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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Irmengard Peperona.

Irmengard Peperona,

unsere erste Heldin, erzählt:

Meine Wiege stand am grünlich seine Wogen daherwälzenden Guadalquivir, in der Nähe blühender Mandelbäume, nicht weit von einer Kastanien-Allee, welche das schmucke Andalusien von einem Ende bis zum andern durchzieht, in welcher festlich gekleidete Senoritas und in feinstem Sammet kostümirte Toreadors auf- und abwandeln.

Wie kam meine Wiege dahin, wo die Zither unaufhörlich klingt und der Fandango und der Pandero von gluthathmenden Schönen und kühnen Hidalgos unter dem Sonnenschein der südlichen Hemisphäre getanzt werden?

Genug – sie stand dort und neben ihr saß meine Mutter, verlassen von dem, der sie betrogen hatte, während sie ihn unsäglich liebte, verlockt durch die Versprechungen eines reichen Grafen, folgte sie diesem aus dem Lande der sauren Gurken und der Kartoffeln in das Land der Apfelsinen und der Romanzeros.

Zwar reichte er ihr seine Hand und die Trauung wurde in einer seitwärts in Spanien gelegenen, einsamen Kapelle vollzogen; es war aber kein wirklicher Priester, der den Segen sprach, sondern der Kammerdiener des Grafen hatte die Rolle des Mönches in einem falschen, ehrwürdigen, weißen Bart übernommen. O diese Kammerdiener, sie führen nie Gutes im Schilde!

Der Graf verließ meine unglückliche Mutter. Der Diener, in einem Kampf mit Gorillas zum Tode verwundet, schleppte sich sterbend bis vor die Villa, welche der Graf für sie gemiethet hatte, und bekannte röchelnd den Betrug. Dann hauchte er seine schwarze Seele aus.

Meine Mutter sank in eine wohlthätige Ohnmacht, welche ihre Sinne vierundzwanzig Stunden gefangen nahm.

Wieder in Freiheit gesetzt, sprach sie kein Wort, sondern gab mir das Dasein. Ich war ihr von nun an Alles. Erst später erzählte sie mir die Geschichte ihrer Liebe, ihres Grames und ihres Elends.

Um mich rechtzeitig an die Luft zu gewöhnen, damit ich erstarke und kräftig werde, nahm sie mich täglich auf den Arm und ging mit mir durch die Straßen Sevillas, wo sich die stolzen Schönen aus den Fensterbogen neigen. Mancher Groschen wurde ihr in die Hand gelegt, um Blumen für mich zu kaufen und mich mit denselben zu schmücken. Die Blumen sind sehr theuer in Spanien.

Als ich älter wurde, rüstete sie sich eines Tages zur Abreise. Sie wollte Spanien verlassen, wo sie so unglücklich gewesen war. Anfangs erlaubte man ihr nicht zu gehen, weil man sie zu sehr schätzte, und gab ihr eine Wohnung im Ministerialgebäude, jedoch mit der Bitte, das Haus nicht zu verlassen. Aus Vorsicht schloß man sogar die Thür ab und stellte eine Wache davor, weil sie sich jedoch zu sehr härmte, entließ man sie wieder, und nun war es ihr gestattet, die ersehnte Reise anzutreten.

In außerordentlicher Vorsorge litt die Regierung nicht, daß sie ohne männlichen Schutz durch das von inneren Unruhen mehr als einmal zerfleischte Spanien zog, sondern beorderte einen mit Karabiner und Säbel bewaffneten Beamten zu ihrer steten Begleitung. Es war eine echte Toledoklinge, feinster Damascenerstahl und rauchend vom Blute der Mauresken.

An der Grenze mußten wir uns von unserem wackeren Führer trennen, der sich stets auf das Edelste benahm. Er wäre gerne ferner mit uns gewandert, so sagte er, allein die Diplomatie duldete es nicht. Er weinte Thränen an dem Halse meiner Mutter und an dem meinen und theilte die letzte spanische Zwiebel mit uns, die er noch in seinem Tornister aufbewahrt hatte, wir weinten Alle bei diesem frugalen Abschiedsmahle bittere, beißende Thränen.

Jetzt lernten wir auch die Allgewalt der Diplomatie kennen.

Die spanische Regierung hatte nämlich die Tuilerien benachrichtigt, daß wir uns auf der Reise befänden, und die französische Regierung trug nun mit der liebenswürdigsten Zuvorkommenheit Sorge dafür, daß ein ebenso wackerer, bis an die Zähne bewaffneter Mann uns sicher durch Frankreich brachte. Namentlich durch Südfrankreich, wo die Blutrache noch üblich ist, der so leicht Niemand entgeht.

Meine zartbesaitete Mutter konnte von jeher kein Blut sehen und war deshalb der französischen Regierung bis an ihr Ende dankbar für den Schutz, den sie ihr in so humaner weise angedeihen ließ.

Als wir in Deutschland anlangten, lag Schnee und Eis auf den Fluren. Verschwunden war der Guadalquivir, weg waren die Mandelbäume, dahin die echten blühenden Kastanien. Keine Kastagnette regte sich, kein Zephyr rauschte durch das spanische Rohr. Alles war öde und traurig.

Meine Mutter lehrte mich jetzt den Handel mit Apfelsinen, welche sie von Spanien her auf das Genaueste kannte. Da ich leicht begriff, machte er mir keine Schwierigkeiten. Ich verkaufte an Jünglinge und Greise.

Sie selbst erhielt jedoch nach einiger Zeit eine offizielle Einladung, ihr ausgezeichnetes Talent zum Spinnen für den Staat zu verwerthen. Mit dem größten Eifer lag sie diesem Geschäfte ob, und zwar so sehr zur Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten, daß man ihr ein lebenslängliches Engagement in jener Anstalt, in welcher sie ihre Fertigkeiten verwerthete, antrug.

Zu edel, diesen Antrag abzulehnen, blieb sie unter Bedingungen, welche eben keine glänzenden genannt zu werden verdienten. Man hielt viel auf sie; selbst der Garten, in welchem sie ihre Spaziergänge machte, war von hohen Mauern umgeben, damit sie von keinerlei Zugwind belästigt werden konnte.

Allein trotz dieser Vorsichtsmaßregeln erkrankte sie und ließ mich an ihr Lager rufen.

»Geliebtes Kind,« sprach sie, als sie mich erblickte, »Du hast stets geglaubt, ich sei Deine wirkliche Mutter. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Ich habe mich Deiner nur angenommen, Du stammst aus einem vornehmen Hause; – – ich war nur Deine Pflegerin. – Gehe drei Meilen von hier, – wende Dich dann rechts und schreite bis zum Sonnenuntergange rüstig vorwärts. – – Bei der sinkenden Sonne wirst Du ein Schloß erblicken – – klopfe dreimal an die Pforten desselben an und – – –

Hier verließ sie die Sprache und für immer verstummte ihr Mund. – – – – – – – – – – – – – – –

*

»Wer also bin ich? – Wo liegt jenes Schloß?«

Dunkle Fragen an das Schicksal, die nie gelöst werden, wenn nicht diese Zeilen dröhnend an das Herz Jener anpochen, die sich von mir wandten, und ihr schlummerndes Gewissen aus seiner Schlafsucht schrecken.

Waren die letzten Worte jedoch Phantasie des Fiebers – was dann? – Wo lebt der Graf, den ich mit dem süßen Vaternamen anreden könnte? Der sagt: »Hier meine Tochter, bewohne den linken Flügel Deines Ahnenschlosses, ich ziehe mich auf den rechten zurück. Suche Dir die schönste Equipage mit den schönsten Schimmeln aus, und trage die größten Familiendiamanten nach Herzenslust.«

Jedenfalls – das spüre ich – bin ich von höherer Abkunft und deshalb spielt mir auch Keine die Herzoginnen, Gräfinnen und Baronessen nach. Das liegt einmal so in der Rasse, wie Fellrich sagt.

Einen Trost habe ich jedoch gefunden. Es ist dies – die Kunst.

In einer Feerie debütirte ich als Amazonenkönigin.

Es ging damals gerade flau mit dem Apfelsinengeschäft; mancherlei Verbote schränkten dasselbe ein. Es litt entschieden unter den schutzzöllnerischen Maßnahmen, welche so manches Gewerbe, so manche blühende Industrie lahm legen. Wenn eine Regierung sich doch nur nicht in Alles hineinmischen wollte. Wo bleibt da die wahre Freiheit? Der Vogel in der Luft ist frei, der Sperling auf dem Dache, die Fliege an der Wand, und der Mensch, die Krone der Schöpfung – wie Fellrich sagt – wird von allen Seiten eingezwängt und in seiner persönlichen Freiheit beschränkt. Wenn wir das Zivilstandsamt nicht hätten – es wäre nicht zum Aushalten.

Um jene Zeit wurden in der Zeitung schöne junge Damen als Figurantinnen für ein großes Ausstattungsstück gesucht. Ich besann mich nicht lange und meldete mich, denn daß ich schön war, sagte mir nicht nur der Spiegel, sondern oft hörte ich von Leuten, die als Kenner galten, meine Schönheit rühmen.

Nach kurzer Prüfung wurde ich angenommen; ja mehr noch als das. Meine kühnsten Hoffnungen wurden in soweit übertroffen, als der Schneider mir nicht eine gewöhnliche Figurantin, sondern die genannte Amazonenkönigin anmessen mußte.

Der Stoff, aus welchem mein Kostüm bestand, kostete sehr viel. Es wurde daher nur wenig von demselben genommen. Das Uebrige war Fleischfarbe.

Wunderbar arbeiteten an dem Abend der ersten Aufführung die Maschinerien; großartig wirkten die Dekorationen; noch großartiger die Kostüme. Alles wurde durch Applaus ausgezeichnet, nur die Schauspieler gingen leer aus. Zum Schluß rief man das bengalische Feuer dreimal heraus.

Mir pochte das Herz, als ich erscheinen sollte. Hoch oben lag ich, malerisch hingegossen, auf einem echten Tigerfell, das auch mit auf dem Zettel stand und pflichtschuldigst applaudirt wurde. Die Verwandlung ging vor sich, der Prospekt, welcher mich bis zu diesem Momente verbarg, verschwand in den Lüften. Das elektrische Licht floß über meine schönen Formen und das echte Tigerfell: es strahlte zurück von den glänzenden Waffen und den glitzernden Flittern des Thronhimmels, der sich über mir wölbte. Wie einst Venus im Meerwasser, schwamm ich in dem Glanzmeere des elektrischen Lichtes!

Das Publikum rief »Ah!« – den älteren Herren schienen die Operngläser im Gesichte festgewachsen zu sein; die jungen riefen »Bravo! Bravo!«

Ich war gesehen worden. Das genügte für den Anfang. – –

Als ich an demselben Abend in meiner bescheidenen, aber doch mit einigem Komfort ausgestatteten Wohnung anlangte, aß ich den Rest der Apfelsinen selbst. Auf diese Weise brach ich mit der Vergangenheit, von nun an wurde die Kunst mein Apfelsinenkörbchen.

Später avancirte ich. Meine Rollen wurden größer und die Kleider länger.

Die Gage war anfangs freilich nur klein, aber es giebt – gepriesen sei die Kunst – Mäcenasse, welche für aufstrebende Talente gerne ein Erkleckliches thun.

Laube richtete sich einen Vortragsmeister ein, um seinen Mimen und Miminnen den richtigen Avec in der Sprache beizubringen. Natürlich konnte dies auf die Dauer nicht ziehen, denn die Sprache ist doch Nebensache beim Spielen.

Die Hauptsache hingegen ist die Garderobe!

Wenn ein Direktor die Kunst fördern will, so muß er dafür sorgen, daß die Damen unentgeltlich die schönsten Kostüme bekommen. Da die Direktoren jedoch in dieser Beziehung zähe sind und besonders das weibliche Theaterpublikum neue Moden auf der Bühne sehen will, so darf man sich nicht wundern, wenn die Kunst verfällt.

Freilich sind die Kunstfreunde meistens splendid, allein wenn die Börse matt ist, erhält man statt des versprochenen seidenen Kleides auch nur ein baumwollenes. Oder es bleibt ganz aus. Schaudervoll, daß die Kunst von den Kursen abhängen muß!

Ich hatte das Glück, mit der Hausse zu operiren; mit der Baisse ließ ich mich nie ein, deshalb kam ich auch vorwärts.

Jetzt bin ich auf dem Wege zur Unsterblichkeit: wenn die Wolter einmal nicht mehr kann, wird mein Stern aufgehen. Diese Prophezeihung machte mir eine alte Zigeunerin an den Ufern des Manzanares, wo gerade einige junge Mädchen ihre Linnen wuschen. – Sie wird sich erfüllen, das ist sicher!

Da ich das Spanische besser schreibe, als das Deutsche, so hat Herr Fellrich die Güte gehabt, das, was ich ihm erzählte, schmucklos, einfach und der Wahrheit gemäß wiederzugeben.

Fellrich ist ein ausgezeichneter Mensch, ein hervorragender Kopf, der werth wäre, eine der ersten Stellen an einem der ersten Theater einzunehmen. Dies ist mein aufrichtiger Wunsch und sollte mir auch das Herz darüber brechen. Seinem Fortkommen werde ich jedoch nie im Wege stehen.

Erste Heldin.

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