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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Scene.

Entdeckung. – Vorbereitung.

Die Tochter hatte richtig beobachtet, denn der Senator und reiche Eigenthümer, der gelehrte Apotheker Dümpfellen war von mehr als einer Sorge gequält. Als Vorstand der kleinen Republik, als Vater einer erwachsenen Tochter, als Gelehrter und Mann von Ruf und Charakter hatte er jetzt so vieles zu bedenken, daß für diese vielseitigen Fragen auch die Weisheit seines Freundes, des vielberathenen und belesenen Syndikus, nicht mehr ausreichte.

Als er jetzt aus seinem Garten zurückkehrte, begab er sich wieder zu diesem seinem Vertrauten, mit welchem er sich sogleich verschloß. Als man nach alter deutscher Weise die Gläser gefüllt und einigemal geleert hatte, begann der Syndikus: Ist Dir nun etwas beigefallen, alter Freund, hast Du einen Entschluß fassen können?

Nichts weniger als das, erwiederte Dümpfellen, und doch rückt der Tag immer näher, an welchem alles entschieden 47 seyn muß. Hätte ich nur den Muth, mich noch einem andern, als Dir zu vertrauen, so hätte ich vielleicht schon einen Gedanken gefunden, denn oft wächst auch Rath auf den Lippen der Unmündigen, wie zuweilen eine gute Pflanze zwischen dürrem Schutt und Unrath.

Sehr wahr, sagte der Syndikus, denken wir aber selbst noch ein wenig nach, denn oft findet es sich, wenn man es am wenigsten denkt.

Sie tranken wieder, beschauten die Wände und die Decke des Zimmers, sahen dann fragend einer den andern an, lehnten den Ellenbogen auf den Tisch und legten den Kopf in die Hand, blickten wieder grübelnd nieder, lächelten vor sich hin und machten dann plötzlich eine finstere Miene, seufzten dann tief auf und griffen nach dem Glase, stießen an und nickten, tranken rein aus und schauten bedenklich auf den Grund des Bechers, aber weder hier, noch an den Wänden und der Decke zeigte sich ein helfender Gedanke, ein rettendes Mittel.

Du weißt, Syndikus, fing jetzt der Apotheker an, daß wir beide für Republikaner und freigesinnte Männer gelten, wir dürfen bei dieser Gelegenheit keine Blöße geben und doch auch gegen einen gebornen Fürsten keine Unhöflichkeit begehen – wenn man uns nicht mit vollem Recht für ungezogene Kleinstädter ausschreien soll.

Sehr wahr, erwiederte der Syndikus, wir dürfen uns nichts vergeben, und doch einen durchlauchtigen Mann, der uns einen freundschaftlichen Besuch abzustatten gedenkt, nicht beleidigen. Die Pflichten eines edlen Bürgers werden dann immer schwieriger, wenn das Volk ihn als entschiedenen Charakter kennt und ehrt, und so steht unser Ruhm nun jetzt auf einer so ungewissen schwindelnden Spitze, daß, erzeigen wir dem Fürstenstande zu große Ehre, wir uns bei den 48 Mitbürgern verhaßt und verächtlich machen, und verabsäumen wir die Höflichkeit, so erscheinen wir dem Auslande und fremden Residenzen als grobe Bengel, auch könnte es uns selber nachtheilig werden, und unsern eignen Fürsten, so entfernt er auch sitzt, mehr oder weniger kompromittiren.

Dafür bin ich nicht, sagte der Apotheker, daß ihm ein Zug weißgekleideter Mädchen entgegenzieht, ihm Blumen streut und ein Gedicht übergiebt, welches unser Auskultator Ulf uns machen könnte. Man giebt jetzt auf Verse nichts, die weißen Mädchen sind so sehr abgenutzt, es kann schlechtes Wetter einfallen, dann ist es mehr zum Erbarmen, als zur Freude, – und ich wünschte, daß von uns, als denkenden Männern, doch etwas Originelles ausgehen möchte.

So denkst Du würdig, alter Freund, sagte der Syndikus, indem er dem Apotheker die Hand schüttelte. Die ganz abgenutzte weiße Jungfrauen-Feierlichkeit könnte, abgesehen von ihrer Verbrauchtheit, schon deswegen nicht stattfinden, weil, wie Du weißt, der junge Herr eigentlich ganz inkognito, und nur in Begleitung eines ganz vertrauten Mannes, unter dem Namen eines Baron Waller zu uns her und in die angränzende Provinz hinein reiset. Darum fällt auch das Gedicht unsers jungen Stadtpoeten von selber weg. Das ist auch die Ursache, weshalb wir weder die Rathsglocke, noch die von unsrer Kirche dürfen läuten lassen. Dies Inkognito des jungen Herren, welches für uns, die Vorsteher, keines ist, da der begleitende Kammerherr uns die Sache selber im Vertrauen überschrieben hat, macht unsre Stellung hier als Staatsmänner eben so ungeheuer schwierig.

So sind wir immer noch so weit, als wir waren, denn in künftiger Woche erscheint der Herr schon, sagte der Apotheker. Meine Ranunkeln sind dann auch noch nicht in Flor, 49 und es ist noch sehr die Frage, ob er diese schönste aller Blumen sonderlich zu schätzen weiß.

Halt! rief der Syndikus, sprang auf und ging im Zimmer mit großen Schritten auf und ab; still! – störe mich jetzt nicht in meinen Gedanken, denn sie strömen mir zu, und außerordentliche.

Der Apotheker hielt sich ganz still, trank und setzte das leere Glas ganz leise auf den Tisch, um die Weihe der Begeisterung, die über den Freund gekommen war, nicht zu entheiligen und zu vernichten.

Ich hab's gefunden! kann ich mit Pythagoras ausrufen: sprach der Syndikus, und setzte sich wieder an den Tisch und trank ein großes Glas in einem Zuge: dies, Alter, kann eine Hekatombe bedeuten, und darum laß uns getrost die zweite Flasche dort anbrechen. Es geschah, und der Syndikus Spener sagte feierlich: Du weißt, daß wir unser Vogelschießen haben.

Wohl.

Der junge Prinz kommt dazu, wir geben ihm den Ehrenplatz, reichen ihm die Büchse, er thut den Meisterschuß und ist König. Nun Pauken und Trompeten, vielfaches Vivat und Freudengeschrei, allgemeiner Jubel, große Tafel und Schmaus, er, so auf die herrlichste Art, Herr und König des Festes, Gesundheiten über Gesundheiten, und Ulf hält ein Gedicht bereit, als wenn er es so eben in der Begeisterung gemacht hätte. Du weißt, er macht die Gelegenheitsgedichte bei Hochzeiten, Kindtaufen immer schon im Voraus, und wir glauben ihm, so stellen wir uns, jedesmal, als wenn die Muse sie ihm so eben eingegeben hätte.

Freund, Freund, sagte der Apotheker, Dein Gedanke ist groß, beneidenswerth, aber nicht auszuführen.

Was hindert?

50 Wir wissen, sagte Dümpfellen mit halber Stimme, indem er den Zeigefinger auf den Mund legte, daß das junge Herrchen, so stark und groß er auch ausgewachsen ist, doch hier im Geist, in der Stirn, mehr Lücke und Leere, als Ueberfülle besitzt. Er hat gar nichts gelernt, sich auch niemals in die ritterlichen Exercizien finden können. Ich zweifle, daß er jemals ein Gewehr abgeschossen hat. Wie soll er denn den Meisterschuß thun, oder den Vogel nur treffen können? Es steht sogar zu besorgen, im Fall er den Muth gewinnt, loszudrücken, daß er irgend einen vom Volk oder den Fremden beschädigt. Da hätten wir denn gar ein Trauerspiel statt einer schmeichelnden Festkomödie.

Kurzsichtiger Mann! erwiederte der Syndikus Spener, das Alles habe ich mir sogleich, als der Gedanke über mich kam, zurecht gelegt. Seine Büchse, die man ihm präsentirt, muß natürlich nur mit Pulver geladen, und ohne Kugel seyn, den Vogel lasse ich so einrichten, daß er, so wie es knallt und aufblitzt, herunterstürzt, meine Vertrauten sind im Complott, die Vivatschreier hingestellt, die Tafel eingerichtet, und wir finden so den besten und natürlichsten Vorwand, ihm, ohne daß wir seine Würde anerkennen oder bekannt machen, einen Schmaus zu geben!

Mirabeau! sagte der Apotheker, und schlug dem Syndikus mit der einen Hand auf die Schulter, indem die andere mit dem Zeigefinger drohte und der Mund bedeutsam lächelte. Du spielst ein großes Spiel, denn wenn es mißlingen, wenn es verrathen werden sollte! Welche schwere Verantwortung fiele dann auf uns.

Gewiß nicht, antwortete Spener, der alte Fürst weiß am besten, wie es um seinen Sohn und Erben steht, er würde es uns Dank wissen, im Fall die Intrigue bekannt würde, daß wir ihm ein ungeladenes Schießgewehr in die 51 Hand gegeben haben. Er läßt den Sohn etwas herumreisen, in der Hoffnung, daß sich sein Geist einigermaßen aufklären soll; sein Reisegefährte, der Kammerherr, ist auch ein Mann, der das Pulver niemals erfunden haben würde. Die Stadt giebt dem jungen Herrn ein Fest, welches Magistratus bezahlt, das ist alles schicklich und anständig, und man wird uns danken, statt uns zu tadeln. Sollten politische Köpfe selbst unsere Anstalten merken oder errathen, so setzt uns das auch vielmehr in das Licht feiner Staatsmänner, als daß es uns irgend schaden könnte.

Es sei also, sagte der Apotheker, und es zeigt sich wieder, Alter, daß Du ein ausgelernter Fuchs bist, ein ächter Diplomat, der wohl verdient hätte, in einem größern Wirkungskreise zu glänzen.

Spener schmunzelte und sagte: Ehre dem Ehre gebührt, nur, indem Du mir immer geholfen hast, habe ich etwas leisten können, und so wird es auch diesmal seyn; denn es wird nicht unpassend seyn, wenn Du, der Chemiker, zum Beschluß des Mahls ein kleines Feuerwerk veranstaltest.

So soll's geschehen! rief Dümpfellen. – Aber, da wir nun die Staatssachen so glücklich beseitigt haben, laß uns nun auch etwas von meinem Hauskreuze reden und gieb uns auch hier Rath und Hülfe. Meine Tochter ist erwachsen, ich sähe sie gern verheirathet, aber hier in der Stadt an einen soliden Mann, daß ich sie nicht verlöre und unser Vermögen beisammen bliebe. Sie hat aber schon mit Hartnäckigkeit einige gute Partieen so nachdrücklich ausgeschlagen, daß sich unsere Bürgerssöhne gekränkt fühlen und keiner den Muth haben wird, mit einer solchen Proposition wieder zu ihr zu treten. Dazu ist sie vernarrt in einen fremden Windbeutel, einen Soldaten, den fatalen Lieutenant Linden, einen wilden Burschen, den ich schon gern aus dem Hause geworfen hätte, 52 wenn ich nicht den Zeter meiner Elisa und noch mehr die rohe Wuth des Militairs fürchtete. Zu dieser Verbindung mit dem Abentheurer kann ich niemals meine Einwilligung geben. Nun lebt seit einiger Zeit ein wunderbarer Mann in unserer Stadt, Du kennst ihn ja auch und ehrst ihn, der Herr von Ledebrinna, ein gereiseter, gebildeter Denker, dessen Herkunft und Familie wir zwar nicht kennen, der aber wohlhabend zu seyn scheint. Dieser hat sich mir eröffnet, wie er meine Tochter liebe und sie zur Ehegattin wünsche. Unter dem Siegel des Geheimnisses hat er mir vertraut, er sei von sehr altem Geschlecht, welches er aber, der gefährlichen Zeitläufe wegen, mir noch nicht näher bezeichnen dürfe; sein Vater und Großvater seien in der Revolution sehr verwickelt gewesen und nachher in Paris unter Robespierre der größten Gefahr Preis gegeben. Er werde mir nächstens Alles enthüllen. Eine unglaubliche Sympathie zieht mich zu diesem Manne hin, er wäre mir das Ideal eines Schwiegersohnes. Ich merke aber schon, daß mein eigensinniges verzogenes Kind einen Haß auf diesen hochgebildeten Mann geworfen hat, und mir tausendfältigen Verdruß in dieser Sache machen wird, denn sie hängt mit Leib und Seele an ihrem einfältigen Lieutenant.

Freund! sagte Spener mit einer pfiffigen Miene, auch über diesen Gegenstand kommt mir ein guter Einfall. Der junge Mensch kommt in Dein Haus, ihr macht oft Concert mit ihm und dem allwissenden Alexander, dem Herrn von Ledebrinna, Ulf und andern Männern und Frauen. Der Lieutenant ist auffahrend wie Pulver und nimmt, einmal wild geworden, keine Raison an. Da kann es ja leicht gemacht werden, daß Du, oder einer Deiner Gäste bei irgend einer Gelegenheit etwas sagen, das ganz unschuldig scheint, und ihm doch empfindlich ist; antwortet er nun gleich eine 53 etwas derbere Antwort und so in möglichster Höflichkeit die Sache weiter geschoben, daß der Soldat sich vergißt und Dir oder einem Deiner Freunde eine recht grobe Grobheit sagt, daß er eine öffentliche Scene macht, wodurch sich die ganze Gesellschaft beleidigt finden muß. So hast Du nachher das allergrößte Recht, ihn aus der Gesellschaft zu entfernen, und ihm auf immer das Haus zu verbieten. Deine Tochter selbst wird nichts dagegen sagen dürfen, wenn sie sieht, daß Dein Unwille nur die Meinung und das Urtheil der ganzen Stadt, wie aller gebildeten Menschen ausspricht. Das wird den jungen unreifen Krieger auch in ihrer eigenen Meinung herabsetzen, und sie wird gar nicht mehr den Muth haben, sich für seine Geliebte zu halten oder gar zu erklären.

Intriguant! rief der Apotheker, indem er seinen alten Freund umarmte, Du hast doch für Alles ein Mittelchen. Das macht Deine Menschenkenntniß und Dein scharfer Blick. Ich habe aber noch etwas auf dem Herzen, und auch über diesen Gegenstand sollst Du mir Deinen wohlerwogenen Rath geben.

Erlaube mir, Dich zu unterbrechen, begann Spener wieder. Ich bin Deiner Meinung ganz und gar, daß dieser wackere Mann, der Herr von Ledebrinna, gewiß zu Deinem Schwiegersohne paßt. Er ist ohne Zweifel von gutem Hause, hat, was man ihm ansieht, in der großen Welt gelebt und besitzt Erfahrung. Er eben, theuerster Freund, soll uns noch, wie er gewiß kann, wegen des Prinzen irgend ein Fest, oder eine Feierlichkeit angeben, denn je mehr wir thun, und zwar Anständiges, um so besser. – Doch jetzt, Alter, zu Deinem letzten Skrupel. Nun, bitte, lassen wir die dritte Flasche nicht so unerbrochen stehen, sie soll sich nicht verschmäht glauben.

Auch diese Flasche wurde in der abendlichen Dämmerung angebrochen, und im Gefühl des Wohlseins und einer ächten 54 deutschen Freundschaft von den ehrenhaften Veteranen geleert. Nun sprich auch Deine letzten Skrupel aus, sagte der Syndikus Spener. Wohlan, antwortete Dümpfellen, und der Rath, den Du geben kannst, wird Dir selbst auch wohl oder übel thun, wenn wir ihn befolgen. Denn es handelt sich um nichts Geringeres, als ob wir Mitglieder einer gelehrten Gesellschaft werden wollen, die der überaus vortreffliche Ledebrinna stiften und gründen will. Er meint nehmlich, es sei unserer guten Stadt und der hohen Bildung, welche er hier angetroffen habe, völlig unanständig, nicht auch eine Versammlung von Dichtern und Litteratoren zu besitzen, die etwa wöchentlich zusammen kommen möchten, um über das Wohl der gelehrten Republik zu berathschlagen, Neuigkeiten aus derselben mitzutheilen, Urtheile abzugeben, und selbst allerhand zu dichten und zu produziren. Das soll dann im Saal vorgelesen und mit einem frugalen Mahl beschlossen werden. Sieh, mein Freund, dieser Vorschlag, der große weitumgreifende Gedanke hat mich die ganze Zeit her beschäftiget. Auf der einen Seite gelehrter Ruhm in meinen alten Tagen, eine Dichterader, die ich schon oft in meinem Innern zucken fühlte, wird vielleicht ergiebig, und sprudelt noch in starken Strömungen; mein Name in den deutschen Gauen genannt, ich, mit einer Lyra im Arm abgebildet und in Kupfer gestochen und lithographirt. Wenn ich dann einmal nach den großen Städten reisen sollte, so werden Gastgebote mir zu Ehren gegeben, die Kinder zeigen mit Fingern nach mir, die Alten, ohne daß ich sie kenne, grüßen mich, die Jugend geht mir mit scheuer Ehrfurcht aus dem Wege. Und der Name Dümpfellen wird dem Parnasse ein- und untergemauert, um diesem eine festere Haltung zu geben.

Spener umarmte den Sprechenden: O Du schwärmerischer alter Jüngling, rief er aus, will der alte Kauz noch 55 Liebesgedichte krächzen und das junge Volk aufrührerisch machen.

Nein, fuhr der begeisterte Apotheker fort, wenn ich singe, werde ich immer keusch und züchtig in meinen Liedern seyn, den Ruhm wird selbst der Neid mir lassen müssen. Auch kann ich ja nützliche, lehrreiche Gesänge anstimmen, denn ich kann auf dem Wege manche meiner chemischen Experimente, Entdeckungen und Hypothesen unter die Leute bringen. Das Lehrgedicht ist bei uns Deutschen ohnehin noch am wenigsten angebaut. Hier schlagen Lorbeerbäume aus dem Boden, wo man mit dem Schreibefinger nur auf die Erde rührt.

So recht! rief der Syndikus, da Du aber schon so begeistert bist, Freundchen, was hat denn Deine Muse noch einzuwenden?

Was? schrie der Apotheker, kann es mir altem, grauen Manne denn nicht begegnen, daß nachher hier und dort ein roher Jüngling oder ein Junge von rohen Rezensenten in gelesenen Blättern mich an den Pranger schlägt? daß man von mir lästert, mich verklatscht, meine bürgerliche Ehre vernichtet und Alles thut, mir den Garaus zu machen? O, das ist fürchterlich und mir grauset schon jetzt, wenn ich mir das Bild ausmale und in eine solche Zukunft hinein blicke.

Laß gut seyn, Knabe, rief Spener, nimm den Lorbeer und die Unsterblichkeit, welche Dir von einem gütigen Schicksal angeboten werden, und achte es nicht groß, wenn sich Hefen in der Weinflasche ansetzen. Du hast mein Blut ebenfalls erwärmt, und große Plane reifen und gedeihen in meinem Gehirn. Ich habe immer meine Lust an Satire gehabt, und es schlummert in mir ein ungeheures Talent für diese Gattung, die bei uns Deutschen auch noch nicht kultivirt ist. Laß sie nur kommen, mein Kleiner, alle die Verleumder und Wortverdreher, diese sollen an mir ihren Mann finden. Ich 56 werde mir mein altes Maul, scharf wie ein zweischneidiges Schwert, schleifen lassen. Wetter noch einmal! es rennen mir so viele witzige und beißende Einfälle schon jetzt vorüber, daß ich nicht Hände genug habe, um sie aufzuhaschen. Sei ganz ruhig, je mehr Krieg entsteht, je wohler wird mir in meiner Haut werden. Wir wollen den Leuten schon zeigen, aus welchem Holze wir gezimmert sind. Sie denken, wir sind schon wie die todten Hunde; ja, verrechnet, meine Herren! Wir strecken jetzt erst die Igelstachel, unsere stechenden Nadeln und Borsten aus unserer Haut heraus! Bruderherz, das wird ja ein Tanz im ganzen Deutschland werden, daß viele Menschen ihre Hüte und manche sogar ihre Köpfe verlieren. Das hättest Du wohl nicht gedacht, daß aus unserm kleinen, friedlichen Ensisheim ein so ungeheurer Brand hervor gehen sollte? Kerlchen, alte Schlafmütze Du, gelt, das fiel Dir niemals ein, daß wir hier noch einmal der Mittelpunkt von Deutschland, vielleicht vom ganzen gelehrten Europa seyn würden? Ja, Bursche, Statuen müssen uns noch auf allen Marktplätzen gesetzt werden, wir lösen die alten steinernen Rolande ab, und unsere rothen Nasen prangen noch auf allen Pfeifenköpfen.

Wir sind zu sehr begeistert, erwiederte der Apotheker, indem er sich umschaute und bemerkte, daß es seitdem ganz finster geworden war: es ist aber kein Zweifel, fuhr er fort, daß eine neue Jugend sich für uns erhebt, und daß wir in der That meinem Schwiegersohn einigen Dank schuldig sind, der unser Genie zuerst geweckt hat.

Das braune Kerlchen, rief Spener, verdient, daß wir ihn ächt in Feuer vergolden ließen, denn er hat mit der Wünschelruthe seiner Nase zuerst die Goldminen und peruanischen Schätze unsers Innern gewittert. Ich schwöre Dir, Hansnarr, daß, wie der Kerl mich neulich umarmte, und 57 seine platte Nase mir so an Stirn und Wange hinfuhr, daß mein ganzes Innere aufzuckte, mir war so bänglich, oder duslig, oder magnetisch, als wenn ein Hundsmaul mir an der Physiognomie herum schnurrte und mich beißen wollte; sieh, das war das Aufschnarchen meines Genius, der jetzt wie der Siebenschläfer aus seiner Winterhöhle heraus zappelte und gähnte. – Ist es nicht finster hier, Alter?

Es scheint mir, sagte der Apotheker, wir haben in Gedanken vorher, als wir uns wieder einschenkten, die Lichter ausgeputzt.

Die Lichter? sagte Spener, Narr, es ist ja heller lichter Tag; nein, Freundchen, Du hast vorher die Fensterladen angelehnt, weil Dich der Sonnenstrahl inkommodirte, ich werde gleich wieder Tag machen, denn man kann so wenig Flaschen wie Gläser sehen.

Er stand taumelnd auf. Bleib sitzen, alter Dümpfellöwe, sagte er dann, damit Du mir nicht in der Dunkelheit unter die Beine geräthst. Warte, Bester, ich werde gleich das Fenster gefunden haben. – Ich weiß nicht, was sie mit dem Hause angefangen haben mögen, ich fühle nichts als Mauer und Wand. – Wo ist – sollten wir vielleicht in dem Alkoven gesessen haben? Sprich! Kannst Du Dich denn auf nichts besinnen, Du zerstreuter Mensch, Du?

Nein, sagte der Apotheker, wir saßen hier am Tisch, der auch bis dato immer noch vor mir steht; aber es scheint mir, als zappelst Du da am Kamin herum, in der Gegend sind keine Fenster, mein Freund.

Ich werde doch wohl mein eigenes Haus am besten kennen, erwiederte Spener verdrüßlich, man braucht auch nicht allenthalben und an allen Ecken Fenster zu haben. Aber so hilf mir doch suchen, fauler Mensch, rühre Dich von Deinem Sessel, denn vier Augen sehen doch immer mehr als zwei.

Ich kann ja nicht zu Dir, sagte der Apotheker, der auch verstimmt wurde, Du hast vergessen, daß Du die Thür absperrtest, wir sind ja eingeschlossen.

Richtig! rief Spener aus, darum ist es auch so sehr finster geworden, denn diese Dunkelheit ist sonst in meinen Gebäuden nicht herkömmlich. Könnte ich nur meinem Bedienten klingeln, daß er mir den Schlüssel brächte, so könnten wir doch heraus, und sehen, ob es draußen auf dem Gange vielleicht etwas heller wäre.

Schade was um den Gang! schrie der Apotheker, wer wird sich einen ordinären Gang verdrießen lassen? Dazu hat der Mensch ja die Beine, aber Du Allerweltsklugmeister, ich wette, seine Beine stecken noch hier neben mir unter dem Tische, und er tappt nur so blindlings und auf Gerathewohl umher.

Wenn es nicht in Deinem Hause wäre, Apotheker, sagte der Syndikus erboßt, so wollte ich Dir zeigen, was auf eine solche Rede für eine Antwort gehört. Ein blindes Korn findet auch zuweilen sein Huhn.

Jetzt stand der Apotheker auf, hielt sich erst an seinem Sessel, tappte dann mit der Hand umher, strauchelte und prasselnd fiel er, Tisch und Stuhl auf den Boden, denn er hatte sich an der leeren Flasche halten wollen, und riß nun alles mit sich nieder. – Wer da? schrie der Syndikus, der wirklich an seinem Kamin Posto gefaßt hatte und sich auf den Vorsprung desselben stützte.

Gut Freund! rief der Apotheker zurück, mir ist nur hier in meinem Laboratorio eine gläserne Retorte unter meinen Händen zerbrochen. Bringe doch einmal Licht, Luise, wenn es auch nur wenig wäre.

Wer laborirt hier? schrie der Syndikus, wer hat hier etwas zu laboriren? Ich will in meinem Hause nichts 59 laborirt haben, und wenn es nöthig wäre, könnte ich es selber verrichten.

Als Bönhase ja, sprach Dümpfellen vom Boden empor, aber nicht als ächter Pharmacent, o freilich, man kann auch an einem hohlen Zahn, an einem miserablen Hühnerauge laboriren.

Nun hab' ich's genug, schrie der Syndikus, ich weiß es, Herr von Milzwurm, daß Sie ein boshaftes, kauderwelsches Originalgenie seyn wollen, daß Sie – Sie –

Ist der Herr von Milzwurm hier? schrie der Apotheker, o mit dem habe ich ein tüchtiges Hühnchen zu pflücken. Friedrich, halte Er mir mal den Menschen fest, daß er uns nicht entwischt.

Gleich! rief der Syndikus, wir wollen ihn, mein Herr Senator Willig, dem weltlichen Arm überliefern, denn sie sagen allgemein, er sei ein ausgemachter Atheist.

Recht, recht! schrie der Apotheker noch lauter, ein eingemachter Theorist ist der ganze Kerl, so hochmüthig er auch immer seyn mag. Er hat draußen das Gut gekauft, das ich gern gehabt hätte, er verdirbt uns die Gegend, weil er die Lebensmittel vertheuert, Schulden macht er auch, und bezahlt sie prompt und pünktlich auf die Minute, das sind alles Neuerungen, die unser Städtchen nicht vertragen kann.

Der Syndikus taumelte umher, um den Herrn von Milzwurm, dem er nicht gewogen war, zu finden und zu greifen, dem Apotheker war es jetzt ebenfalls gelungen, sich zwischen den Scherben empor zu richten, er wollte auch gern an den Edelmann Hand legen, der in einer Gesellschaft nicht höflich genug sich gegen ihn betragen hatte, und beide Trunkene liefen sich schreiend in die Arme. Da ist er! Ich habe ihn! riefen beide zugleich und hielten einander mit allen Kräften fest. Friedrich! Jerome! schrieen sie wieder; bringt 60 Licht! Fackeln! Waffen! – Nein, die Wache, rief der andere noch lauter, denn wer sich so in fremde Häuser einschleicht, ist höchst verdächtig, und was der Kerl nun klemmt und kneipt, da man ihn festhalten will! Wache! setzt mich gleich, alsbald ins Stockhaus, denn das ist ja schlimmer als Einbruch!

So tobten beide und rangen kräftig mit einander, um sich loszumachen, oder sich zu überwältigen. Sie preßten sich zusammen, sie packten sich mit aller Gewalt, sie riefen um Hülfe, so daß endlich ein alter Diener des Syndikus, von dem Toben herbeigerufen, mit Gewalt die verschlossene Thüre öffnete, und mit Licht hereintrat. Er beleuchtete die sonderbare Gruppe. Beide Männer waren hochroth im Gesicht, die Kleider in Unordnung, die Halskrausen zerrissen, die grauen Haare wild aufgesträubt, und dem Apotheker, welcher eine Perrücke trug, hing diese schief, und der schwarze Haarbeutel lag ihm auf der Nase. Sie starrten beide einander an: Verzeihen Sie, fremder Herr, stotterte der Apotheker, ich glaubte den Herrn von Milzwurm ergriffen zu haben. – Conträr, schmunzelte der Syndikus, sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, man lernt sich im Leben nur einmal kennen, und die Zeit der Jugend vergeht schnell. Es ist noch nicht aller Tage Abend.

Der alte verständige Diener setzte seinen Herrn in einen Sessel, richtete Tisch und Stuhl wieder auf und bemühte sich dann, den Apotheker wieder in Ordnung zu bringen. Als er seine Kleidung, so gut es möglich war, hergestellt hatte, setzte er ihm seinen dreieckten Hut auf, gab ihm sein spanisches Rohr mit dem goldenen Knopfe in die Hand und faßte ihn dann unter den Arm, um ihn nach Hause zu führen. Der Apotheker krümmte und beugte sich, und sagte dem Bedienten, welchen er für eine Dame halten mochte, die größten 61 Artigkeiten. Als Friedrich dem bedächtigen Jerome im Hause des Apothekers diesen abgeliefert hatte, eilte er zurück, um den schlummernden Syndikus in sein Bett zu fördern. Alles dies verrichtete Friedrich so umsichtig und mit solcher Sicherheit, daß man fast auf die Vermuthung gerathen muß, eine Scene, wie er sie jetzt entwickelt hatte, sei schon öfter im Laufe der Jahre vorgefallen.


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