Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Stinde >

Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
Schließen

Navigation:

Zweites Intermezzo.

Kein Werk auf Erden, selbst wenn es auch aus noch so edlen Beweggründen geboren wird, wie beispielsweise ein Dekamerone, durchläuft seinen Siegeslauf, ohne daß Wolken ihren Schatten darauf werfen.

Genug, bald nach Ablieferung der Manuskripte entstand der edle Wettstreit darüber: wer den Reigen eröffnen sollte und in welcher Anordnung die Blätter, welche für uns die Welt bedeuten, zu arrangiren seien? Jeder wollte den Anfang machen, Jede die Erste sein.

Der Streit war groß und wurde erbittert geführt. Es ging sogar so weit, daß Einzelne dachten, ihr Manuskript zurückzuziehen. Was aber wäre ein Dekamerone ohne Vollständigkeit? Alle, Alle müssen sie hinein, die glühenden Jünger der Kunst, selbst diejenigen, bei denen der gute Wille über das Können geht.

Fellrich schlug vor, daß ein Komitee gebildet würde, das die eingegangenen Arbeiten auf ihren literarischen Werth prüfe. Das Beste solle alsdann den Anfang machen. Als geeignete Persönlichkeiten bezeichnet er: den Kassirer, der ja auch den Erfolg der Stücke stets am sichersten beurtheile, den Logenschließer als gänzlich unbetheiligte Person und den Zettelträger, der täglich mit Literatur umginge.

Richard Ratze verwarf diesen Antrag und meinte, wenn überhaupt jemandem der Vortritt gebühre, so sei er die geeignete Persönlichkeit. Gründe wären nicht nöthig, da diese im gleichen Preise mit Brombeeren ständen.

Der Heldenvater glaubte, es sei am richtigsten, wenn die Anciennetät entscheide.

Hiervon wollte die Piepern jedoch nichts wissen.

Schließlich sprach der Souffleur das einzig richtige Wort: »Knobeln mer die Sache ganz einfach aus!« rief er.

Und so geschah es: die höchste Hausnummer endete den Streit und gab die Ordnung an, in welcher der gütige Leser die literarischen Handarbeiten in diesem Dekamerone vorfindet. Galanterie gegen das schöne Geschlecht veranlaßte uns jedoch, so weit wie thunlich, bunte Reihe zu machen.

Ich glaube, daß diese Mittheilungen von größtem Werthe sind, denn hat nicht das Geringste, was in Bühnenkreisen geschieht, das höchste Interesse für das p. t. Publikum? Wenn Frln. T. in Wiesbaden ein neues Kleid anzieht, geben die Berliner Blätter Runde von dem großen Ereigniß, und wenn Frln. H. in Ballenstedt als Maria Stuart gefällt, wird diese welterschütternde Thatsache dem Erdkreis laut verkündet. Hoffentlich ist die Zeit nicht fern, in der das Publikum allmorgendlich erfährt, wie seine Bühnengötter und -Göttinnen während der Nacht geruht und wie sie verdaut haben. Dann wird das Ideal der Kunst so ziemlich erreicht sein und die Presse ganz auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen, welche darin gipfelt, unserer Schüchternheit wohlthuend entgegenzukommen und unseren Ruhm zu mehren. Beugt sich doch selbst der Löwe vor der Allgewalt des menschlichen Genius und leckt ihm die Füße. Mehr verlangen wir auch nicht, denn unsere Haupttugend ist die Bescheidenheit.

Nachdem die Angelegenheit der Rangstreitigkeit geordnet war, gähnte uns eine neue melodramatisch dunkelnde Vertiefung entgegen, in welche hinabzustürzen das Dekamerone Gefahr lief. Unser Direktor hatte einmal den Pakt mit den Akrobaten geschlossen – nach dem maßgebenden Urtheile des Theaterkassirers ein für die Kunst überaus günstiger Gewinn – und wir Künstler mußten uns die Kollegialität dieser Arm- und Beinverrenker gefallen lassen, wir mochten wollen oder nicht. Aber daß diese Gaukler ebenfalls Anspruch darauf machten, an dem Dekamerone mitzuarbeiten, an dem Werke, das ein Schiff werden sollte, mit unserer Unsterblichkeit befrachtet, den Bühnenstaub und die weite Welt durchrudernd – das ging über das erlaubte Maß hinaus.

Wir revoltirten, allein Carabella bestand auf seinem Willen. Der Direktor erklärte, er würde uns Alle entlassen, wenn wir uns dem gerechten Verlangen Carabella's und seiner Truppe widersetzten.

»Dann könnte der Bär ja auch kommen!« rief Fellrich erbost.

»Wenn er sich eine hübsche Geschichte schreiben läßt – warum nicht?« entgegnete höhnisch der Direktor. »Das Theater ist jedesmal ausverkauft, wenn das Vieh auf dem Zettel steht. Aber wenn Ihr allein spielt, kommt keine Katze in die Bude!«

Der Direktor sprach wahr. Der Bärentanz war dem Publikum die Hauptsache.

Was sollten wir beginnen, wenn der Direktor uns entließ? Ach, er konnte Mimen genug bekommen, läuft doch jeder Barbiergeselle zum Theater, der das Unglück hatte, in einer Liebhabervorstellung dem Gevatter Schneider und Handschuhmacher den lose sitzenden Familien- und Freundschaftsbeifall zu entlocken.

Zähneknirschend mußten wir uns in das Unvermeidliche fügen. Das Komödiantenleben hat so seine Dornen.

Und doch schien uns Rettung zu winken. Ein junger talentvoller Mensch, Employer in einem Ellen- und Seidenwaarengeschäft, der unsagbar für das Theater schwärmte, hatte ein Stück geschrieben und dem Direktor eingereicht. Es war aus dem modernen Leben; ganz so wie die Stücke von heutzutage sein müssen – es wimmelte von Geheim- und Kommerzienräthen darin und behandelte die Idee, daß Morgenstunde Gold im Munde hat, wenn man nur frühzeitig aufsteht.

Der Inhalt ist folgender. Kommerzienraths geben eine Soiree, kommen spät zu Bett und schlafen lange. Die reizendsten Aperçus und, wie die Bekannten sagten, ein prickelnder Dialog füllen den ersten Akt. Im zweiten Aufzuge sieht man, wie ein junger Seifensieder mit Namen Johannes schon vor Sonnenaufgang fröhlich flötend aufsteht. Ein Mann von der Zentrumspartei tritt auf und will die Stimme des munteren Johannes für die nächste Wahl ergattern. Dies gelingt aber deshalb nicht, weil der junge Mann schon früher aufgestanden ist als der Mann vom Zentrum. Bildschöne Gespräche über Politik füllen den zweiten Akt. – Im dritten Aufzug ist ein Wahllokal genau nach dem Leben dargestellt, der Kommerzienrath soll kandidiren, allein da er am Abend vorher zu viel Sekt getrunken hat (Deutz und Geldermann Kabinet, die Flasche zu 10 Mark. Bei Champagner darf man den Preis sagen), verschläft er die Zeit. Der junge Mann mit Namen Johannes wird als Kandidat der national-konservativ-liberalen Reichspartei aufgestellt und mit Majorität angenommen. Große, blendende Rede vom Sohn des Volkes über das Verhältnis Bulgariens zu den Samoainseln und die Ähnlichkeit der heutigen Lage mit dem peloponnesischen Kriege. Applaus sicher!

Vierter Akt. Kolossaler Jammer bei Kommerzienraths. – Der Alte steht gerade im Begriff, seine Frau zu verstoßen, weil sie ihn nicht rechtzeitig geweckt hat. Da tritt der junge Mann ein. »Halt!« ruft er. »Sie sind ja ein Rabengatte!« und kanzelt ihn gehörig herunter. – »Wer giebt Ihnen das Recht, mich in meiner eigenen Wohnung anzuulken?« schreit der Kommerzienrath.

» Der Autor!« antwortete jener verbindlich und fährt unverfroren fort, den Rath zu »machen«.

»Wenn Sie nicht stillschweigen, lasse ich Sie die neue Marmortreppe hinunterwerfen!« brüllt der Rath, blau vor Wuth. Da stürzt die Tochter dem Vater zu Füßen. »Schone die neue Treppe, sie hat ja tausend Thaler gekostet, das Aufpoliren gar nicht gerechnet. (Bei Treppen kann man, wenn sie von Marmor sind, den Preis sagen.) Ueberdies liebe ich ihn! Er flötet schon frühmorgens so bezaubernd!«

»Was höre ich?« ruft die Räthin geistreich aus.

»Madame, Sie sind eine verdrehte Schraube!« entgegnet der Kommerzienrath, den Esprit der Franzosen mit der Gradheit des Deutschen wunderbar verschmelzend.

»Was geht mich Ihr Aufbau an.«

»Geben Sie mir Ihre Tochter – ich trete Ihnen meine Kandidatur ab; sie ist noch ganz neu und ungebraucht!« sagt der junge Mann Johannes mit Würde.

Der Kommerzienrath steht wie vom Donner gerührt. Solche Seelengröße imponirt ihm.

»Sie könnten so edel sein?« fragt er weich und trocknet sich die Thränen ab. Hierauf nimmt er seine Tochter und legt sie dem jungen Johannes gerührt in den Arm.

»Mache ihn glücklich, Adelgunde,« sagt er, »Du kriegst Hunderttausend Mark baar mit, ohne die Aussteuer. Bei Mitgiften darf man den Preis sagen!«

»Ich wußte es, Morgenstunde hat Gold im Munde!« flüstert der junge Mann tief bewegt. – Gruppe. Vorhang fällt.

Dies Stück mußte Erfolg haben, da es einmal direkt der Wirklichkeit entnommen, der heutigen Zeit ein Spiegelbild vor die Augen hält, an dem sie keine Freude hat, und zweitens, weil der Dialog neu, pikant und moussirend ist. Die immer zündende Redensart: »Sie haben ja so recht!« war nur zweimal, und zwar äußerst geschickt, verwandt worden.

Der Direktor, anstatt entzückt von dem Stücke zu sein, hatte Dies und Jenes auszusetzen. »Es fehlen die Kuplets,« sagte er, »und weder für Carabella noch für den Bären sind Rollen darin. Die müssen Sie noch hineinschreiben!«

»Unmöglich!« ruft der Dichter. »Der ganze Aufbau meines Stückes wird ruinirt werden!«

»Was geht mich Ihr Aufbau an!« schreit der Direktor grob. »Ich muß doch besser wissen, als Sie, was das Publikum verlangt. Davon haben die Herren Dichter nicht die blasse Ahnung. Machen Sie aus dem jungen Seifensieder einen Wärter des zoologischen Gartens, dann ergiebt der Bär sich von selbst. Die Tochter des Raths können Sie singen lassen, die Kluthuhn muß mit rin. Päpke spielt den Rath, Sie werden ein komisches Duett für die Beiden einlegen!«

»Aber der Rath ist eine ernste Figur!«

»Unsinn! Päpke zieht, und deshalb spielt er den Rath; sorgen Sie für einige gute Witze in seiner Rolle. Ein paar alte Jahrgänge von den Fliegenden Blättern werden Sie wohl auftreiben. Und dann muß die Partie des Mannes vom Centrum größer gemacht werden, Ratze wirft mir sie sonst vor die Füße. Wie können Sie einem ersten Darsteller ansinnen, daß er schon mit dem dritten Akte fertig sein soll? Er muß zum Schlusse mit auf der Bühne stehen, und am allgemeinen Hervorruf participiren. Das nennt man Bühnenkenntniß!«

»Aber die Oekonomie meines Stückes –«

»Ach was Oekonomie! – Sie haben für meine Künstler zu schreiben und sich nicht nach den faulen ästhetischen Regeln zu richten und wie das Ding sonst heißen mag! Die Leute, welche Kunstgesetze aufstellen, können in der Regel keine Scene schreiben, geschweige denn ein Stück.«

»Aber die Kritik – –«

»Kommen Sie mit der auch noch? Wenn ich mich nach der Kritik richten wollte, hätte ich viel zu thun. Jede Zeitung hat ihre Meinung. Die eine reißt das Stück, die andere verhimmelt es. Die Hauptsache ist, daß das Publikum das Stück goutirt. Und das Rezept, das dafür das rechte ist, kenne ich, es heißt: Blödsinn, aber amüsanter. Wollen Sie oder wollen Sie nicht?«

»Ich will!« erwiderte der Dichter nach einigem Zaudern mit einem schweren Seufzer. »Es ist doch gar zu schön, sich auf dem Theaterzettel gedruckt zu sehen. Und die Verwandten, Freunde und Bekannte – man erntet Lob und Beifall!«

»Freibillete giebt es nicht!« schaltete der Direktor finster ein.

»Und der Ehrensold?« fragte der Dichter erröthend.

»Was meinen Sie?«

»Ich meine, was das Honorar anbetrifft« – stotterte der Dichter verlegen.

»So verzichten Sie natürlich. – Junge Dichter kriegen kein Honorar, die können ihrem Schöpfer auf den Knieen danken, wenn ein Direktor ihre Arbeiten nur ansieht, wenn Sie später berühmt sind, können Sie Ihre Stücke so theuer verklopfen, wie sie gerade im Kurs stehen, bei mir wird Anfängern nichts gereicht: freuen Sie sich, daß Sie nicht noch zuzahlen müssen. Hier, nehmen Sie Ihr Manuskript, schreiben Sie Etwas hinein für die Kluthuhn, Päpke und den Bären. Und vergessen Sie nicht, die Rolle für Ratze mindestens auf zehn Bogen zu bringen. Doch will ich Ihnen entgegen kommen: Carabella kann die Zwischenakte ausfüllen. Adje!«

Der junge Ellenreiter und Dichter war entlassen. Trostlos blickte er vor sich hin. Seine idealen Träume von freiem Schaffen und Wandeln in des Dichters Landen waren zerstört. Er ging still von dannen, um der Kluthuhn, Päpke und dem Bären – Rollen auf den Leib zu schreiben.

Er, der noch vor Kurzem mit erhobenem Kopfe durch die Straßen der Stadt wandelte, als suche er bereits die Pose aus, in welcher der Bildhauer ihn für kommende Geschlechter meißeln solle, der unnahbar war, als umgäbe ihn schon unsichtbar das eiserne Gitter, innerhalb dessen seine Statue aufgestellt werden würde, schlich jetzt gebeugt dahin.

»Ob wohl an anderen Theatern ebenso mit den jungen Dichtern umgegangen wird?« fragte er sich. – »Nie und nimmer!« lautete seine innere Selbstantwort. »O, hätte ich doch nur einmal das Glück, einem ersten Theater in Berlin, Wien, Leipzig oder sonst in einer großen Stadt, wo die wahre Kunst gepflegt wird, ein Stück einreichen zu dürfen; dort verlangt man sicherlich nicht, aus Rücksichten auf die Künstler und die Kasse, solche Erniedrigung des Autors, wie sie mir hier zugemuthet wird?«

Wäre er ein Sonntagskind gewesen, so würde er gehört haben, wie ein Hohngelächter der Hölle rings die Luft erfüllte. So aber vernahm er Nichts. –

Und wir? – Wir waren Carabella nicht los geworden, wir konnten ihm nicht wehren, das Dekamerone mit seiner Gegenwart zu verunzieren. Die Wolken warfen ihre melodramatisch dunkelnden Schatten auf unser edles Werk.

O Carabella, seufzten wir mit heißen Thränen und baten den Direktor flehentlich, die Feuerfresser zu entlassen, da sie und ihr ganzes Wirken doch nichts mit der dramatischen Kunst zu schaffen hätten.

»Wo sind Dichter, die solche Einnahmen erzielen wie Carabella mit seinem Bären?« entgegnete der Direktor.

»Taxiren Sie die Poesie nach der Einnahme?«

»Ja wohl, das thue nicht ich allein, das ist überall der Fall. Und deshalb, liebe Leute, beneide ich Renz. Der braucht keine Dichter, für den arbeiten die Pferde und die Kasse hat er jeden Abend voll.«

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.