser Direktor mit seinen Jubiläen fertig war, und die Geistesheroen deutscher Nation ihre Schuldigkeit als Reizmittel gethan hatten, wurden die Mitglieder gepreßt, sich als Jubiläum-Opferthiere bekannt machen zu lassen. Gegen eine kleine Entschädigung gaben die ältern Mitglieder sich gern zu einem fingirten Jubiläum her. In Biesenthal, wo die Kultur noch zehn Meilen hinter der Eisenbahn zurück ist, feierte unser Lampenputzer den Gedenktag seiner zweitausendsten Lampe. Das Theater war brechend voll. Da jedoch unser Lampier ein blutjunges Kerlchen war, das sich der Kunst widmete, trat der Direktor selber vor, als man rief. Nun, er behielt die ganze Einnahme und konnte darauf hin sich eine kleine Unbequemlichkeit gefallen lassen. Einnahme: achtundsechzig Mark vierzig Pfennige, zwei Mandel Eier und fünf Würste, wir nahmen auch Viktualien.

Ich glaube aber doch, daß der Direktor noch viel schönere Motive für Jubiläen finden könnte, als er gemeinhin thut. So zum Beispiel das Jubiläum der zehnten Pleite, des zwanzigsten Kontraktbruchs, des fünfzehnten Durchbrennens. Die Kluthuhn würde mit dem Jubiläum des fünfzigsten Anbeters Furore machen, die Dreppler mit der fünfhundertsten Flasche Gilka, die Peperona mit der tausendsten falschen Deklamation, die Padde mit dem millionsten Kuß von ihrem angebeteten Nikoläuschen.

Diese Jubiläen entsprächen den Thatsachen wahrheitsgemäßer und es würde etwas weniger Mißbrauch mit unseren großen Geistern getrieben, als jetzt der Fall ist.

Profanirt die Todten nicht, zieht das Erhabene nicht in den Bühnenstaub! Gönnt auch den Lebenden ihr wohlverdientes Theil, denn die – – sind des Ruhmes bedürftig.

Wie schon gesagt, war unser Direktor mit seiner Jubilirerei zu Ende und gestattete daher die Brandschatzung der Stadt zu Gunsten des Dekamerone.

Der Direktor ertheilte seine Erlaubniß zur Sammlung, August Dauben verfertigte ein passendes Gedicht, die Damen warfen sich in ihre nobelste Toilette, die Herren zogen ihre Fräcke an, bürsteten die Zylinder blank, und von Straße zu Straße, von Haus zu Haus zogen die Mimen, die Groschen zu erflehen, welche das Ruhmesschiff, das Dekamerone, flott machen sollten.

Der Feldzug war lohnend: über dreihundert Mark waren zusammengekommen und Freude kehrte wieder bei denen ein, die schon wehmüthige Trübsal geblasen hatten und zu verzweifeln anfingen. Trotzdem reichte die Summe nicht aus.

Der Direktor änderte jetzt sein Verhalten dem Dekamerone gegenüber.

»Ich werde den Rest zufügen,« sprach er, »Ihr könnt in der nächsten Stadt, in der wir spielen, wieder sammeln und mir die Auslagen erstatten!«

»Hoch lebe unser Herr Direktor!« jubelten Alle. »Er ist ein Ehrenmann, ein Vater der Bedrängten!«

Fellrich überreichte dem Direktor die Summe in Gegenwart sämmtlicher Mitglieder. Der Direktor hatte sich ausbedungen, selbst mit dem Drucker zu verhandeln, um im Nothfalle mit seinem Kredit aushelfen zu können, war er doch der einzige von Allen, der Kredit hatte. Die Güte und Liebenswürdigkeit des Direktors fand das ungetheilteste Lob.

Am folgenden Tage war Gagetag. »Kommt Alle vor zehn Uhr!« rief der Direktor beim Fortgehen, »nach der Gageauszahlung wollen wir Leseprobe von dem neuen Stücke ›Morgenstunde hat Gold im Munde‹ halten. Einer von den Herrschaften hat wohl die Güte, den Dichter hiervon zu benachrichtigen!«

Was wollten wir mehr? Das Dekamerone war wieder einmal gesichert, Gage stand in Aussicht und das Stück eines vaterstädtischen Dichters versprach einige volle Häuser. – –

*

Am nächsten Morgen standen sämmtliche Mimen schon vor acht Uhr auf dem Flur des Hauses, in welchem der Direktor wohnte, allein da er lange zu schlafen pflegte, war er noch nicht sichtbar und Niemand wagte, den Gestrengen aus seiner Ruhe zu stören.

Als jedoch die Uhr neun geschlagen hatte und Nichts sich rührte, rief der Souffleur: »Die Sache scheint mer hier sähre ferdächtig. Wie wär'sch, wenn Eener hineinginge und weckte den Härrn Direktor?«

»Ich dringe in die Höhle des Löwen!« rief Fellrich. »Sind wir Alle versammelt?«

»Bis auf die Piepern!« rief die Kluthuhn.

»Ich bin beauftragt, ihre Gage in Empfang zu nehmen,« sagte Fellrich. »Sie fühlte sich gestern sehr ermüdet und wollte ausschlafen.«

»Merkwürdig,« lachte der Souffleur, der Herr Direktor werden auch nicht munter!«

Fellrich klopfte an die Thür.

Keine Antwort.

Er versuchte die Thür zu öffnen.

Sie war verschlossen.

»Man muß die Thür erbrechen!« schrie er und klopfte mit wuchtigen Schlägen an, wobei Ratze assistirte.

»Nur sachte, meine Herren!« rief jetzt Jemand von Oben, »Wissen Sie denn nicht, daß der Herr Direktor heute Morgen in der Frühe verreist ist?« Es war der Hauswirth, dessen Parterrewohnung der Direktor inne hatte.

Alle waren bestürzt.

»Nun ja, er kommt morgen wieder, hat er gesagt. Gehen Sie nach Hause. Hier ist er nicht.«

»Durchgebrannt!« flüsterten Etliche, und traurig, ohne Gage, ohne zu wissen, was werden sollte, schlichen die armen Komödianten davon.

»Suchen wir Carabella auf!«

Carabella hielt mit seinen Leuten Probe im Theater ab und ließ gerade den Skelettmenschen im Springen durch Papierreifen für die nächste Pantomime üben. Er vernahm, was vorgefallen und sagte, als ihm Alles getreu berichtet war: »Natürlich ist er durchgebrannt!«

»Aber er kann doch sein Theater, seine Dekorationen, seine Bibliothek, seine Kostüme nicht im Stiche lassen?«

»Das gehört Alles mein,« erwiderte Carabella. »Er hat mir den ganzen Kram verpfändet, als ich zu ihm kam!«

»Er muß unseren Kontrakt halten!«

»So? Lesen Sie doch den sechsten Paragraphen Ihres Kontraktes, meine Herren. Da heißt es: »Tritt Brand, Krieg, ansteckende Krankheit, andauernde Krankheit des Direktors oder der Mitglieder, Landestrauer, politische Umwälzung oder sonstige Kalamität ein, so ist der Direktor X. berechtigt, diesen Kontrakt in allen seinen Theilen zu lösen.«

»Ganz recht, das haben wir Alle unterschrieben!«

»Nun denn,« sagte Carabella. »In der Langen Straße sind die Masern – das ist Krankheit, und der Direktor hat kein Geld – das ist Kalamität. Ihre Kontrakte sind somit gelöst!«

Carabella sprach wahr – die armen Mimen waren macht- und rechtlos durch diesen Paragraphen.

Und doch wollte Niemand glauben, daß der Direktor so gewissenlos handeln konnte. Die Gage und das sauer erworbene Geld, welches für das Dekamerone bestimmt war, hatte er mitgenommen. Es konnte, es durfte nicht sein.

»Trösten Sie sich,« sagte Carabella. »Ich werde Pantomimen geben, ein Theil der Herrschaften findet Engagement bei mir. Aber hohe Gage ist nicht, denn ich kann Sie nur zu Statisten gebrauchen, weil Sie in Ihrer Jugend keine ordentliche Kunst gelernt haben!«

Das waren geringe Aussichten, aber es waren doch welche.

Der junge Dichter von »Morgenstunde hat Gold im Munde« war ganz zerschmettert. »Mein Stück!« stöhnte er. »Und ich sah mich schon oben auf dem Parnaß bei all den andern berühmten Dichtern.«

Er sah zum Erbarmen aus.

In diesem Moment stürzte Fellrich herein.

»Die Undankbare!« schrie er. »Kollegen, der Direktor ist auf und davon und die Piepern mit ihm!«

Die Piepern hatte einen Brief für Fellrich hinterlassen.

»Lieber Freund!« hieß es in demselben. »Ich danke Ihnen für die schöne Geschichte, die Sie für mich im Dekamerone geschrieben haben, sorgen Sie, daß die Bücher aus der Leihbibliothek, die Sie dazu benutzten, bezahlt werden und an Ort und Stelle kommen. Der Direktor will mich heirathen, ich wäre närrisch, wenn ich ihn ausschlüge.

Ihre Freundin
vorläufig noch Irmengard Peperona.

P. S. Ihnen bleibt ja das Dekamerone.«

Es war also Alles aus.

Zur Linderung der größten Noth wurden noch einige Vorstellungen auf Theilung gegeben, da Carabella großmüthig seine Bühne herlieh und auch mit seinem Bären und seiner Gesellschaft umsonst auftrat.

Die mitleidigen Bürger der kleinen Stadt versorgten die Mimen mit Speise und Trank und hatten Nachsicht mit dem rückständigen Miethszins. Das Unglück findet Barmherzigkeit, in welcher Form es auch auftritt. Und es waren guter Leute Kinder unter den plötzlich brotlos Gewordenen.

Dann zerstob das Künstlervolk, der Eine hierhin, die Andere dorthin. Es war nicht die erste Gesellschaft, die von ihrem Direkter verlassen, sich dem sozialen Nichts gegenüber sah und wird wohl auch nicht die letzte sein.

Zerronnen waren die Träume von Ruhm und Unsterblichkeit. von dem glänzenden Elend, dessen gleißende Flitter schon so Manchen verlockten, sich dem schwanken Grunde des Theaters anzuvertrauen, blieb Nichts übrig als das Elend und – das Dekamerone.

Und doch, wer weiß, ob nicht Fellrich, Ratze, die Kluthuhn, Päpke, die Padde und wie sie sonst heißen, irgendwo ihr Glück machen und als Sterne ersten Ranges aufgehen? Denn in der Bühnenwelt ist Alles möglich und noch ein Posten darüber.

Da die Mimen das Dekamerone im Stich gelassen hatten und Carabella auf dasselbe Verzicht leistete, trat der Unterzeichnete die Erbschaft desselben an. Es war nur nöthig, einige Lücken auszufüllen, einige Flicken aufzusetzen und das Ganze aufzubügeln. Dies fiel dem Unterzeichneten nicht schwer, denn Niemand kannte die Mimen besser als er; war er es doch, der, je nachdem es verlangt wurde, sie aus gewöhnlichen Menschen zu Helden und Göttern, Millionären und Bettlern machte. Seinem Auge blieb Nichts verborgen, denn er sah sie, wie sie wirklich waren – als arme Adams- und Evaskinder! –

Jeremias Stepke,
Theater-Schneider.

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