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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Aufzug.

Erste Scene.

Astronomische Beobachtungen.

Es war ein hübsches schattiges Plätzchen, eine Viertelstunde von dem kleinen Städtchen Orla, in welchem sich in den Nachmittagsstunden einige gute Freunde des Bürgermeisters Heinzemann zu versammeln pflegten. Hier war Heinzemann gern im Kreise seiner Vertrauten ganz froh, weil er hier völlig aller seiner bürgerlichen Geschäfte und Obliegenheiten vergaß, oder vergessen wollte. An dieser einsamen, hochgelegenen Stelle hatte er, ohne die Kosten zu scheuen, einen geschmackvollen Pavillon, oder ein Lusthaus erbaut, in welchem er auch zuweilen in der Nacht schlief, um seine astronomischen Beobachtungen vorher recht in Ruhe anstellen zu können. Denn die Astronomie war seine Leidenschaft, oder sein Steckenpferd, dem er alle seine Stunden widmete, die er seinen Rathsgeschäften, oder seinem ziemlich ausgebreiteten Handel entziehen konnte. Auf dem Lusthause befand sich daher ein kleines Observatorium, mit den nöthigen Instrumenten versehen, und hier verweilte er oft in langen klaren Winternächten bis zum Morgen, um den Mond, oder 10 die Gestirne zu belauschen. Er hatte dieses Häuschen und den kleinen Garten, welcher es umgab, mit dem vornehmen Namen »Heinzemanns Ruhe« getauft, worüber sein Nachbar und Schwager der Gastwirth Peterling ihn oft neckte und ärgerte, der den Ort gewöhnlich, da er sich für einen Chemiker und Laboranten hielt, nur den faulen Heinze zu nennen pflegte. Beide Männer, wenn sie sich besuchten, stritten oft freundschaftlich, zuweilen auch wohl heftig, weil jeder dem andern das Unnütze und Thörichte der Wissenschaft, welcher jener nachhing, deutlich machen wollte.

Heut war Peterling hinaus gekommen und hatte sich bereden lassen, den Abend ebenfalls in Gesellschaft seines Schwagers auf dem Belvedere zuzubringen. Man erwartete noch einen dritten Freund, den Senator Ambrosius, welcher aber erst in der Nacht mit seinem Wagen eintreffen konnte, da die Stadt, in welcher er wohnte, im Gebirge lag und vier Meilen von hier entfernt war.

Peterling ließ es sich gefallen, von Zeit zu Zeit durch den aufgerichteten Tubus in den Vollmond zu schauen, der in aller Pracht vom reinen dunkelblauen Himmel hernieder schien. Es ist doch bedenklich, sagte er kopfschüttelnd, ob dieser Erdtrabant ein ausgekohlter, verbrannter und bankerotter Weltkörper ist, ohne Wasser, wie sie sagen, und also wohl auch ohne Vegetation, – oder ob er Atmosphäre und nährende Kräfte hat, Bewohner irgend einer Art, oder ob das ganze Ding nur hingehängt ist, wie die Glaskugel in des Schusters Werkstätte, oder die großen Messingscheiben, die den Laden des Gewürzkrämers hell machen.

Man geht eben, antwortete Heinzemann, mit dem Zeitalter fort, bald ist man gezwungen, den Satz und die Lehre, bald nachher wieder das Gegentheil anzunehmen. Man kann aber aus allem Wechsel sich das Wahre heraus suchen.

11 Das sogenannte Wahre ist aber oft nur verlegene alte Waare, fuhr Peterling nicht eben fein in die Rede des Astronomen. Das ist es ja, was ich sage, daß diese Wissenschaft, die doch auf der allersichersten Basis, den Zahlenverhältnissen und der Mathematik zu ruhen scheint, sich dennoch immerdar verwandelt, und in jedem Jahrzehent beinah die Hauptfragen auf andere Weise zu beantworten sucht. Versteht mich recht, Schwager: so der ganze gestirnte Himmel, alle diese stärker und schwächer leuchtenden Punkte, diese Planeten mit dem mannigfaltigen Schimmer, die Sternbilder, und dann die Schwindel erregende Milchstraße, oben ein, wie heute, der volle, runde, kupferfarbene Mond hinein gehangen, alles das gefällt mir am besten, wenn ich es noch heut zu Tage so anzusehen strebe, wie in jener Zeit, als ich noch ein dummer Junge war. Glaubt mir nur, wenn man sich wieder in diesen Stand der Unschuld hinein denkt, so hat der Nachthimmel so etwas feierlich fromm Religiöses, schauerlich Erhabenes, daß unsere Betrachtung von selbst ein stilles Gebet wird, daß ich in dieser eingestandenen Unwissenheit das Allerhöchste ahnde. Euer Wissen und Rechnen, eure Zahlen und Entfernungen, gemessene Umkreisungen und dergleichen zersplittern mein Gefühl, und zerstreuen mich weit vom Erhabenen weg. So ist mir denn eure Theorie völlig uninteressant. Und was wißt ihr denn eigentlich?

Halt! halt! Freund Peterling! rief Heinzemann mit einiger Heftigkeit, Euer Gefühl, den frommen Sinn, oder wie Ihr es nennen wollt, will ich nicht antasten, aber daran laßt Euch begnügen und fahrt nicht über das Ziel, in die Wissenschaft feindselig hinein. Ne sutor ultra crepidam! Ein wahres Wort. Bleibt bei der Sohle, beim Leisten, beim Schuh. Jener Bauersknecht, mit dem ich einmal sprach, hatte in seiner Art auch nicht so ganz Unrecht, der meinte, 12 die Stern-Nacht sei ihm besonders auferbaulich, denn alle die glänzenden Punkte seien doch ganz gewiß goldene Nägel, die die Engel unter ihren Stiefeln und Schuhen eingeschlagen trügen.

Um die Sohlen nicht abzunutzen, sagte Peterling lachend, er konnte sich nur Schuhe mit Nägeln denken, und ein solcher Leisten, über den wir nicht hinaus können und sollen, folgt uns doch gewiß allenthalben nach, so stolz wir uns auch geberden. Die Stiefeln haben einen Schaft, und auch das Geistigste ist nicht ohne dergleichen, und darum heißt es auch Wissenschaft.

Schlechter Witz, sagte Heinzemann, mußte aber doch über den Einfall lachen. Wir gerathen in den Tiefsinn, bemerkte er dann, und es ist gut, daß unser Schwärmer, Ambrosius, nicht schon zugegen ist, da er nie unterläßt, uns beiden über unsern Aberglauben den Text zu lesen.

Hier entstand eine Pause im Gespräch, denn jeder von den Redenden dachte darüber nach, in wie fern man ihn wohl abergläubig nennen könne. Es war aber der Fall, daß der gelehrte Ambrosius seine beiden Freunde, so oft sie beisammen waren, zu bekehren suchte, die wiederum seinen Kunstenthusiasmus nicht begreifen konnten. Heinzemann, so eifrig er die Sterne und den Mond beobachtete, so gern er rechnete, war doch eigentlich der alten, vergessenen Astrologie von Herzen ergeben. Er las die alten Bücher, die diesen Gegenstand abhandelten, war aber weder mit ihrer Deutlichkeit noch Dunkelheit ganz zufrieden. Er meinte nehmlich, die Sache müsse sich noch von gar andern Seiten angreifen lassen. Er gab nicht sogar viel auf die Konstellation, um ein Horoskop nach den ehemaligen Regeln zu stellen, denn wenn er auch die Wahrheit der Grundanschauung anerkannte, so schien ihm doch die weit getriebene Consequenz allzu 13 willkürlich, und er strebte mehr dahin, aus der Totalität, aus allen Schöpfungen und Gestirnen, aus dem Kosmus selbst den Einfluß auf das Individuum zu entdecken. Diese Gesinnung kannte Peterling und meinte, wenn schon in der Astrologie kein Grund und Boden anzutreffen sei, so verschwinde in dieser Unermeßlichkeit auch die letzte Spur einer Ahndung.

Als jetzt sich der Streit wieder entzünden wollte, sagte Heinzemann: Nein, mein lieber Schwager, halten wir heute Ruhe an diesem schönen stillen Sommerabend, an welchem die ganze Natur so süß befriedigt zu schlummern scheint. Mein Freund! ich bin jetzt darauf aus, nagelneue Erfindungen zu entdecken. Daß man die Schwere der Luft wiegt, und ihre Wärme oder Kälte erkennt, sind nur Messungen aus dem Groben; und seit Baro- und Thermometer in der Welt sind, hat man noch nicht einmal bedeutende Verbesserungen mit diesen vorgenommen. Wenn ich nun zum Beispiel beobachte, daß das Kräutchen, welches man deshalb noli me tangere nennt, bei jeder Berührung zitternd zusammenfährt; wie die Judenkirsche, so wie sie nur vom Finger angefaßt wird, alsbald einen bittern Geschmack erhält; wie einige Blüthen mit Geräusch und starkem Ton aufbrechen; wie frühere Naturbeschreiber so manche Wundergeschichten von Pflanzen und Thieren aufzählen, die man jetzt viel zu voreilig als Fabeln verworfen hat: so werde ich überredet und überzeugt, daß Staubfäden der Blumen, Blätterfasern, Gallerte der See und der Fische, Blüthen, die in der Luft schwimmen, und wer weiß, wie Tausende zarter und leichter Stoffe uns noch Skalen, Tasten, Gewichte und unendlich vieles liefern können, um Krankheiten unserer Atmosphäre zu erkennen, jene unsichtbaren imponderabeln Eigenschaften der Luft und des Lichtes zu gewahren, Pest und andere Uebel 14 vorher zu sehen und abzuweisen, nahe Erdbeben voraus zu wissen, und zugleich mehr zu begreifen, wie unser seelischer Zustand auf den irdischen wirkt, und wie eine ganz neue und geistige Diagnosis möglich sei und auch ganz neue Mittel in unserer Heilkunde auftreten können.

Ihr werdet noch Mäusefallen für Geister bauen und Dohnenstriche für umflatternde Gespenster einrichten, daß sie sich wie die Krammsvögel fangen, sagte Peterling mit lautem Lachen.

Es ist da nichts zu lachen, erwiederte Heinzemann ganz ernsthaft, wenn unser Mikroskop uns belehrt, daß in jedem Tropfen Wasser lebende, willkürlich sich bewegende Kreisthiere sind, wenn man an diesen wieder Glieder unterscheidet, so kommen wir hier schon auf die ersten Pünktchen, wo Leben mit dem Tode, Geist mit Materie eins ist. Unsere Instrumente schärfen sich von Tage zu Tage, die Entdeckungen in der Psychologie nehmen zu, Magnetismus, Galvanismus, Elektricität kommen uns in erhöhter Potenz entgegen, der Somn-Ambulismus hat uns schon tausend Geheimnisse verrathen, und so kann es uns nicht fehlen, daß sich unsere Wissenschaft sehr bald eines Theils des Geisterreichs bemächtigt. Aber jene Fasern, Sommerfäden, Blüthenstaub und Aehnliches, als die letzten Grenzen zwischen Materie und Geist sind es eigentlich, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, um das noch Unbekannte zu wiegen und zu messen, und um eine Leiter zu bauen, auf welcher meine Ahndungen, die so deutlich in vielen Stunden meinen Geist erwecken, hinauf klimmen können. Und dann ist mein Trieb und Wunsch, diese Unermeßlichkeit der Sternenwelt und des Universums mit jenem Letzten, fast Unsichtbaren des Materiellen zu verknüpfen, um nicht bloß Schicksale der Menschen und Staaten voraus zu wissen, sondern auch die zartesten Regungen 15 des Herzens in mir und andern, und alle dem ähnliche Dinge zu erkennen. Denn eins spiegelt sich im andern, das Größte im Kleinsten, und umgekehrt.

Recht schön, sagte Peterling, könnten wir nur auch für unser menschliches Ohr etwas Aehnliches, wie das Mikroskop fürs Auge ist, erfinden, um zu erfahren, was Fliegen und Mücken sich erzählen, oder ob die Geister in den Blumen niesen, –

Oder wie die Sphären singen, fiel Heinzemann ein, denn durch die Verfeinerung des Organs kann oft erst das Gewaltige und ganz Große zu uns dringen. –

– Mit Deiner Totalität wirst Du aber schon deswegen nicht ausreichen, weil die Natur, so wie sie die Regel schafft und sich in ihr bewegt, auch wieder den Gegensatz, die Unregel einschiebt, damit sich an dieser die Regel selbst wieder erkenne und gleichsam an der Ausnahme rectifizire. Laufen die Gestirne, die zu unserm Weltsystem gehören, ihre gemessene Bahn, so scheinen die Kometen oder Irrsterne um so mehr hinter die Schule zu gehen und den Calcül umzustoßen.

Nichts weniger als das, sagte Heinzemann lebhaft, wir haben ja schon die Regel längst aufgefunden, nach welcher diese wandelnden Feuer- oder Wassersäulen wiederkehren müssen. Zwar fehlt es zuweilen, aber doch nicht oft, und wir kennen diese Burschen, die unsern Vorfahren so große Schrecken erregten, fast persönlich, und halten sie jetzt geringe.

Das ist aber, rief Peterling, im Widerspruch mit Deinem Glauben an Vorbedeutungen.

Laß nur, rief der Freund, ich werde sie in Zukunft noch einmal auf eine ganz neue Weise gebrauchen. Es kann mir gleichgültig seyn, ob sie einen Kern haben, oder nicht, ich glaube, daß die Alten, die sich schon etwas versucht haben, auch solide werden, daß aber die jungen Anfänger und 16 Kinder nur wie eine Art von Dunst oder Gas, oder etwas dem Aehnliches sind. Nach den neusten Entdeckungen giebt es aber unendlich viel Kometen mehr, als man sich vormals einbilden konnte: es wimmelt und schwärmt allenthalben voll von diesen Uranfängen oder Schwindlern. Es ist gar nicht unmöglich, daß wir uns hundertmal in einem Dunstkreis eines jungen Kometen befinden, und es gar nicht wissen, daß Heil und Unheil daraus entsteht, daß er unsichtbar über unsere Städte und Felder mit seinem Schweife hinbürstet. Die großen alten Kometen, von denen man sonst immer glaubte, sie lüden Unglück, Krieg, Sterben und Elend auf unsere Erde ab, thun vielleicht gerade das Gegentheil. Indem sie uns vorbeifahren, ziehen sie wohl aus unserer Erde und Atmosphäre so manches Hemmende, Störende und Verfinsternde an sich, um sich selbst nur zu consolidiren, daß wir sie als unsere Wohlthäter ansehen können. War beim Kometen im Jahre Eilf die Hitze in unsern Landen stärker und anhaltender, als gewöhnlich, so braucht es gar nicht daher zu rühren, daß der Komet selbst dies Feuer in unsere Atmosphäre goß; er hat ihr vielleicht nur kalte und wässerige Theile entzogen, er hat vielleicht die Hitze aus dem Erdkörper selber hervorgelockt, und so den heißen Sommer und Herbst verursacht. Wie der Wein häufiger und stärker wurde, als gewöhnlich, so ist es auch denkbar, daß der Geist des Menschen stärker als sonst sich regte, sei es in That oder Entschluß. Begreiflich, daß, mehr aufgeregt, Buonaparte den Plan zum russischen Feldzuge zu groß entwarf und kühn, daß nachher seine Armee untergehen mußte. Und auf diese Art ist es auch möglich, daß nach den Erscheinungen großer ausfallender Kometen immer etwas Denkwürdiges geschieht, und so wäre denn auch auf diesem Wege das alte Vorurtheil gewissermaßen wieder gerechtfertigt.

17 So wären also diese Kometen, fiel Peterling nach einer Pause ein, nicht unbillig jenen Mist- oder Müll-Karren zu vergleichen, die von Zeit zu Zeit durch die Städte ziehen, um Straßen und Märkte vom Kehricht, Schutt und Schlamm zu säubern.

Du hast, rief Heinzemann aus, eben so, wie Prinz Heinrich, immer die abschmeckendsten Gleichnisse in Bereitschaft. Aber Deine alchemischen Arbeiten, Deine Aufgabe, aus den unedlen Metallen das edelste und höchste zu bereiten, dieser Goldmacherei soll man immer die größte Achtung zollen, und doch sind alle Naturforscher darüber einig, daß diese Sucht gerade der krasseste Aberglaube sei, denn Gold ist jetzt ein Element, so gut wie die übrigen Metalle geworden.

Was kümmern mich denn die Naturforscher! rief Peterling in hohem Eifer aus: diese sollen bei ihren Systemen bleiben, die sie selbst alle vier Jahre ändern, und mir nicht in meine künstlichen Kreise hinein stolpern. Und begriffest Du doch nur selbst erst einigermaßen, was ich will. Das ist ja der krasse Irrthum so vieler Jahrhunderte gewesen, daß das Gold das edelste der Metalle sei. Der Grundirrthum hat alle Alchemisten, auch die besten, wie einen Paracelsus und seine vorzüglichsten Schüler, auf eine ganz falsche Bahn getrieben. Setzen wir den Fall, es gäbe kein Silber, Eisen und Kupfer, sondern nur Gold, so würde wegen seiner unbehülflichen Schwere, noch mehr aber wegen seiner charakterlosen Weiche uns das Wesen auch zum unbedeutendsten Gefäße, selbst zu einer Kaffeekanne, völlig unbrauchbar seyn. Aus dieser Weiche entspringt freilich wieder, weil es gar keine Spröde hat, keinen Widerstand ausübt, seine mährchenhafte Dehnbarkeit. Gold ist also so wenig das beste Metall, daß es im Gegentheil ein krank gewordenes, 18 im Absterben begriffenes Kupfer ist. Es steht den andern Metallen wie die weißen Mäuse, die Albinos und Kakerlaks den gesunden Wesen gegenüber. Ich arbeite also dahin, den spröden, starren Geist durch Zusätze und Umschmelzungen allgemach aus dem Kupfer zu treiben; etwas zu finden, was die Schwere vermehrt, denn die Spröde, das Aufstreben, giebt dem Kupfer, noch mehr dem Eisen, die Leichtigkeit. Ich muß nach meinem Systeme die Metalle also maceriren, ängsten, quälen und tribuliren können, wie ein Doktor den besten gesunden Kranken, daß meinen Patienten endlich der Starrsinn gebrochen wird, und sie sich in Melancholie, Lebensüberdruß, Angst und Verzweiflung nach völlig überwundenem Widerwillen entschließen, Gold zu werden.

Der Streit hätte wohl noch länger gewährt, wenn ihn nicht ein vorfahrender Wagen unterbrochen hätte. Beide Männer eilten hinunter, um den Dritten zu empfangen, welcher kein anderer als der Senator Ambrosius war. Dieser warf sich in die Arme seiner Freunde, und Alle begaben sich in den untern Saal, wo man indessen die Tafel zugerichtet hatte. Man setzte sich und Ambrosius schien sehr fröhlich, sich wieder in der Gesellschaft seiner Freunde zu befinden. Er gestand es auch auf Befragen ein, indem er sagte: Wenn man fühlt, daß man seine Pflicht gethan, wenn man alles, was das Vaterland erwarten darf, erfüllt habe, so könne und müsse man heiter und vergnügt seyn. Die besten Menschen, fuhr Ambrosius fort, leiden darum oft an übler Laune und Melancholie, weil sie sich selbst nicht gestehen wollen, wie sie aus Zerstreuung, Trägheit oder Vergnügungssucht mit ihrer Zeit nicht gewissenhaft genug umgehen und deshalb ihre Obliegenheit versäumen; nun geht der Druck des Vorwurfs mit ihnen herum und verbittert ihnen jede frohe Stunde.

19 Alle waren bei Tische vergnügt. Es fehlte nicht, daß zu Zeiten gestritten ward, weil jeder dieser Freunde für seine Beschäftigung eine unbedingte Hochachtung forderte, das Studium der Genossen aber nicht würdigen mochte. Indessen, da sie des Streites schon gewohnt waren und Jeder die Eigenheiten des Andern kannte, so siegte die gute Laune, und Keiner ging zu gehässigen Bitterkeiten über.

Besuchen müßt ihr mich jetzt, meine Freunde, sagte endlich Ambrosius, ich kann euch euer Versprechen nicht länger erlassen. Was sind denn die vier Meilen? Und ihr kommt in eine schöne Gegend, in eine freundliche Stadt, auch der Umgang ist gut, die Bildung nimmt zu, und die Mehrzahl der Menschen hat den besten Willen. Auch seh' ich, wie mein Beispiel mit jedem Monat mehr auf meine Mitbürger wirkt. Denn darin, meine verehrten Freunde, verfehlt ihr es, daß ihr euch zu sehr von der Welt zurückzieht, daß ihr euch isolirt und zu wenig den Künsten und den Grazien huldigt. Eure Bestrebungen sind zu achten, aber sie fördern höchstens nur euch, nicht eure Zeit, sie wollen gar nicht einmal in diese einwirken: und doch ist das die ächte Aufgabe unsers Lebens, an der Bewegung der Mitwelt Theil zu nehmen und sie zu befördern.

Die beiden Freunde stimmten ein, wenn auch etwas unwillig. Du hast Dich ganz der Kunst gewidmet, Freund Ambrosius, sagte Heinzemann, und diese kann doch nur oberflächliche, leicht erlöschende Wirkungen hervorbringen.

Wenn sie nicht ins Leben tritt, freilich, erwiederte Ambrosius, sie muß sich aber nicht isoliren und von der Wirklichkeit zurückziehen, wie sie leider nur zu oft gethan hat. Finden wir doch sogar beredte Kritiker, die uns sagen wollen, daß sie an ihrer Heiligkeit einbüßt, wenn sie sich mit dem Leben und dessen Bedürfnissen allzu vertraut macht.

20 In Ansehung der Wissenschaften, sagte Peterling, ist es wohl gut, wenn sie nicht zu gemein und populär werden, aber in Ansehung der Künste scheint es mir wirklich besser, wenn sie sich den Menschen und der Zeit familiarisiren. Was soll der Pöbel mit der Alchemie, wozu wäre ihm besonders die Astrologie nütze?

Pöbel? nahm Ambrosius etwas empfindlich das Wort auf, für diesen sind meine Bemühungen ebenfalls nicht, diesen Auswurf müssen wir ja vom Volk unterscheiden, um uns nicht von der rechten Bahn zu verlieren. Wodurch wurden die Griechen so groß, und stehen für uns noch immer klassisch und unerreichbar da? Weil ihre Gemälde, Bildsäulen, Theater, Musik, alles öffentlich war, weil sie ihre Lieder und Gedichte öffentlich absangen, weil Alles unmittelbar dem Volke gehörte, für dieses bestimmt war und auf dieses wirkte. Unsere Tempel sollten etwas Aehnliches seyn, aber sie werden es niemals, weil sie oft verschlossen sind, der Gottesdienst zu feierlich ist und jene Heiterkeit der griechischen Nationalfeste nicht erlaubt. Unsere Gemälde verschließen wir in Gallerien oder Palästen, an öffentlichen Orten sehen wir nur selten Statuen, unsere Theater sind klein und nur dem Bezahlenden zugänglich, unsere Gedichte werden nur gelesen auf dem einsamen Zimmer. Doch alles dies, wenn die bessern Bürger, die edleren Gebildeten sich verständigen, muß wieder weichen und der Oeffentlichkeit Platz machen. Alle Sachen, die man braucht, alle uns überkommene Einrichtungen, die irgend an die Bildnerei oder Architektur gränzen, alle Möbeln, Alles muß, insofern es öffentlich ist, in Kunstwerk verwandelt werden.

Wir kennen ja Dich, Du Fanatiker, und Deine enthusiastische Schwärmerei, sagte Peterling. In dem Badehause seiner Stadt ist vorn ein Ueberdach, wo Bauern und gemeine 21 Leute untertreten, wenn der Regen sie überfällt, oder wo ein Badender wohl wartet, bis seine Wanne gefüllt ist; dahin hat er seine besten Kupferstiche kleben lassen. Aber wie sehen die Bilder jetzt schon aus; da überdies muthwillige Jungen und Handwerksbursche Manches hineingeschmiert haben.

Opfer fallen natürlich, antwortete Ambrosius, und müssen gebracht werden.

Peterling fuhr fort: Aus einer katholischen Kapelle, die eingegangen war, hat er einen steinernen Gott-Vater erstanden. Diesen hat er selbst, da er in alle Künste hinein pfuschert, in einen Neptun durch einen Meißel, Hammer und Spitzeisen umgeformt, ihm einen eisernen Trident in die Hand gegeben, und so steht das Wesen jetzt oben auf dem Marktbrunnen, und die jungen Weiber, wenn sie Wasser holen, sagen, sie fürchten sich, daß sie sich an der abscheulichen Figur versehen möchten.

Lacht nur, sagte Ambrosius, ich habe ihn aus gutem Willen der Stadt geschenkt, und ich weiß doch, daß sein Anblick allgemach die Menschen bildet und für Kunst empfänglich macht.

Die Bauern, sagte Peterling, halten wegen des Dreizacks diesen Neptun für einen Knecht, der Dünger ausladen will, weil sie diesen Trident für eine Mistgabel ansehen.

Einerlei, rief Ambrosius in seiner begeisterten Stimmung, ich habe meinem Vaterlande diese Opfer gebracht, und werde nicht ermüden, mehrere auf den Altar desselben nieder zu legen. Und gerade so, wie die Griechen die Kunst immerdar in das Leben einzuführen strebten, werde ich es auf meine schwache Weise versuchen, und ich bin überzeugt, in wenigen Jahren werden mir die Besseren, und späterhin Alle nachfolgen. Es ist bekannt, wie die Griechen allenthalben Statuen aufrichteten; wo diese ausgingen, setzten sie 22 wenigstens, um Feldmarken und Fluren zu bezeichnen, Hermen, die unschickliche Figur des Gottes der Gärten, dessen Unsittlichkeit wir unter keiner Bedingung nachahmen dürfen, schützte ihre Früchte, und so war, wohin sich der Blick wendete, Götter- und Heroen-Gestalt, Kunst und Geschichte, denn auch Portraitfiguren schmückten Gassen und Märkte. Schon oft sprach ich mit meinen Mitbürgern. Ist es nicht eine Schande, sagte ich zu ihnen, daß ihr diese abscheulichen Lumpen, diese garstigen Fetzen, die so schauerlich im Winde wehen, in eure Felder zum Skandal gebildeter Vorüberreisenden hinstellt? Diese Gebilde, Vogelscheuchen, Gescheuche, oder Gescheche, wie sie der gemeine Mann nennt, machen unserm Nationalgeschmack die allergrößte Schande, sie verscheuchen weit mehr Bildung, Sitte und Kunst, als jene Sperlinge und Krähen, gegen welche sie aufgerichtet sind. Wie gesagt, den unzüchtigen Priapus der Alten will ich nicht empfehlen, denn in mancher Rücksicht waren jene trefflichen Zeiten zu rücksichtslos und schlugen der Moral und dem feinen Gefühl wie oft ein Schnippchen. Daß aber der Schutz unserer Felder, die Anstalt, Vögel vom Saatfelde, aus den Schooten und Bohnen und andern Früchten wegzuscheuchen, eine herrliche, beneidenswürdige Veranlassung ist, der ächten deutschen Kunst Raum und Bahn zu verschaffen, fällt zu sehr in die Augen, um es noch beweisen zu dürfen. Also Figuren für diese Gärten laßt uns ersinnen, strenge Jeder seine Phantasie an und fördere ein Gebilde zu Tage, welches als Muster für Nachahmer glänzend sei. Es ist nicht nothwendig, daß Ceres oder Demeter das Präsidium über diese neuen, kunstmäßigen Vogelscheuchen führe; auch brauchen diese Scheuchen, wenn wir sie einmal so nennen wollen, nicht alle denselben Charakter auszudrücken. Der Eine kann neue Helden, die etwa das Vaterland befreit haben, dazu nehmen, der Andere 23 berühmte Schriftsteller, welche die Dunkelheit des Aberglaubens verjagten, wieder Einer solche Männer, wie Adam Smith, Thaer und ähnliche, die den Feldbau verbesserten und dem Mangel zu steuern suchten, oder Pädagogen, die selbst mit der Ruthe in der Hand figuriren dürften. Wie gesagt, der Kreis ist unendlich, denn auch sinnreiche Allegorien können erfunden werden. Nur Hand muß angelegt werden, damit unsere Fluren bald von schönen Gestalten erglänzen.

Man gab mir zu, daß die bisher üblichen Vogelscheuchen gewiß keinen Platz in der Kunstgeschichte verdienten, und daß sich in diesem Zweige, wie in so vielen, von verständigen Männern Manches verbessern lasse; es sei aber viel leichter, zu sprechen und zu tadeln, als selbst zu handeln, und ich möchte also dahin streben, mein Ideal, wie man sagt, in das Leben treten zu lassen. Ich versprach es. Den ganzen Winter arbeitete ich im Stillen bei verschlossenen Thüren, und mit dem ersten Ostertage führte ich nun mein vollendetes Kunstwerk aus mein Gartengrundstück hinaus.

Und, fragte Peterling, welchen Effekt machte es?

Ungeheuern, erwiederte Ambrosius, mehr, als ich jemals träumen konnte, ja ich darf wohl sagen, unser ganzes Städtchen war wie trunken, die Senatoren belobten mich, die Bürger drückten mir die Hände, die jungen Leute brachten mir am Abend mit einem Fackelzuge ein begeistertes Vivat, das dann in den Straßen aus allen Fenstern wiederholt wurde. Die Reisenden waren erstaunt, fremde Künstler zeichneten den freundlichen Garten-Unhold, oder vielmehr den zierlich Scheuchenden, denn er ist, so wenig wie Achilles, ein wahres Monstruo de los Jardines.

Und wie sieht er aus, der Kerl? fragte Heinzemann.

Ich will ihn euch beschreiben, erwiederte Ambrosius etwas verstimmt, und ich hoffe, daß ihr ihn binnen Kurzem 24 selbst werdet in Augenschein nehmen. Ich habe ihn höchst kunstreich aus gebranntem Leder formirt, denn er muß, seiner Bestimmung nach, Wind und Wetter ertragen können. Sein Angesicht selbst ist braun, nur mit wenigem Roth tingirt, die Miene und der Ausdruck imposant, denn wenn er auch liebenswürdig seyn darf, so soll er doch das unnütze Gesindel erschrecken, darum habe ich auch seine Stirn mit starken, fast buschigen schwarzen Augenbrauen bezogen. Die Augen selbst sind beweglich, schwarze Korallen auf weißem Grund von Perlenmutter. Wenn bei starkem Winde nun der Kopf gedreht wird, so funkeln und blitzen die Augen wie zornig. Ein fast dreieckter Hut von Leder deckt sein Haupt, eine weiße Feder legt sich um diesen, wie die, welche den General bezeichnet. Die Kleider sind auch Leder, der Rock grün, fast wie ein altdeutscher; aber im vergoldeten Gürtel trägt er einen Hirschfänger. An den Beinen hat er Kamaschen, mit vergoldeten Knöpfen, auf den Schuhen Schnallen. Arme, Beine, alles gebranntes Leder und unverwüstlich. In den Armen, die natürlich beweglich seyn müssen, hält er ein Schießgewehr, keine moderne Büchse, sondern ein Instrument, das in der Mitte zwischen dem Flitz-Bogen und der Armbrust steht. Es ist eine Lust, es anzusehen, wenn der Wind die schöne graziöse Gestalt in Bewegung setzt, wenn er sich nach allen Seiten wendet, den Bogen so hält und wieder so, und wie das unnütze Geflügel, welches unsere Pflanzungen verheert, eben so viel Schauder und Angst vor dieser Figur empfindet, als sie dem gebildeten Menschenauge Entzücken erregt. Man kann nun, was den Charakter selbst betrifft, sich von meinem beweglichen Bildwerk an den Schützen Amor oder Cupido erinnern lassen, will die Phantasie seitwärts schweifen, mag sie auch in ihm einen modernen Apollo sehn, den fernher treffenden, sonst ist es mir auch ganz Recht, 25 wenn man des alten Engländers, des romantischen Freibeuters, jenes Robin Hood gedenkt, der in Sherwood, dort im grünen Walde als Jäger, Räuber und Liebender mit seiner Marianna und seinen lustigen Gesellen sein fröhliches Wesen trieb. Will ein prosaischer Jägersmann etwa den bairischen Hiesel in ihm wahrnehmen, so kann ich auch dagegen keine Einwendungen machen. Das ist eben die ächte Symbolik, daß sie an alles erinnert, und dennoch die Phantasie frei läßt.

So bist Du also glücklich, sagte Heinzemann, wenn Dein Beispiel auf Deine Mitbürger wirkt, und alle nach ihren Kräften so künstliche Vogelscheuchen in ihre Erbsen stellen.

Ein anderer, sagte Peterling, kann nun nächstens eine weibliche moderne Diana fabriziren, auch mit Flitzbogen und Köcher, die zugleich wie Judith aussieht. Nebukadnezar müßte ein herrlicher Typus zu einer Vogelscheuche seyn, wie er so in Demuth graset, und sich dann plötzlich aufrichtet, um die Raben wegzuschrecken, die ihm das Futter vor der Nase wegfressen wollen.

Kommt nur und seht, ihr Ungläubigen, rief Ambrosius aus. Laßt euch von meiner Tochter Ophelia alle Schönheiten meines Gebildes auseinander setzen. Darin bin ich recht glücklich, daß das Kind so ganz in meine Ideen eingeht, sie schwärmt nur von diesem Adonis, wie sie den braunen Jäger will benamt wissen. Schon früh am Morgen wandelt sie hinaus, um sich an seiner Schönheit zu begeistern, und oft findet sie der sinkende Abend noch auf dem Felde. Man kann sagen, sie lebt nur mit und in diesem Kunstwerke, ihr ganzes Gemüth hat sich dem Ideal zugewendet und das irdische Treiben ist ihr fremd geworden.

Aber wie denn? begann Peterling, Ihr verlangt ja, Freund, daß wir uns von diesen leeren Idealen entfernen, 26 und alles, was Gedanke und Begeisterung will, in das wirkliche Leben einfließen und wirken soll. Wenn Ihr nun die eigene Tochter zur Schwärmerin erzieht, so widerspricht sich Eure Lehre, und wir kommen wieder an den alten Fleck.

O ihr ungeduldigen und stets zur Uebereilung geneigten Menschen! rief Ambrosius aus; ist es denn nicht ein großer und ewiger Unterschied, den die Natur in die Bestimmung des Weibes und Mannes gelegt hat? Aus Vorliebe für den Hamlet erhielt dieses begabte Kind in der Taufe den Namen Ophelia, und die Vorahndung, die ihr diesen Namen gab, sieht sich jetzt erfüllt, denn sie wächst immer mehr und mehr in dieses schöne Musterbild hinein. Ihr ganzes Wesen ist in Liebe aufgegangen und sie kennt keine weltlichen Bedürfnisse. Ihre Sehnsucht richtet sich durchaus nur auf die Kunst und das Ueberirdische, und so ist sie wahrhaft mit unsterblicher Begeisterung in dieses mein Kunstwerk, Robin Hood, oder nach ihrer Deutung, Adonis verliebt.

Die Fenster des kleinen Saales, in welchem die Freunde ihr Mahl einnahmen, beherrschten die ganze Gegend. Der Wirth machte sie auf den klaren, wolkenlosen Himmel aufmerksam. Indem man sich im Anschauen vertiefte, fuhr es wie ein Gestirn feurig glänzend am Horizont hinab, und man sah hinter der sinkenden Flamme noch eine glänzende Spur im dunkeln Blau. Himmel! rief Heinzemann aus, habt ihr das Wunder bemerkt, Freunde, das Naturereigniß?

O ja, sagte Peterling, es war eine simple Sternschnuppe.

So ganz gewöhnlich doch nicht, bemerkte Ambrosius, es leuchtete gewaltig, wenn es sich auch nicht mit einer Feuerkugel vergleichen läßt. Indessen sieht man in warmen Sommernächten dergleichen sehr häufig und es scheint mir nichts Auffallendes oder gar Wunderbares bei der Sache.

Wie ihr sprecht! rief der Astronom Heinzemann, was 27 ist eine Sternschnuppe? Ist dies Feuer-Phänomen nicht etwas mehr, als ein Dunst, der sich elektrisch entzündet hat, wie unsere Physiker behaupten? Ihr, Peterling, kämpft gegen die größten Wahrheiten, welche die Naturforscher entdeckt haben, wenn sie Euern Grillen nicht zusagen; Ihr, Ambros, strebt nach einer populären, aller Welt begreiflichen und zugänglichen Kunstdarstellung, und laßt keine der Theorien gelten, die Euch nicht beifällig ist; wenn ich aber von der geheimen Werkstätte der Natur etwas verkündigen will, so hat keiner ein Ohr dafür, und jeder kömmt mir mit den frivolsten Einwürfen einhergeschritten, die eure Lippen, wenn ihr denn doch einmal höher stehen wollt, gar nicht entweihen sollten. Sternschnuppe! Ja, ja, so sagt der Bauer auch. Daß dergleichen kein Gestirn ist, kein ewiger Weltkörper, oder eine Sonne, die etwa irgendwo in den Brunnen fällt, kann ich auch zur Noth noch begreifen. Mit dieser Negation ist aber noch weniger als Nichts gesagt. Wir sprachen vorher von den Kometen, und der ächte Astrolog und Himmelskundige müßte auch wohl Rechenschaft ablegen können, was denn eigentlich diese sogenannten Sternschnuppen seien. Daß sie auch unterwegs sind, um künftige Welten zu werden, und daß sie sich im Herunterschießen etwa als die jüngsten unerfahrnen Sextaner und Quintaner manifestiren, wäre eine thörichte Meinung. Bloße Dünste? Was ist denn der Dunst selbst? Was ist denn diese Elektricität? Wahrhaftig, wir verblöden selbst recht vorsätzlich unsere Sinne, damit sie nur die Erscheinungen und Wirkungen der Natur niemals mit feierlichem Staunen, oder mit freudigem Schauer betrachten. Fliegt euer Auge durch diesen ausgespannten weiten Sternenhimmel, und gewahrt die nähern und fernern, die kleinern und größern Lichter, wie manche sich bewegen, andere still stehen, wie unsere Erde sich dreht, und mit dem Monde 28 sympathetische Kreise beschreibt, und plötzlich reißt sich ein großer leuchtender Funke los, und sinkt herab, ihr wißt nicht wohin, ihr seht nicht, wo er entsteht, so könnte euch, seid ihr anders einer poetischen Stimmung fähig, dies Aufflammen auf manche Vermuthung führen, die leicht eure sogenannte Ueberzeugung aufwägen könnte.

Peterling biß die Lippen auf einander, wodurch er immer, wenn er nichts zu sprechen wußte, einen satirischen Einfall andeuten wollte, Ambrosius aber sagte ganz ehrlich: Nun, was kann denn eine solche Sternschnuppe, Deiner Ansicht nach, seyn und bedeuten?

Heinzemann sagte: Auf jeden Fall deutet es eine Veränderung in der Gesammtheit der Natur an, eine augenblickliche Störung ihrer sogenannten Gesetze. Ist die Erscheinung ein Resultat, das letzte sichtbar werdende Symptom von tausend unsichtbaren Kräften, so kann jetzt leicht, ferner oder näher, vielleicht in einem andern Lande, vielleicht jenseit des Meeres, etwas Großes, Unerhörtes vorgefallen seyn, wovon wir erst nach Wochen und Monden Kunde erhalten. Sei es nun eine Veränderung in der Erde, sei es eine politische Begebenheit, ein großes Unglück, oder wichtige Entdeckung. Dorthin, nach dem Gebirge, senkte sich der Flammenstreif, vielleicht geht in Deiner Stadt, Ambrosius, etwas Wichtiges vor. Vielleicht ist es in diesem nehmlichen Moment in einer zahlreichen Gesellschaft decretirt worden, daß man bei euch ein großes Heer kunstreicher Vogelscheuchen aufstellen will, um Deine große Erfindung erst wahrhaft volksthümlich zu machen. Wäre unser Peterling nur etwas mehr der Andacht fähig, so wäre in diesem Augenblick vielleicht der hemmende Riegel zurückgeschoben worden, die Idee wäre in sein Gehirn und vermittelst dieses in den Geist getreten, 29 und er wüßte nun, wie man das Gold aus dem Kupfer herstellen könne.

Ambrosius faßte die Hand des Redenden und sagte mit bewegter Stimme: Ich nehme, theurer Freund, das Omen und die Vorbedeutung an, welche Du mir in diesem herabschießenden Sterne geben möchtest. Sei es also, daß meine Mitbürger zum Enthusiasmus erwachen. Dann soll mir dieser Abend und dieser höchst feierliche Moment unvergeßlich seyn.

Peterling sagte: Mich hindert schon ein natürlicher Schnuppen oft genug in meinen Arbeiten, es brauchen sich nicht noch Sternschnuppen meinetwegen zu bemühen.

Der Irdische muß der Erde anheim fallen, antwortete Heinzemann, wenn er auch das Wunder selbst zu seinem Handwerke machen sollte. Darum verschweige ich auch billig meine Gedanken, die gar nicht verstanden werden möchten.

Sprecht zu mir, Freund, rief Ambrosius, ich bin jetzt auf eine Straße gerathen, auf der mir Eure Weisheit mehr als bisher einleuchtet.

So sei es denn gewagt! rief Heinzemann mit feierlichem Ton.

Geburt und Grab –
Ein ewiges Wehen
Ein wechselnd Leben –

Sehr wahr! Aber was nennen wir Geburt? die mechanisch-organische Zeugung der Thierwelt, wie gestaltet sie sich schon im Reiche der Pflanzen anders, und gewissermaßen geheimnißvoller! Vor den Steinen stehen wir da, wie vor verschlossenen Kammern, ohne Red' und Antwort. Wie entstehen Quellen, Wasserbäche? Was geht in der Luft vor? Der Geist des Thieres, die Seele des Menschen? – Entsteht sie in der Zeugung, wachsen, entwickeln sich die Geister 30 mit dem Körper? Waren die ersten schon früher? – Geist ist alles, wohin wir nur denken können, die scheinbare Leere des Universums, diese ungeheuren Zwischenräume können nicht unbewohnt seyn. Auch die Wesen, die wir anzunehmen gezwungen sind, die Geister, müssen sich vermehren und fortpflanzen, die Schöpfungskraft, die allen Wesen, bis zum kleinsten Moos, mit Wundergabe eingedrückt ist, kann ihnen nicht fehlen; aber muß dies Wunder gerade auf unsere menschliche, oder nur auf eine ähnliche Weise geschehen? Ich nehme, wie wir in aller Natur gewahr werden, auch für diese unsichtbaren Wesen eine Stufenleiter an, von Macht, Weisheit und Glückseligkeit. Viele müssen, als ein Geheimniß, das wir nicht verstehen, sichtbar und kreatürlich werden, andere wohl, um durch die Vermischung mit der Materie, und durch das Leben und Weben in dieser, neue und geistige Kräfte zu erringen. Das ist vielleicht die Grundlage aller Schöpfung, daß der selige Geist in Verbindung mit dem sogenannten todten Stoff sich ein feineres Erkennen, eine edlere Kraft, eine künftig größere Seligkeit erkämpft. So ist es sehr möglich, daß dasjenige, was wir Sternschnuppe nennen, nur die unsern sterblichen Augen sichtbare Manifestation ist, wo ein ewiger Geist sich der Unsichtbarkeit entreißt, sei es von Angst gedrängt, sei es Ueberfülle seines Glücks, sei es freie Wahl, um in irgend ein wirkliches, sterbliches Leben eine Zeit lang einzutreten. In welcher Gestaltung, als Blume, Vogel, Fisch oder Menschenkind mögen wir diesem Fremdling nun begegnen? Wird er auf uns, auf unsere Glückseligkeit einen Einfluß üben?

Deine vorige Erklärung, sagte Ambrosius, daß diese Erscheinung am Himmel einen edlen Entschluß meiner Mitbürger anzeige und verkünde, gefällt mir doch weit besser, als diese letzte, die an das Schwärmerische grenzt. Wir 31 können den Geist nur bildlich verstehen, und darum sind die Aufgaben und Bestrebungen der Kunst die größten und edelsten unsers Lebens:

Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft –

ich möchte lieber lesen:

Verachte nur die Kunst und Wissenschaft.

Deine Lehre, sagte Peterling, wenn man etwas Consequenzmacherei hinzu bringt, hängt mit dem Falle Lucifers und dem Sturz der bösen Engel genau zusammen. Für den Poeten vielleicht eine ganz leidliche Vorstellung, die Dante, Milton und Klopstock auch mit mehr oder minder Glück benutzt haben, aber für den Denker ist die Sache unbrauchbar.

Und doch, rief Heinzemann, giebt er selbst sein verehrtes Gold für ein krankes und abgefallenes Kupfer aus. Trennt überhaupt nur immer recht scharf und konsequent, was die dichterische Anschauung, was die philosophische seyn könnte, so habt ihr schon die Basis der Natur und Existenz verloren. Der Denker, der beim Dichter nichts lernen kann, ist noch schlimmer daran, als der Dichter, dem das Denken überflüssig und lästig ist.

Es war spät geworden, Ambrosius ließ seinen Wagen vorfahren, und die drei Freunde begaben sich in demselben nach dem nahen Städtchen. In der Ferne tauchten aus einer sumpfigen Stelle viele spielende und hüpfende Irrlichter auf, und Peterling sagte in seiner schneidenden Weise: Siehe da, Freund Heinzemann, tausend frische Geister, die sich losgerissen haben, um sich zu künftigen Tanzmeistern, Turnern, Philosophen, Tagesschriftstellern und Libellisten vorzubereiten. 32 Ihr zackiges, fahriges Leben ist schon jetzt merkwürdig genug, und wer ihnen nachläuft, geräth in Morast, so gut wie die Nachbeter der Pietisten und der Kirchenzeitung.

Und was ist, Du schwacher, inkonsequenter Razionalist, an dieser Vorstellung denn so Gebrechliches? fragte der empfindliche Heinzemann zurück. Das Leben ist das Geheimniß der Welt, das heißt, es ist die Welt und Alles, was ihr davon trennen und abgesondert betrachten wollt, hält dem Auge nicht Stich und ist auch keiner Betrachtung werth.

Das chaotische Sprechen, sagte Peterling, bereitet uns gut auf den Schlaf vor.

Ambrosius stieg bei Heinzemann ab, bei dem er seine Wohnung fand, und Peterling ging nach seinem nahen Hause. Er fand seine Diener schon in tiefem Schlaf, besuchte noch eilig sein Laboratorium und legte sich dann nieder. Heinzemann dachte noch seinen tiefsinnigen Gedanken lange nach, und ihn beglückte ein schöner Traum, wie es ihm gelungen sei, in seinem Garten, vermittelst einem feinen Sprengsel, einen ätherischen, sehr gebildeten Geist zu fangen. Von diesem ließ er sich über Alles unterrichten, wo er in seinem Wissen noch Lücken fühlte. Ambrosius schlief gleich ein und sah seinen schönen Robin Hood im Traum verschönert vor sich, und viele Prozessionen, die von allen Seiten singend herbeizogen: alle hatten Standbilder, weiblich, modern, antik, und im Vorüberziehen neigten sich alle Figuren ehrerbietig vor diesem Apollo, oder Adonis, welcher in edler Haltung hoch in den blühenden Erbsen stand. 33


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