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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Scene.

Vogelschießen. König des Festes.

Der Prinz war indessen mit seinem Begleiter angekommen. Der junge schlanke Herr schien an einer immerwährenden Langeweile zu leiden, die ihm der begleitende Kammerherr nicht zu erleichtern verstand. Aber auch einem Klügern würde es schwer, vielleicht unmöglich geworden seyn, ein Wesen froh zu machen, welches keine Beschäftigung kannte, 96 oder kennen wollte, welches die Menschen floh, in der Jugend keine Kenntniß gesammelt hatte, und von der Natur weder Gedächtniß, noch Verstand und Phantasie erhalten hatte.

Sein Vater sendete ihn aus, um selbst den traurigen Anblick dieses Verwahrloseten nicht immer vor sich zu haben, um unterdeß mit den Landständen und Agnaten die Erbfähigkeit eines jüngern Sohnes einzuleiten. Der Prinz Konrad hatte also nichts zu thun, als zum Theil die hergebrachte Etikette zu beobachten, ganz leichte Bücher zu lesen oder sich vorlesen zu lassen, Piket zu spielen, und sich der Tafel zu erfreuen. Sein begleitender Kammerherr war, was man einen lustigen, heitern Mann nennt, er war seinem Herrn freilich an Geistesfähigkeiten sehr überlegen, aber doch so beschränkt und kurzsichtig, daß ihm sein Amt und die Aufsicht, die er über den Prinzen führen mußte, nicht lästig war. Dies Geschäft war ihm wie ein jedes andere; er lachte, war aufgeweckt, aß mit Appetit und glaubte seinen Beruf mehr als erfüllt zu haben, wenn er seinen gnädigen Herrn zum Lachen bringen konnte. Dieser lachte auch über die sich oft wiederholenden Spaße seines Begleiters, mehr, weil er sich daran gewöhnt hatte, als daß sie ihn eben erheitert hätten. So lebten die Herren auf ihre Weise ganz angenehm mit einander, und wenn beiden auch der Tag sehr lang dünkte, so vermißte doch eigentlich keiner etwas.

Der Syndikus, der Senator Willig, der Apotheker und Rathmann Dümpfellen hatten den jungen Herrn empfangen und in seine Wohnung eingeführt, der Baron Milzwurm, als Adliger, hatte sie begleitet, und man war mit dem dienstpflichtigen Kammerherrn einig geworden, daß der Prinz am Nachmittage das Vogelschießen besuchen und die Bürgerlustbarkeit durch seine Gegenwart ehren solle.

Ledebrinna und der Magister waren nicht zugegen, weil 97 sie vollauf zu thun hatten, um die Kunstausstellung, an welcher sich der Prinz erfreuen sollte, einzurichten. Willig, den Amtsgeschäfte abriefen, zog sich bald zurück und war auch am Abend und Nachmittag kein Mitgenoß der fröhlichen Gesellschaft, weil er eigentlich von den Vätern der Stadt der einzige war, welcher wirklich arbeitete und die Regierung des Staates verwaltete.

Als der Prinz Konrad mit dem Baron Hollabrunn, dem Syndikus und dem würdigen Dümpfellen die Wiese betrat, welche zu dieser Festlichkeit bestimmt und eingerichtet war, schien er erst vor dem Getümmel und dem Andrang der vielen Menschen zu erschrecken. Doch auf das Zureden Hollabrunns faßte er sich bald, schaute sich um und vermied nur den dicksten Volkshaufen. Schreien so, sagte der Prinz, ist fast wie eine Empörung. – Es gilt nur die Pfefferkuchen, Herr Baron (denn so mußte man den Prinzen öffentlich in seinem Incognito nennen), um die wird gewürfelt.

Man hatte in dem Gasthause, welches mit grünen Bäumen umgeben war, für den Prinzen ein eignes Zimmer zugerichtet, oben, von wo man eine schöne Aussicht über Wald und Hügel und die ganze anmuthige Gegend genoß. Hier trat die vornehme Gesellschaft ein und man wies dem Prinzen den bequemsten Platz am Fenster: Hier, Durchlaucht, sagte der Syndikus (weil man im vertrauten Zirkel war), können Dieselben am besten unsre Gegend überschauen. – Ja, sagte der Prinz, es scheint allerdings so eine Naturgegend zu seyn, wie an vielen Orten. Im Grunde nichts Besonderes. Nur, daß sie unten schießen, und die Schilder oder Scheiben sind recht hübsch gemalt.

Er nahm den Sessel, drehte ihn um und setzte sich dann hinein, das Gesicht gegen die leeren Wände gerichtet. Als er merkte, daß der Syndikus sich hierüber verwunderte, sagte 98 er: Wenn ich im Freien bin und im Gartenhaus, sitze ich am liebsten so und denke mir die Aussicht hinaus oder draußen: stören mich immer dort die Bäume und Wolken, wenn sie sich so unruhig bewegen.

Durchlaucht, sagte Hollabrunn, haben von Jugend auf diese Gewohnheit gehabt. Und was sieht man denn auch eigentlich bei einem solchen Hinausblick? Immer dasselbe, aber in einer ängstlichen Bewegung. Ich habe dieselbe Manier von meinem verehrten Fürsten gelernt und befinde mich recht wohl dabei. Ich trete ans Fenster, kucke mit großen Augen hinaus, weit umher, nehme so ein tüchtiges Maul voll von der schönen Natur, drehe mich um und sehe die leeren Wände an, um es in meinem Innern nun recht zu genießen und zu verdauen.

Man nahm die Erfrischungen und der Prinz erschrak nur wenig, wenn er unten die Schüsse fallen hörte. Der Kammerherr, vom Syndikus dazu angereizt, suchte nun des Prinzen Eitelkeit rege zu machen, daß dieser sich ebenfalls im Schießen versuchen sollte. Ich kann das Losplatzen nicht leiden, sagte Prinz Konrad, auch schlägt einem das Gewehr beim Abbrennen. Ist Ungezogenheit.

Hollabrunn wußte aber so viel Schmeichelhaftes diesen Einreden entgegen zu setzen, ließ so viel von fürstlichen Tugenden und Muth und Entschlossenheit einfließen, log dabei so dreist von der großen Geschicklichkeit des Prinzen, welch' ein vortrefflicher Schütze er sei, obgleich er nur zwei oder drei Mal den Muth gehabt hatte, eine Büchse abzufeuern, mit welcher Sicherheit er jedesmal das Ziel getroffen habe, und wie es eigentlich eine wahre Pflicht sei, ein so schönes Talent nicht zu versäumen und zu vergraben, daß der Prinz endlich aufstand, schnell und schneller im Zimmer auf- und abging, immer heftiger mit dem Kopfe schüttelte und 99 mit lauter Stimme erst und dann heftig schreiend ausrief: Nein! Nein! Nein!

Der Syndikus war um das Gelingen seines Planes besorgt, doch Hollabrunn sagte leise zu ihm: Nun ist er schon entschlossen, es zu thun, denn das ist eine Eigenheit an ihm, so heftig zu widersprechen, wenn er für etwas eine Neigung gefaßt hat. Plötzlich stand Prinz Konrad still und sagte ruhig: Sie sehen, ich gebe Ihnen nach, meine Herren, zeige ich mich ungeschickt, so fällt der Tadel auf Sie zurück.

Der Syndikus eilte zu seinen Verschworenen hinab, damit Alles im Tempo und sicher geschehe, was man schon beredet hatte. Die Büchse war hingelegt, man hatte den Vogel schon eingerichtet, im Gebüsch versteckt lauschten die Ausführenden, die jubelnden Vivatrufer waren in der Nähe. Als der Prinz hinunter gestiegen war, sah er mit scheuen Blicken umher, er musterte die Menge, schaute mit mißtrauischem Auge zum Vogel nach der hohen Stange hinauf, und ging einigemal vor der Büchse vorüber, ohne sie anzurühren. Endlich nahm er sie, spannte den Hahn und legte an. Die Jauchzenden standen bereit, die Versteckten antworteten auf das Zeichen, der Prinz drückte ab und der Vogel stürzte, aber kein Knall, denn das Pulver war nur von der Pfanne abgeblitzt. Die Beifallsrufenden standen mit weit geöffnetem Maule da, Prinz Konrad legte kopfschüttelnd das Gewehr wieder hin und Hollabrunn und der Syndikus führten ein eifriges Gespräch. Von fern und nah erschallte ein lautes Gelächter aus den Gruppen des Volkes, weil keiner begriff, was dem Vogel widerfahren seyn könne, daß er so ohne Ursache von seiner Stange falle.

Der Prinz ging verdrüßlich mit Hollabrunn zum Zimmer hinauf, setzte sich wieder in seinen Sessel mit dem Rücken 100 gegen das Fenster und pfiff ein Lied. Hollabrunn suchte ihn durch seine gewöhnlichen Späße zu erheitern, aber vergeblich, denn der Prinz sagte immerdar vor sich hin: Vergebliche Reise. Hätten lieber zu Hause bleiben können.

Dümpfellen nahm unten den Syndikus Spener bei Seite und sagte verdrüßlich zu ihm: Alter Mirabeau, Intriguenspinner, was habt Ihr da für Unsinn herausgebracht?

Der Büchsenspänner hat alle Schuld, antwortete Spener, das Volk, das sich so listig dünkt, begreift immer nur halb, wenn man es ihm auch noch so weitläuftig auseinander setzt. Ich hatte befohlen, keine Kugel in die Büchse zu thun, um Schaden zu verhüten, und der Mensch thut gar keinen Schuß hinein und schüttet bloß etwas Pulver auf die Pfanne. Er meint, die zu große Anstrengung, um meine Meinung gewiß zu treffen, habe ihn zerstreut. Nun muß Alles noch einmal, und zwar viel klüger veranstaltet werden, damit es nicht mißlingen kann.

Der Prinz wird aber nicht zum zweitenmal anbeißen wollen, warf der Apotheker ein, er hat das laute Gelächter gehört und scheint sehr verdrüßlich.

Das ist die Sache des Herrn von Hollabrunn, antwortete der alte Syndikus, das Gemüth des Prinzen wieder in das rechte Gleis zu bringen.

Der ist aber auch auf uns böse, wie es scheint, sagte Dümpfellen. Es wäre schrecklich für unsre Stadt, wenn man sich eine ausdrückliche Ungnade zuzöge.

Die Abendmahlzeit, meinte der Syndikus, die Toasts, die Lichter, die Weine und der Champagner müssen alles wieder gut machen. Er ging zu allen Theilnehmern des Komplotts, untersuchte dann selbst die Büchse, und stellte alle an ihren Posten. Der Vogel war schon wieder an seiner Stelle befestigt, und Spener ging wieder in die obern 101 Zimmer, indem es schon anfing zu dämmern. Die Sonne war hinter dicken Wolken untergegangen.

Oben war indessen der Prinz von Hollabrunn, dem Baron Milzwurm und dem Apotheker mit vielfachen Redensarten und Insinuationen bearbeitet worden; er antwortete aber auf alle freundlichen Ueberredungen: Paßt nicht mehr, bin kein Vogelschütze, ist ein Spaß für die bürgerlichen Herrn, ich bin in der Aufklärung und Popularität zu weit gegangen, und hätte mich nicht so sehr vergessen sollen.

Gnädiger Herr, sagte Milzwurm, eben als der Syndikus eintrat: es handelt sich eigentlich nur darum, daß Sie dem guten Städtchen hier ein glorreiches Andenken Ihres hiesigen beglückenden Aufenthaltes zurück lassen. Die Büchse, die Sie berührt, der Vogel, nach welchem Sie gezielt haben, werden dann als die größten Seltenheiten, als wahre Palladien der Stadt auf dem Zeughause aufbewahrt werden, und Kind und Kindes-Kind und Enkel-Enkels-Kind werden diese an sich unbedeutenden Geräthschaften noch mit staunender Ehrfurcht betrachten. Es ist hier gar nicht die Rede von der Gegenwart und von den einfältigen Menschen, die jetzt leben, nicht von alle dem Volke, das dort unten Maulaffen feil hat, – nein, Durchlaucht, von einer bessern und edlern Zukunft, von einem edlern Geschlecht unsrer Nachkommen, die, wie feinere Früchte, unserem groben und ordinären Stamme eingeimpft werden. Denn ohne diese glorreiche Zukunft wäre unsre Gegenwart gar nichts werth.

Nein! nein! nein! schrie der Prinz, und lief wieder ungestüm im Zimmer umher. Der Syndikus, der jetzt schon diese Aeußerungen verstand, lächelte sehr verschmitzt und drückte dem Herrn von Milzwurm dankbar die Hand. – Da es schon finster wird, sagte der Prinz, so kann ich den Vogel nicht mehr recht sehn, die Spaßvögel unten können mich von 102 den geehrten Herren hier nicht unterscheiden, und so soll es denn nun vor sich gehn.

Er eilte die Treppe hinunter, daß ihm die andern kaum folgen konnten, und begab sich an seinen Stand. Man reichte ihm die Büchse, er zielte lange, schoß, der Vogel stürzte nieder, lautes, allgemeines Freudengeschrei. Ein Vivat nach dem andern ertönte, und der Magistrat begrüßte den Fremden, der den wundersamen Schuß gethan hatte, als Schützenkönig. Prinz Konrad rieb sich die Hände und lachte laut. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, sagte er dann.

Oben hatte man im Saal unterdessen das Fest arrangirt. Die Honoratioren der Stadt waren geladen, und nahmen, als Mitwisser des öffentlichen Geheimnisses, an der langen Tafel Platz, an welcher der gnädige Herr präsidirte. Auch die Frau Obristin mit ihrer Nichte Emmeline waren eingeladen, beide erschienen im großen Prunk. Amalie von Weilern so wie ihre Tante Edelmuth hatten sich entschuldigt, und Elisa konnte nicht erscheinen, weil sie krank war.

Die Gesellschaft bestand aus zwanzig Personen. Der Syndikus, so wie der Baron Milzwurm hatten immer neue Toasts, Denksprüche und Gesundheiten in Bereitschaft, um ihren hohen Gast zu ehren, und Prinz Konrad gab viele Zeichen der Zufriedenheit. Manche Paradoxen, von Wein und Lob erhitzt, sprach er aus: so, als der Apotheker ihm wieder über den vollendeten Schuß etwas Schmeichelhaftes sagte, behauptete er, man könne im Finstern, oder einer ungewissen Dämmerung viel sichrer zielen und treffen, als bei der eigentlichen Tageshelle. Denn das Licht blende leicht, und lasse die Umrisse der Dinge ungewiß erscheinen, dagegen werden alle Gegenstände bei zunehmender Dämmerung mehr kompakt, und die finstere Luft mache einen bessern Hintergrund, in welchem sich die vorschwebenden Körper viel genauer abzeichneten.

103 Ein Feuerwerk beschloß das Fest. Man blieb bis zwei Uhr nach Mitternacht beisammen, und alle verließen den Saal, von der Humanität des Prinzen bezaubert.


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