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Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten

Julius Stinde: Die Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleDie Wandertruppe oder Das Dekamerone der Verkannten
publisherVerlag von Freund & Jeckel. (Carl Freund.)
year1887
illustratorOscar Wagner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170401
projectid356b7564
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Alma Fels.

Alma Fels,

erste frühere Operetten-Sängerin, erzählt:

Ihr seht von oben auf mich herab, Kollegen und Kolleginnen vom dramatischen Fach, weil ich Operetten-Sängerin war, weil Ihr in Eurem Dünkel Euch einbildet, das Drama sei das Höchste der Kunst. O Ihr Thoren und Thörinnen, die Ihr seid, daß ich Euch nur nicht belache!

Was ist denn das Drama? Es ist unamüsant; keine Katze geht hinein, wenn sie nicht ein Freibillet hat, oder Gymnasiallehrer und anderes mißvergnügtes Beamtenvolk mit ihren Frauen und ausgewachsenen Töchtern, weil sie kein Vergnügen kennen, bei dem man lustig ist und Kavaliere dabei, denen es auf ein paar Schulden mehr oder weniger nicht ankommt.

Anständige Leute gehen nicht in das Drama, die wollen sich für ihr Geld amüsiren, lachen und großartige Toiletten sehen und obendrein auch einige Melodien mit nach Hause nehmen. Die feinen Leute gehen in die Operette, deshalb ist dies auch die feinste Kunst und steht hoch über aller Trauerspielerei.

Was macht Kasse? Die Operette.

Wer bezahlt die besten Gagen? Dito.

Was wird immer in den Blättern gelobt? Die Operette.

Also!

Habe ich daher die Operette verlassen, um unter die Schauspielerei zu gehen, liebe Kollegen und Kolleginnen, so müssen schon Gründe vorliegen, die mich zwangen, so tief herunter zu steigen.

Wenn ich Gründe sage, so meine ich Gründe!

Ich will sie Euch mittheilen, damit Ihr einseht, wie falsch angebracht Eure Ueberhebung ist. Ich fange vom Anfange an.

Meine Großmutter war nicht musikalisch, mein Großvater auch nicht, mein Vater war ebenfalls nicht musikalisch, meine Mutter desgleichen nicht. Mein Urgroßvater soll jedoch in frühester Jugend das Waldhorn geblasen haben.

Mir hatte die allgütige Mutter Natur ein großes musikalisches Talent in die Wiege gelegt und sobald ich heranwuchs, konnte ich Alles nachsingen, was mein Ohr vernahm. Mit welcher Leichtigkeit behielt ich die schönen Gesänge: »Lott ist todt« – »O, du lieber Augustin« und namentlich »O Susanne!«

Unter dieser und ähnlicher musikalischer Vorbildung entfaltete ich mich zur blühend knospenden Jungfrau, ohne daß mein Talent abnahm. Im Gegentheil ... zu!

Kein neues Lied war mir zu schwer: ich machte es zu meinem geistigen Eigenthum und wenn ich einen Abend in einem Operettentheater gewesen war, sang ich am nächsten Tag das Schönste daraus, wodurch ich mir viele Freunde erwarb, die oft versprachen, für meine Zukunft zu sorgen.

Ich möchte wohl mal wissen, ob zum Beispiel die Herren es amüsant finden würden, wenn ihnen Eine vom Drama einen Todschlags-Monolog oder sonst etwas mit Gift und Dolch vordeklamirte. O nein, aber wenn man ihnen »Nur für Natur« oder einen anderen Schunkelwalzer singt, gleich werden sie munter und finden es famos. Kein anständiges Mädchen kann es beim Drama zu etwas bringen.

Wenn ich nun so in der Operette saß, dachte ich mir oft: »Was die da unten sich zurecht gröhlen, das kannst du lange, Alma, wenn nicht zehntausendmal besser!« Darum ging ich eines Tages unverzagt zum Direktor und meldete mich für den Chor und kleinere Partien.

»Sind Sie musikalisch?« fragte der Direktor.

»Mein Großvater blies in seiner frühesten Jugend das Waldhorn,« versetzte ich schüchtern.

»Schon gut,« sagte der Direktor und ließ die Garderobiere kommen. »Ziehen Sie diese junge Dame als Amor an und schicken sie wieder zu mir,« herrschte er diese an. Ich ging mit der Alten und war in kaum einer Viertelstunde in ein bildschönes Wesen verwandelt. Alles war Trikot, bis auf den Bogen und den Köcher, der aus echtem Kiefer polif bestand.

Als der Direktor mich blos erblickte, war ich engagirt – er stellte mir eine glänzende Karriere in Aussicht mit dreißig Thalern Gehalt den Monat, wofür ich das Kostüm selbst zu stellen hatte, drei seidene, drei kaschmir'ne, drei tarlatan'ne Toiletten und für jede neue Operette eine neue Garnitur.

Mit Freuden schloß ich den Kontrakt ab ... ich hatte eine feste Stellung.

Aber mit des Geschickes Mächten ist auf die Dauer nichts anzufangen. Eines Tages wurde mir ein mit Noten beschriebenes Blatt ins Haus geschickt und mir gesagt, dies sei eine kleine Partie, die ich in der neuen Operette zu singen habe.

»Ist der Kapellmeister verrückt?« rief ich, »der Kerl muß doch wissen, daß ich keine Note kenne.«

O, diese kleine Partie war eine Intrigue vom Kapellmeister, wenn es nicht gar eine Kabale vorstellen sollte. Kapellmeister sind zu Allem fähig.

Und warum?

Weil sie die elendeste Gage bekommen, obgleich sie nicht blos Noten kennen, sondern auch noch Klavier spielen, komponiren, transpiriren, punktiren, streichen, dirigiren, und was weiß ich sonst noch Alles, wenn man dagegen sieht, was eine nur einigermaßen gewachsene Operettensängerin kriegt und so ein Operettentenor, der nicht spielen kann, nicht einmal auf der Maultrommel, geschweige auf den Brettern, die die Welt bedeuten, so wird natürlich so ein schlecht bezahlter Kapellus giftig und erzählt überall herum, man sei unmusikalisch, könne keinen Takt richtig singen und die Kolerabiaturen wären, als wenn man einen nassen Strumpf die Treppe hinunterschmisse. Solche Gemeinheit!

Wenn ich im Chor mitsang, dann war ich immer schön heraus, indem ich mich nach meiner Nachbarin richtete und ihr jeden Ton genau ablauerte, wobei es nicht darauf ankam, ob es ein bischen falscher war oder nicht, aber die kleine Partie konnte ich nicht vom Blatt singen, weil mir die Noten im Wege waren.

»Großartig!« rief der Kapellmeister. »So etwas schimpft sich Sängerin und kennt keine Note.«

»Wer ist Ihr ›So etwas‹?« fragte ich scharf. »Sie Taktirfritze.«

»Keinen Streit,« kam der Direktor dazwischen. »Uebrigens, mein Fräulein, kann ich bei der hohen Gage, die ich Ihnen zahle, verlangen, daß Sie wenigstens die Noten kennen.«

»Hohe Gage?« rief ich entrüstet, »daß ich mich nicht todtkreische. Ich belache den ganzen Kram hier, bei dem ein anständiges Mädchen nicht fett werden kann.« Mit diesen Worten schleuderte ich dem Direktor die Partie vor die Füße und sagte noch beim Abgehen: »Mein George und seine Freunde werden keinen Schritt mehr in dies Theater thun; die besetzten ja doch nur meinetwegen allabendlich die beiden Fremdenlogen. Dafür werde ich schon sorgen.«

Ich sah noch, wie der Direktor erblaßte, ich hörte noch, wie er rief: »Fräulein Alma, ich erneuere Ihren Kontrakt,« aber ich blieb ungerührt. Zum Notenlernen hatte ich keine Lust. Dazu war ich zu schön gewachsen. –

Mein George, der Banquierssohn, ist hoch gebildet, immer die neueste Mode von Paris. Jetzt mit kurzgeschorenen Haaren sieht er zwar aus wie ein frisirter Papagei, aber gegen seine Hocheleganz kann kein Mensch etwas haben. Als ich ihm Alles auseinandergesetzt hatte, sagte er: »Kleine, ich bringe Dich an ein Hoftheater, morgen schicke ich Dir den Obmissionsrath, der besorgt es.«

Wie gut ist es doch, edle Freunde zu haben, wenn ihr Vater immer noch reichlich erwirbt.

Am nächsten Tage fand sich der Obmissionsrath bei mir ein. Ich mußte einen Kontrakt unterschreiben, in welchem ich mich verpflichtete, ihm lebenslänglich die Hälfte meiner Gage für seine Bemühungen zu zahlen. Ich that es, denn nur so war mir der Weg zu einem Hoftheater geebnet.

Aber er verlangte mehr. Allerdings nicht Geld noch Gut. Er wurde zudringlich.

»Mein Herr,« rief ich empört, »wen glauben Sie vor sich zu haben. Ich bin ein anständiges Mädchen.«

Er lachte Hohn und versuchte mir einen Kuß zu rauben, aber ich ... schlug dem Obmissionsrath frank und frei mit der flachen Hand in die ekelhafte Visage.

Er taumelte zurück. »Ha! schöne Alma!« schrie er. »Das sollst Du mir entgelten. Nie, das schwöre ich Dir, nie kommst Du an ein Hoftheater, so wahr ich Obmissionsrath bin. Du wirst an mich denken.« Wuthschäumend stürzte er die Treppe hinunter. Es polterte nicht schlecht. Ich freute mich meines Triumphes, jedoch nur kurze Zeit. Der Obmissionsrath hielt sein fluchwürdiges Wort, ich fand an keinem Hoftheater ein Engagement; zu spät sah ich ein, was ich gethan, als ich ihm Eine versetzte.

Ich hatte der heiligen Kunst ins Antlitz geschlagen.

Warum bedachte ich nicht, daß eine Priesterin der Kunst opfern können muß. Wenn nichts Anderes – dann sich selbst. Schließlich ist ja auch nichts umsonst auf dieser Welt, warum sollte es ein Engagement sein? Und der Obmissionsrath will auch leben, was liegt ihm an der Kunst, wenn er nur verdient? Was liegt ihm an der Künstlerin, wenn sie ihn verabscheut?

Ich erfuhr es, denn das einzige Engagement, was sich mir bot, war bei Eurem Direktor, liebe Kollegen und Kolleginnen.

Ach, hätte ich mich nicht an der hohen Kunst so hart vergriffen, ich wäre nicht so tief unter den Schlitten gekommen, daß ich jetzt in öden Städtchen, selbst auf Dörfern, klassisch mimen muß.

Darum seid immer lieb und gut gegen die Obmissionsräthe, liebe Kolleginnen, und Ihr, liebe Kollegen, bückt Luch vor ihm, zieht den Hut bis auf die Hacken und berichtigt nobel seine Zeche, wenn Ihr die hohe Ehre habt, in der Kneipe mit ihm dieselbe Luft zu athmen, oder gar gewürdigt werdet, mit ihm an einem Tisch zu sitzen.

Mein George zog die Hand seines reichen Vaters von mir, als ich außer Stellung war.

Er sagte, er hätte nur die Künstlerin in mir geschätzt. Dies ist jedoch nicht wahr, dazu war er viel zu dumm.

Wie lange ich noch die dramatischen Ketten schleppen muß, das weiß ich nicht, aber ich habe die Hoffnung, daß ich endlich von der langweiligen Trauer- und Schauerspielerei erlöst werde. Ein Freund von mir hat nämlich eine Operette komponirt, in der nur bekannte Melodien vorkommen.

Darin werde ich auftreten, ich werde die Hauptrolle kreiren. Die bekannten Melodien kann ich ja singen. Dann gehöre ich wieder der ersten Kunst an – der Operette.

Ich habe neulich für Prenzlow die Eboli kreirt ... keine Hand rührte sich; ich kreirte für Hundshagen, ein Dorf mit zweiundzwanzig Bauerstellen, die Amme in »Romeo und Julia«, welche ich obendrein im Spreewälder Kostüm spielte, aber der Beifall blieb aus. Mit gleichem Erfolg kreirte ich die Gräfin Mondekar in »Carlos« für Kyritz, und ich fürchte, es wird nicht besser gehen, wenn ich die vierte Kammerfrau der Maria Stuart für Jüterbock kreire.

Aber klingt es nicht wunderschön, wenn man in den Zeitungen liest: »Fräulein Pumpstaken vom vorstädtischen Bumstheater wird demnächst in Perleberg gastiren, um dort die Louise Miller zu kreiren.«

Wie schön!

Aber laßt nur erst die Operette meines Freundes mit den bekannten Melodien irgendwo angenommen sein. Dann komme ich und kreire.

Die Augen sollen dem Publikum übergehen, wenn ich kreire.

Dazu braucht man keine Noten können.

Es lebe die Operette!

Erste, zweite Damenrollendarstellerin, frühere Operettensängerin.

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