Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Tieck >

Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Neunte Scene.

Die gelehrte Gesellschaft wird gestiftet.

Der Prinz war wieder von Ensisheim abgereiset, und der Legationsrath Ledebrinna hatte ihm auf einige Meilen das Geleit gegeben. Der neue Rath hatte jetzt in der Stadt noch weit mehr an Ansehn gewonnen, jeder der Honoratioren hielt ihn für einen außerordentlichen Mann, und selbst die Bürger und Handwerker fühlten sich geschmeichelt, einen solchen reichen und vielseitigen Geist in ihren Mauern zu besitzen. Nur wenige bildeten eine Art von Opposition. An der Spitze dieser stand Alexander, der junge Rechtsgelehrte. Man hatte aber die Meinung, daß nur Stolz und Eigensinn den jungen Mann antreiben könne, sich dem Fortschreiten seiner Zeit und der steigenden Bildung seines Vaterlandes nicht anschließen zu wollen.

Ledebrinna hatte jetzt mit Ubique den viel besprochenen Plan durchgesetzt, zur Förderung der höchsten Interessen der Menschheit eine gelehrte Gesellschaft zu gründen, die gleichsam Bildung, Kultur und Humanität der Stadt bewachen und regieren sollte. Man sah im Enthusiasmus schon voraus, daß sich von hier Literatur, Poesie und Philosophie allgemach in den umliegenden Gauen auf die rechte Weise verbreiten würde, man träumte schon von Ruhm und Ehre und allen schien es in ihrer Begeisterung ein Leichtes, die herrlichsten Werke, durch diese Vereinigung gestärkt und gesichert, hervor zu bringen, um alles Aeltere, was vielleicht nur Vorurtheil als groß und vortrefflich gestempelt hatte, zu verdunkeln.

In dem Saale des Apothekers versammelte sich an einem Abend die Gesellschaft zum erstenmale. Ledebrinna, als der Stifter, war auch Präsident der geistreichen Societät, und 163 der Magister Ubique verrichtete die Funktionen des Sekretärs. Der Apotheker, so wie der Senator Spener waren Mitglieder, eben so der Stadtpoet, der berührige Ulf. Außer diesen war der Baron Milzwurm hinzugetreten, und auf seinen Betrieb die Dame Hegenkamp und ihre Nichte Emmeline als Ehrenmitglieder, die nicht verpflichtet seyn wollten, selbst etwas zu produciren, und es der Akademie vorzutragen. Die Gesellschaft hatte es sehr übel empfunden, daß Fräulein Weilern und ihre Tante Edelmuth, unter dem Vorwande, sie liebten das Landleben zu sehr, nicht hatten Theil nehmen wollen, Ledebrinna gab dem ihm verhaßten Alexander die Schuld, der mit der kurzen Ausrede, er sei nicht gelehrt genug, die Einladung abgewiesen hatte. Eben so bestimmt hatte sich der Senator Willig zurück gezogen, der seine vielen Arbeiten als Entschuldigung anführen wollte. Diese Ausrede des stillen friedfertigen Mannes ließ man gerne gelten, weil der Syndikus Spener und der Senator Dümpfellen es am besten wußten, wie er eigentlich allein die Geschäfte der Stadt verwaltete, indessen sie nur mit leeren Titeln prunkten. Die Tochter des Wirthes, Elisa, erschien auch nicht in der Gesellschaft, weil sie, seit der plötzlichen Abreise ihres Geliebten, allen Umgang vermied, und nur zuweilen das Fräulein von Weilern besuchte.

Als man sich an den mit grünem Tuch behängten Tisch niedergelassen hatte, nahm Ubique das Wort: Meine Herren und Damen, Ladys and Gentlemen, Verehrte, Sinnige, Freundliche, für Wissenschaft und Humanität Eifernde! – Heut ist ohne Zweifel für unsre Stadt, für unser Vaterland, ja ich darf wohl sagen, für das ganze deutsche Reich, einer der wichtigsten Tage angebrochen und aufgegangen. Unser verehrter Legationsrath (ich nenne ihn den unsern, weil er unsrer Stadt den Vorzug gegeben, sich hier nieder zu lassen, 164 ob er gleich der ganzen Welt angehört, und gewiß auch bald eines mehr als europäischen Rufes genießen wird), der uns hier versammelt hat, wird nun, um die ganze Absicht dieser edlen und hehren Vereinigung klar darzulegen, in einer Rede seinen Plan enthüllen, und ich bin so glücklich gewesen, seinen Worten hiemit eine kleine, unbedeutende Einleitung gegeben zu haben.

Ledebrinna hatte ein großes Blatt vor sich liegen, räusperte sich, und trug dann Folgendes vor, indem er von Zeit zu Zeit auf das Papier sah, um seinem Gedächtniß zu Hülfe zu kommen.

Geehrte, wenn ich sage Versammlung, und zwar Versammlung, die sich zu einem solchen Zweck versammelt, wie wir uns versammeln, so habe ich damit genug gesagt. Um aber doch eigentlich etwas zu sagen, fahre ich demohngeachtet fort, denn es ist nicht genug, daß wir uns stillschweigend unsers edlen Zweckes bewußt sind, sondern wir müssen diesen auch in offenkundige Worte legen und einkleiden, damit er nicht der Welt, und so vielleicht auch uns selbst in Vergessenheit gerathe. Und zuerst bitte ich, meine Meinung anzunehmen, von der Sie aber gewiß alle stillschweigend durchdrungen sind, daß bei uns nicht Hochmuth soll aufgerührt, die Eitelkeit gepflegt werden, am wenigsten aber wohl das befördert, was man gemeinhin mit einem verkehrten nichtsbedeutenden Namen Genie zu nennen pflegt.

Unsre Zeit ist eine solche Zeit, die so eifrig und schnell vorschreitet, so hastig lernt und so eilig vergißt, daß man sagen möchte, sie habe keine Zeit, oder sie könne sich nicht Zeit lassen, um das zu thun, was an der Zeit ist. Doch will ich lieber, da hier von einem ernsten Ziel die Rede ist, diese und ähnliche Rednerblumen vor meinen Füßen liegen lassen.

165 Meine Freunde! gelehrte Gesellschaften, Akademien, die sich selbst stifteten, oder von der Regierung eingerichtet wurden, sind, beim Lichte besehen, nichts Neues, darum ist es unsre Pflicht, eine Erfindung, die schon älter als die Reformation ist, durch eine neue Anwendung und Ausbildung neu zu machen.

Alles muß einen Namen haben, und so denken wir denn zuerst darauf, wie wir uns nennen wollen. Vermeiden wir aber ja den prahlenden Titel der Forscher, der Fruchtbringenden, des Palmen-Ordens und dergleichen, oder der frühern Pegniz-Schäfer, oder der römischen, weitberühmten Arcadia. Zwar gehen uns die ältern Italiener auf humoristische Weise auch mit nicht unlöblichen Beispielen im entgegengesetzten Sinne voran. Sie stifteten in allen Städten, großen und kleinen, unzählig viele Gesellschaften und sogenannte Akademien, und nannten sich wohl die Thörichten, die Unsinnigen, die Verrückten, die Groben, die Weinbauer, die Faulen, die Feuchten oder Wäßrigen, die Unentschlossenen, selbst die Unbekannten, und die Akademie von der Kleie hat den meisten Ruhm davon getragen, und den größten Einfluß auf Sprache und Literatur ausgeübt.

Ich dachte anfangs, wir könnten uns auch nach dem italienischen Vorgange die Wäßrigen nennen, aber, warum wollen wir Kopie, und nicht lieber Original seyn? Wir wollen einen Namen wählen, der in allen Zeiten berühmt bleibt, der uns, doch ohne Anmaßung, würdig bezeichnet, der dabei passend ist, der schon in sich selbst die Aufforderung trägt, unsers Zwecks, unsrer Bestimmung und unsers Werthes niemals zu vergessen. Wir wollen uns also der gewöhnlichen, schaalen, trivialen und armseligen Ruhmredigkeit der Menge und der Welt gegenüber, und allen falschen Bestrebungen zum Trotz »die Ledernen« nennen.

166 – Eine Pause. Alle sahen den Präsidenten forschend an, und dieser fuhr fort: Nicht wahr? Das klingt nicht wie die Blühenden? die Graziösen? Empfindsamen? Und gerade deshalb, weil bei den Geniesüchtigen dieser Ausdruck ein Schimpfname seyn soll, womit sie in ihrem Dünkel das ganz Alltägliche, Niedrige, Geistlose und armselig Lächerliche bezeichnen wollen, wollen wir uns dieses verschmähten und verkannten Adjektivs, dieses gemißhandelten armen Epithets bemächtigen, dem Vorurtheil und dem nichtigen Hochmuth mit ächter deutscher Gesinnung, mit ungefärbtem Patriotismus entgegen schreiten. Denn was ist nutzbarer, dauerhafter, feiner und stärker, schmiegsamer und fester, widerstrebend und nachgebend wie das Leder in seinen verschiedenen Qualitäten und der mannigfachen Behandlung und Bearbeitung? Kann das Heer und die Kavallerie, können die geputzten Equipagen der Fürsten ohne Leder seyn? Ja es hat metallene Bildsäulen überdauert, und die Welt hat ihm mehr als Gold und Silber und Edelstein, das Höchste und Kostbarste, seine Ausbildung nehmlich, zu verdanken. Ich meine jene pergamentnen Codices, auf welche die Weisheit der alten Welt geschrieben wurde. Was sind sie denn anders als Leder? Die schönen goldglänzenden Bände in den ansehnlichsten Bibliotheken, was sind sie denn anders als Kalbsleder, oder gar nach einer neuen Mode, Juchten? Vielleicht, ich sage vielleicht, hat der Pöbel schon früher das Wort »Ledern« als Schimpfwort brauchen wollen, aber gewiß kein namhafter Autor, der auf seine Sprache hielt, vor Erscheinung der unglückseligen »Räuber«. Hier freilich, in diesem viel besprochenen Geniewerke, welches auch gleich nach seinem Erscheinen eine Anzahl Gymnasiasten verführte, sich als Räuber in den Wäldern herum zu treiben, kommt die Schimpfrede »bockslederne Seelen« vor. Und wen nennt der liederliche 167 Student, der dann Räuber und Mörder wird, so? Seine Gläubiger, die endlich ihr Geld wieder haben wollen. Wir, die Ledernen, nennen uns also so in Nachahmung alter verständiger Italiener, vorsätzlich einen komischen Anschein annehmend, um in Wissenschaft und Kunst desto ernster seyn zu können, scheinbar der verkehrten Welt eine Blöße gebend, um sie so sicherer bekämpfen zu dürfen.

Sind wir also darüber einig, so ersuche ich die geehrten Mitglieder unsers edlen Bundes, sich irgend einen Beinamen, von den verschiedenen Qualitäten des Leders hergenommen, zu wählen, den jeder nachher auch, wie es die Italiener thaten, als Verfasser seiner Schriften beibehalten kann.

So nenne ich mich denn, rief der Sekretär Ubique, den Geschmeidigen, ich denke, daß dieser Ausdruck auch meinem Charakter nicht unpassend seyn wird.

Schön! rief der Apotheker, welcher neben ihm saß, so bin ich denn der Zähe, und ich bilde mir ein, daß ich diesem meinem Beinamen durch meine Festigkeit Ehre machen werde.

Der Syndikus Spener gab seinem alten Freunde die Hand, schüttelte diese und rief: Brav! Du bist ein Mann, ich weiß es. Und so will ich mich denn der Harte nennen, denn der werde ich seyn, und ich weiß ja, wie hart man Juchten und starkes Leder durch die Zurichtung machen kann.

Der Dichter Ulf, welcher neben dem Syndikus saß, sprach nach einigem Besinnen: Ich werde mich den Gedehnten nennen, denn es ist fast etwas Wundersames, wie sehr sich fein bereitetes Leder ausdehnen läßt. Die dänischen Handschuhe möchte man nach ihrer Nachgiebigkeit fast die dehnenden nennen. Und wenn ich meine Kunst und Poesie betrachte, so habe ich gewiß meinen Beruf, der mich dieser Gesellschaft würdig macht, schon antizipirt, denn es ist fast unglaublich, wie ich den guten Vers eines alten Dichters bis zu zwölf 168 oder sechszehn Versen, und zwar der besten von den meinigen, ausdehnen kann. Ein kleiner, fast unbemerkbarer Einfall eines andern Autors giebt mir eine ganze Scene. Wer es nicht selbst macht und erlebt hat, der kann es unmöglich wissen, wie sich die poetischen Gedanken und Gefühle in so feine, zarte, sublime und sanft durchsichtige Verse, wenigstens eben so wie ächtes Gold zum Goldschaum verdünnen lassen. Diese Kunst, ob wir Deutschen gleich darin ein Ungemeines geleistet haben, ist noch lange nicht bis zum Gipfelpunkt ihrer Vollendung gediehen. Denn das scheint mir eben die Aufgabe und das nächste Bedürfniß unsrer Zeit zu seyn, die Bücher und Werke unserer früheren Dichter, die immer etwas Ungeschlachtes haben, ins Unendliche hinein zu verdünnen, so daß sich ein dreißig, vierzig neuerer Antoren, wie eben so viele Blutegel, an den elenden unverdaulichen Werther ansetzen könnten, um sechzig oder achtzig große klassische Werke aus dem groben Unwesen heraus zu saugen, das eine solche Ueberfülle von Blut und Lebensgeistern hat. Von den sogenannten Meisterwerken eines ungeschlachten Shakspeare gar nicht einmal zu reden.

Sehr schön, rief der Baron Milzwurm aus: das ist recht mein Gefühl, wenn ich lese; denn wie es einmal eine Humoral-Pathologie gab, auf welcher im Grunde noch der Gebrauch ruht, daß man in Karlsbad oder Eger den Brunnen trinkt, um die Säfte zu verbessern und alte Hemmungen zu heben, so kann mir in Poesie und Literatur nichts dünne und flüssig genug seyn. Je sanfter, unmerklicher mir Gedanken und Gefühle in einem Roman oder einer Tragödie eingehn, um so wohler ist mir. Nur keine zu große Präcision, Gedankenreichthum, Energie, oder dergleichen. Ich werde mich auch deshalb den Nachgiebigen nennen, wie das Leder denn auch diese Eigenschaft hat.

169 Da wir, ich und meine Nichte, bloße Ehren-Mitglieder sind, und niemals etwas vorlesen wollen, so erlassen es uns die erhabenen Ledernen wohl, uns einen bedeutsamen Namen auszuwählen. Wir wollen nur genießen. So sprach die Tante.

Ich also, nahm Ledebrinna das Wort, beschließe und nenne mich den Undurchdringlichen. Sehr stark und fest ist die Haut des Elenthieres, man meinte sogar, sie sei unverwundbar, und ein Koller dieser Haut habe Gustav Adolph und andere Helden geschützt. Freilich, silberne Kugeln durchdrangen auch dieses Fell, und ich will nicht behaupten, daß das meinige durchaus und immer dem Silber oder gar dem Golde widerstehen könne. Indessen denke ich mich als Held zu betragen, um andre zu ähnlicher Kraftäußerung aufzumuntern. –

Nun hätten wir also diese äußere Sache in Ansehung unserer Namen in Ordnung gebracht, und ich dürfte jetzt in meiner Rede und Ermahnung wieder fortfahren.

Meine Freunde! Die Zeit, unser Leben, ist gewiß das Edelste, was uns verliehen ist. Was unser Dasein zerstört, ist verwerflich und gehässig, diejenigen, welche die Zerstörung befördern, sind Verbrecher, sie mögen sich nennen, wie sie wollen. So der Weinschenk, welcher die Jugend zwingt oder verführt, zu viel des starken Getränkes zu sich zu nehmen, der Kuppler, der Jünglinge und Mädchen verdirbt, der Mörder, der geradezu den Hals abschneidet, und so weiter. Je mehr wir aber die Dauer der Stunde, des Tages, der Woche fühlen, je mehr werden wir uns auch unsers Lebens bewußt. Langeweile! Auch eins der verrufenen alltäglichen Worte, die von jenen Hochfahrenden gebraucht werden, um etwas Löbliches, Wünschenswerthes zu beschimpfen. Lassen wir uns, Verehrte, nur nicht durch alte Vorurtheile verblenden. Je 170 mehr wir die Zeit unsers Daseins fühlen, je mehr leben wir, und dieses fortwährende Bewußtsein unsers Lebens kann nur durch das hervorgebracht werden, was die Genievölkchen so gemeinhin Langeweile nennen. Diese Genies haben freilich von jeher gesucht, das Leben zu stehlen, die Zeit zu verkürzen, Minuten und Stunden so völlig vergessen zu machen, als wären sie nicht dagewesen. Wenn dies nun hauptsächlich in der Kunst geschieht, in der Poesie, dem Drama und der Erzählung, so müssen wir auch auf diese unser vorzügliches Augenmerk richten, und in unserm Tageblatt, welches wir herausgeben wollen, in unsern Schauspielen, die wir zu schreiben denken, in unsern Romanen, die wir dichten, und in unsern Uebersetzungen, die wir fabriziren wollen, dahin trachten, daß uns und unsern Lesern nicht durch geniale Ueberraschung, hinreißende Darstellung, Redekunst und erhabne Rührung die kostbare Zeit und das Leben unter den Händen weggestohlen werde, sondern wir werden uns redlich bemühen, statt zu verkürzen, den Zuschauern und Lesern die Stunden zu verlängern, mit einem Wort, eine edle und rechtschaffene Langeweile zu erregen. Denn, meine Freunde, darüber können wir wohl alle einig seyn, daß, wo das Gelüst, die Zeit und ihren Fortgang nicht mehr zu bemerken, schon zum Bedürfniß erhoben ist, so daß ein so Verwöhnter nicht mehr anders leben mag, als daß ihm unbemerkt die Stunden eilig und eiligst dahin schwinden, nichts als eine wahre tödtliche Krankheit und etwa mit der Auszehrung zu vergleichen sei. Arbeiten wir also im entgegengesetzten Sinn. Nichts anmuthiger, als bei einem Gedicht zu sitzen, und in süßer Langeweile die Zeit recht auszukosten, Zeile mit Zeile, und Minute mit Minute messen. Hier und in der Erzählung, so wie im Drama, muß mich nichts frappiren, wie sie es nennen, oder erschüttern, durch Gefühle und Gedanken überraschen, sondern gelassen, 171 ruhig und unmerklich fließt mein Wesen und das Poem dahin. Ich sage daher auch nie: Der Mensch und seine Schicksale interessiren mich gar nicht, hier fehlt der Gedanke so gut wie völlig, hier geht Rede und selbst Grammatik aus, nein, im Gegentheil, so nur genieße ich das wahrhaft Gediegene und Korrekte, wenn ich ganz gleichgültig bleibe.

O wie schön! rief der Dichter Ulf in seiner Art von Begeistrung aus: ich sehe, daß ich schon immer in den Wegen wandelte, die Sie uns jetzt bezeichnen wollen. O, edler Legationsrath! die Musen sprechen aus Ihrem Munde. Sie glauben nicht, ich darf mich wohl etwas dessen rühmen, wie viele Langeweile ich den Menschen schon gemacht habe. Selbst meine Neider mußten gestehen, wenn sie eins meiner Dramen gesehen hatten, die manchmal in der Residenz gespielt wurden, daß ihnen die drei Stunden der Vorstellung wenigstens so lang wie zehn geworden wären. Nun bedenken Sie einmal den Gewinn und Ueberschuß von Zeit und Leben. Wären nur mehr Menschen in der Welt unsers Entschlusses, und wären sie mit den nöthigen Gaben ausgestattet, so könnten ja auf dem Wege des Kunstgenusses die Sterblichen fast wieder die hohen Lebensalter der Patriarchen genießen, wenn ihnen jede Stunde zu dreien und vieren ausgedehnt würde. Und vielleicht brächte man es durch Uebung dahin, daß wir Dichter aus einer Stunde zehn oder zwölfe machen könnten. Aber mir fehlt noch viel zur Vollendung. Das habe ich jedesmal gesehn, wenn ein Stück von mir aufgeführt wurde. Die Kabalen-Macher und Neidharte abgerechnet, die mir meinen Ruhm nicht gönnen, bemerkte ich immer, daß doch so überraschende Coups eintraten, so ergreifende Worte und Redensarten, so frappante Situationen, daß es auch in die neutralen Zuschauer fuhr, und sie zu den Stöcken griffen, um zu trommeln, oder daß ihr Mund sich zum Pfeifen verzerrte.

172 Ledebrinna fuhr fort: Wäre unser Gottsched nur nicht allzu gelehrt gewesen, und hätte sich mit mühseliger unnützer Sprachforscherei beschäftigt, so wäre er eigentlich das Ideal eines deutschen Dichters. Wenigstens müssen wir so viel zugeben, daß zu seiner Zeit unsre Literatur ihre wahre Blüthe erreicht hat. Jetzt stehen wir auf einem Punkt, daß wir fast, wenn es nicht Abendblätter und ähnliche tröstliche Erzeugnisse gäbe, wie verzweifeln müßten. Denn das müssen wir uns dreist gestehn, daß diese Tagesschriftsteller und Journalisten hie und da selbst jene von mir gepriesene Literatur-Periode noch übertreffen. Aber Einheit fehlt, es herrscht Anarchie, denn das Geniale, Geistreiche, Tiefsinnige, Vollendete, Kunstmäßige, Originale, und wie die aberwitzigen Namen sonst noch lauten mögen, wird immer auch noch geachtet und von mehr als einem Leser dieser ächten deutschen Bildung vorgezogen. War es denn nicht, wenn wir uns nicht vorsätzlich täuschen wollen, schon Klopstock, der uns Sprache, Vers und Poesie verdarb? Immer gedankenreich, tiefsinnig, geschroben, gesucht: man versteht ihn oft gar nicht, und er wird auch deshalb schon wenig mehr gelesen. Ein schlimmer Feind unsers Strebens ist Schiller, welcher der Liebling der Nation geworden, und den wir deshalb auch in unsern Blättern schonen, ja ihn sogar loben müssen, um nicht alle Enthusiasten feindlich gegen uns zu erregen. Der böseste, verderblichste von allen aber ist dieser Göthe, der, so wie ich sein gedenke, mich in Zorn versetzt. In seiner ersten Zeit schrieb er kaum ein Stück, oder eine Broschüre, worin er nicht Unmoralität predigte, und sich zugleich solcher Ausdrücke bediente, die man nicht einmal dem Pöbel verzeiht. Sehe man doch einmal seine erste Ausgabe des Götz, schlage man auf, wie dieser Raubritter einen würdigen Trompeter der Reichs-Armee, der also in kaiserlichen Diensten steht, abfertiget. Jetzt, in den 173 neuern Ausgaben soll ein Gedankenstrich die Sache gut machen. Andre Schimpfreden in demselben Schauspiele hat er ausgestrichen, die aber noch schlimmer waren, als jener ungezogene Ausdruck, dessen sich neulich der junge Offizier gegen mich bediente. Dieser Militär ist durch dieses Eine Wort bannisirt, jede Gesellschaft hier, Feuer, Licht, Thee und Butterbrot ist ihm untersagt, und er ist in unsrer Stadt für vogelfrei, für einen Unmenschen, einen Kannibalen erklärt worden. Keiner kennt ihn seitdem, keiner spricht von ihm, sein Name ist erloschen, und seine Verwandte selbst thun, als wäre er nie geboren worden. So ist die Art und Weise unsrer ächten Kultur; das ist die wahre Humanität. Doch dieser Göthe, – welche Worte erlaubte er sich gegen einen ältern Dichter, der schon berühmt war, als man seinen Namen noch nicht kannte, in seiner Broschüre: Götter, Helden und Wieland. Dieser Wieland war freilich auch zu geistreich, und hat lange unser gutes tugendhaftes deutsches Volk verführt. Nun schrieb Göthe den abscheulichen Werther, in welchem er den Selbstmord, die verruchte Stella, in welcher er die Polygamie vertheidigte. Wie lüstern sein Meister ist, wie unmoralisch seine Wahlverwandtschaften, braucht nur erwähnt zu werden. Eine Musterkarte von Unsinn ist sein Faust, sein Tasso die Anempfehlung der Weichlichkeit, das elende Schicksal eines Verzärtelten, seine Iphigenia schwatzt und schwatzt, und seine kleinen Opern und noch kleineren Gedichte sind weniger als nichts. In den letzteren besonders hat er unsrer deutschen Sprache den Hals umgedreht. Geistreich, Genial, Genie, lauter Ausdrücke des Unsinns. Und Göthe! Welch ein Name! Wie oft haben seine Lobredner Morgenröthe darauf gereimt. Göthe, Göde oder Goth, auch Dot, nennen sich in Franken, im Würzburgischen die Gevattern und Gevatterinnen: und mit diesen schwatzenden alten 174 Kindtauf-Pathen hat er auch die größte Aehnlichkeit. Behält man diese Abstammung seines Namens im Auge, so begreift man eher, wie ein Studirter, ein Sohn einer reputirlichen Familie sich erniedrigen konnte, das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern und die Vögel zu schreiben, oder den Prolog zu Barths Offenbarungen, oder den Pater Brey, und noch andre ähnliche Sachen, in welchen es an Ausdrücken wimmelt, jenem fürchterlichen nicht unähnlich, der den jungen Menschen vogelfrei machte, und den ich mit Recht durchaus verachten und völlig ignoriren durfte.

Ubique lächelte und sagte mit zarter Stimme: Geht unser verehrter Herr Präsident hierin auch vielleicht ein klein, klein wenig zu weit, vielleicht um die Breite eines Nagelabschnitzels, so ist doch auch in dieser (daß ich nicht sage Uebertreibung), in diesem fast unsichtbaren Minimum des Zuviel, der Ausdruck seines großen Charakters und die ganze Fülle seiner edlen Gesinnung, so daß man wohl den Skrupel eines Skrupels haben und eine halbe Sekunde stutzen, ihm aber nicht Unrecht geben kann.

Jede Körperschaft und Zunft, fuhr der Präsident fort, hat nach alter löblicher Gewohnheit einen Schutzpatron, einen großen, verehrlichen Vorsteher, unter dessen Aegide sie wandeln und fechten. Und so habe ich denn nicht unterlassen, hier oben über meinem Stuhl das Bild des wahren großen Deutschen anzubringen.

Er zog an einer Schnur, ein Vorhang schob sich weg, und das Bildniß Gottscheds, das Haupt mit einer langen Allonge-Perrücke umflossen, zeigte sich. Dieser Gottsched, fuhr Ledebrinna eifrig fort, ist unser Vorsteher und Heiliger, kein übertreibender Lessing, kein schwärmender Herder, sondern Gottsched: Gott, ein ehrwürdiger Name, nicht Göthe, – sched, eine geheimnißreiche Sylbe, die unsre tiefsinnigen 175 Etymologen künftig einmal deuten mögen. Vielleicht Schatten, Beschattung oder dem Aehnliches. Genug, wenn wir ihn selbst besitzen und verstehn, und uns von seinem Geist durchdringen lassen. Glaubt mir nur, verehrte Freunde, dieser Gottsched ist von den ächten, wahren Unsterblichen. Ob Luther in Deutschland oder in seinem Vaterlande fortwirkt, mag die Frage gestellt werden, daß aber Gottsched in Sachsen, in Leipzig und Dresden immer noch dichtet, denkt und kritisirt, davon haben wir die unwiderleglichsten Beweise, und auch wir wollen hier in diesem Städtchen in die Fußstapfen jener wackern unermüdlichen Männer treten. Mögen sie in Berlin babylonische Thürme über den Leichnam bauen und wundervolle Labyrinthe und Museen errichten, mögen neue Fichte, Hegel und Schleiermacher lehren und predigen, bis ihnen die Kehle trocken ist, wie eine Schmiedekohle, wahrlich, wahrlich, ich sage euch, sie werden den alten Nikolai, diesen ächten Unsterblichen, niemals tödten und vernichten. Er regt und bewegt sich in neuen Gestalten, und aus den ganz unermeßlichen Hegelianern redet der kluge Geist doch wieder heraus, und niemals wird diese Mündung des dortigen Orakels verstopft werden können. – Doch ich erhitze mich, und bitte wegen meines Feuereifers um Entschuldigung. – Vermieden sei, abgeschworen auf ewige Zeiten das, was Hochpoetisch heißt, der Tiefsinn, das Unergründliche, die Begeisterung, die Mystik, die spanische Poesie, das Romantische, – nein, das Mittelmäßige, ja was noch unter diesem, sei unsre Loosung: setzen wir uns so als wirkende Geister in das juste milieu. Es kann uns ja nicht fehlen, in unserm Blatt faselnde Gedichte, hin und her spickende, nickende und tickende Kritisirungen zu liefern, aus dem sieben- oder dreißigjährigen Kriege, je länger je besser Erzählungen herbeizutrommeln und vom Felde her Geschichtsklitterungen und morsche Begebenheiten 176 auszuhecken und wie die Wiedertäufer alte vergessene Waare mit neuem Namen und mit neuem Hut und Stiefeln wieder herbei zu schleppen.

Nur müssen wir es nicht unterlassen, die verehrte Gesellschaft hier und ihre Produktionen immerdar und in allen Formen zu loben. Es giebt tausend Veranlassungen, so ganz unschuldig die Verdienste in das wahre Licht zu stellen: zu erinnern an etwas Treffliches, was in Gefahr ist, vergessen zu werden. Unser Feind, der junge Advokat Alexander, der sich für ein Genie hält, wird immer ignorirt, oder getadelt, oder, wenn er etwas drucken läßt, wie er in Kurzem thun wird, verdreht man ihm die Worte im Munde und läßt ihn ganz andre Dinge sagen, als er meint. Das ist einer der unschuldigsten Kunstgriffe.

Hier nun, rief der Magister, muß ich erinnern, daß das Loben, wo es möglich und erlaubt, zulässig und nicht, ja, wo es unmöglich für jeden Andern seyn möchte, recht ausdrücklich bei dieser Gesellschaft und bei unserm klassischen Tageblatte mein Departement seyn wird. Hat mir der Himmel irgend ein Talent verliehen, so ist es dieses. Der wahre Lober muß es bei jeder Veranlassung, mit und ohne Ursache können, er muß die plötzliche Wendung ins Lob hinein finden, wo sie auch ein Luchs-Auge nicht wahrnehmen möchte. Es sei von Politik oder einer Tagesbegebenheit die Rede, von einem Auflauf oder einer neuen Mode, von einem Kupferpfennig oder einer neuerfundenen Essig-Gährung, von Bohnen und Erbsen, von Mord und Todtschlag, so würde ich eine Brücke bauen können, um unerwartet das seltne poetische Talent unsers herrlichen Ulf zu preisen, oder die vielseitige Bildung unsers Legationsrathes, oder die höchst achtbare Belesenheit des Herrn von Milzwurm, die unendlich gründliche chemische Kenntniß des Senators Dümpfellen, so wie seinen 177 in Europa einzigen Ranunkel-Flor, die Forschungen des Senator Spener und was sich nur irgend fügen und formen will. Denn, meine Herren, meine Bildung ist eine so eigenthümliche, daß es mir nicht schwer wird, über alle Gegenstände in der Welt etwas Erhebliches zu sagen. In der Sprache selbst stehn mir einige Kunststücke zu Gebot, welche es mir sehr erleichtern, denn wenn man seinen Perioden zu stellen weiß, so kann man zugleich sprechen und schweigen, behaupten und widerrufen. Zum Beispiel, wenn unser Gegner Alexander in der Residenz ein Theaterstück hätte spielen lassen, welches allgemeinen Beifall erhalten hätte, und ich könnte nicht umhin, weil etwa ein vornehmer Mann mir den bestimmten Auftrag dazu gegeben hätte, in unserm Blatt darüber zu sprechen, so würde ich mich vielleicht folgendermaßen ausdrücken: Wie sehr es unsrer Stadt zur Ehre gereicht, daß ein Mitbürger, zwar ein Jüngling, schon früh den Kranz auf sein Haupt drückt, welchen die tragische Muse spendet, wenn dies durch den allgemeinen Beifall der ersten Kenner unsers Vaterlandes, einer großen Hauptstadt geschah, so müssen wir freilich auch nicht versäumen, anzuerkennen, wie das Spiel der ersten Künstler es möglich, gewissermaßen leicht machte, diese Palme zu erringen. – Hier werden nun alle vortreffliche wie schlechte Schauspieler gelobt, einige mit Enthusiasmus, einige mit zweideutigen Worten. – Wie trefflich unser Alexander als ein Sieger hervorragt, wie viel Recht er haben mag, sich den Besten anzureihen, so giebt es freilich, wenn auch unbillige, hie und da unzulässige Kritiker, die mit mehr oder minder kritischer Einsicht seine Verdienste verkennen wollen. Zu jenen, deren Beruf man bezweifeln möchte, gehört gewiß nicht unser mehr als vortrefflicher Ulf, der auch schon mehr wie einmal mit Glück, besonders nach dem Urtheil der Kenner, einher geschritten ist, und der also 178 wohl ein Urtheil abzugeben hinlänglichen Beruf in sich fühlen mag. Auffallend weicht über jenes dramatische Poem sein Urtheil von der Meinung der Menge ab, die freilich wohl nicht aus Kennern bestehen kann. Verleitet ihn der dichterische Enthusiasmus, jenes Feuer, welches den Begeisterten immer der Bahn des Gewöhnlichen entreißt, in eine zu ferne Höhe, in welche wir Prosaiker ihm nicht folgen können, so hat doch sein Wort jedenfalls in unsern deutschen Gauen einen guten Klang, und sein Name ist schon eine Autorität. Der Redakteur des Blattes: der Fuchsschwänzler, – geht in seiner bekannten Schalkheit noch weiter, und möchte in seiner höchst witzigen Manier, die durchaus sich fast dem Klassischen anschließt, unserm Alexander alles Verdienst absprechen. Ein Pseudonym, dessen Zeichen wir immerdar mit Freude in dem allgemein gelesenen und beliebten Volksblatt »die Wasserratte« begrüßen, wo er sich als Guido unterschreibt, behauptet und beweist zum Theil, wie alle Schönheiten der Tragödie des Alexander aus ältern Schauspielen so gut wie abgeschrieben zu nennen sind. Theilt nun auch Referent nicht unbedingt diese Ansichten, so hielt er es doch für seine Pflicht, an die Aussprüche dieser genialen Männer, die immer noch nicht genug erkannt sind, zu erinnern, um nicht bloß eine einseitige Meinung auszusprechen, die wahrscheinlich nicht ganz so scharf lauten, sondern im Gegentheil die jenseitige Wage etwas mehr niedersenken würde, denn immer kann der gefeierte Antor sich auf den alten Ausspruch: vox populi, vox dei berufen, wie es ja von je die Schriftsteller thaten, die sich des allgemeinen Beifalls erfreuten, und deshalb das Lob und noch weniger den Tadel eines Zoilus, oder Lessing, oder bühnenkennenden Ulf beachteten. Auf jeden Fall wird der junge Verfasser, wenn er seinem etwanigen Talent nicht schaden will, gut thun, nicht zu rasch auf einer Bahn fortzugehn, 179 auf welcher es so leicht ist, zu straucheln, und wo sich selbst einem so eminenten Talente, wie das eines gefeierten Ulf ist, so bedeutende Hemmungen entgegen geworfen haben. – –

Ulf lächelte selbstgefällig, und Ubique fuhr fort: ich bitte mir auch aus, so sehr wir uns alle der ausdrücklichen Mittelmäßigkeit geweiht, auch oft und viel das loben zu dürfen, was tief unter dieser seyn möchte. Warum die Menge so wie die sogenannten Kenner Vieles schlecht und verwerflich nennen, rührt bei diesen in der Regel vom Mangel an Vielseitigkeit her. Ich gestehe, ich habe es dahin gebracht, daß mir Alles, ohne Unterschied, je nachdem ich es will, gut oder schlecht vorkommen kann, so bin ich fähig, mich zu stimmen, und noch mehr, ich gehe ohne alle Bosheit zu Werke, es ist jedesmal mein vollkommner Ernst, so wie etwas in diesem irdischen vergänglichen Leben, in dieser Welt der Täuschungen uns Ernst seyn kann.

Also, fing Ledebrinna wieder an – denn mein Vortrag ist unterbrochen worden, – nur immer uns gelobt und gelobt, und in allen Formen und bei jeder Veranlassung, so werden keine zehn Jahr vorüber gegangen seyn, daß man dieses unser liebes Ensisheim, welches der kleine niedliche Fluß Pluderbach bewässert, nicht allenthalben Pluderbach-Athen oder mindestens Pluderbach-Florenz nennen wird.

Doch wird es auch nicht übel seyn, fiel Ulf jetzt ein, eben auch in andern Zeitschriften und Volksblättern bald als Guido oder Ariel oder Ulfilas, oder wie ich mich noch sonst verlarven möchte, gleichfalls das Lob unsrer Gesellschaft einzusenden, und witzige oder bittre Aufsätze über unsre Gegner einzuschwärzen. Auch tadeln mich dann jene Blätter nicht leicht, wenn ich ihr Correspondent bin.

Also denn, verbündete Freunde, so erhob Ledebrinna wieder die Stimme, laßt uns Hand legen in gemeinsamer 180 schöner Eintracht an den Bau, den wir fügen wollen, welcher Jahrhunderte überdauern wird. All unser Streben ist immerdar gegen das gerichtet, was der blöde Haufe Genie nennt. Alle diese Genies sind den Raubvögeln zu vergleichen, oder den Krähen und Raben, die unsre Felder verwüsten, und selbst unsre Heerden beschädigen. Das Geschlecht der Vögel, welches ohne Zweck herum streift, welches ohne alle Nutzung fliegt und flattert, bezeichnet überhaupt am besten diese sogenannten Genies. Sie fliegen auf – wohin? zu welchem Zweck? Um sich zu nähren, müssen sie doch zur Erde zurückkehren. Diejenigen Vögel, welche wir gerne um uns haben, sind uns doch nur erst dann nützlich, wenn sie die wilde Art ablegen, so wie die Tauben, oder denen das Fliegen ganz unmöglich gemacht wird, wie Hühner, Enten, Gänse, Indians und dergleichen. Die wenigen schmackhaften Schnepfen, Kramms- und andere Zugvögel kommen gegen unsre vierfüßigen Hausfreunde, Rind, Schaaf, Hammel, Pferd und Ziege in keinen Betracht. Aber jene abscheulichen Sperlinge, Krähen und wie sie weiter heißen mögen, die unser Getraide schon aus den Furchen wegnaschen, diese Schmarotzer, die uns die Bohnen und Erbsen verderben, die Kirschen und Weinbeeren und alles Schmackhafte vorweg nehmen wollen, – gegen alle diese größeren und kleineren Genies, und wären es selber Steinadler und Lämmergeier, stehen wir nun in den grünen Feldern, in unsern Gemüsegärten, in unsern Obstpflanzungen der Kirschen, Pflaumen und Aepfel als edle, ächte und wahre Vogelscheuchen da, und klappern und schwingen die Arme, und handthieren rechts und links, und drehen und wenden uns, schreiben und denken, lärmen und schnarchen, schmeicheln und loben, kritisiren und schimpfen, um diese geflügelte Brut unermüdet wegzuscheuchen. Wir hätten uns deshalb auch das Bürger-Bündniß der Vogelscheuchen, die 181 vogelscheuchende Gesellschaft der Humanität, oder auf ähnliche Weise nennen können, aber es ist besser und zierlicher, bei jener Betitelung der Ledernen zu verharren. – Allons, enfans de la patrie, – doch still, dies sind Worte, die leicht übel gedeutet werden können, aber noch einmal, Freunde: einer für alle, und alle für einen! Wer nicht mit uns ist, ist wider uns! Und kommt ein solcher Ungeheuerlicher auf uns zu mit Genie-Anmaßungen, dann die Arme ans Werk und zieht alle vom Leder!! –

Er stand auf mit der Miene eines kommandirenden Generals. Alle gaben sich den Bruderkuß, und die Sitzung war gschlossen.


 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.