Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Tieck >

Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünfte Scene.

Der Offizier wendet sich nach Orla.

Der junge Offizier hatte noch am Abend im größten Zorne Ensisheim auf seinem Pferde verlassen, welches, so sehr er es sonst in heitern Stunden liebte, seine üble Laune jetzt entgelten mußte. Er kam nach dem ziemlich entfernten Orla zu großer Verwunderung seines Oheims Peterling, welcher schon seit lange keine Nachrichten von ihm erhalten hatte.

Peterling ließ sich die Liebes- und Leidensgeschichte seines Neffen erzählen. Als dieser geendigt hatte, sagte der Oheim: Die Hauptsache in Deinen Begebenheiten ist eine alltägliche, Du bist arm und das Mädchen ist reich, warum ihr aber so mit Skandal aus einander gekommen seid, begreife ich nicht recht. Ich glaube immer, Neffe, Du hast einen Deiner tollen Streiche gemacht.

Nein, rief Wilhelm ungeduldig, das wahre Unglück ist, daß sich seit einiger Zeit in das verfluchte Städtchen ein böser Geist eingeschlichen hat, den sie Bildung, Humanität, Feinfühlen, Literatur und wie der Teufel noch mehr benennen. Diese Bildungsdummheit verdirbt alle, auch die besten Menschen dort. Und sie wollen mir weiß machen, die Geschichte hätte sich auch schon über ganz Deutschland verbreitet. Kein Mensch darf nun so reden mehr, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, das plappert durch einander, nicht gehauen und nicht gestochen. Alle die guten Empfindungen und Ausdrücke, die man noch von seinen rechtlichen Vorfahren 104 überkommen hat, sollen nun nichts mehr gelten, jedes Wort soll man auf die Goldwage legen, und wenn einem einmal das Herz übergeht, oder so ein unschuldiger Name, der doch eigentlich mehr Spaß als Beleidigung ist, aus dem Maule fährt, so kriegen sie Krämpfe und fallen Dutzendweise in Ohnmacht.

Deine Sprache gefällt mir, sagte Peterling, wenn vertraute Männer unter sich sind, so mag wohl ein derber Spaß, ein hartes Wort mit aufspringen; aber anders ist es in der feinen Gesellschaft, anders unter Frauenzimmern, und da bist Du mir immer zu sehr Soldat gewesen. Ich begreife nicht, wie sich damals Deine Liebesgeschichte mit der Elisa anspinnen konnte, da Du mit Deiner derben Art den gebildeten Mädchen immer aus dem Wege gingst.

Es war eben ein Schicksal, antwortete Wilhelm, eine Fügung, ich habe wenigstens nichts dazu gethan. Sie müssen mir nur, Onkel, nicht abstreiten wollen, daß diese Bildnerei und Aesthetik, wie man sie dort erlebt, nicht ein wahres Faulfieber sei. Ich denke mir die Sache so. Die Menschen werden zu allen Zeiten von bösen Geistern verführt, aber es herrscht darin eine Mode, die mit jedem Jahrhundert und wol noch schneller wechselt. Wer lieset denn nicht gern ein gutes Buch? Wer ist denn nicht von einem schönen Dichter gerührt und erbaut? Aber das behält der verständige Mensch in sich, weil es sich von selbst versteht und darüber nicht viel zu sagen ist. Wie aber die Weibsen das verfluchte Strickzeug immerdar mit sich schleppen, oder eine knirrende knispernde Seidenstickerei, mit untergelegtem Papier, oder eine große bunte Wollengeschichte, und die Finger nun immer beim Thee und bei Musik zaspeln und haspeln, daß man schwindelnd wird, wenn man zusieht: so haben sie jetzt nun auch ätherische und ästhetische Gedanken und ausgezaselte Redensarten über 105 das Schöne, Feine und Sittliche aufgebracht, da fallen Maschen und Farben und Fäden aller Art von den Lippen, so ein buntes arabeskes Gespinnst, daß einem ächten Soldaten die Diskurse auf der Wachtstube erquicklicher sind.

Peterling lachte und freute sich seines Neffen. Dieser fuhr ermuthigt so fort: Hat man sich nun etwas an das Zeug gewöhnt, wie man denn auch manchmal Hagebutten frißt, so sehr sie einem im Halse kratzen, so thut sich denn wieder eine Tugend und Männlichkeit hervor, daß man dem neuen Volke wieder zu weichlich und fein gebildet ist. Da haben sie sich in Ensisheim einen Kerl angeschafft oder verschrieben, der ihnen allen in einer neuen Manier die Köpfe noch mehr verrückt. Das lederne Prinzip weiß alles am besten, und will dabei meine Elisa, weil sie reich ist, heirathen. Der hölzerne Pinsel schimpft auf Göthe – ich weiß nicht Onkel, ob Sie den kennen?

Peterling lächelte und sagte: Ich denke wohl. – Nun also, fuhr der Offizier fort, der Mann schreibt doch gewiß recht gute und angenehme Verse, die meine Elisa so gern singt, daß sie immer ganz begeistert wird, Fräulein von Weilern, und gar Alexander schätzen den großen Mann noch weit mehr. Ich habe nie verstanden, wie sie es meinen, denn das ist meines Handwerks nicht. Nun hat das fremde Wirrsal, ja man konnte ihn Scheusal nennen, er titulirt sich Herr von Lohbrenner, oder so ungefähr, – nun dieser tartarische Prinz hat eine wahre Aversion gegen diesen unsern Göthe, und, wie mir scheint, gegen alles Rechte und Gute. So gab es denn einen höllischen Zank, denn er war ganz grob, obgleich die Gesellschaft eine feine vorstellte, grob gegen Elisa, Alexander und mich, und da schien es mir höchst nothwendig, daß ich die Partie Göthe's und der deutschen Poesie nahm, und da fuhr mir denn eine etwas unbedachte Aeußerung aus dem 106 Munde, ein altes Wort, was den großen Anstoß gab und den Tumult veranlaßte, das aber auf diesen Lohbrenner, wie eigen für ihn gegossen, paßte.

Ein Wort? sagte Peterling erstaunt, wie kann ein einziges Wort eine so gewaltige Kraft in sich führen?

Es ist freilich ein Schimpfwort, erwiederte der Offizier, und so erzählte er ihm mit Unbefangenheit, wie dumm und erbärmlich ihm Ledebrinna in seinem Hochmuth vorgekommen sei, und so habe er ihn, ohne weiter Arges oder in seinem Zorn an die Gesellschaft zu denken, mit jenem anstößigen Namen bezeichnet.

Peterling warf sich in seinen Sessel, er lachte unaufhaltsam und so gewaltig, daß der Neffe um den Oheim besorgt zu werden anfing, bis dieser sich am Gelächter ersättigt hatte und dann mit thränenden Augen sagte: Lieber Neffe, da hast Du freilich auf eine ganz originelle Art Göthe und die deutsche Poesie vertheidigt und gerechtfertigt. Ich schwöre für Dich, daß es keine Bosheit war, sondern Dir erschien in Vision, da Du einmal begeistert warst, jener altdeutsche Anti-Heros oder Unheros, der nothwendige Gegensatz zum Helden und zu allem Ehrwürdigen, und Dir ging in Deiner poetischen Ahndung auf, daß Lohgerber oder Lohbrenner diesem häuslich traulichen Spaßvogel unsrer Vorfahren zum Verwechseln gleiche. So entflog die flüchtige Rede Deinen Lippen. Ja ja –

Die thöricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je verstoßen und verbannt.

So ungefähr sagt auch Dein Dichter, den Du so resolut vertheidigt hast. Du bist als ein zu gerechter Aristides durch den Ostracismus, oder wie Coriolan von dem mißkennenden Haufen vertrieben worden. Deiner altdeutschen Redlichkeit 107 bist Du als ein Opfer gefallen. Sie und die Liebe haben Dich von dort verbannt. Ja, ja, die Liebe! Sie verschlingt mehr Opfer in ihrem Labyrinth, als der berüchtigte Minotaurus. So hat uns Freund Ambrosius aus dem Gebirge seine Tochter Ophelia herüber geschickt, die Du heut Abend beim Freunde Heinzemann sehen wirst. Sie leidet an einer Melancholie oder einem stillen Wahnsinn, weil sie sich, es klingt mährchenhaft, in ein Bild, oder eigentlich in eine Vogelscheuche vergafft hat, die ihr Vater, der ein Schwärmer und Künstler ist, mit zu großer Anstrengung und weit aussehenden Gedanken für die Menschheit, und zunächst für sein Erbsenfeld, selbst verfertigt hat. Das unkluge Wesen hat nichts als diese Figur im Sinne, sie sehnt sich nach ihr, sie träumt von diesem Adonis, wie sie ihn nennt. Sie möchte ihm nachziehn durch die weite Welt, um ihn wieder zu finden, denn von irgend einem andern unklugen Liebhaber des Dinges ist diese Vogelscheuche gestohlen worden. Darüber ist die Tochter närrisch, und der Vater bettlägerig geworden, sonst wären wir jetzt zum Vogelschießen nach Ensisheim hinüber gekommen. –

Heinzemann saß auf seinem Observatorio, als Peterling mit seinem Neffen zu ihm in seine »Heinzemanns Ruhe« kam. Er stieg herab, um seinen Freund und dessen Neffen zu bewillkommnen. Man erging sich erst im Garten in der anmuthigen Abendkühle, und nachher setzte man sich zur Mahlzeit nieder. Wo ist Ophelia? fragte Peterling.

Sie ist noch oben, antwortete Heinzemann, in meinem Studirzimmer, sie blättert in den schönen astrologischen Manuskripten und erfreut sich an den Abbildungen der verschiedenen Astral-Geister.

Wie führt sich denn die Unglückselige jetzt auf? fragte Peterling.

108 Sie ist still und freundlich, sagte Heinzemann, wenn ich herausgehe, begleitet sie mich immer und nimmt Theil an meinen Studien. Sie lernt nach und nach den Gebrauch der Instrumente kennen, sie beobachtet zuweilen den Mond und die Sterne, aber die größte Freude hat sie doch an der unsichtbaren Welt, und geht allgemach ganz in meine Ansichten über diese ein. Die Lehre von den Elementargeistern sagt ihr ganz besonders zu, und sie meint, jenes zauberreiche Bild, in welches sie sich so sterblich verliebt habe, sei ganz gewiß schon, ohne daß ihr Vater es gewußt habe, von einem Elementargeist bewohnt gewesen.

Freund, rief Peterling aus, Du wirst das arme Wesen noch erst völlig unklug machen.

Ihr seid wunderliche Menschen, rief Heinzemann unwillig aus: alle eure Bestrebungen sind geistiger Natur, und können nicht anders seyn. Du gehst einem Traum nach, Gold hervorzubringen und die Metalle zu verwandeln, Ambrosius schwärmt für die Kunst, und strebt, was ihm geistig vorschwebt, in Bild und Gestalt hinzustellen; er will lieber die Vogelscheuchen idealisiren, als leugnen, daß es ein begeisterndes Ideal gebe. Und wenn man euch nun sagt, daß diese Geister, von denen die eurigen regiert und bestimmt werden, doch wenigstens eben so persönlich seyn müssen, als ihr es selber seid, so tretet ihr auf die Hinterbeine und wollt nicht hören und nicht sehn. Und diese geistige Welt, diese unfaßliche, regiert sie nicht mit ihren Kräften das ganze Leben, wirkt sie nicht allmächtig auf alle Verhältnisse, auch die alltäglichsten, ein? Ich will gar nicht einmal der Religion und des Glaubens erwähnen. Was ist es denn, warum die Menschen Sonntags geputzt in die Kirche mit einem ganz andern Gefühl, als in ein bürgerliches Gebäude treten? Wie schlägt der Rechtgläubige seine Bibel auf, und wie bezwingt 109 und beherrscht ihn der Buchstabe, ohne daß er ihn, wie der Gelehrte behauptet, faßt und begreift. Ein Geist ist es, der so die Gemüther bindet, den diese erregen, die ihn herbei rufen, und unter dessen Gewalt sie sich dann freiwillig, aber ohne es zu wissen, schmiegen. Dagegen hat Niemand etwas, aber mein Trieb, diese uns unsichtbaren Wesen näher kennen zu lernen, ist anstößig. Lassen sich die Metalle verwandeln oder erzeugen, kommen wir noch einmal der wahren geistigen Kraft des Magneten oder der Elektricität auf die Spur: – warum soll ich die Hoffnung aufgeben, durch Zufall oder Anstrengung Mittel und Wege zu finden, auf welchen diese Geister mir auf irgend eine Weise etwas verkörpert erscheinen, denn das sehe ich wohl ein, daß ich keine wahre, bewußtvolle Kommunikation als Mensch mit ihnen haben kann, so lange sie mir unsichtbare Geister bleiben. – In jedem Roman, in jeder Erzählung, im Lebenslauf eines jeden, ganz gewöhnlichen Menschen, wie zum Beispiel mein Freund, Dein junger Neffe hier ist, wird es von jedermann angenommen, daß die Liebe eine Zauberkraft, eine geistige, unerklärliche Gewalt ausübe. Von allen Handlungen und Begebenheiten verlangen wir Motive und Ursachen, der hintergeht jenen, der andere stiehlt und betrügt, der sucht jenes Amt zu bekommen, einer verfolgt den andern, oder ermordet ihn gar; hier sind wir niemals mit der bloßen That und Begebenheit zufrieden. Wie hängt das zusammen? Wie kam der Mensch darauf? Was bewog ihn? Wie konnte er sich so vergessen? So drängen sich Fragen auf Fragen. Aber zwei junge gesunde frische Gesichter kommen sich bei Tische gegenüber zu sitzen, oft wahre Maulaffen; phlegmatisch treten sie in die Gesellschaft, erhitzt, unruhig, poetisch gehen sie nach Hause. Es treibt sie umher, sie rennen, suchen, sie erfinden Mittel, zusammen zu kommen, sie überwinden die größten 110 Schwierigkeiten, sie trotzen den Gefahren, sie überwerfen sich mit Eltern und der ganzen Welt, sie laufen davon, verschmähen Wohlstand, Ehre, Reichthum, darben mit einander – weshalb? Sie sind verliebt, antwortet man, und diese drei Worte schneiden jede Frage ab, alle Gemüther begreifen, sind zufrieden gestellt, und verwundern sich gar nicht über das, was ihnen das größte Wunder seyn sollte. Hier treten Geister-Verhältnisse unmittelbar in das Leben, man sieht das Unbegreifliche, Wundersame, aber keiner will der Ursache nachgehn. Die häßlichste Larve erscheint dem in Liebe verblendeten oft als die griechische Schönheit, ein anderer sieht in Geiz, Bosheit und Lüge die edelsten Tugenden; der und jener Dummkopf wird von seiner thörichten Geliebten für einen Salomon gehalten, der Schiefgebeinte, wenn er in der Liebe raset, läßt sich zu Tänzen und Balletsprüngen verleiten, der Stammelnde deklamirt Verse und Elegieen, und der Heisere singt, so gewaltig regiert alle der Liebesgeist.

Die blasse Ophelia war während der letzten Rede mit ihrem wehmüthigen und sehnsüchtigen Anstande in das Zimmer getreten. Wohl, sagte sie in Flötentönen, sind es verwandte selige Geister, die wir durch die Kraft unsers Herzens zu uns hernieder zwingen, daß sie bei uns wohnen, mit uns klagen, und in uns sind. Darum sind wir, die wir lieben, auch Magier, oder können es werden, und wir steigen um so höher, je idealischer, unsinnlicher unsre Liebe ist. Und so ist von dir, o mein Adonis, die Weihe ausgegangen, die mich bis zu den höchsten Regionen der reinsten Geister erheben wird.

Sie gingen im Mondschein zur Stadt zurück, und Heinzemann fand einen Brief, der ihm meldete, daß sein Freund Ambrosius in der Besserung sei. Man hoffte nun, daß man bald die Reise nach Ensisheim antreten könne. 111


 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.