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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Adele Padde.

Adele Padde,

unsere erste Liebhaberin, erzählt:

Die Bühne ist meine Heimath und soll es ewig bleiben.

Einmal verließ ich sie – ich habe es bereut.

Von meiner Schönheit kann sich Niemand einen Begriff machen, der mich damals nicht gesehen hat, als ich in der ersten Jugend ersten Rosenblüthe stand. Ich bin noch immer schön, immer noch eine Rose, aber doch nur eine Remontantrose.

Der Sturm des Lebens wetterte über mich hin. Jetzt bin ich wieder oben auf.

Damals, als ich so unvergleichlich schön war, beging ich den Leichtsinn, einem jungen Kavalier meine Hand zu reichen.

Er war sterblich in mich verliebt. Unsere Hochzeitsreise war ein Meer von Süßigkeiten des Lebens. In Neapel verbrachten wir die ersten Monate unserer jungen Ehe. Wir aßen die Maccaroni an der Quelle, gewürzt mit unserer Liebe und dem feinsten Olivenöl.

Bezaubernd waren die italienischen Nächte.

Alles mit farbigen Lampions garnirt, die Herren in Balltoilette, die Damen in den auserwähltesten Roben. Im Hintergrund gab der Vesuv Lava von sich.

Wenn ich dann so an dem Arm meines Adolf schwärmerisch dahinwandelte, fühlte ich mich unaussprechlich glücklich. »Laß mich sterben!« hauchte ich ihm zu. – »Nicht doch!« antwortete er und ließ mir ein Gefrorenes kommen.

Wäre ich doch nur gestorben! – Die italienischen Nächte kosteten meinem Adolf ein horrendes Geld, mehr als seine Besitzungen, die tief in Ungarn lagen, einbrachten. Wohl ahnte ich Etwas, denn täglich ward er verstimmter und seine diamantenen Chemisettknöpfe hatte er bereits mit gewöhnlichen Schildpattdingern vertauscht, aber ich war doch weit davon entfernt, den wirklichen Sachverhalt zu vermuthen.

Jedoch das Schreckliche blieb nicht aus. Eines Morgens erklärte mir mein Adolf, daß er kein Geld für Cigaretten mehr habe. Und er war immer ein so nobler Kavalier, er rauchte den ganzen Tag und verstand seine Kravatten himmlisch zu knüpfen.

»Wo sind die Revenüen Deiner Güter?« fragte ich.

»Meine Güter sind so verschuldet, daß sie in zehn Jahren Nichts einbringen,« antwortete er obenhin. »Aber was schadet das, mein Kind? Bist Du nicht eine große Künstlerin? Bist Du nicht schön wie ein Engel? Du wirst Dein Talent, Deinen Wuchs, Dein schönes Antlitz doch nicht vergraben? – Nein, mein Schatz, das wäre egoistisch von Dir. Du mußt wieder auf die Bretter. Man wird Dir zujubeln und Du wirst viel Geld verdienen. Mehr als ich gebrauche!«

»Ich, Deine Frau, sollte mich den Blicken der Menge bloßstellen?« schrie ich auf. »Das könntest Du verlangen?«

»Warum nicht?« fragte er verwundert. »Für eine gewöhnliche Frau würde sich das allerdings nicht schicken, aber mit einer Künstlerin ist es etwas ganz Anderes. Die hohe heilige Kunst entschuldigt Alles. Ueberdies bist Du ja gewohnt, vor dem Publikum aufzutreten.«

»Das war früher, Adolf. Aber nun, da ich Dein Weib bin, ganz Dir angehöre, nur Dir allein, ist es mir, als wenn ich mich einer Untreue gegen Dich schuldig machte, wenn ich mich auf der Bühne von All und Jedem mustern lassen muß, wenn die lüsterne Menge Dein Glück erwägt, das Glück, welches Du an meiner Seite empfindest. Mein Lächeln, mein Zärtlichsein, mein Kosen, meine Hingebung sind doch keine Waare, die das Publikum taxiren darf? Ich müßte erröthen, über Dich und mich, über die Gespräche im Foyer, deren Gegenstand unsere zartesten Beziehungen zu einander bilden. Nein, das kannst, das wirst Du nicht verlangen!«

Adolf schwieg und bedeckte sein Antlitz mit der rechten Hand. »Aber Du weißt doch,« sagte er mit halberstickter Stimme, »daß ich keine Cigaretten mehr habe!«

»Also damit Du standesgemäß leben kannst, soll ich unsere intimste Liebe öffentlich preisgeben?«

»Natürlich werde ich die Bedingung stellen, daß Du nur in langen Kleidern spielst.«

»Und Dein Name? Werden Deine Ahnen sich nicht in ihren Särgen umdrehen, wenn Dein Name, den ich jetzt trage, auf dem Theaterzettel steht und durch die Zeitungen geschleift wird.«

»Selbstverständlich trittst Du nach wie vor als Padde auf! Nur statt Fräulein mit dem Titel Frau!«

»Adolf, Du liebst mich nicht mehr. – O, Du hast mich nie geliebt!« – Ein Strom von Thränen entquoll meinen schönen Augen.

»Weine nicht!« sprach Adolf. »Thränen machen garstig. – Sei vernünftig, Adele. Sieh, leben muß ich – und verdienen kann ich Nichts. Du hast mir Treue vor dem Altar geschworen – nimm ein Engagement an!« –

Was blieb mir übrig, als seinem Wunsche Folge zu leisten? Ich konnte es nicht über das Herz bringen, ihn darben zu sehen. Auch eine neue Kravatte mußte er haben und seine Lackstiefel waren ebenfalls nicht mehr nach der neuesten Façon. –

Ich trat wieder auf. – –

Meinem Adolf erschienen die Kontrakte, welche ich abschloß, nie vortheilhaft genug. Ich verdiente seiner Meinung nach zu wenig. Ach, er wollte nie einsehen, daß ein Kavalier ebenso gut eine Schauspielerin ruiniren kann, wie eine Dame vom Theater einen Kavalier.

Von Liebe war von jetzt an keine Rede mehr zwischen uns, die Erfüllung meiner Engagementspflichten ging ihm über Alles. Ich war weder sein Weib, noch durfte ich seinen Namen tragen; ich war eine Sklavin des Joches, in das ich mich freiwillig begeben. –

Doch wozu ist die Kunst da, als sich der Verlassenen, Geknechteten und Mißhandelten anzunehmen? Sie giebt Freiheit, weil sie Alles entschuldigt. Das Publikum verzeiht den Künstlerinnen im Namen der Alles verklärenden Kunst, wie Adolf mir ja selbst gesagt hatte. – –

In H. lernte ich einen äußerst talentvollen jungen Menschen kennen, der sich der Bühnenkarriere widmete. Er war nicht eigentlich schön, aber kräftig; er wackelte mit der Stimme und lernte schwer, aber er hatte ein fühlendes Herz und verstand mich. Er trug den poetischen Namen Nikolaus. Ihm konnte ich mein Leiden klagen, an seiner Brust die Thränen über die Tyrannei vergießen, welche mein Leben verbitterte, er ahnte die Leere meines Daseins in seinem edlen Herzen und tröstete mich so viel in seiner Macht stand. Er war zwar noch jung, aber in seinem kindlichen Geplauder fand ich Befriedigung und Ruhe.

Es fehlte mir Etwas, wenn ich ihn nicht sah, seine liebe Stimme nicht hörte, den Ton seines markigen Schrittes nicht vernahm. –

Da ich fand, daß ich dann am hinreißendsten spielte, wenn er mein Partner war, zwang ich die Direktion, ihm größere Rollen anzuvertrauen, damit er gleichzeitig mit mir beschäftigt sei. Zwar murrte das Publikum und nannte meinen Nikolaus einen blutigen Anfänger ohne Begabung, eine Geschmacksverirrung von meiner Seite. Aber kannte es ihn so, wie ich ihn kannte? Hatte es eine Idee von seinem Edelmuth, seiner Seelengröße, seinen Fähigkeiten, die sich immer mehr und mehr entwickeln mußten? – Nein, es kannte ihn keineswegs, sonst hätte man nicht so ungerecht und lieblos geurtheilt. Nikolaus war meine Sonne – ohne ihn nur finstere Nacht, Wüstenei und Grauen.

Als das Publikum schließlich und zuletzt einsah, daß ich ohne meinen Nikolaus nicht auftrat, billigte es unseren Seelenbund und sprach seinen Segen darüber, indem es mich in jeder nur denkbaren Weise feierte und auszeichnete und ihm, meinem Nikolchen, meinem Nikolinichen, den ich stets mit mir nahm wie einen Entoutcas, ebenfalls mit erlesener Freundlichkeit begegnete.

Wurden wir eingeladen, so führte mich Nikolchen stets, wenn wir nicht vorzogen, für uns in einem Zimmer alleine ein Tischchen decken zu lassen, während die anderen Gäste sich an der gemeinschaftlichen Tafel sättigten.

Man muß exklusiv thun, dann wird man auch exklusiv behandelt. Man glaubt eben nicht, was das Publikum sich im Namen der Kunst Alles gefallen läßt, ohne aufzumucken; es geht das nicht auf eine Nashornhaut.

Eine Episode, die mir und meinem Nikolausichen in einer Gesellschaft passirte, welche man uns zu Ehren gab, muß ich hier einschalten.

Die Elite der Stadt war versammelt. Bildhauer, Maler, Gelehrte, Musiker hatte man gebeten, um mir den Extrakt der guten Gesellschaft vorzuführen. Ich saß (Nikolchen mir zur Seite) wie eine Königin da und war enorm huldvoll. Zu meinen Füßen gruppirten sich anmuthige Damen, die mich platonisch anschwärmten, die Herren drängten sich mit Verbeugungen, so gut sie jeder konnte, um mich. Es war die reine Katharina Cornaro von Makart, ein wundervolles Bild von Künstlergröße und Publikumsdemuth.

Als ich glaubte genug Huld an die guten Leute verschwendet zu haben, rüstete ich mich zum Aufbruch. Die Damen flogen, um meine Garderobe herbeizuholen, allein nach einer Weile kehrten sie schreckensbleich wieder. Es mußte Unerhörtes geschehen sein.

In der That, der eine meiner Gummischuhe war fort; die Katze hatte ihn verschleppt.

»Ich leihe Ihnen meine Ueberschuhe,« sprach die Frau des Hauses, »sie werden die Ehre, auf den Füßen der Göttlichen gesessen zu haben, bis an das Ende der Dinge bewahren!«

Meinen übrig gebliebenen Schuh aber nahmen die Herren und zertheilten ihn in so viele Stückchen als Gäste vorhanden waren. Jeder bekam ein Stück; der Hausherr erhielt den Absatz.

Leider konnte ich von den mir angebotenen Ersatzüberschuhen keinen Gebrauch machen, da sie alle die Größe eines mittleren Spreekahnes besaßen, und verstimmt nahm ich daher Abschied.

Und doch war ich mit mir zufrieden, hatte doch mein Gummischuh eine Anzahl Erwählter überaus glücklich gemacht. Die Kunst soll ja auch den Menschen beglücken und über das Alltägliche emporheben.

Und sie Alle waren in gehobener Stimmung, berauscht, fanatisirt, in den siebenten Himmel gehoben – durch ein Stückchen Gummigalosche.

Das ist der wahre Reliquiendienst – ich kam mir vor wie eine Heilige.

Nikolaus wollte in seiner großen Liebe zur Menschheit noch an demselben Abend seine sämmtlichen abgetragenen Stiefel den liebenswürdigen Galoschenanbetern zusenden, um ihnen eine Aufmerksamkeit zu erweisen. Allein ich verhinderte ihn an seinem Vorhaben, indem ich ihm sagte: »Nikolchen, die Leutchen sind schon so exaltirt über den einen Schuh, daß ich befürchte, sie werden wahnsinnig vor Freude, wenn Du ihnen eine ganze Ladung von altem Lederzeug dedizirst. Und noch dazu von Dir, Du Perle aller Perlen!«

Er umarmte mich und sagte mit schmelzender Stimme: »Na denn nich, Adelchen!«

Von meinem Adolf lasse ich mich scheiden, sobald er will, allein er behauptet, keinen Grund zur Scheidungsklage zu haben.

Trotzdem verliere ich den Muth nicht. So lange mir Nikolaus bleibt, bin ich geborgen, so lange mir das Publikum zujubelt, bin ich sicher.

O Kunst, wie danke ich dir, wie schön träumt es sich unter deinen schattenspendenden Aesten! Du bist die Beschützerin der wahren Liebe und ohne Liebe – was wäre das Leben?

Wie mein Nikolaus so richtig sagt:

»Quatsch!«

Erste Liebhaberin.

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