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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Scene.

Seltsamer Besuch.

Am andern Morgen, als Ledebrinna in seinen Arbeiten saß und seinen gelehrten Freund, den Magister Ubique, erwartete, trat gegen seinen Willen der Senator Ambrosius mit einer sehr feierlichen Miene in sein Studirzimmer. Ledebrinna erhob sich mit einiger Verlegenheit, setzte einen Stuhl hin und sagte: Welchem Umstand habe ich die Ehre Ihres Besuches zu danken? Wenn ich nicht sehr irre, sind Sie derselbe Fremde, welchen gestern beim Senator Dümpfellen die plötzliche Krankheit befiel, wodurch die ganze Gesellschaft erschreckt wurde. Ich hatte zwar meinem Diener befohlen, daß mich heut Niemand stören sollte –

Mein Herr! fing Ambrosius seine Rede an, um die zu lange des Legationsrathes zu unterbrechen, – mein Herr, – oder wie soll ich Sie nennen? Diese Stunde, dieser Moment ist für uns Beide von einer so hohen Feierlichkeit, daß ich den Diener fast mit Gewalt entfernt habe, welcher mir den Eintritt versagte, um ungestört mit Ihnen, mein Theuerster, bleiben zu können. Sie kennen mich also nicht?

Nein, sagte Ledebrinna, ich erinnere mich nicht, daß ich schon sonst das Vergnügen gehabt hätte, Sie irgendwo zu sehn.

Es ist erstaunlich, fing Ambrosius wieder mit einem tiefen Seufzer an: ja ein Wunder, ein unbegreifliches ist es zu nennen, daß wir uns hier, und zwar so, wieder finden müssen. Freude und Schmerz, Qual und Lust, Fremdsein und Wiedererkennen, Verständniß und das Unbegreifliche, Alles wirrt sich so in meinem Gemüthe in einander, daß ich fast, so wie gestern, dem Schreck und dem Wahnsinn erliegen möchte.

211 Sammeln Sie sich, sagte Ledebrinna, denn Sie scheinen in der That tief erschüttert.

Ich wohne, nahm Ambrosius etwas gefaßter die Rede wieder auf, in einer Bergstadt, ein sechszehn Meilen von hier, sie heißt Wegebergen; hatten Sie dort niemals eine Anstellung?

Niemals, sagte Jener, mir ist der Ort ganz unbekannt.

Oder eine Aufstellung, fuhr Ambrosius fort, man nennt es, wie man wolle. – O Mensch! o mein geliebter Robin Hood! Kannst Du denn so kaltherzig, so undankbar seyn, Deinen Verfertiger, der Dich so schön ausgeschmückt hat, nicht erkennen zu wollen? Sieh mich an, ich bin noch derselbe, der ich war. Die Freude, Dich wieder zu sehen, ist größer, als der Schmerz, daß ich Dich verloren habe: nur sage mir, wie ist es Dir möglich geworden, Dich zu einem selbstständigen Wesen, zu einem wahrhaft lebendigen Menschen zu erheben? Sprich, erzähle, gestehe mir Alles, so soll Dir ja Deine Flucht vergeben, Alles soll vergessen seyn, wir können ja auch so mit einander leben: bist Du mir als Kunstwerk, als Adonis entlaufen, so find' ich Dich als Freund wieder.

Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert.

Mein Herr, sagte Ledebrinna mit den Zeichen des größten Erstaunens, indem er seinen Stuhl weiter zurück schob – diese sonderbare Sprache, diese Titulaturen – ich bin der Legationsrath von Ledebrinna, seit einiger Zeit in dieser Stadt hier ansässig.

Ganz recht, das sehe ich wohl, Freundchen, rief Ambrosius aus, seit Du mir aus meinem Garten, aus den Erbsen davon gelaufen bist. Wo ist denn Dein schöner Hut geblieben? Und die Armbrust? Den grünen Rock und Hirschfänger, die Kamaschen, alles trägst Du nicht mehr. Ich kann 212 es entschuldigen, so schön der Anzug auch war, wenn Du ihn abgelegt hast, denn ländlich, sittlich; Dein Beruf ist jetzt ein andrer; aber anerkennen sollst Du den, der Dich geschaffen, der Dir das Dasein gegeben hat, Deinen Schöpfer mit Dankbarkeit lieben, und dem Gefühl, welches ich zu Dir trage, mit derselben Freundlichkeit entgegen gehn.

Er stand auf und befühlte, ohne anzufragen, Ohren, Kopf und Hals Ledebrinna's, lüftete die Binde, trat dann zurück und betrachtete den Sitzenden wieder von Kopf zu Füßen und rief, indem er die Hände zusammenschlug: Alles Fleisch und Gebein, wahres, wirkliches Fleisch, wie es am Menschen seyn muß. Wunder über Wunder! Wahres, wirkliches Menschenfleisch!

Und was sollte es denn sonst seyn? fragte der Legationsrath im empfindlichen Tone.

Gebranntes Leder, mein Bester, schrie Ambrosius im Unwillen darüber, daß sein Zögling immer noch so hartnäckig den Fremden spielte. Ich weiß es ja am besten, ich sein Erzeuger, woraus ich den undankbaren Patron formirt habe. Gleich gesteh' Er, Bursche, wer Er eigentlich ist, wir sind hier allein und unter uns, und es hat für Ihn keine Folge weiter.

Jetzt erhob sich Ledebrinna im höchsten Unwillen und faßte nach der Klingelschnur, doch plötzlich ergriff Ambrosius seine Hand mit einer so sanften und bittenden Miene, daß er sich wieder hinsetzte und den Ambrosius ruhig diese Worte sprechen ließ: Mein Schatz, mein Engel, mein auserwählter Liebling, geh doch nur in Dich, fasse Dir ein Herz und Gemüth und gesteh' mir Alles. Ich schwöre Dir, das Geheimniß soll ganz unter uns bleiben, kein sterblicher Mensch soll etwas davon erfahren. Ich sehe nun wohl ein, daß mein gelehrter Freund Heinzemann auf einem vertrauteren Fuß 213 mit der Natur steht, als ich bisher glauben mochte, er versteht die Konstellation der Gestirne und die Bedeutung der Kometen und Meteore, und gewiß, gewiß war es jene große, ewig denkwürdige Sternschnuppe, die wir alle in jener verhängnißvollen Nacht observirten, die, mit aller Kraft der Gestirne und des Firmamentes ausgestattet, in Dich hinein fuhr, und Dich plötzlich, durch eine Erleuchtung zum wahren Menschen umschuf. So hatte der trunkne Nachtwächter doch Recht, der Dich aus meinem Garten hatte fortfliehn sehn. O erzähle, Geliebtester, wie war es Dir denn nun, als Du zum Bewußtsein erwachtest? O das giebt ganz neue Kapitel in unsrer Psychologie. Ich bin Dein Pygmalion, zarter, lieber Mensch, und Du bist meine Galatea, dies ist nun, so viel ich weiß, das zweite Beispiel in der Weltgeschichte von einer solchen Umwandlung. O süßester Liebling, sprich zu Deinem Erzeuger, gewähre mir diese höchste Lebenslust, daß Du mich anerkennst. Welche glückliche Tage können wir mit einander leben, ganz der Kunst und Wissenschaft hingegeben. In so kurzer Zeit ist es Dir gelungen, Dich berühmt zu machen, Du sollst auch meinen Namen auf die Nachwelt bringen, Du hilfst mir vielleicht künftig bei der Verfertigung neuer Bildsäulen. Ich habe Vermögen und eine hübsche Tochter, die Dich bis zur Schwärmerei, schon jetzt bis zum Wahnsinn liebt. Enkel von Dir kann ich auf meinem Schooße wiegen, doppelt, dreifach, zehnfach Vater mich empfinden, da ich Dich, den Urheber eines neuen Geschlechtes, mit dem vollen klaren Bewußtsein meines Kunstvermögens, nicht aus blindem Instinkt hervorgebracht und in die Welt gesetzt habe. Eine neue Zeit und Aera wird von uns beginnen, und doch soll Deine Entstehung, Dein Verhältniß zu mir, aller Welt, selbst meinen vertrauten Freunden ein ewiges Geheimniß bleiben, falls Du Dich etwa Deiner Herkunft schämen solltest. 214 Das ist auch die Ursach, warum ich meinen Freunden, die mit mir hergekommen sind, noch kein Wort gesagt habe. So wie ich Dich gestern wieder erkannte, konnte ich zwar meinem Schreck nicht gebieten, aber sogleich nach dem ersten unwillkürlichen Ausruf bezähmte ich meine Zunge und fand die Gegenwart des Geistes wieder. Darum, mein Liebling, kehre mit mir zurück, genieße mit mir Alles, was ich besitze, sei mein Sohn, mein Schatz, mein Alles. – Du besinnst Dich? Du schwankst? Können meine väterlichen Thränen Dich nicht rühren? Ja, Du fühlst wie ich, und so komm an mein Herz, in meine Arme!

Ledebrinna, dessen Geduld jetzt erschöpft seyn mochte, sah den, der sich ihm jetzt für mehr als Vater so sonderbar ankündigte, mit schrägem zornigen Blicke an und stieß die weit geöffneten Arme unwillig zurück. Nun genug des Wahnsinns! rief er dann, die tolle Scene hat lange genug gespielt. Dieser Angriff auf die Ruhe eines ehrbaren Bürgers, dieser Einbruch in sein Zimmer ist gewiß auch ohne Beispiel in der ganzen Weltgeschichte. Auch werden Aerzte und Psychologen aller Länder und Zeiten geständig seyn müssen, daß sich eine Verrücktheit, wie die Ihrige, noch niemals ihren Beobachtungen dargeboten hat. Also ich war eine Vogelscheuche? Ein Kunst-Präparat Ihrer Hände? Ist so etwas schon erhört worden? Jetzt erkläre ich Ihnen nun, daß, wenn Sie nicht augenblicklich gehn und von dieser Scene schweigen, wenn Sie nicht allen Ihren eingebildeten Ansprüchen auf mich entsagen, daß ich nicht ruhen werde, bis man Sie in ein Irrenhaus gesperrt hat, wo Sie mit Ihren Kunsttrieben hingehören.

Wüthend sprang jetzt Ambrosius auf. Das Mir? rief er; so Du zu mir? Du, das Fabrikat, das elende, verächtliche Produkt meiner Hände? Fluch ihrem Fleiß, Fluch 215 ihrer Thätigkeit! Hätt' ich doch statt Deiner lieber einen Cerberus, eine Megäre oder Furie geschaffen, die könnte die Sperlinge noch besser aus den Erbsen scheuchen, als Du, Undankbarster aller Sterblichen! Dreimal Fluch meinem Schönheitssinn, der Dich, Verruchter, so herrlich ausgestattet hat. Ich konnte Dich ja, Lump, so wie alle meine Nachbarn es thun, bloß und nackt in das Feld hinausstellen, Dich dem Ungestüm der Witterung, dem Regen und den Winden Preis geben. Ein Besenstiel, ein alter durchlöcherter Hut auf diesem, einige alte zerrissene Fetzen, die im Winde wehen, zwei Stöcke höchstens noch als Arme. Auch so hättest Du Deine Bestimmung erfüllt. Aber ich wollte höher mit Dir hinaus, die Liebe und die Eitelkeit des Vaters verblendeten mich, Du solltest aus einem andern Stoff als alle Deine Zunftgenossen und Familienmitglieder seyn. Vielleicht soll es ein ewiges Weltgesetz bleiben, daß eures Gleichen nicht anders ausschauen, als wir sie draußen gewahr werden, und Dein Herz, Deine Gefühllosigkeit beweisen, daß Du keines höhern Adels bist, als jene im Winde flatternden Lumpengestalten. – O Undank des Kindes! wie der alte Lear so herzzerreißend ausruft. Aber, so fahre ich auch in seiner Rolle fort, Du sollst sehn, sehn sollst Du, daß ich meine Gewalt, die Du nicht anerkennst, wieder annehmen werde. Ich gebe meine wohlerworbenen Rechte an Dir nicht auf. O Patron, Er wird eine Rechnung sehn von Unkosten, die Er mir gemacht hat, daß seine ehemals ledernen Haare sich aufrichten werden. In die Erbsen soll Er wieder hinein, so dick und groß Er da ist. Ich werde mir mein Eigenthum nicht so leicht nehmen lassen. Auf sein Postament wird Er wieder hingestellt, und diesmal mit eisernen Nägeln und Klammern fest gemacht, daß Er sich nicht wieder einfallen lassen kann, noch einmal davon zu laufen. O Er Armseliger! 216 Was, wo wäre Er ohne mich? Und wie Ihn, Flegel, eine Sternschnuppe unwissend meiner und gegen meinen Willen zum scheinbaren Menschen gemacht hat, so hüte Er sich doch ja, ins Freie zu gehn, ein Mehlthau, der auf Ihn fällt, eine Schwalbe, die auf Ihn was hinunter schmeißt, vollends ein Irrlicht, was in die dumme Maschine flackernd hinein springt, können Ihn wohl gar zum Krokodill oder einem simpeln Maulaffen machen, wie Er eigentlich schon ist. Schon gut, es giebt noch Recht und Gesetz im Lande, ich will doch sehn, ob Er sich oder mir angehört!

So stürmte er fort und stieß in der Thür fast den Magister Ubique um, welcher ihm begegnete und sich über diese ungestüme Eil verwunderte. Mit dem Magister verschloß sich der Legationsrath, und beide rathschlagten lange im Geheim.


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