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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 16
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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August Dauben.

August Dauben,

unser Zettelträger, erzählt:

Das Dichten ist gar keine so leichte Aufgabe, wie Mancher manchmal meint, denn es kommt dabei zu viel auf den Reim an und manche Worte lassen sich gar nicht reinem, wie z. B. »Droschke«. –

Auch auf »Mensch« findet sich blos »wetterwendsch«, was auf die gesammte Menschheit kein gutes Licht wirft und deshalb von einem Dichter, der eine Spur Mitgefühl und Idealismus hat, nur in den seltensten Fällen angewendet wird. Es ist aber sehr schlimm, daß der Mensch im Deutschen eine ungereimte Persönlichkeit ist.

Die Literatur war von jeher mein Liebstes, ganz besonders das Dichten. Es wird aber nur sehr schlecht bezahlt, weil so Viele es betreiben. Die Konkurrenz ist zu groß. Es dichten mitunter schon ganz grüne Jungen.

Wenn die Regierung ein Gesetz machen wollte, daß Keiner dichten darf, der es nicht nöthig hat, dann stünde es besser um Unsereins, aber wie die Sache nunmehro liegt, wird Einem das bischen Brot vor dem Munde weggedichtet, und zwar von Solchen, die in ganz gut situirten Verhältnissen leben.

Dr. Gensichen zieht sogar Reitstiefel an, wenn er dichtet. So ein Luxus muß ja die Poesie ruiniren. Schiller dichtete in Bambuschen und war nicht ganz schlecht. Es fragt sich aber, ob er gegen Albert Träger ankommt? Worin der dichtet, weiß ich nicht; ich vermuthe jedoch in baumwollenen Socken.

Schon in meinen Knabenjahren verfertigte ich die schönsten Gedichte, die aber verloren gegangen sind, weil ich sie auf der Schiefertafel herstellte. Dies thaten auch die Alten, woher noch heute der Name Griffel oder Stil.

Als Jüngling bediente ich mich des Papiers und schickte auch welche davon, die es ganz gut mit Heine und Mirza Schaffy aushalten konnten, an verschiedene Zeitungsredaktionen. Nur selten erhielt ich eine Antwort im Briefkasten und diese lautete meistens: »A. D. dem Papierkorbe übergeben.« Manche Redaktionen, darauf schwöre ich, hatten nicht einmal einen Papierkorb im Besitz, weshalb ich mich sehr gekränkt fühlte.

Es kam diese Nichtachtung eben daher, weil die Zeitungen selbst dichterische Talente engagirt haben, die bei festlichen Gelegenheiten, wie zu Königs Geburtstag und zum Neujahr, losgelassen werden. Aber so 'ne Poesie, die ein Jahr lang sitzt und nicht heraus kann, hat kein Wohlgefallen an sich, sondern ist mehr derart, als wenn Jemand Etwas eingenommen hat.

Ich mache Gedichte für alle Gelegenheiten, kurze und lange, je nach dem Preise. Handeln lasse ich mich nicht. Alles nach Taxe.

Aeltere geb' ich billig ab. Sonette sind am theuersten, weil die Reime viele Mühe machen und am meisten Kunst darin ist. Bonbondevisen nach Uebereinkunft und bei Abnahme von Posten mit Vorzugspreisen.

Alles wird frei von mir gedichtet, trotz der verleumderischen Gerüchte, als verfaßte ich meine Gedichte nicht selbst.

Ich dichte in allen Lagen des Lebens und kann jeder gütige Auftraggeber das Versmaß selbst bestellen.

Weil ich mein Letztes bei der Poesie zusetzte, schloß ich mich dem Theater an, und wurde Zettelträger, wobei doch in jedem Orte, an dem gespielt wird, das Publikum zum Abschied einen schönen gereimten Gruß bekommt. Dies ist die einzige praktische Verwerthung der Dichtkunst in Deutschland, welche immer noch Etwas einbringt. Einige schmeißen Einen hinaus, aber Andere geben wirklich, wenn auch nur Scheidemünze. Markstücke kommen blos bei der Hautevolee vor und da auch nur sehr selten.

Als wir im vorigen Jahre in Grünberg in Schlesien spielten, griff ich in die Saiten und verfaßte folgenden Satz:

Thaliens Kinder kehren gerne
Nächstes Jahr wieder aus der Ferne
Zu Grünbergs Rebenhügeln
Und Weinflaschen ohne Siegeln.
Zu Grünbergs edlen Reben
Den Schoßkindern Bachus' eben.
Wo Kunstsinn und Beifall in Blüthe stehn,
Lebt wohl. Nächstes Jahr auf Wiedersehn.

Wir gaben dort ein wunderbares Stück, Namens »Manuela«; es war auch echtes Grünberger Gewächs und nur für die Einheimischen genießbar. Es gefiel dort sehr, weil der heilige Ulrich Schutzpatron dieser Stadt ist.

Für Pyritz hatte ich auch einen schönen Vers gesetzt, was wegen dem Reim sehr schwer war:

Wenn Menschen auseinander gehn,
Sagen sie Adieu, auf Wiedersehn.
So rufen denn auch Wir itz'
Leb wohl, kunstsinniges Pyritz!

Daß ich diese Verse ganz allein und selbst gemacht habe, kann ich trotz aller Neider und Verleumder mit einem hohen Eide bekräftigen! –

Wenn Jemand die große Gewogenheit haben wollte, meine gesammelten Gedichte hübsch in einen rothen Einband mit Goldschnitt zu drucken, so würde ich sehr glücklich sein. Eine Kleinigkeit, die ich mir sauer erspart habe, trage ich gerne zu den Kosten bei, wenn es auch nicht sehr viel ist. Der deutsche Dichter, das weiß ich, muß seine Poesie stets selbst bezahlen.

Liebesgedichte sind nicht dazwischen, weil diese leicht demoralisirend auf das Gemüth der Jugend einwirken. Man kann sie deshalb auch als Konfirmationsgeschenk empfehlen. Desgleichen bei Trauerfällen.

Damit meine Neider und Verleumder jedoch nicht sagen, meine Liebesgedichte hätten Nichts auf sich, so theile ich hier das Beste aus meiner umfangreichen Sammlung mit. Es ist so im Stil von Platen, den ich mir immer zum Muster genommen habe, und nicht ohne Sinnenreiz, obgleich immer noch dezent, wenn auch für gereifteres Alter.

Liebesglück.

Des Menschen Höchstes ist die Liebe,
Der Sanfteste von jedem Triebe.
Den Göttern giebet selbst Genuß
Zur Jugendzeit der erste Kuß.
Ach Liebchen, welche Götterlust,
Zu ruh'n, ja zu ruh'n an Deiner weißen Brust. Vielleicht etwas reichlich verführerisch und sinnlich! Aber ich habe diesen Ausdruck gewagt, weil der echte Dichter sich nicht fürchten darf und die glühendsten Farben anzuwenden das Recht hat. Wer jedoch Mehr darin finden will, für den sind diese Worte nicht geschrieben.
Die Lieb' ist ja des Lebens feinste Sonne,
Sie spendet gern', was stets uns fehlet: Wonne!

Frei von mir selbst verfaßt im vorigen Jahre, und zwar als mir gerade nicht besonders wohl war. Dies kümmert aber den echten Dichter keineswegs. Ich hatte nämlich damals zeitweilig heftige Kolikanfälle, daß die Liebe sich hauptsächlich vom theoretischen Standpunkte geltend machte.

Der wirkliche Dichter arbeitet eben in Gegensätzen.

Auch hab' ich noch ein Gedicht auf den Tod eines in der Blüthe seiner Tage ertrunkenen Schwimmlehrers im Voraus gemacht und bin gern bereit, es vorkommenden Falles billig zu überlassen.

Mit Ehrfurcht

Deutscher Dichter und Zettelträger.

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