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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Scene.

Der Beschluß des wunderlichen Prozesses.

Der Apotheker, so sehr er auch mit Ledebrinna unzufrieden seyn konnte, überlegte indessen doch, daß er nimmermehr den Offizier, der ihn so öffentlich beleidigt hatte, als Schwiegersohn würde ertragen können. Er ging also, indessen jene Gesellschaft sich unterhielt, zum tiefgekränkten Ledebrinna, und dieser, der weniger hochmüthig war, als gewöhnlich, sendete sogleich des Freundes moralisches Gedicht über die Gas-Arten in die Druckerei, damit es in den nächsten Blättern erscheinen könne. Er erklärte aber zugleich, daß er die Aufsätze des Syndikus gewiß nicht aufnehmen würde, weil sie zu schwach und des Drucks völlig unwürdig seien. Als der Apotheker mit neuer Hoffnung und Freundschaft den wunderlich Angeklagten verlassen hatte, begab er sich noch spät, nachdem die Gesellschaft das Haus schon verlassen hatte, zum Baron von Milzwurm, mit welchem er unter vier Augen 292 ein langes Gespräch führte. Als er von diesem eilte, ließ er sich, fast schon um Mitternacht, noch bei dem wunderthätigen Leibarzt des Prinzen melden, welcher ihn auch annahm und ihm zu helfen versprach, insofern er könnte, obgleich er die Möglichkeit nicht einsehe. Etwas mehr beruhigt warf sich der Apotheker dann auf sein Lager, schlief aber nur wenig, sondern kleidete sich früh an, weil nun der wichtige Tag erschienen war, welcher alles entscheiden mußte. Seine Tochter Elisa schloß er fest ein, damit sie nicht wieder zu seinem Verdruß auf der Tribüne sitzen, mit dem verhaßten Offizier flüstern und reden, oder wohl gar über den Angeklagten lächeln könne.

Der Prinz freute sich auf die Sitzung des Gerichtes, sagte aber zu seinem Kammerherrn und Leibarzt: Wie? Wenn er nun verurtheilt wird? Wenn er nun eingesteht? Sehr fatal, daß ich ihm den Titel Legationsrath gegeben habe. Bin auch dabei kompromittirt. Kann ich's ihm nicht wieder abnehmen?

Nicht gut, Durchlaucht, antwortete der Leibarzt, es müßte ein neuer Prozeß vorangehn. So ein Maler oder Bildhauer nennt oft seine Figur einen Apollo, wenn er auch wie ein Sackträger aussieht. Bleibt er Vogelscheuche, so heißt er Amor, Cupido, Adonis, Robin Hood und Hiesel, dabei kann er immer noch den Namen Legationsrath führen. Immer doch eine kleine Aufmunterung für andre seines Gleichen.

Als sich Ledebrinna zum Gerichtssaal begab, war viel Zischeln und Geflüster um ihn her, und das Gedränge folgt ihm bis zu den Thüren des Rathhauses. Die Richter, Senatoren und Geschwornen waren schon versammelt, die Tribüne füllte sich mit Zuschauern wieder, wie bei der neulichen Sitzung, nur bemerkte man diesmal den jungen Offizier und Elisa nicht.

293 Der Magister Ubique, welcher heut als Vertheidiger des Angeklagten die Hauptrolle zu spielen hatte, trat jetzt hervor, verbeugte sich gegen Richter und Geschworne, dann sehr anständig gegen den Prinzen, der vorn auf der Tribüne in einem Armstuhl saß, und endlich gegen den Angeklagten, kurz aber nur gegen Alexander, und begann dann, indem eine feierliche Stille im Saale herrschte, mit folgenden Worten:

Verehrte, gelehrte, würdige und achtbare Väter der Stadt, und unparteiische Geschwornen! Man kann gewiß zweifeln, ob wir in einem dermaßen aufgeklärten Jahrhundert leben, wie wir uns dessen immer gern rühmen möchten, wenn wir ein solches Erlebniß vor Augen haben, welches sich seither in den Mauern unsrer Stadt zugetragen und entwickelt hat. Wir besitzen einen ehrenvollen Einwohner, von guter Geburt, gelehrt, mit ausgezeichneten Talenten, einer vortheilhaften Bildung, und dieser Ehrenmann giebt unsrer Stadt den schmeichelhaften Vorzug, sie zu seinem Wohnsitz zu erwählen. Er erfreut uns durch Witz und hohe Gaben. Er stiftet eine Akademie, er macht unsern unansehnlichen Ort hoch berühmt, – und – plötzlich – mir stockt der Athem, indem ich es aussprechen will – wird dieser Ehrenmann in Anspruch genommen, nicht als Vagabond, Falschmünzer, oder Räuber, – nein, darin wäre noch Verstand und Urtheil, – sondern ein Schwärmer, der Tag und Nacht an manierirten Kunststücken arbeitet, dessen Phantasie über die Gebühr exaltirt ist, der allen Maßstab für das gewöhnliche bürgerliche Leben verloren hat, dieser, mit Vernunft und Verstand überworfen, mit der Gewöhnlichkeit über den Fuß gespannt lebende Mann kommt hieher, und ohne Dokument, ohne Beweis, nimmt er unsern trefflichen Präsidenten in Anspruch, als – Diener? Leibeigner? Sklave? 294 Freund, Kind, oder entlaufene Gattin? – Nein, – als Vogelscheuche! als Kunststück, welches er selbst aus gebranntem Leder will verfertigt haben. – Hier fallen einem vor Erstaunen die Arme am Leibe herunter, und dem Beredtesten ersterben für einige Zeit die Worte im Munde.

Er schwieg eine Weile und alle sahen schweigend auf Ledebrinna, der in diesem Augenblick mit einer gewissen Majestät eine Prise Taback nahm. Der Syndikus nahm das Wort und sagte: Seien Sie so beredtsam, als Sie wollen, mein Herr Magister, aber ich muß Sie als Richter daran erinnern, die Persönlichkeiten zu vermeiden. Unser Freund Ambrosius ist keineswegs ein solcher Schwärmer, als Sie ihn da zu schildern belieben. Ambrosius dankte mit einer Verbeugung und Ubique fuhr dann in einem etwas ruhigeren Tone fort: Wahrlich, dieser Prozeß, den wir hier verhandeln, ist in der ganzen Weltgeschichte einzig und allein mit jenem zu vergleichen, der in uralten Zeiten in Griechenland einmal um des Esels Schatten geführt wurde. Wir haben uns alle verblenden lassen, was gewiß für die Nachwelt eine merkwürdige psychologische Erscheinung darbieten wird, daß ein Gericht von würdigen Männern auf eine solche Klage eingeht, daß der öffentliche Ankläger sie annimmt, daß man sogenannte Zeugen verhört, – statt den Fremden, der uns diese Sache herbeiführt, sogleich als einen Gemüthskranken abzuweisen, der kaum von einem Nervenfieber hergestellt war, welches ihm der Schreck verursacht hatte, daß ihm eine kostbare Vogelscheuche, die er mit unermüdetem Fleiß und mit Aufopferung von Summen ausgearbeitet hatte, war geraubt worden. Was ist natürlicher, als daß ein Nervenkranker, Halb-Mondsüchtiger nun in jedem Menschen, der nur von fern seinem bairischen Hiesel ähnlich sieht, seinen Abgott wieder zu erblicken glaubt. Ja krank, 295 non compos ist ein solcher, der über eine ihm entwendete Vogelscheuche in Ohnmacht und in ein Nervenfieber verfallen kann. Ein solcher muß mit jeder Klage, geschweige mit einer so thörichten, unbedingt von jedem Gericht, welches seine Würde aufrecht erhalten will, abgewiesen werden.

Ich erinnere noch einmal, sagte der Syndikus, daß Sie die Persönlichkeiten unterdrücken sollen.

Ich erörtere nur, sagte der Magister, was zur Aufklärung der Sache von der alleräußersten Nothwendigkeit ist, und da man sich neulich gegen meinen Freund, den Angeklagten, die unerhörtesten Unpersönlichkeiten erlaubte, indem man ihm Dasein und Individualität abstreiten wollte, so scheint es mir nicht billig, meine nur schwachen Andeutungen mir verübeln zu wollen.

Der Prozeß, so fahre ich fort, sprach Ubique, wird also angenommen, der rüstige Ankläger unterzieht sich sogar mit Freuden seiner Funktion. Es wäre unbegreiflich, wenn man nicht wüßte, wie gern unsre Zeit alles Extravagante und Abergläubische liebt und in Schutz nimmt. Kennte man nicht den Advokaten Alexander als einen jungen Mann, der von dem Ehrgeiz gestachelt wird, das vorzustellen, was die Welt ein Genie heißt, ein Mann, der sich in allen Dingen klüger dünkt, als seine Mitbürger, der auf jeden, der nicht in seine Ansichten eingehen mag, mit Verachtung herabsieht, vor dessen Hohn und beißender Satire kein Einwohner, auch der ehrbarste nicht, sicher ist –

Alexander erhob sich zornig, und der Senator Willig sagte mit Unwillen: Mäßigen Sie sich, Herr Magister, und tragen Sie nur vor, was zur Sache gehört. Es ist unziemlich, es so hoch zu empfinden, daß Herr Alexander kein Mitglied Ihrer gelehrten Gesellschaft seyn wollte.

Ich muß durchaus das unbeschränkte Recht eines 296 Vertheidigers reklamiren, sagte Ubique eifernd; die Persönlichkeit kömmt hier freilich in Betracht, und ich darf sie nicht ganz übergehn, wenn ich nicht der gerechten Sache schaden will.

Der Apotheker erhob sich und sagte: Bis jetzt hat der Herr Magister noch nichts gesprochen, welches unsre Statuten ihm untersagen müßten. Vor Gericht ist das keine Beleidigung, was es im gewöhnlichen Leben vielleicht seyn würde.

Ich fahre fort, sprach der Magister mit festem Tone, und komme auf die sogenannten Beweise des öffentlichen Anklägers. Der fremde Edelmann, welcher unter uns wohnt, ist hier unbekannt. Wie kann es anders seyn, da er fremd ist? Wer hat denn hier das Recht, nach seinem Taufschein zu fragen, sein curriculum vitae ihm abzuzwingen, wenn er ruhig und still hier lebt, und von keiner Regierung als Mörder oder Hochverräther reklamirt wird? Sei es, daß sein Name Ledebrinna nicht sein wahrer Familien-Name, daß es ein angenommener sei: so lange nicht von Rechtswegen hier aus wichtigen Ursachen ein Einspruch geschieht, hat keiner von uns Friedlichen das Recht, den Friedlichen deshalb zu turbiren. Schicksal, Familien-Verhältnisse können auch den Tugendhaftesten veranlassen, eine Zeitlang unter einem fremden Namen zu wandeln. Aber Ledebrinna kann ja der wahre Name seyn: mag's! aber der Ankläger findet hier schon die Vogelscheuche aus gebranntem Leder wieder, und hält es für eine Art Eingeständniß, daß der Verklagte sich so nennt. Kann es wohl einen seichtern, kindischern Beweis geben? Was würde aus uns allen, wenn wir so nach den Namen verurtheilt werden sollen? Ich weiß nicht, wie mein Vorfahr auf deutsch mag geheißen haben, der sich, wie es ehemals Sitte war, zuerst als Ubique in das Lateinische übersetzte: der Senator Willig, der Herr von Milzwurm 297 und so viele andre, welche Namen führen, die eine scheinbare Bedeutung haben, müssen ja dagegen einkommen, daß man aus dieser Zufälligkeit nicht ähnliche seichte Folgerungen ziehen möge.

Nun aber hat unser würdiger Präsident in einer musikalischen Gesellschaft gesungen: Wenn die Erbsen wieder blühen, weiß ich nicht, wie mir geschieht. Er hätte, dem wahren Texte nach, Rosen singen sollen. Aber seine Natur, sein innres Gewissen, das sich nicht zwingen läßt, verräth sich alsbald, er gesteht im Gesange ein, daß er eigentlich eine Vogelscheuche gewesen sei. O – risum teneatis amici – ein mehr als erbärmlicher Schluß. Beklagter kann die Rosen, er kann Göthe's Poesieen nicht leiden, er will sie wenigstens verbessern, um sie genießbar zu machen. O wahrlich, geehrte Richter, wenn alle diejenigen in Deutschland, die eben so denken, deshalb ihrer Natur nach von Leder seyn müssen, so werden sich viele hochberühmte und geachtete Männer dieser Metamorphose oder Metempsychose unterziehen müssen.

Der Beklagte stiftet eine gelehrte Gesellschaft, und nennt sie die Lederne, sich bezeichnet er so, und jedes Mitglied muß einen Beinamen von den Eigenschaften des Leders hernehmen. Wieder ein neuer Beweis. O unvergleichliche, einzige Einsicht! Humor und Scherz sollen vor Gericht die Stelle von Beweisen vertreten. Unser Präsident hat uns damals in einer schönen Rede selbst an die Sitte der ältern Italiener erinnert. War denn der berühmte Grazzini deswegen nun ein Fisch, weil er sich im Scherz Lasca nannte? Waren denn bei der Crusca, der Kleye, die gelehrten Männer wirkliche Siebe und Stampfen und dergleichen? Waren denn diejenigen, die sich als Abzeichen so nannten, selber unsinnig, faul, grob, ungezogen u. s. w.? – Es verdient keiner Widerlegung, denn diese knabenhafte Argumentation zerfällt in sich 298 selbst. – Wichtiger ist die Anklage, die der junge schwärmende Mann darauf gründen will, daß der Präsident manche unsrer Senatoren dahin verleitet habe, sich ebenfalls im Spiel, und als Mitglieder der Akademie, ledern zu nennen. Diese, bei hundert Akademieen angenommene Sitte will er als eine Art von Hochverrath schildern, weswegen Herr von Ledebrinna allein schon eine exemplarische Strafe verschuldet habe. Hier offenbart sich nun die Unmoralität und ungeziemliche Bosheit des jungen Anklägers, und wenn ich dies mit ruhigem festen Gewissen ausspreche, so vergelte ich nur und gebe ihm ein Weniges von dem zurück, was er über das Haupt unsers Ledebrinna hat anhäufen wollen.

Noch mehr zerfällt ein folgendes scheinbares Argument in sich selbst. Der schwärmende Herr Ambrosius kommt zu dem Manne, der nach seiner kranken Einbildung die ihm geraubte Vogelscheuche ist. Mit tiefer Rührung will er ihn bereden, daß der Angeklagte ihn gleichsam als Vater anerkenne, er will ihn an Kindesstatt annehmen, aber unser Ledebrinna bleibt unerschütterlich, er weiset alle Anerbietungen, die Aussicht auf Erbschaft und Vermögen, die mögliche Vermählung mit einer reizenden Tochter standhaft von sich. Und dieser männliche Sinn soll nach der Beweisführung meines jugendlichen Gegners wiederum eine Bekräftigung seiner Einbildung seyn, daß nur ein Mensch aus Leder geformt so gefühllos, unkindlich, grausam seyn könne. Wie schwach dies Argument sei, brauche ich doch wohl nur anzudeuten. Setzen wir den Fall, Ledebrinna sei nun einer der gewöhnlichen heimathlosen Landläufer, es komme ihm nur darauf an, Verbindungen zu stiften: würde er da wohl eine Aussicht auf Vermögen, aus Verwandtschaft, auf Verbindung mit wohlhabenden Leuten so hartnäckig von sich weisen? Nehmen wir auf einen Augenblick nur die unsinnige Unmöglichkeit an, er 299 sei wirklich jene lederne Vogelscheuche – würde ein solcher, im Bewußtsein seines Standes, nicht auf so anlockende Anerbietungen seines Prometheus eingehn? Hier ist es gerade, wo die Tugend meines Klienten am deutlichsten und schönsten hervorleuchtet, hier ist gerade die Stelle, vor der auch der leiseste Argwohn, die letzte tolle poetische Einbildung, er sei eine Vogelscheuche, auf ewig zurück weichen muß. Denn, meine Herren, Sie sind auch Menschenkenner, Sie kennen das menschliche Herz, – wenden wir dies einmal auf eine Vogelscheuche an. Ein altes wahres Sprichwort sagt: Im Hause des Gehängten muß man nicht vom Stricke reden. Könnte der Gehängte selbst abgeschnitten und wieder zum Leben gebracht werden, er würde es noch viel ängstlicher vermeiden, irgend einmal des Strickes zu erwähnen. Nehmen wir an, unser Ledebrinna wäre eine Vogelscheuche aus gebranntem Leder gewesen, würde er sich wohl dann gerade Ledebrinna genannt haben, würde er singen: Wenn die Erbsen wieder blühen; würde er sich selbst und alle Mitglieder seiner gelehrten Gesellschaft die Ledernen tituliren? Würde er dreist aussagen, daß sie alle wie Vogelscheuchen in der Literatur wirken wollten? Nein gewiß nicht, wahrlich nicht, so lange es noch irgend Kennzeichen giebt, an dem man die Wahrheit von der Lüge unterscheiden kann.

Und nun – so fuhr Ubique mit erhöhter Stimme fort – kommen wir endlich zu einem Hauptpunkt in der Anklage unsers Klägers. Er hat nehmlich entdeckt und durch seine Untersuchung bestätigt gefunden, daß tausend und tausend Menschen nicht leben, sondern zum Nachtheil der wahrhaft Lebenden, sich nur, als Kontrebande, in das Dasein hineinschlichen, und daß es die Pflicht jedes Menschen und Patrioten sei, diese falsche Waare, so schnell als möglich, wieder über die Grenze zu schaffen. – Und wo hat Ankläger dieses 300 sinnreiche, ganz neue System gefunden? Etwa in der heiligen Schrift unsrer Religion? In der Offenbarung? Im Talmud oder Koran? Sollte vielleicht der schwärmende, poetische Platon etwas von solcher Seltsamkeit aussagen? Alle diese gewiß nicht, und noch weniger der hochverständige, weislich geordnete Aristoteles. Keine neue Sekte, kein Buch von Werth, kein wahrhaft großer Mann hat noch je dergleichen Unsinn behauptet. – Woher schöpft denn nun der hochgeniale Herr Alexander diese neue Theorie? Wo findet unser scharfsinniger Ankläger diese neue Lehre? Bei Niemand anderm, in keinem andern Buch, als in einem seines Freundes Tieck, der sich durch eine skurrile Abhandlung über den sogenannten gestiefelten Kater eine Art von Ruf erworben hat. Man denke nur! Ein Autor, der von dem armseligen Kindermährchen, dem gestiefelten Kater schreibt, in welchem Dinge er mit Namenveränderung wichtige und gelehrte Männer lächerlich zu machen sucht. Ei, hier verräth sich nun der junge Anwalt etwas zu sehr, zu welcher Partei er gehört, und darum dürfen wir dies und was damit zusammen hängt, auch gänzlich fallen lassen.

Was bleibt also noch zu sagen übrig? Mir deucht, gar nichts. Aber ich will noch weiter gehn, meine verehrten Zuhörer. Ich will sogar annehmen, der kranke, nervenüberreizte Ambrosius, der etwas seichte und übereilte Ankläger, welcher einer neuen verdächtigen Schule angehört, habe Recht. Man nehme den Unsinn, welcher jedem Menschenverstande widerspricht, auf einen Augenblick an: Unser verehrter Freund Ledebrinna sei wirklich jenes lederne Scheusal, jener Garten-Unhold, jener vogelscheuchende bairische Hiesel, – was haben denn unsre Gegner dabei gewonnen? Weniger als Nichts.

Man bekennt schon im Voraus, es gebe kein Gesetz, um einen solchen Frevel, wenn man das Wunder so nennen 301 will, zu bestrafen. Sei, was niemals geschehen wird, Herr von Ledebrinna eingeständig, er sei, seines Lebens sich plötzlich bewußt, eilig jener Anstellung im Gemüsegarten entlaufen, – was dann weiter? Er, der Lebende, Denkende, Dichtende, soll er denn etwa dem Wahnkranken ausgeliefert werden, daß er ihn wieder dort an der alten Stelle befestige? Wo steht es denn in unsern Gesetzen und Stadtverordnungen, im Herkommen, im Magdeburger oder Lübecker Recht, oder im alten Sachsenspiegel, daß ein Fremder, welcher sich in Ensisheim niederläßt, um hier sein Geld zu verzehren, nicht von Leder seyn dürfe? So lange er das Bürgerrecht nicht nachsucht, so lange er nur den allgemeinen Schutz genießen will, wird nichts von ihm gefordert, als daß er sich ruhig verhalte. Er darf bestehen, woraus er will, von Leder, von Elfenbein, Cedernholz oder Papiermaché. Wer hat etwas drein zu reden? Das ist eine Gewissenssache, die der individuelle Mensch mit sich selber auszumachen hat. Und wahrlich, es wäre doch ein großer Fortschritt der Bildung in Ensisheim, daß zu derselben Zeit, in welcher man in ganz Europa die Juden in die Rechte der Staatsbürger will treten lassen, zu einer Zeit, in welcher man den Sklavenhandel abgeschafft und die Kolonieen frei gemacht hat, daß man in demselben Jahrzehnd einen nicht nur unschädlichen, sondern selbst nützlichen Mann einem wahnwitzigen Feinde überliefert, weil er etwa die Grille hat, von Leder zu seyn. Der Neger, der leibeigene Sklave, so wie er den Boden Englands oder eines freien Staates betritt, genießt die Gesetze dieses Staates und ist ein freier Mensch. Und ein Wesen, welches durch selbsteigene Kraft sich erheben, oder durch ein unerklärliches Wunder aus einer Kunstfigur sich zum wahren Menschen gesteigert hat, sollte nicht auf dasselbe Recht Anspruch machen können? Ledebrinna ist also frei, selbstständig, 302 persönlich und ungehemmt, man mag die thörichte Sache auch drehen und wenden, wie man will. Ich habe in letzter Instanz jene aberwitzige Voraussetzung als eine Möglichkeit nur zugegeben, um zu zeigen, daß auch die Raserei, als Wahrheit angenommen, zu keinem Ergebniß führen könne.

Was wollen also doch diese besichtigenden Handwerker als Zeugen bedeuten? Blödsinnige, vom Blödsinn herbei gerufen. Man kann unsern Freund nicht aus einander nehmen, folglich ist die Maschinerie seines Innern nicht darzulegen. Er hat eine kleine Narbe im Ohr, weil er in der Jugend einmal, nach Art der Italiener oder Franzosen, einen Ring im Ohre trug, folglich ist er eine Vogelscheuche. Nicht wahr, meine Herren Richter und Geschworne, es ist jetzt des Aberwitzes genug, und die Sache ist reif, um von den einsichtigen Männern abgestimmt zu werden? Ich wüßte wenigstens nichts weiter hinzuzufügen.

Ambrosius verhüllte sein Haupt, tief im Sessel gebückt sitzend, als wenn er selbst in seiner eigenen Meinung irre und schwankend geworden wäre, auf der Gallerie wurde dem Redner laut Beifall geklatscht und die Geschwornen wollten sich eben in das Nebenzimmer begeben, als eine laute Stimme gebieterisch: Halt! rief. Und herein stürzte im schnellen Lauf, erhitzt und fast athemlos, der junge Offizier, welcher etwas in seinen Händen hoch empor hielt. Komme ich zu spät? sagte er, als er sich etwas mehr erholt hatte; ich bringe hier Dokumente, die zur Erläuterung der dunkeln Sache vielleicht etwas beitragen können.

Ach! schrie Ambrosius wie vergeistert, das sind meine Sachen, das ist der schöne Hut, den ich damals meinem holdseligen Adonis aufsetzte, und dieses ist sein künstlicher Bogen, den er so gewandt und behende gegen die Sperlinge richtete.

303 Man hätte glauben können, Ledebrinna sei blaß geworden, der Magister Ubique verlor einigermaßen die Fassung, und der Apotheker war sichtlich erschrocken. Spener, der Syndikus, erhob sich, betrachtete die Dinge und sagte: Wo kommen diese Gegenstände her?

Aus meinem Hause, erwiederte der Apotheker: ich hielt diese Raritäten immer fest verschlossen, meine rebellische Tochter muß diese Reliquien dem jungen Herrn Offizier ausgeliefert haben.

Woher haben Sie diese Reliquien, wie Sie sie nennen? fragte Spener.

Herr von Ledebrinna, antwortete der Apotheker, hat sie mir bald nach seiner Ankunft zum Geschenk gemacht. Der Bogen ist, wie er mir sagte, von Otahaiti.

Meine Herren, sagte der begeisterte Ambrosius, der jetzt wieder hoch aufgerichtet im Vordergrunde stand, dieser Fund wird die Sache auf ganz unzweifelbare Art entscheiden. Dies ist der schöne Hut, wie die Zierde eines Generals anzuschauen, den ich dem Undankbaren dazumal auf sein Haupt drückte, diesen Bogen gab ich ihm selbst in die Hand. Aber gleichviel. Sie sehn alle, daß ich diesen Hut noch nicht berührt habe. Geruhen Sie innerhalb das stark gefirnißte Futter loszutrennen, dann auch die feine Leinwand abzulösen, die sich unmittelbar dem schwarzen gebrannten Leder anfügt, und Sie werden sich dann überzeugen, daß meine Klage nichts weniger als aus der Luft gegriffen ist, und wie sehr ich in meinem guten Rechte gekränkt bin.

Willig und Spener suchten nach einem Messer. Als sie es endlich gefunden hatten, thaten sie so, wie Ambrosius von ihnen begehrt hatte. Als nicht ohne Mühe die feine Leinewand von dem Hute mit Vorsicht losgemacht war, erhob sich Spener, zeigte das Innere des Hutes den Richtern 304 und Geschwornen und sagte dann: Hier inwendig befindet sich eine Schrift, welche also lautet:

»Mit diesem Kunstwerke bin ich, Johann Eduard Ambrosius, gerade drei Tage vor Ostern fertig geworden. Ich hoffe, es soll mir und meinen Landsleuten zur Ehre gereichen.«

Alle sahen sich an, die Geschwornen betrachteten aufmerksam den Hut und schüttelten ihre Häupter. Ambrosius schaute triumphirend umher, Alexander lachte laut, der Apotheker war blaß geworden und funkelte mit einem stieren Blick zu Ledebrinna hin, der sich, wie in Verlegenheit, die Hände rieb und seine Finger zu zählen schien.

Als Ubique diese Stimmung beobachtete, die eine fast schon gewonnene Sache wieder den ungewissen Zweifeln zu überliefern schien, erhob er sich in seiner ganzen Stärke und rief: Was soll, was kann denn dieses neue Argument beweisen? Ist es der Hut, den der kranke Kunstmann Ambrosius verfertigt hat, so ist es doch wohl viel wahrscheinlicher, daß Herr von Ledebrinna denselben irgendwo erstanden, erhandelt und eingetauscht habe, um mit ihm seinem Freunde, dem Senator Dümpfellen, ein Präsent zu machen, als daß er ihn selbst auf seinem Kopf sollte getragen haben. Es ist aber noch eine andre Möglichkeit, die unsrer kritischen Forschung sehr nahe liegt. Ich muß wiederum persönliche Verhältnisse erwähnen, um dem Angeklagten nicht Unrecht thun zu lassen. Man weiß, wie die Tochter, gegen den Willen des Vaters, unsers Senators Dümpfellen, mit demselben Jüngling verbunden war, der uns hier diese Dokumente überliefert, die dadurch, daß sie vom Herrn Lieutenant uns überbracht wurden, alle beweisführende Kraft völlig verlieren. Wie, wenn man nun, wozu die Leidenschaft der Liebe wohl fähig ist, diese Schrift indessen geschmiedet hätte?

305 Ich begreife überhaupt nicht, sagte der Apotheker, wie diese Sachen aus meinem Verschluß sich so plötzlich hier befinden. Der Offizier entfernte sich wieder mit derselben Eil, mit welcher er gekommen war. Er sagte nur schnell: Alle Thüren im Hause waren offen.

Jetzt entfernten sich die Geschwornen, alle waren in gespannter Erwartung. Man beklatschte jetzt von der Gallerie herab die Rede des Vertheidigers noch einmal und nach kurzer Zeit traten die Geschwornen mit heiterm Angesicht wieder in den Saal und sprachen ihr »Nicht schuldig« aus. Ein Getümmel der Freude. Ledebrinna ward vom Apotheker und vielen der Geschwornen umarmt. Frau von Milzwurm hatte es veranstaltet, daß sich zugleich ein Regen von Blumen von oben ergoß. Eine Freundin eilte herab in den Saal und setzte auf das Haupt des Losgesprochenen einen Lorbeerkranz, der Vertheidiger Ubique ward mit einem Kranze von Eichenlaub geschmückt, als einer, der einem Bürger das Dasein gerettet habe. Allgemeine Freude und Jauchzen, in welches nur Willig und der Syndikus nicht einzustimmen schien, auch betrachtete der Apotheker immer noch nachdenklich und kopfschüttelnd die Reliquien, und begriff nicht, wie man sie aus seinen vielfach verschlossenen Schränken habe nehmen können.

Ein Theil der Zuschauer war, als das Gericht sein Ende erreicht hatte, in den Saal hinab gestiegen, unter diesen der Prinz, der sich zu Ledebrinna wandte und sagte: Gratulire! freut mich von Herzen, um Ihretwillen.

Plötzlich drängte sich Ambrosius nach der Thür und kehrte mit Ophelien zurück.

Sieh, meine geliebte Tochter, rief er sehr bewegt aus, kennst Du diesen hier?

Ophelia, die eben vom Wagen gestiegen war und schon 306 unterwegs von dem sonderbaren Prozeß gehört hatte, sagte: So willst Du denn aus meinem Mund, geliebter Vater, die Wahrheit schöpfen? Ich soll sie mit reiner Hand aus jener ewigen Quelle nehmen? Wie Thekla steh' ich hier, in großen, wichtigen Entscheidungsmoment. – Sie wandte sich zu Ledebrinna und betrachtete ihn lange mit prüfendem Auge. Dann sagte sie mit Thränen: Ach! liebster Vater, wo war Deine Erinnerung, Deine Phantasie, Dein Blick? Ich gebe es zu, eine Aehnlichkeit, eine schwache, waltet ob: aber mehr im Colorit, im braunen, als in den Formen, die im Angesicht dieses Mannes bei weitem nicht so edel sind. O wo ist hier das Feuerauge meines Lieblings? der höchst adlige Wuchs? das feine Lächeln des kußlichen Mundes? O nein, nein, mein Vater, eine ferne, nur ferne Aehnlichkeit hat Dich getäuscht und Dich zu diesem Schritt bewogen, der im Lande so vieles Aufsehn erregt. Eine etwas matte prosaische Uebersetzung unsers hohen Ideals ist dieser Herr. – Verzeihen Sie, Herr von Ledebrinna, ich wollte Sie nicht beleidigen, aber mein lautres Gewissen zwang mich, dieses Zeugniß abzulegen. Nein, hier, hier steht er, der Einzige, wie ich ihn selber in jenen glücklichen Tagen meiner Liebe mit begeistertem Herzen in Farben dargestellt habe.

Sie zog aus einer Mappe, welche sie unter dem Arme trug, ein großes gefärbtes Bild hervor. Sehn Sie, Vater, Herr von Ledebrinna, so sah er aus, er, von dem hier in diesem Kreise so viel ist gesprochen worden. – Sie entrollte das Bild, und Alle drängten sich neugierig hinzu, auch der kleine Leibarzt, welcher zwischen der Schulter seines Prinzen hindurch das Conterfei betrachtete. Plötzlich rief er laut aus: Ei! den kenne ich! – Alle wichen, machten ihm Platz und er trat hervor. Wo? wo? wo sahen Sie ihn, weiser Mann? rief Ambrosius in der höchsten Bewegung.

307 Fassen Sie sich, sagte Pankratius, als ich vor noch nicht drei Monaten den Staat New-York in Amerika verließ, hatte ein Kunsthändler eben dies unvergleichliche Bildniß hinüber gebracht. Er benannte es nach einem der Helden, ich weiß nicht mehr nach welchem Engländer, der sich im amerikanischen Kriege ausgezeichnet hatte. Ein anderer wollte behaupten, es sei der Irländer O'Connel. Genug, der Staat kaufte dieses ideale Bildniß für eine ungeheure Summe. Man stellte ihn über das Thor des Rathhauses aus, wo das schöne Portal immerdar von unnützem Gefieder, nicht nur von Sperlingen, auf unwürdige Art entstellt und besudelt wurde. Da der Tüchtige nun hier im vollen, freien Genuß des Windes war, so schlug er auch mit seinen beweglichen Armen und seinem Bogen nach allen Seiten wie wüthend um sich, so daß die verscheuchten Vögel sich voller Schrecken zurück zogen. Die Väter des Landes waren darum auch dem Kunsthändler mit Dankbarkeit und Rührung ergeben, der ihnen diesen Befreier so mühsam hinübergeführt hatte. Aber nach einigen Tagen schon waren Stadt und Land wieder in tiefe Betrübniß versenkt. Das schöne Bildniß war geraubt, und man konnte nicht entdecken, wer diesen ungeheuern Frevel begangen hatte. Bald aber fand sich die Spur und auch die wahre Geschichte des Kirchenraubes. Der Stamm der Wilden, der dort grenzt, hatte einige ihrer kühnsten Wagehälse abgesendet, um dieses Bildniß, welches sie durch seine übermenschliche Schönheit entzückte, wegzustehlen. In einer stürmischen Nacht gelang es den Kühnen, die dort bei ihrem Stamm für die größten Helden galten, mit Gefahr des Lebens das Bildniß von seiner Befestigung los zu machen. Der Staat war im Begriffe, wegen des Kunstwerkes den Wilden den Krieg anzukündigen, aber eine mildere Gesinnung drang durch, welche das Blutvergießen verhinderte. Denn 308 man erfuhr, daß sie der Figur eine Art Kapelle erbaut hatten, daß sie den Robin Hood Quipokaquoa nannten und ihn als Abgott anbeteten. Man hatte auch schon den Einfluß dieses neuen Gottesdienstes auf den Charakter und die Sitten jener Indianer bemerkt, die zu den wildesten und grausamsten Stämmen gehörten; sie waren schon viel milder und menschlicher geworden, so daß sich höchst wahrscheinlich von Entführung dieses Bildnisses eine neue Aera und Geschichts-Epoche in den Annalen von Nord-Amerika herschreiben wird; die Helden, welche den Gott raubten und in die stillen Wälder dort führten, werden auch schon in Gesängen gefeiert, die den Homerischen Rhapsodieen sehr ähnlich sind. – Daß dieses alles die strengste Wahrheit sei, betheure ich bei meiner Ehre, und man wird diese wohl in keinen Zweifel stellen, da ich die ausgezeichnete Gnade genieße, Durchlaucht als Dero Leibarzt zu begleiten. Ist es dem Herrn Ambrosius genehm, so melde ich, was ich hier erlebt, meinem Freunde und der Regierung in New-York, nenne ihn und bewege den Staat, daß man die Wilden mit dem Manne bekannt mache, dem sie ihre neue Gottheit und Religion zu verdanken haben, und so kommt mit dem Namen Quipokaquoa auch der Name Ambrosius auf die fernste Nachwelt und wird in ihren Kirchenliedern und Nationalgesängen den fernsten Ur-Ur-Enkeln überliefert.

Ambrosius drückte gerührt den kleinen Pankratius an seine Brust und sagte: Sie entzücken mich, Einziger, wenn Sie sich dieser Bemühung unterziehen, und so kann ich mich in meinem Unglück doch auch wieder glücklich nennen, denn mir ward in meinem Lebenslauf und Kunstbestreben, was nur wenigen Sterblichen vergönnt ist.

Man wollte jetzt den Saal verlassen, als mit einem lauten Aufschrei der vornehme Baron von Milzwurm dem 309 Ledebrinna an die Brust fiel und schluchzend kreischte: O mein Sohn! mein verloren gewähnter Sohn! Muß ich Dich an diesem Deinem ewig denkwürdigen Ehrentage so unvermuthet wieder finden! – Er hatte ihn, als sich dem Ledebrinna in der Hitze des Tages das Halstuch etwas verschoben hatte, an drei rothen Pünktchen unterhalb des Halses wieder erkannt. Die Gemahlin war erstaunt, viele von den Zuschauern gerührt. Der Baron erzählte, wie er in den Schreckenstagen von Paris geflüchtet sei, seine schwangere Gemahlin zurück lassend, die er erst nach vielen Leiden in England wieder gefunden habe. Wie er dann nach Amerika gegangen sei, wo ihm der Knabe im sechsten Jahre von einem Feinde sei geraubt worden, der sich an ihm habe rächen wollen. Ledebrinna ergänzte in nur eiligen Umrissen diese Erzählung, wie er auf dem Schiffe, welches ihn entführt und nach Madagaskar gebracht habe, sich nach einem edlen Portugiesen, der ihn erzogen und ganz Vaterstelle bei ihm vertreten, Ledebrinna genannt habe: seinen wahren Namen habe er in der Zeit völlig vergessen und nach vielerlei Schicksalen, nachdem sein Pflegevater gestorben, sei er nach Europa und später nach Deutschland, am spätesten aber hieher nach Ensisheim gerathen.

So viel Neues als heut hatte sich sonst in dem kleinen Städtchen in einem Jahrhundert nicht begeben. Die Einwohner waren auch so aufgeregt, daß Ledebrinna, oder der junge Milzwurm seinem jetzigen Namen nach, von der Volksmasse wie in einem Triumphzuge nach Hause geführt wurde. Vor diesem war ihm eine Ehrenpforte von grünen Zweigen errichtet, durch welche er mit majestätischem Anstande schritt, den Lorbeerkranz auf dem Haupte. Rechts und links führten ihn sein neuer Vater und Ubique, der mit seiner Bürgerkrone prangte.

310 Auf der Straße gesellte sich der noch immer nachsinnende Apotheker zum kleinen Leibarzt. Ich begreife immer noch nicht, fing er an (indem er auf den Bogen und Hut wies, die er selber trug), wie diese so sicher verschlossenen Sachen so plötzlich an das Tageslicht kommen konnten. Pankratius schmunzelte und nachdem er ihn mit seinen schielenden Augen eine Weile betrachtet hatte, sagte er: Lieber, nachdenklicher Freund, das geht ganz natürlich zu. Ich wollte Sie heut morgen noch sprechen, Sie waren aber schon so früh nach dem Gerichtssaale aufgebrochen. Da höre ich ein Winseln, ein Schluchzen, eine weibliche Stimme, welche sich beklagt. Ich lausche, spreche durch das Schlüsselloch in das Zimmer hinein und höre und vernehme nun, daß Ihre eigne leibliche Tochter die klagende Person ist. Sie hatten sie doppelt und dreifach eingeschlossen. Mein Mitleid gegen gefangene Frauenzimmer ist unbeschreiblich; ich bin in diesen Empfindungen ganz wie ein Ritter des Mittelalters. Nun haben meine Finger die Eigenheit und Gabe, daß jedes, auch das künstlichste Schloß, wenn ich sie nur so darüber streichen lasse, sich Augenblicks öffnet. Da ich also weder Dietrich noch Nachschlüssel brauchte, so lösete ich die Riegel und sprach das liebe Kind, welches recht schön ist und Elisa heißt. Sie weinte und klagte mir noch vielerlei vor, welches mir recht zu Herzen drang. Auf ihre Bitte machte ich nun auch die übrigen Schlösser auf, und so schickte sie denn wohl nachher diese Denkwürdigkeiten in den Gerichtssaal.

Der Apotheker stand still und sah den kleinen Doktor von der Seite an. Mein Herr Pankratius, fing er nachher an, je mehr ich Sie kennen lerne, je weniger kann ich Sie begreifen, ja ich muß es frei gestehn, je mehr erzeugt sich ein Mißtrauen in meiner Seele, die sonst den Argwohn nicht kennt. Diese Kunst, Schlösser aufzumachen, ist nach 311 unsern hiesigen Begriffen eine höchst bedenkliche, und es ist zum Erstaunen, daß Sie sie so naiv ausüben, aber fast noch mehr zu verwundern, daß Sie es nachher so unbefangen eingestehn und in diesem Ton darüber sprechen. Das kann Ihnen denn doch bei Gelegenheit Unannehmlichkeiten zuziehn. Auch war es gewiß nicht freundschaftlich, alle meine Schlösser so aufzumachen.

Ich nicht Ihr Freund? sagte der Doktor; vergessen Sie denn, daß ich so eben dort vor Gericht ein Zeugniß Ihnen zu Gefallen abgelegt habe, welches für ewige Zeiten die Nachfrage nach dem in Verlust gerathenen Bilde des Robin Hood beschwichtigen muß.

Ich erkenne den Dienst, sagte der Apotheker, und sogar den glücklichsten Zufall, daß Sie in fernen Himmelsstrichen das vermaledeite Bild mußten kennen lernen.

Pankratius wollte sich ausschütten vor Lachen, er stampfte das Pflaster bald mit dem rechten, bald mit dem linken seiner dünnen Beine: O wie dumm! rief er dann, wenn ich alles das erlebt und gesehn hätte, so war es ja kein Freundschafts-Dienst, den ich Ihnen erwies.

Also die ganze Geschichte – –

Alles erlogen, Männchen! natürlich, wie anders? Ich bin in meinem Leben nicht in New-York gewesen, ich weiß gar nicht einmal genau, wo das Zeugs liegt. Was geht mich denn die ganze dumme Vogelscheuche an. Alles bloß Ihnen zu Gefallen, weil der Braune Ihr Schwiegersohn werden soll.

Aber Ihr Ehrenwort, das Sie so feierlich gaben.

Je, das ist ja so eine menschliche Phrase, die dazu gehört, wenn man solche Dummheiten will glaubwürdig machen. Sie thun mir gewiß auch einmal einen ähnlichen Gefallen.

312 Sie trennten sich, ohne daß der verstimmte Apotheker Abschied von dem Kleinen nahm. Er fand alle Zimmerthüren und alle Schränke offen, aber seine Tochter war nirgend zu sehn. Er schickte zu allen Bekannten, sie war bei keinem. Endlich erfuhr man, sie sei in einem schnell rollenden Wagen mit dem jungen Offizier entflohn. 313


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