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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 23
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Scene.

Ledebrinna's Vermählung.

An demselben Abend feierte Ledebrinna seine Hochzeit mit der ganz genesenen Ophelia. Ubique, Ulf und noch einige Freunde waren im Hause des Legationsrathes und seiner Gemahlin zugegen.

Als sich alle entfernt hatten, und Ledebrinna und Ophelia allein im Schlafzimmer waren, sagte er: Fühlst Du Dich glücklich, Geliebteste?

Unaussprechlich, antwortete sie; und doch drückt mich eine Schuld, eine Sünde, die ich Dir bekennen muß.

Welche?

Hast Du die Räuber von Schiller gelesen?

Ja, mein Engel, aber ich liebe das Gedicht nicht.

Im vierten Akt, sagte sie zärtlich, ist meine Empfindungsweise ganz genau beschrieben. Sie liebte ihren Karl, und hatte ihm ewige Treue gelobt, da wird ihr Herz verlockt, Amalie sieht den Karl, den sie gestorben wähnt, in einer andern Gestalt: Er ist derselbe, aber sie muß sich doch der Untreue anklagen. So ist es mir. O verehrter, großer Mann, den ich anbete. Du bist nicht meine erste Liebe, dies arme Herz war schon einmal entzündet, ganz, ganz einem göttlichen Gegenstande dahin gegeben. Du bist ihm ähnlich, bist ihm mit jeder Stunde ähnlicher geworden, wie Amalie ja auch den Fremden ihrem Karl ähnlich fand: aber Du bist nicht Er! – O in unserm Gärtchen stand das Bild, ich nannte es Adonis, es rührte von meinem Vater her, der ein großer Künstler ist. Ihm, dem einzigen, schwärmte ich, lebte ich. Ja, dies mußte ich Dir gestehn, weil ich Dich unaussprechlich liebe, und Du wirst mich darum nicht geringer achten.

Mit einem durchdringenden Blicke sah er sie mit seinen schwarzen Augen an, er faßte sie zärtlich in die Arme und flüsterte ihr zu: Dir, der Liebenden, sei es gestanden, das große, schöne Geheimniß, Du brauchst Deiner ersten Liebe nicht untreu zu werden, edles, bestes Herz, ich bin dasselbe Bild, ich bin jener Adonis, oder Robin Hood.

Sie sanken sich in die Arme, ihr Glück war überschwenglich, aber auch unaussprechlich, und bei solchen Erkennungen der Seelen muß der Dichter seinen Griffel niederlegen.

 


 

Epilog.

So waren alle glücklich, auch der Vater Ambrosius, der das schöne Geheimniß später erfuhr, und dem Sohne gern vergab, obgleich er sich früher undankbar gegen ihn betragen hatte.

Die gelehrte Gesellschaft dauerte fort und wirkte. Ihre Kraft war unverwüstlich. – Die Kinder Ledebrinna's traten in die Fußstapfen des Vaters, und wirkten wie er. Ob hier die Chronologie nicht widerspricht? Ophelia mußte ihren phantastischen Namen ablegen, und nicht mehr Shakspeare und Schiller lesen, sondern nur jene Dichter, die die Ledernen anerkannten. –

Weder die Regel des Aristoteles, noch irgend eine bis jetzt bekannt gewordene Regel paßt auf eine Novellen-phantastische Komödie.

 


 

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