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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Scene.

Große musikalische Gesellschaft.

Der Apotheker erwachte am folgenden Morgen etwas später als gewöhnlich. Noch einigermaßen verdüstert erhob er sich, trank, um sich zu kühlen, zwei Gläser frischen Wassers und begab sich dann zum Frühstück. Vorher aber rief er noch seinen alten treuen Jerome in sein Cabinet und sagte ihm folgende Worte, die der bedächtige Diener verstand und sich merkte: Mein Jerome, sagte Herr Dümpfellen, Domestiken, Handarbeiter und alle Menschen, die weniger mit dem Kopf, als mit dem Körper arbeiten, leben sehr oft in Ansehung ihrer Herrschaften oder in ihrer Ansicht über Gelehrte, im sonderbarsten Irrthum. Sieh, mein alter Sohn, wenn einer unsrer Art einmal seine Phantasie recht anspannt, dabei mit der Vernunft in metaphysische Gegenden geräth, so erregt Grübeln, Dichten, Denken, vereinbart mit einem tief aufgeregten Gefühl, in unserm Nervensystem eine seltsame Erschütterung, von welcher ihr glücklichen einfachen Naturmenschen gar keine Vorstellung habt. Es ist eine Exaltation aller Kräfte, die nachher eine um so größere Abspannung zur nothwendigen Folge hat. Tritt in die Lebensgeister noch 62 das Gas oder Fluidum eines Labetrunkes hinein, so wird der Zustand eines alten Mannes alsdann gewissermaßen bedenklich. Diese Verhältnisse und Stimmungen sollten immerdar über jeder Kritik erhaben seyn, aber gerade diese Geistigkeiten sind es in der Regel, die der gemeinere Sinn auslegt, kommentirt, darüber in den Gesindestuben und Schenken schwatzt und einen Lebensgenuß darin findet, Männer, von denen diese unberufenen Tadler ihren Unterhalt ziehn, und die sie in ihrem geheimen Herzen hoch verehren, vor ihres Gleichen zu erniedrigen. Du, mein Jerome, wirst in diese Versuchung jener alltäglichen Menschen nicht fallen, Du wirst Dich jeder Erzählung enthalten, weil auch die wohlgemeinte doch nur eine Unwahrheit seyn würde, und heut überall nur Auge und Ohr seyn, weil wir heut große Gesellschaft haben, und nicht daran denken, Deine Zunge zu brauchen, weil das Gesinde der andern viel zu niedrig steht, als daß es Dich verstehen könnte.

Jerome suchte die ehrlichste und einfältigste Miene zu veranstalten, deren seine Physiognomie nur irgend fähig war, er wollte nicht tiefsinnig aussehn, auch nicht auffallend neugierig, sondern nur auf die gewöhnliche Art aufmerksam, wie ein Diener die Befehle seines Herrn anhören muß. Innerlich ängstete sich Jerome, er möchte in dieser Anstrengung ein dummes Gesicht machen, welches sein Herr leicht als vorsätzliche Ironie hätte auslegen können. Als der Apotheker geendigt hatte, schlug Jerome die Augen nieder und verbeugte sich, ohne eine Sylbe zu antworten, und so wie sich der Bediente eben so schweigend wieder aufrichtete, sagte der Herr zu ihm: Dieses Dein Schweigen lobe und verstehe ich, ein solches sehr schätzbares Stummsein ist für den verständigen Hörer beredter als vielfache Betheurung und weitläuftiges Erwiedern. Sei nun heut, weil wir große Gesellschaft 63 haben, besonders aufmerksam, laß Dich nicht zerstreuen, und mache zwischen den Vornehmern und Geringern in der Aufwartung einen gewissen, aber doch nicht merklichen Unterschied. Doch überflüssiges Ermahnen; mir ist ja Deine Feinheit und Sicherheit bekannt.

Er entließ den Diener und dieser entfernte sich mit seiner aufgespannten Ernsthaftigkeit. Als er die Thür hinter sich zugemacht hatte, eilte er, mehr als nöthig war, den Gang hinunter, um in seine Stube zu gelangen. Hier erholte er sich und brach in ein lautes Lachen aus. Hält mir das nicht eine lange Bußpredigt, sagte er zu sich selbst, als wenn man einen Pestkranken trösten wollte. Und war nichts als simpel besoffen, wie es unser einem wohl auch begegnet. Heut Abend oder morgen früh schenkt er mir nun noch eine Flasche Wein, um alle Beurtheilung in mir zu ersticken.

Im Saal war das Fortepiano schon aufgeschlagen, die Notenbücher waren hingelegt, und gegen Abend versammelte sich nach und nach die Gesellschaft. Die Tochter des Hauses war verdrüßlich, daß ihr Wilhelm nicht der erste war, welcher sich einfand, daß sie ihn noch, bevor der Vater eintrat, hätte sprechen können. Der Offizier aber hatte sich vorgenommen, heute sein Betragen recht fein einzurichten, um dem Vater oder jenem Nebenbuhler seiner Liebe keinen Anstoß zu erregen. Er war schon seit Stunden völlig angekleidet, ging im Zimmer auf und ab, öffnete die Thür, kehrte wieder um, und konnte den Moment nicht erwarten, an welchem es ihm schicklich genug vorkam, in die Gesellschaft zu treten.

Eine Freundin des Hauses begrüßte Elisen zuerst, ein junges Fräulein, die bei ihrer Tante in einem angenehmen Garten vor dem Thore wohnte. Mit dieser, einer ältlichen, einfachen Frau, trat sie jetzt in das Zimmer, und Elisa war 64 nicht eifersüchtig darüber, sich in Putz und Schönheit von dem Fräulein von Weilern verdunkelt zu sehn. Amalia von Weilern war in der Blüthe der Jugend, groß und schlank, blond, mit durchdringenden braunen, großen Augen; sie konnte gewissermaßen für die Königin des Städtchens gelten, denn wo sie eintrat, ward sie ohne Uebereinkunft von der Gesellschaft immer wie die erste behandelt. Sie besuchte nur selten die Familien der Stadt, weil sie die Einsamkeit liebte und sich mit Büchern und Musik beschäftigte. Da sie Bekanntschaften auf geschickte Weise vermied, und ihre Tante, die ganz nach den Wünschen der Nichte lebte, kein Haus machte, so erhielt sie in ihrem geschmackvollen Gartenhause nur selten Besuche, und von den Weibern der Stadt wurden sie nur die Einsiedler genannt, auch geizig und hochmüthig gescholten. Wer die Erlaubniß, sie dort zu sehn, am meisten benutzte, war der junge Rechtsgelehrte Alexander. Dieser war draußen, so oft es ihm möglich oder schicklich schien, und es war unverkennbar, daß der junge geistreiche Mann mit stärkern Banden, als die der Geselligkeit und gewöhnlichen Freundschaft, an das Haus gefesselt war. Er war einer von den Freiern, welche Elisa etwas zu bestimmt abgewiesen hatte, und er konnte sich erst wieder im Hause des Apothekers gefallen, seitdem er sich seine Neigung zu Fräulein Weilern gestanden hatte, die, wenn sie diese auch nicht erwiederte, ihn doch gern bei sich sah. Alexander war es daher auch, der gleich nach dem Fräulein erschien und nach den ersten Begrüßungen gleich mit dieser in ein Gespräch über Bücher und Dichter gerieth, welches beide gleich sehr beschäftigte. Der Herr des Hauses trat jetzt ein, gedankenvoller und verdrüßlicher, so meinte die Tochter, welche ihn aufmerksam beobachtete, als gewöhnlich. Der Apotheker klagte, als man ihn befragte, über Kopfschmerz, welcher ihn 65 gewöhnlich befalle, wenn er einmal über Nacht zu lange bei seinen Büchern aufsitze. Er erschrak ein wenig, als in diesem Augenblick Jerome, den er nicht bemerkt hatte, an ihm vorüber ging, um das Theegeschirr hinzustellen. Eilig ging er daher mit offenen Armen dem Senator Willig entgegen, und drängte diesem, einem feinen stillen Manne, sogleich ein lautes und lebhaftes Gespräch auf.

Als es wieder stiller geworden war, hörte Elisa, wie Alexander eben zu dem Fräulein sagte: Ich versichre Sie, dieser Glaube an Astrologie, den Schiller so beredt in dieser Stelle seines Wallenstein rechtfertigt, ist noch nicht in der Welt untergegangen. Mein Oheim Heinzemann, ein Bürgermeister in dem kleinen Orla, ist ganz von diesem Wahn, wie Sie ihn nennen, durchdrungen. Er würde jetzt schon hier seyn, wenn er nicht die Genesung eines Freundes abwartete, mit welchem er die Reise hieher machen will. Es würde Sie gewiß unterhalten, dieses Original kennen zu lernen.

Jetzt trat der junge Lieutnant etwas schroff und mit lautem Tritt in den Saal, denn sein Auge hatte sogleich Elisa aufgefunden, die, wie er meinte, zu emsig dem erzählenden Alexander zuhörte. Sie hatte ihn wirklich nicht sogleich bemerkt, weil ihr dies Gespräch über Astrologie, hauptsächlich aber des Bürgermeisters Heinzemann wegen, interessant war. Wilhelm trat hinzu und machte sich sogleich auf eine ungeschickte Weise mit dem Fräulein viel zu schaffen, weil er Elisen wegen ihrer Unachtsamkeit bestrafen wollte. Er sprach daher eifrig über Dinge mit, von denen er nichts verstand, und Alexander, der es gut mit dem jungen Manne meinte, gab sich Mühe, dem unzweckmäßigen Gespräch eine andre Richtung zu geben. Wilhelm aber vertiefte sich so in das Schelten auf Astrologie, Aberglauben, Mondsucht, thierischen Magnetismus, und Alles, was er nur in der Eile 66 abreichen konnte, daß das verständige Fräulein endlich ihr Lachen nicht mehr zurückhalten konnte.

Wilhelm hätte vielleicht in seiner empfindlichen Verstimmung etwas Unpassendes erwiedert, wenn nicht drei seltsame Gestalten, welche jetzt in den Saal herein rauschten, die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätten. Die auffallendste dieser Figuren war eine große, starke Dame, die Witwe eines Obersten, Frau von Hegenkamp. Sie mochte funfzig Jahr alt seyn, affektirte aber das Betragen und die Geberden eines jungen unerfahrnen Mädchens. Sie war übertrieben roth geschminkt, hüpfte und schäkerte, wehte sich mit einem großen Fächer Kühlung und schrie ihre Begrüßung beim Eintreten so laut, daß die übrigen fast erschraken. – – –

Man erlaube dem Autor hier eine Parenthese oder Note. – Ein weitläuftiger Vetter von mir, Martin Speelmann, so nannte er sich, ist kürzlich verstorben, und ich bin jetzt mit der Ordnung und Auswahl seiner von ihm zurückgelassenen Papiere und Schriften beschäftigt, von denen ich die vorzüglichsten vielleicht künftig einmal durch den Druck bekannt mache. Dieser Vetter Martin behauptet in einem seiner launigen Aufsätze, das Schminken, besonders der Weiber, sei so wenig ein Laster, daß er es vielmehr für eine ihrer größten und ausdrücklichsten Tugenden halte. Er meint nehmlich, daß sich der Kunsttrieb der Menschen auf sehr verschiedene Weise äußere. Die ältesten so wie die wildesten Völker seien schon auf den Gedanken gerathen, sich Gesicht und Körper zu bemalen, bald mit Strichen, Zierrathen, oder selbst mit Figuren, oft in grell abstechenden Farben. Unsern Leib, den wir der Sitte und des Climas wegen nicht bloß tragen, können wir wenigstens nicht ganz anstreichen und färben, die bunten Kleider, Shawls, Halskrausen, goldne 67 Ketten, seidne Bänder, Schnüre, Litzen, Falbalas, Aufschlag und Kragen ersetzen das sinnige Kunstwerk und dienen als Tableau. Klagt man, daß in den Regierungen, von schlechten Schriftstellern und boshaften Denkern und Buchverlegern so unendlich viel gutes Papier verdorben werde, was der Menschheit auf eine andre Art zu Gute kommen könnte, so gehe dem fühlenden Papierfreund fast ein noch größerer Stich durch das Herz, wenn er so vieles englische und holländische Velin, diese kristallhellen Bogen aus der Schweiz, diese glänzenden Wunderblätter, von Pinsel, Crayon, Bleistift, Röthel, Tusch, Farben und Klexen verdorben sehe, oft von schönen Händen, die in Weiße mit dem Papier wetteifern, oft von entstellten braunen formlosen Fingern; und kann der Menschenfreund es leugnen, daß ungeheuer viel schönes und herrliches Papier in unsrer Zeit zu Grunde gerichtet wird, in welcher durchaus jedes Frauenzimmer Kunst treiben will? Die wenigen Tugendhaften also, die, statt feines Papier mit Antiken oder Landschaften vollzuklexen, ihr eigenes Gesicht, was ihnen doch gewiß von Natur schon gehört, überschmieren, wodurch sie keinem Menschen zu nahe treten, diese will man verlästern? Also mit ihren Backen, ihrer Nase, ihrer Stirn und ihren Lippen sollen sie nicht machen dürfen, was ihnen gut dünkt? Und wir sprechen von Freiheit oder Menschenrechten? Wie man holzsparende Gesellschaften hat, die man belobt, Mäßigkeitsvereine, die sich dem übermäßigen Gebrauch starker Getränke entgegenstellen, so sind diese Papier ersparenden und Malertuch verschonenden Damen gewiß auch zu unsern edlen Patrioten zu rechnen. Jeden Morgen erneuen sie ihren Kunstversuch unermüdet, und allabendlich waschen sie das gelungene hinweg, um nach einigen Stunden unermüdet das schöne Werk wieder zu beginnen. Sollte man diese Gemüthlichkeit nicht auch manchem Maler wünschen, daß er sich mit 68 einer bestimmten Quantität von Malerleinwand begnügen ließe, und immer wieder dieselben Quadratfüße überstriche, statt so egoistisch ins Große zu gehn und den Artikel zu vertheuern? Noch – fährt mein Vetter fort – ist außer der Ersparniß und der unschädlichen Befriedigung des Kunsttriebes hier von wahrer Tugend die Rede. Nannte man nicht die ungeheuren Reifröcke, in denen die Frauen ehemals, wie Kinder jetzt zum Gehenlernen in ihren Laufkörben, sich bewegten, Vertugadins? weil keine Phantasie ausmitteln konnte, wie ein Bösewicht diesen so Verschanzten, so lange die Bollwerke nicht niedergeworfen waren, beikommen könnte? Noch tugendhafter ist es aber, durch ein Kunstgemälde das ganze Gesicht dick zu überziehn; denn wie eine Maske vor Frost, Sonnenbrand, oder Erkanntzuwerden schützt, so ein solcher Ueberzug von Gips, Kalk, Carmin, Roth, Weiß und Blau vor jedem Kuß. Auch der leiseste würde entdeckt werden, durch die Lücke im Gemälde, auch der kühnste Lüstling muß abgeschreckt werden, weil er weiß, er nimmt so viel Loth Farbe auf seine Lippen, und ruinirt, indem er sich schadet, eine mühsame und großartige Freskomalerei. Nur, so schließt der Vetter, muß die Schminkende niemals suchen, wirkliches Naturroth zu ergänzen, oder hervorzubringen, auch der fast Erblindete muß sogleich erkennen, daß es rothe Schminke sei. Dies ist der ächte, wahre und große Styl dieser portativen Freskogemälde. – –

Von diesem ächten Styl der Tugend hatte aber die Frau Obristin einen fast zu großmüthigen Gebrauch gemacht, denn selbst die rothen Damast-Wände des Zimmers erschienen blaß, als sie hereinrauschte. Neben ihr ging eine kleine Nichte, Emmelinchen, wie sie immer genannt wurde, diese war ganz blaß, und hatte den Ausdruck eines Gänschens. Diese auffallende Blässe des kleinen schmächtigen Wesens war 69 der großen breiten dunkelrothen Witwe sehr erwünscht, um gegen den bleichen Schatten recht kräftig abzustechen. Geführt wurde die auffallende Witwe von einer sonderbaren alten und schlanken Gestalt, einem Herr von Milzwurm, der sich ganz dicht vor der Stadt ein kleines Gut gekauft hatte. Er war, wie er vielfach von sich erzählte, in beiden Indien gewesen, er hatte die sonderbarsten Dinge erlebt, und gab zu verstehn, daß er wichtiger politischer Ursachen wegen den Namen führe, den er vielleicht nur angenommen habe, um große, heilige Geheimnisse nicht zu profaniren. So mochte denn das forschende gläubige Auge in ihm einen Prinzen oder Fürsten, oder einen der unsterblichen Rosenkreuzer, oder zurückgesetzten Bischof, oder einen seiner Sicherheit wegen verkappten Jakobiner errathen. Der Welt- und Menschenkenner sah in dieser Figur sogleich den unverschämten Abentheurer, der gewiß mehr zu verschweigen als zu erzählen hatte, aber die leichtgläubigen Kleinstädter hegten eine sonderbare Achtung vor diesem Manne, welche zugleich mit einer Art von ihnen wohlthuendem Grauen gemischt war. Er sah mit einer gewissen Verachtung auf die Bürgerklasse herab, und besuchte am meisten die verwitwete Obristin, die sich aus der Residenz zurückgezogen hatte, ein eignes Haus und ein mäßiges Vermögen besaß. Deshalb äußerten auch die Argwöhnischen, die ihm seinen Hochmuth nicht vergeben konnten, der sonderbare Mann bewerbe sich um die Hand der Schminkeliebenden, weil es mit seinem Vermögen, so reich er sich auch stelle, auf die Neige gehe. Andre sagten aus, seine Bewerbungen zielten eigentlich auf die Nichte, die ihm, als die jüngere, mehr gefalle, und doch einmal das Vermögen der Tante erhalten werde.

Noch einige bürgerliche Frauen, die keine sonderliche Bedeutung hatten, erschienen, sie machten sich dadurch wichtig, 70 daß der junge Poet Ulf sie und einige kichernde Töchterchen einführte, denen die runde Figur Artigkeiten und Schmeicheleien vorsagte, und die sich außerordentlich geehrt fühlten, wenn er auf ihren Geburts- oder Namenstag Gedichte überreichte. Sein volles, glänzendes Gesicht strahlte von Selbstzufriedenheit. Er lächelte alle Menschen mit jener bedeutungslosen Miene an, mit welcher Protektoren wohl ihre Clienten zu begrüßen pflegen.

Jetzt entstand ein allgemeines Aufsehn, denn der Syndikus Spener trat herein, und mit ihm der Mann, von dem seit einiger Zeit alle Einwohner des Städtchens sprachen, der braune, gelehrte, einsichtsvolle Herr von Ledebrinna, und mit ihnen zugleich der als Literatus berühmte Magister Ubique. Der Syndikus und der Apotheker begrüßten sich auf eine so zweideutige Art, daß ein Beobachter wohl eine heimliche Feindschaft aus dieser kaltblütigen, schiefgerathenen Umarmung hätte herauslesen mögen, es war aber nur eine sanfte Verlegenheit, an welcher, des gestrigen Abends wegen, die beiden würdigen alten Freunde heut noch litten.

Mit zugedrückten Augen und stets lächelnder, wie satirischer Miene machte der Magister Ubique diejenigen, die dem Herrn von Ledebrinna noch nicht waren vorgestellt worden, mit diesem würdigen Edelmanne bekannt, dessen Gelehrsamkeit und Kenntnisse, so wie dessen Talente in allen Zweigen des Wissens und Schaffens der redselige Magister mit den höchsten Ausdrücken lobte. Ledebrinna zuckte und winkte bei jedem Lobe mit seinen großen buschigen Augenbraunen, er beugte sich, zog, was seine natürlichste Geberde war, die ihm eben keinen vornehmen Anstand gab, die Schultern ungebührlich in die Höhe, lachte dann sehr gutmüthig, drückte dem Magister und demjenigen, der gerade mit ihm sprach, schüttelnd die Hand, und schob lachend und sprechend die 71 Schultern wieder, indem er sich rechts und dann links mit dem Oberleib beugte, bis zu den Ohren empor.

Wilhelm, der sich indessen wieder mit Elisen versöhnt hatte, blickte giftig zu ihm hin. Jetzt warf Ledebrinna plötzlich den Kopf empor, rollte mit den dunklen Augen unter den buschigen Braunen wie wild umher, schlenkerte die Arme unruhig und steuerte nach dem Klavier zu, an welchem Elisa sich niedergelassen hatte. Wilhelm trat erbittert zurück, um ihm Platz zu machen. Elisa ward roth, wie der etwas zu brünette Edelmann sie anredete, sie blickte seitwärts auf Wilhelm, welcher an seinen Fingern nagte, und ward noch verlegener.

Fräulein Elisa, fing Ledebrinna an, ist eine große Freundin und Kennerin der Musik.

Nur so fürs Haus, antwortete Elisa bescheiden und mit unterdrückter Stimme, wenn Sie mit einer Kennerin sprechen wollen, so müssen Sie sich an das Fräulein von Weilern wenden.

Ich weiß, rief Ledebrinna, indem er den Kopf mit einem Ruck in die Höhe warf, daß die Gnädigste dafür allgemein anerkannt ist.

Ja wohl, bemerkte Magister Ubique, indem er sich tief verbeugte, Mozart, Gluck, Haydn, Rossini, Cherubini, Salieri, Dittersdorf und Händel, alle Bachs und auch Volkslied und Kantate, alles liebt, singt, spielt und erhebt durch ihre göttliche Stimme zum Dasein unsre einzige verehrte Fräulein Amalie von Weilern.

Sacht, sacht, Herr Magister, sagte ohne alle Verlegenheit das verständige Mädchen, Sie geben mir da eine Vielseitigkeit, die ich weder habe, noch jemals erstreben würde, wenn mir die Natur ein großes Talent verliehen hätte.

Immer war Bescheidenheit, sagte der Magister, ohne 72 sich irre machen zu lassen, die Begleiterin des wahren Genies.

Amalie wendete sich ab und blätterte in den Noten, welche aufgeschlagen da lagen. Wollen wir lieber etwas singen? fragte sie unbefangen.

Freilich! rief die verwitwete Obristin, Ihre Stimme ist so schön und einzig. daß es Ihre Pflicht ist, uns bis in den Himmel zu entzücken.

Sie war nehmlich neidisch auf Amalie und meinte, wenn diese nicht in der Stadt wäre, würde sie ohne alle Widerrede die erste Person vorstellen.

Der Baron Milzwurm rief jetzt laut: Lassen Sie sich erbitten, grausames Fräulein, und vorenthalten Sie uns nicht länger diesen Ohrenschmaus.

Die Deutschen, sagte Alexander, indem er sich zu dem mißvergnügten Wilhelm wendete, bleiben eben immer Deutsche. Ohrenschmaus! Kann man wohl etwas Platteres sagen?

Ja wohl, erwiederte dieser, mir wäre eine Sottise auch nicht anstößiger. Aber das müssen wir unparteiisch bezeugen, er hat recht große und platte Elephanten-Ohren.

Alexander wendete sich jetzt zu Amalien und Elisen: Lassen Sie uns, theure Freundinnen, etwas Schlichtes und Einfaches singen, so etwas Herzliches, an denen sich unsre Väter und Mütter wohl erfreuten. Nicht solch' ungeheures Wesen, solch' virtuosenhaftes Kollern, wie es jetzt wohl Mode ist, solche Sachen, die das Ohr zerreißen, die besten Stimmen brechen und fast die Zähne ausfallen machen.

Nur nicht so langweilig Zartes, rief die dunkelroth geschminkte Witwe, das können meine zarten Nerven unmöglich vertragen, und ich muß dann fürchten, meine entsetzlichen Krämpfe wieder zu bekommen. So geht es mir fast immer, wenn ich etwas von Righini, oder Reichard, oder Gluck, 73 selbst Mozart, oder einem aus der alten Schule hören muß. Das sind unausstehliche Menschen, daß sie unsre Nerven so angreifen. Und doch wollen viele das die einfache und wahre Kunst nennen. Nein, wenn ich eine Romanze, oder ein ganz schlichtes herzliches Lied goutiren soll, so muß, wenigstens im Accompagnement, der Satan selbst sich von seiner Kette losreißen, und so rasen, daß mir Hören und Sehen vergeht. Dann gerathe ich in einen Zustand, in welchem ich erst zu hören anfange. Die Gitter, Klappen, Vorhänge, fallen mir dann erst von dem Gehör meines Geistes hinweg. Dann verlange ich auch, daß neben diesem geistreichen Accompagnement in jedem Takt die Melodie wechselt, daß in jeder Minute eine neue Tonart eintritt, wenigstens in jeder Zeile eine ganz neue, künstliche und geniale Ausbeugung, eine Figur, die unsre ältern Musiker für unerlaubt, und dem menschlichen Ohr für unerträglich ausgaben. Lieber Himmel! Was müssen unsre pedantischen Vorfahren für kuriose Ohren gehabt haben! Das war alles so weichlich und monoton, so gehalten und so getragen, wie sie es nannten, daß man es jedem Bauerngesange anfühlt, sie hatten damals noch keine Constitutionen. Das lungert alles so hin, kein Aufpauken, wie bei unserm Spontini, keine Musik der auferstandenen Verwesung, wie in Robert dem Teufel. O Himmel, sollte sich ein jungfräuliches Gemüth noch einmal wieder verlieben, welche Wonne müßte es seyn, einen schon halb verweseten Mann, einen genialen Verbrecher an sein Herz zu drücken.

Hier sah Alexander mit einem etwas schlauen Blick zum alten dürren Milzwurm hinüber, und die meisten Augen folgten ihm wie unwillkürlich nach. Die prophezeiende Sibylle ließ sich aber dadurch gar nicht stören, sondern fuhr in ihrer Symphonie also fort: Ist es nicht sonderbar, meine Freunde, daß ich keinen Stöpsel aus einer 74 Champagner-Flasche kann fahren hören, ohne fast in eine tödtliche Ohnmacht zu fallen? Und doch habe ich in der Nähe meines seligen Gemahls eine Schlacht mitgemacht, ich habe auf einem einsamen Dorfe den Ueberfall der Feinde erlebt, und Kanonen- und Musketenfeuer gehört, die Niedermetzelung unschuldiger Menschen vor meinen Augen gesehen, – und alles das hat mir so wenig etwas gethan, daß es im Gegentheil meine Nerven stärkte. Ich war niemals so wohl und heiter als damals.

Ledebrinna fiel ein: es zeigt sich, verehrte gnädige Frau, daß wir alle jetzt von der Kunst und dem Theater ganz dasselbe wollen und fordern. Ich gestehe gern, daß meine Nerven nicht so eingerichtet sind, um Romeo und Julia, von dem widerwärtigen Shakspeare, oder den ganz abgeschmackten Lear ertragen zu können; der Hamlet ist noch so leidlich langweilig, daß er uns nicht zu sehr affizirt, aber das herrliche Melodrama, die Galeerensklaven, das Meisterwerk: Drei Tage aus dem Leben eines Spielers – und soll ich noch den Hernani, le Roi s'amuse, die Lukretia Borgia und die Maria Tudor des großen und einzigen Viktor Hugo nennen? Nicht wahr, man steigt gleichsam in das Schlachthaus des Moders und der Scheußlichkeit hinab? Man athmet, so zu sagen, den Duft der Verwesung? Und ist alles dies schon im Original so groß und erhebend, daß die Sprache keine Worte dafür hat, es gehörig lobzupreisen, so steigt das Entzücken noch um ein Bedeutendes, wenn wir es nun in unsern ganz elenden, verfehlten, ungrammatischen und undeutschen deutschen Uebersetzungen genießen. Denn das Fumet eines Wildbratens ist noch nicht ganz haut goût, wenn es mit kräftigen Gewürz-Nägelchen, Pfeffer und dergleichen fast wieder zur nüchternen Frische gerufen wird. Aber, wenn wir es einmal in einem bankerotten und trostlosen 75 Wirthshause genießen, in einer weichlichen abgestandenen Tunke, in der auch keine Spur von Gesundheit und Frische mehr ist, dann fühlen wir so recht den elendesten Tod in unserm Busen. Kann man sich in den Zustand einer Leiche, oder eines auf den Tod sitzenden Verbrechers, hinein fühlen, so ist es dort. Und ist das denn nicht hochpoetisch?

Großer Mann! rief der Magister Ubique, o wie müssen Sie uns noch, Einziger, die verschiedenen Seelenzustände erklären und auseinander legen.

Ich werde mein Mögliches thun, sagte Ledebrinna höchst bescheiden, indem er die Schultern übermäßig hinaufzog und von einer Seite zur andern wackelte.

Alexander betrachtete die Sprechenden mit einigem Erstaunen, und Wilhelm, der sich sehr ungeduldig zeigte, schien etwas Heftiges drein reden zu wollen. Elisa ängstigte sich schon um den Geliebten, als die verständige Amalie, um das Gespräch aufzuheben, laute Töne auf dem Fortepiano anschlug. Alles ordnete sich in Reihen, und auf die Bitte des Hausherrn sang sie eine leichte Arie aus einer beliebten Oper. Nachher bat Alexander um einige Lieder, und Elisa trug eines vor, dann trat Ledebrinna an das Clavier, und da das schöne Gedicht von Göthe: »Wenn die Reben wieder blühen, rühret sich der Wein im Fasse« eben aufgeschlagen lag, so meinte der Magister Ubique, dieses müsse sich seiner sonoren Baßstimme vorzüglich aneignen. Ledebrinna sang Reichards Komposition ziemlich leicht weg, aber das Fräulein Weilern so wie Alexander und der Senator Willig erstaunten nicht wenig, als er es ziemlich umgeändert so vortrug:

Wenn die Reben wieder glühen,
Rühret sich der Wein im Fasse,
Wenn die Erbsen wieder blühen,
Weiß ich nicht, wie mir geschieht.

76 Als er geendet hatte, sagte Amalie mit Lächeln: Sie haben uns da einen neuen Text gegeben, Herr von Ledebrinna, aber ich gestehe gern, ich begreife die Nothwendigkeit der Variante nicht.

Ledebrinna zuckte heftig mit den Schultern und sagte dann mit dem Ausdruck nachgebender Gutmüthigkeit: Es sollte mir Leid thun, wenn ich mir dadurch Ihr Mißfallen zugezogen hätte. Ich denke aber, es ist endlich einmal Zeit, den vaterländischen, den deutschen Gefühlen mehr Raum zu gestatten. Ich meine nehmlich, daß alles das, was nicht nutzt und einen reellen Werth neben der sogenannten Schönheit besitzt, keinen Reiz haben kann. Ich hätte vielleicht Schooten statt Erbsen singen sollen, weil das letztere Wort einen etwas härtern Klang hat. Aber blühen denn nicht Erbsen und Bohnen auch schön in unsern Feldern? Wie lieblich kuckt die bläuliche Flachsblüthe am Morgen aus dem zarten Grün! Der Mohn prangt glänzend auf weiten Fluren, selbst das Kraut der Kartoffel zeigt eine ganz hübsche Blume. Aber die Blumen an sich, die weiter nichts als solche sind, kann ich niemals achten, ich betrachte sie sogar mit Widerwillen, sie sind in der Natur das, was eine gewisse unnütze vornehme Welt in den Staaten ist, die nicht arbeitet, die aller Sorge enthoben ist und mit Verachtung auf die braven gewerbtreibenden Klassen hinunter blickt. Diese schändliche Aristokratie der vornehm geachteten Blumen habe ich immer gehaßt, und mein Streben wird dahin gehen, so viel es meine Kräfte erlauben, diesen Aberglauben zu stürzen. Rose und Lilie, Veilchen und Vergißmeinnicht sind in der ganzen Welt sprichwörtlich geworden, sie genießen nicht nur eines europäischen, sondern selbst eines Allerweltsrufs, – und wodurch haben sie diesen Vorzug verdient? Der Dichter, den ich sonst nicht liebe, sagt selbst:

Was gelten soll, muß wirken und muß nützen.

77 Ei! ei! sagte der Apotheker etwas betreten, wenn dieser Lehre auch manches Wahre zum Grunde liegen sollte, so hat sie doch eigentlich etwas Paradoxes.

Der Magister schmunzelte und sagte: Wie man es nimmt: es kann sich eine neue Lehre, eine geniale Ansicht nicht gleich und schnell allgemeinen Beifall schaffen. Hat man sich gewissermaßen einer Blumen-Apotheose eine lange Zeit hindurch hingegeben, so kann auch wohl die Blüthe, besonders der Fruchtbäume, Aepfel, Birnen, Kirschen und Orangen in Zukunft mehr in den Gedichten Platz nehmen, verbunden mit den nicht so vornehmen Geschwistern der Linse, Bohne, Wicke, des Flachses und der Kürbisse.

Ich wüthe eigentlich nur, fuhr Ledebrinna fort, gegen die Rose, so wie gegen die Verehrer dieser ganz nichtsnutzigen Blume. Was ist denn Schönes oder Preiswürdiges an dieser Kreatur? Selbst die wild an den Zäunen wachsende ist nichts Vorzügliches, und doch liefert sie uns wenigstens noch die Hanbutte, die freilich auch, mit Zucker aufgekocht, oder eingemacht, nichts Sonderliches der gebildeten Zunge bietet. Glauben Sie aber nicht, daß ich so ganz einseitig nur einem wilden engherzigen Systeme folge. Ich weiß wohl Unterschiede zu machen, und einer Blume, die auch nichts weiter als eine solche ist, zolle ich meine unbedingte Huldigung, und möchte sie als Königin auf den Thron der Blüthenwelt setzen, den die unwürdige Rose schon seit lange usurpirt hat.

Und wer wäre das? fragte der Apotheker in der höchsten Spannung.

Kann es jemand anders seyn, erwiederte Ledebrinna, als die einzige, fein geblätterte, sinnige, mit allen Farben prangende, und dennoch so bescheidene Ranunkel?

Des Apothekers Gesicht erglühte hochroth in freudiger 78 Ueberraschung. Ledebrinna aber zog ein Blatt mit Goldschnitt aus dem Busen und las:

Dir sei Preis, holdselige Ranunkel,
Denn du bist nach meinem Sinn
Doch der Blumen Königin,
Deiner tausend Farben Lichtgefunkel
Glänzt wie Frühling durch den Garten hin,
Du bedarfst nicht, nur die Rose sucht das Dunkel,
Thau und Feuchtigkeit der Nacht bringt ihr Gewinn,
Wenn es hell wird, bleicht die Röthe bald dahin:
Wozu also noch vom Rosenlob Gemunkel?
Es ist doch nur eiteles Geflunkel,
Lieber selbst ist mir die Rübe, Runkel,
Nein, Ranunkel,
Du bist aller Blumen Kaiserin,
Ros' und Lilie dienen höchstens nur als Kunkel-
Frauen deinem Thron, du bist und bleibst nach meinem schlichten Sinn
Die Königin
Der ganzen Blumenwelt, vielstrahlende Ranunkel!

Mit dem letzten Worte verbeugte er sich und übergab dem Apotheker sein Gedicht. Dieser schloß den Dichter heftig in seine Arme und weinte laut. Die meisten wußten nicht, was sie von dieser Scene denken sollten, doch da Wilhelm bemerkte, wie sich Alexander und Amalie anlächelten und eine satirische Miene machten, hielt er sich nicht länger zurück, sondern lachte laut auf, da ihm das Gedicht, die Umarmung, Ledebrinna und der Apotheker äußerst komisch erschienen. Der Apotheker drehte sich unwillig um, und Ledebrinna warf nach seiner Art den Kopf schnell nach der Seite und rollte die dunkeln Augen. indem er mit den Armen schlenkerte. Der Magister Ubique, der das Lachen nicht bemerkt hatte, sagte mit seinem glatten Ton: Wahrlich, Herr von Ledebrinna, 79 höchstverehrtester Freund, Sie haben uns da ein eben so originelles als großartiges Gedicht mitgetheilt, es erinnert an die schönsten Zeiten unsrer Poesie, ja auch durch den schlichten Vortrag an die Antike, und hätten Sie das elegische Sylbenmaaß, den Hexameter und Pentameter, beliebt, so zweifle ich, ob etwas in der Anthologie stehe, welches dieser lichten Geistesblüthe vorzuziehen sei. Auch an Göthe's schönste Jugend-Periode erinnert uns dieser wahrhaft lyrische Schwung; die kühnen Uebergänge sind ganz in seiner besten Manier.

Reden Sie mir von Göthe nicht! rief Ledebrinna entrüstet aus, ich verbitte es mir, mit diesem Weichling, der unsere Moralität von allen Seiten untergraben hat, in irgend eine Parallele gestellt zu werden. Ich denke, über diese Epoche sind wir hinaus, wo dies Gewinsel, dieses fade Schmeicheln der Weiber, diese glatte Sprache, die ein Nichts zu glätten strebt, wo der süßtönende Unglaube, und der flache Kosmopolitismus alle Gemüther beherrschten, und denen, die von besserer Gesinnung waren, tyrannisch die Zungen banden. Wir sind Männer geworden, Denker, wir wollen Freiheit, Sitte, vernünftige Religion, Tugend; keinen Werther und Tasso, und keinen Komödianten, den Meister, oder gar venetianische Epigramme und römische Elegieen.

Freilich, sagte Ubique, hat sich die Zeit sehr dem Starken und Männlichen zugewendet, und es that auch wohl Noth, daß sie so verfuhr, denn wir waren uns selbst abhanden gekommen.

Ich bitte mich zu entschuldigen, fiel jetzt Alexander ein, der sich nicht länger zurückhalten konnte, wenn ich eingestehe, daß ich alle diese Lehren, die heut hier vorgetragen sind, nicht begreife. Erst schien es mir eine etwas herbe und übertriebene, oder nicht ganz passende Ironie zu seyn, aber jetzt sehe ich, daß alles dieses etwas Ernstes ausdrücken soll.

80 Junger Mann, sagte Ledebrinna, indem er schnell den Kopf aufwarf, Sie haben freilich noch nicht Erfahrung genug, um den Schein von Wahrheit unterscheiden zu können, Ihre Jugend hat sich wahrscheinlich durch das sophistische Talent eines Göthe täuschen lassen, wenn Sie mir aber Ihr Vertrauen schenken wollen, so hoffe ich Sie ganz, da Sie ein guter Kopf scheinen, von diesem Wahne, und zwar in sehr kurzer Zeit, heilen zu können.

Ich würde mich dieser Kur nicht unterziehen, antwortete Alexander trocken, da ich weder an die Krankheit noch an die Heilmethode glauben kann.

Mir ist es das größte Räthsel, sagte Amalia, daß, wenn man Göthe auch in seinen größern Werken nicht begreift, wie man sein Gemüth diesen himmlischen, diesen einzigen Liedern verschließen kann.

Ja wohl, sagte Elisa, die schon lange ihre Empfindlichkeit zurück gehalten hatte, wie soll jemand von der Poesie etwas wissen, wenn selbst diese Laute, die wie die Natur selbst klingen, keinen Eingang bei ihm finden?

Liebes Elischen, sagte Ledebrinna in einem zu vertraulichen Ton, indem er sie dazu zärtlich anblickte, Sie verstehn von diesen Dingen wohl ganz und gar nichts, und am wenigsten das, was Ihre hübschen Lippen so eben ausgesprochen haben. Laute, die wie Natur klingen? Kann irgend jemand das in ein verständliches Deutsch übersetzen?

Das wäre doch wohl sehr leicht, sprach Wilhelm lebhaft, indem er weiter hervor trat. Fräulein Elisa meint, daß die schönen Empfindungen, die jeder Mensch, wenn er nicht ein Stock ist, draußen in der freien Natur hat, wenn sich die Frühlingsbäume rauschend und duftend wiegen, wenn ein frischer Wiesenbach unter den Hecken unsichtbar plaudert, wenn der große Wald mit seinen Eichen und Buchen brauset, oder 81 ein Tannenhain sanft säuselt, ja da fühlen wir, wie uns das Herz aufgeht, und es ist mir ein Wunder, daß unser Göthe in wenigen schlanken und einfachen Worten unserm Gemüthe dasselbe hat erregen können. Aber außerdem stecken noch andre schöne Geheimnisse in diesen Gedichten, die ich wohl fühle, vollends wenn sie Fräulein Elisa singt, aber nichts darüber sagen kann. Ich bin überhaupt kein Gelehrter, das ist aber auch nicht nöthig, um ein Gefühl im Herzen und im Kopfe gesunden Menschenverstand zu haben.

Elisa sah ihren Geliebten zärtlich an, denn er hatte ihr noch niemals so wohlgefallen. Das machte ihn so dreist, daß er ihre Hand nahm, und einen Kuß auf diese drückte. Ledebrinna aber, der das Terrain, das er gewonnen zu haben glaubte, nicht aufgeben wollte, sagte höhnisch: Mit einem Militär habe ich niemals disputirt.

Daran haben Sie wohlgethan, sagte hochfahrend Wilhelm, denn solche Dispute enden manchmal so, daß etwas mehr als Geschwätz dazu nöthig ist, und das Etwas fehlt manchem Naseweis.

Ungezogenheit, sagte Ledebrinna mit verachtender Miene, ist noch kein Muth.

Was ist denn hier ungezogen? rief Wilhelm sich ganz vergessend. Bringt der Herr hier ein Reden auf, und verachtet grob und hämisch alles, spricht so herabwürdigend von dem Liebling des Fräuleins von Weilern und meiner Elisa, von einem Mann, vor dem der Herr niederknieen sollte. Nun kommt ein Geschwätz von Blumen und Schimpfen auf diese, ein unsinniges Rakunkel und Runkelwesen in Reimen wird produzirt, um meinen alten Schwiegervater, der in dem Punkt etwas einfältig ist, an der Nase führen zu können –

Was sprechen Sie da, Herr Lieutenant? rief der Apotheker, eben so erschreckt als erzürnt, – in des Satans Namen –

82 O Gott! Jesus! mein Himmel! mein Wilhelm! seufzte Elisa sich ängstend, da sie sah, wie glühendroth jetzt ihr Wilhelm wurde und alles vergaß.

Lassen Sie, Herr Senator Dümpfellen, sagte Ledebrinna trotzig, der Jüngling ist noch in keiner Schule gewesen, und weiß nicht, was er spricht. Er ist unter Ihrem Zorn. Man straft ihn am meisten, wenn man ihn nicht beachtet.

Elisa hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und weinte laut; da Wilhelm dies sah, gerieth er ganz außer sich. Er, Firlefanz! schrie er vor Wuth schäumend, Er muß mein Liebchen unglücklich machen? Er Rankunkeltroubadour! Wenn er einen Degen führte, so wüßte ich, was ich mit ihm vornehmen könnte, so aber ist er nichts als ein rechter Hans– – –

– – Und hier schreibe ich nun geradezu ein Kapitel des Vetter Martin ab, weil es hieher paßt und mir die eigenen Worte erspart.

Wunder. Magie.

Was nennen wir so? Vieles, was uns das Alterthum überliefert hat, sieht nur in der Ferne so aus, weil wir es nicht mehr mit unsern Händen abreichen können, und vieles, was noch in unsern Tagen geschieht, und was die Vorzeit Wunder nennen würde, betiteln wir nicht so, weil wir dessen gewohnt sind, weil wir sagen: das versteht sich ja von selbst! und uns über den Mann aus dem Alterthum verwundern würden, der ein solches uns Alltägliches ein Wunder nennen wollte. Und doch ist sehr Vieles, was uns von der Vorzeit als unbegreifliche Magie, Spuk und Zauberwerk überliefert wird, bei weitem nicht so unbegreiflich, als dies und jenes, was wir alle Tage erleben können.

Die Mauern von Jericho stürzen vom Ton blasender Trompeten ein. Man muß sie doch für fest gehalten haben, sonst würde es von der Chronik nicht als seltsam 83 aufgezeichnet werden. Wie arbeiten täglich daran Kapellmeister, Virtuosen aller Art, Spontini mit den meisten Trompeten, die er nur aufbringen kann, Rossini und Meyer Beer mit allem ersinnlichen Spektakel, es wird in geschlossenen Komödienhäusern mit aller Wuth, mit Hülfe der Posaunen, Tamtams, schmiedenden Amboßen, und Geschrei und Gebrüll unzähliger Choristen, Pauken und Trommeln nicht einmal dazu gerechnet, nachgearbeitet, aber alles umsonst, denn so viel ich weiß, hat man keins der geschmackvollen, zierlichen Komödienhäuser, ja keine einzige, doch nur leicht gestützte Loge in Trümmer blasen und einschreien können. Sollten diese nun fester gegründet seyn, als jene Festungswerke von Jericho es waren? Die Konspiration der Frommen, die sich so klugerweise hinter Musiker und Kapellmeister gesteckt haben, um die sündlichen Komödienhäuser zu vertilgen, hat sich also beinah lächerlich gemacht. Wie ganz schwach würde aber die Wirkung erst seyn, wenn man, ich will nicht sagen gegen Ehrenbreitstein, sondern nur gegen irgend eine Festung vom dritten Range, draußen im Freien die Olympia oder den Alcidor aufführen wollte? – Wie aber würden jene uralten Israeliten, die Zeuge des Sturzes der Mauern Jericho's waren, Wunder und Mirakel schreien, wenn sie erleben könnten, daß weder Logen noch Parterre von jenem ungeheuern Musikgigantismus einfallen, und so wenig zwar, daß nicht einmal die Zuschauer zusammenbrechen oder taub werden, daß nervenkranke Damen sogar nicht ihre sonst so gewöhnlichen Krämpfe bekommen. Wenn ein einsiedelnder frommer Bramine plötzlich aus seinem fernen Indien her versetzt werden könnte, vor ein großes erleuchtetes Haus, in welchem es mit allen Tönen, Dissonanzen, Trommel- und Paukenwirbeln und Trompetenschmettern raset, tobender als Vesuv und Aetna, bevor sich der entzündete Bauch des Berges 84 durch den Krater entladet, und er fragte den Vorüberwandelnden: Himmel! Männlein! soll hier eine Pulver-Explosion stattfinden? Und stehn deshalb die Schildwachen dort, daß niemand zu nahe kommt? Oder sind alle Verzweifelnden und Rasenden der ganzen Monarchie dort eingesperrt? Und das Männlein antwortete: Langbärtiger Fremdling, Du scheinst mir ein Barbar zu seyn. Wisse, dieses Haus ist eine berühmte Kunstanstalt, eine Blüthe und Blume unserer hochgetriebenen Bildung; die namhaftesten schönen und edlen Geister, die reichsten und vornehmsten Staatsgewalten, Abgesandte fremder, auch weit entfernter Mächte, das reinste Adelthum wie die reichste Kaufmannschaft, die schönsten Frauen und unschuldigsten Mägdelein sitzen dort drinnen, und jeder hat ein bedeutendes Geld erlegt, um nur zugegen seyn zu dürfen, und diese alle genießen und schlürfen jetzt den Nektar der edelsten und geistigsten Kunst, denn Musik, Gesang ist es, was dort in jenem Hause mit so großer Anstrengung fabrizirt wird. Würde nun ein solcher Indier nicht Wunder und Mirakel rufen?

Wenn wir in London sind, wissen wir, daß viele Tausende aufwachen (falls sie geschlafen haben), die nicht wissen, wie und was sie frühstücken, oder gar zu Mittage essen sollen. Der wüthende Hunger treibt sie herum, wir begegnen selbst diesen rasenden Wölfen, ohne sie zu kennen, die fast im Begriff sind, den Menschen anzubeißen, und keiner von ihnen kann nur einen Bissen von dem anrühren, was an tausend Orten ausgelegt ist, weil ihm auch die kleinste Scheidemünze zum Einkaufen fehlt. Noch mehr: in den Straßen, wo Alles wandelt, sind die reichsten Silber- und Goldgeschirre, unschätzbare Edelsteine hinaus gestellt. Nicht Mauern Ehrenbreitsteins, Jericho's, oder des Dresdner grünen Gewölbes schützen diese Kostbarkeiten, eine dünne, zerbrechliche 85 Glasscheibe trennt das Juwel vom Fuß des Vorbeigehenden. Die kleine Zehe könnte mit einem Stoß den fast luftdünnen Schirm zertrümmern, – oft ist die Straße leer, oft kein Bewohnender im reichen Laden. – Ein Tritt, ein Griff gäbe dem Hungerwüthigen das, wofür er Mahlzeit, Zimmer, Gastgeber und das Haus des Gastgebers kaufen könnte – und doch geschieht nichts der Art. – Muß hier ein Beduine der Wüste nicht Wunder sehn! Was ist denn die unsichtbare Geistermauer, welche diese Juwelen schützt? Ein zehnjähriger Londner Knabe wird sagen: Da ist nichts Unbegreifliches, das versteht sich ja von selbst. Einem Soldaten, der vor Kurzem bei der Plünderung verschiedener Städte zugegen gewesen, würde das, was ich Wunder nenne, nur als läppisches Vorurtheil erscheinen, wenn das Wunderwort »Subordination« nicht seinem Gelüst die geistige Mauer vorbaute.

Ein Wilder, der kein Geld je gesehen hat, und nur die Jagd kennt, und die Früchte und wilden Wurzeln, die ihn auf seinen Wanderungen nähren, müßte Wunder rufen, wenn er sähe, wie in einem kleinen, glänzenden Stein Haus und Hof, Dienerschaft, schöne Mädchen, herrliche Tafel und alle Freuden des sinnlichen Lebens eingeschlossen liegen.

Wohl sagt der Magier mit Recht: In Steinen birgt sich große Kraft.

Die Aufgeklärtesten, Ungläubigsten unsrer Tage, die gern Idee und Glauben verlachen, oder wenigstens bezweifeln, erleben an sich selbst die größten Wunder, ohne sie zu erkennen, oder so zu nennen. Sagt ihnen ein Heilkünstler: die Mischung dieser und jener Säfte, so belehrt mich die Wissenschaft, wird durch die kunstgemäße und auch durch Erfahrung erprobte Verbindung der Essenzen dein Uebel lindern und endlich heben: die Ursache aber dieses Uebels ist keine einfache, sondern die Krankheit hat sich aus vielfachem Stoff 86 schon in verschiedenen Zeiten entwickelt, – darum Geduld und Arznei, die, um nicht hier wieder zu schaden, wenn sie dort nützen soll, eine zusammengesetzte seyn muß. Der Kranke schüttelt den Kopf und lächelt spöttisch, und mit Recht, denn er besitzt (zwar theuer bezahlt) ein kleines Fläschlein, hermetisch verschlossen, daran braucht er, wenn sich auch kein Geruch spüren läßt, nur wöchentlich einmal zu riechen, und er wird ganz wie von selbst genesen. Ich sage wieder: Wunder! Ist ein Galgenmännlein in der Flasche? Ein Zauberstein? Ein wundersames Kraut? Ein kleiner unbedeutender Kiesel? Ein Brosämchen? Das ist eben das Geheimniß. Man soll es aber doch nicht zu weit treiben. So hatten sie, bei einem Streit, meinen Bedienten in voriger Woche unbarmherzig zerprügelt. Die losen Vögel waren alle am Festtage betrunken gewesen. Da sie den Kasper durch den Holzmagnetismus schon zu sehr überreizt hatten, so zuckten seine Nerven schon, wenn er etwas wahrnahm, das nur einem Stock oder Prügel von ferne ähnlich sah. Einnehmen wollte er nicht, ihm ein Wunderfläschlein an die Nase halten, schien mir bei seiner Schwäche zu bedenklich. Ich lehnte ihn also an die Thür, ging hinaus und strich mit dem kleinen Glase das Brett, gegen das sein Rücken stand, auf und ab. Es half aber nichts. Vielleicht erinnerte ihn auch das Holz der Thür zu deutlich an seine Marterinstrumente; die Operation hätte vielleicht durch eine gemauerte Wand geschehen sollen.

Wir lesen von Zauberstäben, Besenstielen u. dgl., auf welchen und durch welche Magier durch die Luft fahren, oder weite Reisen anstellen konnten. Ich will nach Venedig reisen, sagt mir Melchior. Zu Schiffe, Pferde, im Wagen, oder wie? frage ich. Vermöge der kleinen Stange, antwortet der. Es war eine Rolle mit Papier umwunden. Dies ist ein kleiner goldner Zauberstab, erläutert der Freund, in 87 zweihundert Scheiben zerschnitten, welche die Sterblichen Louisd'or nennen, so lange der Stab mir vorhält, reise ich, wie es mir gefällt.

In verbis, herbis et lapidibus.

Am wundersamsten, wie auch der hochgestiegene Magier zugiebt, in verbis, oder in den Worten zeigt sich Wunder, Zauber und Magie. – Täglich kann sich jeder, der nur will, oder es wagt, davon überzeugen. Es ist die Sitte, die hier ein Wunder hervorbringt, das dem Wilden als das allergrößte von allen erscheinen muß. – Als Menschen sind wir komponirte Maschinen, unser Bestreben ist es aber, uns als Geist darzustellen, aber doch sind wir eitel und möchten sprechende Physiognomie, schönes Auge, schlanken edlen Wuchs, reizende und majestätische Geberden besitzen. Eitler sind wir auf diese Grazie des Körpers mehr, als auf die des Geistes, sie ließe sich aber (wie auch Göthe schon in einem Liede sagt – »wie soll der Edle sitzen«) niemals ohne Glieder und Partieen veranstalten, die wir immerdar ignoriren wollen, zu nennen vermeiden, oder, wenn dies nothgedrungen geschehen muß, sie umschreiben, oder nur in Euphemismen, die aber schon wieder anstößig sind, andeuten. Diese zarte Feinheit unsers Ohrs, diese geistige Bildung des Gemüthes, scheint bei den Deutschen mit jedem Jahre zuzunehmen. Der Zorn schilt gern, schimpft, nimmt vom Unedlen die Bezeichnung her und verbindet dergleichen oft mit unschuldigen Dingen, oder rechtlichen und frommen Taufnamen. Unser Hans, die trauliche Abkürzung des poetischen Johannes, bezeichnet manchen Tapfern, mehr wie ein deutscher Fürst ließ sich gern so nennen. Mit Hanswurst erfahren wir eine Lieblingsspeise des Volkes, und nennen noch traulich den Spaßmacher so; dummer Hans, Hans Dumm ist schon anstößiger, aber Hans – vereinbart mit jenem furchtbaren einsylbigen Laut, den man in 88 der edlen Gesellschaft nie nennen soll, verletzt, zerschmettert, vernichtet und bringt auch den Stärksten aus seiner Fassung. Und doch verlangt Bürger in seiner Bearbeitung des Macbeth, daß er vom Theater in die Logen hinein gerufen werden sollte, denn sein Macbeth nennt im fünften Akte den erschrocknen, weißlebrigten Gesellen mit diesem Titel. Wie Göthe in seiner ersten Ausgabe des Götz von Berlichingen auch Aehnliches und Schlimmeres hat dreist sprechen lassen, ist bekannt genug. – Sonderbar, in der Einsamkeit, unter Vertrauten, oder gar in etwas rohen Zirkeln, verliert dieser magische Laut wieder seine Kraft und seine Bedeutung, zu verkennen aber ist es für den Denker nicht, daß irgend eine alte Mythe unter diesem Schimpfnamen verborgen liegt, die jetzt verloren gegangen ist, und in der Phantasie steht dieser Hans mit seinem unaussprechbaren Zusatz, als eine deutlich bestimmte deutsche Maske vor unsrer Einbildung, wenige Worte sind so bezeichnend und charakteristisch, und es ist zu beklagen, daß wir wenigstens nicht in einer freien männlichen Komödie, die an die Aristophanische gränzen könnte, uns erlauben dürfen, diesen Maskenheld mit seinen Schwägern und Vettern aufzuführen. Aber, wie schon Zettel in der Sommernacht sagt: »die Damen können so etwas nicht vertragen,« und die Damen, und was ihnen gefallen will, beherrschen unsre Bühne und Literatur. –

– So weit der Vetter Martin. –

Dieses ausgesprochene magische Wort hatte denn auch im Saal des Apothekers seine ungeheure Zauberkraft ausgeübt: keiner von allen Gegenwärtigen, der nicht tief erschüttert, erstaunt, erschrocken und von wundersamen Erstarren gelähmt gewesen wäre. 89

Wenn ganz was Unerwartetes begegnet,
Wenn unser Blick was Ungeheures sieht,
Steht unser Geist auf eine Weise still,
Wir haben nichts, womit wir das vergleichen.

Wilhelm stand da, glühend roth vor Zorn und zitternd an allen Gliedern. Er fühlte wohl, daß er nicht länger bleiben könne, und suchte seinen Hut, den ihm Alexander reichte, da dieser wohl sah, daß der Jüngling seine Besinnung so schnell nicht wieder finden konnte. Der Hausherr stand in der Mitte des Saales, seine Lippen bebten vor Wuth, und er wollte dem Ungezogenen nacheilen, als dieser jetzt aus der Thüre ging; Ledebrinna hielt den wankenden Apotheker zurück und setzte ihn in einen Sessel. Ledebrinna selbst hatte keine Miene verändert, außer daß er, wie bedauernd, die Schultern noch höher zog, als gewöhnlich. Amalie blätterte in den Noten, als wenn sie nichts gehört oder bemerkt hätte, aber Elisa hatte alle Fassung verloren, sie weinte laut und begab sich wie taumelnd in ihr Zimmer, indem sie mit dem Tuche Augen und Gesicht bedeckte. Herr von Milzwurm sah vornehm und höhnisch umher, als wenn er sich freue, daß ein so großer Skandal in einem Bürgerhause vorgefallen sei, der alte Syndikus stellte sich in ein Fenster und sah nachdenkend auf die Straße hinaus, und Magister Ubique sah bald lächelnd, bald wie weinend diesen und jenen an, je nachdem die Mienen waren, die ihm diese entgegen hielten. Am auffallendsten aber betrug sich die geschminkte Witwe, die sogleich nach dem deutlich ausgesprochenen Zauberwort mit einem lauten Schrei in Ohnmacht gefallen war. Sie zitterte in Krämpfen, und einige der ältern Frauen eilten herbei, um ihr beizustehn. Emmeline bespritzte die stöhnende Tante mit wohlriechendem Wasser, und eine der Frauen, die etwas taub war und daher das Entsetzen nicht begriff, welches 90 die ganze Gesellschaft befallen hatte, fragte in ihrer Unschuld: was hat sich denn eigentlich zugetragen? Emmelinchen nahm gleich das Wort und sagte: Ei, der junge, schöne Offizier ist böse geworden und hat, ohne sich zu geniren, gesagt, der Herr von Ledebrinna sei ein –

Greuel! fuhr die Tante schnell aus ihrer Ohnmacht empor, Du hast wohl gar die Frechheit, das Ungeheure noch einmal zu wiederholen?

Nach und nach sammelte sich die Gesellschaft wieder, und es ward eine ruhige Unterhaltung möglich, denn Jeder gab sich das Ansehn, als wenn er die unziemliche Begebenheit vergessen habe. Am heitersten war Ledebrinna, denn er hatte, ohne selbst etwas dabei zu thun, seinen gefährlichsten Gegner für immer aus dem Felde geschlagen. Indem nun Ubique seine Tasse auf den Tisch setzte, begegnete ihm der verständige Senator Willig und sagte zu ihm: Kann denn das wirklich alles Ihr Ernst seyn, was wir heut hier von Ihnen haben hören müssen? Unbedingt gaben Sie dem sonderbaren Fremden, dem Ledebrinna, in allem Recht, und lobten so ganz uneingeschränkt sein abgeschmacktes Gedicht »die Ranunkel«.

Ubique faßte freundschaftlich die Hand des Redenden, zog ihn dem Fenster etwas näher und sagte dann lächelnd und mit zugedrückten Augen: Ein verständiger, witziger Mann, wie Sie, muß ja doch wohl sogleich bemerkt haben, daß alles nur Ironie war. Kennen Sie nicht den Spruch Göthe's:

»So habet die Narren
Denn eben zum Narren,
So wie sich's gebührt«?

Willig zog etwas unwillig seine Hand aus der des Magisters, er trat zurück und machte dem Syndikus Raum, welcher flüsterte: Nun, Herr Ubique, habe ich mich wohl in dem trefflichen Ledebrinna geirrt, wenn ich schon damals behauptete, 91 es stecke etwas Großes in ihm? – Ei! Sie Scharfsichtiger! erwiederte der Magister, wie könnte Ihrem Blicke ein so großes, unzweideutiges Talent entgehn? Herrlich entwickelt er sich, dieser poetische Genius. Der Apotheker trat zu ihnen, und Ubique lächelte diesen holdselig an. Wir haben heut viel erlebt, sagte der Hausherr seufzend, mir ist noch immer, als wenn ich darüber krank werden müßte. – Trösten Sie sich, flüsterte Ubique, die Aussicht auf einen solchen Schwiegersohn, ein solches Gedicht, welches Ihnen dedicirt ist, muß einen edlen Geist, wie den Ihrigen, über alle Armseligkeiten dieses Erdenlebens hoch empor schwingen. Jetzt drängte sich der Baron Milzwurm hinzu, nahm den Magister bei der Hand und führte ihn zum Ofen: Wie können Sie, fing er an, als ein denkender Gelehrter alle den Unsinn gut heißen, den dieser braune Mensch heut ausgekramt hat, und sogar sein Gedicht preisen? – Herr Baron, sagte Ubique mit einem ganz ernsthaften Gesicht, ein eigentlicher Gelehrter wie ich, der mit der ganzen kultivirten Welt in Verbindung steht, hat unendlich viele Rücksichten zu nehmen, welche ein Vornehmer, wie Sie, nicht kennt und begreift. Es geschieht mehr, um diesen angehenden Schriftsteller aufzumuntern, als daß mein Lob eigentlich ein kritisch begründetes sei. Dazu kommt, daß ich gern lobe, ja ich halte es sogar für mein größtes Talent, und da ich mich auch gern loben höre, so wäscht denn eine Hand die andre, wie man zu sagen pflegt. Sie werden es aber auch erleben, werthgeschätzter Herr Baron, und künftig gewiß mehr meiner Meinung seyn, daß in unserm Ledebrinna etwas Besonderes steckt. Er ist kein gewöhnlicher Mensch.

Wenn er nur nicht so fürchterlich mit den Schultern zuckte, sagte Milzwurm, mit den Armen so schlenkerte, und den Kopf so schnell und gewaltsam aufwürfe. Der Mann 92 muß nie einen Tanzmeister gehabt haben; er hat ja fast Manieren und Geberden wie die einer Windmühle.

Ubique lachte boshaft, nickte und schüttelte mit dem Kopf. Milzwurm, der seinen Witz so anerkannt und belohnt sah, lachte noch lauter, doch machte der Magister sogleich wieder ein ernsthaftes und ergebenes Gesicht, als Ledebrinna den Kopf umwarf und ihn mit seinen rollenden Augen anblickte. Ubique war doch etwas verlegen geworden, weil Milzwurm ziemlich laut sprach, er flüchtete sich daher, um ganz in Sicherheit zu kommen, jetzt zu dem Fräulein von Weilern, zu welcher er schmunzelnd sagte: Werden Sie uns, Gnädige, nicht noch etwas zum Besten geben, und uns Ihre himmlische Stimme vernehmen lassen?

Ich bin etwas verstimmt, antwortete Amalie, ich zweifle auch, ob die Gesellschaft noch heiter genug ist, um die Musik genießen zu können. Herr von Ledebrinna sollte uns lieber noch einige seiner Gedichte mittheilen, denn nach jener Probe zu schließen, müssen sie höchst interessant seyn. Um den Genuß vollständig zu machen, müßten Sie sie nachher kommentiren und erläutern, denn ich war vorher erstaunt, mit welcher Dreistigkeit Sie durch Uebertreibung jenen armen Ledebrinna persiflirten. Ob Ihre Moralität aber, Herr Magister, eben so groß sei, als Ihr Witz, möchte ich denn doch bezweifeln.

Mein schönes, gnädiges Fräulein, sagte der Magister mit einer schalkhaften Miene, indem er sich auf die weiße Hand des Mädchens niederbeugte, verdammen Sie mich nicht, wenn Sie mich auch tadeln. Oft, da man mich überall um mein Urtheil fragt, bin ich in großer Verlegenheit, und wenn ich mich nicht jener Vielseitigkeit beflissen hätte, durch welche man allen Dingen eine gewisse Seite abgewinnen lernt, die man zur Noth loben kann, so wüßte ich mir gar nicht zu 93 helfen. Nun klingt mein Lob oft für den Kenner ironisch, wenn ich es auch ursprünglich nicht so gemeint habe, theils durch eine gewisse Uebertreibung, in welche ich leicht verfalle, theils weil ich leider die Gabe besitze, daß mir jetzt etwas tadelnswerth und im nächsten Moment preiswürdig erscheint. So bin ich denn Satirikus, und doch ehrlich, ein Schalk, ohne mein Gewissen zu verletzen, und ein enthusiastischer Lobredner, ohne mir eigentlich viel dabei zu denken.

Aber nicht wahr, sagte Alexander, Sie loben doch eigentlich das Schlechte und Mittelmäßige lieber, als das Gute? Auch gelingt Ihnen das erste besser?

Ubique, welcher nicht geglaubt hatte, daß Alexander, vor dem er eine Furcht hatte, seine Geständnisse belauschte, wurde verlegen, er stammelte etwas daher, daß man den guten Willen niemals verkennen müsse.

Ich wahrlich nicht, sagte Alexander, Sie wissen gewiß, da Sie eigentlich Alles wissen, daß ein frühes Liederbuch, die Psalmen, welche die deutschen reformirten Gemeinen sonst gern singen, von einem Lobwasser herrühren. Seinem Namen nach hat er denn die schönen großartigen Psalmen für den Choralgebrauch in der Kirche ganz unendlich verwässert; und darum pflege ich von Ihnen nur zu sagen: daß Sie die Lobwasserschen Psalmen singen.

Es ist immer mißlich, sagte Ubique mit etwas schneidendem Ton, wenn man, um einen witzigen Einfall anzubringen, einen langen Commentar vorausschicken muß.

Es geschah nur des Fräuleins wegen, antwortete Alexander, Sie hätten meine Anspielung gewiß sogleich gefaßt.

Amalie, welcher dieses Gespräch mißfiel, begab sich zu Elisa, um diese zu trösten. Die übrige Gesellschaft verfügte sich auch hinweg, und nur die Vertrautesten blieben noch beim Herrn des Hauses, Ledebrinna und der alte Syndikus, 94 so wie der Magister Ubique. Ledebrinna nahm sogleich das Wort. Ich höre, sagte er, Sie sind verlegen, dem jungen Prinzen irgend eine edle, anständige Unterhaltung zu gewähren. Außer jenem Vogelschießen, welches ich sehr billige, werde ich noch eine Kunstausstellung veranstalten.

Eine Kunstausstellung? riefen Alle mit dem größten Erstaunen, wir haben in unserm Städtchen hier weder Künstler noch Bildwerke. Wir müßten denn die angestrichenen Städte, die in Augsburg herauskommen, vom Jahrmarkt wegkaufen.

Pfui doch! sagte Ledebrinna, vertrauen Sie mir nur, ich werde alles besorgen, ich bedinge mir nur aus, daß mein gelehrter Freund Ubique die Erklärung der Malereien übernimmt, und mir der Herr Syndikus den Saal des Rathhauses für einige Tage überläßt.

Man wurde einig und trennte sich. Alexander war indessen zum jungen Wilhelm gegangen, um diesem zu zeigen, daß er ihn nicht in seiner Noth verlasse. Er war daher freundlicher als sonst gegen den jungen Offizier, und sagte, um ihn zu zerstreuen und zu erheitern: Es freut mich, daß ich Sie nicht ganz trostlos antreffe. Wie aber fielen Sie nur auf den verruchten Ausdruck? Wenn Sie nun, setze ich den Fall, vor Gram stürben, Elisa krank würde, oder verzweifelnd Ihnen nacheilte, wenn große Wirrsale entständen – könnte wohl irgend ein Romanzier auf Erden dies so neue als sonderbare Motiv seiner tragischen Erzählung vortragen, oder nur andeuten? Sollte die Sache nun gar zur Tragödie erhoben werden! Selbst in Paris würde die neuste Schule, die weder Gott noch Menschen, weder Fürsten noch Priester achtet, die sich weder vor Moral, Gesetz, noch Religion fürchtet, nicht den Muth haben, die Begebenheit auf das Theater zu bringen. Heiße der gute Hugo immerdar Viktor, hier würde 95 er alle seine Siege einbüßen. Wo hat es je schon einen solchen Liebenden gegeben!

Ich gestehe, sagte Wilhelm, indem er lachen mußte, ich bin schlecht erzogen worden, habe nur wenig in der guten Gesellschaft gelebt, und spreche heftig und übereilt. Ich kann aber mein Wort nicht widerrufen, und ich möchte das anwenden, womit jener Jude seinen Meineid entschuldigen wollte: Wozu sind denn so uralte kräftige Worte da, wenn kein Mensch sie gebrauchen soll?

In der Einsamkeit, Bester, unter guten Freunden, nicht im Damenzirkel.

Ich benutze meinen Urlaub noch, sagte Wilhelm, und reite gleich morgen zu meinem Oheim Peterling nach Orla, um dem meine ganze Noth zu klagen. Er kann vielleicht einen passenden Rath für mich erfinden. Ich schwöre Ihnen, die heutige Dummheit wäre gar nicht vorgefallen, wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, wie ich mich denn auch damit recht abquälte, mich recht fein zu betragen. Blieb ich, wie sonst immer, in meinem alltäglichen, etwas grobgeschnittenen Wesen, so lief alles ganz anständig ab. Der Zwang bringt niemals was Gutes hervor.


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