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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Scene.

Geschichte einer Sternschnuppe.

Man hat nie erfahren können, was die beiden gelehrten Männer mit einander bei verschlossenen Thüren verhandelt haben. Ob Ledebrinna dem Freunde mit allen Umständen und unverholen die Scene erzählte, welche er eben erlebt hatte, ob er vielleicht im Vertrauen sogar zu Geständnissen sich von der Freundschaft bewegen ließ, die er dem ungestümen Ambrosius verweigerte, oder ob sie nur Redaktionsgeschäfte und wissenschaftliche Gegenstände verhandelten, ist niemals zur Kenntniß anderer Menschen gekommen. So viel ist aber gewiß, daß Ledebrinna, so sehr er sich auch als Mann zusammen nahm, an diesem Tage sich tief erschüttert und aufgereizt fühlte.

217 Als er sich am späten Abend niederlegte, besuchte ihn der Schlummer erst spät, und als er eingeschlafen war, erschien ihm ein höchst wunderliches Traumgesicht, welches ihm so deutlich wurde und gegenwärtig blieb, daß er es niemals wieder vergessen konnte. Ihm war, als wenn er Stimmen vernähme und schön gefärbte Lichter sähe, und doch war er sich dabei bewußt, daß er in seinem Bette liege und schlafe. Ihm war, als säße am Bett ein kleines liebes Wesen, das immer riefe. Bist Du da? Bist Du denn vielleicht in diesem Menschenbalg? – Wer ruft mich? Wer weckt mich? klang es nun wie aus dem Allerinnersten von Ledebrinna. – Rohrdommel, sagte es draußen. – Ach! Rohrdommelchen, klagte es inwendig im Schlafenden, wie weinend, Du kleiner, lieber Rohrdommel, bist da, der intime Freund von meinem Seelenherzchen, dem allerliebsten närrischen Kuckuk. – Ach! Heimchen! Heimchen! schrie draußen Rohrdommel, so laut er nur mit seiner feinen Stimme konnte, wenn ich nur wüßte, wo Kuckuk geblieben wäre, so rennte ich gleich hin und sagte ihm, daß Du hier bist. – Nein! nein! winselte es; meine Zeit ist noch nicht um, ich darf noch nicht diesen Körper verlassen. – Er war in Dienstschaft in einem hübschen Garten gerathen, sagte Rohrdommel, bei einem leidlich verständigen Mann, aber bei dem ist er nicht mehr. Aber wie bist Du denn in den braunen Menschen hier gerathen? – Ach! Rohrdommelchen, Rohrdommelchen, klagte es nun recht jämmerlich, das ist eine weitläufige, höchst traurige Geschichte. Ich will, da ich doch einmal aufgewacht bin, Dir jetzt die Begebenheit erzählen. Hast Du Zeit? – O ja, nachher will ich wieder meinen Kuckuk suchen.

Jetzt war es Ledebrinna, als wenn Rohrdommel geradezu auf seiner Oberlippe Platz nähme, um aus dem Munde heraus die Stimme von Heimchen besser zu vernehmen. Er 218 sprang aber erst nach dem Wasserglase und rupfte zwei Rosenblätter aus einem Blumenstrauße und breitete sie sich unter, denn der Bart Ledebrinna's, der sich an diesem Tage nicht hatte rasiren lassen, mochte ihm wohl unbequem seyn. Nun rede, rief er in den etwas geöffneten Mund hinein, ich habe von Deiner Geschichte niemals den wahren Zusammenhang gewußt.

Ich kann die Rosen eigentlich nicht leiden, sprach jetzt Ledebrinna dazwischen, und doch habe ich sie da mit dem Glase stehn lassen, wo sie mein dummer Bedienter hingesetzt hat.

Das sprichst Du doch nicht, Heimchen? rief Rohrdommel. – Ich habe jetzt eben nichts gesagt, klang es zierlich aus den Lippen: schnarcht mein Alter vielleicht? Die Untugend hat er, so daß ich oft kein Auge zuthun kann. – Ledebrinna hielt Athem und Gedanken an, um die beiden seltsamen Wesen nicht in ihrer Conversation zu stören, die ihn schon sehr interessirte. – Meine Eltern, fing Heimchen jetzt an, sind schon sehr alt, uralt, und Du weißt ja auch, daß meine Mutter eine Fürstin ist, und daß ihre ältesten Söhne und Töchter auch schon hohen Rang und vielfache Würden bekleiden. Mein Vater, der gebrechliche Endymion, war eigentlich seiner Herkunft nach ein Sterblicher, Einige sagen ein Schäfer, Andre ein Prinz, mir gleichviel, er ist ein alter, recht fataler Mann. Ach! das ist für ein jüngstes nachgebornes Kind eine schlimme Sache, wenn es den Papa nicht mehr respektiren kann, oder ihn nicht recht lieben und freundlich mit ihm seyn, weil er selber nicht freundlich und aufgeweckt ist. Und das Unglück ist, daß wie alle Künste und Anlagen in unserm Reich oft selbst einseitig ausgebildet werden, so hat sich mein Vater ein Fach ausgesucht, was seltsam genug ist, und in dem er wirklich außerordentliche 219 Sachen leistet. Er ist nehmlich ein Schlafkünstler, und es kostet ihm gar keine Anstrengung, so ein fünf, sechs hundert Jahre hinter einander weg zu schlafen. Wie ihn meine Mutter Rosenschmelz zuerst kennen lernte, schlief er auch, aber dazumal war er noch Mensch und nur ein junger Anfänger und Stümper in seiner Kunst. In einer schönen Mondnacht entführte Rosenschmelz den Schläfer, der dazumal ein reizender Jüngling war, und brachte ihn in das Reich der Feen, und setzte es durch, daß er zum Elfen gemacht wurde. Es soll schon damals viele Händel mit der Geistlichkeit gegeben haben. Nachher aber nahm sich die Königin Titania besonders meiner Mutter in Gnaden an. Sie machte den Oberon meinen Eltern geneigt. Nun kam auf Erden die ganz dumme Rede auf, Diana habe den Endymion entführt, denn sie verwechselten Rosenschmelz mit Titania, und Titania, weil es fast eben so klang, mit ihrer alten Diana, die anfangs ein häßliches, widerwärtiges Bild von Holz soll gewesen seyn.

Das ist ja ein verfluchtes Stück einer ganz neuen Mythologie! murmelte jetzt Ledebrinna dazwischen; was würde mein Freund Ubique dazu sagen? Ich wollte aber, ich wäre den dummen Traum los und könnte erwachen, denn er fängt an, mich zu inkommodiren.

Wir werden immer von dem Schläfer gestört, sagte Rohrdommel, auch sitzt es sich schlecht auf seiner harten Lippe, aber fahre jetzt fort.

Heimchen sprach: Mein Vater Endymion behielt von seiner menschlichen Art und Weise immer etwas Rohes an sich, das den Elfen und Feen von höherem Range nicht gefiel, weshalb er unter diesen auch nur wenige Freunde hatte. Aus Behaglichkeit und trägem Sinn auf der einen, und aus Eitelkeit auf der andern Seite, fing er nun an, sein Talent 220 als Kunstschläfer auszubilden. Wie gesagt, wenn er ein Nachmittagsschläfchen machen wollte, so blieb er gleich Jahrhunderte so in derselben Lage liegen. Das bewunderten die andern Geister, manche im Ernst, andre um ihn zu necken, aber meine Mutter war damit sehr unzufrieden. Es schien ihr undankbar, daß der Mann sie so vernachlässigte, welchen sie zum Gott gemacht hatte. Da er auf keine vernünftigen Vorstellungen hören wollte und sich in sein Schlafen ganz vernarrt hatte, so kam die Sache vor das Konsistorium, und es war schon vor vielen Jahrhunderten von einer Scheidung die Rede. Doch versöhnten sich meine Eltern wieder und krüppelten sich nun in ihrem Ehestande so hin, wie es auch unter den Menschen so oft der Fall seyn soll. Mein Vater konnte aber doch das Schlafen nicht lassen, und meine Mutter war auf diesen Schlaf eifersüchtig, und so hatte sie eigentlich keine ruhige Stunde, und zwar deshalb, weil der Vater nicht bloß Stunden, sondern gleich Jahre in der vollkommensten Ruhe zubrachte. Sie hatten aber doch viele und schöne Kinder gezeugt, weil sie sich nach einem heftigen Zank wieder recht zärtlich versöhnten. So waren viele Zeiten vergangen, und da weder Fürsten noch Geistliche die Harmonie zwischen meinen Eltern wieder herstellen konnten, so wurden sie endlich feierlich und förmlich geschieden, jedes Verhältniß und Verband zwischen ihnen war nun aufgelöst, der Vater konnte schlafen, so viel er wollte, und so seinen Kunsttrieb befriedigen, und nach einer Anzahl von Jahren konnte meine Mutter, die immer noch außerordentlich schön war, wieder ein andres Bündniß schließen, wenn ihr Herz sie dazu antrieb. Das ist aber der Stachel und ein großes Geheimniß in der Natur, daß alles Verbotene lockt, daß selbst die Strafe anreizt und daß wir gar zu gern allen Verordnungen und auch den Gesetzen der Natur einen Esel bohren.

221 Was der dumme kleine Geist, brummte Ledebrinna, für eine gemeine Art hat, sich auszudrücken.

Immer schnarcht der, sagte Heimchen. – Nein, er denkt nur was, sagte Rohrdommel. Sprich nur immer weiter, wir können doch die Nacht nicht besser hinbringen.

Der kleine Taps, sagte Ledebrinna, denkt also die ganze Nacht sich mit seinen Beinen auf meiner Lippe herumzuflegeln. Wenn ich doch lieber aufwachte! Denn die Geschichte kommt mir jetzt langweilig vor.

Laß ihn nur etwas knurren, sagte Rohrdommel, und Heimchen fuhr fort: So geschah es denn auch, daß sich meine Eltern noch niemals so inbrünstig geliebt hatten, als seitdem sie geschieden waren, der alte Endymion verjüngte sich, die Mutter machte den Eindruck einer Braut auf ihn, und es währte nicht lange, so fühlte sie sich wieder, jetzt werden einige funfzig Jahre verflossen sein, guter Hoffnung.

Das ist ja verfluchtes Volk, schnarchte Ledebrinna, diese sogenannte Geisterwelt! Aber trampelt mir der Kleine da nicht auf der Lippe mit seinen Beinen wie besessen herum. Wenn ich von dem Dummen nur eins seiner Spindelbeine mit den Zähnen erwischen könnte! Er sollte daran denken.

Rohrdommel war aufgesprungen und lachte so heftig, daß er mit den Beinen hin und her sprang. Er mochte sich nicht vorgesehn haben und der Nase des Schlafenden in seinem lustigen Tanz zu nahe gekommen seyn, denn diesem kam jetzt ein Niesen an, und zwar ein so gewaltiges, daß Rohrdommel von der Erschütterung über Mund und Kinn weit hinweg auf das Betttuch geschleudert wurde.

Was ist's? Was giebt's? schrie Heimchen nach einer Weile in großer Angst: das war ja wie ein Erdbeben. Rohrdommel hatte sich von seinem plötzlichen Falle schon wieder erholt, er ging zum Blumenglase, nahm eine kleine 222 Burgunderrose, band sie mit einem Härchen an ein Seitenhaar von Ledebrinna, legte die Blume auf die Lippe und setzte sich nun so recht behaglich in das duftende kühle Röschen mitten hinein. So, sagte er dann, ist es besser und auch sicherer, so sitze ich nun fest, wie in einem Großvaterstuhl: die Rosenblätter sind ohnedies in alle Winde zerstoben. Nun, Heimchen! bist Du noch wach? Ich konnte das Lachen nicht lassen, denn es ist recht possirlich, daß Deine liebe Mutter nun gerade mit Dir, Käuzchen, schwanger ging, als sie keinen Mann mehr haben durfte. Darum ist Dein Temperament auch von Hause aus immer so rebellisch gewesen.

Du bist ein schlechter Freund, wimmerte Heimchen, die sich etwas tiefer versteckt hatte, von mir und von Kuckuk, daß Du über unser Unglück noch lachen kannst. Denn Du weißt doch wohl, daß auf dergleichen Vergehn im Feenreich die allergrößten Strafen stehn, daß meine Mutter, wenn es plötzlich bekannt wurde, einer vieljährigen Qual entgegen ging, daß ich eine Sterbliche nach der Geburt werden mußte, und mein Vater auf lange Zeit in einen tiefen Kerker eingesperrt wurde.

Bitte ab! rief Rohrdommel, ich kann für mein fatales spaßiges Temperament nicht; bitte, kriech etwas weiter in den Hals herauf, daß ich Dich besser verstehen kann.

Dürfte ich nur ganz hinaus, sagte Heimchen, so wäre ich ein glückliches Wesen, denn das Geschöpf, in welchem ich zu meiner Strafe wohnen muß, ist eins der unerträglichsten, grob, dumm und schadenfroh. Der hat heut eine schöne Scene gehabt, in der sich seine ganze Erbärmlichkeit zeigte.

Impertinentes Volk! knirschte Ledebrinna, das hat man davon, der Inhaber eines ausgezeichneten Geistes zu seyn!

Wie man nun schon aufmerksam wurde, begann jetzt Heimchen wieder ihre Erzählung, wie man schon in den 223 Versammlungen zischelte und heimlich lachte, wie wirklich die Gestalt meiner Mutter das Geheimniß verrieth, da war Troja in Noth, und die Eltern wußten sich keinen Rath. Das geistliche Gericht meldete sich und Rosenschmelz wurde citirt. Sie stellte sich aber nicht, und nun, in einer schönen Frühlingsnacht, wurde sie plötzlich von den ausgesendeten Häschern überfallen. Meine Mutter aber, die die Erfahrung der Jahrhunderte für sich hatte, wußte ihnen mit größerer Schnelligkeit zu entfliehn, sie war weit voraus. Jetzt ließ sie sich in einen blühenden Garten nieder, und mit etwas Zauberei, die wir alle einigermaßen besitzen, in der sie aber besonders geschickt war, hauchte sie meine neu entstandene Seele in ein eben entquollenes Knöspchen einer Lilie hinein. Jetzt ließ sie sich greifen, denn mit der Seele war auch das Kennzeichen ihrer Schwangerschaft verschwunden. Sie wurde losgesprochen und hoffte, durch die Gunst der Titania, mich selbst nach einiger Zeit einführen zu können, daß man dann dem Puck, oder einem andern unsrer geschäftigen Geister den Befehl ertheilte, mich aufzusuchen und aus meinem Bann zurück zu holen.

Als meine Seele in der Knospe etwas reifer wurde und sich besinnen lernte, da fühlte ich in meiner Klause eine liebliche Bitterkeit, und sah, wie aus der Erde die Lebensgeister der Blumen gestärkt wurden, und von Licht, Luft und Thau die Blätter draußen sich angenehm erfrischten, und alles quoll und wuchs, von einem weichen Frühlingswind geschaukelt, so daß alle die feinen Säfte gehörig vertrieben und in Blumengeist verwandelt wurden. Ich wollte mit dem zarten Wesen, das so ins Licht hinein quoll, reden, aber es verstand mich nicht, konnte auch keine Antwort geben, denn sein ganzes Leben ist Wachsthum und Duft. Und dennoch weiß ich, wie die zartesten Geister der Blumen oft, wenn sie 224 erblüht sind, sich ablösen, und durch die Liebe der Menschen, wenn diese ihnen entgegen tritt, sich höher verseelen und in Herz und Augen von Liebenden übergehen, um in der Trunkenheit des Geistes und Sinnes Theil an dem Wunderwesen der Kinder zu haben. Und so wächst wohl die lieblichste Wunderkraft der Gestirne und die feinste Essenz des Aethers in den Geist des Kindes hinein, das in Liebe erzeugt wird. In schöner Sommernacht können Liebende noch gewaltiger die Sternenkraft in sich hernieder ziehn. Der Mensch ist eben so sehr zur Magie berufen, wie wir Elfen und Feen, aber er läßt sich zu früh fallen, altern und absterben.

Unsinn! brummte Ledebrinna: was uns im Traum doch manchmal für Aberwitz vorkommt.

Du bist gelehrt, sagte Rohrdommel, Du wirst einmal groß in unserm Reich werden, ich hätte Dich nicht für so klug gehalten.

Klug? seufzte die Kleine; ach! mein Lebenslauf und meine Verbannung hieher beweisen wohl das Gegentheil. Wie ich nun selber wie eine kleine Blume in meiner Knospe lag und meine Kräfte aufquollen und mein Geist immer heller von sich wußte, da that sich bei einem schönen Frühroth, wie belebender Thau fiel, mein gewölbtes Haus auseinander. Nun fühlte ich recht die Kraft der Luft und die Wonne des Lichtes, und mein Findelhäuschen war Duft und weißer Glanz. Da flogen Schmetterlinge vorüber und staunten die leuchtende, mit lebendigem Perlmutter ausgelegte Kapelle an, Käfer grollten und brummten schwer vorüberfliegend ihren Morgengruß, und naseweise neugierige Fliegen rannten über die Blätter. Ich nährte mich von der geistigsten Süße, die liebreich aus der Blume quoll. Meine unsichtbaren Gliederchen dehnten sich in Wollust und Freude, und es kam nur auf meinen Willen an, meine Gestalt als 225 Fee jetzt aus mir heraus zu spinnen, wenn ich nicht aus Instinkt gewußt hätte, daß mich dann die Aufpasser leicht aufhaschen und zur Strafe abliefern könnten, auch ging es dann der Mutter schlimm, und darum blieb ich noch unsichtbar.

Am andern Tage summten mir fleißige Bienchen vorüber. Das eine Vögelchen stand einen Augenblick still, sah meine Blume an und flog in den Kelch hinein. Es sog die Süßigkeit in sich und wühlte dann, vor stiller Wollust brümmselnd und mit Beinen und Flügeln handthierend, in dem zarten weißen Staub herum. Hast Du je einem Bienchen zugesehn, wenn sie so in ihrer unermüdeten Arbeitseligkeit recht glücklich ist? Ja, den mathematischen Närrchen ist nur wohl, wenn sie Tag und Nacht arbeiten und zimmern können und dann auf Speculation ausreisen, oft weit weg, um Staub für das Wachs und Süße für ihren Honig zu sammeln. O glückselige Menschen ihr, die ihr mit euern scharfen Sinnen alles das sehn und beobachten könnt, und die Heiligkeit der Natur, die göttliche Schöpfung in allen ihren Adern und Zweigen fühlen.

Ist auch was Rechts, murmelte Ledebrinna, zu beobachten, was das kleine Geschmeiß so in der Welt treibt. Man hat mehr zu thun.

Indem ich dem feinen Baumeister noch so zusah, fuhr Heimchen fort, wie er sich im Blüthenstaub wälzte, und so klug abbürstete, was er brauchen konnte, kam er ganz nahe an die Narbe, wo ich wohnte, und eh ich noch wußte, wie mir geschah, hatte mich sein Schenkel ergriffen und ich saß fest. Ob er es mit Fleiß that, weiß ich nicht, er hat mich gewiß nicht gekannt. Aber als ob ihm recht etwas Großes gelungen wäre, so fuhr er nun mit mir ab, und musizirte und trompetete recht stolz und fröhlich. Wie wir im besten Fluge 226 waren, begegneten uns einige Schwalben, die Nahrung für ihre Jungen, oder Bauwerk für das Nest suchten. Da rannte das Bienchen schnell unter die Blätter einer Linde, die am Wege stand und versteckte sich. In der Angst ließ sie mich fallen, denn sie streifte mit dem Bein an den harten Zweig. Gut für mich, sonst wär' ich in das Haus von Wachs und Honig, wer weiß auf wie lange, vermauert worden. Aber viel gewann ich auch nicht, denn die eine kluge Schwalbe, da ich an eine nasse Stelle hinunter gefallen war, nahm mich mit etwas feuchter Erde in den Mund, flog nach dem Nest, und verklebte mich in eine Stelle ihres Hauses, das kürzlich Wind und Regenguß beschädigt hatten. Ach, wie sehnte ich mich in die liebliche Kinderstube meiner Lilienblume zurück! Lustig war es freilich, so das Familienleben der Schwalben gleichsam mitzuleben. Das Zwitschern und Schwatzen der Großen und Kleinen durch einander. So still der Vogel auswärts ist und wenn er fliegt, so plaudersüchtig ist er zu Hause. Das Maul steht dort den Dingern kaum einen Augenblick still. Auch wenn sie schlafen, gurren sie manchmal im Traume auf, so weckt eins das andre, und nun geht das Erzählen und Kosen wieder an. Gegen Sonnenuntergang kommen dann die Fremden, Väter und Mütter, hängen sich abwechselnd mit den Beinen an das Nest, kucken mit den klugen sanften Augen hinein und fragen. Wie geht's? – Gut, schreit die Mutter; allerliebst zwitschern und zwatschern die Kinder, die Würmchen, die man uns bringt, schmecken uns, warm ist es hier, wir werden schon größer. Was macht ihr denn? Nun plaudert der Vogel draußen und erzählt von seiner Haushaltung. Da fällt dem Vogel was ein, und schwapp! ohne guten Tag und guten Weg, ohne Adieu! springt und fällt er wieder in die Luft hinein und fliegt fröhlich fort. Denn das ist eine wahre 227 Lust, dem Fluge der Schwalben zuzusehn. Diese Sicherheit, die Kunst, ganz kurz umzulenken, die Freude, sich so lustig in das Element hinein zu tauchen, hat kein anderer Vogel in dem Grade.

Der Mauskopf, dachte Ledebrinna zornig, hat sein Schwatzen auch wohl von den Schwalben gelernt.

Herrlich ist es, fing Heimchen wieder an, wenn die Kinder nun das Fliegen lernen. Sie stehn am Rand des Nestes, kucken rechts und links, mit einemmale, wie ein Durstiger trinkt, flugs sind sie in der Luft und kommen prahlend und singend in das Nest zu den Alten zurück, die sie loben und aufmuntern. In den ersten Nächten war es schön, wie die Nachtigall noch sang. Das Frühlingsholdchen mit seinen tiefsinnigen Liedern und künstlichen Noten ist so recht die Liebesstimme der in Sehnsucht hinsterbenden Natur. Wenn der reifende Musikant die Geliebte lockt, so ist alles in freudiger Wehmuth trunken.

Dummes Zeug! sagte Ledebrinna, soll wohl gar Poesie vorstellen.

Jetzt ging es gegen die Zeit, daß die Schwalben abziehen wollten. Dann versammeln sie sich mehrere Tage vorher zu Tausenden und schwatzen und berathen und erzählen nun auch im Freien. Gegenüber war ein großes Schloß, wo sie auf dem Dach in langen Reihen neben einander gestellt ihren Rath hielten und trieben. Der Sperling ist eigentlich ein unnützer und dummer Vogel.

Das versteht sich, brummte Ledebrinna viel deutlicher, von dem Kerl weiß ich auch ein Liedchen zu singen. Und dabei das verfluchte Gezirpe, vollends wenn sie in Masse ihr dummes monotones Lied anstimmen. Nun, was soll's mit dem Sperling? Wenn das dumme Ding mal vernünftig spricht, so ist es gleich aus.

228 Zankst Du mit mir, Rohrdommel? fragte Heimchen.

Nichts weniger, sagte Rohrdommel, indem er sich die Augen rieb, ich war hier in meinem bequemen Großvaterstühlchen ein bischen eingeschlummert, dazu der hübsche Duft dieser Burgunderrose, und es hört sich Dir und Deinen Abhandlungen von hier sehr gut zu. Fahre nur fort.

Wenn Du schlafen willst, so schweige ich lieber stille, sagte Heimchen empfindlich.

Ich bin ganz munter, rief Rohrdommel, und trampelte in seiner Rose mit den Beinen, um sich noch munterer zu machen. Besser wie alles wäre es wohl, wenn ich den jungen Kuckuk aufsuchen dürfte, und ihm sagen, daß Du in diesem Kerl hier wohnst.

Du weißt ja, winselte Heimchen, daß Du es ihm und keinem Geiste sagen darfst, bis meine Zeit aus ist. Vielleicht versöhnen sich meine Eltern wieder und vereinigen sich über meine Bestimmung, die gütige Titania bewirkt vielleicht meine Verzeihung, und auch daß der aufgebrachte Domgall mir vergiebt. Dann schickt der kluge Puck seine witternden Spürer aus, oder findet mich wohl selbst, wie damals. Eher darf Niemand von mir wissen, und es ist der größte Zufall, daß Du, unbedachtsamer Geist, mich aufgefunden hast.

Ich schnupperte in diesen Gegenden herum, sagte Rohrdommel, weil ich dachte, daß unser Kuckuk wohl mit seinem neuen Herrn hieher gereist seyn möchte.

Lauter Allotria! rief Ledebrinna erboßt. Nun? Was war mit den Sperlingen? – Wird's bald?

Warum bist Du denn so grob? fragte Heimchen. Oder ist es wieder mein Miethsherr, der so zankt?

Freilich ist es Dein Alter, erwiederte Rohrdommel, der Kerl scheint eine besondre Liebe zu den Sperlingen zu haben.

229 Nein! sagte Ledebrinna, ich habe sie niemals leiden können, aber – kurzum – es war immer so, von Kindheit auf, daß sie mir fatal waren: enfin, in seinem Beruf muß jeder wirken – darum also waren es Sperlinge – denn ich war mit Hand und Fuß gegen diese Einrichtung der Natur. Doch Sperling ist Sperling. – Nur weiter!

So ein sterblicher Mensch, sagte Rohrdommel, denkt und spricht im Traum doch recht konfuse. Da sind wir doch besser ausgestattet.

Die Sperlinge, fuhr jetzt Heimchen in ihrer Erzählung fort, die von der Natur gar nichts von Kunsttrieb erhalten haben, und es nicht verstehn, das einfachste Nest zu erbauen, sondern immer, wie die Straßenräuber, im Freien und ohne alles Haus ihre Wirthschaft treiben, haben doch den Trieb, zuweilen in die Nester anderer Vögel, besonders der Schwalben zu kriechen. Darin ist der räuberische Vogel ganz dumm, daß ihn das Gelüst befällt, Stroh, Spreu, und alles Unnütze, was er nur haben kann, in das Nest der Schwalbe hinein zu stopfen, wodurch die Wohnung für die Schwalbe, aber auch für ihn und jedes Geflügel unbrauchbar wird. Das beobachtete der Hausherr und kam an einem Morgen mit seinem Knecht aus der Thür, indem sie beide lange Stangen in den Händen trugen.

Die Kanaillen! schrie er, sie schleppen allen Schmutz und Unrath in die Nester und daraus werden nachher Wanzen und allerhand Ungeziefer. – So stießen sie die Schwalbennester, die zwischen den Fensterecken oben angeklebt waren, mit aller Macht herunter und zertrümmerten sie. Nun ladet die drei Flinten mit Schrot, sagte er dann, und Du, Fritz und ich wollen zugleich unter die verfluchten Sperlinge schießen, die uns alle unsre Kirschen auffressen!

So ist es Recht! rief Ledebrinna frohlockend; immer 230 hinein gewüthet in das Gesindel! Je mehr massakrirt werden, je besser. O was haben die armen Erbsen ebenfalls von dem liederlichen Gesindel auszustehn.

Ich war, sagte Heimchen, von dem fürchterlichen Schießen noch betäubt, und lag unter den Ruinen meines Schwalbennestes, als ich es neben mir flüstern hörte: husch! husch! hier muß irgendwo ein Elfengeist stecken. Es waren die geistigen Spürhunde aus unserm Reich, die pfiffigsten, die die beste Witterung haben. Ich zitterte an allen Gliedern, denn es war höchst wahrscheinlich, daß sie mich fanden. Ich flog auf, so schnell ich konnte, und da ich meinen Wirth mit solchem Respekt von seinen Kirschen hatte reden hören, so hüpft' ich in den Zweig hinein, bog mich unter eine Kirsche und saugte mich schnell in diese durch eine Oeffnung, kleiner als eine Nadelspitze, die ich mit meinem Zahn machte; und damit sie die Witterung ganz verlören, zog ich schnell von innen die zarte gläserne Haut wieder über die Wunde, und die Kirsche baumelte so frisch am Baume, mir nichts dir nichts, als wenn ihr gar nichts widerfahren wäre. Nun mußte ich in meinem sonderbaren Gefängnisse aushalten, denn Du weißt, daß wir in solchem Falle den Ort unsrer Zuflucht nicht freiwillig wieder verlassen dürfen, sondern den Tod oder Untergang der Frucht abwarten müssen. Wie Recht ich gehabt hatte, so zu handeln, ersah ich daraus, daß ich meine Verfolger zwischen den Aesten und Blättern herum surren hörte. Es kam mir selber vor, als wenn sie einige der Früchte ansaugten, aus Argwohn, daß ich mich darin versteckt haben könnte. Das sind dann jene Kirschen, die die süßesten werden, aber ein wenig einschrumpfen. Die Menschen schieben diese Beschädigung der Früchte auch auf die Sperlinge. Diese sind es aber nicht allein, die sie manchmal anbeißen.

Meine feuchte, saftige Lagerstatt war mir nicht 231 unangenehm, nur hatte ich wenig Licht. Man hat nicht immer die Wahl für sein Logis. Hätte ich mich in der Angst nicht so gar schnell umquartieren müssen und nur ein paar Secunden Zeit gehabt, auszusuchen, so hätte ich mich vielleicht in eine Glaskirsche hinein gebettet, wo das Tageslicht so röthlich hinein scheint, wie die Sonne durch die bunten Kirchenfenster. Man konnte mich freilich auch dann leichter entdecken. Ich lag recht weich in den süßen Schwämmen der Frucht, und konnte mit meinen scharfen Augen unterscheiden, wie in den feinen Kanälen stündlich mehr des ätherischen Saftes hineinrieselte und sich alle Adern mit dem gewürzreichen Wasser füllten, welches die Geister des Baumes aus Licht und Luft und den Elementen heraus destillirten und mit der eigenthümlichen Kraft des Baumes, seiner Signatur, vermischten. Die Quelle war so reichlich, daß ich auch von dem sublimirtesten Oele trinken konnte, ohne daß der Frucht dadurch etwas abging. Ich wäre gern durch den Stengel in Zweig und Stamm, bis zum tiefsten Keller der Wurzel hinab gestiegen, um meiner Wißbegier Genüge zu thun und den Baumgeistern dort in den größeren Kanälen und Korridoren zu begegnen, wo sie auf und ab gehen müssen. Doch dies war mir untersagt. Aus Uebermuth plätscherte ich oft, wie in einem Bade, es wurde mir unendlich wohl, wenn die milchige lebendige Würze so über mein ganzes Wesen zusammenschlug und das Geistigste des Gesundbrunnens mir in Adern und Hirn drang. Wenn der Baum nun in der Nacht schlief und seine gedankenlosen Träume im Geräusch seiner Blätter ausrieselte und die Gesträuche umher seinem Lallen ebenfalls stammelnd antworteten, und ich des Baches dumpfes Rauschen vernahm, der durch den Garten hinlief, so fiel ich wohl selbst in magischen Schlaf und verwunderliche Träume der Zukunft und Vergangenheit.

232 Ich hatte mir schon vor zwei Tagen vorgenommen, eine Entdeckungsreise nach dem Innern meiner Provinz, oder dem harten Kerne anzustellen. Es ist recht nachdenklich, wie dieses runde Holz, frei und unverwachsen, sich in der Mitte des zarten Fleisches ansetzt und drin den Samen, den Kern, verwahrt. Wie die Nuß das zarte Fleisch umgekehrt hinter einer hölzernen Umgatterung aus der weißen Milch gerinnen läßt. Aber auf dieser Reise hatte ich einen großen Schreck. Plötzlich blickten mir aus der Finsterniß zwei schwarze, mächtige, drohende Augen entgegen. Sie gehörten einem ungeheuern Lindwurme, der sich in seiner Schlangenhaut ringelte und wälzte. So erschien mir das Ungethüm, weil ich in meiner allerkleinsten Gestalt nur, fast unsichtbar, dort wohnen konnte. Ich hatte nehmlich meine Studirstube und mein Observatorium in einer jener großen schwarzen Kirschen aufgeschlagen, die man nur Herzkirschen zu nennen pflegt, und in diese nistet sich gern der Wurm an, welcher auch Made geheißen wird. Ich rannte wieder nach meinem alten Wohnplatz zurück, aber der widerwärtige Wurm wand sich mir eine große Strecke hindurch nach. Ich zitterte noch lange über die Entdeckung dieser gräßlichen Nachbarschaft. Denn in diesem engen Raum festgebannt, konnte ich keine großen Streitkräfte entfalten, hier war mir die scheußliche Made offenbar überlegen, und sie schien mich ebenso zu hassen, wie sie mir abscheulich war. Ich saß und dachte auf Kriegespläne, oder wie ich die ungeheure Schlange überlisten wollte. Ich sann immerdar, wie und womit ich mich waffnen, welche Art von Rüstung ich mir erschaffen könnte. Kam ich dem Unthier nahe, so war es immer von der gesunden Nahrung der Frucht noch größer und dicker geworden: immer patziger und gröber erwies sich das garstige Thier, wenn es mich mit seinen schwarzen, feststehenden Augen wieder gewahr 233 wurde. Blieb die Frucht noch lange am Baum, so konnte ich fürchten, daß das dicke Vieh nach und nach Alles auffraß und ich gar keinen Raum mehr für mich finden würde. Es schien aber, als quölle immer mehr Saft und Süßigkeit zu, je mehr der Dicke verbrauchte. An einem Morgen, als ich mich eben dicht an die feste Haut hinangedrängt hatte, um ungestört denken zu können, geschah ein großer Fall. Ich merkte so viel, daß man die Kirschen abpflückte. Ich fühlte am Duft, daß man recht viele Kirschen, wahrscheinlich in einem Korbe, auf einander packte. Mein Nebenbuhler und Wandnachbar, der mehr nach dem Kern zu wohnte, schien sich auch ganz ruhig zu halten. Mir war, als wenn die Sonne stärker in die Frucht hinein schien, und deutlich sah ich, daß keine Säfte mehr in den feinen Adern ankamen. Wieder fiel nach einiger Zeit mein Haus gewaltsam nieder: ich kann mir in meiner jetzigen Erfahrung denken, daß die Kirschen auf dem Markt zum Verkauf ausgestellt waren, denn es war viel Getümmel und Geschrei aller Art um mich her. Nach einiger Zeit wurde es stille, es war auch kühl geworden, und ich hörte Stimmen deutlich und bestimmt reden. Die Kirschen sind schön und groß, liebe Frau, sagte ein Mann, die Du vom Markt gebracht hast, gieb sie nur gleich den Kindern, die schon lange darnach ausgesehn haben. Wenn nur nicht so oft in dieser Sorte die fatalen Maden wären, sagte sie. Jetzt hört' ich Kinderstimmen. Die Kirschen! die Kirschen! schrie Klein und Groß, Knaben und Mädchen durch einander. Die Mutter theilte nun Allen aus, so viel ich begriff, und die Stimme eines Jungen rief: die Dicke da, der Knurps soll mir schmecken! Halt! rief die Mutter, wollen erst nachsehn, – und auf brach sie mein saftiges Wohnhaus und sagte sogleich: richtig, sieh den dicken Wurm. Der Vater, ein stämmiger, großer Mann, wie ich jetzt sah, 234 sagte: Ei! der Teufel würde den Peter auch nicht geholt haben, der frißt, was ihn nicht frißt, so ein Wurm ist ja auch Kirsche, so gut wie die Milbe, genau genommen, wieder lebendiger Käse ist, der erst aus Milch gerann, die von der lebendigen Kuh kam. Das müssen wir Menschen so genau nicht nehmen, denn sonst würde es uns wie dem blöden Hunde ergehn. Fressen und gefressen werden, so dreht sich Alles im Kreise herum.

Mag seyn, sagte die Frau, aber wenn man es weiß und es gesehen hat, so ist es doch ekelhaft. Damit warf sie die Kirsche mit dem Wurm zum Fenster hinaus in einen fließenden Bach. Ich hatte mich gleich von meinem Quartier losgemacht und schlüpfte jetzt, da es mir sicherer schien, ein lebendiges Wesen zu bewohnen, in ein kleines Heimchen, das da vorbei lief. Davon habe ich meinen Namen, der mir gegeben wurde, als man mich wieder zu Ehren im Elfenreiche annahm. Es sollte mich an meine Schicksale erinnern und für die Folgezeit vorsichtig machen. – Leider hat es das nicht gethan. – Hier fing Heimchen an zu weinen.

Ruhig! sagte Ledebrinna, kommt zu Ende. Ich wollte nur, ich könnte euch zum Possen aufwachen, um euch das Maul zu stopfen. –

Jetzt lebte ich, sagte Heimchen, im Kamin in dieser Familie. Meiner Natur nach mußte ich in der Nacht und schon am Abend zirpen und schrillen. Höre, Mutter, sagte die kleinste Tochter, wir haben wieder ein singendes Heimchen.

Mein Leben wäre hier in der Vorstadt bei den Handwerksleuten ein ganz erträgliches gewesen, nur daß der Mann ein Gerber war. Ach! Rohrdommel, Du kannst nicht glauben, wie traurig das ist, immer die abgezogenen Häute von allerhand Thieren zu sehen, und wie die Felle nun auf verschiedene Art mazerirt, gefoltert und zerarbeitet werden. An 235 vielen Thieren und Thierchen, wenn sie sich so schlank und schnell bewegen, wie glänzt da das Fell, wie polirt sieht es aus. Aber so abgezogen, in der ganzen scheußlichen Gestalt, eingeschrumpft, hie und da Fett und Blut angetrocknet; und dann der Geruch! Seitdem ist mir nichts in der Welt so widerwärtig und ekelhaft, als das sogenannte Leder. Vor Schusterbuden und Handschuhläden, wenn sie auch alles parfümiren, kann ich schaudern. Diese Jugend-Eindrücke werden sich bei mir nie verlieren. Und nun gar – sie weinte wieder so heftig, daß das Schluchzen ihre Stimme erstickte.

Dummes Gesindel! sagte Ledebrinna eifernd; was die Welt doch den Vorurtheilen ergeben ist! Der Krebs mit seinem Harnisch, der Fisch mit seinen Schuppen ist wohl etwas Besonders. Und das menschliche Fleisch nun gar!

Rohrdommel tröstete, so gut er konnte, und Heimchen erzählte nach einer Pause so weiter: Als einmal die Schornsteinfeger kamen, warfen sie so viel Ruß aus dem Kamin herunter und arbeiteten so eifrig, daß sich auch ein Stein ablösete, der das Heimchen, in dem ich wohnte, erschlug. Ich schlüpfte sogleich in ein junges Kätzchen, welches nicht weit davon in der heißen Asche lag. Jetzt hatte ich bei den Kindern gute Tage, eine alte Katze nebst zwei jungen war noch mit mir im Hause. Sie spielten mit uns, und wir Katzen unter einander, so hübsch über einander springend und fallend, so allerliebst hüpfend und neckend, in so seltsamen und doch graziösen Posituren, daß vieles, was ich nachher auf den Elfenfesten und auf den gefeyten Wiesen gesehen habe, nicht hübscher und anmuthiger ist. Als mein Kätzchen größer geworden war, vermochte ich es durch meinen Einfluß dahin, daß es aus dem Hause und von der Familie weg lief, denn mir war alles darum zu thun, um von dem verfluchten Leder weg zu kommen.

236 Leder und immer Leder, brummte Ledebrinna: solch' einfältiges Volk würde sich nimmermehr in unsere lederne Kunst-Akademie aufnehmen lassen.

Im andern Hause, fuhr Heimchen fort, wohnte ein Buchbinder, und da ich mich als Katze sehr einzuschmeicheln wußte, so nahm er mich in seinen Dienst. Ich merkte es erst nach einiger Zeit, daß ich doch wieder mitten im Leder saß. Zwar war Papier, bedrucktes, auch anderes von glänzenden Farben, Pappe, Leim, Holz und Schrauben und Pressen da, aber die Hauptsachen waren die schönen grünen und rothen Maroquin-Felle, auf welche er dann die zierliche Vergoldung anbrachte, das marmorirte oder hellgelbe Kalbsfell, die Juchten, die mir wieder garstig vorkamen. Dem Mann war es aber durchaus nicht um meine Gesellschaft zu thun, sondern ich sollte ihm die Mäuse wegfangen, die seinem Gewerbe, und allen den Büchern sehr gefährlich waren.

Natürlich, sagte Ledebrinna, um ihrer selbst willen sich eine Katze halten! was das für unreife Gedanken sind.

Von Katzen nichts! rief Rohrdommel, ich könnte mich vor Dir fürchten, Heimchen, wenn ich denke, daß Du einmal ein so garstiges Thier gewesen bist.

Heimchen fuhr fort: Ich hinderte die Katze, ihren Beruf zu erfüllen, denn meinem Gefühl war dies Geschäft, Mäuse wegzufangen, widerwärtig und zu gemein, und da meine Kraft stärker war, als die des Thieres, so ward aus ihr eine unnütze Katze. Wie der verständige Buchbinder das merkte, war auch sein Entschluß gefaßt. An einem hübschen Morgen, ohne nur zu sagen: Vorgesehn! stülpte uns, mir und der Katze nehmlich, die Magd einen Sack über, ging mit diesem nach dem Flusse und schüttete ohne Umstände die Katze aus dem Sacke in das fließende Wasser. Ich fühlte es im Thiere, wie diesem eine solche Behandlung höchst 237 zuwider war, indessen sah ich mich nach einem Zufluchtsort um, da die Katze, ihrer Natur nach, es im Wasser nicht lange aushalten konnte. Ich hatte wieder keine Wahl und die Zeit drängte. Da stand am Ufer eine Ratte, die, wahrscheinlich aus Schadenfreude, ihrer angebornen Feindin nachsah, die nur noch kurze Zeit mit den Wellen kämpfte. Ich schwang mich durch meinen Willen in die Ratte hinein, und lief mit ihr gleich in einen nahen Keller.

Heimchen hielt eine Weile inne, und sagte dann mit kläglicher Stimme: Ach! Rohrdommel, ich mußte doch wohl zu hart die Sünde meiner Eltern büßen? Nicht wahr? Ich saß jetzt in einem Thier, welches von Göttern und Menschen verabscheut wird. Dies Nagethier machte sich nun an Alles, auch an Leder, dem ich stets aus dem Wege ging. Ich wünschte wenigstens in den obern Regionen zu leben, und trieb meine Ratte in die höheren Stockwerke. Ich lebte hier etwas besser, aber bald spürten die Bewohner der Zimmer die Ratte. Es waren zwei ältliche Menschen, Bruder und Schwester, die ein stilles häusliches Leben führten. Sie lasen viele Bücher, und zwar von den neuen, frommen; auch merkte ich, daß sie alle übrigen Menschen verachteten, weil keiner ihnen gottselig genug dünkte. Oft sangen sie des Abends lange Lieder, die mir, besonders von ihrer Stimme abgeschrieen, fürchterlich vorkamen. Sie legten Gift, um die Ratte hinzurichten, da ich aber die Witterung davon hatte, verhinderte ich das Thier, davon zu genießen. Die Alten waren untröstlich, da weder Fallen noch Gifte etwas fruchteten. Da sangen sie in der Nacht wieder, und lasen von Hölle und Satan und den Legionen der bösen Geister und vertieften sich in ihrer Andacht so, daß Mitternacht schon vorüber war, und sie immer noch kein Ende finden konnten. Aber was sie lasen und sangen, war so tolles, verwirrtes 238 und widerwärtiges Zeug, die Verse der Gedichte so abscheulich, daß meine Ratte, die im Winkel Alles mit anhören mußte, es sich zu Gemüthe zog und an dem Unsinn krepirte. Es kam mir so unerwartet, daß ich mich nicht gleich zu fassen wußte. Sollte ich in eine von den alten Gestaltungen übergehen? Es schien mir doch zu fürchterlich, in einem solchen Wohnhause mein Leben zu führen. Ich schlich also aus der Stube und die Treppe hinunter, in der Gestalt, die ich als Fee würde gehabt haben. Ich war in diesem Augenblick sicher und meinte, meine Verfolger hätten mich wohl vergessen, oder würden mich in dieser Gegend nicht suchen. Aber trau doch einer diesen geistigen Spürern! Sie haben sich seit Jahrhunderten in ihrem Handwerke gar zu gut eingelernt. Ich war kaum, dem menschlichen Auge unsichtbar, auf die Straße getreten, als ich mich auch schon von zwei Geistern ergriffen fühlte. So flogen sie mit mir zur Stadt heraus, und kaum waren wir im Freien, so umschwirrten und umflüsterten mich Schaaren von schadenfrohen Elfen. Wir haben sie! Wir haben sie! sangen und jauchzten sie alle, aber in leisen Tönen. Nun wird Rosenschmelz, sagten andre, ihre Sünde nicht mehr leugnen können! Es war Herbst und der Wein war in der Lese; auch kelterte man schon in einigen Bergen. So flatterten wir durch die Weingebirge, bis einer von den Spürgeistern sagte: Wir kommen doch nicht mehr zur Herbstfeier bei Oberon an, laßt uns hier ein Weniges ruhn und ein Mäßiges von den süßesten und feinsten Weinbeeren genießen. Sie banden mich so unter einen großen Traubenstock, zwei Wächter neben mir, die andern flogen umher und witterten sich die süßesten Beeren aus. Sie bohrten sie mit kleinen Tannen-Nadeln an und schlürften dann den anmuthigen betäubenden Saft. Es währte nicht lange, so hörte ich von fern das Jubeln der Feen und Elfen. Ich 239 überredete meine Wächter, sich doch auch zu erquicken, da ich ihnen doch nicht entrinnen könne. Sie folgten meinem Rath und zapften aus der dicken vollen Traube: sie waren selbst so gutmüthig, mir die Bande abzunehmen, damit ich mich auch stärken könne. Ich hütete mich aber wohl, etwas mehr zu thun, als von dem herrlichen Safte nur zu nippen. Gestärkt wurde ich, klüger und vorsichtiger, da die übrigen alle, so wie meine Wächter, sich mit jeder Minute mehr vergaßen. Schon taumelten und sangen einige possirliche Lieder, die darum so lustig sind, weil gar kein Verstand in ihnen steckt. Alle hatten sich sichtbar werden lassen, und wenn ein Sterblicher sich jetzt in unsre tolle Fastnacht hinein verirrt hätte, – was hätte er wohl denken oder sagen müssen? Das war natürlich das erstemal in meinem Leben, daß ich einem trunknen Gelage der Feen beiwohnte. Das ist noch viel komischer, aber auch viel harmloser, als wenn Menschen ihren Verstand im Weinkruge lassen, und die Geister entfesseln, welche im nüchternen Zustande in ihnen ruhen und stillschweigen. Ihr Tanzen war besonders komisch und ich mußte laut lachen, so oft uns wieder eine Gruppe vorüber schwärmte. Auch hatten sich im Rausche die seltsamsten Gestalten entwickelt, denn wie die Menschen sich auf ihren Maskeraden gern seltsam entstellen, die wunderlichsten Larven vornehmen und die widersinnigsten Kleider tragen, gerade so machen es die Elfen in den Gelagen, wo eine ungebundene Laune herrscht. Bald ward es stiller, denn der Geist des Weines führte den Schlaf herbei. Auch meine Wächter wurden von dieser Betäubung der Sinne gebunden. Als ich versichert war, daß sie fest schliefen, nahm ich meine Gelegenheit wahr, und da gerade ein Füchslein still und gebückt vorüber wandelte, sprang ich in dieses kluge Thier hinein. Nun war ich fürs erste gesichert, daß keiner mich erkennen würde. Ich schlich als 240 Fuchs leise durch den Weinberg, betrachtete mir noch die komischen Gruppen der Schläfer, unter denen sich viele zärtlich Liebende befanden, und trabte dann dem Walde zu.

Jetzt nahte schon der Winter. Die kurzen Tage und langen Nächte fielen mir in den Forsten sehr unbequem. Aber neu und doch wieder erfreulich war mir dieses Waldleben, welches ich noch nicht hatte kennen lernen. Auch war mir der Umgang mit den andern Thieren angenehm. Die Launen dieser, ihre Gefühle und Lebensweisen, ich möchte sagen ihre Gedanken, alles ganz anders als bei den Hausthieren, bei denen so viel Menschliches übergegangen ist, die zuweilen sich wie die Affen der Menschen anstellen. Es ist nicht zu sagen, was so ein Häschen verständig ist: wie es die Art und Weise seiner Verfolger, der Hunde und Jäger kennt. Aber ein Meister in dieser Waldweisheit ist der ältere, wohlerfahrne Hirsch. Er weiß genau, wenn die Jagdzeit anhebt und wie lange die Jägersitte ihnen freie Sicherheit gewährt. Nun geht die Jagd auf und der Krieg der Gewalt und List zwischen Mensch und Wild ist erklärt. Das ist das Geringste, daß der Jäger sich gegen den Wind dem Hirsche muß zu nähern suchen. Das edle Wild hat ein so leises, feines Gehör, daß es auch in großer Ferne schon die Blätter knistern, das Gras rauschen hört, den leisesten Fußtritt auf dem harten Stein vernimmt und unterscheidet. Er weiß es, ob diese Schritte sich rechts oder links wendeten. Er weiß sich oft so stille zu halten, daß auch der gewandteste Schütze seine Fährte verliert. Findet der Mensch die Spur wieder und nähert sich ihm, so macht er seinen Kriegesplan und Rückzug, bald rechts und links ausbeugend, daß es ein Feldherr nicht weiser veranstalten könnte. Alles dies nennen die Menschen Instinkt. Nun gelingt es doch zuweilen, daß der Mensch das Thier überlistet, oder oft nur in der 241 Geduld überdauert. Denn ich habe es wohl gesehn, daß der verständige Hirsch überwacht, voll Sorge, stets aufmerkend, gleichsam endlich zerstreut zu lange still stand und vom Jäger überschlichen wurde. Nun war er einen Augenblick so erstaunt, daß er noch verweilte und getroffen fiel. Ein solcher Kernschuß, auf welchen die Jäger immer so eitel sind, ist darum nicht immer der Beweis der großen Geschicklichkeit. Rührend ist es zu sehn, wie das schöne Thier seinem Gegner dann gegenüber steht und ihn mit den braunen Augen so treuherzig anblickt. Die Augen der Thiere lernt man auch recht kennen, wenn man eine Zeitlang, so wie ich, als flüchtiger Abentheurer leben muß. Hirsch und Reh blicken schön und rührend, die ganze furchtsame Klugheit aus dem Auge des Hasen, der Fuchs, der immer lauschend von unten nach oben lauscht, das Kaninchen, was im Sprunge Alles anschaut, und wenn es frißt, so behende mit den röthelnden Augen zittert, Alles charakterisirt im Auge das Wesen; das häßlichste Auge ist das glänzend scharfe der Ratte. Viele Menschen haben denselben schwarzfeurigen Blick, der auf völlige Gemüthlosigkeit deutet. Wie lieblich ist dagegen das erste Auge der Kätzchen, ganz so blau und harmlos, wie das Vergißmeinnicht, bis es sich dann grün und funkelnd spaltet, plötzlich in einer Nacht. Der kluge braune Umblick der Pferde, immer sehr verschieden nach ihrer Gattung: noch mehr beim Hunde, jeder in seiner Art, schmeichelnd, bittend, treu und trotzig. Das sich aber über Alles, straff und springend, verwundernde Kalb, und der ruhige, gleichgültige Blick des Stiers. Das witzige, ironische Auge der Ziege, und so in das nicht so mannigfache und geistreiche Auge der Vögel hinauf. Alles findet man beim Menschen wieder, und oft zwei Gattungen vereinigt. Betrachtete aber der Jäger genauer den schönen Ausdruck im Auge des Hirsches oder Rehes, 242 ich glaube, er könnte es niemals über sich gewinnen, ein solches Thier zu schießen. Weit eher wilde Sau und Eber, denn dieses Vieh wirft Blicke, wie die Ratte. Aber freilich, Grausamkeit ist in viele Vergnügungen des Menschengeschlechts beigemischt und macht vielleicht die Würze derselben. – Rohrdommel! schläfst Du vielleicht wieder?

Beinah, sagte der Kleine, indem er sich in seiner Rose behaglich ausdehnte.

Freilich ist es alles langweiliges Geschwätz, sprach Ledebrinna.

Ich bin gleich zu Ende, sagte Heimchen, nur etwas Geduld. Ich hatte schon diesen Winter bemerkt, daß von Zeit zu Zeit Geister im Walde herum spukten. Das war noch auffallender, als sich die Frühlingszeit näherte. Ganz früh am Morgen stand ich neben einem schönen Hirsch, der sehr aufmerksam in den Wald hinein lauschte, plötzlich ein Schuß, er stürzte, und ehe ich mich von meinem Schrecken erholen konnte, streckte die Kugel eines zweiten Schützen meinen Fuchs dahin. Der Schreck hatte mich so überwältigt, daß ich, ohne mich zu maskiren, in meiner Geistergestalt, wenn auch den Jägern unsichtbar, dastand. Nun zogen mich Hände die Bäume hinauf, und mit mir nach der Ferne. Es war eine Gesandtschaft, der närrische Puck an ihrer Spitze, die mich aufsuchte. Meine Eltern hatten sich mit den Regenten und geistlichen Fürsten wieder ausgesöhnt, ich war als rechtmäßig geborne Fee anerkannt und wurde feierlich in den Orden aufgenommen. Meine Mutter hatte mich sehr lieb, mein Vater weniger, der sich überhaupt zur Verdrüßlichkeit neigte, zum Theil schon deswegen, weil bei dem erneuerten Ehebündniß die Ausübung und Fortbildung seines Schlaftalentes gänzlich war untersagt worden. Man glaubte dadurch die Uneinigkeit in der Ehe aufzuheben. Nun wendet sich aber 243 der Widerwille meines Vaters noch ausdrücklicher gegen meine Mutter, die diese Klausel im neuen Pakt vorzüglich bewirkt hatte, und es geschah fast täglich, daß er alle dem widersprach, worauf sie ihre Wünsche richtete. So kamen Jahre, so gingen Jahre hin. Ich war froh, daß ich von jener schrecklichen Dienstbarkeit erlöst war, und doch wurde mir oft die Zeit ziemlich lang. Ich hatte bei den Menschen und während meiner Umwandlungen Manches gelernt, meine Kräfte waren erstarkt, so daß ich in den Kenntnissen der Feenwelt schnellere Fortschritte machte, als die meisten meines Alters. Aber während meines langen Umganges mit Menschen und Vieh hatte mein Charakter etwas Schroffes angenommen, ich war zum Jähzorn geneigt und brauchte, wenn ich mich ereiferte, nicht immer die ziemlichsten Ausdrücke, sondern auch wohl solche, die ich während meiner Universitätszeit von gemeinen oder rohen Menschen gehört hatte. – Nun kam es, daß ich mich in Deinen Kuckuk verliebte. Ein ausbündig hübsches Bürschchen, der aber gar keine Conduite hat, denn sonst wäre es ihm ein Leichtes gewesen, sich bei meinem alten Vater Endymion einzuschmeicheln, oder ihm zu Zeiten zu imponiren. Beides konnte er erreichen, wenn er meiner guten Mutter nur zu Zeiten widersprach und etwas grob gegen sie war. Der meinte aber, mit der Gunst der Mutter habe er schon Alles gewonnen und sei damit Hahn im Korbe. So kam es denn, wie ich es vorher gesehen hatte, mein Alter erboßte sich immer mehr, und so wie er, selbst nach Jahrtausenden noch, den sterblichen Menschen nicht ganz verwinden konnte, so fiel er auch auf eine menschliche Erfindung und gab mir förmlich seinen Fluch. Nun war der offenbare Krieg erklärt, und nur von der Länge der Zeit konnte man Milderung und Umänderung erwarten.

Dazu war ich aber zu heftig und ungeduldig. Alle Tage 244 gab es neuen Verdruß, und so wie ich heftiger wurde, ward mein alter Vater eigensinniger, der nun eine Ehre darin suchte, mir und der Mutter nicht nachzugeben. So ward denn, nach unsern Statuten, das ehrwürdige Konsistorium zusammen berufen. Der alte, feierliche Domgall, der ziemlich dick geworden ist, meinte, er müßte es mit meinem Vater halten, damit die väterliche Autorität nicht ganz in Mißkredit käme. Wie nun alle Richter versammelt waren und selbst König und Königin zugegen, so meinte der Wunderliche, er müsse sich diesmal ein ganz besonderes Ansehn geben. Es waren Geister zugegen, die eine ganz besondere Schadenfreude hatten, mich, nach ihrer Meinung, gedemüthigt zu sehn, weil ich ihre Liebeswerbungen früherhin ziemlich schnöde abgewiesen hatte. So wurde die Nacht, in welcher Alles geschlichtet und der Versöhnung entgegengeführt werden sollte, eine Stunde des Unheils für mich und den armen Kuckuk, der sich dazumal etwas zu ruhig verhielt, und sich gar nicht als Mann und ächter Bräutigam zeigte. Ich zankte mich tüchtig, und, was ich seitdem mit so vielen Thränen beweint habe, ich schalt den geistlichen Fürsten, unsern Domgall, mit unanständigen Ausdrücken. Das ganze Feenreich wurde ernsthaft und zitterte für mein Schicksal, und – da fuhr mir ein Schimpfwort heraus, ein abscheuliches, welches ich in dem niedrigsten Zirkel der Sterblichen gehört und mir eingeprägt hatte, welches mein Elend entschied. Ach! darin sind wir wie die Kinder der Sterblichen, dergleichen Unanständiges behält man gar zu leicht und wendet es nur gar zu gern wieder an. Ach! weißt Du denn, lieber Rohrdommel, die gräßliche Geschichte –

Ich kenne wohl das Wort, sagte Rohrdommel, womit Du den geistlichen Herrn geschimpft hast: es ist ehrenrührig genug, aber dabei doch komisch, wenn ich mir die feierliche 245 Miene und die Autorität und Positur des erhabenen Domgall vorstelle. – Rohrdommel lachte laut.

Was mag denn das für ein Schimpfname gewesen seyn? dachte Ledebrinna, und ging die gewöhnlich gangbaren durch, ohne doch den rechten zu treffen.

Lache nicht, mein Freund, sagte Heimchen in sehr kläglicher Weise, denn dieses einzige Wort, das ungeheure, diese furchtbare Sylbe, die verhängnißvolle, hat allein mein tragisches, entsetzliches Schicksal entschieden.

Ja, sagte Rohrdommel, seitdem bist Du verloren gegangen, keiner wußte, was aus Dir geworden sei.

To be or not to be, that is the question, fuhr Heimchen fort: ob es edler sei, alle Pfeile des Schicksals geduldig zu ertragen, oder ob es dem Geiste besser anstehe, sich zu widersetzen: diese ewig nicht aufzulösende Frage schien mir damals gar nicht der Rede werth, gar keine Frage zu seyn. Ich hätte dulden sollen, aber ich warf mich mit wahrer Bosheit in die Widerspenstigkeit. – Kaum war das Wort, das unbedachte, meinen Lippen entflohen, so erhob sich ein so ungeheurer Tumult im Feenreich, wie er gewiß seit Jahrtausenden nicht stattgefunden hat. Mich, die ich mich erst so muthig dünkte, befiel ein ungeheurer Schreck! Ich entfloh, und alle Geister mir nach, am lautesten Domgall und seine Heerschaar. Die es gut mit mir meinten, blieben aus Furcht zurück. Ich schoß wie ein Blitz dahin, denn ich hatte Kraft und Erfahrung genug gewonnen, aber meine erboßten Feinde waren nicht langsamer, als ich. Ich verwandelte mich eilig in allerhand Gestalten, aber nichts wollte mir fruchten. Der Vollmond schien hell und alle Sterne schimmerten im lichtesten Glanz. Ich stürzte durch Wälder, es fruchtete mir nichts, ich tauchte in die See, aber vergeblich, ich flammte wieder empor, und siehe da, meine Feinde, die sich nicht hatten irre 246 machen lassen, waren an meinen Fersen. Ich zog rechts, ich zog links alle Kräfte der Atmosphäre und des Firmaments an mich, durch meine Magie rief ich den Zauber der Sternregion, wo ich einheimisch bin, herbei, ich dachte, es müsse mir gelingen. Ein großer Feuerstrom entzündete sich am nächtlichen Himmel, eine goldene Straße bildete sich, auf der ich flammend einher fuhr, – aber umsonst, meine Feinde waren älter und erfahrner als ich selbst und ließen sich nicht schrecken, – so tauchte ich nieder und fuhr mit meinen Kräften, die ich aus den lichten Sternen und aus dem Firmamente gezogen, hernieder. Ein Ort im Gebirge liegt fast zwei Tagereisen von hier, ein anmuthiges Städtchen. Ich schwebte über einem Garten. Da drinnen stand ein Mann, der die Arme rasch, aber mit Anmuth bewegte und den Kopf hin und her drehte, wie von Enthusiasmus angeregt. Ich hatte wohl von jenen jungen feurigen Deklamatoren welche gesehn, die sich nicht selten in den Salons hören lassen, die aus übertriebenem Schönheitsgefühl jedes Wort accentuiren und vor lauter hochgespannter Empfindsamkeit nicht zum Gefühl kommen können, ich dachte, ich schwebe über einem solchen Kunstjünger – stürzte mich in diesen, – und war freilich für den Augenblick gerettet.

Eine lange Pause. Endlich sagte Rohrdommel: Nun? Mich dünkt, Du heulst und weinst noch weit herzlicher, als zuvor.

Ohne Zweifel, antwortete Heimchen, – denn – o schaudervoll! höchst schaudervoll! – denn – o der Finger der rachekundigen Nemesis! – denn – wo war ich hingerathen?

Hier liegt er ja, unter mir, sagte Rohrdommel.

Es war gar kein Mensch, jammerte Heimchen, in welchen ich gefahren war: es war eine abscheuliche künstliche 247 Vogelscheuche, die ein närrischer Künstler aus gebranntem Leder angefertigt hatte.

Ist es möglich? schrie Rohrdommel im höchsten Erstaunen, sprang auf und stellte sich hoch in seiner Rose auf seinen Fußzehen.

Ja, ja, sagte Heimchen klagend, der Balg, auf welchem Du sitzest, ist eigentlich gar kein Mensch. Aber, o Wunder, so wie ich in ihn gefahren war, konnte er sich freiwillig bewegen, dazu kam der magische Einfluß der Sternenkräfte, die tellurische und Mond-Gewalt, die ich an mich gezogen hatte, – kurz, er lief, so wie er sich nur ein wenig auf sich selbst besonnen hatte, mit mir davon und hieher. Ohne es zu wissen, hatte ich einige der theuersten Edelsteine mit mir genommen, denn ich dachte in jener Nacht verlobt zu werden, er warf den alten Anzug von sich, kaufte einen neuen, nannte sich Edelmann und machte sich hier zum Orakel dieser kleinen Stadt. Nun will er, als scheinbarer Mensch, und eigentlich ist er auch wohl ein solcher (wie sie denn nun zuweilen sind, von sehr verschiedener Art), die Tochter eines reichen Apothekers heirathen. Die hat aber einen andern, bessern Liebhaber, einen jungen, hübschen Offizier.

Oft wünschte ich mir, in einem verständigen Mann eine Zeitlang zu wohnen, denn wie schön muß es seyn, alles mitzudenken und einzusehn, was ein Begabter in seinem Innern treibt. In diesem hölzernen, oder vielmehr ledernen Klotz geht aber gar nichts vor, das Bischen von Seele, was ihm von der Sternschnuppe her anklebt, ist gerade genug, um simpel und mit stiller Gewissenhaftigkeit dumm seyn zu können: bliebe er nur so, aber nun will der Pinsel etwas Großes, einen Reformator vorstellen. Und dabei, daß ich in einem Futteral von gebranntem Leder stecken muß! Ich habe mich oft angestrengt, daß mein Geist über den seinigen 248 siegen solle, daß es in seinem Kopf lichter würde und er sich erhöbe, aber alle meine Bemühungen sind umsonst. Nun denke Dir, Rohrdommel, wie mir zu Muthe seyn mußte, als meine Lederkapsel mit mir neulich in einer großen Gesellschaft war. Er, dieser Ledebrinna, ärgerte den jungen Offizier, und dieser schöne Jüngling, der auch eben nicht fein erzogen zu seyn scheint, brauchte im Zorn denselben unanständigen Ausdruck gegen ihn, durch welchen ich mich an unserm ehrwürdigen Domgall versündigt hatte. Ermiß mein Erstaunen und meinen Schreck, als dieses grobe Wort durch seine ledernen Ohren in mein Inneres gelangte. Da fühlte ich, daß ein ewiges gerechtes Schicksal hoch über allen Sternen waltet, eine unabweisliche Wiedervergeltung. Ja, wir werden durch das gestraft, womit wir gesündigt haben.

Rohrdommel sagte: Das ist ja im Gegentheil ein höchst komisches Schicksal; und lachte laut.

Man kann es aber nehmen, wie man will, antwortete Heimchen, das Tragische und Komische gränzt vielleicht weit mehr an einander, als man gemeinhin glaubt. Und verdient irgend ein Sterblicher mit Recht jene häßliche Benennung, die mir gegen den Fürsten entfuhr, und die der Offizier nachher brauchte, so paßt sie ganz gewiß auf diesen hier so vortrefflich, daß – –

Ledebrinna, welcher schon seit lange nur mit der größten Ungeduld zugehört hatte, konnte sich nun nicht länger halten, er bewegte sich heftig mit Händen und Beinen und schrie laut: Was geht es euch denn an, ihr Lumpengesindel? Solch' armes Volk will sich so breit machen! – Ich werde euch lehren – –

Er war im Kämpfen mit der Bettdecke und den Gardinen aufgewacht, indem der Morgenhahn krähte, und Rohrdommel war verschwunden. Er sprang aus dem Bette und 249 warf die kleine Rose, die noch an ihrem Faden schwebte, wüthend auf den Boden. – Eine erzdumme Nacht, rief er aus, und abgeschmackte Träume. –

Dem Magister Ubique erzählte er nachher, daß er sich die ganze Nacht mit widerwärtigen Träumen habe herum schlagen müssen.


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