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Die Waffen nieder!

Bertha von Suttner: Die Waffen nieder! - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBertha von Suttner
titleDie Waffen nieder!
publisherVerlag »Berlin-Wien«
seriesVolks-Ausgabe
printrun211.-240. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070205
projectid86dc9413
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Zweites Buch.

Friedenszeit.

Vier Jahre später. Meine beiden – nunmehr siebzehn- und achtzehnjährigen Schwestern – sollten bei Hofe vorgestellt werden. Aus diesem Anlaß entschloß auch ich mich, wieder »in die Welt« zu gehen.

Die verstrichene Zeit hatte ihr Werk getan und meinen Schmerz allmählich gelindert. Die Verzweiflung wandelte sich in Trauer, die Trauer in Wehmut, die Wehmut in Gleichgültigkeit und diese endlich in erneute Lebensfreudigkeit. Ich erwachte eines schönen Morgens zum Bewußtsein, daß ich eigentlich in einer beneidenswerten, glücksverheißenden Lage mich befand: dreiundzwanzig Jahre alt, schön, reich, hochgestellt, frei, Mutter eines allerliebsten Knaben, Glied einer liebenden Familie – waren das nicht Bedingungen genug, um des Lebens froh zu werden?

Das kurze Jahr meines Ehelebens lag hinter mir wie ein Traum. Ja – ich war in meinen schönen Husaren sterblich verliebt gewesen; ja – mein zärtlicher Mann hatte mich sehr glücklich gemacht! ja – die Trennung hatte mir großen Kummer, sein Verlust wilden Schmerz bereitet – aber das war vorbei, vorbei. So innig mit meinem ganzen Seelenleben verwachsen, daß ich eine Zerreißung nicht hätte überleben, nicht verschmerzen können, war ja meine Liebe nicht gewesen: dazu hatte unser Zusammensein zu kurz gedauert. Wir hatten uns angebetet, wie ein paar feurige Verliebte; aber Herz in Herz, Geist in Geist aufgegangen, in gegenseitiger Hochachtung und Freundschaft fest verbunden, wie dies manche Eheleute nach langen Jahren geteilter Leiden und Freuden sind – das waren wir beide nicht gewesen. Auch ich war ja sein Höchstes, sein Unentbehrlichstes nicht; wäre er sonst so frohgemut und ohne zwingende Pflicht – sein Regiment hat niemals ausrücken müssen – fort von mir? Zudem war ich in den vier Jahren allmählich eine andere geworden; mein geistiger Gesichtskreis hatte sich in vielem erweitert; ich war in den Besitz von Kenntnissen und Anschauungen gelangt, von welchen ich zur Zeit meiner Verheiratung keine Ahnung gehabt und von welchen auch Arno – das wußte ich jetzt zu beurteilen – sich keinen Begriff gemacht und so hätte er meinem jetzigen Seelenleben – wäre er auferstanden – in mancher Richtung fremd gegenüber gestanden.

Wieso diese Wandlung mit mir geschehen? Das ist so gekommen:

Ein Jahr meiner Witwenschaft war verstrichen, die Verzweiflung – erste Phase – in Trauer übergegangen. Aber noch in eine sehr tiefe, blutende Trauer. Von einer Wiederanknüpfung geselliger Verbindungen, wollte ich durchaus nichts wissen. Ich meinte, fortan müsse mein Leben nur noch mit der Erziehung meines Sohnes Rudolf ausgefüllt sein.

Nie mehr nannte ich das Kind »Ruru« oder »Korporal«; die Babyspielereien des verliebten Elternpaares waren dahin; der Kleine war mein ›Sohn Rudolf‹ geworden, meines ganzen Strebens, Hoffens, Liebens geheiligter Mittelpunkt. Um ihm einstens eine gute Lehrerin sein – oder doch, um seinen Studien folgen und ihm eine Geisteskameradin werden zu können, wollte ich selber so viel Wissen als möglich mir aneignen; zudem war Lesen die einzige Zerstreuung, die ich mir erlaubte – so vertiefte ich mich denn von neuem in die Schätze unserer Schloßbibliothek. Namentlich drängte es mich, mein einstiges Lieblingsstudium – die Geschichte – wieder aufzunehmen. In der letzten Zeit, als der Krieg von meinen Zeitgenossen und von mir selber so viele Opfer gefordert hatte, war mein früherer Enthusiasmus stark abgekühlt worden, und ich wünschte denselben durch entsprechende Lektüre wieder anzufachen. Und in der Tat, es gewährte mir manchmal einen gewissen Trost, wenn ich ein paar Seiten Schlachtenberichte mit den daran geknüpften Heldenverherrlichungen gelesen, zu denken, daß der Tod meines armen Mannes und mein eigenes Witwenleid als Parzellen in einem ähnlichen großen, geschichtlichen Vorgang enthalten waren, ich sage »manchmal« – nicht immer. So ganz und gar konnte ich mich doch nicht mehr in jene Stimmungen meiner Mädchenzeit zurückversetzen, wo ich es der Jungfrau von Orleans hätte gleich tun mögen. Vieles, vieles in den gelesenen überschwenglichen Ruhmestiraden, welche die Schlachtenberichte begleiteten, klang mir falsch und hohl, wenn ich mir zugleich die Schrecken der Schlacht vergegenwärtigte – so falsch und hohl, wie eine als Preis für eine echte Perle erhaltene Blechmünze. Die Perle Leben – ist die wohl ehrlich bezahlt mit den Blechphrasen der geschichtlichen Nachrufe? ...

Bald hatte ich den Vorrat der in unserer Bücherei vorhandenen historischen Werke erschöpft. Ich bat unseren Buchhändler, er möge mir ein neues Geschichtswerk zur Ansicht schicken. Er schickte Thomas Buckles History of Civilisation. »Das Werk ist nicht vollendet,« schrieb der Buchhändler, »aber die beifolgenden zwei, als Einleitung dienenden Bände bilden an und für sich ein abgeschlossenes Ganzes und ihr Erscheinen hat sowohl in England, als in der übrigen gebildeten Welt großes Aufsehen erregt; der Verfasser, so sagt man, habe damit den Grundstein zu einer neuen Auffassung der Geschichte gelegt.«

In der Tat ja: ganz neu. Mir war, nachdem ich diese zwei Bände gelesen und wieder gelesen, wie jemand zu Mute, der zeitlebens in einem engen Talkessel gewohnt und zum erstenmal auf eine der umgebenden Bergspitzen hinaufgeführt worden, von wo ein ausgestrecktes Stück Land zu sehen ist, mit Bauten und Gärten bedeckt, von endlosem Meere begrenzt. Ich will nicht behaupten, daß ich – die Zwanzigjährige, welcher die bekannte oberflächliche höhere Töchtererziehung zuteil geworden – das Buch in seiner ganzen Tragweite verstand, oder – um obiges Bild beizubehalten – daß ich die Erhabenheit der Monumentalbauten und die Größe des Ozeans erfaßte, die vor meinen, überraschten Blicken lagen; aber ich war geblendet, war überwältigt; ich sah, daß es jenseits meines engen Heimattales eine weite, weite Welt gab, von der ich bisher niemals Kunde erhalten. Erst, als ich das Buch nach fünfzehn oder zwanzig Jahren wieder las, und nachdem ich andere im selben Geist verfaßte Werke studiert hatte, konnte ich mir vielleicht anmaßen, zu sagen, daß ich es verstehe. Doch eins wurde mir auch schon damals klar: die Geschichte der Menschheit wird nicht – wie dies die alte Auffassung war – durch die Könige und Staatsmänner, durch die Kriege und Traktate bestimmt, welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit der anderen ins Leben rufen, sondern durch die allmähliche Entwicklung der Intelligenz. Die Hof- und Schlachtenchroniken, welche in den Historienbüchern aneinander gereiht sind, stellen einzelne Erscheinungen der jeweiligen Kulturzustände vor, nicht aber deren bewegende Ursachen. Von der althergebrachten Bewunderung, mit welcher andere Geschichtsschreiber die Lebensläufe gewaltiger Eroberer und Länderverwüster zu erzählen pflegen, konnte ich im Buckle gar nichts finden. Im Gegenteil, er führt den Nachweis, daß das Ansehen des Kriegerstandes im umgekehrten Verhältnis zu der Kulturhöhe eines Volkes steht: – je tiefer in der barbarischen Vergangenheit zurück, desto häufiger die gegenseitige Bekriegung und desto enger die Grenzen des Friedens: Provinz gegen Provinz, Stadt gegen Stadt, Familie gegen Familie. Er betont, daß im Fortschritt der Gesellschaft, mehr noch als der Krieg selber, die Liebe zum Kriege im Schwinden begriffen sei. Das war mir aus der Seele gesprochen. Sogar in meinem kurzen Innenleben war diese Verminderung vor sich gegangen; und wenn ich oft diese Regung als etwas Feiges, Unwürdiges unterdrückt hatte, glaubend, daß ich allein mich solchen Frevels schuldig mache, so erkannte ich jetzt, daß dies bei mir nur der schwache Widerhall des Zeitgeistes war; daß Gelehrte und Denker, wie dieser englische Geschichtsschreiber, daß unzählige Menschen mit ihm die einstige Kriegsvergötterung verloren hatten, welche – wie sie eine Phase meiner Kindheit gewesen – in diesem Buche auch als eine Phase aus der Kindheit der Gesellschaft dargestellt war. Somit hatte ich in Buckles Geschichtswerke eigentlich das Gegenteil von dem gefunden, was ich gesucht. Dennoch empfand ich diesen Fund als einen Gewinn – ich fühlte mich dadurch gehoben, geklärt, beruhigt. Einmal versuchte ich mit meinem Vater über diese neugewonnenen Gesichtspunkte zu reden – aber vergebens. Auf den Berg hinauf wollte er mir nicht folgen – das heißt, er wollte das Buch nicht lesen – also war es aussichtslos, mit ihm von Dingen zu reden, die man nur von dort oben aus wahrnehmen konnte.

Nun folgte das Jahr – zweite Phase –, da die Trauer in Melancholie übergegangen war. Jetzt las und studierte ich noch fleißiger. Das erste Werk Buckles hatte mir Geschmack am Nachdenken gegeben und die Freuden eines erweiterten Weltausblicks kosten gemacht. Davon wollte ich nun noch immer mehr und mehr genießen, und so ließ ich diesem Buche noch viele andere, im gleichen Geist verfaßte, folgen. Und das Interesse, die Genüsse, welche ich in diesen Studien fand, trugen dazu bei, die dritte Phase eintreten – nämlich die Melancholie schwinden zu machen. Als aber die letzte Wandlung mit mir vorging, das ist, als die Lebenslust von neuem erwachte, da wollten mir auf einmal die Bücher nicht mehr genügen; da sah ich auf einmal ein, daß Ethnographie und Anthropologie und vergleichende Mythologie und sonstige -logien und -graphien unmöglich meine Sehnsucht stillen konnten; daß für eine junge Frau in meiner Lage das Leben noch ganz andere Glücksblüten bereit hielt, nach welchen ich nur die Hand auszustrecken brauchte ... Und so kam es, daß ich im Winter 1863 mich anbot, meine jüngeren Schwestern selber in die Welt einzuführen und meine Salons der Wiener Gesellschaft öffnete.

* * *

Martha Gräfin Dotzky, eine reiche, junge Witwe. Unter diesem vielversprechenden Namen stand ich auf dem Personenverzeichnis der »große Welt«-Komödie. Und ich muß sagen, die Rolle sagte mir zu. Es ist kein geringes Vergnügen, von allen Seiten Huldigungen zu empfangen, von der ganzen Gesellschaft gefeiert, verwöhnt, mit Auszeichnungen überschüttet zu werden. Es ist kein geringer Genuß, nach beinahe vierjähriger Weltabgeschiedenheit plötzlich in einen Strudel von allerlei Vergnügungen zu gelangen; interessante, bedeutende Menschen kennen zu lernen, an fast jedem Tage ein glänzendes Fest mitzumachen – und dabei sich selber als den Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu fühlen.

Wir drei Schwestern hatten den Spitznamen »die Göttinnen vom Berge Iba« bekommen und die Erisäpfel lassen sich nicht zählen, welche die verschiedenen jungen Parisse unter uns verteilten; ich natürlich – in meiner oben erwähnten Theaterzettelwürde »reiche, junge Witwe« war gewöhnlich die Bevorzugte. Es galt übrigens in meiner Familie – und auch ein klein wenig in meinem eigenen Bewußtsein – als ausgemachte Sache, daß ich mich wieder vermählen würde. Tante Marie pflegte in ihren Homilien nicht mehr auf den Verklärten anzuspielen, der »dort oben meiner harrte«, denn wenn ich in den kurzen Erdenjahren, die mich vom Grabe trennten, mir einen zweiten Gatten angeeignet – eine von Tante Marie selber gewünschte Eventualität –, so war dadurch die Gemütlichkeit des himmlischen Wiedersehens mit dem ersten stark beeinträchtigt.

Alle um mich herum schienen Arnos Existenz vergessen zu haben – nur ich nicht. Obwohl die Zeit meinen Schmerz um ihn geheilt hatte – sein Bild hatte sie nicht verlöscht. Man kann aufhören, um seine Toten zu trauern – die Trauer hängt auch nicht vom Willen ab – aber vergessen soll man sie nicht. Ich betrachtete dieses von meiner Umgebung geübte Totschweigen eines Verstorbenen als eine zweite nachträgliche Tötung und vermied es, den Armen auch totzudenken. Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, täglich zum kleinen Rudolf von seinem Vater zu sprechen, und in seinem Abendgebet mußte das Kind stets sagen: »Gott, laß mich gut und brav sein, meinem geliebten Vater Arno zu Liebe!«

Meine Schwestern und ich »amüsierten« uns köstlich – ich gewiß nicht minder als sie. Es war ja sozusagen auch mein Debüt in der Welt. Das erste Mal war ich als Braut und Neuvermählte eingeführt worden; da hatten sich selbstverständlich alle Kurmacher von mir ferngehalten, und was ist des »Welt«-Lebens höchster Reiz, wenn nicht die Kurmacher? Aber sonderbar! So sehr es mir behagte, von einer Schar von Anbetern umgeben zu sein, keiner von ihnen machte einen tieferen Eindruck auf mich. Es lag eine Schranke zwischen ihnen und mir, die schier unübersteiglich war. Und diese Schranke hatte sich durch die drei Jahre meines einsamen Studierens und Denkens aufgerichtet. Alle diese glänzenden jungen Herren, deren Lebensinteressen in Sport, Spiel, Ballett, Hofklatsch und, wenn es hoch ging, in Berufsehrgeiz (die meisten waren Militärs) gipfelten, die hatten von den Dingen, die ich in meinen Büchern von ferne erschaut und an denen mein Geist sich gelabt, auch nicht die entfernteste Idee. Jene Sprache, von der ich freilich auch nur Anfangsgründe kennen gelernt, von der ich aber wußte, daß in ihr durch die Männer der Wissenschaft die höchsten Fragen beraten und einst gelöst werden; jene Sprache war ihnen nicht nur »spanisch«, sondern – patagonisch.

Unter dieser Kategorie junger Leute würde ich mir keinen Gatten wählen – das stand fest. Überhaupt hatte ich keine Eile, meine Freiheit, die mir so wohl gefiel, wieder aufzugeben. Ich wußte meine seinwollenden Freier so in Entfernung zu halten, daß keiner einen Antrag wagte und daß auch niemand in der Gesellschaft das kompromittierende Wort von mir sagen konnte: »Sie läßt sich den Hof machen.« Mein Sohn Rudolf sollte einst auf seine Mutter stolz sein dürfen – keinen Hauch des Verdachts auf dem blanken Spiegel ihres guten Rufes vorfinden. Wenn jedoch der Fall einträte, daß mein Herz von neuem in Liebe erglühte – es konnte nur für einen Würdigen sein –, dann war ich ja geneigt, das Anrecht, welches meine Jugend noch auf irdisches Glück besaß, geltend zu machen und eine zweite Ehe einzugehen.

Unterdessen – von Liebe und Glück abgesehen – war ich recht guter Dinge. Der Tanz, das Theater, der Putz: an alledem fand ich ein lebhaftes Vergnügen. Dabei vernachlässigte ich weder meinen kleinen Rudolf noch meine eigene Ausbildung. Nicht, daß ich mich in gründliche Fachstudien vertiefte; aber über die Bewegung der Geister erhielt ich mich stets auf dem Laufenden, indem ich mir die hervorragendsten neuen Erscheinungen der Weltliteratur anschaffte und regelmäßig sämtliche Artikel, auch die wissenschaftlichen, der Revue des deux Mondes und ähnlicher Zeitschriften aufmerksam las. Diese Beschäftigung hatte freilich zur Folge, daß die vorerwähnte Schranke, welche mein Seelenleben von der mich umgebenden Junge-Herrenwelt abschloß, immer höher wurde – aber das war schon recht so. Gern hätte ich in meinen Salon einige Persönlichkeiten aus der Literaten- und Gelehrtenwelt zugezogen, allein dies war in der Mitte, in der ich mich bewegte, nicht recht tunlich. Bürgerliche Elemente werden der österreichischen sogenannten »Sozietät« nicht beigemischt. Namentlich damals; seither hat sich dieser ausschließliche Geist etwas geändert und es ist Mode geworden, einzelnen Vertretern der Kunst und Wissenschaft seine Salons zu öffnen. Zu der Zeit, von der ich spreche, war dies jedoch nicht der Fall; was nicht hoffähig war – das heißt was nicht sechzehn Ahnen aufzuweisen hatte – war von vornherein ausgeschlossen. Unsere gewohnte Gesellschaft wäre ganz unangenehm überrascht gewesen, bei mir unadelige Leute anzutreffen, und hätte nicht den rechten Ton gefunden, mit solchen zu verkehren. Und diese selber hätten meinen mit »Komtesseln« und Sportsmen, mit alten Generälen und alten Stiftsdamen gefüllten Salon schon gar unerträglich langweilig gefunden. Welchen Anteil konnten Männer von Geist und Wissen, Schriftsteller und Künstler, an den ewig gleichen Erörterungen nehmen: bei wem gestern getanzt worden und bei wem morgen getanzt wird – ob bei Schwarzenberg, bei Pallavicini oder bei Hof – welche Passionen Baronin Pacher einflößt, welche Partie Komteß Palffy ausgeschlagen, wieviel Herrschaften Fürst Croy besitzt, was die junge Almasy für eine »Geborene« sei, ob eine Festetics oder eine Wenkheim, und ob die Wenkheim, deren Mutter eine Khevenmüller gewesen usw. usw. Das war nämlich so der Stoff der meisten um mich herum geführten Unterhaltungen. Auch die geistvollen und unterrichteten Leute, von welchen doch gar manche in unseren Kreisen sich fanden – Staatsmänner und dergleichen – glaubten sich verpflichtet, wenn sie mit uns – tanzender Jugend – verkehrten, denselben frivolen und inhaltslosen Ton anzuschlagen. Wie gerne hätte ich oft nach einem Diner mich in die Ecke begeben, wo ein paar unserer vielgereisten Diplomaten, beredten Reichsräten, oder sonstige bedeutende Männer über bedeutende Fragen ihre Meinung austauschten – aber das war nicht tunlich; ich mußte schon bei den anderen jungen Frauen bleiben und die Toiletten besprechen, die wir für den nächsten großen Ball vorbereiteten. Und hätte ich mich auch in jene Gruppe eingedrängt, sogleich würden die eben geführten Gespräche über Nationalökonomie, über Byrons Poesie, über Theorien von Strauß und Renan verstummt sein und es würde geheißen haben: »Ach, Gräfin Dotzky! ... gestern auf dem Damen-Picknick haben Sie bezaubernd ausgesehen ... und Sie gehen doch morgen zum Empfang bei der russischen Botschaft?«

* * *

»Erlaube, liebe Martha,« sagte mein Vetter Konrad Althaus, »daß ich dir Oberstleutnant Baron Tilling vorstelle.«

Ich neigte den Kopf. Der Vorstellende entfernte sich und der Vorgestellte blieb stumm. Ich faßte dies als eine Aufforderung zum Tanze auf und erhob mich von meinem Sitz – mit gerundet aufgehobenem linken Arm, bereit, ihn auf Baron Tillings Schulter zu lehnen.

»Verzeihen Sie, Gräfin,« sagte jener mit einem flüchtigen Lächeln, das blitzend weiße Zähne aufdeckte, »ich kann nicht tanzen.«

»Ah so – desto besser,« antwortete ich, mich wieder setzend. »Ich hatte mich ohnehin hierher zurückgezogen, um ein wenig auszuruhen.«

»Und ich hatte mir die Ehre erbeten, Ihnen vorgestellt zu werden, gnädige Gräfin, um Ihnen eine Mitteilung zu machen.«

Ich blickte erstaunt auf. Der Baron machte ein sehr ernstes Gesicht. Er war überhaupt ein ernsthaft aussehender Mann – nicht mehr jung, etwa vierzig, mit einigen Silberfäden an den Schläfen – im ganzen eine vornehme, sympathische Erscheinung. Ich hatte mir angewöhnt, jeden Neuvorgestellten auf die Frage hin prüfend anzusehen: Bist du ein Freier? – würde ich dich nehmen? Beide Fragen beantwortete ich mir in diesem Falle mit einem schnellen »Nein«. Es fehlte dem Betreffenden durchaus der verbindlich-anbetende Ausdruck, welchen alle jene anzunehmen pflegen, die sich den Frauen mit sogenannten »Absichten« nahen; – und die andere Frage fand schon durch seine Uniform verneinende Erledigung. Ein zweites Mal würde ich keinem Soldaten die Hand reichen – das hatte ich mir fest vorgenommen. Nicht nur aus dem Grunde, um kein zweites Mal der schrecklichen Angst ausgesetzt zu werden, den Gatten ins Feld ziehen zu sehen, sondern well ich seither über den Krieg im allgemeinen zu Ansichten gelangt war, in welchen ich unmöglich mit einem Krieger hätte übereinstimmen können.

Oberstleutnant von Tilling machte von meiner Aufforderung, sich neben mich zu setzen, keinen Gebrauch.

»Ich will Sie nicht lange belästigen, Gräfin. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, paßt nicht in ein Ballfest. Ich wollte mir nur die Erlaubnis erbitten, mich in Ihrem Hause einzufinden; können Sie mir gnädigst einen Tag und eine Stunde bestimmen, wann ich Sie sprechen darf?«

»Ich empfange an Sonnabenden zwischen zwei und vier.«

»Dann gleicht an Sonnabenden zwischen zwei und vier Ihr Haus vermutlich einem Bienenstock, wo die Honigträger aus- und einfliegen –«

»Und ich als Königin in der Zelle sitze, meinen Sie – das ist ein recht hübsches Kompliment.«

»Komplimente mache ich nie – ebensowenig als Honig, und so behagt mir die sonnabendliche Schwarmstunde durchaus nicht; ich muß Sie allein sprechen.«

»Sie reizen meine Neugier. Sagen wir also morgen Dienstag, um die gleiche Stunde; ich werde für Sie und sonst niemand zu Hause sein.«

Er dankte mit einer Verbeugung und ging.

Eine Weile später kam mein Vetter Althaus vorbei. Ich rief ihn zu mir, ließ ihn an meiner Seite Platz nehmen und verlangte Auskunft über Baron Tilling.

»Gefällt er dir? Hat er dir solch tiefen Eindruck gemacht, daß du dich gar so angelegentlich erkundigst? Er ist zu haben – das heißt er ist noch ledig. Darum soll er aber doch nicht frei sein ... Man munkelt, daß eine sehr hohe Dame (Althaus nannte eine Prinzessin aus regierendem Hause) ihn durch zarte Bande an sich fesselt – deshalb heirate er nicht. Sein Regiment ist erst seit kurzer Zeit hierher versetzt worden, daher hat man ihn noch nicht viel in der Gesellschaft gesehen – auch ist er, glaube ich, ein Feind von Bällen und dergleichen. Ich habe ihn im adeligen Kasino kennen gelernt, wo er täglich ein paar Stunden verbringt, aber gewöhnlich im Lesezimmer in die Zeitungen, oder mit unseren besten Schachspielern in eine Partie vertieft. Ich war erstaunt, ihn hier zu treffen – da jedoch die Hausfrau seine Cousine ist, so erklärt sich seine kurze Erscheinung auf dem Ball – er ist auch schon wieder weg. Nachdem er sich von dir empfohlen, sah ich ihn fortgehen.«

»Hast du ihn noch mehreren anderen Damen vorgestellt?«

»Nein, nur dir. Aber darum mußt du dir nicht einbilden, daß du es ihm von weitem angetan, und er deshalb verlangte, dich kennen zu lernen: – »Können Sie mir nicht sagen, fragte er mich, ob eine gewisse Gräfin Dotzky, geborene Althaus – vermutlich mit Ihnen verwandt – hier anwesend ist? Ich muß mit derselben sprechen.« – »Ja, antwortete ich, auf dich zeigend – dort in jener Ecke auf dem Sofa – im blauen Kleide.« – »Ah, die? Seien Sie so gut, stellen Sie mich vor.« – Was ich denn bereitwilligst tat, ohne zu ahnen, daß ich dich dadurch um deine Ruhe bringen würde.«

»So sprich doch keinen Unsinn, Konrad – meine Ruhe ist nicht so leicht zu untergraben. Tilling? was ist das für eine Familie? – ich höre den Namen zum erstenmal.«

»Aha, du gibst nicht nach ... Ist das ein Glücksmensch! Ich habe mich durch volle drei Monate, mit Aufwand aller meiner Bezauberungskräfte, in deine Gunst einzuschleichen versucht – vergebens. Und dieser kalte Oberstleutnant – denn er ist kalt und gefühllos, laß dir das gesagt sein – kam, sah und siegte. – Was ›Tilling‹ für eine Familie sei, fragtest du? Ich glaube preußischen Ursprungs – doch war schon sein Vater in österreichische Dienste getreten – seine Mutter ist auch Preußin – du mußt seinen norddeutschen Akzent bemerkt haben.«

»Ja, er spricht ein wunderschönes Deutsch.«

»Natürlich – alles ist wunderschön an ihm.« Althaus stand auf. »Jetzt habe ich gerade genug. Erlaube, daß ich dich deinen Träumen überlasse; ich will versuchen, mich mit Damen zu unterhalten, welche –«

»Dich wunderschön finden. Solche gibt es wohl genug.«

Ich verließ den Ball zu früher Stunde. Meine Schwestern konnten unter dem Schutze Tante Maries noch bleiben und mich hielt nichts zurück. Die Lust am Tanzen war mir vergangen, ich fühlte mich ermüdet und sehnte mich nach Einsamkeit. Warum ... Es scheint doch so – da ich noch um Mitternacht die roten Hefte mit Eintragung der oben angeführten Gespräche bereicherte und Betrachtungen daran knüpfte, wie folgt: »Ein interessanter Mensch, dieser Tilling – Die hohe Frau, die ihn liebt, denkt jetzt wahrscheinlich an ihn ... oder vielleicht kniet er in diesem Augenblick zu ihren Füßen und sie ist nicht so allein – allein – wie ich. Ach, jemand so recht innig lieben zu können ... es müßte nicht eben Tilling sein – ich kenne ihn ja nicht ... Nicht um Tilling beneide ich die Prinzessin, aber um ihr Verliebtsein. Und je leidenschaftlicher, je wärmer sie ihm zugetan ist, desto mehr beneide ich sie.«

Mein erster Gedanke beim Erwachen war wieder – Tilling. Ja richtig: er hatte sich für diesen Tag behufs wichtiger Mitteilungen bei mir angesagt. So gespannt, wie auf diesen Besuch, hatte ich mich schon lange nicht gefühlt.

Um die bestimmte Stunde gab ich Befehl, daß mit Ausnahme des Erwarteten niemand vorgelassen werde. Meine Schwestern waren nicht zu Hause, Tante Marie, die unermüdliche garde-dame, hatte sie auf den Eislaufplatz begleitet.

Ich setzte mich in meinen kleinen Salon – mit einer hübschen Haustoilette von violettem Samt angetan (violett steht Blondinen bekanntlich vorteilhaft), nahm ein Buch zur Hand und wartete. Lang' habe ich nicht warten müssen: zehn Minuten nach zwei trat Freiherr von Tilling bei mir ein.

»Wie Sie sehen, Gräfin, habe ich von Ihrer Erlaubnis pünktlich Gebrauch gemacht,« sagte er mir die Hand küssend.

»Glücklicherweise,« antwortete ich lächelnd, indem ich ihm einen Platz anwies; »ich hätte sonst vor Ungeduld vergehen müssen, denn Sie haben mich wahrhaftig in große Spannung versetzt.«

»Dann will ich gleich, ohne lange Einleitung, sagen, was ich zu sagen habe. Daß ich es nicht schon gestern getan, geschah, um Ihre fröhliche Stimmung nicht zu trüben –«

»Sie erschrecken mich –«

»Mit einem Wort: Ich habe die Schlacht von Magenta mitgemacht –«

»Und Sie haben Arno sterben sehen!« schrie ich auf.

»So ist es. Ich bin in der Lage, Ihnen über seine letzten Augenblicke Bescheid zu geben.«

»Sprechen Sie,« sagte ich bebend.

»Zittern Sie nicht, Gräfin. Wenn diese letzten Augenblicke so schrecklich gewesen wären, wie bei so manchen anderen Kameraden, so würde ich Ihnen sicher nicht davon gesprochen haben: es gibt nichts Traurigeres, als von einem teueren Toten zu erfahren, daß er qualvoll gestorben – das ist aber hier nicht der Fall.«

»Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. Erzählen Sie.«

»Ich werde Ihnen nicht die leere Phrase wiederholen, mit welcher man Soldatenhinterbliebene zu trösten pflegt: ›Er starb als Held,‹ denn ich weiß nicht recht, was man damit sagen will: – den wirklichen Trost kann ich Ihnen aber bieten: er starb, ohne an den Tod zu denken. Er war von allem Anfang überzeugt, daß ihm nichts geschehen werde. Wir waren viel zusammen und er erzählte mir oft von seinem Familienglück, zeigte mir das Bild seines schönen jungen Weibchens und das seines Kindes; er lud mich ein, wenn nur einmal die Kampagne aus sei, ihn in seiner Häuslichkeit zu besuchen. In dem Gemetzel von Magenta befand ich mich zufällig an seiner Seite. Ich erspare Ihnen die Schilderung der vorhergehenden Szenen – so etwas erzählt sich nicht. Männer, die kriegerischen Geistes sind, werden mitten im Pulverdampf und Kugelregen von so einem Taumel erfaßt, daß sie eigentlich nicht wissen, was um sie vorgeht. Dotzky war ein solcher Mann. Seine Augen sprühten, er zielte mit fester Hand; er war in vollem Kriegsrausch, das konnte ich – Nüchterner – sehen. Da kam ein Hohlgeschoß geflogen und fiel auf ein paar Schritte Entfernung vor uns nieder. Als das Ungetüm platzte, stürzten zehn Mann zusammen – darunter Dotzky. Es erhob sich ein Jammergeschrei unter den Unglücklichen – aber Dotzky schrie nicht: er war tot. Ich und noch ein paar Kameraden bückten uns zu den Getroffenen herab, um ihnen, wenn möglich, Hilfe zu bringen. – Es war aber nicht möglich. Sie rangen alle mit dem Tode, auf das greulichste zerrissen und zerfleischt, die Beute schrecklichster Schmerzen ... Nur Dotzky, zu dem ich mich zuerst auf den Boden gekniet, atmete nicht mehr; sein Herz stand still und aus der aufgerissenen Seite quoll das Blut in solchen Strömen, daß – wenn sein Zustand auch nur Ohnmacht und nicht der Tod gewesen wäre –, es nicht zu befürchten stand, daß er wieder zu sich komme –«

»Zu befürchten?« unterbrach ich weinend.

»Ja – denn wir mußten sie hilflos da liegen lassen: vor uns erklang wieder das mordgebietende »Hurra!« und hinter uns stürmten berittene Scharen heran, welche über diese Sterbenden hinwegsetzen würden – glücklich der Bewußtlose! Sein Gesicht hatte einen ganz ruhigen, schmerzlosen Ausdruck – und als wir, nachdem der Kampf vorüber war, unsere Toten und Verwundeten auflasen, fand ich ihn auf derselben Stelle in gleicher Lage und mit dem gleichen friedlichen Ausdruck. Das habe ich Ihnen sagen wollen, Gräfin. Freilich hätte ich das schon vor Jahren tun können und, da ich nicht mit Ihnen zusammentraf, an Sie schreiben – aber die Idee kam mir erst gestern, als mir meine Cousine sagte, sie erwarte unter ihren Gästen die schöne Witwe Arno Dotzkys. Verzeihen Sie, wenn ich schmerzliche Erinnerungen wachgerufen; ich glaube doch eine Pflicht erfüllt und Sie von peinlichen Zweifeln befreit zu haben.«

Er stand auf. Ich reichte ihm die Hand:

»Ich danke, Baron Tilling,« sagte ich, meine Tränen trocknend. »Sie haben mir in der Tat ein wertvolles Geschenk gemacht: die Beruhigung, daß das Ende meines teuren Mannes frei von Schmerz und Qual war .... Aber bleiben Sie noch ein wenig, ich bitte Sie .... Ich wollte Sie noch sprechen hören ... Vorhin, in Ihrer Ausdrucksweise, haben Sie einen Ton angeschlagen, der in meinem Gemüte eine gewisse Saite vibrieren gemacht – ohne Umschweife, Sie verabscheuen den Krieg?«

Tillings Gesicht verfinsterte sich:

»Verzeihen Sie, Gräfin,« sagte er, »wenn ich Ihnen über diesen Gegenstand nicht Rede stehe. Auch bedauere ich, mich nicht länger aufhalten zu können – ich werde erwartet.«

Jetzt nahm mein Gesicht einen kalten Ausdruck an: vermutlich erwartete ihn die Prinzessin – und der Gedanke war mir unangenehm.

»Da will ich Sie nicht zurückhalten, Herr Oberstleutnant,« entgegnete ich kalt.

Ohne nur die Erlaubnis zu erbitten, wiederkommen zu dürfen, verbeugte er sich und ging.

* * *

Fasching war zu Ende. Rosa und Lilli, meine Schwestern, hatten sich »ungeheuer amüsiert«. Jede verzeichnete ein halbes Dutzend Eroberungen; dennoch befand sich keine wünschenswerte Partie darunter und der »Rechte« war für keine erschienen. Desto besser: sie wollten gern noch ein paar Mädchenjahre genießen, ehe sie ins Ehejoch traten.

Und ich? In den roten Heften stehen meine Faschingseindrücke folgendermaßen notiert:

»Ich bin froh, daß die Tanzerei vorüber ist. Es fing schon an, eintönig zu werden. Immer dieselben Touren und immer dieselben Gespräche und immer ein und derselbe Tänzer: – denn ob es nun der Husarenleutnant X, oder der Dragonerleutnant Y, oder der Ulanenrittmeister Z ist – es sind doch die gleichen Verbeugungen, die gleichen Bemerkungen, die gleichen Seufzer und Blicke. Nicht ein interessanter Mensch darunter, nicht einer. Und der einzige, der allenfalls ... reden wir nichts von dem, der gehört ja seiner Prinzessin. Sie ist eine hübsche Frau, ja – zugestanden, aber ich finde sie unsympathisch.«

Obgleich der Fasching mit seinen großen Ballfesten zu Ende war, so hatten die geselligen Vergnügungen darum nicht aufgehört. Soireen, Diners, Konzerte: der Wirbel dauerte fort. Auch eine große Liebhabertheatervorstellung ward in Aussicht genommen – dies doch erst nach Ostern. Für die Fastenzeit war doch eine Mäßigung in Vergnügen geboten – nach Tante Mariens Ansicht mäßigten mir uns lange nicht genug. Daß ich die Fastenpredigten nicht regelmäßig besuchte, konnte sie mir nicht recht verzeihen, und sie entschädigte sich für meine Lauheit, indem sie Rosa und Lilli zu allen berühmten Kanzelrednern schleppte. Die Mädchen ließen sich das gern gefallen; einmal trafen sie in den Kirchen mit ihrer ganzen gewohnten Koterie zusammen – Pater Klinkowström war ebensosehr Mode bei den Jesuiten, als die Murska in der Oper, und in zweiter Linie waren sie auch leidlich fromm.

Aber nicht nur den Predigten, auch den Soireen hielt ich mich während jener Fastenzeit ziemlich fern. Ich hatte plötzlich an geselligen Zusammenkünften den Geschmack verloren und liebte es, manchmal allein zu Hause zu bleiben – mit meinem Sohn zu spielen, und wenn der Kleine zu Bett gebracht war, mich mit einem guten Buch an das Kaminfeuer zu setzen und zu lesen. Zuweilen besuchte mich dann mein Vater und verplauderte ein bis zwei Stunden bei mir. Natürlich kamen die Feldzugserinnerungen dabei unablässig zum Vorschein. Ich hatte ihm Tillings Bericht über Arnos Ende mitgeteilt; er nahm die Geschichte jedoch ziemlich kühl auf. Ob einer mit Schmerzen oder ohne Schmerzen geendet, schien ihm eine ganz nebensächliche Frage. »Geblieben« sein – wie der Tod auf dem Schlachtfelde heißt – war seiner Anschauung nach eine so rühmliche – durch ein so erhabenes Faktum herbeigeführte Sache, daß die Details der dabei allenfalls ausgestandenen körperlichen Leiden gar nicht in Betracht kamen. In seinem Munde klang das »Geblieben« stets wie die neidende Konstatierung einer besonderen Auszeichnung, und die dem »Bleiben« nächstfolgende Annehmlichkeit war nach seiner Auffassung offenbar das »Blessiert« werden. Die Art und Weise, wie er von sich mit Stolz und von den anderen mit Respekt erzählte, daß sie bei diesem oder jenem – nach irgendeiner Ortschaft benannten – Gefecht verwundet worden, ließ einen ganz vergessen, daß das Ding eigentlich weh tun könne. Welch ein Unterschied mit der kurzen Erzählung Tillings: in der Schilderung der zehn Unglücklichen, welche, von dem platzenden Geschoß zerschmettert, in lauten Jammer ausbrachen – was lag da für ein anderer Ton erschütternden Mitleids darin! Ich habe Tillings Worte meinem Vater nicht wiederholt, denn ich empfand instinktiv, daß ihm dieselben unsoldatenmäßig erschienen wären und seine Achtung vor dem Sprecher beeinträchtigt hätten, und das hätte mich verdrossen; denn gerade der vielleicht unsoldatische, aber sicherlich menschliche Abscheu, mit welchem er das schreckliche Ende seiner Kampfgenossen geschaut und erzählt, war mir ins Herz gedrungen.

Wie gern hätte ich mit Tilling über dieses Thema noch weiter gesprochen – aber er schien meine Bekanntschaft nicht pflegen zu wollen. Seit seinem Besuche waren vierzehn Tage vergangen und weder hatte er den Besuch wiederholt, noch war ich ihm in der Gesellschaft begegnet. Nur zwei- oder dreimal auf der Ringstraße und einmal im Burgtheater war ich seiner ansichtig geworden: er grüßte ehrerbietig, ich dankte freundlich – weiter nichts. Weiter nichts? ... Warum klopfte mir bei diesen Gelegenheiten das Herz, warum konnte ich dann stundenlang die Gebärde seines Grußes nicht aus dem Sinn bringen? ...

»Liebes Kind, ich habe eine Bitte an dich.« Mit diesen Worten trat eines Vormittags mein Vater bei mir ein. Er hielt ein papierumwickeltes Paket in der Hand, »hier bringe ich dir etwas mit,« fügte er hinzu, das Ding auf einen Tisch legend.

»Eine Bitte und ein Geschenk zugleich?« lachte ich. »Das ist ja Bestechung.«

»So höre mein Anliegen, ehe du mein Geschenk auspackst und von dessen Macht geblendet wirst. Ich habe heute ein langweiliges Diner –«

»Ja, ich weiß; drei alte Generäle mit ihren Frauen.«

»Und zwei Minister mit den ihrigen; kurz, eine feierliche, steife, einschläfernde Geschichte –«

»Du mutest mir doch nicht zu, daß ich –«

»Ja, ich mute es dir zu, denn – da mich Damen mit ihrer Gegenwart beehren wollen – muß ich doch eine Dame zum Honneurs machen haben.«

»Dieses Amt hat ja Tante Marie übernommen.«

»Die ist heute wieder von ihrem gewissen Kopfschmerz befallen; es bleibt mir also nichts anderes übrig –«

»Als deine Tochter hinzuopfern – wie dies schon andere Väter im Altertum – z. B. Agamemnon mit Iphigenia – getan? Ich füge mich.«

»Übrigens sind unter den Gästen auch ein paar jüngere Elemente: Doktor Bresser, der mich in meiner letzten Krankheit so ausgezeichnet behandelt hat und dem ich die Artigkeit einer Einladung erweisen wollte; ferner Oberstleutnant Tilling – du wirst ja ganz feuerrot – was ist dir?«

»Ich? ... Es ist die Neugier: jetzt muß ich doch schauen, was du mir gebracht hast.« Und ich begann, das Paket aus seiner Papierhülle zu lösen.

»Es ist nichts für dich – erwarte nicht etwa ein Perlenhalsband. Das gehört dem Rudi.«

»Ja, ich sehe, eine Spielereischachtel – ah, Bleisoldaten! Aber Vater, das vierjährige Kind soll doch nicht –«

»Ich habe schon mit drei Jahren Soldaten gespielt – man kann nicht früh genug damit anfangen ... Meine allerersten Eindrücke waren Trommeln, Säbel – exerzieren, kommandieren: auf die Art erwachte die Liebe zum Metier, auf die Art –«

»Mein Sohn Rudolf wird nicht unter die Soldaten gehen,« unterbrach ich.

»Martha! Ich weiß doch, daß seines Vaters Wunsch –«

»Der arme Arno ist nicht mehr. Rudolf ist mein alleiniges Eigentum und ich will nicht –«

»Daß er den schönsten und ehrenvollsten Beruf einschlage?«

»Das Leben meines einzigen Kindes soll nicht im Krieg auf das Spiel gesetzt werden.«

»Ich war auch ein einziger Sohn und bin Soldat geworden. Arno hat keine Geschwister, so viel ich weiß, und dein Bruder Otto ist gleichfalls einziger Sohn und ich habe ihn doch in die Militärakademie gegeben. Die Tradition unserer Familie fordert es, daß der Sprosse eines Dotzky und einer Althaus seine Dienste dem Vaterlande weihe.«

»Das Vaterland wird ihn weniger brauchen als ich.«

»Wenn alle Mütter so dächten!«

»Dann gäbe es keine Paraden und Revüen – und keine Männerwälle zum Niederschießen – kein ›Kanonenfutter‹, wie der bezeichnende Ausdruck heißt. Das wäre auch kein Unglück.«

Mein Vater machte ein sehr böses Gesicht. Dann aber zuckte er die Achseln:

»Ach, ihr Weiber,« sagte er verächtlich. »Zum Glück wird der Junge nicht um deine Erlaubnis fragen; das Soldatenblut fließt ihm in den Adern – Na, und dein einziger Sohn wird er ja nicht bleiben. Du mußt wieder heiraten, Martha. In deinem Alter ist's nicht gut, allein sein. Erzähl' mir: gibt es keinen unter deinen Bewerbern, der vor deinen Augen Gnade findet? Da ist zum Beispiel der Rittmeister Olensky, der sterblich in dich verliebt ist – er hat mir neulich wieder vorgeseufzt. Der gefiele mir recht gut als Schwiegersohn.«

»Mir aber nicht als Gatte.«

»Da wäre noch der Major Millersdorf –«

»Und wenn du mir den ganzen Militärschematismus hersagst – es ist vergebens. Um wieviel Uhr findet dein Diner statt – wann soll ich kommen?« fragte ich, um abzubrechen.

»Um fünf. Aber komm um eine halbe Stunde früher. Und jetzt adieu – ich muß fort. Grüß mir den Rudi – zukünftigen Oberbefehlshaber der k.k. Armee.«

* * *

Eine feierliche, steife, einschläfernde Geschichte – so hatte mein Vater sein bevorstehendes Diner genannt und so würde ich die Zeremonie auch aufgefaßt haben, wäre nicht der eine Gast gewesen, dessen Nähe mich eigentümlich bewegte ...

Baron Tilling war knapp vor dem Speisen gekommen; ich hatte daher, als er mich im Salon begrüßte, nur zu einem ganz kurzen Wortaustausch Zeit gefunden, und bei Tisch, wo ich zwischen zwei eisgrauen Generälen saß, war der Baron so weit von mir entfernt, daß ich ihn unmöglich in die an unserem Tischende geführte Unterhaltung ziehen konnte. Ich freute mich auf die Rückkehr in den Salon; dort wollte ich Tilling an meine Seite rufen und ihn noch weiter ausforschen über jene Schlachtszene; ich sehnte mich danach, noch einmal jenen Ton zu hören, der mich das erstemal so sympathisch berührt hatte.

Doch zur Ausführung dieses Vorhabens bot sich mir anfänglich keine Gelegenheit; die beiden Eisgrauen blieben mir auch nach Tische treu und nahmen an meiner Seite Platz, als ich im Salon mich anschickte, den schwarzen Kaffee einzugießen. Dazu gesellten sich noch, im Halbkreis, mein Vater, der Minister ***, Doktor Bresser – und auch Tilling, aber die sich entspinnende Unterhaltung war eine allgemeine. Die übrigen Gäste, darunter sämtliche Damen, ließen sich in einer anderen Ecke des Salons nieder, wo nicht geraucht wurde; während in unserer Ecke – auch ich hatte mir eine Zigarette angezündet – das Rauchen gestattet war.

»Ob es denn nicht bald wieder losgehen wird?« warf einer der Generäle hin.

»Hm,« meinte der andere, »den nächsten Krieg werden wir mit Rußland haben, denk' ich.«

»Muß es denn immer einen nächsten Krieg geben?« warf ich dazwischen, aber niemand achtete darauf.

»Eher mit Italien,« versicherte mein Vater. »Wir müssen doch unsere Lombardei zurückbekommen ... So einen Einmarsch in Mailand, wie im Jahre 49 mit Vater Radetzky an der Spitze – das wollte ich doch noch erleben. Es war an einem sonnigen Vormittag –«

»Ach, die Geschichte vom Einmarsch in Mailand kennen wir alle.« unterbrach ich.

»Auch die vom braven Hupfauf?«

»Ich schon – und ich finde dieselbe sogar höchst widerwärtig.«

»Was verstehst du davon?«

»Lassen Sie hören, Althaus – wir kennen die Geschichte nicht.«

Das ließ sich mein Vater nicht zweimal sagen.

»Der Hupfauf also – vom Regiment Tiroler Jäger – selber ein Tiroler, hat ein famoses Stück'l aufgeführt. Er war der beste Schütz', den man sich denken kann; bei allen Scheibenschießen war er immer König – er traf fast jedesmal ins Ziel. Was hat der Mann getan, als die Mailänder revoltierten? Er erbat sich die Erlaubnis, mit vier Kameraden auf das Dach des Domes zu steigen und von dort auf die Rebellen herab zu schießen. Man hat's ihm erlaubt und er hat's auch ausgeführt. Die vier anderen, von welchen jeder einen Stutzen trug, taten weiter nichts, als ohne Unterlaß ihre Waffen laden und sie dem Hupfauf reichen, damit dieser keine Zeit verliere. Und so hat er hintereinander neunzig Italiener totgeschossen.«

»Abscheulich!« rief ich. »Jeder dieser totgeschossenen Italiener, auf die er eben aus sicherer Höhe zielte, hatte eine Mutter und eine Geliebte zu Haus und hing wohl selber an seinem Leben.«

»Jeder war ein Feind, Kind; das ändert den ganzen Standpunkt.«

»Sehr richtig,« sagte Doktor Bresser; »so lange der Begriff Feindschaft unter den Menschen sanktioniert wird, so lange können die Gebote der Menschlichkeit keine allgemeine Geltung erlangen.«

»Was sagen Sie, Baron Tilling?« fragte ich.

»Ich hätte dem Manne einen Orden gewünscht, der ihm die tapfere Brust geschmückt – und eine Kugel, die ihm das harte Herz durchschossen hätte. Beides wäre verdient gewesen.«

Ich warf dem Sprecher einen warmen, dankbaren Blick zu; die anderen aber, mit Ausnahme des Doktors, schienen von den eben gehörten Worten unangenehm berührt. Es entstand eine kleine Pause. Cela avait jeté un froid.

»Haben Sie schon von dem Buche eines englischen Naturforschers namens Darwin gehört, Exzellenz?« wandte sich jetzt der Doktor an meinen Vater.

»Nein, nichts.«

»Doch, Papa ... erinnere dich nur: schon vor vier Jahren, als es eben erschienen war, hat uns unser Buchhändler das Buch geschickt und du sagtest noch damals, er werde bald von aller Welt vergessen sein.«

»Was mich betrifft, so hab ich's auch vergessen.«

»Alle Welt hingegen wird dadurch ziemlich in Aufregung versetzt,« sagte der Doktor. »Es wird aller Orten für und gegen die neue Abstammungslehre gestritten.«

»Ach, Sie meinen wohl die Affentheorie?« fragte der General zu meiner Rechten. »Davon war gestern im Kasino die Rede. Die Herren Gelehrten kommen oft auf sonderbare Einfälle – der Mensch soll ursprünglich ein Orang-Utan gewesen sein!«

»Allerdings,« nickte der Minister – (wenn Minister *** »allerdings« sagte, so war das ein Zeichen, daß er sich zu einer längeren Rede den Anlauf Nahm), »die Sache klingt etwas komisch; doch kann dieselbe nicht als Scherz aufgefaßt werden. Es ist eine nicht ohne Talent und mit dem Apparat fleißig gesammelter Tatsachen aufgestellte wissenschaftliche Theorie, welche allerdings von den Männern vom Fach schon genügend widerlegt worden, welche aber, wie alle abenteuerlichen Ideen – so abgeschmackt dieselben auch seien – einen gewissen Effekt hervorgebracht hat und ihre Verteidiger findet. Über Darwin zu disputieren, ist Mode geworden. Es wird nicht lange dauern, so kann man das Wort »Darwinismus« erfinden – allerdings wird dann die so benannte Theorie selber schon aufgehört haben, ernst genommen zu werden. Es ist ein Fehler, daß die Leute in Bekämpfung dieses englischen Sonderlings sich so erhitzen; dadurch wird seiner Lehre eine Wichtigkeit beigelegt, die ihr nicht zukommt. Namentlich ist es die Geistlichkeit, welche sich gegen die allerdings herabwürdigende Zumutung zur Wehr setzt, daß der nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Mensch jetzt plötzlich als dem Tierreich entstammend gedacht werden soll, eine vom religiösen Standpunkte aus allerdings höchst anstößige Annahme. Jedoch ist bekanntermaßen die kirchliche Verdammung einer unter dem Gewand der Wissenschaftlichkeit auftretenden Lehre, nicht imstande, der Verbreitung derselben Einhalt zu tun. Dieselbe wird erst dann unschädlich, wenn sie von den Vertretern der Wissenschaft ad absurdum geführt worden ist, was gegenüber der Darwinischen allerdings –«

»Aber der Unsinn!« unterbrach mein Vater, welcher fürchten mochte, daß noch eine lange Kette von »allerdings« seine übrigen Gäste ermüden konnte, »der Unsinn: ›vom Affen, der Mensch!‹ Da genügt doch wohl der sogenannte gesunde Menschenverstand, um solche tolle Einfälle abzuweisen –, da braucht man doch nicht erst gelehrte Widerlegungen« ...

»Nun, für gar so apodiktisch sicher möchte ich diese Widerlegungen doch nicht halten,« nahm nun der Doktor das Wort, »Es haben sich zwar Zweifel erhoben, aber die Theorie hat doch manches Wahrscheinliche für sich und es wird noch eine Zeit brauchen, bis die Gelehrten einig werden.«

»Ich glaub', die Herren werden nie einig«, bemerkte der General zu meiner Linken, welcher in barschem Ton und im Wiener Dialekt zu sprechen pflegte, »die leben ja vom Disputieren. Ich hab' von der Affeng'schicht auch schon was g'hört. War mir aber zu dumm, um aufzupassen. Wenn man sich immer um alles Geschwätz kümmern sollt', mit dem uns die Sterngucker und Graspflücker und Froschhaxel-Untersucher ein X für ein U vormachen wollen – da müßt einem ja Hören und Sehen vergehen. Übrigens habe ich neulich in einer illustrierten Zeitung dem Darwin sein G'sicht g'sehen und das ist selber so affenmäßig, daß ich fast glauben möcht, sein Großvater is ä Schimpans g'wesen.«

Diesem letzten, den Sprecher sehr befriedigenden Witz ließ derselbe ein schallendes Gelächter folgen, in welches mein Vater aus hausherrlicher Zuvorkommenheit einstimmte.

»Gelächter ist allerdings auch eine Waffe,« sprach der Minister ernst, – »beweist aber nichts. Dem Darwinismus – ich benütze schon das neue Wort – kann man doch auch ernsthafte, auf wissenschaftlicher Basis ruhende Argumente siegreich entgegenstellen. Wenn man gegen einen Schriftsteller ohne Autorität, Namen wie Linné, Cuvier, Agassiz, Quatrefages, anführen kann, so muß dessen System zusammenstürzen. Andererseits läßt sich allerdings nicht leugnen, daß zwischen Mensch und Affe eine große Stammesähnlichkeit besteht und daß –«

»Trotz dieser Ähnlichkeit ist die Kluft doch eine meilenweite,« unterbrach der sanfte General. »Läßt sich ein Affe denken, der den Telegraphen erfinden könnte? Die Sprache allein erhebt den Menschen so weit über das Tier –«

»Entschuldigen Sie, Exzellenz,« sagte Doktor Bresser, »Sprache und technische Erfindungen waren dem Menschen nicht ursprünglich angeboren – ein Wilder wird auch heute noch keinen Telegraphenapparat konstruieren; das alles sind Früchte langsamer Vervollkommnung und Entwicklung –«

»Ja, ja, lieber Doktor,« versetzte der General, »ich weiß: Entwicklung ist das Schlagwort der neuen Theorie – aber aus einem Känguruh entwickelt sich kein Kameel ... und warum sieht man heutzutage keinen Affen Mensch werden?«

Jetzt wandte ich mich an Baron Tilling.

»Und was sagen Sie? Haben Sie von Darwin gehört und zählen Sie sich zu seinen Anhängern oder – Gegnern?«

»Gehört habe ich über diesen Gegenstand schon vieles, Gräfin; aber ich kann kein Urteil abgeben, denn das in Frage stehende Werk: The origin of species habe ich nicht gelesen.«

»Ich muß gestehen,« sagte der Doktor, »ich auch nicht.«

» Gelesen habe ich es allerdings auch nicht,« gestand der Minister.

»Ich auch nicht« – »ich auch nicht« – »ich auch nicht« – kam es nun von den anderen.

»Aber,« fuhr der Minister fort, »das Thema wird so vielfach besprochen, die Schlagwörter des Systems sind in aller Mund; »Kampf ums Dasein« – »natürliche Zuchtwahl,« – »Evolution« und so weiter, daß man sich doch einen klaren Begriff vom Ganzen machen kann und sich resolut auf die Seite der Anhänger oder der Gegner stellen, zu welch erster Kategorie allerdings nur umsturzliebende und effekthaschende Heißsporne gehören, während die kaltblütigen, nach positiven Beweisen verlangenden, streng kritischen Leute unmöglich einen anderen, als den von so bedeutenden Fachgelehrten geteilten Standpunkt der Gegnerschaft einnehmen können; ein Standpunkt, der allerdings –«

»Nicht mit Sicherheit zu behaupten ist, wenn man denjenigen der Anhängerschaft nicht kennt,« ergänzte Tilling. »Um zu wissen, was die Gegenargumente wert sind, welche man, so oft eine neue Idee auftaucht, um sich herum im Chor vorbringen hört, muß man in diese neue Idee auch selber eingedrungen sein. Gewöhnlich sind es die schlechtesten und seichtesten Gründe, die mit solcher Einstimmigkeit von den Waffen wiederholt werden – und auf diese hin fällt mir nicht ein, ein Urteil zu stützen. Als die Lehre das Kopernikus auftauchte, konnten nur diejenigen, die sich bei Mühe unterzogen, die kopernikanischen Berechnungen nachzurechnen, einsehen, daß dieselben richtig waren; die anderen, die ihr Urteil nach den Bannflüchen richteten, welche von Rom aus gegen das neue System geschleudert wurden –«

»In unserem Jahrhundert werden, wie ich schon früher bemerkte,« unterbrach der Minister, »wissenschaftliche Hypothesen, wenn sie irrig sind, nicht mehr vom Standpunkte der Orthodoxie, sondern von demjenigen der Wissenschaft abgefertigt.«

»Nicht nur wenn sie irrig sind,« versetzte Tilling, »auch wenn sie sich später bewahrheiten sollen, werden neue Hypothesen anfänglich immer von einer Zopfpartei unter den Gelehrten bestritten. Diese läßt auch heute nicht gern an ihren althergebrachten Anschauungen und Dogmen rütteln; gerade so wie damals nicht nur die Kirchenväter, sondern ebenso die Astronomen gegen Kopernikus geeifert.«

»Wollen's damit behaupten,« fiel der barsche General ein, »daß dem verrückten Engländer seine Affenidee so richtig ist, wie daß die Erd' um die Sonn' herumlauft?«

»Ich will gar nichts behaupten, weil ich, wie gesagt, das Buch nicht kenne. Doch nehme ich mir vor, dasselbe zu lesen; vielleicht – aber auch nur vielleicht, denn meine einschlagenden Kenntnisse sind nur gering – werde ich wir dann ein Urteil bilden können. Bis dahin muß ich mich darauf beschränken, meine Meinung auf den Umstand zu stützen, daß bis Theorie auf verbreiteten und leidenschaftlichen Widerspruch stößt, ein Umstand, welcher nur allerdings eher für als gegen deren Richtigkeit zeugt.«

»Du tapfrer, gerader, heller Geist«, apostrophierte ich in Gedanken, den Sprecher.

* * *

Gegen acht Uhr brachen sämtliche Gäste auf. Mein Vater wollte sie noch alle zurückhalten und auch ich murmelte verbindlich ein paar gastliche Phrasen, wie »Doch wenigstens noch eine Tasse Tee?« aber vergebens. Jeder brachte eine Entschuldigung vor: der eine wurde im Kasino, der andere in einer Soiree erwartet; eine der Damen hatte ihren Logentag in der Oper und wollte den vierten Akt der Hugenotten hören; die zweite erwartete noch Gäste bei sich; kurz, man mußte sie – und nicht so ungern als es den Anschein hatte – ziehen lassen.

Tilling und Doktor Bresser, die sich gleichzeitig mit den andern erhoben hatten, empfahlen sich zuletzt.

»Und was haben Sie beide noch wichtiges vor?« fragte mein Vater.

»Ich eigentlich nichts,« antwortete Tilling lächelnd; »da aber sämtliche Gäste sich entfernen, wäre es unbescheiden –«

»Dasselbe gilt von mir,« fiel der Doktor ein.

»Nun dann lasse ich keinen von beiden fort.«

Ein paar Minuten später hatten mein Vater und der Doktor am Spieltisch Platz genommen und vertieften sich in eine Partie Piket, während Baron Tilling sich an meine Seite zum Kamin setzte. – »Eine ›einschläfernde Geschichte‹ dieses Diner? – Nein, wahrlich, angenehmer und anregend hätte sich mir kein Abend gestalten können –« flog es mir durch den Sinn, und laut:

»Eigentlich sollte ich Ihnen Vorwürfe machen, Baron Tilling, warum haben Sie nach Ihrem ersten Besuch den Weg in mein Haus vergessen?

»Sie hatten mich nicht aufgefordert, wiederzukommen.«

»Ich teilte Ihnen doch mit, daß an Sonnabenden –«

»Ja, ja, zwischen zwei und vier ... Das dürfen Sie mir nicht zumuten, Gräfin. Aufrichtig: ich kenne nichts Schrecklicheres, als diese offiziellen Empfangstage. In einen mit fremden Leuten angefüllten Salon eintreten; – sich vor der Hausfrau verbeugen; – am äußersten Ende eines Halbkreises Platz nehmen; – Bemerkungen über das Wetter austauschen hören und, wenn man zufällig neben einen Bekannten zu sitzen kam, eine eigene Bemerkung hinzufügen; – von der Hausfrau über alle Hindernisse weg mit einer Frage ausgezeichnet zu werden, die man eifrigst beantwortet, hoffend, daß sich nun mit derjenigen, die man besuchen wollte, ein Gespräch entspinnen werde – vergebens: soeben tritt wieder ein anderer Gast ein, der begrüßt werden muß und der sich hierauf auf das nächste leere Plätzchen des Halbkreises niederläßt und – in der Meinung, das Thema sei noch nicht berührt worden – eine neue Bemerkung über das Wetter in Umlauf bringt; dann nach zehn Minuten – wenn abermals Besuchsverstärkung kommt, womöglich eine Mama mit vier heiratsfähigen Töchtern, für die nicht genug Sessel mehr frei wären – im Verein mit einigen anderen aufstehen, von der Hausfrau sich empfehlen und gehen ... nein, Gräfin, so etwas übersteigt meine ohnehin nur schwachen geselligen Fähigkeiten.«

»Sie scheinen überhaupt der Gesellschaft sich fern zu halten – man sieht Sie nirgends. Sie sind ein Menschenfeind? ... Doch nein, diese Frage nehme ich zurück. Aus manchem, was Sie sagten, habe ich herausgehört, daß Sie alle Menschen lieben.«

»Die Menschheit liebe ich, aber alle Menschen? – Nein. Es gibt zu viele nichtswürdige, bornierte, selbstsüchtige, kaltblütig grausame darunter – die kann ich nicht lieben, wenngleich ich sie bedaure, daß ihnen Erziehung und Umstände nicht gestattet haben, liebenswert zu sein.«

»Umstände und Erziehung? Der Charakter hängt doch hauptsächlich von den angeborenen Anlagen ab – meinen Sie nicht?«

»Was Sie angeborene Anlagen nennen, sind doch weiter nichts als auch Umstände, ererbte Umstände.«

»Dann sind Sie der Ansicht, daß ein schlechter Mensch an seiner Schlechtigkeit unschuldig und darum nicht zu verabscheuen sei?«

»Der Nachsatz ist durch den Vordersatz nicht bedingt: unschuldig wohl – aber dennoch zu verabscheuen. Sie sind an Ihrer Schönheit auch unschuldig und darum doch bewunderungswürdig.«

»Baron Tilling! Wir haben angefangen, als zwei vernünftige Leute ernste Dinge zu sprechen – verdiene ich da, plötzlich als komplimentensüchtige Salondame behandelt zu werden?«

»Verzeihen Sie mir, so war es nicht gemeint. Ich habe nur das mir zunächst liegende Argument gebraucht.«

Es entstand eine kleine Pause. Tillings Blick hing mit einem bewundernden, fast zärtlichen Ausdruck an meinen Augen, die ich nicht senkte ... Ich weiß, wohl, daß ich hätte wegschauen sollen – aber ich tat es nicht. Ich fühlte meine Wangen erglühen und wußte, daß, wenn er mich hübsch fand, ich in diesem Augenblick noch hübscher erscheinen mußte ... es war ein angenehmes, »bösgewissiges«, verworrenes Gefühl und dauerte eine halbe Minute. Länger durfte es nicht dauern; ich hob den Fächer vors Gesicht und veränderte meine Stellung. Dann in gleichgültigem Tone:

»Sie haben vorhin dem Minister »Allerdings« eine vortreffliche Antwort gegeben.«

Tilling schüttelte den Kopf, als ob er sich aus einem Traume risse:

»Ich? ... Vorhin? ... Ich erinnere mich nicht. Im Gegenteil: mir scheint, daß ich Ärgernis gegeben habe mit meiner Bemerkung über den Springauf – Hopsauf – oder wie der brave Schütze hieß.«

»Hupfauf.«

»Sie waren die einzige, der ich zu Dank gesprochen. Die Exzellenzherren hingegen habe ich mit meiner, für einen k. k. Oberstleutnant höchst unpassenden Äußerung natürlich verletzt ... ›hartes Herz‹, von einem, der so braves Bestschießen auf den Feind leistet: Lästerung! Soldaten sind doch bekanntlich – je kaltblütiger sie töten – desto gutmütigere Kumpane; es gibt keine sentimentalere Rührfigur im melodramatischen Repertoir, als den schlachtenergrauten, weichherzigen Krieger: keiner Fliege könnte der stelzfüßige Veteran etwas zu Leide tun.«

»Warum sind Sie Soldat geworden?«

»Mit dieser so gestellten Frage beweisen Sie, daß Sie mir ins Herz geschaut haben. Nicht ich – nicht der neununddreißigjähnge Tilling, der drei Feldzüge gesehen, habe den Beruf gewählt, sondern der zehn- oder zwölfjährige kleine Fritzl, der unter hölzernen Streitrossen und bleiernen Regimentern aufgewachsen und den sein Vater, der ordensgeschmückte General, und sein Onkel, der mädchenerobernde Leutnant, aufmunternd fragten: »Junge, was willst du werden? Was sonst als wirklicher Soldat, mit einem wirklichen Säbel und einem lebendigen Pferd?«

»Für meinen Sohn Rudolf wurde mir heute auch eine Schachtel Bleisoldaten gebracht – ich werde sie ihm nicht geben. – Doch warum – als der Fritzl zum Friedrich sich entwickelt hatte, warum haben Sie da nicht einen Stand verlassen, der Ihnen verhaßt geworden?«

»Verhaßt? Das ist zuviel gesagt. Ich hasse den Zustand der Dinge, der uns Menschen so grausige Pflichten auferlegt, wie das Kriegführen; da dieser Zustand nun aber einmal da ist – unvermeidlich da ist – so kann ich die Leute nicht hassen, welche die daraus erwachsenden Pflichten auf sich nehmen und gewissenhaft, mit Aufwand ihrer besten Kräfte, erfüllen. Wenn ich den Militärdienst verließe, würde darum weniger Krieg geführt? Gewiß nicht. Es würde nur an meiner Stelle ein anderer sein Leben einsetzen – das kann ich schon auch selber tun.«

»Könnten Sie Ihren Mitmenschen nicht in einem anderen Stande mehr Nutzen bringen?«

»Ich wüßte nicht. Ich habe nichts anderes gründlich gelernt als die Soldaterei. Man kann um sich herum immer gutes und nützliches wirken; ich habe Gelegenheit genug, den Leuten, die unter mir dienen, das Leben zu erleichtern. Und was mich selber betrifft – ich bin sozusagen auch ein Mitmensch – so genieße ich den Respekt, welchen die Welt meinem Stande entgegenbringt; ich habe eine leidlich gute Karriere gemacht – bin bei den Kameraden beliebt, und freue mich dieser Erfolge. Vermögen besitze ich keins, als Privatmann hatte ich weder die ... Druck unleserlich ... anderen noch mir zu nutzen – aus welchem Grunde hätte ich da meine Laufbahn aufgeben sollen?«

»Weil Ihnen das Totschlagen widerstrebt.«

»Wenn es gilt, das eigene Leben gegen einen anderen Totschläger zu verteidigen, so hört die persönliche Tötungsverantwortung auf. Der Krieg ist oft und ganz zutreffend ein Massenmord benannt worden, aber der einzelne fühlt sich nicht als Mörder. Daß mir jedoch der Kampf widerstrebt, daß mir die Jammerauftritte des Schlachtfeldes Schmerz und Ekel einflößen, das ist wahr. Ich leide dabei, leide intensiv ... aber so muß auch mancher Seemann während des Sturmes von der Seekrankheit leiden, und dennoch, wenn er ein halbwegs braver Kerl ist, hält er aus auf Deck, und wagt sich, wenn es sein muß, immer wieder hinaus ins Meer.«

»Ja, wenn es sein muß. Muß der Krieg denn sein?«

»Das ist eine andere Frage. Aber mitziehen muß der einzelne – und das gibt ihm, wenn auch nicht Lust, so doch Kraft zu seiner Amtserfüllung.«

So sprachen wir noch eine Zeitlang fort – in leisem Ton, um die Piketspieler nicht zu stören – und wohl auch, um von ihnen nicht gehört zu werden, denn unsere getauschten Ansichten – Tilling schilderte noch einige Schlachtenepisoden und seinen dabei empfundenen Abscheu, ich teilte ihm die von Buckle aufgestellten Betrachtungen über den mit steigender Zivilisation abnehmenden Kriegsgeist mit – diese Reden paßten nicht für die Ohren des Generals Althaus. Ich empfand, daß es ein Zeichen großen Vertrauens von seiten Tillings war, mir über dieses Thema so rückhaltlos sein Inneres aufzudecken – es war da ein Strom von Sympathie von einer Seele zur anderen übergegangen ...

»Ihr seid ja dort in sehr eifriges Geflüster vertieft!« rief einmal beim Kartenmischen mein Vater zu uns herüber. »Was komplottiert ihr denn?«

»Ich erzähle der Gräfin Feldzugsgeschichten –«

»So? Das ist sie schon von Kindheit an gewohnt. Ich erzähle dergleichen auch zuweilen. Sechs Blatt, Herr Doktor, und eine Quartmajor –«

Wir nahmen unser Geflüster wieder auf.

Plötzlich, während Tilling sprach – er hatte seinen Blick wieder in den meinen gesenkt und aus seiner Stimme klang so inniges Vertrauen – fiel mir die Prinzessin ein.

Es gab mir einen Stich und ich wandte den Kopf ab.

Tilling unterbrach sich mitten in seinem Satz:

»Was machen Sie so ein böses Gesicht, Gräfin?« fragte er erschrocken; »hab' ich etwas gesagt, das Ihnen mißfallen?«

»Nein, nein ... es war nur ein peinlicher Gedanke. Fahren Sie fort.«

»Ich weiß nicht mehr, wovon ich sprach. Vertrauen Sie mir lieber Ihren peinlichen Gedanken an. Ich habe Ihnen die ganze Zeit über so offen mein Herz ausgeschüttet – vergelten Sie mir das.«

»Es ist mir ganz unmöglich, Ihnen das mitzuteilen, woran ich vorhin dachte.«

»Unmöglich? darf ich raten? ... Betraf es Sie?«

»Nein.«

»Mich?«

Ich nickte.

»Etwas Peinliches über mich, was Sie mir nicht sagen können? ... Ist es –«

»Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf; ich verweigere jede weitere Auskunft!« Dabei stand ich auf und blickte nach der Uhr.

»Schon halb zehn ... Ich werde dir jetzt adieu sagen, Papa –«

Mein Vater schaute von seinen Karten auf.

»Gehst du noch in eine Soiree?«

»Nein, nach Hause – ich bin gestern sehr spät zu Bett gegangen –«

»Und da bist du schläfrig? Tilling, das ist kein Kompliment für Sie.«

»Nein, nein,« protestierte ich lächelnd, »den Baron trifft keine Schuld ... wir haben uns sehr lebhaft unterhalten.«

Ich verabschiedete mich von meinem Vater und dem Doktor; Tilling bat sich die Erlaubnis aus, mich bis zu meinem Wagen zu geleiten. Er war's, der mir im Vorzimmer den Mantel umhing und der mir über die Treppe hinab den Arm reichte. Beim Hinuntergehen blieb er einen Moment stehen und fragte mich ernsthaft:

»Nochmals Gräfin, habe ich Sie etwa erzürnt?«

»Nein – auf Ehre.«

»Dann bin ich beruhigt.«

Indem er mich in den Wagen hob, drückte er fest meine Hand und führte sie an die Lippen.

»Wann darf ich Ihnen meine Aufwartung machen?«

»An Sonnabenden bin ich –«

Er verneigte sich und trat zurück.

Ich wollte ihm noch etwas zurufen, aber der Bediente schloß den Wagenschlag.

Ich warf mich in die Ecke zurück und hätte am liebsten geweint – Tränen des Trotzes, wie ein erbostes Kind. Ich war auf mich selber wütend: wie konnte ich nur so kalt, so unhöflich, so beinahe grob mit einem Menschen sein, der mir so warme Sympathie einflößte ... Daran war diese Prinzessin schuld – wie ich die haßte! Was war das? ... Eifersucht? Jetzt blitzte mir das Verständnis dessen auf, was mich bewegte: ich war in Tilling verliebt – – –

»Verliebt, liebt, liebt« rasselten die Räder auf dem Pflaster, »du liebst ihn,« leuchteten mir die vorüberfliegenden Straßenlaternen zu – »du liebst ihn,« duftete es mir aus dem Handschuh, den ich an meine Lippen führte – an der Stelle, die er geküßt.

* * *

Tags darauf trug ich in die roten Hefte folgende Zeilen ein: »Was mir gestern die Wagenräder und die Straßenlaternen sagten, ist nicht wahr, oder doch zum mindesten sehr übertrieben. Ein sympathischer Zug zu einem edlen und gescheiten Menschen! – ja; aber Leidenschaft? – nein. Ich werde doch mein Herz nicht so hinschleudern an jemand, der einer anderen gehört. Auch er empfindet Sympathie für mich – wir verstehen uns in vielen Dingen; vielleicht bin ich die einzige, der er seine Gedanken über den Krieg mitteilt – aber darum ist er noch lange nicht verliebt in mich – und ebensowenig darf ich es in ihn sein. Daß ich ihn nicht aufforderte, mich an einem anderen Tage als an den ihm so verhaßten Empfangstagen zu besuchen, mochte wohl nach dem vorausgegangenen, vertrauensvollen Gedankenaustausch etwas unfreundlich geschienen haben ... Aber es ist vielleicht besser so. Wenn nur erst ein paar Wochen über die geistigen Eindrücke, die mich so tief erschüttert haben, verstrichen sind, dann werde ich Tilling wieder ganz ruhig begegnen können, mit der Idee vertraut, daß er eine andere liebt und mich harmlos an seinem freundschaftlichen und geistanregenden Umgang erlaben. Denn es ist wahrhaft ein Vergnügen, mit ihm zu verkehren – er ist so anders, so ganz anders als alle anderen. Ich bin wirklich froh, daß ich das heute so gelassen konstatieren kann – gestern mußte ich einen Augenblick schon fürchten, daß es um meine Ruhe geschehen sei, und daß ich die Beute quälender Eifersucht würde ... heute ist diese Furcht verflogen.«

Am selben Tage besuchte ich meine Freundin Lori Griesbach – dieselbe, bei der ich den Tod meines armen Arno erfahren. Sie war unter den jungen Frauen meiner Bekanntschaft diejenige, mit welcher ich am meisten und am intimsten verkehrte. Nicht, daß wir in vielen Hinsichten übereinstimmten, oder daß wir uns gegenseitig vollkommen verstanden – wie dies doch die Grundlage echter Freundschaft sein soll; – aber wir waren als Kinder Gespielinnen, als jung verheiratete Frauen Stellungsgenossinnen gewesen; hatten damals fast täglich verkehrt und so war eine gewisse Gewohnheitsvertraulichkeit zwischen uns entstanden, welche trotz so mancher Grundverschiedenheit unserer Wesen – unseren gegenseitigen Umgang zu einem recht angenehmen und gemütlichen gestaltete. Es war ein gewisses, engbegrenztes Gebiet, auf dem wir uns begegneten, aber auf dem anderen waren wir einander aufrichtig gut. Ganze Seiten meines Seelenlebens blieben ihr ganz verschlossen. Von den An- und Einsichten, zu welchen ich in meiner stillen Studierzeit gelangt war, hatte ich ihr nie ein Wort mitgeteilt und fühlte auch kein Bedürfnis dazu. Wie selten kann man sich einem Menschen ganz geben! Das habe ich recht oft im Leben erfahren, daß ich dem einen nur diese, dem anderen nur jene Seite meiner geistigen Persönlichkeit erschließen konnte; daß, so oft ich mit diesem oder jenem verkehrte, sozusagen ein gewisses Register sich aufzog, die ganze übrige Klaviatur aber stumm blieb.

Zwischen Lori und mir gab es der Gegenstände genug, die uns zu stundenlangem Plaudern Stoff boten: unsere Kindheitserinnerungen, unsere Kleinen, die Ereignisse und Vorkommnisse unseres Gesellschaftskreises, Toilette, englische Romane und dergleichen mehr.

Loris Knabe, Xaver, war im Alter meines Sohnes Rudolf und dessen liebster Spielkamerad, und Loris Töchterchen, Beatrix, damals zehn Monate alt, wurde scherzweise von uns bestimmt, einst Gräfin Rudolf Dotzky zu werden.

»Sieht man dich endlich wieder!« empfing mich Lori. »Du bist ja in letzter Zeit ganz Einsiedlerin geworden. Auch meinen künftigen Schwiegersohn habe ich schon lange nicht die Ehre gehabt bei mir zu sehen – Beatrix wird das sehr übelnehmen ... Jetzt erzähle, Kind, was treibst du? ... Und wie geht es Rosa und Lilli? Für Lilli habe ich übrigens eine interessante Nachricht, die mir mein Mann gestern aus dem Kaffeehaus mitgebracht: es ist einer sehr verliebt in sie, einer, von dem ich glaubte, er machte dir die Cour ... doch das erzähle ich später. Was du da für ein hübsches Kleid hast – von der Francine, nicht wahr? Das habe ich gleich erkannt – sie hat doch ein eigentümliches Cachet ... Und der Hut von Eindreau? Steht dir allerliebst ... Er macht jetzt auch Kostüme, nicht nur Hüte ... auch mit ungeheurem Geschmack. Gestern abend bei Dierichstein – warum bist du nicht gekommen? – hatte die Nini Chotek eine Eindreausche Toilette an und sah beinahe hübsch aus ...«

So ging es eine Zeitlang fort und ich antwortete im selben Tone. Nachdem ich das Gespräch geschickt auf die in der »Welt« kursierenden Klatschereien gelenkt, stellte ich in möglichst unbefangener Weise die Frage:

»Hast du auch gehört, daß, Prinzessin*** ein Verhältnis mit – mit einem gewissen Baron Tilling haben soll?«

»Ich habe so etwas gehört – aber jedenfalls ist das de l'histoire ancienne. Heute ist es eine allbekannte Sache, daß die Prinzessin für einen Burgschauspieler schwärmt. »Interessierst du dich etwa für diesen Baron Tilling? Du wirst rot? Da hilft kein verneinendes Kopfschütteln – beichte lieber! Es ist ohnedies unerhört, daß du so lang kalt und gefühllos bleibst ... es wäre mir eine wahre Genugtuung, dich einmal verliebt zu wissen ... Freilich, eine Partie für dich wäre Tilling nicht – da hast du glänzendere Bewerber – er soll gar nichts haben. Nun, du bist selber reich genug – aber er ist auch zu alt für dich ... Wie alt wäre jetzt der arme Arno? ... Das war doch gar zu traurig damals ... den Augenblick werde ich nie vergessen, da du mir meines Bruders Brief vorgelesen ... Ja, es ist doch eine schlimme Einrichtung, der Krieg ... Für manche – für andere ist er eine wunderschöne Einrichtung: Mein Mann wünscht sich nichts sehnlicher, als daß es bald wieder zu etwas käme; er möchte sich so gern auszeichnen. Ich begreife dies – wenn ich ein Soldat wäre, würde ich mir auch wünschen, eine Großtat machen zu können, oder doch in der Karriere vorwärts zu kommen –«

»Oder verkrüppelt oder totgeschossen zu werden?«

»Daran dächt' ich nie. Daran soll man nicht denken – und es trifft ja doch nur die, denen es bestimmt ist. – So war es deine Bestimmung. Herz, eine junge Witwe zu werden.«

»Darum mußte der Krieg mit Italien ausbrechen?«

»Und wenn es meine Bestimmung ist, die Frau eines verhältnismäßig jungen Generals zu sein –«

»So muß es nächstens zu einem Völkerkonflikt kommen, damit Griesbach schnell avancieren könne? Du zeichnest der Weltordnung einen sehr einfachen Lauf vor. – Was wolltest du mir mit Bezug auf Lilli erzählen?«

»Daß euer Vetter Konrad für sie schwärmt. Ich vermute, er wird nächstens um sie anhalten.«

»Das bezweifle ich. Konrad Althaus ist ein viel zu flatterhafter und toller Bursch', um ans Heiraten zu denken.«

»Ach, toll und flatterhaft sind sie ja alle und heiraten doch, wenn sie sich vernarren ... Glaubst du, daß er der Lilli gefällt?«

»Ich habe nichts bemerkt.«

»Es wäre eine sehr gute Partie. Wenn sein Onkel Drontheim stirbt, so erbt er die Herrschaft Selavetz. Apropos Drontheim – weißt du, daß der Ferdi Drontheim, derselbe, der sein Vermögen mit der Tänzerin Grill durchgebracht hat, jetzt eine reiche Bankierstochter heiraten soll? – Nun – empfangen wird sie doch niemand ... Kommst du heute abend zur englischen Botschaft? Wieder nicht? Eigentlich hast du recht – in diesen Gesandtschafts-Naouts fühlt man sich doch nicht so ganz unter sich: es sind so viele fremdartige Leute dabei, von denen man nicht sicher weiß, ob sie comme il faut sind; jeder durchreisende Engländer, der sich bei seinem Gesandten vorstellen läßt, wird da eingeladen – wenn es auch ein bürgerlicher Gutsbesitzer, oder gar Industrieller oder so etwas ist. Ich habe die Engländer nur in der Tauchnitz-Edition gern ... Hast du »Jane Eyre« schon ausgelesen? – nicht wahr, wunderhübsch? Wenn Beatrix zu sprechen anfängt, werde ich ihr eine englische Bonne nehmen ... Mit der Französin des Xaver bin ich gar nicht zufrieden ... Neulich bin ich ihr auf der Straße begegnet , wie sie dort Kleinen ausführte, und ein junger Mann – anscheinend ein Kommis – ging nebenher, in angelegentlichstem Gespräch mit ihr. Plötzlich stand ich vor ihnen – die Verlegenheit hättest du sehen sollen! Überhaupt, mit den Leuten hat man sein Kreuz! ... Da ist meine Jungfer, die hat mir gekündigt, weil sie heiratet – jetzt, wo ich sie gewohnt war – es ist nichts unausstehlicher, als neue Gesichter zum bedienen ... Was? Du willst schon fort?«

»Ja, liebes Herz – ich muß noch einige unaufschiebbare Besuche machen ...«

Und ich ließ mich nicht bewegen, auch »nur noch fünf Minuten« zu bleiben, obwohl die unaufschiebbaren Besuche erlogen waren. Sonst hatte ich es doch stundenlang ausgehalten, solch inhaltloses Geplapper anzuhören und mitzuplappern – aber an diesem Tage widerte es mich an. Eine Sehnsucht ergriff mich: ... Ach nur wieder so ein Gespräch wie gestern abend – ach Tilling – Friedrich Tilling ... Die Wagenräder hatten also doch recht mit ihrem Refrain! ... Es war eine Wandlung mit mir geschehen – ich war in eine andere Gefühlswelt hinaufgehoben; diese kleinlichen Interessen, in welche meine Freundin so ganz vertieft war: Toiletten, Bonnen, Heirats- und Erbschaftsgeschichten aus der Gesellschaft – das war doch gar zu nichtig, zu erbärmlich, zu erstickend ... Hinaus, hinaus in eine andere Lebensluft! Und Tilling war ja frei: die Prinzessin »schwärmt für einen Burgschauspieler« ... Die hat er wohl nie geliebt ... ein vorübergehendes – ein vorübergegangenes Abenteuer, weiter nichts.

Es verstrichen mehrere Tage, ohne daß ich Tilling wiedersah. Jeden Abend ging ich ins Theater und von da in eine Soiree, in der hoffenden Erwartung ihm zu begegnen, aber vergebens.

Mein Empfangstag brachte mir viele Besuche, aber natürlich nicht den seinen. Den hatte ich auch nicht erwartet. Es sah ihm nicht ähnlich, nach seinem bestimmten »Gräfin, das dürfen Sie mir nicht zumuten« und seinem am Wagenschlag gesagten »Ich verstehe – also gar nicht« sich dennoch an einem solchen Tage bei mir einzufinden.

Ich hatte ihn an jenem Abend gekränkt, daß war gewiß; und er vermied es, mit mir zusammenzukommen, das war offenbar. Allein, was konnte ich tun? Ich brannte danach, ihn wiederzusehen, meine damalige Unfreundlichkeit wieder gut zu machen und eine neue solche Plauderstunde zu erleben wie jene in meines Vaters Haus; eine Plauderstunde, deren Reiz mir jetzt noch hundertfach erhöht worden wäre, durch das mir nunmehr klar gewordene Bewußtsein meiner Liebe.

In Ermangelung Tillings brachte mir der nächstfolgende Sonnabend doch wenigstens Tillings Cousine – dieselbe, auf deren Ball ich ihn kennen gelernt. Als sie eintrat, fing mir das Herz zu pochen an; jetzt konnte ich doch wenigstens etwas von demjenigen erfahren, der meine Gedanken so beschäftigte. Ich brachte es jedoch nicht über mich, eine diesbezügliche Frage zu stellen; ich fühlte, daß ich nicht imstande wäre, den gewissen Namen auszusprechen, ohne verräterisch zu erglühen und so unterhielt ich meine Besucherin von hundert verschiedenen Dingen – unter anderen auch vom Wetter – aber nur nicht von dem, was ich auf dem Herzen hatte.

»Ah, Martha,« sagte jene unvermittelt, »ich habe eine Post an Sie zu bestellen: mein Vetter Friedrich läßt Sie grüßen – er ist vorgestern abgereist.«

Ich fühlte, daß mir das Blut aus den Wangen wich.

»Abgereist? Wohin? Wurde sein Regiment versetzt?«

»Nein ... er hat nur einen kurzen Urlaub genommen, um nach Berlin zu eilen, wo seine Mutter auf dem Sterbebette liegt. Der Arme, er dauert mich; denn ich weiß, wie er seine Mutter vergöttert.«

Nach zwei Tagen erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand, mit dem Poststempel Berlin. Noch ehe ich nach der Unterschrift geschaut, wußte ich, daß das Schreiben von Tilling kam. Es lautete:

»Berlin, Friedrichstr. 8, 30. März 1863. 1 Uhr nachts.

Teure Gräfin! Ich muß jemandem klagen ... Warum gerade Ihnen? habe ich ein Recht dazu? Nein – aber den unwiderstehlichen Drang. Sie werden mir nachfühlen – ich weiß es.

Hätten Sie die Sterbende gekannt. Sie würden sie geliebt haben. Dieses weiche Herz, dieser helle Verstand, diese heitere Laune, diese Hoheit und Würde – und das alles soll jetzt ins Grab – keine Hoffnung!

Ich habe den ganzen Tag an ihrem Lager verbracht und werde auch die Nacht über hier bleiben – ihre letzte Nacht ...

Sie hat viel gelitten, die Arme. Jetzt ist sie ruhig – die Kräfte schwinden, der Pulsschlag hat beinah schon aufgehört ... Außer mir wachen noch ihre Schwester und ein Arzt im Krankenzimmer.

Ach, diese schreckliche Zerreißung: der Tod! Man weiß doch, daß er alle fällen muß, und doch kann man's nie recht fassen, daß er auch unsere Lieben hinraffen darf. Was mir diese Mutter war, das vermag, ich nicht zu sagen.

Sie weiß, daß sie stirbt. Als ich ankam, heute morgen, empfing sie mich mit einem Freudenschrei:

– Also doch – sehe ich dich noch einmal, mein Fritz! Ich fürchtete so, du kämst zu spät.

– Du wirst ja wieder gesund werden, Mutter, rief ich. – Nein, nein – davon ist keine Rede, mein alter Bub'. Nimm diesem unserem letzten Beisammensein nicht die Weihe durch die üblichen Krankenbettvertröstungen. Sagen wir uns Lebewohl –

Ich fiel schluchzend an der Bettseite in die Knie.

– Du weinst, Fritz? Schau, ich sage dir auch nicht das üble »Weine nicht«. Es ist mir lieb, daß dir der Abschied von deiner besten alten Freundin leid tut. Das bürgt mir, daß ich lange unvergessen bleibe –

– So lang ich lebe, Mutter!

– Erinnere dich dabei, daß ich viel Freude an dir gehabt. Außer der Sorge, die mir deine Kinderkrankheiten bereitet, und dem Bangen, während du im Kriege warst, hast du nur glückliche Gefühle verursacht und hast mir alles tragen helfen, was das Schicksal mir Trübes auferlegt. Ich segne dich dafür, mein Kind.

Jetzt kam wieder ein Anfall ihrer Schmerzen über sie. Wie sie jammerte und stöhnte, wie ihre Züge sich verzerrten – es war herzzerreißend. Ja, es ist ein fürchterlicher, grimmer Feind, der Tod ... und der Anblick dieser Agonie rief mir alle Agonien ins Gedächtnis, welche ich auf den Schlachtfeldern und in den Lazaretten gesehen ... Wenn ich denke, daß wir Menschen bisweilen willkürlich, frohgemut einander dem Tod entgegenhetzen, daß wir der vollkräftigen Jugend zumuten, diesem Feind sich willig zu ergeben, gegen den das müde und gebrechliche Alter sogar noch verzweifelt ringt, es ist – niederträchtig!

Diese Nacht ist schaurig lang ... Wenn die arme Kranke nur schlief – aber sie liegt mit offenen Augen da. Ich verbringe immer halbe Stunden lang regungslos an ihrem Lager, dann schleiche ich mich zu diesem Briefbogen, um ein paar Worte zu schreiben – dann wieder zurück zu ihr. So ist es schon vier Uhr geworden. Ich habe eben die vier Schläge von allen Glockentürmen hallen gehört – es mutet einem so kalt, so teilnahmslos an, daß die Zeit stetig unbeirrt durch alle Ewigkeit fortschreitet, während eben für ein heißgeliebtes Wesen die Zeit aufhören soll – für alle Ewigkeit. Aber je kälter, je teilnahmsloser das All sich zu unserm Schmerz verhält, desto sehnsüchtiger flüchten wir an ein anderes Menschenherz, von dem wir glauben, daß es mitfühlend schlägt. Darum hat mich das weiße Papierblatt, das der Arzt beim Rezeptschreiben auf dem Tische liegen ließ, herangelockt – und darum schicke ich das Blatt an Sie ...

7 Uhr. Es ist vorbei.

– Lebe wohl, mein alter Bub'. Das waren ihre letzten Worte. Darauf schloß sie die Augen und schlief ein. – Schlaf wohl, meine alte Mutter!

Weinend küßt Ihre lieben Hände Ihr zu Tode betrübter

Friedrich Tilling.«

Diesen Brief besitze ich noch. Wie zerknittert und verblaßt sieht das Blatt nicht aus! Nicht nur die verflossenen fünfundzwanzig Jahre haben diese Verwitterung verursacht, sondern auch die Tränen und Küsse, mit welchen ich damals die lieben Schriftzüge bedeckte. »Zu Tode betrübt« – ja – aber auch »himmelhochjauchzend« war mir zu Mute, nachdem ich gelesen. Deutlicher – obwohl kein Wort von Liebe darin stand – konnte kein Brief den Beweis erbringen, daß der Schreiber die Empfängerin – und keine andere – liebte. Daß er in solcher Stunde, am Sterbelager der Mutter, sein Leid nicht am Herzen der Prinzessin auszuweinen sich sehnte, sondern an dem meinen – das mußte doch jeden eifersüchtigen Zweifel ersticken.

Ich überschickte am selben Tage einen Totenkranz aus hundert großen weißen Kamelien, mit einer halberblühten roten Rose drin. Ob er wohl verstehen würde, daß die blassen, duftlosen Blumen der Dahingeschiedenen galten, als Symbole der Trauer, und das glutfarbige Röschen ihm? ...

* * *

Drei Wochen waren vergangen.

Konrad Althaus hatte um meine Schwester Lilli angehalten und einen Korb bekommen. Er nahm jedoch die Sache nicht tragisch und blieb wie zuvor ein eifriger Besucher unseres Hauses und umschwärmte uns in den Salons der Gesellschaft.

Ich drückte ihm einmal meine Verwunderung über seine unerschütterte Vasallentreue aus:

»Es freut mich sehr,« sagte ich, »daß du nicht zürnst; aber es beweist mir, daß dein Gefühl für Lilli doch kein so heftiges war, wie du vorgibst, denn verschmähte Liebe pflegt boshaft und nachträglich zu sein.«

»Du irrst, verehrteste Frau Cousine – ich habe die Lilli rasend gern. Zuerst glaubte ich, mein Herz gehöre dir; du hast dich aber so zurückhaltend kalt erwiesen, daß ich noch rechtzeitig die keimende Leidenschaft erstickte; dann hab' ich mich eine Zeitlang für Rosa interessiert; schließlich aber hat sich meine Neigung bei Lilli fixiert – und dieser Neigung werde ich jetzt treu bleiben – bis an mein Lebensende.«

»Sieht dir ganz ähnlich.«

»Lilli oder keine!«

»Da sie dich aber nicht will, mein armer Konrad?«

»Glaubst du, ich wäre der erste, der einen Korb bekommen, der sich bei derselben einen zweiten und dritten geholt und beim vierten Antrag angenommen wurde? – schon um der Zudringlichkeit ein Ende zu machen? ... Lilli hat sich nicht verliebt in mich, eine nicht ganz erklärliche – aber immerhin eine Tatsache. Daß sie unter so bewandten Umständen der für so viele Mädchen unwiderstehlichen Verlockung, Frau zu werden, widerstanden hat, und auf einen, vom weltlichen Standpunkt annehmbaren Antrag nicht eingegangen ist, das gefällt mir eigentlich sehr gut von ihr, und ich bin noch verliebter als zuvor. Nach und nach wird meine Anhänglichkeit sie rühren und Gegenliebe erwecken; dann sollst du noch meine Schwägerin werden, liebste Martha. Hoffentlich wirst du mir nicht entgegenwirken?«

»Ich? – o nein, im Gegenteil; mir gefällt dein Verharrungssystem. So sollte immer um uns geworben werden – mit Zeit- und Zärtlichkeitsaufwand – was die Engländer to woe and to win nennen. Aber minnen und gewinnen: dazu geben sich unsere jungen Herren wahrlich nicht die Mühe. Sie wollen ihr Glück nicht erst erringen, sondern es mühelos pflücken, wie eine Blume am Wegesrand!«

Tilling war seit vierzehn Tagen nach Wien zurückgekehrt – so hatte ich erfahren – doch kam er nicht zu mir. In. den Salons konnte ich natürlich kaum erwarten, ihm zu begegnen, da ihn seine Trauer von allen gesellschaftlichem Umgang fern hielt. Doch hatte ich gehofft, daß er zu mir kommen oder wenigstens mir schreiben würde; es verging aber ein Tag um den andern, ohne mir den erwarteten Besuch oder Brief zu bringen.

»Ich begreife nicht, was du hast, Martha,« so sprach mich eines Morgens Tante Marie an; »du bist seit einiger Zeit so verstimmt, so zerstreut, so, ich weiß nicht wie ... du hast sehr, sehr unrecht, daß du keinem deiner Bewerber Gehör schenkst. Dieses Alleinsein – das habe ich zu allem Anfang gesagt – taugt nicht für dich. Die Folge davon ist dieser Spleen, der dich jetzt auszeichnet. – Hast du schon deine österliche Andacht verrichtet? Das würde dir auch gut tun.«

»Ich denke, beides: heiraten und beichten, sollte aus Liebe zur Sache getan werden und nicht als Spleenkur. – Von meinen Bewerbern gefällt mir keiner, und was das Beichten betrifft –«

»So ist es höchste Zeit: morgen ist Gründonnerstag ... Hast du Billetts zur Fußwaschung?«

»Ja – Papa hat mir welche verschafft – aber ich weiß wirklich nicht, ob ich gehen werde.«

»O das mußt du – es gibt nichts Schöneres und Erhebenderes als diese Zeremonie ... der Triumph der christlichen Demut: Kaiser und Kaiserin auf dem Boden rutschend, um die Füße armer Pfründner und Pfründnerinnen zu waschen – symbolisiert das nicht so recht, wie klein und nichtig die irdische Majestät vor der göttlichen ist?«

»Um durch Niederknien Demut sinnbildlich darzustellen, muß man sich eben sehr erhaben fühlen. Es drückt aus: was Gott Sohn im Verhältnis zu den Aposteln, das bin ich, Kaiser zu den Pfründnern. Mir kommt dieses Grundmotiv der Zeremonie nicht gerade demütig vor.«

»Du hast kuriose Ansichten, Martha. In den drei Jahren, die du in ländlicher Einsamkeit und mit Lesen schlechter Bücher zugebracht hast, sind deine Ideen so verschroben worden.«

» Schlechte Bücher?«

»Ja, schlecht – ich halte das Wort aufrecht. Neulich, als ich in meiner Unschuld zum Erzbischof von einem Buch sprach, das ich auf deinem Tisch gesehen und das ich dem Titel nach für ein Andachtsbuch hielt: »Das Leben Jesu« von einem gewissen Strauß – da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und rief: ›Barmherziger Himmel, wie kommen Sie zu so einem ruchlosen Werk?‹ Ich wurde ganz feuerrot und versicherte, daß ich das Buch nicht selber gelesen, sondern nur bei einer Verwandten gesehen. ›Dann fordern Sie diese Verwandte bei ihrer Seligkeit auf, diese Schrift ins Feuer zu werfen.‹ Das tue ich hiermit, Martha. Wirst du dies Buch verbrennen?«

»Wären wir um zwei- oder dreihundert Jahre jünger, so könnten wir zusehen, wie nicht nur das Werk, sondern auch der Autor in Flammen aufginge. Das wäre wirksamer – momentan wirksamer – auch nicht für lang'...«

»Du antwortest mir nicht. Wirst du das Buch verbrennen?«

»Nein.«

»So kurzweg nein?« »Wozu lange Reden? Wir verstehen einander in dieser Richtung doch nicht, mein liebstes Tantchen. Laß dir lieber erzählen, was gestern der kleine Rudolf ...«

Und damit war das Gespräch glücklich auf ein anderes, sehr ergiebiges Thema gelenkt, wo es zu keiner Meinungsverschiedenheit zwischen uns kam; denn über die Tatsache, daß Rudolf Dotzky das herzigste, originellste, für sein Alter vorgeschrittenes Kind der Welt ist – darüber waren wir beide einig.

Am folgenden Tag entschloß ich mich doch, der Fußwaschung beizuwohnen. Etwas nach zehn Uhr, schwarz gekleidet, wie es sich für die Karwoche ziemt, begaben wir uns, meine Schwester Rosa und ich, in den großen Zeremoniensaal der Burg. Daselbst waren auf einer Estrade Plätze für die Mitglieder der Aristokratie und des diplomatischen Korps vorbehalten. Man war da also wieder unter sich und teilte rechts und links Grüße aus. Auch die Galerie war dicht gefüllt: gleichfalls Bevorzugte, welche Eintrittskarten erlangt hatten – aber doch etwas »gemischt«, nicht zur »Creme« gehörig, wie wir da unten, auf unserer Estrade. Kurz, die alte Kastenabsonderung und -bevorrechtung – anläßlich dieser Feier der symbolisierten Demut.

Ich weiß nicht, ob den anderen irgendwie religiös-weihevoll zu Mute war; aber ich erwartete das Kommende mit ganz derselben Empfindung, mit welcher man im Theater einem angekündigten Spektakelstück entgegensieht. Ebenso gespannt, wie man da – nachdem die Grüße von Loge zu Loge getauscht, den aufzurollenden Vorhang ansieht, schaute ich nach der Richtung, wo die Chöre und Solisten des bevorstehenden Schaugedränges erscheinen sollten. Die Dekoration war schon aufgestellt – nämlich die lange Tafel, an welcher die zwölf Greise und zwölf Greisinnen Platz zu nehmen hatten.

Ich war doch froh, gekommen zu sein; denn ich fühlte mich gespannt, was immerhin eine angenehme Empfindung ist, und eine Empfindung, welche momentan von kummervollen Gedanken befreit. Mein steter Kummer war der: »Warum läßt sich Tilling nicht sehen?« Jetzt hatte mich diese fixe Idee verlassen; was ich zu sehen erwartete und wünschte, waren die kaiserlichen und pfründnerischen Mitwirkenden der angesetzten Feier. Und gerade in diesem Augenblicke, wo ich seiner nicht dachte, fielen meine Augen auf Tilling. Soeben nach beendeter Messe waren die Hofwürdenträger in den Saal getreten, gefolgt von der Generalität und dem Offizierkorps; ich ließ meinen Blick gleichgültig über alle diese uniformierten Gestalten schweifen – dieselben waren ja nicht die Träger der Hauptrollen, sondern nur zum Ausfüllen der Bühne bestimmt – da plötzlich erkannte ich Tilling, der gerade unserer Tribüne gegenüber Aufstellung genommen hatte. Es durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag. Er sah nicht in unsere Richtung. Seine Miene trug die Spur des in den letzten Wochen durchgemachten Leides: es lag ein tieftrauriger Ausdruck in seinen Zügen. Wie gern hätte ich durch einen stummen, innigen Händedruck mein Mitgefühl ihm ausgedrückt! Ich ließ meinen Blick hartnäckig auf ihn geheftet, hoffend, daß dies durch eine magnetische Gewalt ihn zwingen würde, auch zu mir aufzuschauen – aber vergebens.

»Sie kommen, sie kommen!« rief Rosa, mich anstoßend. »So sieh doch hin ... Wie schön! Wie ein Gemälde!« Es waren die Greise und Greisinnen, angetan in altdeutsche Tracht, welche jetzt hereingeleitet wurden. Die jüngste von den Frauen – so hatten die Zeitungen berichtet – war achtundachtzig, der jüngste von den Männern fünfundachtzig Jahre alt. Runzlich, zahnlos, gebückt; – ich konnte Rosas »Ach wie schön« wahrlich nicht bestätigt finden. Was ihr gefiel, war jedenfalls die Verkleidung. Diese stimmte eigentlich auch vortrefflich zu der ganzen, von mittelalterlichem Geist durchwehten Zeremonie. Die Anachronismen hier waren wir, in unseren modernen Kleidern und mit unseren modernen Begriffen – wir paßten nicht in dies Gemälde.

Nachdem die vierundzwanzig Alten ihre Sitze an der Tafel eingenommen hatten, trat eine Anzahl goldgestickter und ordengeschmückter, zumeist ältlicher Herren in den Saal: – die Geheimen Räte und Kammerherren; viele bekannte Gesichter – auch Minister »Allerdings« befand sich darunter. Zuletzt folgten die Geistlichen, welche bei der feierlichen Handlung fungieren sollten. Jetzt also war der Einmarsch der Statisten vorüber und die Erwartung des Publikums auf das höchste gespannt.

Meine Augen waren jedoch nicht so starr, wie diejenigen der übrigen Zuschauer, nach jener Richtung geheftet, wo der Hof erscheinen sollte, sondern lehrten immer zu Tilling zurück. Dieser hatte mich nunmehr gesehen und erkannt. Er grüßte.

Wieder legte sich Rosas Hand auf meinen Arm: »Martha – ist dir unwohl? Du bist plötzlich blaß und rot geworden – schau'! ... jetzt! jetzt!!«

In der Tat: der Kapell – will sagen der Oberzeremonienmeister holt seinen Stab und gab das Zeichen, daß das Kaiserpaar nahe. Dies versprach nun allerdings einen lohnenden Anblick, denn abgesehen davon, daß es das höchste war – war es sicherlich eins der schönsten Paare im Lande. Mit Kaiser und Kaiserin zugleich waren auch mehrere Erzherzöge und Erzherzoginnen hereingekommen, und jetzt konnte die Feier beginnen. Truchsessen und Edelknaben trugen die gefüllten Schüsseln herbei, und der Monarch und die Monarchin stellten dieselben vor die sitzenden Alten hin. Das war wieder mehr Gemälde als je. Das Geräte und die Speisen und die Art der Pagen, dieselben zu tragen, erinnerte an verschiedene berühmte Bilder von Festgelagen im Renaissancestil.

Kaum aber waren die Gerichte aufgestellt, so wurde die Tafel wieder abgeräumt, eine Arbeit, welche – gleichfalls als Zeichen der Demut – die Erzherzöge verrichteten. Hiernach ward die Tafel hinausgetragen, die eigentliche Effektszene des Stückes (was die Franzosen »le clou de la pièce« nennen) – die Fußwaschung – begann. Freilich nur eine Scheinwaschung, wie das Mahl nur ein Scheinmahl gewesen. Auf dem Boden knieend, streifte der Kaiser mit einem Tuch über die Füße der Greise hinweg, nachdem der ihm assistierende Priester aus einer Kanne scheinbar Wasser darübergegossen, und so rutschte er vom ersten bis zum zwölften Pfründner, während die Kaiserin – die man sonst nur so majestätisch hochaufgerichtet zu sehen bekommt – in derselben demütigen Stellung, in welcher sie ihre gewohnte Anmut übrigens nicht verliert, die gleiche Prozedur an den zwölf Pfründnerinnen vornahm. Die begleitende Musik, oder, wenn man will, den erklärenden Chor, bildete das gleichzeitig vom Hofburgpfarrer vorgelesene Evangelium des Tages.

Gern hätte ich auf einige Augenblicke mitempfinden mögen, was in dem Geiste dieser Alten vorging, während sie so dasaßen, in der seltsamen Tracht, von einer glänzenden Menge angegafft, den Landesvater, die Landesmutter – Ihre Majestäten – zu ihren Füßen ... Wahrscheinlich wäre es gar keine klare Empfindung gewesen, die ich danach gefühlt hätte, wenn mir der gewünschte momentane Bewußtseinstausch gewährt worden wäre, sondern ein verwirrter, geblendeter Halbtraum, ein zugleich frohes und peinliches, verlegenes und feierliches Gefühl, ein vollständiges Stillstehen der Gedanken in den ohnehin unwissenden und altersschwachen armen Köpfen. Das einzige Wirkliche und Faßbare an der Sache mochte den guten Alten nur die Aussicht auf das rotseidene Beutelchen mit den dreißig Silberstücken sein, welches jedem von Allerhöchster Hand umgehängt ward, und auf den Korb voll Speisen, welchen man ihnen auf die Heimfahrt mitgibt.

Die ganze Zeremonie war schnell zu Ende und gleich darauf leerte sich der Saal. Zuerst zog sich der Hof zurück; hierauf entfernten sich alle anderen Mitbeteiligten, und zugleich auch das Publikum von Estrade und Galerie.

»Schön war's, schon war's!« flüsterte Rosa mit einem tiefen Atemzug.

Ich antwortete nichts. Eigentlich hatte ich keine Ursache, die Verwirrung und Gedankenarmut der Festgreise zu bemitleiden, war mir doch selber das Verständnis der eben stattgehabten Feier ein ziemlich verschwommenes, und hatte ich nur noch den einen Gedanken im Sinn: »Wird er uns am Ausgang er warten?«

Doch wir gelangten nicht so schnell zum Ausgang, als ich gewollt hätte. Zuerst hieß es doch, mit fast sämtlichen Estradezuschauern, welche gleichzeitig mit uns ihre Plätze verließen, Hände schütteln und ein paar Phrasen tauschen. Man blieb da im Stiegenhause in einer großen Gruppe stehen und es gab einen förmlichen Morgenraout. »Grüß' dich, Toni.« – »Bonjour, Martha.« – »Ach, Sie auch da, Gräfin?« – »Bist du für den Ostersonntag schon vergeben?« – »Guten Tag, Durchlaucht, vergessen Sie nicht, daß wir Sie morgen abend zu einer kleinen Tanzerei erwarten.« – »Warst du gestern bei den Dominikanern in der Predigt?« – »Nein, ich war im Sacré cœur, wo meine Töchter eine Retraite machen.« – »Die nächste Probe zu unserer Wohltätigkeitsvorstellung ist Dienstag um zwölf Uhr, lieber Baron, seien Sie ja pünktlich.« – »Die Kaiserin hat wieder superb ausgesehen.« – »Hast du bemerkt, Lori, wie der Erzherzog Ludwig Viktor immer zu der Götter-Fanny herüberschielte?« – »Madame, j'ai l'honneur de vous présenter mes hommages.« – »Ah,c'est vous, marquis ... charmée.« – »I wish you good morning, Lord Chesterfield« – »Oh, how are you? Awfully fine women, your Empress.« – »Haben Sie schon eine Loge gesichert für die Vorstellung der Adelina Patti? Ein ganz wunderbarer aufgehender Stern ...« – »Die Nachricht von der Verlobung des Ferdi Drontheim mit der Bankierstochter soll sich also doch bestätigen – es ist ein Skandal!«

Und so schwirrte es hin und her. Ein unbefangener Horcher hätte diesen Gesprächen wohl kaum angemerkt, daß sie der Nachstimmung einer eben verrichteten Demutsandacht entsprangen.

Endlich traten wir vor das Tor hinaus, wo unsere Wagen warteten und eine Menge Volk versammelt war. Diese Leute, wollten wenigstens diejenigen sehen, welche so glücklich waren, den Allerhöchsten Hof gesehen zu haben: sie konnten dann ihrerseits als diejenigen, welche die Gesehenhabenden gesehen hatten, wieder minder Bevorzugten sich sehen lassen.

Kaum waren wir hinausgetreten, so stand Tilling vor mir. Er verneigte sich.

»Ich muß Ihnen noch danken, Gräfin Dotzky, für den herrlichen Kranz.«

Ich reichte ihm die Hand – aber konnte kein Wort sprechen.

Unser Wagen war vorgefahren; wir mußten einsteigen und Rosa drängte auch vorwärts; Tilling führte die Hand an die Mütze und wollte zurücktreten. Da machte ich eine heftige Anstrengung und sagte mit einer Stimme, die mir selber ganz fremd klang:

»Sonntag zwischen zwei und drei werde ich zu Hause sein.«

Er verneigte sich stumm und wir stiegen ein.

»Du mußt dich erkältet haben, Martha,« bemerkte meine Schwester, als wir davonfuhren: »Deine Aufforderung klang furchtbar heiser. Und warum hast du mir diesen schwermütigen Stabsoffizier nicht vorgestellt? Ich habe noch selten ein weniger aufheiterndes Gesicht gesehen.«

* * *

Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde ließ sich Tilling bei mir anmelden. Vorher hatte ich in die roten Hefte folgende Eintragung gemacht:

»Ich ahne, daß der heutige Tag über mein Schicksal entscheiden wird. Mir ist so feierlich und bang, so süß erwartungsvoll zu Mute. Diese Stimmung muß ich in diesen Blättern fixieren, damit, wenn ich einst nach langen Jahren darin blättere, ich mir recht lebhaft die Stunde ins Gedächtnis zurückrufen könne, welcher ich jetzt so bewegt entgegensehe. Vielleicht kommt es ganz anders, als ich denke – vielleicht auch genau so ... jedenfalls wird es mich einst interessieren, zu sehen, wie weit Voraussicht und Wirklichkeit sich deckten. – – –

Der Erwartete liebt mich – das bewies mir sein am Sterbelager der Mutter geschriebener Brief; er ist wiedergeliebt – das muß ihm das Röslein im Totenkranz verraten haben ... Und nun kommen wir zusammen – ohne Zeugen – im Innersten bewegt – er trostbedürftig – ich vom Wunsche zu trösten durchdrungen: ich glaube, es wird gar nicht viel Worte geben ... Tränen in unserer beiden Augen, zitternd vereinte Hände – und wir werden uns verstanden haben ... Zwei liebende, zwei glückliche Menschen – ernsthaft, weihevoll, leidenschaftlich, andächtig glücklich – während in der Gesellschaft die Sache gleichgültig und trocken etwa so verkündet wird! »Wissen Sie schon? die Martha Dotzky hat sich mit Tilling verlobt – eine miserable Partie.« ... Es ist zwei Uhr und fünf Minuten – jetzt kann er jeden Augenblick eintreten. – Die Glocke... dieses Herzklopfen, dieses Zittern, ich fühle, daß – –«

So weit war ich gekommen. Die letzte Zeile ist mit beinahe unleserlichen Buchstaben gekritzelt, ein Zeichen, daß »dieses Herzklopfen, dieses Zittern« keine bloße rhetorische Figur war. Voraussicht und Wirklichkeit deckten sich nicht. Tilling verhielt sich während seines halbstündigen Besuches ganz zurückhaltend und kalt. Er bat mich um Verzeihung für die Kühnheit, welche er gehabt, an mich zu schreiben; er möge dieses Beiseitesetzen der Etikette der Unzurechnungsfähigkeit zugute halten, welche einen Menschen in so schmerzlichen Augenblicken befallen kann. Dann erzählte er mir noch einiges von den letzten Tagen und aus dem Leben seiner Mutter; aber von dem, was ich erwartet hatte – kein Wort. Und so wurde auch ich immer zurückhaltender und kälter. Als er sich zum Gehen erhob, machte ich keinen Versuch, ihn zu halten, und forderte ihn auch nicht auf, wiederzukommen.

Und als er draußen war, stürzte ich wieder zu den noch offen liegenden roten Heften hin und schrieb den unterbrochenen Satz weiter:

»Ich fühle, daß – alles aus ist ... daß ich mich schmählich getäuscht habe, daß er mich nicht liebt und jetzt auch glauben wird, daß er mir ebenso gleichgültig ist, wie ich ihm. Beinahe abstoßend habe ich mich benommen. Ich fühle – er kommt nie wieder. Und doch enthält die Welt keinen zweiten Menschen für mich! So gut, so edel, so geistvoll ist keiner mehr – und so lieb wie ich dich gehabt hätte, Friedrich, so lieb hat dich keine andere, deine Prinzessin – zu der du zurückgekehrt zu sein scheinst,– schon gewiß nicht. Mein Sohn Rudolf, du sollst mein Trost und mein Halt sein. Fortan will ich von Frauenliebe nichts mehr wissen; nur die Mutterliebe soll mir Herz und Leben ausfüllen ... Wenn es mir gelingt, einen solchen Mann aus dir zu bilden, wie jener einer ist – wenn ich einst von dir so beweint werde, Rudolf, wie jener seine Mutter beweint, so werde ich mein Ziel erreicht haben.«

Eigentlich eine törichte Einrichtung, das Tagebuchschreiben. Diese stets wechselnden, zerfließenden und neu erstehenden Wünsche, Vorsätze und Anschauungen, welche den Lauf des Seelenlebens bilden, durch aufgeschriebene Worte verewigen zu wollen, das ist ein verfehltes Beginnen und bringt dem älteren nachlesenden Ich die immerhin beschämende Erkenntnis der eigenen Veränderlichkeit. Hier standen nun auf demselben Blatte und unter demselben Datum zwei so grundverschiedene Stimmungen verzeichnet: zuerst die zuversichtlichste Hoffnung – daneben die vollständigste Entsagung und die nächsten Blätter sollen doch wieder ganz Neues berichten ...

Der Ostermontag war vom herrlichsten Frühlingswetter begünstigt und die an diesem Tage hergekommenermaßen stattfindende Praterfahrt – eine Art Vorfeier des großen Ersten-Mai-Korso, fiel besonders glänzend aus. Ich weiß noch, wie dieser Glanz, diese Fest- und Lenzwonne, die mich da umgab, mit der Traurigkeit kontrastierte, welche mein Gemüt erfüllte. Und doch – ich hätte meine Traurigkeit nicht hergeben wollen – nicht wieder so heiteren, dabei aber leeren Herzens sein, wie vor etwa zwei Monaten, als ich Tilling noch nicht kannte. Denn wenn meine Liebe auch allem Anschein nach eine unglückliche war, so war es doch Liebe – das heißt eine Steigerung der Lebensintensität: dieses warme, zärtliche Gefühl, welches mein Herz schwellte, so oft das teure Bild mir vor das innere Auge trat – ich hätte es nimmer missen mögen. Daß ich den Gegenstand meiner Träume hier im Prater, mitten im Gewühl weiblicher Fröhlichkeit zu Gesicht bekommen würde, erwartete ich nicht. Und doch: als ich einmal zerstreut die Blicke nach der Reitallee schweifen ließ, sah ich von weitem, die Allee in unserer Richtung herabgaloppierend, einen Offizier, in welchem ich sogleich – obschon mein kurzsichtiges Auge ihn nur undeutlich ausnahm –, Tilling erkannte. Als er nun in die Nähe kam und, zu uns herübersalutierend, sich mit unserem Wagen kreuzte, da erwiderte ich seinen Gruß nicht nur mit einem Kopfnicken, sondern mit lebhaftem Winken. Im selben Augenblick war ich gewahr, daß ich da etwas Unpassendes und Ungerechtfertigtes getan.

»Wem hast du solche Zeichen gemacht?« fragte meine Schwester Lilli: »War es etwa Papa? ... Ah, ich sehe,« fügte sie hinzu, »da spaziert ja eben der unvermeidliche Konrad – dem galt deine Handverrenkung?«

Dieses rechtzeitige Erscheinen des »unvermeidlichen Konrad« kam mir sehr gelegen. Ich war dem treuen Vetter dankbar dafür und betätigte diese Dankbarkeit sofort

»Schau, Lilli,« sagte ich, »er ist doch ein lieber Mensch und gewiß nur wieder deinetwegen hier – du solltest dich seiner erbarmen, du solltest ihm gut sein.... O, wenn du wüßtest, wie süß es ist, jemanden lieb zu haben, du würdest dein Herz nicht so verschließen. Geh, mach ihn glücklich, den guten Menschen.«

Lilli schaute mich erstaunt an. »Wenn er mir aber gleichgültig ist, Martha?«

»So liebst du vielleicht einen anderen?«

Sie schüttelte den Kopf: »Nein, niemand.«

»O du Arme!«

Wir fuhren noch zwei- oder dreimal die Allee auf und nieder. Aber denjenigen, nach welchem meine Blicke jetzt spähend umhersuchten, sah ich kein zweites Mal. Er hatte den Prater wieder verlassen.

Einige Tage später, um die Nachmittagsstunde, trat Tilling bei mir ein. Er traf mich jedoch nicht allein. Mein Vater und Tante Marie waren auf Besuch gekommen, und außerdem befanden sich noch Rosa und Lilli, Konrad Althaus und Minister »Allerdings« in meinem Salon.

Ich hatte Mühe, einen Überraschungsschrei zu unterdrücken: der Besuch kam mir so unerwartet und so freudig erregend zugleich. Aber mit der Freude war es bald vorüber, als Tilling, nachdem er die Anwesenden begrüßt und sich auf meine Einladung mir gegenüber niedergesetzt hatte, in kaltem Tone sagte:

»Ich bin gekommen, Ihnen meine Abschiedsaufwartung zu machen, Gräfin. Ich verlasse in den nächsten Tagen Wien.«

»Auf lange?« »Und wohin?« »Und warum?« »Und wieso?« fragten gleichzeitig und lebhaft die anderen, während ich stumm blieb.

»Vielleicht auf immer. – Nach Ungarn. – Zu einem anderen Regiment versetzen lassen. – Aus Vorliebe für die Magyaren,« gab Tilling nach den verschiedenen Seiten Bescheid.

Indessen hatte ich mich gefaßt. »Das war ein rascher Entschluß,« sagte ich möglichst ruhig. »Was hat Ihnen denn unser Wien zu leid getan, daß Sie es auf so gewaltsame Weise verlassen?«

»Es ist mir zu lebhaft und zu lustig. Ich bin in einer Stimmung, welche die Sehnsucht nach einsamer Pußta mit sich bringt.«

»Ach was,« meinte Konrad, »je trüber die Stimmung, desto mehr soll man Zerstreuung suchen. Ein Abend im Karltheater wirkt jedenfalls erfrischender als tagelange beschauliche Einsamkeit.«

»Das beste, um Sie aufzurütteln, lieber Tilling,« sagte mein Vater, »wäre wohl ein frischer, fröhlicher Krieg – aber leider ist jetzt gar keine Aussicht dazu vorhanden; der Friede droht sich unabsehbar auszudehnen.«

»Was das doch für sonderbare Wortzusammensetzungen sind,« konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken: »Krieg und – fröhlich; Friede und – drohen.«

»Allerdings,« bestätigte der Minister, »der politische Horizont zeigt vor der Hand noch keinen schwarzen Punkt; doch es steigen Wetterwolken mitunter ganz unerwartet rasch auf – und die Chance ist niemals ausgeschlossen, daß eine – wenn auch geringfügige – Differenz einen Krieg zum Ausbruch bringt. Das sage ich Ihnen zum Trost, Herr Oberstleutnant. Was mich anbelangt, der ich kraft meines Amtes die inneren Angelegenheiten meines Landes zu verwalten habe, so müssen meine Wünsche allerdings nur nach möglichst langer Erhaltung des Friedens gerichtet sein; denn dieser allein ist geeignet, die in meinem Ressort liegenden Interessen zu fördern; doch hindert dies mich nicht, die berechtigten Wünsche derer anzuerkennen, welche vom militärischen Standpunkt allerdings –«

»Gestatten Sie mir, Exzellenz,« unterbrach Tilling, »für meine Person gegen die Zumutung mich zu verwahren, daß ich einen Krieg herbeiwünsche. Und auch gegen die Unterstellung zu protestieren, als dürfe der militärische Standpunkt ein anderer sein als der menschliche. Wir sind da, um, wenn der Feind das Land bedroht, dasselbe zu schützen, gerade so wie die Feuerwehr da ist, um, wenn ein Brand ausbricht, denselben zu löschen. Damit ist weder der Soldat berechtigt, einen Krieg, noch der Feuerwehrmann, einen Brand herbeizuwünschen. Beides bedeutet Unglück, schweres Unglück, und als Mensch darf keiner am Unglück seiner Mitmenschen sich erfreuen.«

»Du guter, teurer Mann!« redete ich im stillen den Sprecher an. Dieser fuhr fort:

»Ich weiß wohl, daß die Gelegenheit zu persönlicher Auszeichnung dem einen nur bei Feuersbrünsten, dem anderen nur bei Feldzügen geboten wird; aber wie kleinherzig und enggeißig muß ein Mensch nicht sein, damit sein selbstisches Interesse ihm so riesig erscheine, daß es ihm den Ausblick auf das allgemeine Weh verrammelt. Oder wie hart und grausam, wenn er es dennoch sieht und als solches mitempfindet. Der Friede ist die höchste Wohltat – oder vielmehr die Abwesenheit der höchsten Übeltat, – er ist, wie Sie selber sagten, der einzige Zustand, in welchem die Interessen der Bevölkerung gefördert werden können, und Sie wollten einem ganzen großen Bruchteil dieser Bevölkerung – dieser Armee – das Recht zuerkennen, den gedeihlichen Zustand wegzuwünschen und den verderblichen zu ersehnen? Diesen »berechtigten« Wunsch großziehen, bis er zur Forderung anwächst, und dann vielleicht sogar erfüllen? Krieg führen, damit die Armee doch beschäftigt und befriedigt werde – Häuser anzünden, damit die Löschmannschaft sich bewähren und Lob ernten könne?«

»Ihr Vergleich hinkt, lieber Oberstleutnant,« entgegnete mein Vater, indem er gegen seine Gewohnheit Tilling mit seinem militärischen Titel ansprach, vielleicht um ihn zu ermahnen, daß seine Gesinnungen mit seiner Charge nicht übereinstimmten.– »Feuersbrünste bringen nur Schaden, während Kriege dem Lande Macht und Größe zuführen können. Wie anders haben sich denn die Staaten gebildet und ausgebreitet, als durch siegreiche Feldzüge? Der persönliche Ehrgeiz ist wohl nicht das einzige, was dem Soldaten Freude am Kriege macht, vor allem ist es der nationale, der vaterländische Stolz, der da seine köstliche Nahrung findet; – mit einem Wort, der Patriotismus–«

»Nämlich die Liebe zur Heimat!« fiel Tilling ein. »Ich begreife nicht, warum gerade wir Militärs machen, als hätten wir dieses, den meisten Menschen natürliche Gefühl allein in Pacht. Jeder liebt die Scholle, auf der er aufgewachsen; jeder wünscht die Hebung und den Wohlstand der eigenen Landsleute; aber Glück und Ruhm sind durch ganz andere Mittel zu erreichen, als durch den Krieg; stolz kann man auf ganz andere Leistungen sein, als auf Waffentaten; ich bin zum Beispiel auf unseren Anastasius Grün stolzer, als auf diesen oder jenen Generalissimus.«

»Wie kann man einen Dichter mit einem Feldherrn nur vergleichen!« rief mein Vater. »Das frage ich auch. Der unblutige Lorbeer ist weitaus der schönere.«

»Aber lieber Baron,« sagte nun meine Tante, »so habe ich noch keinen Soldaten sprechen hören. Wo bleibt da die Kampfbegeisterung, wo das kriegerische Feuer?«

»Das sind mir keine unbekannten Gefühle, meine Gnädige. Von solchen beseelt, bin ich als neunzehnjähriger Junge zum erstenmal zu Felde gezogen. Als ich aber die Wirklichkeit des Gemetzels gesehen, nachdem ich Zeuge der dabei entfesselten Bestialität gewesen, da war es mit meinem Enthusiasmus vorbei, und in die nachfolgenden Schlachten ging ich schon nicht mehr mit Lust, sondern mit Ergebung.«

»Hören Sie, Tilling, ich habe mehr Kampagnen mitgemacht als Sie und auch Schauderszenen genug gesehen, aber mich hat der Eifer nicht verlassen. Als ich im Jahre 49 schon als ältlicher Mann mit Radetzky marschierte, war's mit demselben Jubel wie das erste Mal.«

»Entschuldigen Sie, Exzellenz – aber Sie gehören einer älteren Generation an, einer Generation, in welcher der kriegerische Geist noch viel lebendiger war, als in der unseren, und in welcher das Weltmitleid, das nach Abschaffung alles Elends begehrt und jetzt in immer größere Kreise dringt, noch sehr unbekannt war.«

»Was hilft's? Elend muß es immer geben – das läßt sich nicht abschaffen, ebensowenig wie der Krieg.« ...

»Sehen Sie, Graf Althaus, mit diesen Worten kennzeichnen Sie den einstigen, jetzt schon sehr erschütterten Standpunkt, auf welchem sich die Vergangenheit allen sozialen Übeln gegenüber verhielt, nämlich den Standpunkt der Resignation, mit der man das Unvermeidliche, das Naturnotwendige bedachtet. Wenn aber einmal beim Anblick eines großen Elends die zweifelnde Frage »Mußte es sein?« ins Herz gedrungen ist, so kann das Herz nicht mehr kalt bleiben, und es steigt neben dem Mitleid zugleich eine Art Reue auf – keine, persönliche Reue, sondern – wie soll ich sagen? – ein Vorwurf des Zeitgewissens.«

Mein Vater zuckte die Achseln. »Das ist mir zu hoch,« sagte er. »Ich kann Sie nur versichern, daß nicht nur wir Großväter mit Stolz und Freude an die durchgemachten Feldzüge zurückdenken, sondern daß auch die meisten von den Jungen und Jüngsten, wenn befragt, ob sie gern in den Krieg zögen, lebhaft antworten würden: Ja gern – sehr gern.«

»Die Jüngsten – gewiß. Die haben noch den in der Schule eingepflanzten Enthusiasmus im Herzen. Und von den anderen antworten viele dieses »Gern!«, weil es nach allgemeinen Begriffen als männlich und tapfer erscheint, das aufrichtige »Nicht gern« aber gar zu leicht als Furcht gedeutet werden könnte.«

»Ach,« sagte Lilli mit einem kleinen Schauder, »ich würde mich auch fürchten ... Das muß ja entsetzlich sein, wenn so von allen Seiten die Kugeln fliegen, wenn jeden Augenblick der Tod droht –«

»So etwas klingt aus Ihrem Mädchenmunde ganz natürlich,« entgegnet« Tilling, »aber wir müssen den Selbsterhaltungstrieb verleugnen ... Soldaten müssen auch das Mitleid, den Mitschmerz für den auf Freund und Feind hereinbrechenden Riesenjammer verleugnen, denn nächst der Furcht wird uns jede Sentimentalität, jede Rührseligkeit am meisten verübelt.«

»Nur im Krieg, lieber Tilling,« sagte mein, Vater, »nur im Krieg, im Privatleben haben wir, Gott sei Dank, auch weiche Herzen.«

»Ja, ich weiß: das ist so eine Art Verzauberung. Nach der Kriegserklärung heißt es plötzlich von allen Schrecknissen: »Es gilt nicht.« Kinder lassen manchmal diese Konvention in ihren Spielen walten. »Wenn ich dies oder jenes tue, so gilt es nicht,« hört man sie sagen. Und im Kriegsspiel herrschen auch solche unausgesprochene Übereinkommen: Totschlag gilt nicht mehr als Totschlag, Raub ist nicht Raub – sondern Requisition, brennende Dörfer stellen keine Brandunglücke, sondern »genommene Positionen« vor. Von allen Satzungen des Gesetzbuchs, des Katechismus, der Sittlichkeit heißt es da – solange die Partie dauert – »Es gilt nicht.« Wenn aber manchmal der Spieleifer nachläßt, wenn das verabredete »Gilt nicht« für einen Moment aus dem Bewußtsein schwindet und man die umgebenden Szenen in ihrer Wirklichkeit erfaßt und dies abgrundtiefe Unglück, das Massenverbrechen als geltend begreift, da wollte man nur noch eins, um sich aus dem unerträglichen Weh dieser Einsicht zu retten: – tot sein.«

»Eigentlich, es ist wahr,« bemerkte Tante Marie nachdenklich, »Sätze wie: Du sollst nicht töten – sollst nicht stehlen – liebe deinen Nächsten wie dich selbst – verzeihe deinen Feinden –«

»Gilt nicht,« wiederholte Tilling. »Und diejenigen, deren Beruf es wäre diese Sätze zu lehren, sind die ersten, welche unsere Waffen segnen und des Himmels Segen auf unsere Schlachtarbeit herabflehen.«

»Und mit Recht,« sagte mein Vater. »Schon der Gott der Bibel war der Gott der Schlachten, der Herr der Heerscharen ... Er ist es, der uns befiehlt, das Schwert zu führen, er ist es –«

»Als dessen Willen die Menschen immer dasjenige dekretieren,« unterbrach Tilling, »was sie getan sehen wollen – und dem sie zumuten, ewige Gesetze der Liebe erlassen zu haben, welche er, – wenn die Kinder das große Haßspiel aufführen –, durch göttliches »Gilt nicht« aufhebt. Genau so roh, genau so inkonsequent, genau so kindisch wie der Mensch, ist der jeweilig von ihm dargestellte Gott. Und jetzt, Gräfin,« fügte er hinzu, indem er aufstand, »verzeihen Sie mir, daß ich eine so unerquickliche Diskussion heraufbeschworen habe, und lassen Sie mich Abschied nehmen.«

Stürmische Empfindungen durchbebten mich. Alles, was er eben gesprochen, hatte mir den teuren Mann noch teurer gemacht ... Und jetzt sollte ich von ihm scheiden – vielleicht auf Nimmerwiedersehen? So vor anderen Leuten ein kaltes Abschiedswort mit ihm wechseln und damit alles zu Ende sein lassen? ... Es war nicht möglich: ich hätte, wenn die Türe sich hinter ihm geschlossen, in Schluchzen ausbrechen müssen. Das durfte nicht sein. Ich stand auf: »Einen Augenblick, Baron Tilling,« sagte ich ... »ich muß Ihnen doch noch jene Photographie zeigen, von der wir neulich gesprochen.«

Er schaute mich erstaunt an, denn es war zwischen uns niemals von einer Photographie die Rede gewesen. Dennoch folgte er mir in die andere Ecke des Salons, wo auf einem Tische verschiedene Albums lagen und – wo man sich außer Gehörweite der anderen befand.

Ich schlug ein Album auf und Tilling beugte sich darüber. Indessen sprach ich halblaut und zitternd zu ihm: »So lasse ich Sie nicht fort ... Ich will, ich muß mit Ihnen reden.«

»Wie Sie wünschen, Gräfin – ich höre.«

»Nein, nicht jetzt. Sie müssen wiederkommen ... morgen, um diese Stunde!«

Er schien zu zögern.

»Ich befehle es ... bei dem Andenken Ihrer Mutter, um welche ich mit Ihnen geweint –«

»O Martha!«

Der so ausgesprochene Name durchzuckte mich wie ein Glücksstrahl.

»Also morgen,« wiederholte ich, ihm in die Augen schauend.

»Um dieselbe Stunde.«

Wir waren einig. Ich kehrte zu den anderen zurück und Tilling, nachdem er noch meine Hand an seine Lippen geführt und die übrigen mit einer Verbeugung begrüßt hatte, ging zur Türe hinaus.

»Ein sonderbarer Mensch,« bemerkte mein Vater kopfschüttelnd. »Was er da alles gesagt hat, würde höheren Ortes kaum Beifall finden.«

* * *

Als am folgenden Tage die bestimmte Stunde schlug, gab ich, wie anläßlich seines ersten Besuches, Befehl, niemand anderen als Tilling vorzulassen. Ich sah der kommenden Unterhaltung mit gemischten Gefühlen leidenschaftlichen Bangens, süßer Ungeduld und – einiger Verlegenheit entgegen. Was ich eigentlich ihm sagen wollte, das wußte ich nicht genau – darüber wollte ich gar nicht nachdenken. ... Wenn Tilling etwa die Frage an mich stellte: »Nun denn, Gräfin, was haben Sie mir mitzuteilen – was wünschen Sie von mir?« so konnte ich doch nicht die Wahrheit antworten, nämlich: »Ich habe »Ihnen mitzuteilen, daß, ich Sie liebe; ich wünsche, daß – Du bleibst.« – Aber in so trockener Form würde er mich wohl nicht verhören und wir würden uns schon verstehen, ohne solche kategorische Fragen und Antworten. Die Hauptsache war: ihn noch einmal sehen – und wenn schon geschieden sein mußte, so doch nicht ohne vorher ein herzliches Wort gesprochen, ein inniges Lebewohl getauscht zu haben. Bei dem blos gedachten Worte Lebewohl füllten sich meine Augen mit Tränen. –

In diesem Augenblick trat der Erwartete ein. »Ich gehorche Ihrem Befehle, Gräfin und – was ist Ihnen?« unterbrach er sich. »Sie haben geweint? Sie weinen noch?«

»Ich? ... nein ... es war der Rauch – im Nebenzimmer, der Kamin ... Setzen Sie sich, Tilling ... Ich bin froh, daß Sie gekommen sind –«

»Und ich glücklich, daß Sie mir befohlen haben zu kommen – erinnern Sie sich? im Namen meiner Mutter befohlen ... Auf das hin habe ich mir vorgenommen, Ihnen alles zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Ich –«

»Nun – warum halten. Sie inne?«

»Das Sprechen wird mir schwerer noch, als ich glaubte.«

»Sie zeigten mir doch so viel Vertrauen – in jener schmerzlichen Nacht, wo Sie an einem Sterbebette wachten. – Wie kommt es, daß Sie jetzt so alles Vertrauen wieder verloren haben?«

»In jener feierlichen Stunde war ich aus mir selber herausgetreten – seither hat mich wieder meine gewohnte Schüchternheit erfaßt. Ich sehe ein, daß ich damals mein Recht überschritten – und um es nicht wieder zu überschreiten, hatte ich Ihre Nähe geflohen.«

»In der Tat ja: Sie scheinen mich zu meiden. Warum?«

»Warum? Weil – weil ich Sie anbete.«

Ich antwortete nichts, und um meine Bewegung zu verbergen, wandte ich den Kopf ab. Auch Tilling war verstummt. Endlich faßte ich mich wieder und brach das Schweigen: »Und warum wollen Sie Wien verlassen?« fragte ich.

»Aus demselben Grunde.«

»Können Sie Ihren Entschluß nicht mehr rückgängig machen?«

»Ich könnte wohl – noch ist die Versetzung nicht entschieden.«

»Dann bleiben Sie.« Er faßte meine Hand – »Martha!« Es war zum zweitenmal, daß er mich bei meinem Namen nannte Diese beiden Silben hatten einen berauschenden Klang für mich ... Darauf mußte ich etwas erwidern, was ihm ebenso süß klänge – auch zwei Silben, in welchen alles lag, was mir das Herz schwellte, und meinen Blick zu ihm erhebend sagt ich leise: »Friedrich!«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür und mein Vater kam herein.

»Ah, da bist du ja! Der Bediente sagte, du wärest nicht zu Hause ... ich aber antwortete, daß ich auf dich warten wollte ... Guten Tag, Tilling! Nach Ihrem gestrigen Abschied bin ich sehr überrascht, Sie hier zu finden –«

»Meine Abreise ist wieder aufgehoben, Exzellenz, und da kam ich –«

»Meiner Tochter eine Antrittsvisite machen? Schön. Und jetzt wisse, was mich zu dir führt, Martha. Es ist eine Familienangelegenheit ....«

Tilling stand auf:

»Dann störe ich vielleicht?«

»Meine Mitteilung hat ja keine solche Eile.« –

Ich wünschte Papa samt seiner Familienangelegenheit zu den Antipoden. Ungelegener hätte mir keine Unterbrechung kommen können. Tilling blieb jetzt nichts anderes übrig, als zu gehen. Aber nach dem, was eben zwischen uns vorgefallen, bedeutete Entfernung keine Trennung: Unsere Gedanken, unsere Herzen blieben beieinander.

»Wann seh' ich Sie wieder?« fragte er leise, als er mir zum Abschied die Hand küßte.

»Morgen um neun Uhr früh im Prater, zu Pferd,« antwortete ich rasch im selben Tone.

Mein Vater grüßte den Fortgehenden ziemlich kalt, und nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen:

»Was soll das bedeuten?« fragte er mit strenger Miene. »Du lassest dich verleugnen – und ich finde dich in tête-à-tête mit diesem Herrn?«

Ich wurde rot – halb in Zorn, halb in Verlegenheit.

»Was ist die Familienangelegenheit, welche du –«

»Das ist sie. Ich wollte deinen Courmacher nur entfernen, um dir meine Meinung sagen zu können .... Und ich betrachte es als eine für unsere Familie sehr wichtige Angelegenheit, daß du, Gräfin Dotzky, geborene Althaus, deinen Ruf nicht etwa verscherzest.«

»Lieber Vater, der sicherste Wächter meines Rufes und meiner Ehre ist mir in der Person des kleinen Rudolf Dotzky gegeben, und was die väterliche Autorität des Grafen Althaus anbelangt, so lasse mich in aller Ehrerbietung dich erinnern, daß ich in meiner Eigenschaft als selbständige Witwe derselben entwachsen bin. Ich beabsichtige nicht, mir einen Liebhaber zu nehmen, denn das ist's, was du zu vermuten scheinst; aber wenn ich mich entschließen wollte, wieder zu heiraten, so behalte ich mir vor, ganz frei nach meinem Herzen zu wählen.«

»Den Tilling heiraten? wo denkst du hin? Das gäbe erst eine rechte Familienkalamität. Da wäre mir beinahe noch lieber ... nein, das will ich nicht gesagt haben ... aber ernstlich, du führst doch keine solche Idee im Schilde?«

»Was wäre dagegen einzuwenden? Du hast mir erst neulich einen Oberleutnant, einen Hauptmann und einen Major in Vorschlag gebracht – Tilling ist nun gar schon Oberstleutnant –«

»Das ist das schlimmste an ihm. Wäre er Zivilist, so könnte man ihm die Ansichten noch verzeihen, die er gestern vorgebracht hat, aber bei einem Militär grenzen dieselben hart an Verrat ... Er möchte wohl gern seinen Abschied nehmen, um ja nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, einen Feldzug mitzumachen, dessen Strapazen und Leiden er offenbar fürchtet. Und da er kein Vermögen besitzt, so ist es eine ganz kluge Idee von ihm, eine reiche Heirat machen zu wollen. Ich hoffe aber zu Gott, daß sich zu diesem Zwecke keine Frau hergeben wird, welche die Tochter eines alten Soldaten ist, der in vier Kriegen gefochten hat, und bereit wäre, heute noch mit Begeisterung auszurücken – und die Witwe eines tapferen jungen Kriegers, welcher auf dem Felde der Ehre einen ruhmvollen Tod gefunden.«

Mein Vater, welcher während des Sprechens mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging, war hochgerötet und seine Stimme zitterte vor Erregung. Auch ich war im Innersten erregt. Das Phrasenwerk, das hohle Wortgeklingel, in welche die Angriffe auf den Mann meiner Liebe eingekleidet waren, widerte mich an. Aber ich fand keine Entgegnung. Daß meine Verteidigung das bodenlose Unrecht, welches Tilling hier geschah, nicht aufheben konnte, das fühlte ich. Wenn mein Vater die gestern geäußerten Ansichten so falsch beurteilte, so lag das eben an einem gänzlichen Unverständnis. Gegen die Gesichtspunkte, welche Tilling vertreten hatte, war mein Vater einfach blind. Ich konnte ihn nicht sehend machen. Ich konnte ihn nicht lehren, einen anderen ethischen Maßstab – als den soldatischen, der ja in General Althaus' Augen der höchste Maßstab war – an die Gesinnungen zu legen, welche jener als Mensch und Denker hegte. Aber während ich dem eben gehörten Ausfall gegenüber so stumm dastand, daß mein Vater wohl glauben mochte, er habe mich beschämt und meine Absichten im Keime erstickt, fühlte ich mich doppelt sehnsüchtig zu dem verkannten Manne hingezogen und in dem Entschluß bestärkt, die Seine zu werden. Ich war ja zum Glück frei. Des Vaters Mißbilligung konnte mich allerdings betrüben, allein mich von dem Zuge meines Herzens zurückhalten, das konnte sie nicht. Und auch zu großer Betrübnis war kein Raum in meiner Seele. Das wunderbare, das mächtige Glück, welches in der letzten Viertelstunde sich mir eröffnet hatte, war zu lebhaft, um daneben den Verdruß aufkommen zu lassen.

* * *

Am folgenden Morgen erwachte ich mit einem Gefühle, das dem glich, womit ich jedesmal als Kind am Weihnachtstage und einmal als Braut an meinem Vermählungsmorgen erwachte: dieselbe unaussprechliche Erwartung, dasselbe erregte Bewußtsein, daß heute Frohes, Großes bevorstünde. Einige Mißstimmung brachte mir zwar die Erinnerung an die Worte, welche Tags vorher mein Vater gesprochen – aber diesen Gedanken hatte ich schnell wieder verscheucht.

Es war noch nicht neun Uhr, als ich am Eingang der Praterallee den Wagen verließ und mein mit dem Reitknecht vorausgeschicktes Pferd bestieg. Das Wetter war frühlingsduftend und mild – zwar sonnenlos, darum aber nur desto milder, und Sonnenschein trug ich ohnehin im Herzen. Es hatte in der Nacht geregnet; die Blätter prangten in frischem Grün und aus dem Boden drang feuchter Erdgeruch herauf.

Ich war kaum hundert Schritte die Allee hinabgeritten, als ich hinter mir den Hufschlag eines in scharfem Trabe heransprengenden Pferdes vernahm.

»Ah, grüß Gott, Martha – das freut mich, dich hier zu treffen.«

Es war Konrad, der Unvermeidliche. Mich freute diese Begegnung gar nicht. Nun freilich, der Prater war nicht mein Privatpark und an so schönen Frühlingsmorgen ist die Reitallee stets gefüllt: wie konnte ich nur so ungeschickt sein, hier auf ein ungestörtes Stelldichein zu rechnen? Althaus hatte sein Pferd die Gangart des meinen annehmen lassen – und schickte sich offenbar an, der treue Begleiter meines Spazierrittes zu sein. Jetzt erblickte ich von weitem Friedrich von Tilling, der in unserer Richtung die Allee herabgaloppierte.

»Vetter – nicht wahr, ich bin dir eine gute Verbündete? Du weißt, daß ich mir Mühe gebe, Lilli für dich zu stimmen?«

»Ja, edelste der Cousinen.«

»Erst gestern abends habe ich ihr wieder deine guten Eigenschaften gepriesen ... denn du bist wirklich ein prächtiger Junge: gefällig, rücksichtsvoll –«

»Was willst du nur von mir?«

»Daß du deinem Tiere einen Gertenhieb gibst und weiter trabst ...«

Schon war Tilling ganz nahe. Zuerst schaute Konrad ihn, dann mich an, und ohne ein Wort zu sagen, nickte er mir lächelnd zu und stürmte davon, als wäre er auf der Flucht.

»Wieder dieser Althaus!« waren Tillings erste Worte, nachdem er Kehrt gemacht, um an meiner Seite weiterzureiten. In seinem Ton und seinen Mienen drückte sich deutlich Eifersucht aus. Das freute mich. »Ist er bei meinem Anblicke so ausgerissen, oder geht sein Pferd durch?«

»Ich habe ihn weggeschickt, weil –«

»Gräfin Martha – daß ich Sie grade mit Althaus treffen mußte. Wissen Sie, daß die Welt behauptet, er sei in seine Cousine verliebt?«

»Das ist wahr.«

»Und werbe um ihre Gunst.«

»Das ist auch wahr.«

»Und nicht hoffnungslos?«

»Nicht ganz hoffnungslos –«

Tilling schwieg. Ich schaute ihm glücklich lächelnd ins Gesicht.

»Ihr Blick widerspricht Ihren letzten Worten,« sagte er nach einer Pause; »Denn Ihr Blick scheint mir zu sagen: Althaus liebt mich hoffnungslos.«

»Er liebt mich überhaupt nicht. Der Gegenstand seiner Werbung ist meine Schwester Lilli.«

»Sie wälzen mir einen Stein vom Herzen. Dieser Mensch war mit ein Grund, warum ich Wien verlassen wollte. Ich hätte es nicht ertragen können, sehen zu müssen –«

»Und was hatten Sie noch für andere Gründe?« unterbrach ich.

»Die Angst, daß meine Leidenschaft zunehme, daß ich sie nicht länger würde verhehlen können – daß ich mich lächerlich machte und glücklich zugleich –«

»Sind Sie unglücklich heute?«

»O Martha! ... Ich lebe seit gestern in einem solchen Taumel der Gefühle, daß ich fast bewußtlos bin. Aber nicht ohne Angst – wie wenn man gar zu süß träumt – daß ich plötzlich wieder zu einer schmerzlichen Wirklichkeit erweckt werde. Im Grunde ist ja meine Liebe doch aussichtslos ... Was kann ich Ihnen bieten? Heute lächelt mir Ihre Huld und erhebt mich in den siebenten Himmel ... Morgen – oder etwas später – werden Sie mir die unverdiente Huld wieder entziehen und mich in einen Abgrund der Verzweiflung stürzen ... Ich kenne mich selbst nicht mehr: wie hyperbolisch ich da rede – der ich sonst ein ruhiger, besonnener Mensch, ein Feind aller Übertreibungen bin ... Aber Ihnen gegenüber kommt mir nichts mehr übertrieben vor: in Ihrer Macht liegt es, mich selig und elend zu machen« ...

»Sprechen wir auch von meinen Zweifeln: die Prinzessin –«

»O, ist dieser Klatsch Ihnen auch zu Ohren gekommen? Nichts – nichts ist daran.«

»Natürlich, Sie leugnen. Das ist Ihre Pflicht –«

»Die betreffende Dame, deren Herz jetzt bekanntermaßen in der Burg gefesselt ist – auf wie lang? denn dieses Herz verschenkt sich häufig –, die Dame würde auch den diskretesten Menschen nicht zu Grabesverschwiegenheit verpflichten – also können Sie mir doppelt glauben. Und übrigens: hätte ich Wien verlassen wollen, wenn jenes Gerücht begründet wäre?«

»Eifersucht kennt keine Vernunftschlüsse: hätte ich Sie hierher bestellt, wenn ich gekommen wäre, um meinen Vetter Althaus zu treffen?«

»Es wird mir schwer, Martha, so ruhig neben Ihnen herzureiten ... Ich wollte Ihnen zu Füßen fallen – wollte wenigstens Ihre geliebte Hand an meine Lippen führen –«

»Lieber Friedrich,« sagte ich zärtlich, »solche Ergüsse sind nicht nötig – auch mit Worten kann man huldigen, wie mit einem Kniefall und liebkosen, wie –«

»Mit einem Kuß,« ergänzte er.

Nach diesem letzten Worte, das uns beide elektrisch durchzuckte, schauten wir uns eine Zeitlang in die Augen und erfuhren, daß man auch mit Blicken küssen kann ...

Er sprach zuerst:

»Seit wann?«

Ich verstand die unvollendete Frage ganz gut.

»Seit jenem Diner bei meinem Vater,« antwortete ich. »Und Sie?«

»Sie? Dieses Sie ist eine Dissonanz, Martha. Soll ich diese Frage beantworten, so werde sie anders formuliert.«

»Und – – du?«

»Ich? Wohl auch seit demselben Abend. Aber so recht klar wurde es mir erst am Sterbebett meiner armen Mutter ... Wie sehnsüchtig meine Gedanken zu dir flüchteten!«

»Das habe ich auch so verstanden. Du hingegen hast die Sprache der roten Rose nicht verstanden, die zwischen den weißen Totenblumen eingeflochten war, sonst hättest du bei deiner Ankunft mich nicht so gemieden. Ich begreife noch jetzt den Grund dieses Fernhaltens nicht – und warum du abreisen wolltest.«

»Weil sich mein Gedanke nie bis zu der Hoffnung verstieg, daß ich dich erringen könnte. Erst als du mir bei dem Andenken meiner Mutter befahlst, zu dir zu kommen und zu bleiben befahlst – da habe ich verstanden, daß du mir gewogen bist – daß ich dir mein Leben weihen dürfe.«

»Also, wenn ich mich nicht selber dir ›an den Hals geworfen‹ – du hättest dich nicht um mich bemüht?«

»Du hast eine große Anzahl Bewerber – unter diesen Haufen würde ich mich nicht gemischt haben.«

»Ach, die zählen ja nicht. Die meisten haben es doch nur darauf abgesehen, die reiche Witwe –«

»Siehst du – mit diesen Worten ist die Schranke bezeichnet, die mich von der Bewerbung abhielt: eine reiche Witwe – und ich – ganz ohne Vermögen. Lieber an unglücklicher Liebe zu Grunde gehen, als von der Welt und namentlich von der Frau, die ich anbete, dessen verdächtigt zu werden, wessen du deinen Bewerbertroß soeben beschuldigt hast.«

»O du Stolzer, Edler, Teurer! Ich wäre übrigens nicht imstande, dir einen niedrigen Gedanken zuzumuten« ...

»Woher dieses Vertrauen? Eigentlich kennst du mich ja so wenig.«

Und jetzt forschten wir einander noch weiter aus. Auf diese Frage »seit wann« wir uns liebten, folgten nun die Erörterungen »warum«? Was mich zuerst angezogen, war die Art gewesen, wie er vom Kriege gesprochen hatte. Was ich im stillen gedacht und gefühlt – glaubend, es könne kein Soldat ein Gleiches denken und am allerwenigsten äußern – das hatte er mit größerer Klarheit gedacht, als ich, stärker gefühlt – und ganz freimütig ausgesprochen. So sah ich, wie sein Herz die Interessen seines Standes und sein Geist die Ansichten seiner Zeit überragten. Das war's, was sozusagen die Grundlage meiner ihm geweihten Liebe bildete – daneben gab es für das aufgestellte »warum« noch unzählige »weil«. Weil er eine so hübsche, vornehme Erscheinung besaß; – weil in seiner Stimme ein so sanfter und fester Ton vibrierte; – weil er ein so liebender Sohn gewesen; – weil –

»Und du? Warum liebst du mich?« unterbrach ich meinen Rechenschaftsbericht.

»Aus tausend Gründen und aus einem.«

»Laß, hören. Zuerst die tausend.«

»Das große Herz – der kleine Fuß – die schönen Augen – der glänzende Geist – das sanfte Lächeln – der scharfe Witz – die weiße Hand – die frauenhafte Würde – der wunderbare –«

»Halt ein! Das sollte so bis tausend fortgehen? Da sag' mir lieber den einen Grund.«

»Das ist auch einfacher, denn der eine in seiner Kraft und Unwiderstehlichkeit umfaßt die anderen alle. Ich lieb' dich, Martha, weil, – ich dich liebe. Darum.«

* * *

Vom Prater aus fuhr ich geradewegs zu meinem Vater. Die Mitteilung, die ich ihm zu machen hatte, würde zu unangenehmen Erörterungen Anlaß geben, das sah ich voraus. Doch ich wollte diese unausbleibliche Unannehmlichkeit sobald als möglich überstanden haben, und ihr lieber noch unter dem ersten Eindruck meines eben erworbenen Glückes die Stirne bieten.

Mein Vater, der ein Spätaufsteher war, saß noch bei seinem Frühstück über den Morgenblättern, als ich in sein Arbeitszimmer eindrang. Tante Marie war gleichfalls anwesend und gleichfalls mit Zeitunglesen beschäftigt.

Bei meinem etwas ungestümen Eintritt blickte mein Vater überrascht von seiner »Presse« auf, und Tante Marie legte ihr »Fremdenblatt« aus der Hand.

»Martha? So früh? Und im Reitkleid – was bedeutet das?«

Ich umarmte die beiden und sagte dann, mich in einen Lehnsessel werfend:

»Das bedeutet, daß ich von einem Ritt im Prater komme, wo etwas vorgefallen ist, das ich euch ohne Aufschub mitteilen wollte. Ich nahm mir daher nicht einmal die Zeit, nach Hause zu fahren und Toilette zu wechseln –«

»Also gar so wichtig und eilig?« fragte mein Vater, indem er sich eine Zigarre ansteckte. »Erzähle, wir sind gespannt.«

Sollte ich weiter ausholen? Sollte ich Einleitungen und Vorbereitungen machen? Nein: lieber kopfüber mich hineinstürzen, wie man vom Sprungbrett sich ins Wasser schwingt –:

»Ich habe mich verlobt –«

Tante Marie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und mein Vater runzelte die Stirn:

»Ich will doch nicht hoffen –« begann er.

Aber ich ließ ihn nicht ausreden: »Verlobt mit einem Manne, den ich von Herzen liebe und hochachte, von dem ich glaube, daß er mich vollständig glücklich machen kann – mit Baron Friedrich von Tilling.«

Mein Vater sprang auf:

»Da haben wir's! Nach allem, was ich dir gestern gesagt –«

Tante Marie schüttelte den Kopf:

»Ich hätte lieber einen anderen Namen gehört,« sagte sie. »Erstens ist Baron Tilling keine Partie, er soll gar nichts haben; zweitens scheinen mir seine Grundsätze und Ansichten ...«

»Seine Grundsätze und Ansichten stimmen mit den meinen überein, und eine sogenannte ›Partie‹ zu suchen – darauf bin ich nicht angewiesen ... Vater – mein Herzensvater, schau' nicht so bitter drein – verdirb mir das hohe Glück nicht, welches ich zu dieser Stunde empfinde – mein guter, geliebter alter Papa!«

»Aber Kind,« antwortete er in etwas besänftigtem Tone, denn ein wenig Zärtlichkeit pflegte ihn gleich zu entwaffnen: »es ist ja eben dein Glück, was ich im Auge habe. Ich könnte mit keinem Soldaten glücklich werden, der nicht mit Leib und Seele Soldat ist.«

»Du brauchst ja Tilling nicht zu heiraten,« bemerkte Tante Marie ganz zutreffend. »Das Soldatentum ist das geringste,« fügte sie hinzu; »aber ich könnte mit einem Manne nicht glücklich werden, der von dem Gott der Bibel in so wenig ehrerbietigem Tone redet, wie neulich –«

»Erlaube mir, dich aufmerksam zu machen, liebste Tante, daß auch du Friedrich Tilling nicht zu heiraten brauchst.«

»Des Menschen Wille ist sein Himmelreich,« sagte mein Vater mit einem Seufzer, indem er sich wieder niedersetzte. »Natürlich wird Tilling quittieren?«

»Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Lieber wäre es mir freilich – aber ich fürchte, er wird es nicht tun.«

»Wenn ich denke, daß du einem Fürsten einen Korb gegeben hast,« seufzte Tante Marie, »und jetzt statt dich erheben, wirft du auf der gesellschaftlichen Leiter hinabsteigen!«

»Wie unfreundlich ihr beide seid – und ihr behauptet doch, mich lieb zu haben. Da komme ich zu euch – das erstemal seit des armen Arno Tode – mit der Nachricht, daß ich mich vollkommen glücklich fühle, und anstatt euch dessen zu freuen, sucht ihr allerlei Vergällungsgründe hervor – und was für welche: Militarismus, Jehovah, soziale Leiter!«

Nach einem halben Stündchen war es mir doch gelungen, die alten Leute einigermaßen umzustimmen. Ich hatte mir – nach der Tags zuvor gehaltenen Rede zu schließen – den Widerstand meines Vaters viel heftiger gedacht. Vermutlich würde er auch, falls meinerseits bloße Absicht und Neigung vorgelegen hätte, energisch versucht haben, Absicht und Neigung zu ersticken; aber dem » fait accompli« gegenüber sah er wohl ein, daß Widerstand nichts mehr nützen konnte. Oder war es doch der Einfluß des überströmenden Glücksgefühls, welches in meinen Augen leuchten und in meiner Stimme leben mochte, das seinen Verdruß verscheuchte, und woran er unwillkürlich freudigen Anteil nehmen mußte? – kurz, als ich zum Gehen aufstand und ihm adieu sagte, drückte er einen herzhaften Kuß auf meine Wange und versprach, noch am selben Abend zu mir zu kommen, um daselbst seinen künftigen Schwiegersohn als solchen zu begrüßen.

Wie noch weiter jener Tag und der darauffolgende Abend verlief – schade, daß die roten Hefte es nicht verzeichnet haben. Die Einzelheiten sind nach so langer Zeit meinem Gedächtnis entschwunden – ich weiß nur noch, daß es herrliche Stunden waren.

Zum Tee hatte ich den ganzen Familienkreis um mich versammelt und ich stellte den Meinen Friedrich von Tilling als meinen Verlobten vor.

Rosa und Lilli waren entzückt; Konrad Althaus rief: »Bravo, Martha! – und du, Lilli, nimm dir ein Beispiel daran!« Mein Vater hatte seine frühere Antipathie entweder überwunden, oder es gelang ihm, dieselbe mir zuliebe zu verbergen; und Tante Marie war weich und gerührt:

»Die Ehen werden im Himmel geschlossen,« sagte sie, »und jedem geschieht nach seiner Bestimmung. Mit Gottes Segen werdet ihr glücklich werden und den will ich unermüdlich auf euch herabflehen.«

Auch mein Sohn Rudolf wurde dem künftigen »neuen Papa« vorgestellt, und es war mir ein eigenes Wohl- und Weihegefühl, als der geliebte Mann mein geliebtes Kind in seine Arme hob, es innig küßte und sagte: »Aus dir, kleiner Bursch', werden wir einen ganzen Mann machen.«

Im Laufe des Abends brachte mein Vater seine Idee in betreff des Quittierens zur Sprache:

»Sie werden jetzt vermutlich Ihre Karriere aufgeben, Tilling? Da Sie ohnehin kein Freund des Krieges sind –«

Friedrich warf mit überraschter Miene den Kopf zurück: »Meine Karriere aufgeben? Ich habe ja keine andere ... Und man braucht doch kein Freund vom Kriege zu sein, um den Militärdienst zu leisten, ebensowenig wie man –«

»Ja, ja,« unterbrach mein Vater, »das sagten Sie schon neulich: ebensowenig wie ein Feuerwehrmann ein Liebhaber von Feuersbrünsten zu sein braucht –«

»Ich könnte noch mehr Beispiele anführen: ebensowenig wie ein Arzt den Krebs und den Typhus lieben, oder ein Richter ein besonderer Verehrer von Einbruchsdiebstählen sein muß. Aber meine Laufbahn aufgeben? Was hätte ich für eine Veranlassung dazu?«

»Veranlassung wäre,« sagte Tante Marie, »Ihrer Frau das Garnisonleben zu ersparen – und die Angst zu ersparen, falls ein Krieg ausbricht ... Obgleich diese Angst ein Unsinn ist; denn wenn es einem bestimmt ist, alt zu werden, so lebt er lange, trotz aller Gefahren.«

»Die genannten Gründe wären freilich gewichtig. Meiner künftigen Gefährtin die Unannehmlichkeit des Lebens so viel als möglich fernzuhalten, wird ja mein eifrigstes Bestreben sein; aber die Unannehmlichkeit, einen Mann zu haben, der berufs- und beschäftigungslos wäre, müßte doch noch größer sein, als diejenige des Garnisonlebens. Und die Gefahr, daß mein Rücktritt von irgend jemand als Faulheit oder Feigheit ausgelegt werden könnte, wäre doch noch schlimmer, als die Gefahren eines Feldzuges. Mir ist der Gedanke wirklich keinen Augenblick gekommen ... Hoffentlich auch Ihnen nicht, Martha?« (Vor Leuten hatten wir das »Du« wieder eingestellt.)

»Und wenn ich es als Bedingung stellte?«

»Das werden Sie nicht. Denn sonst müßte ich auf das höchste Glück verzichten. Sie sind reich – ich besitze nichts als meine militärische Charge, als die Aussicht auf künftige höhere Rangstufen – und diesen Besitz gebe ich nicht her. Es wäre gegen alle Würde, gegen meine Begriffe von Ehre –«

»Brav, mein Sohn ... jetzt bin ich ausgesöhnt. Es wäre Sünd' und Schand' um Ihre Laufbahn. Sie haben gar nicht mehr weit zum Obersten und bringen es sicher zum General – können schließlich Festungskommandant, Gouverneur oder Kriegsminister werden. Das gibt auch der Frau eine angenehme Stellung.«

Ich schwieg still. Um die Aussicht, Frau Kommandantin zu werden, war es mir gar nicht zu tun. Am liebsten wäre es mir gewesen, mit dem Manne meiner Wahl das Leben in ländlicher Zurückgezogenheit zu verbringen; dennoch waren mir seine eben geäußerten Entschlüsse lieb. Denn sie bewahrten ihn von dem Makel des Verdachtes, welchen mein Vater gegen ihn gehegt, und der ihn sicherlich auch in den Augen der Welt getroffen hätte.

»Ja, ganz ausgesöhnt« – fuhr mein Vater fort. »Denn aufrichtig, ich glaubte, es sei Ihnen hauptsächlich darum zu tun ... nun, nun – Sie brauchen nicht so wütend zu schauen – ich meine: nebenbei darum zu tun, sich ins Privatleben zurückzuziehen, und da hätten Sie sehr unrecht getan. Auch meiner Martha gegenüber – die ist nun schon einmal ein Soldatentenkind, eine Soldatenwitwe – und ich glaube kaum, daß sie einen in Zivilkleidern auf die Dauer lieb haben könnte.«

Jetzt mußte Tilling lächeln. Er warf mir einen Blick zu, welcher deutlich sagte: Ich kenne dich besser, und antwortete laut:

»Das glaube ich auch: sie hat sich eigentlich nur in meine Uniform verliebt.«

* * *

Im September desselben Jahres fand unsere Trauung statt.

Mein Bräutigam hatte sich für die Hochzeitsreise einen zweimonatlichen Urlaub erwirkt. Unsere erste Etappe war Berlin.

Ich hatte den Wunsch geäußert, einen Kranz auf das Grab von Friedrichs Mutter niederzulegen und unsere Reise mit diesem Pilgerzug zu eröffnen.

In der preußischen Hauptstadt hielten wir uns acht Tage auf. Friedrich machte mich mit seinen dort lebenden Verwandten bekannt, und alle erschienen mir als die liebenswürdigsten Leute von der Welt. Freilich – wenn man eben die rosafarbenen Brillen trägt, durch die man während der Honigwochen die Außenwelt zu betrachten pflegt, da findet man alles lieb und schön. Zudem wird neuvermählten Paaren allseitig mit heiterer und freundlicher Zuvorkommenheit begegnet: alles hält sich für verpflichtet, auf ihre ohnedies so blühenden Pfade immer neue Rosen zu streuen.

Was mir an den Norddeutschen besonders wohlgefiel, war die Sprache. Nicht nur, weil dieselbe den Akzent meines Mannes aufwies – eine seiner Eigentümlichkeiten, in welche ich mich zuerst verliebt hatte – sondern weil sie mir, im Vergleich zu der in Österreich üblichen Redeweise, ein höheres Bildungsniveau zu bekunden schien; oder vielmehr, nicht nur schien, sondern in der Tat bekundete. Grammatikalische Verstöße, wie solche die Umgangssprache der besseren Wiener Kreise verunstalten, kommen in der guten Berliner Gesellschaft nicht vor. Die preußische Verwechselung des Datives und Akkusatives: »Gib mich einen Federhut« bleibt auf die unteren Klassen beschränkt, während die in Wien üblichen Kasus-Fehler: »Ohne dir« – »Mit die Kinder« häufig genug in den ersten Salons gehört werden. »Gemütlich« mögen wir immerhin unsere Sprache nennen und sie von den Ausländern auch so befunden werden lassen – eine Inferiorität stellt sie jedenfalls vor. Wenn man Menschenwert nach der Bildungsstufe mißt – und welchen richtigeren Maßstab gäb' es wohl, als diesen? – so ist der Norddeutsche um ein Stückchen mehr Mensch, als der Süddeutsche – ein Ausspruch, der im Munde eines Preußen sehr »arrogant« klänge, und aus der Feder einer Österreicherin sehr »unpatriotisch« erscheinen mag; – aber wie selten gibt es eine ausgesprochene Wahrheit, die nicht irgendwo oder irgendwen verletzte ....

Unser erster Besuch in Berlin – nachdem wir auf dem Friedhof gewesen – galt der Schwester der Verstorbenen. Aus der Liebenswürdigkeit und geistigen Bedeutung dieser Frau konnte ich schließen, wie liebenswürdig und bedeutend Friedrichs Mutter gewesen sein mußte, wenn sie Frau Kornelie von Tessow glich. Diese war die Witwe eines preußischen Generals und besaß einen einzigen Sohn, welcher damals eben Leutnant geworden war.

Einem schöneren Jüngling wie diesem Gottfried von Tessow bin ich in meinem ganzen Leben nicht begegnet. Rührend anzusehen war es, wie Mutter und Sohn aneinander hingen; auch dann schien Frau Kornelie Ähnlichkeit mit ihrer verstorbenen Schwester gehabt zu haben. Wenn ich den Stolz sah, den sie augenscheinlich in Gottfried setzte und die Zärtlichkeit, womit er seine Mutter behandelte, so freute ich mich schon in Gedanken auf die Zeit, wo mein Sohn Rudolf erwachsen sein würde. Nur eines konnte ich nicht begreifen, und ich äußerte dies auch zu meinem Manne:

»Wie kann eine Mutter ihr einziges Kind, ihr Kleinod, einen so gefährlichen Beruf ergreifen lassen, wie den militärischen?«

»Es gibt einfach Gedanken, liebes Herz,« antwortete mir Friedrich, »die niemand denkt, naheliegende Erwägungen, die niemand anstellt. Ein solcher Gedanke ist die Gefährlichkeit des Soldatenberufes. Den läßt man nicht aufkommen: es liegt – so meint man – eine Art Unanständigkeit und Feigheit darin, diese Erwägung vorzustellen. Es wird als so selbstverständlich und unvermeidlich angenommen, daß diese Gefahr bestanden werden müsse und eigentlich fast immer glücklich bestanden werde (die Prozente der Gefallenen verteilen sich auf die anderen), daß man an die Todeschance gar nicht denkt. Sie ist zwar da – aber das ist sie ja für jeden Geborenen, und keiner denkt an den Tod. In dem Verjagen lästiger Begriffe vermag der Geist Großes zu leisten. Und schließlich: was kann ein preußischer Edelmann wohl für eine angenehmere und angesehenere Stellung haben als die eines preußischen Kavallerieoffiziers?«

Tante Kornelia schien auch an mir Gefallen zu finden.

»Ach,« seufzte sie einmal –, »daß meine arme Schwester die Freude nicht erleben sollte, solch eine Schwiegertochter zu besitzen und ihren Friedrich so glücklich zu sehen, wie er es jetzt an deiner Seite ist. Es war immer ihr sehnlichster Wunsch, ihn verheiratet zu sehen. Aber er stellte so hohe Anforderungen an die Ehe –«

»Es scheint nicht, Tantchen, da er mit mir vorlieb genommen ...«

» ›A trap for a compliment‹ nennen das die Engländer. Ich wollte, mein Gottfried könnte auch einst einen solchen Treffer machen. Ich bin jetzt schon ungeduldig, Großmutterfreuden zu erleben. Doch da werde ich wohl noch lange warten können: mein Sohn ist erst einundzwanzig Jahre alt.«

»Er mag viele Mädchenköpfe verdrehen,« sagte ich, »viele Herzen brechen –«

»Das sieht ihm nicht gleich: einen braveren, rechtschaffeneren Jungen gibt's nicht. Er wird einmal eine Frau sehr glücklich machen –«

»So wie Friedrich die seine –«

»Noch kannst du das nicht wissen, liebes Herz; darüber müssen wir nach zehn Jahren wieder reden: In den ersten Wochen sind fast alle Ehen glücklich. Damit will ich jedoch keinen Zweifel an meinem Neffen, noch an dir ausgedrückt haben – ich glaube selber, daß euer Glück ein dauerhaftes sein wird.«

Von Berlin aus begaben wir uns nach den deutschen Bädern. Meine kurze Reise nach Italien mit Arno – von der ich übrigens nur eine ganz traumhafte Erinnerung hatte – abgerechnet, war ich von Hause nie weggekommen. Dieses Kennenlernen neuer Orte, neuer Menschen und neuen Lebens versetzte mich in gehobenste Stimmung. Die Welt schien mir plötzlich so schön und noch einmal so interessant geworden. Wäre mein kleiner Rudolf nicht gewesen, den ich zurückgelassen hatte, ich würde Friedrich vorgeschlagen haben: »Laß uns jahrelang so herumreisen wie jetzt. Besuchen wir ganz Europa und hernach die übrigen Weltteile; genießen wir diese Wanderexistenz, dieses ungebundene Umherstreifen; sammeln wir Reichtümer neuer Eindrücke und Erfahrungen! Überall, wohin wir kommen – und seien uns Land und Leute noch so fremd – bringen wir ja durch unser Beisammensein ein genügendes Stück Heimstätte mit.« Was hätte mir Friedrich auf solchen Vorschlag geantwortet? Wahrscheinlich, daß man es sich nicht zum Beruf machen kann, bis an sein Lebensende »hochzeitzureisen«, daß sein Urlaub nur zwei Monate dauert und dergleichen vernünftige Sachen mehr.

Wir besuchten Baden-Baden, Homburg und Wiesbaden. Überall dasselbe fröhliche, elegante Treiben – überall so viele interessante Menschen aus aller Herren Länder. Im Umgang mit diesen Fremden wurde ich erst gewahr, daß Friedrich die französische und englische Sprache vollkommen beherrschte; dies ließ ihn in meiner Bewunderung noch um einen Grad steigen. Immer wieder entdeckte ich neue Eigenschaften an ihm: Sanftmut, Heiterkeit, lebhafteste Empfänglichkeit für alles Schöne. Eine Rheinfahrt setzte ihn in Entzücken, und im Theater oder Konzertsaal, wenn die Künstler Hervorragendes leisteten, leuchtete ihm der Genuß aus den Augen. Dadurch erschien mir der Rhein mit seinen Burgen doppelt romantisch, darum bewunderte ich die Vorträge berühmter Virtuosen doppelt.

Diese zwei Monate vergingen leider viel zu schnell. Friedrich kam um Verlängerung seines Urlaubs ein, wurde aber abschlägig beschieden. Das war mir seit unserer Verheiratung der erste Moment des Ärgers, als dieses offizielle Papier anlangte, welches im trockenen Stile unsere Heimkehr befahl.

»Und das nennen die Menschen Freiheit!« rief ich, das beleidigende Dokument auf den Tisch schleudernd.

Tilling lächelte. »O, ich bilde mir nicht im mindesten ein, frei zu sein, meine Herrin,« erwiderte er.

»Wenn ich deine Herrin wäre, könnte ich dir befehlen, dem Militärdienst Valet zu sagen und nur noch meinem Dienste zu leben.«

»Über diese Frage waren wir ja einig geworden –«

»Freilich: ich habe mich fügen müssen, doch das beweist, daß du nicht mein Sklave bist – und das ist mir im Grund recht, mein lieber, stolzer Mann!«

* * *

Von unserer Reise zurückgekehrt, rückten wir nach einer kleinen mährischen Stadt – der Festung Olmütz – ein, wo Friedrichs Regiment in Garnison lag. Von geselligem Verkehr war in dem Neste keine Rede, und so lebten wir beide in völliger Zurückgezogenheit. Außer den Stunden, die wir dem Dienst widmeten – er als Oberstleutnant bei seinen Dragonern, ich als Mutter bei meinem Rudolf – widmeten wir uns gegenseitig nur einander. Mit den Damen des Regiments waren die nötigen Zeremonienbesuche und Gegenbesuche ausgetauscht worden, aber auf näheren Umgang ließ ich mich nicht ein; es gelüstete mich nicht im geringsten danach, bei Nachmittag-Kaffeegesellschaften Dienstbotengeschichten und Stadtklatsch zu hören, und ebenso fern hielt sich Friedrich den Spielpartien der Obersten und Trinkgelagen der Offiziere. Da hatten wir besseres zu tun. Die Welt, in der wir uns bewegten – wenn wir des Abends beim brodelnden Teekessel saßen – die war von der Welt der Olmützer Geselligkeitskreise sternenweit entfernt, »Sternenweit« mitunter im buchstäblichen Sinne – denn einige unserer liebsten geistigen Ausflüge waren nach dem Firmament gerichtet. Wir lasen nämlich miteinander wissenschaftliche Werke und unterrichteten uns über die Wunder des Weltalls. Da durchstreiften wir die Tiefen des Erdballs und die Höhen der Himmelsräume; da drangen wir in die Geheimnisse der mikroskopisch unendlichen Kleinheiten und der teleskopisch unendlichen Fernen, und je größer die Welt vor unseren Blicken sich entfaltete, in desto winzigere Dimensionen schrumpfte der Olmützer Interessentenkreis ein. Unsere Lektüre beschränkte sich nicht auf Naturkunde allein, sondern umfaßte noch viele andere Zweige der Forschung und des Gedankens. So nahm ich unter anderem zum dritten Male meinen geliebten Buckle vor, um Friedrich mit diesem Autor bekannt zu machen, den er dann ebensosehr bewunderte, wie ich; dabei vernachlässigten wir auch die Dichter und Romanschriftsteller nicht, und so gestalteten sich unsere gemeinschaftlichen Leseabende zu wahren Festen des Geistes – während unsere übrige Existenz eigentlich ein ununterbrochenes Fest des Herzens war. Täglich gewannen wir uns lieber; was die Leidenschaft an Feuer einbüßte, das gewann die Zuneigung an Innigkeit, die Achtung an Festigkeit. Das Verhältnis zwischen Friedrich und Rudolf war der Gegenstand meines Entzückens. Die beiden waren die besten Kameraden der Welt, und sie miteinander spielen zu sehen, war köstlich. Friedrich war dabei von den zweien beinahe der kindischere. Natürlich mischte ich mich sofort auch in die Partie, und was da für Dummheiten getrieben und geredet wurden, das mögen uns die Weisen und Gelehrten verzeihen, deren Werke wir lasen – wenn Rudolf zu Bett gebracht war. Zwar behauptete Friedrich, daß er von Hause aus kein besonderer Kinderfreund sei; aber einmal war der Kleine seiner Martha Sohn, und zweitens war er wirklich lieb und herzig und schmiegte sich seinem Stiefvater gar so zärtlich an. Wir machten häufig Pläne für die Zukunft des Knaben. Soldat? ... Nein. Dazu würde er nicht taugen, denn in unserem Erziehungsplan würde die Drillung zur Kriegsruhmliebe keinen Platz finden. Diplomat! Vielleicht. Am wahrscheinlichsten aber Landwirt. Als künftiger Erbe des Dotzkyschen Majorats, welches ihm von dem nunmehr sechsundsechzigjährigen Onkel Arnos einst zufallen mußte, würde es ihm Berufs genug sein, seine Besitzungen rationell zu verwalten. Dann sollte er seine kleine Braut Beatrice heimführen und ein glücklicher Mensch werden. Wir waren selber so glücklich, daß wir gern für die ganze Mitwelt, und für die künftigen Geschlechter obendrein, Schätze von Lebensfreude hätten gesichert sehen wollen ... Dennoch verschloß sich unsere Einsicht dem Elend nicht, unter welchem der größte Teil der Menschheit seufzt und wohl noch durch manche Generation wird seufzen müssen: Armut, Unwissenheit, Unfreiheit – so vielen Gefahren und Übeln ausgesetzt – unter diesen Übeln das fürchterlichste: der Krieg. »Ach, wenn man beitragen könnte, es abzuwälzen!« Dieser seufzende Wunsch entrang sich unseren Herzen, aber die Betrachtung der herrschenden Zustände und Ansichten stellte solchen Wünschen ein entmutigendes »Unmöglich« entgegen. Leider – der schöne Traum, daß es allen »wohlergehe, und alle lange leben mögen auf Erden«, läßt sich nicht erfüllen – wenigstens nicht in der Gegenwart. Aber die pessimistische Lehre, daß das Leben ein Übel sei, daß es allen besser wäre, sie wären nie geboren – die war uns doch durch unser eigenes Dasein gründlich widerlegt.

Zu Weihnachten unternahmen wir einen Abstecher nach Wien, um die Festtage im Kreise meiner Familie zuzubringen. Mein Vater war nunmehr mit Friedrich völlig ausgesöhnt. Die Tatsache, daß dieser den Militärdienst nicht verlassen, hatte die anfänglichen Zweifel und Verdächtigungen verscheucht. Daß ich eine »schlechte Partie« gemacht, das blieb freilich sowohl meines Vaters als auch Tante Mariens Überzeugung; anderseits mußten sie aber auch die Tatsache anerkennen, daß mich mein Mann sehr glücklich machte, und das rechneten sie ihm doch zugute.

Rosa und Lilli tat es leid, daß sie im kommenden Fasching nicht unter meiner, sondern unter der weit strengeren Aufsicht der Tante in »die Welt« gehen sollten. Konrad Althaus war nach wie vor ein eifriger Besucher des Hauses, und es wollte mir scheinen, als hätte er in der Gnade Lillis einige Fortschritte gemacht.

Der heilige Abend fiel sehr heiter aus. Es ward ein großer Christbaum angezündet, und von einem zum andern wurden allerlei Geschenk getauscht. Der König des Festes und der Meistbeschenkte war natürlich mein Sohn Rudolf; aber auch alle übrigen wurden bedacht. So erhielt Friedrich von mir einen Gegenstand, bei dessen Anblick er einen Freudenschrei nicht unterdrücken konnte. Es war ein silberner Briefbeschwerer in Gestalt eines Storches. Derselbe hielt einen Zettel im Schnabel, auf welchem von meiner Schrift die Worte standen: Im Sommer 1864 bringe ich etwas.

Friedrich umarmte mich stürmisch. Wären die anderen nicht dabei gewesen, er hätte sicherlich einen Rundtanz mit mir aufgeführt.

* * *

Am ersten Feiertag versammelte sich die ganze Familie wieder bei meinem Vater zum Diner. Von Fremden war nur Exzellenz »Allerdings« und Doktor Bresser anwesend. Als wir da in dem altbekannten Speisezimmer bei Tische saßen, mußte ich lebhaft jenes Abends gedenken, wo uns beiden unsere Liebe zuerst deutlich ins Bewußtsein getreten. Doktor Bresser hatte denselben Gedanken:

»Erinnern Sie sich noch der Piketpartie, die ich mit Ihrem Herrn Vater spielte, während Sie am Kamin mit Baron Tilling plauderten?« fragte er mich. »Ich sah aus, nicht wahr, als wäre ich ganz in mein Spiel vertieft, aber dennoch hatte ich mein Ohr in Ihrer Richtung gespitzt und hörte aus dem Klang der Stimmen – die Worte konnte ich nicht vernehmen – ein gewisses Etwas heraus, welches in mir die Überzeugung weckte: Die zwei werden ein Paar. Und wenn ich Sie jetzt miteinander beobachte, so steigt mir eine neue Überzeugung auf, nämlich: Die zwei sind und bleiben ein glückliches Paar.«

»Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Doktor. Ja, wir sind glücklich. Ob wir es bleiben? Das hängt leider nicht von uns ab, sondern vom Schicksal ... Über jedem Glück schwebt eine Gefahr, und je inniger das erste desto grausiger die letzte.«

»Was können Sie fürchten?«

»Den Tod.«

»Ah so. Der war mir gar nicht eingefallen. Ich habe zwar als Arzt öfters Gelegenheit, dem Gesellen zu begegnen – aber ich denke nicht daran. Der liegt ja bei gesunden und jungen Leuten, wie das in Rede stehende glückliche Paar, in so entrückter Ferne –«

»Was nützt dem Soldaten Jugend und Gesundheit?«

»Verscheuchen Sie solche Ideen, liebste Baronin. Es ist ja kein Krieg in Sicht. Nicht wahr Exzellenz,« wandte er sich an den Minister, »gegenwärtig ist am politischen Himmel der mehrfach erwähnte schwarze Punkt nicht zu sehen?«

»Punkt ist viel zu wenig gesagt,« antwortete der Befragte. »Es ist vielmehr eine schwarze, schwere Wolke.«

Ich erbebte bis ins Innerste:

»Was? wie? was meinen Sie?« rief ich lebhaft.

»Dänemark treibt es gar zu bunt« ...

»Ah so, Dänemark,« sagte ich erleichtert. »Die Wolke droht also nicht uns? Es ist mir zwar unter allen Umständen betrübend, wenn ich höre, daß man sich irgendwo schlagen will – aber wenn es die Dänen sind und nicht die Österreicher, dann flößt mir das wohl Beileid, aber keine Furcht ein.«

»Du brauchst dich auch nicht zu fürchten,« fiel mein Vater lebhaft ein, »falls Österreich sich beteiligt. Wenn wir die Rechte Schleswig-Holsteins gegen die Vergewaltigung Dänemarks verteidigen, so riskieren wir ja nichts dabei. Es handelt sich da um kein österreichisches Territorium, dessen Verlust ein unglücklicher Feldzug herbeiführen könnte –«

»Glaubst du denn, Vater, daß – wenn unsere Truppen aufmarschieren müßten – ich an solche Dinge, wie österreichisches Territorium, schleswig-holsteinsche Rechte und dänische Vergewaltigung dächte? Ich sähe bloß eins: die Lebensgefahr unserer Lieben. Und die bleibt gleich groß, ob nun aus diesem oder jenem Grund Krieg geführt wird.«

»Die Schicksale der einzelnen kommen nicht in Betracht, mein liebes Kind, wo es sich um weltgeschichtliche Ereignisse handelt. Bricht ein Krieg aus, so verstummen die Fragen, ob der oder der dabei fällt, oder nicht, vor der einen gewaltigen Frage, was das eigene Land dabei gewinnen oder verlieren wird. Und wie gesagt: wenn wir uns mit den Dänen raufen, so ist nichts zu verlieren dabei, wohl aber unsere Machtstellung im deutschen Bund zu erweitern. Ich träume immer, daß die Habsburger noch einmal die ihnen gebührende deutsche Kaiserwürde zurückerlangen. Es wäre auch ganz in der Ordnung. Wir sind der bedeutendste Staat im Bunde! die Hegemonie ist uns gesichert – aber das genügt nicht... Ich würde den Krieg mit Dänemark als eine sehr günstige Gelegenheit begrüßen, nicht nur die Scharte von 59 auszuwetzen, sondern auch unsere Stellung im deutschen Bunde so zu gestalten, daß wir für den Verlust der Lombardei reichen Ersatz finden und – wer weiß – so an Macht gewinnen, daß uns die Rückeroberung dieser Provinz ein leichtes wäre.«

Ich blickte zu Friedrich hinüber. Er hatte sich an dem Gespräche nicht beteiligt, sondern war in eine eifrige lachende Unterhaltung mit Lilli verwickelt. Ein stechender Schmerz schnitt mir durch die Seele: ein Schmerz, der in ein Bündel zwanzig verschiedene Vorstellungen vereinte: Krieg ... und er, mein alles, mußte mit ... verkrüppelt, erschossen ... das Kind unter meinem Herzen, dessen angekündigtes Kommen er gestern mit solchem Jubel begrüßt – es sollte vaterlos zur Erde kommen? ... Zerstört, zerstört – unser kaum erblühtes, noch so reiche Frucht verheißendes Glück! ... Diese Gefahr in der einen Wagschale, und in der andern? Österreichisches Ansehen im deutschen Bund, schleswig-holsteinische Befreiung – »frische Lorbeerblätter im Ruhmeskranze des Heeres« – das heißt ein paar Phrasen für Schulvorträge und Armeeproklamationen ... und sogar das nur zweifelhaft, denn ebenso möglich wie der Sieg, ist ja die Niederlage ... Und nicht nur einem vereinzelten Leid, dem meinen, wird das vermeintliche vaterländische Wohl entgegengestellt, sondern tausend und abertausend einzelne im eigenen und im Feindeslande müßten denselben Schmerz einsetzen, der mich jetzt durchbebte ... Ach, war denn dem nicht vorzubeugen – war's nicht abzuwehren? Wenn sich alle vereinten – alle Vernünftigen, Guten, Gerechten – um das drohende Übel zu verhüten –

»Sagen Sie mir doch,« wandte ich mich laut an den Minister, »stehen die Dinge wirklich schon so schlimm? Habt Ihr, Minister und Diplomaten, habt Ihr denn solche Konflikte nicht zu vermeiden gewußt, werdet Ihr deren Ausbruch nicht zu verhindern wissen?«

»Glauben Sie denn, Baronin, daß es unseres Amtes ist, den ewigen Frieden zu erhalten? Das wäre allerdings eine schöne Mission – aber unausführbar. Wir sind nur da, über die Interessen unserer respektiven Staaten und Dynastien zu wachen, jeder drohenden Verringerung ihrer Machtstellung entgegenzuarbeiten und jede mögliche Suprematie zu erringen trachten, eifersüchtig die Ehre des Landes hüten, uns angetanen Schimpf rächen –«

»Kurz,« unterbrach ich, »nach dem kriegerischen Grundsatze handeln: dem Feind – das ist nämlich jeder andere Staat – tunlichst zu schaden und, wenn ein Streit entsteht, so lange hartnäckig behaupten, daß man im Recht ist, – auch wenn man sein Unrecht einsieht, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Bis beiden Streitenden die Geduld reißt und drauf losgehauen werden muß ... es ist abscheulich!«

»Das ist doch der einzige Ausweg. Wie anders soll denn ein Völkerstreit geschlichtet werden?«

»Wie werden denn Prozesse zwischen einzelnen gesitteten Menschen geschlichtet?«

»Durch das Tribunal. Die Völker unterstehen aber keinem solchen.«

»Ebensowenig wie die Wilden,« kam mir Doktor Bresser zu Hilfe. » Ergo sind die Völker in ihrem Verkehr noch ungesittet, und es dürfte wohl noch lange Zeit vergehen, bis sie dazu gelangen, ein internationales Schiedsgericht einzusetzen.«

»Dazu wird es nie kommen,« sagte mein Vater. »Es gibt Dinge, die nur ausgefochten und nicht ausprozessiert werden können. Selbst wenn man versuchen wollte, ein solches Schiedsgericht zu errichten – die starken Regierungen würden sich demselben ebensowenig beugen, wie zwei Edelleute, von denen der eine beleidigt worden, ihre Differenz zu Gericht tragen. – Die schicken einander einfach ihre Zeugen und schlagen sich rechtschaffen.«

»Das Duell ist aber auch ein barbarischer, unsittlicher Brauch –«

»Sie werden's nicht ändern, Doktor.«

»Ich werde es aber wenigstens nicht gut heißen, Exzellenz.«

»Was sagst denn du, Friedrich?« wandte sich nun mein Vater an den Schwiegersohn. »Bist du etwa auch der Ansicht, daß man nach einer erhaltenen Ohrfeige zu Gericht gehen soll und um 5 fl. Schadenersatz klagen?«

»Ich würde es nicht tun.«

»Du würdest den Beleidiger fordern?«

»Versteht sich.«

»Aha, Doktor – aha, Martha,« triumphierte mein Vater, »hört Ihr. Auch Tilling, der doch kein Freund des Krieges ist, gibt zu, ein Freund des Duells zu sein.«

»Ein Freund? Das habe ich nie behauptet. Ich sagte nur, daß ich gegebenenfalls selbstverständlich zum Duell greifen würde – wie ich es übrigens auch schon ein und das andere Mal getan; gerade so selbstverständlich, wie ich schon mehreremal in den Krieg gezogen, und bei dem nächsten Anlaß wieder ziehen werde. Ich füge mich den Satzungen der Ehre. Damit will ich aber keineswegs gesagt haben, daß diese Satzungen, wie sie unter uns bestehen, meinem sittlichen Ideal entsprechen. Nach und nach, wenn dieses Ideal die Herrschaft gewinnt, wird der Begriff der Ehre auch eine Wandlung erfahren: einmal wird eine erhaltene Injurie, wenn sie unverdient ist, nicht auf den Empfänger, sondern auf den rohen Geber als Schmach zurückfallen; zweitens wird das Selbsträcheramt auch in Sachen der Ehre ebenso außer Gebrauch kommen, wie in kultivierter Gesellschaft die Selbstjustiz in anderen Dingen tatsächlich schon verschwunden ist. Bis dahin –«

»Da können mir lange warten,« unterbrach mein Vater. »So lange es überhaupt Edelleute gibt –«

»Das muß auch nicht immer sein,« meinte der Doktor.

»Oho, Sie wollen gar den Adel abschaffen, Sie Radikaler?« rief mein Vater.

»Den feudalen allerdings. ›Edelleute‹ braucht die Zukunft keine.«

»Desto mehr Edelmenschen,« bekräftigte Friedrich.

»Und diese neue Gattung wird Ohrfeigen einstecken?«

»Sie wird vor allem keine austeilen.«

»Und sich nicht verteidigen, wenn der Nachbarstaat einen kriegerischen Einfall macht?«

»Es wird keine einfallenden Nachbarstaaten geben – ebensowenig als jetzt unsere Landsitze von feindlichen Nachbarburgen umgeben sind. Und wie der heutige Schloßherr keinen Troß bewaffneter Knappen mehr braucht –«

»So soll der Zukunftsstaat des bewaffneten Heeres entraten können? Was wird denn aus Euch Oberstleutnants?«

»Was ist aus den Knappen geworden?«

So hatte sich der alte Streit wieder einmal entsponnen und derselbe wurde noch eine Zeit lang fortgesetzt. Ich hing mit Entzücken an Friedrichs Lippen; es tat mir unsäglich wohl, die Sache erhöhter Gesittung von ihm so fest und sicher vertreten zu sehen, und im Geiste verlieh ich ihm selber den Titel, den er vorhin genannt hatte: »Edelmensch«!

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