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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Aufzug.

Erste Scene.

In dem Städtchen Ensisheim. Zustand des Ortes. Große Erwartungen.

Das Vogelschießen in Ensisheim, welches bis auf sechs Meilen in der Runde berühmt war, und deshalb von auswärtigen Städtern und Dörflern, Amtleuten, Jägern und Edelleuten in der Provinz gern besucht wurde, kam immer näher, aber die Trauer des Kunst-Enthusiasten Ambrosius war noch so groß, daß seine Freunde nicht daran denken konnten, ihn schon jetzt zu einer Reise nach Ensisheim zu überreden. Dieser freundliche, stille Ort war um die Zeit seiner Bürgerlustbarkeit durch die Zuströmung von Fremden außerordentlich belebt, so daß die Gastwirthe des Ortes, so wie die Weinschenken diesen freundlichen Wochen schon immer lange mit Sehnsucht entgegen blickten. Aber auch die schönere und vornehmere Welt gerieth um diese Zeit in Bewegung, und wie denn Alles seine Ursache und Bedeutung hat, so war auch diesmal Alles weit mehr als sonst auf jene Festivität gespannt. Alle fragten, forschten, vermutheten und rathschlagten, was denn wohl die Ursache seyn könne, daß die 41 höchsten Häupter der Stadt so exaltirt schienen: doch da nur wenige um das Geheimniß wußten, und diese schweigsam waren, so erreichte die Spannung einen um so höhern Grad, je weniger die Neugier befriedigt wurde.

Elisa saß in dem blühenden väterlichen Garten, und neben ihr ein junger Offizier. Nun blühen die Ranunkeln bald, bemerkte dieser.

Ja wohl, seufzte die Jungfrau, doch wird uns, lieber Wilhelm, dieser Blumenflor keinen Segen bringen.

Doch wohl, erwiederte Wilhelm, denn um die Zeit des Flores ist Dein Vater täglich hier im Garten, er freut sich dann an seinen schönen Blumen, die er mit der größten Sorgfalt zieht und pflegt, und mit wahrer Schwärmerei liebt, dann ist er freundlicher als sonst, zugänglich und spricht gern und viel mit Jedem, der seine Blumen lobt, sein Herz ist dann sanft und weich, und wir werden ihn rühren, daß er endlich seine Einwilligung zu unserer Verbindung giebt.

Ich kann Deine Hoffnungen nicht theilen, erwiederte Elisa seufzend. Ja, wärst Du ein Blumenkenner, daß Du jede Art und Abart mit ihrem lateinischen Namen nennen könntest, wüßtest Du die Abstammung eines jeden seltenen Exemplars, und könntest es botanisch charakterisiren, so würde Dein Gespräch dem Vater wenigstens interessant seyn. Aber Du, ein bloßer Dilettant, wirst durch Deine Schmeichelei nichts bei ihm gewinnen; er wird Deine Absicht durchblicken und eben so grämlich seyn, wie gewöhnlich, denn er haßt Deinen Stand, und um so mehr, daß Du in den Diensten des mächtigen Nachbarlandes bist, denn er behauptet, alle Länder müßten klein seyn, nur dann wären sie deutsch und glücklich. Unser abgelegenes Städtchen ist wie eine unbedeutende Republik zu betrachten, denn der kleine Fürst, von dem wir abhängen, ist so entfernt, und kümmert sich so wenig 42 um uns, daß mein Vater hier als Senator, mit seinem Freunde, dem Syndikus, fast allein alle Geschäfte der Stadt besorgt. Nun hast Du auch kein eigenes Vermögen; nun vernachlässigst Du noch Deinen Dienst und nimmst jeden Vorwand, Krankheit, Brunnenkur, und wer weiß, was, um Urlaub zu nehmen und Deine Tage, wie mein Vater sagt, hier im Orte zu verschleudern. Er behauptet ebenfalls, daß Du die Güte Deines Generals mißbrauchst, und daß Dir dies doch bei Deinem Avancement schaden wird.

Ja, ja, sagte der Lieutenant, indem sich seine heitere Miene verfinsterte: das ist das Unglück, daß solche alte verdrüßliche Leute fast immer, wenn man die Sache gründlich betrachtet, in ihrer Art recht haben. Arm bin ich, wenn ich meinen Stand auch ehre und liebe, so giebt er mir doch keine Aussicht. Du bist das reichste Mädchen der Stadt, ich kann Dir kein Schicksal anbieten, was Deiner würdig ist. Zum Element, warum hat nur die Natur diese verdammte Liebe in unsere Herzen gelegt, daß wir in ihr uns so unglücklich, elend, ja verächtlich fühlen müssen.

Nun ja, rief Elisa aus, das ist die rechte Höhe, nun noch solche Thorheiten zu sprechen, die ich hier anhören muß. Als wenn ich nicht auch litte, und vielleicht mehr als Du. –

O vergieb mir, liebstes Kind, rief der junge Soldat, immer wieder macht mich diese Hitze, die ich von meinem Vater geerbt habe, zum wahren dummen Jungen. Daß Du mich liebst, mich Unwürdigen, ist ja wieder mein höchstes, mein einziges Glück. – Ja, Kind, Nächte hindurch kann ich darüber phantasiren, wie Dein Herz, Dein Blick, Dein Händedruck, Dein zärtliches Wort mir erst Adel und Würde geben; wie wunderbar es ist, daß Du mich ausgewählt hast, 43 unter so Vielen, die wohl besser und klüger sind, als ich; reicher wenigstens alle.

Streiten wir, klagen wir nicht über dergleichen, sagte das Mädchen, wenn es keine Lüge ist, daß wir uns lieben, so ist mit diesem Wort Alles gesagt und erklärt, was keiner Erklärung bedarf.

Sie drückten sich die Hand, und Wilhelm sagte: Nun hoffte ich immer, wie mir auch geschrieben war, daß mein Oheim, der wunderliche Peterling, herkommen sollte. Dieser alte Goldmacher hätte über Deinen Vater, der ja auch ein Chemiker ist, vielleicht etwas vermocht, und wohl noch mehr der gelehrte Heinzemann, von dem hier immer mit großer Achtung gesprochen wird. Aber da ist ihr Freund, ein gewisser Ambrosius, krank geworden, und deshalb wollen sie erst im Herbst, vielleicht gar erst im Winter herkutschiren.

In meinem Vater, fuhr Elisa fort, wurmt und arbeitet seit einigen Tagen etwas ganz Besonderes, er versäumt seine Apotheke und sein Laboratorium, und sperrt sich zuweilen mit dem Syndikus ein. Ich weiß nicht, was sie zu berathen haben können. Und fragen darf man nicht, wenn ich meinen Alten nicht ganz böse machen will, und was hülf' es? Er würde mir doch nichts sagen.

Er wurmisirt gern, der wilde Dümpfellen, sagte der Lieutenant, vielleicht denkt er auch auf seine chemischen Arbeiten.

Aber auch das Schlimmste, fuhr Elisa mit gedämpfter Stimme fort, muß von meinem Herzen herunter, wenn ich ganz frei werden soll.

Nun? fragte Wilhelm höchst gespannt.

Ich weiß nicht, sagte das Mädchen, ob ich es mir einbilde, aber mir ist, als wenn unser ganzes Städtchen, das so still und ruhig war, seit kurzer Zeit anfinge, einen 44 unruhigen Charakter anzunehmen. Alles treibt und wirbelt mehr durch einander, sie wollen alle mehr bedeuten, als vorher, der Magister Ubique trägt die Nase gewaltig hoch, der kleine Auskultator Ulf ziert sich mit seinen Gedichten mehr als sonst, der junge Advokat Alexander zieht sich seitdem von unserer Gesellschaft ganz zurück, und mein Vater interessirt sich für Poesie und Literatur, fängt an zu lesen und zu disputiren, will den Gelehrten vorstellen, und hat sich letzt mit dem klugen, aber heftigen Alexander öffentlich gezankt. Da ist jetzt in unsern Zirkeln von Sympathie und Antipathie die Rede, Worte, die vorher kein menschliches Ohr gehört hatte, da reden sie von Fortschritten, Galvanismus und Synchronismus, so daß einem der Kopf schwindelt. Und ich sehe, wie alles diese unglückselige Richtung nimmt, wie mein Vater sich ganz bekehren oder verkehren läßt, seit dieser Herr von Ledebrinna, dieser fatale Mensch, sich hier in unserm Städtchen ansässig gemacht hat. Kann man eine ausdrückliche Antipathie besitzen, so habe ich sie gegen diesen Patron. Seine Physiognomie, seine Anmaßung, sein Geschwätz, alles ist mir gleich sehr unerträglich. Und je widerwärtiger er mir mit jedem Tage wird, je mehr drängt er sich mir auf, und will mit mir liebäugeln, mit diesen seinen grünen Katzenaugen. So hat er denn meinen schwachen Vater ganz bethört, der ihn für ein großes Licht hält, und der dem fremden hergelaufenen Menschen sich ganz hingiebt, seit dieser ihm einen alten indianischen Hut und einen Bogen von Otaheiti geschenkt hat. So fürchte ich immer, macht dies Unwesen uns noch die größte Schwierigkeit.

Der Lieutenant sprang auf. Donnerwetter noch einmal! rief er laut, der lederne Kerl sollte sich das unterstehn? Da wollt' ich ihn doch vor meine Klinge nehmen, daß er daran denken sollte.

45 O Lieber, Lieber, sagte das Mädchen mit Schmerz und Unwillen, indem sie sich ebenfalls von der Bank erhob, immer so heftig, und wie können Dir nur über die schönen Lippen so gemeine Ausdrücke kommen, wie »lederner Kerl« und dergleichen. Das ziemt sich ja nicht, Liebster, und Du mußt es Dir durchaus abgewöhnen.

Hast recht, Kind, sagte der junge Mann, bitte ab, vergieb! Das macht meine Auferziehung, das Leben mit meinen Kameraden, meine Hitze, und daß ich die verfluchte Büchersprache so von Grund meiner Seele hasse, daß ich nun so sehr ins Gegentheil hineinfahre. Doch meine ich bei alledem, der Ausdruck: lederner Kerl, ist in unserer deutschen Mundart nicht so schlimm, weil er eine gewisse Art Menschen so passend bezeichnet. Sagen wir doch auch: Butterseele, Mondschein-Mensch, Aprilnarr, Hans in allen Gassen, Elementer, Brausekopf, Hasenfuß, Fuchsbalg und dergleichen mehr. Ich gestehe Dir, ich muß mir oft auf die Zunge beißen, daß ich nicht noch weit schlimmere, und ganz unschickliche Ausdrücke herausstoße, an denen unsere kräftige deutsche Sprache auch sehr reich ist, die wir aber durchaus in der gebildeten Gesellschaft abgeschafft haben. Im Grunde Schade, daß wir so überaus zierlich geworden sind, denn dadurch geht manche passende Bezeichnung verloren, die durch keine Umschreibung zu ersetzen ist. Sieh, Elisa, Du lächelst, weil Du fühlst, daß ich nicht Unrecht habe. Wenn Du aber doch einmal hofmeistern willst, so muß ich Dir sagen, daß Du auch nicht immer ganz fein und regelrecht sprichst. Feine Fräulein und rechte Buchmenschen, die ihr Wesen aus geblümten Redensarten zusammensetzen, könnten auch Dir den Vorwurf machen, den Du mir so vor die Füße geworfen hast. – Aber ich bin Dir gerade um so mehr gut, weil Du nicht nach Matthisson oder Siegwart Madsen duftest; Deine Liebe ist darum doch ächt, und wenn Du einmal eine Soldatenfrau wirst, so wirst Du dem Mann schon gern noch mehr, als jetzt dem Geliebten und Bräutigam nachsehen.

Sie schieden jetzt, weil sie des Vaters Ankunft vermutheten, nachdem sie noch einige zärtliche Blicke gewechselt hatten. Sie waren in der Hoffnung vergnügt, daß sie sich morgen bei Musik und Gesang wiedersehen würden, welche oft im Hause des Apothekers geübt wurden. Morgen war die Gesellschaft zahlreicher als sonst, und sie konnten hoffen, auch weniger bemerkt zu werden.


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