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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Theil.

Prolog. Vorrede.

Ich könnte auch sagen, ich wollte meine dramatische Novelle bevorworten, damit sie der Leser, oder ein edles Publikum so entgegen nehmen, daß höchst es die Geschichte selbst um so annehmlicher oder verständlicher finden, und sein Vergnügen daran sich heraus stellen möchte. – Es formirt sich bei uns nach und nach wieder ein solcher Kanzleistyl, der einem künftigen Gottsched von neuem zu thun geben wird, um ein einfaches gesundes Deutsch daraus wieder herzurichten.

Da diese Novelle zugleich ein Drama ist, so hätte ich wohl ein Personenverzeichniß, oder einen Komödienzettel, wie es Sitte ist, geben sollen. Sehr viele neuere Stücke setzen einen solchen so sehr voraus, daß der Leser oder Zuschauer, wenn er nicht immerdar nachsieht, aus den auftretenden Personen gar nicht klug wird, und ohne das unterrichtende Verzeichniß ihre Verhältnisse nicht erfährt. Dieses nothwendige Uebel haben wir für entbehrlich gehalten, weil hoffentlich in dieser schlichten sentimentalen Darstellung sich alles, was zum Verständniß gehört, von selbst entwickeln wird.

Es war auch einmal Sitte, in dem Personenverzeichniß den Charakter und die Gemüthsart der Auftretenden kurz 6 anzugeben, so wie das Alter, eben so auch die Kleidung obenhin anzudeuten. Diese rohe unbeholfene Anfänge einiger unserer früheren Dramatiker, wie schwach nehmen sie sich gegen das aus, was seitdem in aller europäischen Literatur geschehen ist. Wir lesen jetzt keinen Roman oder keine Erzählung, in der unsere Phantasie nicht durch Beschreibung des Kostüms, zu deutsch, der Kleider, unendlich gebildet wird. Es liegt uns als moralischen oder fühlenden Menschen vielleicht gar nichts an diesem und jenem Lump, welchen der Erzähler auftreten läßt, ob er lebt, stirbt, oder sich bessert, ist uns völlig gleichgültig; es wäre auch unbillig, vom Verfasser zu verlangen, daß der Kerl uns interessire, da unser Herz sich einmal nicht zwingen läßt; aber im sogenannten Plastischen wird uns alles klar, was der Lump für Hemdsärmel, Hosen, Kamaschen u. dgl. getragen hatte, ob viele oder wenige Knöpfe auf seinem Rocke, ob diese metallene oder besponnene waren. So erheben wir uns durch vieles Lesen, daß wir die Natur und Wirklichkeit endlich selbst anschauen lernen, und jeder von uns kann nach einigen Jahren Inspektor einer fürstlichen Garderobe werden. Ein großes, reiches Talent, welches seine Kunst der Darstellung oft gemißbraucht hat, hat alle seine Nachahmer in schreibende Schneider, oder zuschneidende Schreiber verwandelt. Seitdem ist denn auch unser Theater noch weit mehr wie ehemals eine Unterrichts-Anstalt für die Schneiderkunst geworden, und wie denn die Bühne mit Recht eine Schule der Sitten genannt wurde, so kann es wohl nur ein Ungebildeter tadeln, wenn man dort in Kleidung und Ausstaffirung so oft das ganz Häßliche und Abgeschmackte sieht, sei es in blechernen Rüstungen, Stacheln an Knie und Ellenbogen, Visierhelmen mit hoch aufrecht stehenden Federn, oder Tricot-Anzügen und Stiefelchen nach Art der Springer und Seiltänzer, oder die 7 widerwärtigen Hauben, klafterbreiten Schultern und Poschen der Damen, Halskrausen u. dgl., oder was man die Charakter-Anzüge und das fremdartige Kostüm nennt. Denn da uns nur so selten vergönnt ist, das wahrhaft Schöne hervorzubringen, dieses auch, wenn es erscheint, die Sinne der meisten Menschen in ihrer schläfrigen Ruhe läßt, und also fast nur negativ bleibt: so ist der Versuch, durch die Darstellung des wahrhaft Häßlichen den Schönheitssinn durch den Gegensatz zu wecken, gewiß mehr als zu billigen.

Ich sollte nun ebenfalls bestimmt angeben, wie es auch allgemein gebräuchlich ist, in welchem Jahrzehent unser Stück spielt, ob 1530, oder 1790, oder 1805, oder 1830; ob es auf eine, und auf welche politische, religiöse oder literarische Revolution sich bezieht; ob es auf einen Tag, den 5. Dec. etwa, oder den 19. Junius sich beschränkt: doch ist es wohl besser, der Phantasie des Lesers nicht solche Fesseln anzulegen. Darum ist auch nicht bestimmt worden, ob die Scene in Wien, Berlin, Dresden oder Petersburg spielt, oder in und bei Jüterbock, Baruth, Heilbronn oder Ludwigslust. Sie ist eben allenthalben und nirgend, vielleicht tritt sie, ohne daß der Zuschauer es gewahr wird, in die Stube dieses oder jenes Lesers.

Wenn wir also das Gedicht, oder Stück, oder Lustspiel nun in Scene setzen und über die Bühne oder die Bretter schreiten lassen, so wissen wir immer noch nicht, wie die Leistungen unserer spielenden Personen seyn und ausfallen werden. Das Stück ist aufgeführt, hat gefallen (im jetzigen Deutsch: hat Anklang gefunden, oder hat angesprochen), die Komödianten (Künstler, Leister, Mimen) haben gut gespielt: es wäre uns lieber, so nach alter Weise sprechen zu dürfen.

Auch lassen wir es uns nach alter Methode beikommen, das sentimentale Lustspiel in Aufzüge abzutheilen, was die 8 Mode bei manchem Theater auch zu Abtheilungen umgestempelt hat. Der alte Uebersetzer des Holberg sagt Abhandlung, nicht ganz zu verwerfen und fast so gut als Handlung, oder Akt: der Name erinnert daran, daß wir eine Handlung erwarten dürfen, oder eine Geschichte, die mehrere Handlungen zuläßt. Unbegreiflich scheint es, wie es ein Schaustück in Einer Abtheilung geben könne, und doch lesen wir dergleichen auf Komödienzetteln hochgebildeter Städte. Würde man wohl je sagen: Diese Schublade besteht nur aus Einer Abtheilung?

Auch die Dekorationen werden nur in so weit beschrieben werden, als es eben nothwendig ist. Wie wichtig sie in neuer und neuster Zeit geworden sind, ist mir freilich nicht unbekannt, sie spielen oft mehr als die Künstler und Mimen. 9


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