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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 22
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Scene.

Hochzeitfest, heitrer Abend.

Alles war zum abendlichen Feste im Gartensaal und Garten der Frau von Edelmuth zubereitet worden. Heinzemann, der, wie die meisten Bekannten und Befreundeten, eingeladen war, hatte mit Vorsicht, so viel er konnte, alles eingeleitet, und sein ehemaliger Diener Alfieri war noch einmal zu ihm gekommen, ihm Anweisung zu geben.

Der glückliche Alexander saß bei seiner schönen Braut im hellerleuchteten Saal, dessen große Flügelthüren nach dem 350 Garten zu weit geöffnet waren. Der Prinz und seine Begleiter waren zugegen, Heinzemann, Peterling, Elisa und Lieutenant Linden, der Apotheker aber war bei Ambrosius, der an demselben Abend die Hochzeit seiner Tochter mit dem Herrn von Ledebrinna feierte, zu der auch Spener, Ubique und Ulf geladen waren.

Man hatte die Einrichtung getroffen, daß im Gartensaal alle Gäste ihr Angesicht dem Garten zukehrten, der Vollmond stand ihnen hell und klar über den grünen Berg emporschwebend gegenüber.

Man wunderte sich, daß man draußen im Freien kleine Tische gedeckt sah, mit Lampen und Lichtern erleuchtet. Sah man hinaus, so war es, als hätte man dort in schöner warmer Herbstnacht die Lichter angezündet, um den strahlenden Vollmond zu verspotten, oder um es ihm nachzumachen, und die große Scheibe des Mondes sah herunter, als wenn sie diese Erleuchtung der kleinen Tische belächelte.

Gegen Ende des Mahls wurde der Wein gegeben, welchen Heinzemann aus der Flasche des Elfen gewürzt hatte. Alle wurden fröhlicher und fühlten sich begeistert. Plötzlich sahen sie, wie das Gras draußen, die Gebüsche lebendig wurden, in den Blumen wühlte und zuckte es, und kleine Flammen gaukelten und schlängelten sich auf dem grünen Plan, der vor dem Saale sich ausdehnte. Alle staunten noch dieses unerwartete Schauspiel an, als sich aus dem glänzenden Gewimmel kleine Figuren entwickelten, die sich paarweise zu den Tischen draußen begaben. Voran ging Heimchen, im schimmernden Brautschmuck, von einer Freundin geführt, Alfieri oder Kuckuk, jetzt in seiner Elfengestalt, ging am Arm seines befreundeten Rohrdommel, dann folgte der uralte Endymion, der an einer Krücke hinkte, und den seine Frau, die schöne Rosenschmelz, mit der Hand unterstützte. Domgall 351 kam dann mit einigen Priestern, die Alten hatten kleine runde Kindergesichtchen, die aber vom Denken und Regieren ziemlich blaß waren, sie trugen lange, silberweiße Bärte, was sich ziemlich possierlich ausnahm. Noch folgten allerhand Gestalten, schöne, seltsame, größere und kleinere, und alle setzten sich heiter und froh um die Tische, welche für sie gedeckt waren.

Nachdem die menschlichen Gäste des Anblicks etwas mehr gewohnt waren, standen sie auf und gingen zu der heitern phantastischen Gesellschaft hinaus.

Man hob im Saale die Tafel auf, und alle waren jetzt auf dem kleinen grünen Plan, um die kleinen phantastischen Fremdlinge mehr in der Nähe zu betrachten. Die Kleinen erhoben sich ebenfalls, und man begrüßte sich gegenseitig mit vielen Reverenzen. Domgall und seine Priesterschaft beobachteten eine gewisse feierliche Würde, die ihnen sehr gut stand. Endymion hüpfte noch recht behende an seiner Krücke umher, und im Mondschein, für den er eigentlich besonders eingerichtet war, schien aus seinem alten Gesicht noch einige Jugendlichkeit hervor, die jungen Elfen begannen ihre wunderlichen Tänze, und nicht lange, so hatten die phantasieberauschten Sterblichen ganz vergessen, wer und wo sie waren. Jeder schwatzte mit dem, der ihm nahe war, man erzählte einander, über die possierlichen Gestalten wurde gelacht, und selbst der ehrwürdige Domgall nahm es nicht übel, als der Prinz ihn an seinem silberweißen Bart zupfte, um sich zu überzeugen, daß er auch wirklich an dem Kindergesichtchen fest gewachsen sei. Als man erfuhr, der mit der Krücke sei der weltbekannte Endymion, den alle schon aus ihren Kinderbüchern kennen gelernt hatten, war das Erstaunen allgemein. Ja, meine Herren, sagte der Greis, indem er seine Krücke schwang und im Kreise muthig umher schaute, ich soll in 352 meiner Jugend außerordentlich schön gewesen seyn, deswegen wurde ich auch durch Vermittlung meiner Gemahlin Rosenschmelz, welche die Gelehrten mit der Diana ohne Noth verwechselt haben, unter diese kleinen Götter aufgenommen. Eigentlich, meine Freunde, nenne ich mich einen Schlafkünstler, und ich wollte es unternehmen, wenn eine Subskription zu Stande käme, welche die Kosten deckte, ohne Anstrengung hinter einander siebenhundert Jahre zu schlafen. – Alle lachten laut. – Ja so, sagte Endymion, ich vergesse, daß ich zu kurzlebigen Sterblichen spreche, von denen keiner es beobachten könnte, wie ich meine Leistung ohne Anstoß durchführen würde.

Rosenschmelz drohte ihm mit dem Finger und sah etwas ernst aus. Sei ruhig, Schatz, sagte der Alte freundlich, wir wollen nicht wieder über diesen Gegenstand in unsre alten ehelichen Zwiste verfallen.

Jetzt machte sich Pankraz hervor und nahm die Braut, Heimchen, bei der schönen Hand. Bist Du denn recht froh, Liebchen? sagte er schmunzelnd. – Gewiß! Und man konnte ihre Freude in ihren Augen lesen. – Aber warum habt ihr denn den tollen Puck nicht mitgebracht? – Alle lachten laut, und einige sangen unverständliche Lieder in einer fremden Sprache. – Nicht wahr, Durchlaucht, sagte der Leibarzt, gegen den Prinzen gewendet, ächtes Zigeunervolk? Der Prinz lachte ebenfalls, und drehte sich walzend mit einigen Elfen herum, die in possierlicher Gestalt erschienen waren. Mit einem male sagte Puck: Durchlaucht! Prinz! Durchlaucht! – Was wollt Ihr, Doktor, antworte der Fürst, es frappirt mich sehr, daß Ihr mit einer ganz andern Stimme redet, auch etwas zu vertraut mit mir thut. – Was? schrie Pankraz aus, und krächzte wie ein Rabe: Ihr? Ihr? Man nennt mich Ihr? Was soll das heißen auf Deutsch? – 353 Soll heißen, stotterte der Prinz, daß ich so was in Ungnaden empfinde, und daß ich mich verdrüßlich fühle, so lustig ich auch bin, denn alles muß in diesem Leben sein Maaß und Ziel haben.

Kassirt mich, Mann! schrie der Arzt, und seine Stimme wurde immer widerlicher, gebt mir meinen Abschied! Ich will nicht mehr Euer Hausnarr seyn.

Hollabrunn! rief der Fürst entrüstet aus, schreiben Sie ihm noch heute seinen Abschied, und er kann Ihnen dann sein Diplom zurück geben.

Pankraz lachte freudig, und bückte sich aus Dankbarkeit bis auf den Boden. Verdammt! rief er dann zornig, da habe ich mir im Reverenz die ganze Nase abgebrochen, als wenn's ein Mohrrüben-Schnitt wäre. Er erhob sich und sah sich mit dem Gesicht eines Papageis schnatternd im Kreise um; wie alle ihn anstarrten, schüttelte er sich, die Kleider fielen ihm ab, und in demselben Augenblick wuchs ein buntes Vogel-Gefieder aus ihm heraus. Die jungen Elfen jubelten, lachten und tanzten wie rasend um Puck in hundert Wendungen und Sprüngen herum. Domgall erhob den Finger und rief: Ordnung! Kinder! Ordnung! Was müssen die Sterblichen von uns denken! Puck schwang als großer Vogel seine bunten Schwingen, und krähte und sang. Plötzlich fiel, wie eine Maske, der Papageien-Kopf von ihm herunter, und ein kleines runzlichtes Gesicht, mit ganz schwarzem Bart, lächelte schalkhaft den Prinzen und die übrigen an. Er war zum possierlichen Zwerge geworden. Lebt wohl! sangen, schrieen, flüsterten und piepten alle Feen und Elfen durcheinander, wurden klein und immer kleiner, und flogen plötzlich wie die Feuerwürmchen durch die Nacht dahin. Ordnung! hörte man noch mit verhallender Stimme den ordnungliebenden Domgall rufen.

354 Jetzt flitterte es wie ein schwaches Nordlicht dem glänzenden Monde vorüber. Ein lichtender Streif zog sich am Himmel hin, und wie die letzten Funken der Raketen, oder wie ein Büschel Sternschnuppen sank der fliegende Lichtstrom am fernen Horizonte nieder.

Meine Theorie von den Sternschnuppen hat sich doch sehr bestätigt, sagte Heinzemann. Der Prinz sagte gähnend: Habe heut zu viel getrunken, quält den Menschen nachher nur die Phantasie.

Viele hatten vergessen, was sie gesehen hatten; viele meinten, es sei ein Traum, andere, sie seien berauscht gewesen, aber keinem, als dem eingeweihten Heinzemann, blieb eine deutliche Erinnerung dieses sonderbaren Abends.


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