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Die Waffen nieder!

Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorBertha von Suttner
titleDie Waffen nieder!
publisherVerlag »Berlin-Wien«
seriesVolks-Ausgabe
printrun211.-240. Tausend
correctorreuters@abc.de
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Epilog.

1889

Als ich zum erstenmal wieder zu Bewußtsein gelangte war der Friede geschlossen – die Kommune überstanden. Monatelang hatte ich – von meiner treuen Frau Anna gepflegt – in einer Krankheit dahingelebt, ohne zu wissen, daß ich lebe. Und was es für eine Krankheit war – ich weiß es heute noch nicht. Meine Umgebung nannte es zartsinnig: Typhus; ich glaube aber, daß es einfach – Wahnsinn war.

So ganz dunkel erinnerte ich mich, daß die letzte Zeit mit Vorstellungen von knatternden Schüssen und lodernden Bränden gefüllt war; vermutlich vermengten sich da mit meinen Phantasien die in meiner Gegenwart besprochenen Ereignisse der Wirklichkeit, nämlich die Kämpfe zwischen Versaillern und Kommunarden, die Brandlegung der Petroleusen. –

Daß – als ich meine Vernunft wieder erlangte und mit dieser auch das Verständnis meines tiefen Unglücks: daß, ich da mir kein Leid angetan oder daß der Schmerz mich nicht tötete, das lag wohl in dem Besitze meiner Kinder. Durch diese konnte, für diese mußte ich leben. Noch vor meiner Krankheit – an dem Tage selber, an dem das schreckliche über mich hereingebrochen – hat mich Rudolf am Leben erhalten. Ich war laut jammernd auf die Knie gesunken, indem ich wiederholte: »Sterben – sterben! ... Ich muß sterben!« Da umfaßten mich zwei Arme und ein bittendes schmerzhaft-ernstes, wunderliebes Knabengesicht sah mich an:

»Mutter!«

Bis dahin hatte mich mein Kleiner nie anders als »Mama« genannt. Daß er in diesem Augenblick – zum erstenmal – das Wort »Mutter« gebraucht, das sagte mir in zwei Silben: »Du bist nicht allein – du hast einen Sohn, der deinen Schmerz teilt – der dich über alles liebt und ehrt, der niemand hat auf dieser Welt, als dich – verlaß dein Kind nicht, Mutter!«

Ich preßte das teure Wesen an mein Herz; – und um ihm zu zeigen, daß ich verstanden hatte, stammelte auch ich:

»Mein Sohn, mein Sohn!«

Zugleich erinnerte ich mich meines Mädchens – seines Mädchens, und mein Entschluß zu leben, war gefaßt.

Aber der Schmerz war zu unerträglich: ich verfiel in geistige Nacht. Und nicht nur dieses eine Mal.

Im Laufe der Jahre – in immer längeren Zwischenräumen – blieb ich Rückfällen von Tiefsinn unterworfen, von welchen mir dann in genesenem Zustande gar keine Erinnerung blieb. Jetzt, seit mehreren Jahren, bin ich schon ganz frei davon. Frei von der bewußtlosen Schwermut heißt das, nicht aber von bewußten Anfällen bittersten Seelenschmerzes. Achtzehn Jahre sind seit dem 1. Februar 1871 vergangen, aber der tiefe Groll und die Trauer, welche die Tragödie jenes Tages mir eingeflößt – die kann keine Zeit – und lebte ich hundert Jahre – verwischen. Wenn auch in letzter Zeit die Tage immer häufiger sich einstellen, da ich, von den Begebenheiten der Gegenwart eingenommen, an das vergangene Unglück nicht denke, da ich sogar die Freude meiner Kinder so lebhaft mitempfinde, daß mich selber noch etwas wie Lebensfreude durchwallt, so vergeht doch keine Nacht – keine – in der mich mein Elend nicht erfaßte. Das ist etwas ganz Eigentümliches, das ich schwer beschreiben kann, und das nur solche verstehen werden, welche ähnliches an sich erfahren haben. Es deutet wie auf ein Doppelleben der Seele. Wenn auch das eine Bewußtsein, im wachen Zustande, von den Dingen der Außenwelt so eingenommen sein kann, daß es zeitweilig vergißt, so gibt es in der Tiefe meiner Persönlichkeit noch ein zweites Bewußtsein, welches jene schreckliche Erinnerung immer mit dem gleichen treuen Schmerz bewahrt: und dieses Ich – wenn das andere eingeschlafen – macht sich dann geltend, rüttelt das andere gleichsam auf, um ihm sein Leid mitzuteilen. Allnächtlich – es dürfte immer um dieselbe Stunde sein – erwache ich mit einem unsäglichen Wehgefühl ... Das Herz krampft sich zusammen und mir ist, als sollte ich bitter weinen, kläglich schluchzen. Das dauert so einige Sekunden, ohne daß das aufgeweckte Ich noch weiß, warum jenes andere unglückliche gar so unglücklich ist ... Das nächste Stadium ist dann ein weltumfassendes Mitleid, ein voll schmerzlichsten Erbarmen geseufztes: »O ihr armen, armen Menschen!« Da nun sehe ich unter hageldichten Mordgeschossen aufschreiende Gestalten zusammenbrechen – und jetzt erst erinnere ich mich, daß auch mein Liebstes so zusammenbrach ...

Aber im Traume, sonderbar: da weiß ich nie etwas von meinem Verlust. Da geschieht es häufig, daß ich mit Friedrich spreche und verkehre, als wäre er noch am Leben. Ganze Auftritte aus der Vergangenheit – aber keine trüben – spielen sich dabei ab: das Wiedersehen nach Schleswig-Holstein; die Scherze an Sylvias Wiege: unsere Fußtouren in den Schweizer Bergen; unsere Studienstunden über geliebten Büchern und hier und da jenes gewisse Bild im Abendsonnenschein, wo mein weißhaariger Mann mit seiner Gartenschere die Rosenzweige stutzt – – »Nicht wahr«, lächelt er mir zu, »wir sind ein glückliches altes Paar?« – – – –

Meine Trauerkleider habe ich niemals abgelegt – selbst am Hochzeitstage meines Sohnes nicht. Wer einen solchen Mann geliebt, besessen und verloren – so verloren – dessen Liebe muß auch »stärker sein als der Tod«, dessen Rachegroll kann nimmer erkalten.

Aber wen trifft dieser Zorn? An wem sollte ich Rache üben? Die Menschen, welche die Tat vollbracht, trifft nicht die Schuld. Der allein Schuldige ist der Geist des Krieges und diesem nur könnte mein – allzuschwaches – Verfolgungswerk gelten.

Mein Sohn Rudolf stimmt mit meinen Gesinnungen überein – was ihn aber nicht hindert, natürlich, alljährlich die Waffenübungen mitzumachen und was ihn nicht hindern kann, wenn morgen der über unseren Häuptern schwebende europäische Riesenkrieg ausbricht, an die Grenze zu marschieren. Und dann werde ich es vielleicht noch einmal sehen müssen, wie mein Teuerstes auf der Welt dem Moloch hingeopfert – wie ein liebgesegneter Herd, an welchem meinem Alter Ruhe und Friede winkt, in Trümmer geschlagen wird.

Werde ich das noch erleben müssen und dann unwiederbringlich dem Wahnsinn verfallen, oder werde ich den Triumph der Gerechtigkeit und Menschlichkeit noch sehen, der jetzt, gerade jetzt in weitverzweigten Bündnissen und in allen Schichten der Völker so sehnsuchtskräftig nach Betätigung ringt?

Die roten Hefte – mein Tagebuch – weisen keine weiteren Eintragungen auf. Unter das Datum 1. Februar 1871 habe ich ein großes Kreuz gemacht, und damit schloß auch meine Lebensgeschichte ab. Nur das sogenannte Protokoll – ein blaues Heft – welches Friedrich mit mir angelegt und in das wir die Phasen der Friedensidee aufgezeichnet haben, ist seither mit einigen Notizen bereichert worden.

In den ersten Jahren, welche dem deutsch-französischen Krieg folgten, hätte ich – abgesehen von meinem geisteskranken Zustande – kaum Gelegenheit gehabt, eine Friedenskundgebung zu verzeichnen. Die zwei einflußreichsten Nationen des Festlandes schwelgten in Kriegsgedanken: die eine im stolzen Rückblick auf die errungenen Siege, die andere in sehnender Erwartung einer bevorstehenden Revanche. Allmählich legte sich der Wogengang dieser Gefühle. Diesseits des Rheins wurden die Standbilder der Germania etwas weniger angejubelt und jenseits diejenigen der Stadt Straßburg mit weniger Trauerfloren geschmückt. Da, nach zehn Jahren, konnte die Stimme der Friedensjünger wieder gehört werden. Bluntschli, der große Völkerrechts-Gelehrte – derselbe, mit welchem mein Verlorener sich in Verbindung gesetzt – war es, der bei verschiedenen Würdenträgern und Regierungen sich deren Ansicht über den Völkerfrieden einholte. Damals fiel des schweigsamen »Schlachtendenkers« bekannter Ausspruch: »Der ewige Frieden ist ein Traum – und nicht einmal ein schöner Traum.«

»Je nun: wenn Luther den Papst gefragt hätte, was er von einem Abfall von Rom hält, die Antwort würde da auch nicht reformationsfreundlich ausgefallen sein,« schrieb ich damals neben Moltkes Worte in das blaue Heft.

Heute gibt es fast niemand mehr, der diesen Traum nicht träumte oder der dessen Schönheit nicht zugeben wollte. Und auch Wache gibt es – ganz helle Wache – welche die Menschheit aus dem langen Schlaf der Barbarei erwecken wollen und tatkräftig, zielbewußt sich zusammenscharen, um die weiße Fahne aufzupflanzen. Ihr Schlachtruf ist: »Krieg dem Kriege«, ihr Losungswort – das einzige Wort, welches noch imstande wäre, das dem Ruin entgegenrüstende Europa zu erlösen – heißt: »Die Waffen nieder!« – Allerorts – in England und Frankreich, in Italien, in den nordischen Ländern, in Deutschland, in der Schweiz, in Amerika – haben sich Vereinigungen gebildet, deren Zweck es ist, durch den Zwang der öffentlichen Meinung, durch den gebieterischen Druck des Volkswillens die Regierungen zu bewegen, ihre zukünftigen Streitigkeiten einem – durch sie selber vertretenen – internationalen Schiedsgericht zu übermitteln und so ein für allemal an Stelle der rohen Gewalt das Recht einzusetzen. Daß dies kein Traum, keine »Schwärmerei« ist, beweisen die Tatsachen: Alabama, die Karolineninseln und mehrere andere »Fragen« wurden auf diese Art schon beigelegt. Und nicht nur Leute ohne Macht und Stellung – wie einst der arme Grobschmied – sind es nunmehr, welche sich zu diesem Friedenswerk zusammentun, nein: Parlamentsmitglieder, Bischöfe, Gelehrte, Senatoren, Minister stehen auf den Listen. Dazu noch jene Partei, deren Anhänger schon nach Millionen zählen, die Partei der Arbeiter, des Volkes, auf deren Programm unter den wichtigsten Forderungen der »Völkerfrieden« obenansteht. – Mir ist das alles bekannt (die Mehrzahl der Leute erfährt es nicht), weil ich mit jenen Persönlichkeiten im Verkehr geblieben bin, mit welchen Friedrich im Hinblick auf sein edles Ziel Verbindungen angeknüpft hatte. Was ich durch diese über die Erfolge und Pläne der Friedensgesellschaften erfahren, das wird getreulich in das »Protokoll« eingetragen.

Die letzte dieser Eintragungen ist folgender Brief, den auf eine diesbezügliche Anfrage der Präsident der in London ihren Hauptsitz habenden Liga an mich geschrieben hat:

International Arbitration and Peace Association. London 41, Outer Temple July 1889.

Madame.

You have honoured me by inquiring as to the actual position of the great question to which you have devoted your life. Here is my answer: At no time, perhaps, in the history of the world, has the cause of peace and goodwill be more hopeful. It seems that, at last, the long night of death and destruction will pass away: and we who are on the mountain top of humanity, think that we see the first streaks of the dawn of the kingdom of Heaven upon earth. It may seem strange, that we should say this at a moment, when the world has never seen so many armed man and such frightful engines of destruction ready for their accursed work: – but when things are at their worst, they begin to mend. Indeed, the very ruin which these armies are bringing in their train, produces universal consternation; and soon the opressed Peoples must rise and with one voice say to their rulers: »Save us, and save our children from the famine which awaits us, if these things continue; – Save Civilisation and all the triumphs which the efforts of wise and great men have accomplished in its name; save the world from a return to barbarism, rapine and terror!«

»What indications«, do you ask, »are there of such a dawn of a better day?« Well, let me ask in reply is not the recent meeting at Paris of the Representatives of one hundred Societies for the declaration of international concord, for the substitution of a state of law and justice for that of ferce and wrong, an event unparalleled in history? have we not seen men of many nations assembled on this occasion and elaborating with enthusiasm and unanimity, practical schemes for this great end? Have we not seen, for the first time in history, a Congress of Representatives of the parliaments of free nations declaring in favour of treaties being signed by all civilised States, whereby they shall bind themselves to defer their differences to the arbitrament of ebuity, pronounced by an authorised tribunal instead of a resort to wholesale murder.

Moreover, these representatives have pledged themselves to meet every year in some city of Europe, in order to considor every case of misunderstanding or conflict, and to exercise their influence upon Governments in the cause oft just and pacific settlements. Surely, the most hopeless pessimist must admit that these are signs of a future, when war shall be regarded as the most foolish and most criminal blot upon man's record?

Dear Madam accept the expression of my profound esteem.

Yours truly

Hodgson Pratt.

Die interparlamentarische Konferenz, auf welche Hodgson Pratt anspielt – die erste derartige Versammlung, welche die Geschichte aufweist – ward von Jules Simon präsidiert. Hier ein Bruchstück aus seiner Eröffnungsrede:

Ich bin glücklich, in diesen Räumen die autorisierten Vertreter der Friedensfreunde verschiedener Nationen gegenwärtig zu sehen. Eine gewisse Anzahl hat sich eingefunden. Ich wollte es wäre eine Menge, oder ich wollte auch, die Zahl wäre kleiner, aber es wäre dies, statt eines freiwilligen – ein offizieller diplomatischer Kongreß. Aber, was wir nicht mit Gesetzeskraft verfügen können, dazu können wir doch wirksam beitragen. Als Vertreter der verschiedenen Staaten können wir von der größten Gewalt, die es gibt – nämlich die Gewalt, die uns von unseren Wählern übertragen ist – den vortrefflichsten Gebrauch machen.

Gnädige Frau. Sie haben mich mit einer Anfrage über die gegenwärtige Lage der großen Sache beehrt, der Sie Ihr Leben geweiht haben. Hier ist meine Antwort: Zu keiner Zeit in der Weltgeschichte stand die Sache des Friedens! hoffnungsvoll wie heute. Es will scheinen, daß nun endlich die lange Nacht des Totschlags und der Zerstörung aufhören soll, und wir, die wir auf der Bergeshöhe der Menschheit stehen, glauben, daß wir die ersten Strahlen des Himmelreichs auf Erden sehen. Es mag sonderbar klingen, daß wir dies zu einer Zeit sagen, da die Welt wie nie zuvor mit bewaffneten Männern angefüllt ist und mit Schreckensmaschinen, die zu ihrem fluchwürdigen Werke bereit stehen; – aber wenn die Dinge zum schlimmsten gelangt sind, beginnen sie, sich zum bessern zu wenden. In der Tat, der Ruin, den diese Riesenheere nach sich ziehen, bringt allgemeine Konsternation hervor: und bald müssen die bedrückten Völker sich erheben und mit einer Stimme ihren Lenkern zurufen: »Rettet uns und rettet unsere Kinder von der Hungersnot, die uns droht, wenn die Dinge so fortgehen; – rettet die Zivilisation und alle Errungenschaften, welche in ihren Namen von großen und weisen Männern vollbracht worden sind; rettet die Welt vor einem Rückfall in Barbarei, Raub und Schrecken.

»Welche Anzeichen gibt es«, fragen Sie, »daß solche bessere Zeiten herankommen?« Nun denn, frage ich als Erwiderung, ist nicht die eben in Paris stattgehabte Begegnung der Delegierten von mehr als hundert Gesellschaften behufs Erklärung internationaler Eintracht und Einsetzung eines Zustandes der Gerechtigkeit und Gesetzlichkeit an Stelle des Gewaltzustandes, ist dies nicht ein in der Geschichte noch nie dagewesenes Ereignis? Haben wir da nicht Männer aus allen Nationen versammelt gesehen, die mit Begeisterung und Einstimmigkeit praktische Vorschläge zu dem großen Ziele durchgearbeitet haben? Haben wir nicht auch – zum erstenmal in der Geschichte – einen Kongreß von Parlamentsmitgliedern verschiedener Staaten gesehen, welche sich zugunsten von Verträgen erklärten, denen sich alle zivilisierten Staaten anzuschließen hätten und durch welche sie sich verbindlich machten, die Schlichtung ihrer Streitigkeiten dem Schiedsspruch eines autorisierten Tribunals zu überantworten, statt ihre Zuflucht zu Massenmord zu nehmen.

Überdies: Diese Parlamentarier haben sich verpflichtet, alljährlich in irgend einer europäischen Stadt zusammenzutreten, um jeden zu Mißverständnissen oder Konflikten Anlaß gebenden Fall zu untersuchen, und ihren Einfluß auf die Regierungen zugunsten von gerechten und friedlichen Lösungen geltend zu machen. Das sind doch – dies muß der ärgste Pessimist auch zugeben – Anzeichen einer Zukunft, in welcher der Krieg als die verbrecherischste Torheit betrachtet werden wird, welche die Menschheitsgeschichte aufzuweisen hat

Genehmigen Sie, gnädige Frau, die Versicherung meiner tiefsten Verehrung.

Ihr ergebener

Hodgson Pratt.

»Sie sollen es wissen, meine Herren, die Majorität unseres Landes ist friedensfreundlich. Lassen Sie mich denn in Übereinstimmung mit den Franzosen Sie alle aus tiefstem Herzensgrunde willkommen heißen usw. usw.

Die bei dieser Konferenz anwesenden Mitglieder der dänischen, spanischen und italienischen Parlamente haben beschlossen, im Verlauf der nächsten Sessionen ihren betreffenden Regierungen den Antrag auf Einsetzung internationaler Schiedsgerichte vorzubringen. Die nächste interparlamentarische Konferenz soll im Juli 1890 in London zusammentreten.

Auch ein Fürstenmanifest findet sich in dem blauen Heft – datiert März 1888 – ein Manifest, aus welchem endlich – mit altem Herkommen brechend – statt des kriegerischen, ein friedlicher Geist hervorleuchtete. Aber der Edle, der jene Worte an sein Volk erlassen, der Sterbende, der mit dem Aufwand seiner letzten Kraft nach dem Szepter griff, das er handhaben wollte, als wär's ein Palmenzweig – der blieb machtlos an das Schmerzenslager gefesselt, und nach kurzer Frist war alles vorbei ...

Ob sein Nachfolger – der begeisterungsglühende, der Großes wollende – für das Friedensideal begeistern wird?? Nicht ist's unmöglich.

* * *

»Mutter, willst du übermorgen deine Trauerkleider nicht ablegen?«

Mit diesen Worten trat heute morgen Rudolf in mein Zimmer. Für übermorgen nämlich – 30. Juli 1889 – ist die Taufe seines erstgeborenen Sohnes angesetzt.

»Nein, mein Kind,« antwortete ich.

»Aber bedenke, an einem solchen Freudenfeste wirst du doch nicht traurig sein – warum also das äußere Zeichen der Trauer beibehalten?«

»Und du wirst doch nicht abergläubisch sein und fürchten, das schwarze Kleid der Großmutter könne dem Enkel Unglück bringen?«

»Das wohl nicht – aber es stimmt nicht zu der umgebenden Fröhlichkeit. Hast du denn einen Eid geschworen?«

»Nein – es ist nur ein gefaßter Vorsatz. Aber ein Vorsatz, der an ein solches Andenken sich knüpft – du weißt, was ich meine – der nimmt die Unverbrüchlichkeit eines Eides an.«

Mein Sohn neigte das Haupt und beharrte nicht weiter.

»Ich habe dich in deiner Beschäftigung gestört ... du schreibst?«

»Ja – meine Lebensgeschichte. Ich bin gottlob zu Ende. Das war das letzte Kapitel –«

»Wie willst du den Schluß deiner Geschichte geben? Du lebst ja noch – und sollst noch viele Jahre, viele glückliche Jahre unter uns verbringen, Mutter! mit der Geburt meines kleinen Friedrich, den ich dazu erziehen werde, die Großmama anzubeten, beginnt ja wieder ein neues Kapitel für dich.

»Du bist ein gutes Kind, mein Rudolf. Ich müßte undankbar sein, wenn ich an dir nicht Stolz und Freude hätte ... und ebenso stolze Freude macht mir meine – seine holde Sylvia: ja, ich gehe einem gesegneten Alter entgegen. Ein milder Abend – aber die Geschichte des Tages ist doch aus, wenn die Sonne untergegangen ist, nicht wahr?« Er antwortete nur mit einem stummen, mitleidsvollen Blick.

»Ja, das Wort ›Ende‹ unter meiner Biographie ist berechtigt. Als ich den Entschluß faßte, dieselbe zu schreiben, beschloß ich zugleich, beim 1. Februar 1871 abzubrechen. Nur, wenn du mir auch noch durch den Krieg entrissen worden wärest, was ja so leicht hätte geschehen können – zum Glück warst du zur Zeit des bosnischen Feldzuges noch nicht wehrpflichtigen Alters – nur dann hätte ich mein Buch noch verlängern müssen. Doch so wie es ist, war es schon schmerzlich genug zu schreiben.«

»Und wohl auch – zu lesen ...« bemerkte Rudolf, in der Handschrift blätternd.

»Das hoffe ich. Wenn dieser Schmerz nur in einigen Herzen tatkräftigen Abscheu gegen die Quelle des hier geschilderten Unglücks weckt, so werde ich nicht vergebens mich gequält haben.«

»Hast du aber auch alle Seiten der Frage beleuchtet, alle Argumente erschöpft, den Wurzelkomplex des Kriegsgeistes analysiert, die wissenschaftlichen Grundlagen genügend aufgebaut? Hast du –«

»Mein Lieber, wo denkst du hin? Ich habe ja nur sagen können, was sich in meinem Leben – in meinen beschränkten Erfahrungs- und Empfindungskreisen abgespielt. Alle Seiten der Frage beleuchtet? Gewiß nicht! Was weiß ich z. B. – ich, die reiche, hochgestellte – von den Leiden, die der Krieg über die Massen des Volkes verhängt? Was kenne ich von den Plagen und bösen Einflüssen des Kasernenlebens? Und die wissenschaftlichen Grundlagen? Wie komme ich dazu, in ökonomisch-sozialen Fragen bewandert zu sein und diese sind es – so viel weiß ich nur – welche schließlich alle Umbildungen bestimmen ... Keine Geschichte des vergangenen und zukünftigen Völkerrechts stellen diese Blätter dar – eine Lebensgeschichte nur.«

»Fürchtest du nicht eins? Man merkt die Absicht und –«

»Verstimmt wird man doch nur durch eine durchschaute Absicht, die der Urheber schlau zu verbergen meinte. Die Meinige aber liegt unverhohlen zu Tage – ist sie doch mit drei Worten schon auf dem Titelblatt verkündet.«

* * *

Die Taufe hat nun gestern stattgefunden. Diese Feier gestaltete sich zu einer doppelt glückverheißenden, denn meine Tochter Sylvia und ihres kleinen Neffen Taufpate – den wir schon lange heimlich im Herzen trugen –: Graf Anton Delnitzky – haben sich bei dieser Gelegenheit verlobt.

So bin ich durch meine Kinder rings von glücklichen Verhältnissen umgeben. Rudolf, seit sechs Jahren in den Besitz des Dotzkischen Majorats gelangt und seit vier Jahren mit der ihm von Kindheit an bestimmt gewesenen Beatrix, geborenen Griesbach – dem wunderlieblichsten Geschöpf, das man sich vorstellen kann – verheiratet, sieht nun durch die Geburt eines Erben seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Kurz: beneidenswerte, glänzende Lose.

Ein im Gartensaal eingenommenes Diner versammelte die Taufgäste. Die Glastüren standen offen und die Luft des herrlichen Sommernachmittags strömte rosenduftend herein.

Neben mir an unserer Tafelrunde, saß Gräfin Lori Griesbach, Beatrixens Mutter. Dieselbe ist nunmehr Witwe. Ihr Mann fiel in der bosnischen Expedition. Sie hat sich den Verlust nicht stark zu Herzen genommen. Keinesfalls trägt sie ewige Trauer. Im Gegenteile: diesmal ist sie mit granatrotem Brokat und brillantenem Geschmeide angetan. Sie ist gerade so oberflächlich geblieben, wie sie es in ihrer Jugend war. Toilettenfragen, ein paar französische und englische Moderomane, Gesellschaftsklatsch: das genügt noch immer, ihren Horizont zu füllen. Selbst das Kokettieren hat sie nicht ganz gelassen. Auf junge Leute hat sie es zwar nicht mehr abgesehen, aber ältere, hohen Rang oder hohes Amt bekleidende Persönlichkeiten sind vor ihren Eroberungsgelüsten nicht sicher. Gegenwärtig scheint mir, hat sie Minister Allerdings aufs Korn genommen. Dieser hat übrigens seinen Namen gewechselt: wir nennen ihn jetzt, eines neu angenommenen Ausdrucks halber »Minister Andererseits«.

»Ich muß dir ein Geständnis machen,« sagte mir Lori, nachdem ich mit ihr auf des Täuflings Gesundheit angestoßen. »Bei dieser feierlichen Gelegenheit, da wir unseren beiderseitigen Enkel getauft haben, muß ich dir gegenüber mein Gewissen entlasten. Ich war ganz ernstlich in deinen Mann verliebt.«

»Das hast du mir schon öfters gestanden, liebe Lori.«

»Er blieb aber stets ganz gleichgültig.«

»Auch das ist mir bekannt.«

»Du hattest doch einen goldtreuen Mann, Martha! Dasselbe kann ich von dem meinigen nicht behaupten. Aber nichtsdestoweniger: es hat mir sehr leid getan um Griesbach. Nun – er starb eines glorreichen Todes, das ist mein Trost ... Freilich ist das eine langweilige Existenz als Witwe. Besonders wenn man älter wird ... so lange man Freier und Courmacher hat, ist die Witwenschaft nicht ohne ... aber jetzt, ich versichere dich, es wird einem in der Einsamkeit ganz melancholisch ... Bei dir ist das etwas anderes: du lebst bei deinem Sohn – aber ich verlange mir gar nicht, bei der Beatrix zu bleiben ... Sie verlangt es übrigens auch nicht: Schwiegermutter im Haus, das tut nicht gut; denn man will doch im Hause die Herrin sein ... Zwar ärgert man sich mit den Dienstboten, das ist schon wahr; aber wenigstens kann man über sie befehlen. Du darfst es mir glauben: ich wäre gar nicht abgeneigt, noch einmal zu heiraten. Natürlich eine Vernunftheirat mit irgendeinem gesetzten –«

»Minister oder so etwas –« unterbrach ich lächelnd.

»O du Schlau – du durchblickst mich schon wieder! Du – schau dorthin, bemerkst du denn nicht, wie der Toni Delnitzky in deine Sylvia hineinredet. Das ist ja kompromettant.«

»Laß gut sein. Die Beiden sind auf dem Wege von der Kirche hierher einig geworden. Sylvia hat es mir anvertraut – morgen wird der junge Mann bei mir um ihre Hand anhalten.«

»Was du nicht sagst? Nun, dann kann man ja gratulieren! Soll zwar mitunter ein leichter Vogel gewesen sein, der schöne Toni ... aber das sind sie ja alle – das geht schon nicht anders und wenn man bedenkt, welche prächtige Partie er ist« ...

»Das hat meine Sylvia nicht bedacht: sie liebt ihn.«

»Nun, desto besser – das ist eine schöne Zugabe in die Ehe.«

»Zugabe? Es ist das Um und Auf.« Einer der Gäste, ein k. u. k. Oberst a. D., klopfte an sein Glas und: »o weh – ein Toast!« dachten wohl die meisten, indem sie ihre Sondergespräche unterbrachen und sich seufzend anschickten, dem Redner zu lauschen. Es war aber auch zum seufzen; dreimal blieb der Unglückliche stecken und die Wahl seiner vorgebrachten Wünsche war nicht minder unglücklich. Der Täufling wurde gepriesen, in einer Zeit geboren zu sein, in der das Vaterland bald Söhne brauchen werde ... »Möge er einst ruhmreich wie sein mütterlicher Urgroßvater, wie sein väterlicher Großvater das Schwert führen ... möge er selbst viele Söhne zeugen, die ihrerseits den Vater und den Vätern Ehre machen, und wie so viele der auf den Feldern der Ehre gebliebenen Väter ... Väter – für die Ehre des Landes ihrer Väter – ihrer Väter und Vatersväter siegen oder – kurz: Friedrich Dotzky lebe hoch!«

Die Gläser klirrten, aber die Rede hatte nicht gezündet.

Daß dieses kaum ins Dasein getretene Leben jetzt schon auf die Totenliste kommender Schlachten gesetzt wurde, machte keinen freundlichen Eindruck.

Um dieses düstere Bild zu verscheuchen, fühlte sich einer der Anwesenden veranlaßt, die tröstliche Bemerkung vorzubringen, daß die gegenwärtigen Konjunkturen einen längeren Frieden verbürgten, daß der Dreibund –

Damit war das allgemeine Gespräch wieder glücklich auf das politische Gebiet gebracht und Minister Andererseits ergriff das Wort.

»In der Tat (Lori Griesbach hing an seinem Munde), es liegt zu Tage: die Wehrtüchtigkeit, welche wir erreicht haben, ist etwas Großartiges und dürfte alle Friedensbrecher abschrecken.

Das Landsturmgesetz, welches alle tauglichen Staatsbürger vom 19. bis 42., die einstigen Offiziere sogar bis zum 60. – Lebensjahre zum Kriegsdienst verpflichtet, erlaubt uns, beim ersten Aufgebot allein 4 800000 Soldaten aufzustellen. Andererseits läßt sich nicht leugnen, daß das wachsende Mehrerfordernis, welches von der Heeresverwaltung in Anspruch genommen wird, schwer auf der Bevölkerung lastet, und daß die zur ausgiebigen Schlagfertigkeit des Reiches erforderlichen Maßnahmen im umgekehrten Verhältnis zur Frage der Regelung der Finanzlage stehen; es ist aber andererseits erhebend, mit welchem opferfreudigen Patriotismus die Volksvertreter stets und allerorts die von dem Kriegsministerium geforderte Mehrbelastung bewilligen; sie erkennen die von allen einsichtigen Politikern zugegebene, durch die Wehrhaftigkeitsentfaltung der Nachbarstaaten und durch die politische Situation bedingte Notwendigkeit, alle anderen Rücksichten dem eisernen Zwang der militärischen Kräftigung unterzuordnen.«

»Der leibhaftige Leitartikel!« bemerkte jemand halblaut.

»Andererseits« fuhr aber fort:

»Umsomehr, als dadurch ja eine Bürgschaft geschaffen wird für die Erhaltung des Friedens. Denn, indem wir in traditionellem Patriotismus zur Sicherung der Grenzen es der unausgesetzten Steigerung der Wehrkraft unserer Nachbarstaaten gleichtun, erfüllen wir eine erhabene Pflicht und hoffen, etwa drohende Gefahren auch fernerhin zu bannen. So erhebe ich denn dieses Glas auf dasjenige Prinzip, welches, wie ich weiß, unserer Baronin Martha so sehr am Herzen liegt – ein Prinzip, das auch die Signaturmächte der mitteleuropäischen Friedensliga hochhalten, und ich fordere Sie auf, mit mir anzustoßen: Es lebe der Frieden! Möge seine Wohltat uns noch recht lange erhalten bleiben!«

»Darauf trinke ich nicht«, sagte ich. »Der bewaffnete Friede ist keine Wohltat... und nicht lange soll uns der Krieg verhütet bleiben, sondern immer. Wenn man sich auf die Meerfahrt macht, soll die Zusicherung nicht genügen, daß recht lange Schiff an keiner Klippe zerschelle. Daß die ganze Fahrt glücklich überstanden werde, danach wird der ehrliche Kapitän trachten.«

Doktor Bresser, noch immer unser bester Hausfreund kam mir zu Hilfe:

»In der Tat, Exzellenz, können Sie an den ehrlichen, aufrichtigen Friedenswillen jener glauben, die mit Leidenschaft, mit Begeisterung – Soldaten sind? Die alles, was den Krieg gefährdet – nämlich Abrüstung, Staatenbund, Schiedsgericht – nicht nennen hören wollen? Könnte denn die Freude an Arsenalen und Festungen und Manövern und dergleichen bestehen, wenn diese Dinge wirklich nur als das betrachtet würden, wofür man sie ausgiebt: als Vogelscheuchen? Also, damit man sie niemals brauche, der ganze Kostenaufwand ihrer Herstellung! Die Völker müssen ihr ganzes Geld hergeben, um an den Grenzen Befestigungen zu machen, in der Absicht, sich über die Grenzen dann Kußhändchen zuzuwerfen? Zu einer bloßen Friedens-Aufrechterhaltungs-Gendarmerie läßt sich das Militär nicht Herabdrücken – der oberste Kriegsherr wird doch nicht einem Heer von ewigen Kriegsvermeidern vorstehen sollen? Hinter dieser Maske – der » si vis pacem«-Maske – blinzeln die einverständlichen Blicke, und die jedes Kriegsbudget bewilligenden Abgeordneten blinzeln mit.«

»Die Volksvertreter?« unterbrach der Minister. »Man kann den Opfermut doch nur loben, dessen diese in ernsten Zeiten niemals ermangeln und welcher in der einhelligen Votierung der entsprechenden Gesetze erhebenden Ausdruck Ausdruck findet.«

»Verzeihen Sie, Exzellenz, diesen einhelligen Stimmabgebern wollte ich einem nach dem andern zurufen: Dein Ja wird jener Mutter ihr einziges Kind rauben; – deines bohrt jenem armen Wicht die Augen aus; – deines schießt eine unersetzliche Bücherei in Brand; – deines zerstampft das Hirn eines Dichters, der deines Landes Ruhm gewesen wäre ... Aber ihr habt dieses »Ja« votiert, um nur ja nicht feige zu scheinen – als ob man gerade nur für sich die Assentierung fürchten müßte. – Seid ihr denn nicht da, um des Volkes Willen zur Geltung zu bringen? Und das Volk will die produktive Arbeit, will die Entlastung, will den Frieden ...«

»Ich hoffe, lieber Doktor«, bemerkte der Oberst bitter, »daß Sie niemals Abgeordneter werden; das ganze Haus würde Sie auspfeifen.«

»Mich dem auszusetzen, würde schon beweisen, daß ich nicht feige bin. Gegen den Strom zu schwimmen, erfordert die stählerne Kraft.«

»Wenn aber der Ernstfall eintrete und man stände unvorbereitet da?«

»Man bereite einen Rechtszustand vor, der den Eintritt des »Ernstfalles« unmöglich mache. Denn was dieser Fall sein wird, Herr Oberst, von dem kann heutzutage kein Mensch einen klaren Begriff fassen. Bei der Furchtbarkeit der gegenwärtig erreichten und noch immer steigenden Waffentechnik, bei der Massenhaftigkeit der Streitkräfte wird der nächste Krieg wahrlich kein »ernster« sondern ein – es gibt gar kein Wort dafür – ein Riesenjammer-Fall sein ... Hilfe und Verpflegung unmöglich ... Die Sanitätsvorkehrungen und Proviantvorkehrungen werden den Anforderungen gegenüber als die reine Ironie sich erweisen; der nächste Krieg, von welchem die Leute so geläufig und gleichmütig reden, der wird nicht Gewinn für die einen und Verlust für die anderen bedeuten, sondern Untergang für alle. Wer hier unter uns stimmt für diesen Ernstfall?«

»Ich allerdings nicht,« sagte der Minister; »Sie auch nicht, lieber Doktor – aber die Menschen im allgemeinen .... Auch unsere Regierung nicht, dafür kann ich gutstehen – aber die anderen Staaten.« ...

»Mit welchem Rechte halten Sie andere Leute für schlechter und unvernünftiger als sich und mich? Da will ich Ihnen ein kleines Märchen erzählen:

Vor der geschlossenen Pforte eines schönen Gartens, gar sehnsüchtig hineinschauend, stand ein Haufen Menschen, tausendundeiner an der Zahl. Der Pförtner hatte den Auftrag, die Leute hereinzulassen, falls die Mehrzahl unter ihnen den Einlaß wünschte. – Er rief den einen herbei: »Sag' – aber aufrichtig – möchtest du herein?« – »O ja, ich schon, aber die anderen Tausend sicher nicht.« Diese Antwort schrieb der kluge Pförtner in sein Notizbuch. Dann rief er einen zweiten. Der sagte dasselbe. Wieder trug der Kluge unter die Rubrik »ja« die Ziffer 1, unter die Rubrik »nein« die Ziffer 1000 ein.

Das ging so bis zum letzten Mann. Dann addierte er die Zahlen. Das Ergebnis war: 1001 »ja«, über eine Million »nein«. So blieb das Tor verschlossen, denn das »nein« hatte eine erdrückende Majorität. Und das kam daher, weil jeder, statt nur für sich, auch für die anderen antworten zu müssen glaubte.«

»Allerdings,« sprach der Minister nachdenklich, und wieder schlug Lore Griesbach bewundernde Augen zu ihm auf – »es wäre allerdings eine schöne Sache, wenn die einstimmige Votierung einer Entwaffnungsvorlage stattfinden würde; – aber andererseits, welche Regierung wird es wagen, den Anfang zu machen? Allerdings gibt es nichts Wünschenswerteres als Eintracht: aber andererseits: wie kann man, so lange menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen usw. bestehen, dauernde Eintracht für möglich halten?«

»Erlauben Sie,« nahm jetzt mein Sohn Rudolf das Wort. »Vierzig Millionen Einwohner eines Staates bilden ein Ganzes. Warum also nicht mehrerer hundert Millionen? Soll das mathematisch und logisch beweisbar sein: so lange menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen usw. bestehen, können wohl 40 Millionen Leute darauf verzichten, sich untereinander zu bekriegen – drei Staaten sogar, wie gegenwärtig der Dreibund, können sich verbünden und eine »Friedensliga« bilden – aber fünf Staaten können dies nicht, dürfen dies nicht? Wahrlich, wahrlich: unsere heutige Welt gibt sich für ungeheuer klug aus und belächelt die Wilden – und doch: in manchen Dingen können auch wir nicht bis fünf zählen.«

Einige Stimmen erhoben sich: »Was? Wild? – Das uns – mit unserer Kultur? Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts?«

Rudolf stand auf:

»Ja, wild – ich nehme das Wort nicht zurück. Und so lange wir uns an die Vergangenheit klammern, werden wir Wilde bleiben. Aber schon stehen wir an der Pforte einer neuen Zeit – die Blicke sind nach vorwärts gerichtet, alles drängt mächtig zu anderer, zu höherer Gestaltung ... Die Wildheit mit ihren Götzen und ihren Waffen – schon schleuderten sie viele von sich. Wenn wir der Barbarei auch noch näher sind als die meisten glauben, so sind wir vielleicht auch der Veredelung näher als viele hoffen. Schon lebt vielleicht der Fürst oder der Staatsmann, der die in aller künftigen Geschichte als die ruhmreichste, leuchtendste der Taten geltende Tat vollbringen wird, der die allgemeine Abrüstung durchsetzt. Schon stürzt jener Wahn zusammen, kraft dessen der Staatsegoismus einen so täuschenden Anschein von Berechtigung hat – der Wahn, daß der Schaden des einen den Nutzen des anderen befördere ... Schon dämmert die Erkenntnis, daß die Gerechtigkeit als Grundlage alles sozialen Lebens dienen soll ... und aus solcher Erkenntnis wird die Menschlichkeit hervorblühen, die Edelmenschlichkeit, wie Friedrich Tilling zu sagen pflegte ... Mutter, hier, dieses Glas trinke ich dem Andenken deines ewig unvergessenen Geliebten und Betrauerten, dem auch ich alles verdanke, was ich denke und was ich bin. Und aus diesem Glase« – er warf es an die Wand, wo es zerschellte – »wird kein anderer Trunk mehr gemacht und heute – zu des Neugeborenen Tauffest wird kein anderer Toast mehr gesprochen, als dieser: es lebe die Zukunft! Ihre Aufgaben zu vollbringen, dazu wollen wir uns stählen – nicht: unserer Vatersväter – wie die alte Phrase lautet – wollen wir trachten, uns würdig zu zeigen – nein: unserer Enkelsöhne! ... Mutter – was ist dir?« unterbrach er sich. »Du weinst? ... Was siehst du dort?«

Mein Blick war nach der offenen Glastür gerichtet. Die Strahlen der untergehenden Sonne umwoben einen Rosenstock mit zittergoldigem Dunst und davon sich abhebend – in lebenswahrer Deutlichkeit – mein Traumbild: Ich sehe die Gartenschere flimmern – das weiße Haupthaar glänzen ... »Nicht wahr« – lächelt er zu mir herüber – »wir sind ein glückliches altes Paar?

Weh' mir! – – –

Ende

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