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Die Vogelscheuche

Ludwig Tieck: Die Vogelscheuche - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Siebenundzwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1854
firstpub1835
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie Vogelscheuche
pages356
created20130827
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achte Scene.

Fortgesetzte Nachrichten vom Geisterreich.

Nach einiger Zeit kam der alte Gärtner herein und sagte: Was haben Sie mir da, Herr Bürgermeister, für einen flinken jungen Burschen geschickt, der mir bei der Garten-Arbeit helfen will? Er ist recht anstellig und behende, scheint auch von den Pflanzen einige Kenntniß zu haben.

Ja wohl, antwortete Heinzemann mit einiger Verlegenheit: er ist noch spät in der Nacht angekommen, ich habe vergessen, Euch davon zu sagen, denn er ist mir von vertrauten Freunden dringend empfohlen worden, und ich habe die Absicht, ihn in meinem Hause mehr als einen Freund, denn als Diener zu halten.

140 Wenn er guter Eltern Kind ist, sagte der Gärtner, so wird er sich auch gut aufführen; aber ich habe bei alle dem schon Ursach, über ihn zu klagen.

Was kann er denn schon gethan haben? fragte Heinzemann verwundert.

Mir ist in der Nacht, sagte der Alte, ein Mensch in meine Beete gerathen, und ich kann nicht begreifen, was er suchen wollte, von den großen weißen Blumen sind etliche recht ungeschickt ausgerissen und andere sind zertreten. Wie wir heut Morgen daneben stehn, sah ich, daß das Bürschchen diese Sorte Blumen gar nicht leiden kann, er machte auch kein Hehl daraus, daß sie ihm fatal wären, und ich könnte glauben, er wäre mir da in der Nacht herum getrampelt, wenn die Fußstapfen, die noch in der lockern Erde sind, für die zarten Beinchen nicht gar zu groß und plump wären. Ich fürchte immer, wir gewöhnen uns Spitzbuben hieher.

Es wird nicht so schlimm seyn, erwiederte Heinzemann: geh jetzt, mein Alter, und besorge mit der Frau Gemüse und Küche für den Mittag, denn ich begebe mich nicht nach der Stadt. Und für meinen kleinen Alfieri muß auch gesorgt werden.

Hat er solchen jüdischen Namen? fragte der Gärtner verwundert.

Er stammt eigentlich aus Italien, das heißt, vor vielen Jahren wohnten seine Vorfahren dort.

Drum, drum, murmelte der Alte für sich, indem er ging, hat er gar nichts von unsern jungen Burschen und Knechten hier, nicht die deutsche Derbheit, so eine gewisse Grobheit, die bei der Arbeit nothwendig ist.

Heinzemann besann sich, als er allein war, von neuem auf die Seltsamkeit, welche er in der Nacht erlebt hatte. 141 Das fehlte nur! rief er mit Unwillen aus, daß ich mir mit meinem magischen Sprengsel nichts als einen gewöhnlichen Gärtnerburschen eingefangen hätte. Er scheint aber selbst, der Alfieri, das Verhältniß gern zu einem alltäglichen herab stimmen zu wollen. Doch das soll ihm nicht gelingen. Ich werde den Knaben schon so im Zaum zu halten wissen, daß er seine Geisternatur nicht aufgeben darf. Er sagt aber selbst von sich aus, daß er die Anlage habe, tückisch und boshaft zu werden, und auch deshalb muß ich streng und gemessen gegen ihn seyn, damit ich mir nicht freiwillig einen Kobold in das Haus genommen habe, der mir sonst das Unterste zu oberst kehrt. Nein, nein, ich werde die Moralität des Kerlchens in Obacht nehmen, und dabei muß er das Wunderliche nicht verabsäumen.

Er legte sich in das Fenster und rief mit lauter, gebietender Stimme: Alfieri! in den Garten hinein. Als wenn eine Anzahl Heuschrecken die Treppen herabhüpften, so rieselten, flitterten und tänzelten leise Tritte in der größten Behendigkeit alle Stufen von der Bodenkammer herunter, und Alfieri stand vor seinem Gebieter.

Du bist ein flinker Diener, sagte Heinzemann, und ich gewinne Dich immer lieber. Aber, mein Freund, wir kennen uns noch so wenig, und darum weiß ich noch nicht, nach welchem Paktum wir mit einander leben werden. Wie hältst Du es, zum Beispiel, mit Essen und Trinken? Willst Du in meiner Gesellschaft speisen?

Mein Herr, antwortete Alfieri mit einer zierlichen Verbeugung, so wie einer von uns gezwungen oder freiwillig die Menschengestalt annimmt, so darf er auch, so oft er will, Speise und Trank genießen. Am besten bekommt es ihm freilich, wenn er nur weniges, und nur von den feinsten Essenzen nimmt, solche Dinge, die an das gränzen, wovon 142 wir uns als Elfen und Feen nähren. So oft Ihr befehlt, werde ich mich an Euern Tisch setzen, sonst genügt mir eine Feige, eine kleine Birne, selbst eine Stachelbeere, um auf lange gesättigt zu seyn.

Wenn sie euch so zu Tausenden werben könnten, sagte Heinzemann lachend; was ihr für billige Soldaten abgeben würdet! Oder Arbeiter in den englischen Fabriken. Aber laß uns einmal ernsthaft sprechen. Wir Menschen haben so vielerlei Meinungen und Religionen, Glauben und Aberglauben, Wahrheit und Lüge, und Alles ist so ineinander gerührt und gemischt, wie eine reichlich ausgestattete Medizin, ein Trank aus hundert Ingredienzien, so daß nach meiner Ansicht auch im Schlechtesten etwas vom Besten ist, und das Beste vielleicht nicht ohne das Verwerfliche wirken und existiren könnte. Du verstehst mich doch, Alfieri?

Nicht im allermindesten, mein Herr, antwortete der Elfe ganz trocken: wenn Ihr überhaupt etwas von mir zu lernen denkt, so etwas Gründliches, Erbauliches und Philosophisches, so seid Ihr an den ganz Unrechten gerathen: da hättet Ihr Euch einen Prinzen, oder geistlichen Fürsten greifen sollen, die schon viele Wandelungen durchgegangen sind, die lassen sich aber auch freilich nicht so leicht fangen, wie wir unschuldigen Elfen.

Stellt sich der Patron nur so dumm, sagte Heinzemann mit hochfahrendem Ton, oder ist er wirklich dumm?

Nicht böse, mein Gebieter, sagte Alfieri demüthig und mit bittender Geberde.

Ich erinnere mich ja doch, fuhr Heinzemann fort, daß Du in der Nacht, als Du noch im Käfig saßest, aussprachst, ich sei nur ein einfältiger Mensch, und nachher thatest Du ganz keck den Ausspruch, ich sei nur ein Anfänger und Stümper in meiner Kunst.

143 Was ich verstehe, sagte der Elfe, will ich Ihnen gern nach Gelegenheit mittheilen; aber ich weiß nicht, ob es was Sonderliches ist, wir haben da draußen keine Schule, wir kriegen erst durch den Umgang mit den Menschenkindern oder mit andern höheren Geistern einigen Verstand, und die so Begabten sind dann unsre Obersten und Fürsten. Wir Andern sind mehr zum Spielen und Tändeln da, und leben unsre Tage und Nächte so in der Unschuld hin.

Unschuld! so nahm heftig der Bürgermeister das Wort auf, hier stehn wir eben auf dem Punkt, wo ich mir deutliche Rede und Antwort ausbitte. Wir in unsrer Religion glauben, wenigstens viele derselben, daß es seit uranfänglichen Zeiten böse und gute Geister gebe: die bösen werden vom Satan, dem Könige der Hölle, regiert, und streben in allen Richtungen den guten Engeln entgegen. Nun steht der Mensch in der Mitte, und die Teufel bemühen sich immerdar, diesen von Gott und der Tugend abwendig zu machen; folgt der Mensch, so verliert er die ewige Seligkeit.

Ach! das ist ein hübscher Gedanke, sagte Alfieri, und drehte sich hastig auf der Ferse herum. So ein Lotteriewesen. Nicht wahr? – Er lachte laut.

Ich bitte, sagte der Bürgermeister, daß Er ernsthaft bleibt, mein Schatz, denn es ist hier von keinen Kleinigkeiten die Rede. Man glaubte ehemals, es ließe sich mit diesen Teufeln ein Vertrag errichten, diese Geister der Lüge und Bosheit erschienen sichtbarlich, und dienten, durch Magie bezwungen, den Menschen, wodurch diese Dämonen die verführten Sterblichen nachher der Hölle und ewigen Qual überlieferten. Nun frage ich Ihn, Mensch, auf sein Gewissen, ist Er ein solcher Kerl? Ja, oder Nein?

Alfieri wurde roth, drehte sich um, um sein Gesicht mit den Händen zu verbergen, so sehr er sich aber auch den 144 Mund zuhielt, brach dennoch mit so größerer Gewalt das unterdrückte Lachen hervor. Er sprang dabei wie thöricht im Zimmer herum und schüttelte sich vor Freude. Heinzemann wußte nicht, welche Miene er annehmen sollte, da aber sein Erstaunen stärker war, als sein Unwille, so hielt er sich ruhig, um das Ende dieser unziemlichen Fröhlichkeit abzuwarten. Als Alfieri wieder ein gesetztes Wesen angenommen hatte, aber noch roth im ganzen Gesichte war, sagte sein Gebieter: Nun bitte ich mir aber auch aus, mir einigermaßen deutlich zu machen, worüber man gelacht hat.

Ach! Herr! sagte Alfieri und verbeugte sich tief: bitte, bitte, ich bin noch ein so junges, leichtsinniges Kind, daß ich immer noch dem Spaß zu sehr nachgebe. Wenn Ihr bedenkt, daß ich kaum dreihundert Jahr alt bin, so werdet Ihr selbst das Einsehn haben, daß ich noch nicht gesetzt und nüchtern seyn kann.

Erst dreihundert Jahr! rief der Magier und schlug die Hände zusammen. Dreihundert Jahre hindurch nichts als Kindereien treiben, Schalkheit, sich balgen mit seines Gleichen, einmal sich ein Bischen verlieben, im Mondschein herum fackeln, Bienen und Fledermäuse necken und dergleichen, – es bleibt für unser einen doch unbegreiflich.

Ja, ihr Menschen, sagte der Elfe, werdet so früh klug und ernsthaft: fast wie die Kätzchen, bei denen die Lust am Spiel, Springen und Necken auch nicht lange dauert. Nachher sitzt der Hauskater so philosophisch und ehrwürdig, drückt die Augen zu und denkt wohl recht ehrbare Sachen; doch habt ihr Menschen noch das Lachen, das sich die Thiere verbeißen müssen.

Recht, rief Heinzemann, der schon ganz verwirrt geworden war: a propos Lachen, warum denn lachtest Du so toll und thöricht?

145 Bedenkt nur, mein gnädiger Herr, erwiederte Alfieri recht treuherzig, daß, wenn ich nun etwa ein solcher Geist der Lüge wäre, ich auch gewiß auf Eure Aufforderung nicht die Wahrheit gestehn, sondern bei meiner Lüge bleiben würde. So erführt Ihr also um so weniger, je mehr ich wüßte. Dann aber habe ich den Gedanken, den Ihr vorher ausspracht, noch niemals in meinen Kopf bekommen. Solche ewige Verdammniß und Hölle und wilde Teufel, und, wenn es wahr wäre, daß das zu eurer Religion mit diesem Satan, und zur Ewigkeit und Frömmigkeit nothwendig wäre, ist doch wohl sehr wunderlich und gar nicht zu begreifen.

Hier fiel der einfältige Geist wieder in sein unschickliches Lachen, von dem er aber plötzlich ganz ernsthaft auffuhr, als der Hahn im Hofe krähte. – Es wird regnen, sagte Heinzemann, der Hahn kräht zu einer ungewöhnlichen Zeit, Dir scheint aber dieser Ton unangenehm, denn er hat Dich plötzlich ganz ernsthaft gemacht.

Es ist natürlich, sagte der Geist, denn bei allen unsern Mondscheinspielen, wenn es oft recht toll herging, wenn wir uns schaukelten, über einander weg sprangen, der Nachtigall nachsangen und die Irrlichter zum besten hatten, wenn zwanzig von uns um die Tafelrunde eines hübschen Pilzes saßen, und Honig mit Rosenthau gemischt naschten und sich die Uebermüthigsten wie Trauben an einander gekettet und geballt in den weißen Lilien wiegten, so daß die große starke Blume manchmal erlag und verdrüßlich den Kopf schüttelte, wenn wir die Feuerkäfer vor Wagen spannten, die aus Tuberosen oder Hyazinthen gemacht waren, und fuhren so kutschirend durch das Gras und jagten die eingeschlummerten Schmetterlinge auf, wenn wir alles das tolle Zeug trieben, und nun der Hahnenruf vom Dorfe her erklang, so war uns dies Kriegsgeschrei natürlich sehr zuwider, weil wir nun 146 wieder unsichtbar werden und die Oberwelt verlassen mußten. Denn so sind die Gesetze unsers Geisterlebens. –

Und ihr habt, fragte Heinzemann, von jenen Sagen der bösen Geisterwelt nie etwas vernommen?

Ich wenigstens und meines Gleichen nicht, antwortete Alfieri, was die Fürsten und unsre Priester und Uralten erfahren haben, oder denken mögen, weiß ich nicht. Das Alles zu wissen und zu lernen hat noch Jahrhunderte Zeit. Ich bin auch gar nicht so begierig darnach, denn das Spielen ist mir lieber.

Im Grunde, dachte Heinzemann im Stillen, habe ich mir da einen rechten Taugenichts und Windbeutel so mühselig ins Haus gebracht: von dem Dummkopf, der gar nicht zum Lernen und Denken eingerichtet ist, werde ich für meine Wissenschaften wenig profitiren. Du bist also, sagte er laut, Deinem Stande und Beruf nach ein fröhlicher Geselle, der gedankenlos umherschwärmt, Gott, wie man im Sprichwort sagt, einen guten Mann seyn läßt und nicht auf morgen denkt, wenn er heute nur noch Spaß machen kann.

O bewahre! sagte Alfieri, ich bin jetzt ganz melankolisch, und eine der betrübtesten Elfen im ganzen Reiche, und auch dafür bekannt. Zwei große Thränen fielen plötzlich wie zwei Thautropfen aus den schönen klaren Augen. – Ich bin ja jetzt verliebt, fuhr er dann mit klagender Stimme fort, und habe mein süßes Heimchen schon seit lange verloren.

Armer Junge! sagte Heinzemann, tröste Dich, Du wirst sie wieder finden. Aber wie seid ihr denn auseinander gekommen?

Heimchen ist so wild, sagte Alfieri schluchzend, und schon lange ist sie, schon von der Mutter her in Bann und Strafe in unserm Feenreich. Ich lernte sie erst vor funfzig Jahren kennen, damals war sie noch ein ganz kindisches Kind, denn 147 sie ist viel jünger als ich. Die Mutter hat sich schon vor längerer Zeit an Titania und an unserm geistlichen Herrn Domgall, der über unsre Gesetze und geheimnißvollen Feste wacht, sehr schwer vergangen. So war der Zank nun schon lange hin und her gegangen, und die Mutter war mit Titania ausgesöhnt; so durfte denn Heimchen zurückkommen, und nachdem sie unser schnellster und listigster Elfe, der spionirende Puck, aufgefunden hatte, brachte sie dieser auch wirklich den Eltern wieder. Durch ihre Verwandlungen und den Umgang mit Menschen war nun Heimchen sehr klug geworden, aber auch erschrecklich naseweis, denn sie dünkt sich was Rechts auf ihre Erfahrungen. Allerliebst war sie auch, so glänzend und fein, daß einige von den berühmtesten Feen-Göttinnen wie neidisch auf sie wurden. Damals erklärte ich ihr auch meine Liebe, Heimchens Mutter, Rosenschmelz, hatte auch nichts dagegen, der Vater aber, welcher ein Sterblicher vor Zeiten gewesen war, wollte noch nicht seine Einwilligung geben. Darüber wurde Heimchen toll und wild, sie zankte sich mit dem Vater, warf ihm seinen ehemaligen Stand vor und sagte, er habe ihr nichts zu befehlen. Der zeterte und tobte, denn er hat noch viel heftiges Blut vom ehemaligen Menschen in sich und gab Heimchen förmlich seinen Fluch. Nun fing die Mutter Rosenschmelz ein großes Klagen an, und die Sache kam, wie ich gleich gefürchtet hatte, vor das Konsistorium. Der mächtige Domgall, unser geistlicher Fürst, der alle unsre Ehefehden und alles, was sich auf die Religion bezieht, schlichtet, und vor dem selbst unsere Oberen großen Respekt haben, nahm sich der Sache mit Ernst an und gab ihr eine feierliche Wendung. Er meinte, wenn der Vater nicht freiwillig und in Liebe seinen Fluch zurücknehme, so stände meinem Heimchen ein erschreckliches Schicksal bevor, und ich auch würde gewiß von dem unglücklichen Fluche etwas 148 abkriegen. Wie wir denn im Umgang mit Menschen Gutes, aber auch viel Schlechtes lernen, so war Heimchen ein kleiner Freigeist geworden. Sie lachte über den Fluch und dessen mögliche Folgen, sie verspottete das ganze ehrwürdige Konsistorium, wo die würdigsten Geister zu Gericht saßen, manche hatten sogar greise Bärte an den kleinen, runden Gesichtern, was wirklich komisch genug aussah. Darüber verlor der Vater, Endymion, alle Geduld und fluchte von Neuem.

Endymion? sagte Heinzemann mit Erstaunen, doch nicht –

Ja! ja! rief Alfieri, richtig und gewiß derselbe, den Ihr ohne Zweifel meint, der aus der sogenannten Mythologie weltbekannte Endymion. Schon vor vielen, vielen Jahren verliebte sich Rosenschmelz in diesen jungen schönen Sterblichen, den Endymion. Sie gehört zu den Geistern, die in der Region des Mondes wirthschaften und handthieren und unter seinem Einfluß stehn. Darum ist auch Rosenschmelz so launig und eigensinnig, und springt oft in schönen mondhellen Nächten mit allen ihren Nymphen und schönen rüstigen Feen durch die grünen Wälder und über die Berge, jagt Rehe und Hirsche und plätschert und badet dann wieder in den klaren einsamen Seen, die vom Walddunkel umschattet sind. Darum nannte ein altes Volk die schöne Fee Diana, oder Artemis, oder Selene, und mit noch andern verschiedenen Namen. Dieser Endymion ward nun entführt und sollte vergeistigt werden, wozu Oberon und Titania lange nicht ihre Einwilligung geben wollten, und noch viel weniger der geistliche Herr Domgall. Aber es wurde doch der Streit beschwichtigt, nur behielten viele vornehme Feen und Elfen immer noch einen kleinen Haß und Widerwillen gegen diese Familie, die sich manchmal auch wirklich zu breit zu machen schien. Der erste Zank aber war lange vor meiner Geburt.

Komm mal her, Kleiner! rief jetzt Heinzemann, tritt 149 näher! – Er betrachtete ihn von Kopf zu Fuß, betastete dann Haupt und Schultern, schüttelte den Kopf, betrachtete ihn von Neuem und sagte dann: Wie? Ich hätte jetzt hier in meinem Hause als Jockey den künftigen Schwiegersohn der Diana und des Endymion? Lügst Du denn wirklich nicht, Schalk? Sind das nicht alles Windbeuteleien?

Gewiß nicht, erwiederte der Page etwas verdrüßlich: ich könnte Ihnen, mein Gebieter, noch tausend Geschichten der Art, und manche ärgerliche und anstößige Anekdoten aus den Annalen unsers Reichs erzählen, die in Ihren Grammatiken und Lehr- und Kinderbüchern ganz anders abgefaßt sind. Endymion und Rosenschmelz haben viele, viele Kinder, und Heimchen ist ihre jüngste.

Mir schwindelt, sagte Heinzemann, ich muß mich wenigstens niedersetzen. – Er warf sich auf das Kanapee. – Nimm Dir auch einen Stuhl, denn Du wirst müde seyn, Du armer, unmündiger Knabe von dreihundert Jahren. – Ich muß sagen, das Wesen, was ihr treibt, läuft so kunterbunt durch einander, vieles ist so ordinär und alltäglich, wie es bei uns nur immer seyn kann, und dann kommen wieder so unbegreiflich wunderbare Sachen vor, die der Knirps mir eben so wie das Gemeinste und Gewöhnlichste vorträgt, daß sich alle meine Begriffe verwirren. Dazwischen nun treiben diese geistigen Völkchen wieder so viel Albernheiten und Kindereien, die so bunt, grell und dumm mit jenen großen Wundern kontrastiren, daß man nicht begreift, wer bei ihnen Koch oder Kellner ist. Es ist keine verkehrte, aber doch auch keine vernünftige Welt, es ist phantastisch und poetisch und dicht daneben wieder ganz trocken prosaisch.

Sei mir nicht böse, mein hoher Gebieter, sagte Alfieri, denn ich kann nichts dafür. Wir können hier und da der Schöpfung nachhelfen, aber sie nicht völlig umarbeiten.

150 Wieder sehr weise gesprochen, sagte Heinzemann: fahre nun in Deiner Liebes- und Leidensgeschichte fort.

Ach! sagte Alfieri seufzend, es ist eine traurige, aber auch eine recht klägliche Geschichte, und dabei, wie Sie eben bemerkten, wieder so, was man prosaisch und miserabel nennen könnte. Ich habe schon erwähnt, daß Heimchen sich in ihrem Umgange und in der Verbannung bei den Sterblichen so manches Häßliche, ja sogar Gemeine angewöhnt hatte. Nun ist nicht zu leugnen, der gelehrte Herr Domgall hat etwas Anmaßendes: es kann den jungen Leuten, wie wir sind, recht verdrüßlich fallen, wenn er in seinen Belehrungen kein Ende findet, dabei plaustert er sich dann manchmal auf, wie ein kollernder Truthan, und da das pfiffige Heimchen merkte, daß die freundliche Titania über den alten salbungsreichen Herrn schalkhaft lächelte, so nannte sie ihn kurzweg einen Flegel.

Oho! rief Heinzemann, das war stark.

Unter uns, sagte Alfieri, sind solche Worte und Redensarten auch eigentlich nicht einheimisch, sie kommen uns von den Sterblichen herüber. Da nun der geistliche Fürst aufbrauste und prustete, blieb sie selbst bei dieser Ungezogenheit nicht stehn, sondern ging noch weiter, und – – nein, seht mich nicht so an, mein Gebieter, – ich kann vor Beschämung nicht weiter sprechen. –

Hier drehte sich Alfieri um, nahm das Taschentuch, hielt es vor die weinenden Augen und sagte ganz leise: Sie nannte ihn einen Hans–. Nun, Ihr als sterblicher unterrichteter Mensch konnt Euch wohl die Sylbe denken, welche sie noch hinzufügte.

Bei diesen Worten konnte Heinzemann, der sonst ein ernsthafter Mann war, seiner Ernsthaftigkeit nicht mehr gebieten. Er fiel in ein lautes, anhaltendes, konvulsivisches 151 Lachen, welches so lange währte, daß Alfieri sich tief gekränkt und beleidigt fühlte. Er stand auf, trug seinen Stuhl in die Ecke und ging an das Fenster, um dort, mit dem Köpfchen an die Mauer gelehnt, seinen heißen Thränen freien Lauf zu lassen. Das Sofa knarrte unter den gewaltsamen Bewegungen des heftig lachenden Bürgermeisters, und als er endlich seine Kräfte ganz erschöpft fühlte, sagte er mit matter Stimme: Nun wahrlich, es giebt Monden, Wochen und Stunden, in denen man mehr lernt und weiter kommt, als sonst nicht in vielen Jahren. Diese Geheimnisse der unsichtbaren Geisterwelt, die mir endlich aufgeschlossen werden, haben Ton und Farbe ganz anderer Art, als meine Phantasie, besonders in der Jugend, sich diese poetischen Geheimnisse deutete. Tout comme chez nous! Das ist ja die treffendste Plutarchische Parallel-Biographie mit den Liebesleiden unsers ungezogenen Wilhelm, welcher wegen desselben Wortes aus Ensisheim ist verbannt worden. Aber eine geistige Fee, ein wunderschönes Elfenkind, ein Mädchengeist – Himmel! in der schlechtesten und theuersten Pension bei uns, lernen sie doch so viel, daß solche pöbelhafte Worte niemals über ihre Zunge kommen. Ein wilder Soldat, – mag noch hingehn, – und er stieß den Zauberspruch doch nur gegen einen Nebenbuhler, einen Philister aus. Die himmlische Nymphe aber lästert so einen geistlichen Fürsten! Welche Kontraste! Die beiden, Soldat und Heimchen, sollten einen Ehebund schließen, in ihrer Liebe würden sich gewiß die seltsamsten Schicksale entwickeln. – Aber wie Recht, daß ich zeither, was mir Peterling nicht glauben wollte, die seltsamste Constellation und so wunderliche Conjunkturen fand, daß ich fest behauptete, wir würden und müßten etwas höchst sonderbares erleben. Und hier, und dort in Ensisheim, und im Feenreich, und wer weiß wo noch! Und von dem Theil, den 152 gemeines Volk unpassend und grob zum Schimpf erniedrigt, und den im Gegentheil unser Wieland in Idris und Zenide so lieblich und schalkisch besungen hat, den die höchst gebildeten Griechen selbst in Statuen verherrlichten, geht das unsägliche, herzbrechende Elend von vier Liebenden aus.

Jetzt bemerkte Heinzemann erst, wie sich sein gefangener Schützling in Thränen auflöste. Er ward selber gerührt, faßte seine Hände und sagte zärtlich: Nein, nicht so, mein geliebtes Kind, ich habe Dich nicht kränken wollen, fasse Dich und vergieb mir. Komm, setze Dich wieder zu mir und erzähle mir den Schluß dieser wunderbaren Geschichte. Ich will ernsthaft bleiben, ich verspreche es Dir.

Alfieri sah ihn ernst, aber bittend und demüthig mit seinen klarblauen großen Augen an. Er setzte sich und sagte: Ihr könnt selbst ermessen, Gebieter, welche Wirkung das unbesonnen ausgesprochene Wort hervorbringen mußte, auch glaube ich nicht, daß dergleichen jemals im Feenreich vorgefallen war, denn wenn sich auch Puck und solche untergeordnete Spaßgeister wohl Aehnliches gegen niedere Sterbliche oder dienende Elfen erlauben mochten, so war hier das ganze Konsistorium in seinem Vorsteher in Gegenwart der Könige auf die frechste Weise beleidigt worden. Titania schlug die Augen nieder und entfernte sich still, Oberon ging ihr nach, aber die ganze Priesterschaar und die Familie des Domgall erhob sich im wüthendsten Zorn. Endymion mochte nichts thun und sagen, weil er der Tochter zürnte, und Heimchen verlor nun plötzlich allen Muth, so dreist sie erst gewesen war, und die Gegenwart des Geistes. Da es eine schöne helle Mondnacht war, entfloh sie durch den Nachthimmel, so schnell sie nur konnte. Die ganze Priesterschaft in Masse ihr nach; wir Elfen waren so erstaunt, und ich besonders so erschreckt, daß ich nicht so eilig folgen konnte. 153 Heimchen soll in der Angst verschiedene Gestalten angenommen haben; die am nächsten waren und sie noch unterscheiden konnten, wie Rohrdommel, sagen aus, sie sei zuletzt als große Sternschnuppe hieherwärts nach dem Gebirge und dieser Gegend zu niedergefallen. Seitdem ist sie nicht wieder gesehen worden, und Domgall selbst und keiner seiner Helfershelfer hat sie wieder entdecken können.

Halt! rief Heinzemann plötzlich aus und wandelte mit großen Schritten im Zimmer auf und ab: sollte das vielleicht gar meine Sternschnuppe seyn, die ich vor fünf Wochen oder etwas mehr observirte?

Das ist möglich, sagte Alfieri, denn so lange ist es her, als der Skandal vorfiel, durch den ich mein Heimchen verlor, und wie ich sie nun wieder aufstöbern wollte, in Ihre Dienstbarkeit, Herr Bürgermeister, gerieth.

Du hast mir so viel Neues vorgesprochen, fing Heinzemann wieder an, daß ich noch manche Stunde darüber werde nachdenken können. Du nanntest das Wort Religion. – Von welcher Art ist denn die eurige?

O mein Gebieter, antwortete Alfieri, wir Kinder und ganz jungen Leute bekümmern uns darum fast gar nicht, dazu ist ja noch im Alter Zeit genug. Wir sehen, daß zu gewissen Zeiten große Feste gefeiert werden, daß König und Königin mit den obersten Priestern manchmal gewisse geheime Weihen begehen, daß die erste Frühlingsnacht beim Vollmond immer mit Feierlichkeit begangen wird, und daß es ein großes Fest ist, wenn ein Sterblicher einmal in unsern Orden aufgenommen wird. Wie gesagt, manche Elfen und Feen leben und schweben von der Region des Mondes genährt und beschränkt, eine große lustige Schaar ist unter dem Einfluß des Morgensternes, andere sind dem Planet Jupiter mehr unterworfen, und so giebt es noch mancherlei Kreise 154 und Rangordnungen. Mit den Wolken machen wir uns auch viel zu schaffen, und in der Abendröthe geht es manchmal recht wild her. Doch freilich gehört unsre Ausgelassenheit nicht mehr zur Religion und Deiner Frage. Aber wenn sich einmal die Geister versündigen gegen unsre Priester oder die Geister der Gestirne, die uns Kleinen niemals sichtbar werden, oder wenn manche einmal ein Naturgesetz, wie sie es nennen, übertreten: dann fällt Strafe, Sühne und Buße vor, und dann ist jedesmal bei uns von Religion die Rede. Denn so gut und hold die meisten Geister sind, so können sie doch zu Zeiten recht böse und boshaft werden. Dann wollen sie sich beschädigen, dann schelten sie unsern König und die liebe Königin, dann bindet in der Leidenschaft der Stärkere den Schwachen, er verzaubert ihn auch wohl in einen Baum oder in eine Felsspalte hinein; zuweilen entsteht ein Krieg zwischen großen Schaaren aus den verschiedenen Sternenregionen und dann machen sie wohl gar Erdbeben und Feuerschlünde da und dort, oder heftige Stürme auf dem Meer. Will nun der junge Elfe alt thun, will er schnell und ohne Vorbereitung einen hohen Fürsten vorstellen, will er seinen Vorgesetzten verdrängen, aus einer Sternenregion in eine andere überspringen, versucht es sein Hochmuth, sich heftig mit einer Macht zu bekleiden, die ihm nicht angemessen ist, so nennen wir das, die Götter und die Satzungen der Natur verletzen. Sonst aber, wenn wir nur dergleichen nicht thun, wird uns viel nachgesehn. Aber mit Ehe, Liebe, Eifersucht, Scheidung und Wiedervereinigung giebt es bei uns fast noch mehr Verdruß, als bei euch Sterblichen. So haben wir neben unserm Spaß Unglück und Leiden genug. Auf Zeiten werden die besten Elfen, die gütigsten Herren bei uns recht schlimm und abtrünnig, und darum sind Hölle und Teufel und Verdammniß und Satan und dergleichen wohl 155 überflüssig. Da haben alle Priesterschaften und Gutgesinnten oft lange bei uns zu arbeiten, wenn einmal so recht schlimme Begebenheiten im Großen vorgefallen sind.

Das sehe ich wohl, sagte der Bürgermeister, daß ich Alles das, was mir für mein Studium eigentlich das Interessanteste wäre, von Dir nicht lernen und erfahren kann: indessen denke ich, werden wir uns gut mit einander vertragen, denn Du wirst mir noch manches Wunderliche und Närrische erzählen.

Der Bediente trat herein und übergab dem Bürgermeister ein versiegeltes Blatt. Dieser las nachdenklich, als der Diener sich entfernt hatte, plötzlich rief er aus: Potz Kuckuk! Das hatte ich ganz vergessen. – Aber, Alfieri, was machst Du plötzlich für ein ganz lamentables Gesicht? Du mußt Dich daran gewöhnen, daß mein Hahn oft so laut kräht, das liegt in seiner Natur, es zu melden, wenn sich das Wetter ändern will.

Es ist nicht das allein, sagte Alfieri, es schmerzt mich, daß Sie so muthwillig schon jetzt das feierliche Paktum brechen, welches uns vereinigt. Sie versprachen mir, denn das gehört sich so, daß Sie mich niemals bei meinem Elfennamen Kuckuk nennen wollten.

Du bist ein dummes Ding, sagte der Bürgermeister lachend, potz Kuckuk (da muß ich es ja wieder aussprechen) ist bei uns Menschen so ein hergebrachter Ausruf, wenn wir nicht gerade fluchen wollen: daran mußt Du Dich auch gewöhnen und Dir nicht einbilden, daß Du gemeint bist, wenn einem von uns der Ausruf entfährt. Ich erschrak bloß, daß ich es vergessen habe, wie mich heut noch mein Freund Peterling hier besuchen wird, da die Zeit verflossen ist, die ich mir zu meiner ungestörten Einsamkeit ausbedungen hatte. Dieser Mann kommt oft zu mir und ich besuche ihn wieder; Du wirst mich zu meinen Freunden begleiten und sie bei 156 mir sehn, da mußt Du also Deine weichliche, so schreckbare Natur abhärten. Peterling, der ein wunderlicher Kautz ist, hat in seiner Uhr einen künstlichen Kuckuk, der die Stunden mit dem Ruf des Vogels ausschreit, statt daß die Glocke sie anschlägt: da kann es Dir also begegnen, daß zwölfmal hinter einander Dein werther Name laut geschrieen wird. Was soll Peterling denken, wenn Du jedesmal dabei in Zuckungen verfällst? Ist es nicht überhaupt besser und sicherer, wenn ich diesen vertrauten Mann, für dessen Schweigsamkeit ich bürge, in das Geheimniß unsers Verhältnisses ziehe?

Thun Sie, was Sie wollen, antwortete Alfieri: vermeiden Sie nur, daß die Sache bekannt wird, sonst könnte es Ihnen den größten Verdruß zuziehen. Mengt sich die Obrigkeit hinein, soll das Reich der Feen kompromittirt werden, so bin ich in solchem Augenblicke frei, und Ihnen bleibt die Verantwortung ganz allein.

Nein, sagte Heinzemann lachend, die Zeiten sind bei uns vorüber, wo mich der Spaß mit Dir auf den Scheiterhaufen liefern könnte. Etwas weiter sind wir doch in der Kunst gekommen, Spaß zu verstehen. Peterling ist in unsern Gesellschaften der, welcher sich für den Witzigsten und Lustigsten hält. Ich denke, mit diesem Manne wirst Du Dich gut vertragen, und übermorgen kommt denn auch ein gutmüthiger Kunstschwärmer, Ambrosius, zu uns, der jetzt von einer schweren und sonderbaren Krankheit endlich genesen ist. Er hatte eine künstliche Vogelscheuche verfertigt, aus gebranntem Leder, mit einer hübschen Vorrichtung, daß das Unthier sich schnell nach allen Richtungen bewegen konnte. Diese Maschine hat man ihm gestohlen, er hatte sich aber in seinen Haderlumpenmann so vergafft, daß er über diesen Raub in eine tödtliche Krankheit verfiel. Seine Tochter liebte den ledernen Balg so, daß sie in höchster Verliebtheit den Verstand 157 verloren hatte, und für das ausgestopfte Wesen immer noch wahnsinnig schwärmt. – Du weinst, Narr?

Liebe ist Liebe, sagte der Elfe, empfindet sie in Wahrheit Schmerz, so ist ihr Gefühl auch wahr, sei der Gegenstand und das Ziel, welches es sei. Wir hatten vor einiger Zeit eine kranke blasse Fee, die sich in funfzig Jahren nicht trösten konnte, weil sie sich so unsterblich in eine Rosenknospe verliebt hatte. Sie schwärmte mit den andern in einer lustigen Nacht umher, da lagerten sie sich unter dem Busch und sprachen und sangen. Sie wurde plötzlich still, denn aus dem grünen Strauch nickte eine kleine Knospe, die eben vorn wie ein Feuerfünkchen von Röthe zeigte, und die zugespitzten festgedrückten Lippen noch nicht einmal zum kleinsten Lächeln entfalten konnte. So frühlingsbitter, so düfteahndend hauchte das Knöspchen seinen Athem aus, daß die kleine Fee nicht aus ihrem Entzücken erwachen konnte. Als es Morgen wurde und die andern Geister unsichtbar werden und fliehen mußten, blieb sie in Gestalt eines bunten Schmetterlings sitzen. Denn, sagte sie nachher, sie habe nie unterscheiden können, ob es ein Zwang, ein übernatürlicher, ein Schicksal sei, oder ein freier Entschluß, ein eigner Wille und Vorsatz, daß sich diese Leidenschaft immer heftiger und heftiger in ihrem Herzen entzündete. Nun sah und erlebte sie, wie das Röschen allgemach in Morgenluft und von Auroren geküßt, die zarten Gliederchen entfaltete. Wie sie ein Blättchen nach dem andern aus dem grünen Mantel heraus wickelte, war es, als wenn ein Liebestraum nach dem andern aus dem innern rothen Herzen der Blume herausweinte, lächelte und duftete. Da dachte die Elfe an die vielen schönen Gedichte der morgenländischen Menschen, und verwandelte sich auch in eine Nachtigall, und sang auf dem wiegenden Zweige sitzend so zarte inbrünstige Lieder, daß die Menschen, welche sie in der 158 Ferne hörten, sich der Freudenthränen nicht enthalten konnten. Aus den Rosen flatterten jene unbewußten Blumengeister, und freuten sich der Sonne und des Morgenwindes und des allerliebsten Gesanges, konnten sich aber der Elfe nicht einigen, ja die Blume selber wurde in ihren innersten Blättchen von Freude ganz liebesroth, konnte aber der Nachtigall nichts erwiedern, und die bezauberte Fee konnte aus ihrem Wesen nicht herausgehn, um sich der Rose ganz hinzugeben, und nur ein immer inbrünstigeres Sehnen, ein noch heißeres Entflammen glühte in die Blume hinein, die mit allen ihren Traumkräften der singenden Elfe entgegen kam, ohne doch von dieser und ihrer Liebe etwas zu wissen, denn es war nach Blumenart nur eine stumme, und so zu sagen dumme Freude. So wuchs das Rosenkind ganz auseinander, und bald als Nachtigall, bald als Schmetterling, bald als kleines Käferchen, das auf den Rosenblättern selbst saß, war die Elfe, so sehr Sehnsucht sie verzehrte, ganz glücklich. Die Rosenknospe war jetzt Jungfrau und voll und groß geworden. Das waren zwei Festtage und glückliche Nächte, als die Blume so in glänzender Pracht am mütterlichen Stocke schwankte, die Schönste von allen, die am Strauch erblühten. Aber nun kam auch gleich die Zeit des Welkens, die Blätter erblaßten allgemach, und als der Abendwind nun einen Regen für die Nacht allen den durstenden Pflanzen ankündigen wollte, da nahm er, so wie er den andern Trost zuwehte, die Blätter der sterbenden Rose mit, die auf den Boden farblos rieselten. Das war ein schrecklicher Augenblick, denn nun besann sich die Elfe auf ihre Verzweiflung. Denn das ist das Entsetzliche, daß Wesen, wenn sie über ihre Schranke hinaus lieben, den Gesetzen entgegen, die die völlige Vereinigung des Geistes und Körpers zulassen, aus dem glücklichen Rausch zur Trostlosigkeit erwachen müssen. So geschah es der unglücklichen 159 Elfe. Keine lustige Mondnacht, kein Spiel und Tanz, kein Gesang und Scherz war ihr etwas Wirkliches: Unsinn, Tod, Verzweiflung war ihrem zerrissenen Gemüthe nun das Wahre, Aechte, sie war ganz wahnsinnig. Andre schöne junge Elfen, die sich um sie bemühen wollten, wurden mit Hohn abgewiesen, denn sie sagte, sie könne nicht lieben; noch weniger half es, wenn man ihr rieth, sich wieder eine andre Rose zu wählen, deren ja in jedem Frühling Millionen erschienen, weil sie behauptete, diese, diese Blume, die sie gekannt, sei nur ein einzigesmal da gewesen, und komme auch in alle Ewigkeiten nicht wieder. Und das ist wahr, in der Liebe erst geht uns das Gefühl und die Ueberzeugung recht klar und unerschütterlich auf, daß das Innerste, ich möchte sagen, der Kern unsrer Seele, der ewig unverwüstbare, aus dem sich alle Gefühle und Gedanken, alle Schicksale nur wie Pflanzenblätter entfalten, ein für alle Ewigkeit Einzelnes, Eignes, Einziges ist, das nie in ein Fremdes hinüber rinnen, oder sich verlieren kann. In der Liebe wird diese Ueberzeugung auch immer stärker und heller ausgebildet, und im Gegenstand unsrer Liebe lieben wir eben auch nur das einzige, eigne, von uns als solches anerkannte Wesen, das ist das Glück der Liebe, daß es sich nie in ein andres verlieren kann. O! Heimchen!

Nun spricht der Junge, rief Heinzemann aus, wieder so verständig, und ein andermal so dumm. Was wurde denn aus der kranken Fee?

Nach langer Zeit, sagte Alfieri, wurde sie gesund und lernte dann auch einen Elfen lieben. Aber alle Wunden des Gefühls lassen im Geiste Narben zurück, und das gehört eben auch dazu, daß wir recht einzelne Wesen werden und uns nicht in der Masse verlieren, wozu sehr oft Luft und Zerstreutheit anreizen.

160 Sehr wahr, sagte der Bürgermeister. Was meintest Du aber vorher von der innigsten Vereinigung der Seelen und Körper?

Es ist ein Naturgesetz, antwortete Alfieri, daß die Liebe, weil sie ewig seyn kann und soll, sich lösche, sänftige und scheinbar in dem seligen Rausch ersterbe, aus Lust in augenblicklichen Tod übergehe, um ihr Jugendleben neu und gestärkt weiter führen zu können. Ihr armen Sterblichen sprecht von diesem seligen Vernichten oft roh und gemein. Weil euch, was den unschuldigen Thieren entzogen ward, von der Natur die holdseelige Schaam mitgetheilt wurde, so ist es euch möglich, auch schaamlos zu seyn und die holden Mysterien zu entweihen. Wir Geister sind euch Menschen darin etwas ähnlich, und doch auch wieder unähnlich: wir tragen Gewande, Putz, aber mehr wie aus Scherz und phantastischen Gelüsten. Der Schmuck ist in unserm Reiche etwas Heiliges, und da wir keine Mode haben, so sehen wir bei uns das Reizende, Schöne und Prächtige, und eben so häufig das Barocke, Alberne und Tolle; denn solche Geister, wie unser Puck, und alle ihm ähnliche, haben eine Lust daran, sich oft ganz verrückt auszustaffiren. Sie plündern alle Naturreiche, um von Fischen, Vögeln, Pflanzen, Muscheln und Moosen zusammen zu suchen, was irgend komisch aussieht und Lachen erregt. So ist Kleidung bei uns Sitte und Poesie, aber kein Gesetz, denn auch im Nackten sind wir unter uns ohne Angst und Schaam. Aber nur selten tanzen und schmausen wir so. Wie ihr Menschen nur immer verschweigt und in Geheimniß deckt, was sich nur der glücklichen Liebe enthüllt, so denkt in den Pflanzen, wie sie unbewußt sind, die Natur ganz im entgegengesetzten Sinn. Die magischen Theile, durch welche sie sich erzeugen und fortpflanzen, sind bei ihnen die Blüthe. In den Blumen vor allen prangt und glänzt 161 unverhüllt als Schmuck und eitler Rausch dies Geheimniß. So heilig und fromm die Lilie aussieht, breitet sie doch eben so wie die lachende Rose nur in scheinbarer Keuschheit den weißen Kelch, der ihr Schooß ist, dem entzückten Menschen hin. Unerschöpflich phantasirt in den Blumen dies zeugende öffentliche Geheimniß der süßen Begattung: in Formen, Farben, Mischungen, Allegorien und Symbolen. Und je unschuldiger die Jungfrau ist, je reiner der Sinn des entzückten Liebenden, um so schöner und edler erscheinen ihrer Phantasie und ihren Sinnen diese ihnen so klar entgegen blühenden Geheimnisse, die sie nur ahnden, sich nicht deutlich erklären. So ist dem Menschen Unschuld und Blume, Kindheit und Blüthe Ein Wort, und doch geht bei ihm die Kindes-Unschuld verloren, so wie er sich des Triebes und Geschlechtes bewußt wird.

Er könnte ein Buch über die Liebe schreiben, sagte Heinzemann.

Was bei den Menschen Schaam ist, fuhr Alfieri fort, ist bei den Pflanzen Nahrung und Essen. Der Mensch zählt Mund und Lippen zu seinen edelsten Theilen, er schämt sich des Essens und Trinkens nicht: wie wir Geister sieht er oft Grazie und Anmuth in diesem Thun, die Blume und Pflanze denkt anders. Sie versteckt die häßlichen Wurzeln, mit welchen sie ißt, in die Erde. Sie sind ohne Farbe und Licht. Oft werden sie durch das genährt, was der Mensch verabscheut. – Und darum mußte auch das Elfchen damals, bei jener Mesalliance, die sie aber nicht schließen konnte, verkümmern und verschmachten.

Hier wurde das Gespräch beendigt, weil Peterling eintrat. 162


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