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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehnte Scene.

Spielt wieder in Orla. Die verbündeten Freunde machen sich zur Abreise gefaßt.

Ambrosius war indeß in Orla angekommen, und diesesmal bei seinem Freunde Peterling, der einen großen Gasthof hielt, abgestiegen. Ich bringe meine Tochter Ophelia, die mich in meiner Krankheit recht liebevoll gepflegt hat, sagte Ambrosius, diesmal doch nicht mit, wie ich es mir erst vorgesetzt hatte. Sie ist noch zu angegriffen, es war mir daher erwünscht, daß sie mit einer reichen Tante, die ihre Gesellschaft liebt, durch den größten Theil von Deutschland reisen kann. Dies ist ihre erste große Reise, und sie wird auf dieser ihre Nerven wieder stärken und durch die vielfache Abwechselung der Gegenstände sich von ihrer tiefwurzelnden Leidenschaft etwas zerstreuen. – Seit ich mich wieder kräftiger fühle, habe ich an alle Freunde, so wie an viele 182 Kunstsammlungen, und selbst an den Vorsteher des Museums in London eine genaue Beschreibung meines mir geraubten Kunstwerkes gesendet, ob ich dessen auf diesem Wege vielleicht wieder habhaft werden könnte. Ich kenne aber die Gesinnung der jetzigen Welt. Wenn es einem Intendanten, Inspektor oder Gallerie-Direktor angeboten wird, wird keiner von ihnen dem Zauber dieses hohen Meisterwerks widerstehen können, Alle werden es fest halten, es erst eine Weile verbergen und dann, wenn sich die Kunde des erschrecklichen Raubes verfinstert hat, an das Tageslicht bringen. Meine Mitbürger sind nun natürlich durch diesen Kirchenraub so abgeschreckt und eingeschüchtert worden, daß vor einem Jahrhundert nicht daran zu denken ist, sie wieder zu begeistern. So ist mein Leben ein unnützes, ein verlornes, welches mir so herrliche Früchte, hesperische goldene Aepfel zu tragen schien. Jetzt muß ich mich ganz auf mein Haus und meine geliebten Freunde beschränken, mein Talent nur für Kleinigkeiten anwenden und im Geist meiner Ophelia wenigstens die heilige Flamme auf dem Altar weihen und anzünden, die wohl einst noch aus meinen Enkeln und Urenkeln glänzend aufleuchten möchte.

Es ist recht gut, sagte Peterling mit verdrüßlicher Miene, daß diesmal Deine Tochter nicht mit gekommen ist, denn bei ihrer Jugend und Reizbarkeit könnte sie hier doch nur eine sehr überflüssige Rolle spielen.

Wie so? fragte Ambrosius mit gespannter Aufmerksamkeit.

Ach! man soll Niemand für gut halten, fuhr Peterling grämelnd fort, und auch der alte Ausspruch unter guten Deutschen wird wurmstichig, daß man mit einem Freunde einen Scheffel Salz essen müsse, um zu wissen, was an ihm ist, und in wie fern man ihm trauen könne.

Was ist Dir? fragte Ambrosius erstaunt; ich kenne Dich 183 nicht wieder, Du, der heitre Mann, der Spaßmacher, in dieser ganz verdrüßlichen Laune?

Ich bin so böse auf unsern Astrologen, den fatalen Heinzemann, fuhr Peterling heraus: wir haben uns in dem Schwärmer alle garstig geirrt.

Nun so erzähle, rief Ambrosius, indem er sich niedersetzte.

Er spielte, Du weißt es, sagte Peterling, immer den Abstrakten, der sich ganz in überirdische Wissenschaften und Anschauungen versenkte. Der alte Sünder kümmert sich jetzt weder um Mond noch Sterne, sondern führt ein ganz skandalöses Leben, wie ein junger Bruder Liederlich.

Ei! so muß ja das Donnerwetter – rief Ambrosius, indem er vom Sessel aufsprang.

Bleib sitzen, sagte Peterling, Du wirst heut selbst die saubere Wirthschaft draußen gewahr werden. Als der Mensch damals meine Schwester begrub, und er über den Tod der Frau so unmäßig traurig war, daß er nichts that als weinen und Leichen-Gedichte und Predigten lesen, dachte ich nicht, daß er noch einmal so tief sinken könne. Er hat sich seit kurzer Zeit eine Maitresse kommen lassen, ein scharmantes junges Mädchen, ein so reizendes Kind, als man nur irgend sehen kann. Die ist jetzt Tag und Nacht bei ihm, hier sowohl wie draußen auf seinem Gute. Sie geht als ein Jockey gekleidet, und hilft manchmal bei der Garten-Arbeit, sie hält ihm auch seine Kleider sauber und rein, aber alles das kann mich nicht verblenden, denn wenn der Junge nichts als einen Bedienten vorstellen sollte, so würde er nicht so vertraulich mit ihm umgehen. Das Mädchen sitzt oft am Tisch, ißt aber sehr wenig, und der Alte ist so vernarrt, daß er nicht mehr ohne sie seyn kann.

Sonderbar! sagte Ambrosius, ich kann mich von meinem Erstaunen noch gar nicht wieder erholen. Dieser gesetzte, 184 geregelte Mann, der niemals dergleichen Neigungen verrieth! Und was sagt die Stadt dazu? Wie benehmen sich seine Bekannten?

Die Dummköpfe, erwiederte der finstere Peterling, glauben an die Lüge, daß es ein junger Bedienter sei.

Aber wann, wie, woher hat er denn das junge Wesen? Was hat er denn Dir darüber gesagt?

Peterling lachte mit dem Ausdruck des Zornes. O mir, sagte er dann, will der Astrolog ein Mährchen aufheften, als wenn ich selber ein junges Mädchen von sechs Jahren wäre. Er erzählte mir feierlich im Vertrauen und unter dem Siegel des Geheimnisses, das junge schöne Wesen sei ein junger Elfe von dreihundert Jahren, den er sich neulich in der Nacht in seinem Garten durch eine künstliche magische Vorrichtung von geflochtenen Blumen und Staubfäden und dergleichen Kauderwälsch eingefangen habe.

Unerhört! unbegreiflich! rief Ambrosius; – aber ich bin doch äußerst gespannt, die wunderliche verdächtige Sache selbst in Augenschein zu nehmen.

Wir wollen gleich gehn, sagte der mürrische Peterling, ich muß nur noch meinen Oberkellner abwarten, den ich verschickt habe. Er lebt jetzt bei dem schönen Wetter meistens draußen, der Heinzemann, da schwatzen sie denn und sind lustig und guter Dinge; aber kein vernünftiges Wort kommt seitdem mehr ans dem Munde des Philosophen, so ganz vernarrt ist der alte verdrehte Mensch. Er liebäugelt mit dem Dinge, schwatzt thörichtes Zeug durcheinander, – und sie, – o – Freund Ambros –

Nun, was denn, fragte Ambrosius mit großer Aengstlichkeit? Was fehlt Dir denn, mein bester Peterling.

Du wirst mir vielleicht rathen können, sagte jener, denn Du bist mein Freund und ein verständiger Mann, Deine 185 Kunstschwärmerei abgerechnet, – sieh, wenn ich nur wüßte, daß es mit den Beiden nicht schon allzuweit gekommen wäre – ich bin nun auch schon Witwer seit so manchem Jahre und habe keine Kinder – so möchte ich das Frauenzimmer wohl heirathen können.

Ambrosius sah den Alten lange und bedenklich an, und sagte dann: Leute, mir scheint es, daß ihr Alle hier toll geworden seid. Das kommt von euern abstrakten Studien, dergleichen Verirrungen ist derjenige denn doch nicht ausgesetzt, welcher sich der Kunst widmet.

Wie schön sie ist, fuhr Peterling begeistert fort, davon hast Du keine Vorstellung. Das wäre eine Aufgabe für Dich oder Praxiteles, ein solches Bild zu machen. So müssen wahrlich die Unsterblichen gestaltet seyn. Solche Augen habe ich noch niemals wahrgenommen, sie sind von einer so süßblauen Klarheit, daß man meint, unmittelbar in die Seele des göttlichen Kindes sehen zu können: und wenn sie Dich mit dem feuchten Blick anschaut, in welchem eben so viele Sonnengluth ist, als dämmernde Waldeskühle, so ist Dir zu Muth, als fiele ein Stück des Himmelreichs in Dein Herz. Ihre Lippen sind so lieblich, holdselig geformt, daß, wenn man sie anblickt, man schon einen Kuß fühlt, der wie ein beseligender Strahl von Augen und Lippen durch das ganze Herz geht. Eine schalkhafte Vornehmheit kämpft mit kindlicher und weicher Demuth, ein Uebermuth mit so zarter Rührung, daß man sich vor dem Ausdruck dieses Angesichts fürchtet, und doch zugleich das innigste Vertrauen faßt.

Der Alte ist darüber ganz zum Dichter geworden, bemerkte Ambrosius: nun, wenn es aber trotz alle dem ein Junge, oder ein Elfenwesen wäre?

So ist es auch in diesem Fall, sagte Peterling, um so besser, daß Deine zartfühlende Tochter nicht mitgekommen 186 ist, denn da sie ihren Sinn für Schönheit fein ausgebildet hat, so müßte sie sich zum Sterben in diese ganz himmlische Gestalt verlieben.

Hoho! rief Ambrosius laut lachend, und sprang wieder in unruhiger Bewegung von seinem Sessel auf, – die verlieben? In einen so schaalen Jungen, den bloß sein Weiß und Roth, und höchstens die frische Jugend empfehlen kann? Nein, Freund, da sprichst Du wieder, wie ein ganz Unverständiger. Wer sein Gemüth einmal dem Ideal zugewendet hat, den können dergleichen irdische Reize nicht mehr verführen: einen solchen, den die Musen begeistert haben, dessen Herz und Busen ist gegen die Pfeile des gemeinen sinnlichen Cupido gepanzert. Hättest Du Dich der Kunst und ihrer überirdischen Welt ergeben, so würdest Du nicht in Deinem Alter noch in diese Thorheit verfallen. Nein, mein geraubter Adonis oder Robin Hood schwebt meiner zarten Ophelia noch zu nahe vor den Augen, von dem Balsam dieses unsterblichen Bildes ist ihre dürstende Seele zu süß getränkt und genährt, als daß die matten Reize einer niemals vollendeten irdischen Gestalt irgend eine bedenkliche Wirkung auf sie äußern könnten.

Peterling kuckte erst in Verdruß aus dem Fenster, jetzt warf er dieses so heftig im Unwillen zu, daß eine Scheibe in Trümmern auf die Gasse klingend niederfiel. Unverschämt! rief er, wären wir nicht so sehr alte Freunde, so sollte es Dich gereuen, daß Du so toll bist, mein Himmelskindchen mit einer widerwärtigen ledernen Vogelscheuche nur in Vergleich zu stellen. Himmel und Erde, und den Ledergebrannten gar vorzuziehn! Solch Scheusal! Wie er doch seyn muß, wenn er die Raben und Sperlinge wegjagen soll, und wenn solch Vieh vor ihm Respekt haben soll.

Du hast Recht gethan, rief Ambrosius höchst erboßt 187 aus, daß Du Dich erinnerst, wie alte Freunde wir sind, denn sonst sollte eine solche Lästerung meines Robin Hood Dir auch nicht so ungenossen hingehn. – Er ballte die Fäuste und ging im Zimmer auf und ab, im heftigsten Trabe. Peterling war eben so mehr zum lebhaften Wandeln als zum Sitzen geneigt, und so schritten polternd, murrend, und sich zornig von der Seite anblickend, die beiden Männer in der Stube auf und ab. Da sie nun im ungleichen Takte gingen und rannten, sich auch nicht vorsichtig umblickten, so rannten sie endlich stark an einander, und prallten schnell von einander zurück. – Peterling stand endlich still, blickte tiefsinnig zur Erde und sagte nach einer Pause wehmüthig, fast weinend: Ja, ja, er wird und kann am Ende denn doch ein veritabler Elfe seyn, oder wohl gar ein ordinärer schadenfroher Kobold, denn sieh nur, wie er meinen ganzen Humor schon verwandelt hat, wie ich in einer Verliebtheit befangen bin, wie er unsern Heinzemann auch zu einem andern Menschen gemacht, wie er zwischen uns beiden Zank, Haß und Streit um nichts und wider nichts erregt, so daß wir alte Herzensbrüder uns beinah geprügelt hätten: meine Goldmacherei, mein ganzes Laboratorium ist mir auch seitdem gleichgültig, ja zuwider geworden, – kurz, ich sehe es ein, ja das kleine liebe Ding muß ein satanischer Kobold seyn.

Nach diesen Worten umarmte er seinen Freund und sagte: Vergieb mir, wir werden uns von jetzt an besser verstehn. – Gewiß, erwiederte Ambrosius, obgleich sich meine aufgeklärte Phantasie noch nicht dazu verstehen kann, irgend einen Kobold zu statuiren. Doch, wie es auch sei, ich sehe, daß die Leidenschaften Dir sehr zugesetzt haben, und ich vergebe Dir, indem ich mich meiner frühern Jugend erinnere, und immer des Spruches gewärtig bin: Homo sum, humani nil a me alienum esse puto. – Auch sagte ja ein andrer 188 Alter, daß es nicht den Menschen und kaum den Göttern vergönnt sei, verliebt zu werden und dabei doch vernünftig zu bleiben. –

Peterling sagte: Gehen wir, mein Neffe, der junge Offizier, ist schon draußen. Der ist auch verliebt. Es scheint die Jahreszeit darnach.

Die beiden Alten machten sich auf den Weg, sprachen nur wenig unterwegs und dachten desto mehr, und so gelangten sie nach einer kleinen Stunde auf »Heinzemanns Ruhe« an, wo der Besitzer vom jungen Wilhelm schon erfahren hatte, daß heute noch Peterling mit dem Kunstfreunde Ambrosius zu ihm kommen würde.

Die beiden ausgesöhnten alten Freunde gingen nach dem Garten des Bürgermeisters hinaus, den sie im Freien fanden, indem er mit dem jungen störrischen Offizier auf und nieder wandelte. Dieser hatte von seinem General, der ihn verzog, unter dem Vorwand einer Brunnenkur wiederum Urlaub genommen und hatte sich in seinem Verdruß zu seinem Oheim Peterling geflüchtet, der ihm versprochen hatte, ihn nebst seinen beiden Freunden unter ihrem Schutz nach Ensisheim zu begleiten, wohin der Offizier nicht wagte allein zu reisen. Alfieri saß in einer Laube und las in einem Buche.

Man begrüßte sich, und ging dann noch sprechend unter den kühlen Bäumen hin und her. Der Alfieri, wie ihr ihn nennt, sagte Ambrosius nach einiger Zeit zu Peterling, hat nichts Auffallendes und Besondres, er sieht aus wie tausend halb erwachsene Jungen. So gar nichts Männliches.

Du bist zu einseitig für Dein Bild begeistert, erwiederte Peterling: sieht er nicht wie ein Mädchen aus?

Daß ich nicht wüßte, erwiederte jener, für eine solche ist er wieder nicht zart genug. Und nun gar an Elfen zu denken? Wo habt ihr nur die Augen! Heinzemann hat Recht, 189 sich noch einen jungen Domestiken zuzulegen, der ihm seine theuern Instrumente in Acht nimmt und in Ordnung hält, da die andern Diener dazu allzugrob in der Hand sind. Uebrigens hat er sich mit Dir einen Spaß gemacht, und Dir von Elfen und Feen vorgeschwatzt. Du kennst ihn ja von der Seite, wie er neckt, und wie er eine Vorliebe dafür hegt, recht was Wunderbares zu erleben, oder Andern wenigstens aufzubinden.

Der Offizier nahm jetzt von der Gesellschaft Abschied, denn da es war beschlossen worden, daß man morgen schon in der Frühe nach Ensisheim abreisen wolle, so ging er nach der Stadt, um mit seinem Reitknecht die nöthigen Anstalten zu treffen.

Man setzte sich zu Tische, und Alfieri nahm, von seinem Gebieter freundlich eingeladen, auch seine Stelle ein. Ambrosius musterte seine Gestalt und den Ausdruck seiner Physiognomie in der Nähe, und glaubte endlich etwas Fremdartiges darin entdeckt zu haben. Unser Freund Heinzemann, begann er nach einer ziemlich langen Beobachtung, hat uns Ihr Herkommen und Ihren Stand vertraut, und so wunderlich, ja unerhört das Ding auch lautet, würden wir ihm wohl etwas Glauben schenken müssen, wenn sich nur irgend eine Bestätigung Ihrer Angabe fände, wenn Sie uns einen Beweis Ihres übernatürlichen Wesens geben könnten.

Heinzemann wurde ungeduldig und sagte: Ich habe dem Peterling da ja alle Umstände genau erzählt, er hat das jetzt verwelkte Blumenhäuschen, in welchem ich meinen Alfieri einfing, selbst in Händen gehabt, er hat von mir den ganzen Diskurs, den der Gefangene mit dem Elfen Rohrdommel führte, ausführlich vernommen, – was wollt ihr denn noch mehr?

Wenn mir dieser kluge Geist, sagte Ambrosius, 190 verrathen und anzeigen könnte, wo sich jetzt mein Adonis, mein Robin Hood, aufhält, wenn er mir wieder zum Besitz dieses unschätzbaren Kunstwerkes verhälfe, so würde ich leichter an seine wunderbare Abkunft glauben.

Ich habe meinem Gebieter schon erklärt, erwiederte Alfieri, daß ich nur einer der jüngsten und schwächsten Geister unsers Reiches bin. Auch bin ich jetzt im Zustand der Gebundenheit und Gefangenschaft. Um dergleichen verlorne Sachen aufzufinden, müßte ich frei seyn und allenthalben umherschweifen dürfen. Auch müßte ich das Kunstwesen genau kennen, um es nicht mit einem falschen zu verwechseln.

Er ist so einzig, mein Apollo, rief Ambrosius, daß er durchaus nicht mit einem andern Wesen zu vergleichen, geschweige denn zu verwechseln ist.

Wüßtet Ihr mir nur, junger Mensch, sagte Peterling, anzugeben, wie man denn nun endlich nach meinem letzten, fast gelungenen Versuche, das Gold sichtbar, klar und gediegen zu Tage förderte, so solltet Ihr mir als mein Schutzgeist höchst willkommen seyn.

Geehrter Herr, erwiederte Alfieri, das ganze Volk und alle Bewohner der Region, zu welcher ich gehöre, verstehn und wissen durchaus nichts von Metallen und ihrer Bereitung. Ueberhaupt, geehrte Herren, seid nicht in dem Irrthum, uns für so gar klug zu halten. Ja wohl die mündig gewordenen, die Fürsten und Aeltesten, die Regenten, Heerführer, Gesetzgeber und Geistlichen, diese besitzen viele Studien und Kenntnisse. Wir junges Volk aber, Kinder, Jünglinge und Liebende, leben nur so in den Tag und die Nacht hinein: Spaß, Neckerei, Spiel ist unser Gewerbe und unsre Bestimmung. Was die Metalle anlangt, so haben wir eine dunkle melankolische Gegend in unserm Reich, in welchem viele Gnomen und uralte Metallfürsten arbeiten, diese wissen wohl manches 191 Kunststück. Doch sagt man auch, und hat viele Erzählungen darüber, wie sie denen Sterblichen, welche sich mit ihnen eingelassen, schon manchen Schabernak gespielt haben, denn die Kobolde in dieser Region sind von allen die schlimmsten.

Es mag also, sagte Peterling, schnurriges Gesindel unter euch geben, es näher kennen zu lernen, müßte sich schon der Mühe verlohnen, wenn man nur die Wege fände, um zu euch zu gelangen. Wenn Du mir also auf diese Weise nicht frommst, so kannst Du doch vielleicht mit Rath und That meinem armen Neffen, dem Offizier, helfen, der sich ganz der Desperation ergeben hat. Der Mensch nimmt an nichts mehr Antheil, und spricht sogar davon, daß er seinen Abschied nehmen wolle, obgleich er kein Vermögen hat.

Wenn ich nur Erfahrung hätte, sagte Alfieri, und mehr mit Subtilitäten umzugehen wüßte. Jetzt thut es mir leid, daß ich so dumm und einfältig geblieben bin und meine Zeit nicht besser benutzt habe.

Ja wohl, sagte Peterling, schöne dreihundert Jahre so um die Ohren zu schlagen, das ist nicht löblich. Wenn unsre Gymnasiasten so denken wollten, da würden wir herrliche Gelehrte erziehn. Hie und da fängt die Jugend freilich auch schon an, dergleichen Meinung zu hegen. Nun also, Schatzkind, gieb Du aus Deiner Einfalt heraus mal einen guten Rath.

Man müßte suchen, sagte Alfieri ernsthaft, den neuen Liebhaber, welchem der Apotheker seine Tochter versprochen hat, in den Augen des Vaters, der Freunde und der Stadt geringe und verächtlich zu machen.

Das wird schwer halten, sagte Peterling, denn wie wäre das anzufangen? Dieser verdammte Lederbrennling, oder Ledergerber, oder wie er heißt, ist so klug gewesen, sich das unbedingte Vertrauen des Vaters zu erwerben, dieser verehrt 192 ihn so sehr, daß er den Lederling für den größten Geist in ganz Europa hält. Die ganze Stadt betet diesen neuen Götzen an, und kein Mensch darf gegen diesen Legationsrath etwas sagen. Es soll sogar schon so weit gehn, daß die Menschen und Familien, die sich mit der dort gestifteten Gesellschaft nicht einlassen mögen, daß die Männer und Frauen, die den Klubb vermeiden und die Blätter nicht lesen mögen, in üblen Ruf kommen, und man sich über diese allerhand Insinuationen erlaubt.

Man muß sich doch nicht abschrecken lassen, sagte Alfieri bescheiden: vielleicht hat dieser Lederbrand heimliche Schulden, oder heimliche Liebschaften; man müßte seinem vorigen Lebenswandel nachforschen. Wenn er selber falsch oder lügenhaft seyn sollte, so schmiedet er auch vielleicht gegen seinen Schwiegervater etwas, das man entdecken könnte. So müßte man denn alles Mögliche hervor suchen, um vorerst nur die Autorität dieses neuen Propheten zu stürzen, so gewönne der junge Offizier Zeit, denn das Verlöbniß würde wohl verschoben, vorzüglich da man auf die Widerspenstigkeit des Mädchens rechnen kann, und Alles würde sich zwar langsam und allgemach, aber doch zum glücklichen Ausgang, wie Sie ihn wünschen, ergeben.

Sieh, Kleiner, nahm Ambrosius das Wort, der Gedanke, eine solche Intrigue einzurichten, ist gar nicht übel, und den Menschen, diesen Lohgerbling, oder Legationsrath, um seinen ganzen Kredit zu bringen, übernehme ich, und ich freue mich schon darauf, wie ich durch meinen Witz und meine Erfahrung diesen anmaßenden Emporkömmling zu Schanden machen will. Ich traue mir auch zu, in diesem Fache etwas zu vermögen, wenn ich mich einmal ins Zeug werfen will. Ich will den Schwätzer zu Boden schwadroniren, denn ich möchte gar gern dem jungen Neffen unsers 193 Peterling helfen. Die Liebenden haben eine heftige Leidenschaft, sie sind beide unglücklich, und ich werde schon Mittel und Wege finden, diesen Ledernen aus dem Sattel zu heben. – Er wurde plötzlich wehmüthig, weil er bei diesem Worte, welches ihm entfuhr, seines geraubten ledernen Adonis dachte, und der kleine Alfieri weinte, indem ihm sein liebes Heimchen in das Gedächtniß kam. Der Elfe erholte sich aber bald wieder und sagte: Ein Geist ist mein sehr lieber Freund und hat mir schon Manches zu Gefallen gethan, der auf solche lose Streiche und Kabalen außerordentlich abgerichtet ist, er ist darin der beste und tollste im ganzen Feenreich, und da er viel und gern mit Menschen im Guten und im Bösen verkehrt, so ist er ein recht durchtriebner Vogel, und, wie man im Sprichwort sagt, mit allen Hunden gehetzt. Wenn wir den nur habhaft werden könnten! Er heißt Puck, auch nennen sie ihn wohl Robin. Jetzt so nach dem Herbst zu beurlaubt ihn Oberon in der Regel, und es treten im Dienst des Hofes Ferien ein. Da schwärmt er denn hier und dort. Er kommt auch vielleicht in diese Gegend, um mich und die verlorne Heimchen aufzusuchen.

O könntest Du uns den Schalk doch herschaffen! rief Heinzemann lebhaft aus.

Ich bin nicht frei, sagte Alfieri, und kann also nicht schnell und geistig umher streifen, um ihm irgendwo in Wald, auf Haide oder Wiese zu begegnen. Dazu müßte mich mein Gebieter, wenn ich ihn suchen sollte, auf einige Tage frei sprechen.

Und wenn ich es thäte? sagte Heinzemann, besorgt, indem er ihn prüfend ansah. Ist das nicht auch vielleicht eine Intrigue von Dir, um mir unter diesem Vorwande zu entwischen? Ich kenne Dich und Deinen Charakter noch nicht seit lange.

Mein Herz ist gut, sagte Alfieri, und mein Versprechen halte ich gewiß. Ich kann Ihnen auch als Pfand, daß ich 194 durchaus zurückkehren muß, meinen Handschuh, den rechten oder linken, zurücklassen.

Den Handschuh? fragten Alle, und lachten laut.

Ja, das ist eins der strengsten Gesetze bei uns, sagte Alfieri. Lassen Sie mich frei, und ich finde den lustigen Puck, so bringe ich ihn gewiß mit, denn er hat die größte Freude daran, dergleichen Streiche auszuführen.

Aber wir reisen ab nach Ensisheim.

So wie ich frei bin, bin ich wieder Geist und finde von selbst die Wege, so wie ich dienstbar werde, muß ich wieder als Mensch erscheinen.

Gut, sagte Heinzemann, so lasse ich Dich also auf vier Tage frei, gieb mir den Handschuh, wir treffen uns in Ensisheim wieder.

Immer ungleiche Zahlen! rief Alfieri, drei oder fünf.

Nun also fünf Tage, damit Dir Deine Zeit nicht zu kurz gemessen ist, sagte Heinzemann.

So nehmen Sie hier, sagte Alfieri zärtlich bittend, den Handschuh der linken Hand, aber verlieren Sie ihn nicht, drücken Sie ihn nicht zu sehr, kommt er weg, so sind wir auf immer getrennt, und ich bin sehr unglücklich.

Ich will ihn wie meinen Augapfel bewahren, sagte der Wirth. Sie standen vom Tische auf, und Alfieri war verschwunden, man wußte nicht, wie. Du bist um Deinen Jockey, sagte Ambrosius, als die Drei zur Stadt zurück gingen, und Heinzemann legte sich mit schweren Sorgen zum Schlafen nieder. Wie erstaunten aber die Beiden, als ihnen, bevor sie in den Wagen stiegen, der Bürgermeister den Handschuh zeigte, und in ihm, als er abgezogen war, ein zartes, feines, lebendiges Händchen, das den Druck erwiederte. – Sorgfältig ward es von den Freunden an der bequemsten Stelle des Wagens aufgehoben, und so fuhren sie, von vielfachen Gedanken bewegt, nach Ensisheim ab. 195

 


 

Zweiter Theil.

Dritter Aufzug.

Erste Scene.

Ein elegischer Brief. Musikalische Gesellschaft.

In Ensisheim war die Lage der Dinge in der That so, wie es der Ruf schon auswärts verbreitet hatte. Die literarische Gesellschaft des Legationsrathes Ledebrinna genoß die größte Autorität; alle Menschen gewöhnten sich unvermerkt, die Dinge so zu betrachten, wie sie ihnen gleichsam von dieser Assekuranz-Kompagnie der Kritik und Meinung vorgeschrieben wurden. Ubique war in allen Zirkeln, bei Hoch und Niedrig, bei Edelmann und Bürger, und gab allenthalben die neugeprägte Scheidemünze aus, die dann schnell zirkulirte: anfangs fallen solche neue Dreier immer gut ins Auge, bis sich die ganz dünne Versilberung abgegriffen hat und das rohe Kupfer hervorkommt. Ulf hatte seine Schüler und traf sich mit ihnen beim Weinschenken, oder bei Punschfesten, und hier wurden denn auch die Gesetze festgestellt und sanktionirt, die in der Literatur und Kunst gelten sollten.

Das Tagesblatt wurde, eben weil es ganz alltäglich war, mit großem Vergnügen gelesen. Es war so wenig 198 geistreich wie tiefsinnig, und eben deshalb befriedigte es den Bedarf der gewöhnlichen Leser. So war es dieser Verbindung gelungen, ohne Anstrengung, indem sie nur das Triviale als das Rechte und Wahre proklamirte, sich einer fast unumschränkten Herrschaft über die Gemüther zu bemächtigen. Dabei lebten die Einwohner des Städtchens in dem wohlbehaglichen Traum, daß sie sich, von trefflichen Geistern so leicht hinaufgehoben, auf der Höhe der Bildung befänden.

Alexander lachte mit der Gesellschaft, die er sah, über diese Anstalten wie über ihren Erfolg. Er meinte, es sei eben deutsche Art, daß die Gemeine sich so leicht blenden und zu willig führen lasse. Die wahre Bildung, pflegte er zu sagen, tritt zuweilen ein, und bemächtigt sich einigermaßen der Menge, wenn Keiner sich dessen bewußt ist, wenn Alle sich in guter Stimmung so unschuldig gehn lassen. Will der gewöhnliche Kopf sich Rechenschaft geben, so fällt er immerdar in eine seichte voreilige Kritik, und jeder Pedant kann ihn dann mit einem trocknen Schematismus, oder der Eitle, wenn er seinen Dünkel entzündet, führen, wohin er will.

Die drei Freunde, welche jetzt von dem Städtchen Orla nach Ensisheim reiseten, unterredeten sich vielfach von ihren Projekten, und ob und wie sie gelingen möchten. Heinzemann war erfreut, seinen Neffen Alexander, der ihm schon seit lange aus den Augen gekommen war, wieder zu sehn: mit diesem war er auch in dieser Hinsicht verwickelt, weil er mit ihm die Erbschaft einer alten Muhme zu theilen hatte, welches Geschäft bis jetzt noch nicht hatte auseinander gesetzt werden können, weil nach Abnahme der Gerichtssiegel die Kapitalien nicht gefunden wurden, in welche sie sich theilen sollten. Einige Kaufleute, bei welchen die ansehnlichsten standen, bezeugten durch Quittung, daß sie alles kurz vor dem Tode der Erblasserin zurückgezahlt hatten. Alexander, welcher erst 199 eine geraume Zeit nach dem Tode dieser alten Verwandtin nach Ensisheim kam, hatte sich durch Correspondenz und Nachforschen unendliche Mühe gegeben, um zu entdecken, auf welche Art die Gelder verloren gegangen waren, aber umsonst: auch Peterling war seines unglücklichen Neffen wegen dabei interessirt, denn die Alte hatte in ihrem Testamente dem jungen Offizier ein bedeutendes Legat ausgesetzt.

Ambrosius hatte die Absicht, einen alten Prozeß, der ihn schon oft gestört hatte, wenn er sich mit der Kunst beschäftigte, zu vergleichen. Er hoffte dies durch Alexanders Talent zu Stande zu bringen, um endlich eines verdrüßlichen Handels los zu werden.

Im Thore kam ihnen der Offizier, der ihnen die Quartiere bestellt hatte, schon entgegen. Sie stiegen ab, und Heinzemann trug Sorge, vorerst nur das Händchen seines Elfen sicher zu verschließen, damit es keinen Schaden nehmen könne. Wilhelm, der junge Offizier hatte es noch nicht gewagt, seiner Geliebten einen Besuch zu machen, und, Alexander ausgenommen, stellten sich alle Menschen der Stadt gegen ihn, als wenn sie ihn niemals gekannt hätten.

Ambrosius fand auf der Post schon einen Brief von seiner Tochter Ophelia, welcher so lautete:

»Geliebter Vater,

Wenn unsre Reise auch ziemlich schnell geht, so befinde ich mich doch besser, als ich nach meinem Zustande erwarten konnte. Viele Bilder, Städte, Menschen, Zustände und kleine Begebenheiten ziehen im schnellen Wechsel durch mein aufgeregtes Gemüth, und wie manche Betrachtungen, Reflexionen und Gefühle reihen und knüpfen sich an diesen Wechsel und Wandel.

Ich kann nicht sagen, daß ich gesunder bin, aber doch anders, als vor meiner Reise, und damit ist immer schon 200 etwas gewonnen. Seh' ich die Bildergallerien, die Statuen und Antiken – o Theurer, es läßt mein Herz so leer, es ist da kein Widerklang, meine Pulse hüpfen nicht mehr, als gewöhnlich. Nein, ich bin zu sehr verwöhnt, zu sehr bewohnt das Bild meines Einzigen, meines Adonis, meine Seele, er wehrt jedem andern Gefühl und jeder Gestalt, poche sie auch noch so sehr auf ihre Schönheit, den Eingang. Ich denke oft, es könne doch noch in den Figuren eines Apollo, Endymion, Achilles, Herkules, oder Bacchus eine größere Schönheit auftauchen, aber nein, sie alle, auch der Antinous mitgerechnet, klopfen vergeblich an jene Thür, die mein einziger, mein Garten-Unhold auf immer verschlossen hält. Nein, jene gepriesene Alten – das hohe, gemüthliche Ideal, welches uns durch das Christenthum und die Liebe erst zugänglich geworden ist, von dem wußten jene sinnlichen Zweifler nichts. Das Gemüth war ihnen verschlossen, so sehr sie sich auch des Lebens und aller seiner Kräfte zu bemächtigen strebten. Aber auch unsre Zeit – o Himmel, mir kann oft schaudern, wenn ich das Treiben und Wirrsalen dieser Menschen mit anschaue. Und mein Geschlecht, welches das zartere seyn, welches höher stehn sollte, von dem alle Bildung ausgehn, wo jeder Streit beschwichtigt werden müßte,

»Da fraget nur bei edlen Frauen an« –

ja, wem fällt das auch nur ein? In jener großen Residenz, wo wir ein paar Tagen waren? Sie haben dort eine italienische Oper. Der primo uomo singt einen starken und außerordentlich hohen Diskant. Dieser Sopranist ist nicht mehr ganz jung, er ist groß und stark, eigentlich kann man ihn wohl dick nennen, aber seine Stimme ist himmlisch schön. Ein Fräulein Käthchen dort, die sich so nach dem Käthchen von Heilbronn nennt, ist sterblich in diesen Signor verliebt, aber mit einer so edlen Schwärmerei, so hochgestimmt, daß ich 201 es nur mit meiner Liebe zu meinem Einzigen vergleichen kann. Sie versäumt nun natürlich keine Oper, sie hat sich auch die Zulassung zu den Proben ausgewirkt. Der dicke Mann besucht oft das Haus ihrer Eltern, und sie geht in jede Gesellschaft, und drängt sich hinzu, wenn sie nicht geladen seyn sollte, wo er sich befindet. Sieht sie ihn, so glänzt ihr Auge, man sieht ihr Herz schlagen, und wenn er sich ihr nähert, wenn er mit ihr spricht, so ist sie selig. Eine andere Freundin sprach mit mir von dieser heftigen Seelenliebe. Wohin kann das führen, sagte die Kalte, was soll ihr der Mensch? Das arme Kind macht sich nur lächerlich. – Lächerlich? rief ich in der heftigsten Aufregung meines ganzen Wesens, und ein ungeheurer Schauder erfaßte mein Herz so gewaltig, als wenn es erdrückt werden sollte. Ich floh, und aus der Freundin ward mir eine Feindin, die mein Auge nicht mehr anschauen konnte. Als sich die Gesellschaft entfernt hatte, erzählte ich dem süßen Käthchen die Begebenheit, und wir fielen uns laut weinend und schluchzend in die Arme. Ich öffnete ihr meine ganze Seele und erzählte ihr von meinem Einzigen, und wie erzählte ich, und wie viel! Wir vergossen die süßesten Thränen: o Göthe's Gedicht: Thränen der ersten Liebe –

Dem nur halb trocknen Auge,
Wie todt, wie öde die Welt. –

Ja wohl, darum

    Trocknet nicht
Thränen der ewigen Liebe.

O mein Theurer! wie viel erlebt man, wie oft wird unser Herz zerrissen. Und von gutmeinenden Wesen, von Menschen, die nichts weniger als böse sind. In der Gemälde-Gallerie führte mich ein lieber junger Mann umher, der Kenntnisse und Gefühl zu haben schien. Als wir fertig waren, schaute 202 ich durch eine nur angelehnte Thür in einen Raum, in welchem viele alte Bilder umher lagen und standen. Das ist unsre Polterkammer, wo wir das unnütze Zeug hineinwerfen, sagte mein Führer. Ein altes Werk ohne Rahmen, das im Winkel lehnte, zog mich an. Ich sprang in den Raum, ich flog auf das Bild zu, denn – denn – es hatte eine ferne, nur ganz ferne Aehnlichkeit mit meinem Einzigen. Nur eine sehr ferne, aber wie nahe, wie unbeschreiblich nahe stand es dadurch meinem Herzen. Ich verschlang es mit den Augen, und mein gutmüthiger Führer eilte mir nach. Ja, sagte er, das ist ein rechter alter Schinken! – Ich fiel aus allen meinen Himmeln. Das Bildniß, meinem Einzigen nicht ganz unähnlich, ein alter Schinken! Wie pöbelhaft! Und diese Menschen sind angestellt, um die Kunstwerke zu erklären und den Sinn des Volkes zu bilden. Er wurde auch ganz irre an mir, als ich ihm erklärte, daß ich für dieses verachtete Bild die ganze Gallerie hingeben würde. – Er sagte, in einem Monat etwa würde alle der Plunder versteigert werden, da würde ich es in der Auktion wahrscheinlich für acht Groschen erstehen können. Ich gab sogleich Auftrag und auch eine Anweisung zu einem höhern Preise. Ich weiß, Du wirst mich darum nicht tadeln, denn wir gewinnen so ein einziges Bild, das Dir, der Erinnerung wegen, auch lieb und theuer seyn wird.

Aber wenn ich so auf der Landstraße neben den Gärten und Feldern herfahre – zum Glück ist schon manche Frucht eingeerntet, und viele jener abscheulichen Scheuchen sind schon weggenommen oder umgefallen. Aber doch sieht mein Auge noch oft fünf, sechs, ja zehn fast neben einander stehende, im Winde wehende schmutzige Lumpen. O muß ich nicht als ein deutsches Mädchen dann Zorn und Wehmuth zugleich fühlen? Wehen sie nicht alle die Scheusale wie Hohn und 203 Spott über meinen Einzigen? Ja, dann möchte ich zürnen und mich auf den Markt hinstellen, um Flammenworte zu reden, und zu versuchen, ob denn mein deutsches Volk nicht aufzuraffen wäre aus seiner unmännlichen Entartung, daß sie endlich diesen Schmutz, diese schändlichen Lumpen aus den blühenden Feldern entfernten, daß sie nur einigermaßen Deinen hohen Sinn begriffen und in Deine erhabenen Ideen eingingen: ich zürne, und Alles löset sich doch bald in Thränen auf. So bin ich nun, denn ich weiß es ja, und selbst Dir ist es nicht unbekannt, ich liebe nicht bloß das Kunstwerk in meinem Einzigen, nein, ich liebe ihn selbst, der uns Beiden jetzt geraubt ist. In diesen wenigen Worten liegt eine Unendlichkeit von Qual. Ja, allenthalben sucht ihn mein Auge, aber noch habe ich keine Spur von ihm entdecken können. Nein, er ist fort in ein fremdes Land

»vielleicht wohl über die See«

entführt worden.

Apollo flieht, und Daphne jagt ihm nach.«

Könnt' ich ihn nur erjagen! Auf jeden Fall sehe ich Dich im Herbste wieder, vielleicht hast Du dann Nachricht von ihm. Lebe heitrer als

Die unglückliche Ophelia.«

Am folgenden Nachmittag war wieder eine musikalische Vereinigung im großen Saale des Apothekers. Elisa war von ihrer Krankheit wieder hergestellt und konnte dem Dringen und Bitten ihres Vaters keine Entschuldigung mehr entgegen setzen, um sich der Gesellschaft zu entziehen, wie sie bisher gethan hatte. In der ganzen Stadt galt sie schon für die Verlobte des Legationsrathes Ledebrinna, obgleich es der Vater noch nicht gewagt hatte, über diesen Punkt von Neuem mit ihr zu sprechen.

204 Der Apotheker wandelte mit dem Syndikus im Saale auf und ab, und der Letzte schien nicht sonderlich aufgeräumt: es ist denn doch verdrüßlich, sagte er endlich, daß sich das Fräulein von Weilern mit ihrer Tante so ganz und bestimmt von unsern Zirkeln zurückgezogen hat, darüber bekommen wir nun die herrliche Stimme gar nicht zu hören.

Diese Leute, sagte der Apotheker, können sich mit unsrer höhern Ausbildung nicht einigen, sie kleben an der Erde und sind voller Vorurtheile.

Vielleicht auch nicht, sagte der Syndikus: der junge Advokat Alexander gehört gewiß zu den besten Köpfen in der Umgegend, er sieht keinen von uns und spottet, so sagt man, und satirisirt witzig über unsre gelehrte Gesellschaft.

Neid! rief der Apotheker, er sieht, wie weit wir's bringen, wie unser Ruhm mit jedem Tage wächst, wie er sich immer weiter ausbreitet. Die benachbarte Residenz nimmt viel Notiz von uns, einige der dortigen Gelehrten sind schon Ehrenmitglieder unserer Vereinigung; jenseit der Berge hat man auch an uns geschrieben. Unser Blatt geht schon durch alle Provinzen, wir schreiben immer mehr und immer besser. O dieser Ledebrinna! Mit aller Welt korrespondirt er jetzt, es ist ungeheuer, wir bekommen Nachrichten aus allen Theilen des deutschen Reiches. Von Theater, Kunst, Liebe, Regierung, Reisen, Kaufmannschaft, es giebt nichts, worüber man nicht bei uns Artikel findet. Und dann die musterhaften Erzählungen unsers Ulf, seine gründlichen Kritiken, seine zärtlichen Gedichte. Und dann Ubique – wahrhaftig, wie man ihn übersetzen könnte – der Hans in allen Gassen! Man dürfte eine Prämie ausbieten, um zu erfahren, was der große Mann nicht wüßte, denn er weiß eigentlich Alles. Auch kennt er alle Welt, und ihn kennt Alles. Ja, vor Neid vergehn möchte dieser Alexander, daß er nicht einer der Unsrigen ist.

205 Du scheinst vergessen zu haben, sagte der Syndikus trocken, daß Alexander von uns nicht nur sehr höflich, sondern sogar dringend eingeladen wurde, Theil zu nehmen, daß er sich aber auf das Bestimmteste weigerte. Eben so machte es die Weiler und ihre Tante. Auch der Senator Willig, der sonst, so fleißig er auch ist, sich gern in unsrer Gesellschaft erholte, wird weder bei Dir noch mir angetroffen, er wird auch heut nicht kommen, obgleich wir uns nicht der Gelehrsamkeit wegen vereinigen. Ich höre auch, wie er sich wegen unsers Blattes äußert. Es sei ihm, wie so viele Zeitschriften, wegen der vielen Klätschereien ganz fatal.

O wie bist Du doch zurückgeblieben! rief der Apotheker unwillig aus; also darin erkennst Du nicht die Fortschritte der Zeit? Sieh doch auf Frankreich und was dort geschieht, betrachte Dir das englische Wesen jenseit etwas genauer. Wir Deutsche müssen doch endlich, wenn auch spät, unsre sogenannte Unparteilichkeit aufgeben. Alles soll und muß Partei werden, und Wissenschaft, Kunst und Kritik kann nicht so matt und willenlos in einer unbestimmten, lauen und flauen Mitte stehen bleiben. Faktionen machen jetzt die Weltgeschichte. Ist die eine Partei von dem Adel ihres Strebens durchdrungen, so muß sie auch kein Opfer scheuen, und was man ehemals Wahrheit, Würde des Gelehrten, Honettität und dergleichen nannte, paßt ja gar nicht mehr. Um einen großen Zweck durchzusetzen, brauche ich mich keiner Insinuationen, kleiner Verleumdungen, ausgemachter Unwahrheiten zu schämen. Und müssen große Namen fallen, so sieh doch nur, wie wir seit dem verstorbenen Müllner mit Göthe umgehen. Diese falschen Autoritäten müssen weg, so gut wie Kant, Fichte und Schelling. Wir sind Alle, bis zum Dümmsten hinab, Selbstdenker. Was haben wir denn nöthig, uns von andern Unberufenen vordenken zu lassen? Haben ihnen 206 etwa die Repräsentanten des Volkes Auftrag dazu gegeben? Daß ich nicht wüßte. Und Klätschereien! Ohne diese macht einmal kein Blatt und kein Buch mehr Glück. Was bildest Du Dir ein? Seit Fürsten dergleichen beschützen und selber treiben, willst Du Wurm, Syndikus einer kleinen Stadt, Dir herausnehmen, es zu tadeln? O nein, wir müssen, wenn wir gelten, wirken, etwas seyn wollen, unsre Loge in jedem Augenblick zu einer Klatschbude umsetzen können.

Du bist also immer noch im Jubel, antwortete der Syndikus; und merkst nicht, wie wir beiden alten Kerle von diesem jüngeren Volke zurückgesetzt werden? Zwar Dir geht es darin noch besser, daß es Dein künftiger Schwiegersohn ist, der Alles dirigirt, – aber meine Gedichte über die Weltgeschichte, meine Abhandlung über die Memnon-Säule, und so viel Anderes ist immer noch beiseit gelegt. Bald sind die Sachen zu lang, bald zu kurz, bald sind sie nicht an der Zeit, ein andermal ist der günstige Moment schon vorüber.

Es ist wahr, sagte der Apotheker, mein Lehrgedicht über die Gas-Arten will auch noch immer nicht erscheinen. Sei nicht unzufrieden, Herr Bruder, komm, laß uns vorerst noch eine Flasche trinken, um Dich aufzuheitern.

Aber nur eine! rief der Syndikus, indem er sich mit dem Herrn des Hauses entfernte. Ubique trat mit dem Poeten Ulf ein, und dieser schien ebenfalls verstimmt. Wo fehlt's Ihnen denn? fragte der Magister. Ulf setzte sich, strich die Haare aus der Stirn und sagte: Mir ist recht unwohl, ich möchte auch das Lied singen: »Wenn die Reben wieder blühen« und es, wie unser Legationsrath vor einiger Zeit that, auf meinen Zustand accommodiren und umarbeiten. Meine letzten Stücke sind, wie Sie wissen, nicht angenommen worden, und gerade in dieser Woche wurde seit sieben Jahren regelmäßig eins von mir gegeben und ausgetrommelt. Das 207 mangelt mir nun heut und giebt mir eine höchst unbehagliche Empfindung. Dann hab' ich drüben in der Residenz noch einen recht empfindlichen Verdruß gehabt: Romeo und Julia war einstudirt worden. Ein schöner Ersatz für meine Schauspiele. Ich hatte mich mit einigen verständigen Freunden beredet, um die gute Sache zu fördern, wir hatten uns im Parterre vertheilt und waren unsers Erfolgs gewiß. Im ersten Akt, da man Zischen übel deuten konnte, lachten wir fast bei jedem Wort, hier und da, einige Unschuldige lachten mit, der Fall des Stückes schien außer Zweifel; aber schon am Schluß des ersten Akts entstand ein allgemeiner Applaus, nachher nahm der Beifall immer zu und wurde mit jeder Scene ungestümer, und am Schluß rief man unter ungeheurem Lärm das ganze Personal der Schauspieler heraus. So siegt der Unsinn. Und noch dazu sahen mich und die andern Lachenden diese Rasenden sehr sonderbar von der Seite an.

Trösten Sie sich, Liebchen, sagte Ubique: wir setzen ja im Wesentlichen doch Alles durch. Ihr Waizen wird schon einmal blühen, arbeiten Sie nur fort, unser Schutzpatron Gottsched wird uns schon helfen.

Die Gesellschaft vermehrte sich jetzt und das Gespräch der Beiden ward unterbrochen. Der Wirth und der Syndikus kehrten heiter zurück, und indem trat zwischen seinen Schülern und Verehrern, Männern, Frauen und Mädchen, Ledebrinna wie ein Triumphator herein. Er hatte sich mehr wie gewöhnlich geschmückt, und man sah, wie wohl es ihm that, daß Alle ihm eine gewisse Ehrfurcht bezeigten. Elisa ging den Damen freundlich und scheinbar aufgeheitert entgegen, nur vermied sie, so viel sie mit Schicklichkeit thun konnte, den hochmüthigen Ledebrinna.

Man sang, man sprach, man nahm Erfrischungen und 208 der Apotheker erwartete immer noch seinen Bekannten Heinzemann, welcher ihm die Freunde Peterling und Ambrosius hatte zuführen wollen. Ambrosius hatte sich eine Stunde lang eingeschlossen, um sich vorzubereiten und die Weise zu ersinnen, in welcher er am besten den Feind und Nebenbuhler, den berufenen Legationsrath Ledebrinna, demüthigen könne: er war einigermaßen in Verlegenheit, denn seine Freunde hatten in der Stadt nichts erfahren, was ihm Nachtheil brächte, sondern sie fanden im Gegentheil alle Menschen seines Lobes voll. Indessen glaubte Ambrosius doch Mittel zu besitzen, den Tyrannen von seinem Thron zu stoßen, und er tröstete den jungen Offizier, welcher den drei Freunden mit klopfendem Herzen nachsah, wie sie sich zum Musikfeste begaben.

Sie langten an, als eben ein großes und langes Finale einer Oper gesungen wurde. Der Wirth begrüßte sie höflich, und sie hielten sich aufmerksam und still in einer Ecke. Nach Endigung des Gesanges klatschten Alle, Alle liefen durch einander, die Sängerinnen, vorzüglich die Tochter des Hauses, wurden gelobt und bewundert, und der Wirth benutzte diesen Tumult, um die Neu-Angekommenen mit den Vornehmsten seiner Gäste bekannt zu machen. So wurde der Magister Ubique und der Herr von Milzwurm vorgestellt, und als Ambrosius etwas ungeduldig nach dem Legationsrathe Ledebrinna fragte, raunte der korpulente Wirth schnell zu seiner Tochter, die am Klavier stehend von seinen Lobeserhebungen eben viel leiden mußte.

Feierlich führte der Apotheker seinen berühmten künftigen Schwiegersohn an der Hand, schob einige Zwischenstehende sanft aus dem Wege, und klopfte dem Senator Ambrosius zart auf die Schulter, der sich umgewendet hatte, weil Ubique den Schluß seiner langen Periode nicht finden konnte, indem er sagte: hier habe ich die Ehre –

209 Weiter gedieh die höfliche Rede des Apothekers nicht, denn mit einem Aufschrei des höchsten Erstaunens, Erschreckens, oder gar Entsetzens sank Ambrosius in den Sessel zurück, in welchem er die Musik angehört hatte; Ledebrinna's braune Wangen schien eine leichte Röthe zu überfliegen. Alles lief hinzu, ein Arzt, der zugegen war, erklärte, der Fremde sei vom Schlage getroffen worden. Heinzemann und Peterling kamen herbei, fragten, redeten, aber Ambrosius wies sie stumm mit der Hand zurück und deutete, daß man ihn in seine Wohnung bringen solle. Schnell wurde eine Sänfte herbeigeschafft, er erhob sich, warf noch einen flüchtigen Blick auf Ledebrinna, welcher schon wieder docirend im Haufen seiner Bewundrer stand, und verließ das Zimmer. Staunend begleitete ihn der Wirth die Treppe hinunter, und nach einiger Zeit entfernten sich Heinzemann und Peterling, um nach ihrem Freund zu sehn, ob er krank sei, oder was ihn so sehr habe erschrecken können. Er hatte sich aber eingeschlossen und ließ Niemand vor sich. Der junge Offizier mußte ihnen bedeuten, daß seine Erschütterung viel zu groß sei, um sie heut noch sprechen zu können, morgen in der Frühe wolle er ihnen Alles mittheilen; er befinde sich übrigens wohl und sei nicht vom Schlage getroffen, bedürfe also auch keines Arztes.

Die verwunderten Freunde überließen ihn seiner Einsamkeit und genossen ohne ihn ihr Abendessen, indessen beim Apotheker noch oft die Rede auf den Fremden zurück kam, den so unerwartet der Schlag gerührt. Der Doktor meinte, er habe im Zuge gestanden und werde wohl diese Nacht noch sterben, weil er die angebotene ärztliche Hülfe so ungestüm, ja mit einiger Grobheit habe abweisen lassen. Ledebrinna bedauerte, daß dieser Vorfall die Heiterkeit der Gesellschaft gestört und ihn gehindert habe, einen Mann kennen zu lernen, der vielleicht interessant seyn möchte. 210


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