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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Carabella.

Carabella

erzählt: Da Carabella des Schreibens völlig unkundig, blieb Nichts übrig, als seine ungeordneten mündlichen Mittheilungen durch den von uns angenommenen Kopisten stilisiren zu lassen. Die Herausgeber.

Wer was Ordentliches in seiner Jugend lernt, kommt im Alter immer durch die Welt.

Dies war mein Vater sein Spruch.

Wir Carabella's sind eine Künstlerfamilie, wo jeder mit arbeiten mußte. Als ich noch in den Windeln lag, spielten sie schon Fangball mit mir und ich lernte eher auf den Händen gehen, als auf den Füßen. Mit drei Jahren schlug ich Rad und im vierten saß ich auf meiner Mutter ihren Rücken, wenn sie auf dem Thurmseile die hohe Accension produzirte. Deshalb weiß ich auch nichts von Schwindel.

Wir machten gute Geschäfte, wohin wir kamen, bis mein Vater das Malheur hatte, vom Seile zu stürzen und beide Beine zu brechen.

Weil uns nun, so zu sagen, die Hauptstütze fehlte und im Gipsverband lag, wovon er immer noch einige Steifigkeit in den Beinen behielt, wogegen Einreiben von Leberthran vernünftiger gewesen wäre, was hingegen der Arzt nicht einsehen wollte, so thaten wir uns einige wilde Thiere ein, worunter ein echter sibirischer Wolf aus Kamschatka, ein zwölf Monate alter Jaguar aus den Felsengebirgen des stillen Ozeans, eine zwei Jahr alte Leichenhyäne und ein ausgewachsener brauner Bär.

Diesen Bär habe ich noch, denn es ist ein gemüthlicher Bär, ein liebes kluges Thier und gefällt dem Publikum sehr. Ich arbeite mit ihm ganz allein, ohne Maulkorb, was schrecklich aussieht. Aber er thut nichts.

Außerdem hatten wir eine Riesenschlange, zwei Papageien, drei Affen und ein Murmelthier. Die Affen und die Schlange wurden des Abends in den Wirtschaften und Restaurationen gezeigt, wo sie recht hübsch verdienten.

Zu dem Jaguar ging ich in den Käfig und bändigte ihn mit der Reitpeitsche. Dies war dem Publikum das Angenehmste zu sehen, weil es immer hoffte, das Beest sollte mich beißen oder blutig kratzen. Es war auch eine Kanallje und hat mir manchen Hieb und manchen Biß versetzt.

Der Jaguar starb, als ich ihn einmal in der Wuth über seine Falschheit so durchwammste, daß er liegen blieb. Der Wolf kriegte die Räude, die Leichenhyäne mochte Niemand sehen, weil sie auf beiden Augen blind war und sich nicht rührte.

So kam es, daß wir zusetzten, zumal auch die zoologischen Gärten Schaden thun und da sagte ich: »Raus mit den Viechern! Alle 'raus, bis auf den Bären, wo mein Freund ist!« Und so verkauften wir sie. Um diesen Termin entließen sie meinen Vater wieder in einem ziemlich geheilten Zustande.

Als er wieder aus dem Hospital kam, mußte er sich nach etwas Anderem umsehen, was auch ganz gut ging.

Meine Mutter lernte als magnetisch-hellsehende Dame, ich befaßte mir mit dem Feuerfressen, mein Bruder arbeitete als wilder Buschmann. Die Vorstellungen zogen.

Das Publikum will in der Kunst aber immer 'was Neues haben, derhalben that mein Vater sich Wachsfiguren ein, womit er sehr berühmt wurde, wir reisten mehrstens in zwei Abtheilungen, die eine war das Kunstkabinet, die andere als Akrobaten. So machten wir immer ein doppeltes Geschäft, was bei Sparsamkeit reichlich abwarf.

Die Wachsfiguren sind das Schönste, was man haben kann, denn sie machen nur die ersten Auslagen, keinerlei Kost und Logis, wie wilde Thiere, Pferde oder Menschen. Die Natürlichkeit ist großartig, man meint manchmal, daß sie lebendig sind wegen den Glasaugen und den rothen Lippen. Wir hatten für jede Figur zwei verschiedene Köpfe und konnten in jedem Orte deshalb zwei Garnituren zeigen, was zog. Auf Humboldt seinen Rumpf kam der Kopf von Garibaldi, oder auch der Kopf von Maximilian, Kaiser von Mexiko, weil der auch man dünn im Halse war. Für die Mörder hatten wir sechs Rümpfe und sorgten immer, daß die neuesten Köpfe da waren. Nur der Massenmörder Thomas war ganz neu und beweglich eingerichtet, weil ein so großer Mann eine Hauptnummer im Kunstkabinet ist.

In der Schreckenskammer, welche Extra-Entree kostete, stand die eiserne Jungfrau. Folterinstrumente und mehrere Richtbeile hingen an den Wänden. Dies zog am allermeisten.

Namentlich waren die Damen schlimm auf die Folterwerkzeuge und die Figuren mit Daumenschrauben und spanischen Stiefeln, bei denen das Blut nur so herausquoll. Alles in Wachs natürlich dargestellt. Hieran stärkt das sogenannte schwache Geschlecht seine Nerven. Wachsfiguren bilden das Publikum sehr.

Es giebt ja Bildhauer, die ganz gute Figuren anfertigen, aber sie sehen doch nie nach Etwas aus, weil sie nicht ordentlich in Zeug gehen und keine natürliche Farbe haben. Dabei sind sie so theuer, daß man für das Geld das schönste Wachsfigurenkabinet anschaffen könnte. Außerdem machen sie Puppen von Leuten, die kein Mensch kennt, wohingegen Jedermann einen berühmten Mörder oder Verbrecher gern sieht und auch seine Groschen dafür ausgiebt.

Als ich neulich in Berlin war, sah ich eine neue Figur im Thiergarten, unten herum mit Frauen und Knaben, Alles aus Marmor, ganz weiß und ohne Bekleidung.

Ich fragte einen Mann: »was ist das für'n Mörder, der da oben steht?«

»Das ist ja Goethe!« antwortete der Mann.

»Wen hat der umgebracht?« fragte ich, weil ich doch annehmen mußte, ein Mann, den sie hoch hinstellen, kann nur was Großartiges gethan haben.

Der Mann sah mich an und lachte: »Haben Sie denn nie Etwas von Goethe gehört?«

»Ne!« sagte ich.

»Nie von unserem größten Dichter?«

Ich denke, mich rührt der Schlag! Blos wegen einem Dichter solche Arbeit zu machen, das war mir doch zu viel. Und ich hatte gedacht, er hätte mindestens einen achtfachen Mord vollführt, wie der berühmte Timm Thode.

Wir sorgen dafür, daß das Publikum die schönsten Mörder zu sehen kriegt und einem bloßen Dichter, woran ja doch kein Mensch ein Interesse nimmt, stellen sie so ein Denkmal hin, daß es sauer wird, nur die Kosten zu erschwingen.

So etwas muß aufhören.

Wo bleiben wir mit unseren Kunstkabinetten, wenn die Figuren öffentlich, ohne Entree ausgestellt werden? Unsereins bezahlt auch seine Gewerbesteuer und Abgaben, und die sind nicht klein.

Es giebt leider zu viele Leute, die von der Kunst gar nichts nicht verstehen. Ist denn an solcher Figur, wie an dem Goethe, was Künstliches dran? Nicht einmal Glasaugen, kein Kostüm und keine innerliche Bewegung und Mechanik. Wenn er wenigstens noch den Kopf hin und her drehte. Aber auch dieses nicht einmal. In unserem Kunstkabinet hatten wir eine ruhende Puppe im weißen Kleide mit Ballschuhen und wirklichen Ohrbommeln, die mit dem Busen auf- und niederjappte. Alles mit Uhrwerk und Bewegung. Das ist ein Kunstwerk, ganz natürlich, als wenn Eine wirklich daliegt und bezaubernd für das Publikum.

Und ist auch nur das Geringste zum Graulen an dem Goethe? Keine Idee.

Das Publikum aber mag sich für sein Leben gern graulen. Wenn es so vor den Richtbeilen steht und vor den Stricken, mit denen berühmte Verbrecher aufgehängt worden sind, dann geht es ihm durch und durch und es kriegt eine reelle Gänsehaut. Und wenn es so die Mörder sieht und die Weiber, die beim Umbringen halfen, und die Diebe, die Einbrecher und Vergifter, eins scheußlicher als das Andere, dann kriegt es ordentlich die Angst und wird mitunter ganz eklig zu Muthe.

Das ist die wahre Kunst!

Darum sollten sie die alten kaputen Puppen nur aus dem Museum herausschmeißen und ein schönes Wachsfigurenkabinet darin einrichten. Dann hätten sie in der Residenz doch eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges, was sieht der. Mensch an solchen alten Scharteken? Jar nischt. Er verdirbt blos seinen Geschmack für die schönen Sachen, wo ihm für billiges Entree geboten werden und die doch mehrstentheils neu sind. Nicht einmal der Schinderhannes steht im Museum. Und das soll Kunst sind? Denkt nicht daran.

Mir ward erst wohl, als ich vom Goethe und dem Museum weg war und ins Panoptikum ging. Hier sagte ich: »Alle Achtung!«

Die ganzen Mörder der Welt sah ich dort auf einen Fleck. Großartig. Und alle so natürlich.

Dies söhnte mir mit Berlin wieder etwas aus.

Die andern Puppen sind Unfug, sie verderben Einem nur das Geschäft. Sonst haben sie keinen Zweck, für das Volk sind sie gar nicht – das mag Wachsfiguren viel lieber leiden. Mein Wachsfigurenkabinet geht mit meinem Bruder zu gleichen Theilen, während ich eine Gesellschaft von Spezialitäten engagirt habe und selbständig arbeite. Die ersten Künstler sind bei mir. Mein Stolz wäre, einmal in den Reichshallen zu Berlin oder im Theater americain engagirt zu werden, ich wollte den Leuten schon zeigen, was eine Harke ist.

Was die Schauspieler Kunst nennen, ist gar keine. Ich möchte mal wissen, ob Sonnenthal am Trapez; arbeiten kann, ob Kahle Feuer frißt? Ich bezweifle das. – Also?

Die wirklichen Künstler sind wir. Wir können arbeiten, weil wir es von Jugend auf lernen.

Ohne dem kommt keiner durch die Welt.

Eigenhändige Kreuze Carabella's
an Stelle der Unterschrift.

( L. S.)

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