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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Theodor Kammacher.

Theodor Kammacher,

der Skelettmensch, erzählt:

Genie wie die Andern habe ich nicht, aber dafür bin ich so mager, wie ein Mensch nur sein kann.

Ich bin von ganz natürlichen Eltern das dreizehnte Kind. Es mag wohl an der Zahl liegen, daß ich so aussehe, als wenn ich schon gestorben wäre.

Das Essen schmeckt mir immer recht gut; es muß an der Milz liegen, daß es nicht anschlägt.

Die berühmtesten Aerzte haben mich schon auf dem Tisch gehabt. Sie meinen auch, es liege an der Milz. Von mehreren hohen Herrschaften habe ich Anerkennungsschreiben. Der Herzog von Wickwackshire ernannte mich zu seinem Leibskelettmenschen. Das Schreiben kann Jeder einsehen, es ist mit Siegel und Unterschrift in Glas eingerahmt. Dieser Herzog ist ein kunstsinniger Herzog.

Mit meinem siebzehnten Jahre ließ ich mich für Entree sehen. Jetzt gehe in das zweiundzwanzigste. Damit ich so bleibe, bekomme ich nur mageres Fleisch und Wassersuppe. Niemals kein Fett nicht. Manchmal möchte ich mehr essen, aber wenn es anschlüge, ist es mit dem Geschäft vorbei.

Dafür bin ich aber wissenschaftlich interessant und belehrend zu sehen.

Ich war in Deutschland, Holland, Belgien, England und der Schweiz. Von überall habe ich Atteste. Jeder kann sie einsehen und ist keine Fälschung oder Nachgemachtes dabei: Alles echt und nicht angesetzt.

Ich verdiene sehr gut. –

In der Liebe habe ich nicht viel Glück gehabt. Manche fürchteten sich.

Seit meinem zwanzigsten Jahre bin ich verheirathet. Meine Frau arbeitet als Riesendame und trägt drei Zentner auf dem Busen, wo die sächsische Emilie, welche auch als Riesendame reist, ihr in keiner Weise oder Beziehung ebenbürtig ist, noch desgleichen Kräfte hat. Es sind drei echte Zentner aus Eisen und keineswegs Fälschung. Auch balancirt sie daselbst sechs Kaffeetassen, wo jede vollgegossen ist, und es schwappt keine über oder fällt herunter, was sehr kunstreich und belehrend zu sehen.

Im Sommer steht ihre Bude auf der Hasenhaide in Berlin auf der linken Seite. Sind die Sonntage gut, dann macht sie sechzig Mark und darüber.

Wenn wir genug haben, dann geben wir keine Vorstellungen mehr, wir nehmen dann unser Geld und essen und trinken, was wir mögen. Sie schrieb mir neulich, daß sie den Reisbrei und die vielen Buttersemmeln satt hat. Aber sie muß, denn wenn sie abnimmt, ist es mit dem Geschäft aus.

Wenn wir unser eigen Haus erst haben, kann sie das Fleisch essen und ich halte mich an den Reisbrei. Es wird dann ein sehr kommodes Leben und brauchen wir beide nicht mehr zu arbeiten.

Tanzen habe ich auch gelernt, und zwar den Yankee-Doodle. Wenn ich vielleicht nach Amerika gehe, wird das gefallen, wie man mir sagt. Einige meinen, es wäre Nichts für mich in Amerika zu holen, weil sie dort noch in der Wissenschaft und Belehrung nicht so fortgeschritten seien, wie in Deutschland.

Für Schulen nehme ich halbe Preise, weil es einmal so in der Mode ist und es auch etwas empfiehlt, wenn es den Kindern gefällt, kommen die Eltern nach. Aber da kann ich es dann nicht für die Hälfte geben.

Ich habe Atteste von vielen Lehrern. Sie bescheinigen, daß ich belehrend zu sehen bin und durchaus nicht verletzend oder gegen den Anstand. Damentage sind Dienstags und Freitags. Die Bude ist gut geheizt.

In der ersten Zeit reiste ich zusammen mit einem Kalb mit fünf Beinen. Es war auch sehr belehrend, aber es starb.

Dies ist, was ich aus meinem Leben weiß, und empfehle ich mich dem geehrten Publikum zu recht zahlreichem Besuche.

Jeder erhält seine Lebensbeschreibung oder Planeten, wofür ein kleines Douceur, wobei mich Jeder anfassen kann und sich selbst überzeugen.

aus Cöln, genannt der Skelettmensch.

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