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Die vierzig Tage des Musa Dagh

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDie vierzig Tage des Musa Dagh
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun6. Auflage
year1975
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151125
modified20170206
projectid40f0e668
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Zweites Buch
Die Kämpfe der Schwachen

 

 

»Und die Kelter wurde draußen vor der Ortschaft getreten,
und Blut kam aus der Kelter hervor
bis an die Zügel der Pferde.«

Offenbarung Johannis 14, 20

 

 

Erstes Kapitel
Unsere Wohnung ist die Bergeshöhe

Musa Dagh! Berg Mosis! Auf dem Gipfel des Mosisberges hatte im Morgengrauen das ganze Volk sein Lager bezogen. Die Bergeshöhe, die windige Luft, das Rauschen des Meeres, dies alles wirkte so belebend, daß die Mühen des nächtlichen Aufstiegs vergessen schienen. Man sah keine starren und müden, sondern nur erregte Gesichter. In der Stadtmulde und den benachbarten Regionen schoß alles schreiend durcheinander. Es herrschte nirgends ein Bewußtsein der wirklichen Lebenslage, sondern nur eine gereizte, streitbare Munterkeit. Wie eine Springflut überschwemmte die Sorge um die kleinen Dringlichkeiten der Minute jede Überlegung des Ganzen. Selbst Ter Haigasun, der den Holzaltar in der Mitte des Lagerplatzes bekleidete und somit das Ewige zurüstete, fuhr mit ungeduldigen Scheltworten unter die Männer, die ihm bei diesem Werke halfen.

Gabriel hatte den von ihm zum Hauptbeobachterstand erkorenen Punkt erstiegen. Dieser lag auf einer der felsigen Gipfelkuppen des Damlajik und bot eine klare Aussicht aufs Meer, auf die Orontes-Ebene und die Bergwellen, die gegen Antiochia zu verebbten. Das Tal selbst konnte man von Kheder Beg bis Bitias einblicken. Die äußersten Dörfer waren durch Wegbiegungen der Sicht entzogen. Es gab außer diesem Hauptbeobachterstand natürlich noch zehn oder zwölf exponierte Späherposten, von denen aus die einzelnen Talabschnitte scharf ins Auge gefaßt werden konnten, hier jedoch, von Felsklippen wohlbedeckt, beherrschte man das Allgemeine in großen Zügen. Vielleicht schlug dem einsamen Gabriel Bagradian deshalb, weil er auf diesem Standpunkt der verengenden Lagerwirre überhoben war, als einzigem die wahre Wirklichkeit jetzt so stark ans Herz: Dort im Norden, Osten, Süden, bis nach Antakje, nein, bis nach Aleppo, nein, bis Mossul und Deir es Zor die unabwendbare Vernichtung! Millionen von Moslems, die bald nur mehr ein einziges Ziel haben würden, das freche Armeniernest auf dem Musa Dagh auszuräuchern! Auf der anderen Seite das gleichgültige Mittelmeer, das den steil niederstürzenden Bergrücken schläfrig umbrandete! Mochte Zypern auch hundertmal nahe sein, welcher französische oder englische Kreuzer hatte das geringste Interesse an diesem nackten Teil der syrischen Küste, die völlig außerhalb des Krieges lag? Die Flotten liefen nur in die gefährdeten Richtungen aus, gegen Suez und die nordafrikanische Küste, die tote Bucht von Alexandrette zweifellos stets im Rücken lassend. Bagradian erkannte, das wüste Meer überblickend, daß er während der großen Versammlung sich selbst und die anderen verantwortungslos demagogisch betrogen hatte, als er die Hoffnung auf rettende Kriegsschiffe zu erwecken versuchte. Der höhnisch-öde Meereshorizont belehrte ihn darüber. Unermeßlicher Tod ringsum, ohne den kleinsten Durchschlupf, dies war die Wahrheit! Von diesem Tode fugenlos umschlossen das kleine elende Dorfvolk! Und auch dies war noch nicht alles. Denn sollte sich auch der äußere Tod – was nicht einmal der Wahnsinn erhoffen durfte – wohlwollend träge verhalten, sollte kein Angriff erfolgen, kein Schuß fallen, so müßte trotzdem ein andrer Tod von innen her aufbrechen und das Lager zerstören. Denn wie sparsam man auch immer mit Herden und Vorräten umging, sie ließen sich nicht erneuern und würden in sehr begrenzter Zeit an ihr Ende gelangen. – In der Niederung unten hatte der Gedanke an den Damlajik wie Erlösung gewirkt, denn in bitterer Bedrängnis bedeutet schon der Wille, sich zu bewegen, und die Aussicht auf jegliche Veränderung ein linderndes Heilmittel. Nun aber saß man fest. Das lindernde Heilmittel half Gabriel nicht mehr. Er fühlte sich wie aus Zeit und Raum herausgeschleudert. Das Unabwendbare hatte er wohl für ein paar Augenblicke hinausgeschoben, dafür aber die hundert winzigen Auswege des Zufalls preisgegeben. Handelte nicht Harutiun Nokhudian mit seiner Gemeinde weiser? Ein eisiger Zwang packte Gabriel an. Welch ein unsühnbares Verbrechen an Juliette und Stephan! Er hatte die gute Stunde der Flucht immer wieder vorübergehen lassen, er hatte nicht ein einziges Mal Juliette aus ihrer unbedenklichen Ahnungslosigkeit gerüttelt, obgleich er schon seit jenem fernen Märzsonntag wußte, daß die Falle zugeklappt war. Dieser Erkenntnis seiner unbegreiflichen Schuld folgte eine jähe Blutleere im Kopfe und ein heftiges Schwindelgefühl. Die Horizonte des Meeres und des Landes begannen sich zu drehen. Die ganze Welt war eine rotierende Scheibe und der Musa Dagh der tote, unbewegte Punkt in ihrer Mitte. Den Mittelpunkt dieses Punktes aber bildete Gabriels Körper, der, so hoch er auch stand, die unterste Erstarrung des unabwendbaren Wirbels bedeutete, der um ihn kreiste. Wir wollen doch nur am Leben bleiben, erschauderte er. Doch alsogleich verwunderte es sich schweigend in ihm: Warum eigentlich?

Gabriel Bagradian floh in die Stadtmulde hinab. Die einzelnen Komitees des Führerrates waren schon zusammengetreten, denn die hundertfältige Arbeit des ersten Tages wartete auf Einteilung. Gabriel forderte, daß alle werktauglichen Leute, Männer und Frauen, sich unverzüglich an die Arbeit bei den begonnenen Gräben und Riegeln machten. Der gesamte Stellungsbau müsse in der Hauptsache morgen abends beendet sein, denn wer könne das wissen, vielleicht sei schon für übermorgen der erste Türkenangriff zu gewärtigen. Immer und immer wieder müsse er es wiederholen, daß die Verteidigung und was zu ihr gehöre, die schärfste Mannszucht und Unterordnung der Kämpfer, allen anderen Dingen vorangehe. Da man ihn, Gabriel Bagradian, zum Führer dieser Verteidigung eingesetzt habe, so sei es nunmehr auch notwendig, daß man ihm die oberste Befehlsgewalt einräume, und zwar nicht nur über das erste Aufgebot, sondern ebenso über die Reserve, das heißt über Kämpfer und Arbeiter, somit über das ganze Lager. Pastor Aram Tomasian, der leider ein sehr empfindlicher Mann war, betonte demgegenüber, daß es nicht weniger wichtig sei, die inneren Zustände des Lagers in Ordnung zu bringen. Vorläufig herrsche noch wüste Anarchie, jede Familie beneide die andre um den zugeteilten Wohnplatz, und auch die einzelnen Dorfgemeinden seien mit ihren Lagergebieten unzufrieden. Bagradian wandte sich gegen den Einwand des Pastors: Unzufriedenheit dürfe es einfach nicht geben, da ein verschärfter Kriegszustand herrsche. Gegen Murrende habe man sofort mit empfindlichen Strafen vorzugehen. Thomas Kebussjan und die übrigen Muchtars schlugen sich sogleich auf die Seite des Pastors. Selbst Bedros Altouni mahnte hartnäckig, man müsse vorerst für die körperlichen Bedürfnisse des Volkes Sorge tragen und alsbald mit dem Bau des Lazarettschuppens beginnen, damit sich der Zustand der Kranken und Leidenden nicht verschlimmere. Nun meldeten sich die Muchtars und die Lehrer, einer nach dem andern, zum Wort, um die unaufschiebbaren Notwendigkeiten der eigenen Kompetenz weitschweifig zur Geltung zu bringen. Mit Entsetzen machte Bagradian die Erfahrung, wie schwierig es ist, in einer beratenden Körperschaft das Einfachste und Selbstverständlichste durchzusetzen. Eitles, regelloses Gerede begann sich auszubreiten. Aber nach einigen Minuten schon zeigte die Verfassung, die Gabriel Bagradian dem Führerrat gegeben hatte, ihre Vorzüglichkeit. Ter Haigasun besaß die rechtmäßige Autorität, in schwankenden Fällen eine Entscheidung auf kurzem Wege herbeizuführen. Er machte von dieser Autorität in weise-unauffälliger Art so geschickten Gebrauch, daß niemand mehr einen Antrag stellte und die Lage durch eine gefährliche Abstimmung verwirrte: Gabriel Bagradian sei durchaus im Recht. Hinter den Pflichten der Verteidigung müsse alles andere zurücktreten. Die Dienstordnung, die dem Führerrat seit Tagen schriftlich vorliege, habe unverzüglich vor den Zehnerschaften verlesen zu werden und von Stund an in Kraft zu treten. Dem Befehlshaber sei jedermann unbedingten Gehorsam schuldig. Da er den Krieg als tapferer Offizier kennengelernt habe und damit einen bedeutenden Vorrang vor allen übrigen Gewählten besitze, so überlasse ihm der Führerrat vorbehaltlos alle jene Bestimmungen, welche den Kampf, die Kampfesvorbereitung und die Mannszucht betreffen. Gabriel Bagradian und der ihm beigegebene Kriegsausschuß hätten keine Verpflichtung, ihre Entschlüsse dem allgemeinen Rat zur Annahme vorzulegen. Pastor Aram Tomasian sei ja deshalb in den Kriegsausschuß und Bagradian in den Ausschuß für innere Ordnung eingetreten, damit unnötige Reibungen vermieden würden. Der Befehlshaber besitze ferner selbstverständlich auch eine eigene Strafgewalt. Er könne unbotmäßigen und im Dienste faulen Leuten das Essen entziehen, sie in Fesseln legen lassen und zur Bastonnade milderen oder schärferen Grades nach eigenem Ermessen verurteilen. Nur die Verhängung der Todesstrafe stehe allein Ter Haigasun zu, nachdem sie vom ganzen Führerrat einstimmig beschlossen worden sei. Doch auch dem Lagervolke müsse der Ernst der Kriegsgesetze schon in den ersten Stunden klargemacht werden. Die Hauptaufgabe des inneren Komitees bestehe darin, für strenge Regelmäßigkeit zu sorgen, die harten Umstände natürlich erscheinen zu lassen und alles daranzusetzen, daß sich hier oben nicht anders als im Tale ein ganz gewöhnlicher Alltag entwickle. In seinen Ausführungen wies Ter Haigasun mit stärkstem Nachdruck auf »Gewohnheit« und »Alltag« hin. Von diesen unscheinbaren Mächten hänge die Kraft und Dauer des Widerstandes mehr ab als von außergewöhnlichen Leistungen. Keine einzige Hand dürfe daher beschäftigungslos bleiben. Auch die Kinder sollten nicht müßiggehen und den Todeskampf des Volkes mit ihrem Ferienglück in Verbindung bringen. Es sei deshalb auf einem dafür zu bestimmenden Platz Schule zu halten, und zwar in aller Form und Strenge. Die Lehrer müßten in jenen Stunden, da sie anderweitig dienstfrei seien, im Unterricht miteinander abwechseln. Nur rastlose Arbeit werde die Menschen über dieses enge Leben hinwegbringen können, schloß Ter Haigasun: »Also auf, Leute! Geht an die Arbeit! Wir wollen die Zeit so wenig wie möglich mit Ratsgeschwätz totschlagen!«

Die Muchtars beriefen ihre Gemeinden auf den großen Altarplatz zusammen, der innerhalb der Stadtmulde schon abgesteckt war. Gabriel Bagradian ließ die sechsundachtzig Zehnerschaften des ersten Treffens unter dem Kommando Tschausch Nurhans antreten. Der Rekrutenkönig sorgte dafür, daß die Armee in einem scharf abgezirkelten und wohlausgerichteten Viereck den noch nicht eingeweihten Altar umstand. Dann betrat Ter Haigasun die Altarbühne, die sich auf fünf Stufen ziemlich hoch über den Platz erhob und sehr geräumig war. Der Priester forderte nur Bagradian und keinen der anderen Führer auf, neben ihn zu treten. Dann wandte er sich dem Viereck der Zehnerschaften zu und verlas mit weithin schallender Stimme die Dienstordnung aus dem Schriftstück Samuel Awakians. Nachher fügte er noch einige drohende Worte hinzu. Über jeden, der sich gegen den Willen des kriegerischen Führers auflehne oder seine Pflicht vergesse, werde ein unnachsichtliches Strafgericht hereinbrechen. Das möchten sich hauptsächlich die ortsfremden Zuzügler aus den türkischen Kasernen gesagt sein lassen. Die Aufnahme in das Lager, die Ernährung aus den allgemeinen Vorräten bedeute keine Selbstverständlichkeit, sondern eine brüderliche Wohltat der Volksgemeinschaft, deren sich die Fremden erst würdig erweisen müßten. Ter Haigasun ergriff das silberne Kruzifix, das auf dem Altartisch stand, und stieg mit Gabriel Bagradian in den inneren Raum des Vierecks hinab. Langsam sprach er den Zehnerschaften die Eidesformel vor, die sie mit erhobenen Schwurfingern wiederholen mußten:

»Ich schwöre zu Gott, dem Vater, dem Sohn, dem Heiligen Geist, daß ich mit meinem letzten Blutstropfen dieses Volkslager verteidigen werde, daß ich mich dem Befehlshaber und allen seinen Anordnungen in blindem Gehorsam unterwerfe, daß ich die Macht des gewählten Führerrates anerkenne und in eigensüchtiger Absicht niemals den Berg verlassen will, so wahr mir Gott, der Herr, zur Seligkeit verhelfe!«

Nach dieser Vereidigung marschierten die Männer der ersten Linie hinter den Altar. Die elfhundert Menschen der Reserve, die in zweiundzwanzig Gruppen eingeteilt waren, schwuren einen kürzeren Eid des Gehorsams und Arbeitswillens. Auf der Reserve lag die Hauptlast des Stellungs- und Lagerbaus. Sie besaß für den Kampfesfall keine anderen Waffen als jene landwirtschaftlichen Hieb- und Stichgeräte, die sie aus den Dörfern mitgenommen hatte. Zuletzt kamen die dreihundert Halbwüchsigen der »leichten Kavallerie« vor den Altar. Ter Haigasun sprach ein paar ermahnende Worte zu ihnen, und Gabriel Bagradian setzte ihnen die Pflichten ihres Späher-, Melde-, Kundschafter- und Signaldienstes auseinander. Er bildete aus den Jugendlichen »nach dem Augenmaß« drei große Haufen. Der erste Haufen sollte die Späherposten und Beobachtungsstände besetzt halten und alle zwei Stunden eine Meldung an das Hauptquartier schicken. Zu diesem wichtigen Geschäft wurden die hundert ältesten und vertrauenswürdigsten Knaben ausersehen. Ihnen oblag es auch, bei Tag und Nacht die Wache für die Schüsselterrasse zu stellen, um mit ihren scharfen Bubenaugen den schwachen Rauch vorbeiziehender Schiffe (lächerliche Hoffnung) rechtzeitig zu sichten. Dem zweiten Haufen übertrug Bagradian den Ordonnanzdienst. Diese hundert Knaben mußten sich stets im Umkreis des Hauptquartiers aufhalten, um die Befehle des Kommandanten in alle Richtungen auszutragen und die Verbindung mit den einzelnen Verteidigungsabschnitten zu besorgen. Die Ordonnanztruppe war dem Hauptadjutanten Samuel Awakian unterstellt. Stephan wurde diesem Korps zugeteilt. Das dritte Hundert endlich stand dem Pastor Aram zur Verfügung, um im Lagerdienst verwendet zu werden und, ein Beispiel nur, den Kämpfern die Menage in die Linie hinauszutragen.

Die Gliederung, die Bagradian in das Dorfvolk gebracht hatte, bewies augenblicklich ihre Vorteile. Das soldatische Wichtigkeitsgefühl, das die einzelnen Zehnerschaften erfüllte, die prickelnde Lust zu befehlen, von der die Unterführer sogleich belebt wurden, das kindliche Vergnügen an Reih und Glied, all diese Menschlichkeiten verschleierten die unerbittliche Grundtatsache durch den wohltätigen Eifer des Spieles. Als die Züge bald darauf nach allen Seiten zum Stellungsbau abmarschierten, erhob sich da und dort, schüchtern zwar, doch hartnäckig ein Chorgesang, das alte Arbeitslied des armenischen Tales:

»Die Unglückstage ziehen vorbei
Gleich den Tagen des Winters, die kommen und gehn.
Die Schmerzen der Menschen bleiben nicht lang,
Wie die Kunden im Laden, sie kommen und gehn.«

Gabriel Bagradian beschied Tschausch Nurhan und die Hauptleute der größeren Zehnerschaftsverbände zu sich. Inzwischen aber hatte Ter Haigasun den Altarplatz verlassen und sich auf den Dreizeltplatz begeben, der in der Nähe einer großen Quelle, von Buchsbäumen umgeben, von efeuumrankten Felsen und Myrtengebüsch nach drei Seiten geschützt, ein vortrefflicher Beweis für Gabriels zärtliche Obsorge war. Ter Haigasun wünschte Hanum Juliette Bagradian zu sprechen. Da Kristaphor, Missak, Howhannes und die übrige Dienerschaft mit der Einrichtung des abseits gelegenen Küchenplatzes beschäftigt war, konnte der Priester seinen Wunsch niemand anderem vortragen als Gonzague Maris, der auf dem Dreizeltplatz eilig hin und her promenierte, wie es bewegungssüchtige Seereisende auf einem schmalen Schiffsverdeck zu tun pflegen. Der junge Grieche ging zu Juliettens Expeditionszelt und schlug den kleinen Gong an, der über dem Eingang hing. Die Hanum aber ließ sehr lange auf sich warten. Als sie endlich erschien, bat sie Gonzague, für Ter Haigasun einen Stuhl aus dem Zelte herauszutragen. Dieser aber wehrte ab. Leider dürfe er nicht viel Zeit verlieren. Er ließ seine Hände in den breiten Ärmeln der Kutte verschwinden und senkte die Augen. Was er in einem steifen Französisch vorbrachte, war voll getragener Förmlichkeit. Die Güte von Madame sei bekannt. Er bitte Madame daher, dem Volke die Ehre zu erweisen und folgenden Auftrag zu übernehmen. Es sei notwendig, daß von der vorspringenden Felsterrasse auf der Steilseite des Berges eine sehr große weiße Fahne mit einem roten Kreuz ins Meer hinaus wehe, um jenen Schiffen, die Gott in seiner Gnade senden möge, Kunde von dem Elend zu geben. Darum müsse die Fahne auch eine Aufschrift in französischer und englischer Sprache tragen: »Christen in Not! Hilfe!« Ter Haigasun verbeugte sich, als er an Juliette die feierliche Frage stellte, ob sie gewillt sei, mit Hilfe anderer Frauen die Herstellung dieser Fahne zu besorgen. Juliette versprach es, jedoch mit einer lauen und empfindungslosen Art von Zusage. Es war merkwürdig, die Französin schien gar nicht die Ehrung zu verstehen, die Ter Haigasun ihr durch seinen Besuch und diese Bitte in feinster Art zuteil werden ließ. Sie war wieder einmal taub gegen alles Armenische. Als sich aber Ter Haigasun rasch und nur mit einem Kopfnicken entfernte, wurde sie plötzlich sehr unruhig und suchte selbst zwei große Leintücher aus, die mit der Nähmaschine zu der gewünschten Fahne zusammengesteppt werden sollten.

Gabriel schärfte Tschausch Nurhan und den anderen Unterführern noch einmal die Unerläßlichkeiten eiserner Disziplin ein. Von nun an dürfe niemand mehr ohne Erlaubnis den Posten verlassen, auf den er gestellt ist. Es könne ferner auch nicht geduldet werden, daß die Männer des ersten Treffens die Nacht bei ihren Familien in der Stadtmulde verbrächten. Bis auf die von den Führern ausdrücklich gestatteten Ausnahmefälle habe jedermann in den Stellungen zu schlafen. Bagradian bestimmte auch einen von allen Seiten gut erreichbaren Platz zu seinem Hauptquartier. Dort solle täglich zwei Stunden vor Sonnenuntergang ein Rapport stattfinden, zu dem sich Abschnitts- und Gruppenführer einzufinden hätten. Er werde um diese Zeit Beschwerden, Anzeigen und Bitten entgegennehmen, Abhilfe schaffen und den Befehl für den nächsten Tag ausgeben. Damit war die soldatische Organisation im großen und ganzen geschaffen. Nun kam es nur auf Willigkeit und männlichen Eifer an, sie auch in Gang zu bringen. Gabriel Bagradian besprach noch einmal an Hand der Karte die Einteilung der dreizehn Verteidigungsabschnitte. Von diesen erforderten nur drei eine größere Besatzung, die übrigen zehn bedeuteten lediglich stärkere Wachposten, für die jeweils eine oder gar nur eine halbe Zehnerschaft völlig genügte. Dagegen bestimmte Gabriel allein für die Gräben und Felsbarrikaden des Nordsattels eine Grundbesatzung von vierzig Zehnerschaften mit zweihundert guten Gewehren. Den Befehl über diesen wichtigen Abschnitt übernahm er selbst. Sein nächster Stellvertreter war Tschausch Nurhan, dem zugleich auch der Befehl über die Stellung oberhalb der Steineichenschlucht sowie die Inspektion der gesamten Wehrmacht übertragen wurde. Zu dieser Würde gehörte vor allem die Sorge für die Erneuerung der Munition und Instandhaltung der Waffen. Der unschätzbare Tschausch Nurhan, der an zehn Orten zugleich sein konnte, hatte übrigens schon alles für eine Werkstatt zur Patronenerzeugung vorbereitet. Das nötige Material und Werkzeug war aus seinem geheimnisvollen Betrieb in Yoghonoluk auf den Berg gewandert. Es blieb demnach nur mehr die Kommandofrage der Südbastion zu lösen. Die Besatzung dieses entferntesten Abschnittes umfaßte fünfzehn Zehnerschaften. Aus den bekannten Gründen waren die echten und unechten Deserteure auf diese Streitmacht aufgeteilt, die für den starken festungsartigen Punkt als überaus hoch bezeichnet werden muß. Vorläufig hatte den Befehl dort ein gedienter Mann aus dem Dorfe Kheder Beg inne. Bagradian aber verfolgte eine bestimmte Absicht. Sarkis Kilikian war ja ein tapferer Soldat mit den lebendigsten Erfahrungen aus dem Kaukasusfeldzug. Außerdem besaß er Bildung und Intelligenz. Er hatte durch die Türken Namenloses erlebt, und wenn es in ihm noch so etwas wie Seele gab, so mußte sie vor einem nicht mehr menschlichen Rachedurst vergehen. Die Absicht Gabriels bestand darin, eine kleine Zeit lang Kilikians Wohlverhalten scharf zu beobachten und ihm, sollte dieses seinen Erwartungen entsprechen, das Kommando der Südbastion zu übertragen. Durch diesen Schachzug hoffte Bagradian nicht nur eine wertvolle Kraft frei zu machen, sondern auch die anderen Deserteure, unzuverlässige Leute, fest in die Hand zu bekommen. Er hatte deshalb den Russen nach dem Abmarsch der Zehnerschaften zurückbehalten. Kilikian betrachtete Gabriel die ganze Zeit über mit einer unbeugsamen Teilnahmslosigkeit, die zu gelangweilt war, um impertinent zu sein. Der durch Ölsklaverei, Gefängnisse und tausend schreckliche Abenteuer ausgemergelte Mensch mit seinem jugendlichen Totenkopf, der gegerbten Gesichtshaut, in erdige Fetzen gekleidet, bot trotz alledem einen nervigen, ja imposanten Anblick. Während er Gabriel Bagradian nicht aus seinen hellen, verächtlich beobachtenden Augen ließ, spürte er vielleicht, daß sich etwas in diesem wohlgepflegten und verwöhnten Herrn vor ihm beuge. Vielleicht hielt er für einfache Furcht, was die Ehrfurcht vor seinem unfaßbaren Schicksal und der Kraft war, die es überlebt hatte. Aber gerade die Ahnung eines Furchtgefühls zusammen mit dem Anblick des feingewandeten Mannes, der in seinem ganzen Leben niemals auch nur eine Minute Grauen, Entbehrung, Entehrung erlebt haben konnte, reizte das Böse in Kilikian auf. Bagradian rief ihm in scharfem Befehlston zu:

»Sarkis Kilikian! Melde dich in zwei Stunden bei mir in der Nordstellung. Ich werde dir eine Arbeit geben.«

Die Augen des Russen, die sich noch immer nicht von Gabriel abwandten, nahmen den stumpfen Glanz von Achat an. Er lachte schleppend:

»Vielleicht komme ich, vielleicht komme ich auch nicht. Ich weiß wirklich noch nicht, wozu ich Lust haben werde.«

Gabriel Bagradian wußte, daß von seiner Antwort alles abhing, daß er sich jetzt seinen Rang sichern mußte, daß seine Autorität für immer dahin war, wenn er in diesem Augenblick den Ton verfehlte und den kürzeren zog. Alles horchte gespannt. Manche verborgene Schadenfreude glomm auf. Gabriel hatte sich eine eigene Uniform aus einem noch kaum getragenen Jagdanzug seines Bruders Awetis zurechtgemacht. Er trug dazu gelbe Ledergamaschen und einen Tropenhut. Diesen setzte er auf, als er nun mit nachdenklich wiegendem Schritt auf den Russen zuging. Der Tropenhelm machte ihn noch um einen halben Kopf größer, als er schon war. Er schlug mit seinem Stock gegen die Gamaschen und trat so unabwendbar dicht an Kilikian heran, daß dieser ein Schrittchen zurückweichen mußte:

»Hör mich, Sarkis Kilikian, und tu deinen Schädel gut auf!«

Bagradian unterbrach sich eine Sekunde lang. Er hörte, daß seine Stimme nicht ganz ruhig war. Stark klopfte sein Herz. Diese Erregung war eine Chance, die er seinem Gegner gab. Er wartete deshalb, des Russen Blick nicht auslassend, bis sich sein ganzes Wesen bis zum Rand mit klarem und kaltem Willen angefüllt hatte:

»Ich selbst gebe dir das Recht, Kilikian, das zu tun, wozu du Lust hast. Ehe ich dir aber den Rücken kehre, mußt du dich entschieden haben ... Du bist frei, du kannst zum Teufel gehen, niemand hält dich, Leute wie deinesgleichen brauchen wir am allerwenigsten ...«

Gabriel machte eine Pause, als erwarte er, Sarkis Kilikian werde dieser Aufforderung sofort nachkommen und in seiner höhnisch langsamen Art davonschlendern, ohne sich ein einziges Mal mehr nach dem Volk des Damlajik umzusehen. Der Russe jedoch wurzelte auf seinem Platz. In den toten Steinglanz seiner Augen verirrte sich ein neugieriger Schimmer. Bagradians Stimme nahm ein kühles Bedauern an:

»Ich habe vorgehabt, dich, Kilikian, der du Soldat gewesen bist, durch eine Führerstelle vor den anderen auszuzeichnen, weil du von den Türken mehr erduldet hast als irgendeiner hier. Du hättest dich und deine Kameraden an ihnen blutig rächen dürfen ... Da du aber noch nicht weißt, ob du dazu Lust haben wirst, da du wirklich nur ein verlotterter feiger Deserteur bist, da du die Pflicht gegen dein Volk nicht anerkennst und vorhin einen Meineid des Gehorsams geschworen hast, so lauf und laß dich nie wieder hier blicken! Wir können einen Schmarotzer nicht brauchen, einen frechen Lumpen, der den Frauen und Kindern das Brot wegfrißt. Wenn du es aber wagst, dich noch einmal unter uns zu zeigen, so lasse ich dich erschießen! Geh zu den Türken hinüber! Ihre Kompanien werden bald hier sein. Sie warten schon auf dich!«

Für einen Mann wie den Russen hätte es jetzt nur eine einzige Möglichkeit gegeben: sich auf diesen feinen Herrn, diesen »Kapitalisten«, zu stürzen und ihm die Faust in die Fresse zu schlagen. Sarkis Kilikian aber rührte sich nicht. Seine Augen verloren die starre Ruhe und forschten in der Männerrunde nach Parteigängern. Gabriel Bagradian ließ fünf Sekunden vorübergehen, die seine Macht wie eine Welle hochtrugen, dann schrie er den Mann unvermittelt mit schneidender Stimme an:

»Ich sehe, du hast dich entschieden. Also, marsch! Verschwinde!«

Es war sonderbar, wie diese peitschensausenden Laute den Russen sofort in einen alten Sträfling verwandelten. Er duckte den Kopf zwischen die Schultern und lauerte von unten an dem Gegner empor, der ihn hoffnungslos überragte. Die ganze Schwäche Kilikians aber lag in der Geistesklarheit, mit der er seine Lage beurteilte. Er spürte genau, daß er einen ekelerregenden minderwertigen Augenblick erlebte, denn alle Gewalttätigkeit hängt davon ab, daß der trunkene Haßgeist nicht durch Vorausberechnung der Folgen gebrochen ist. Kilikian aber wußte in diesem Sträflingsmoment, was er zu verlieren hatte. Seit vier Monaten schon lebte er auf dem Musa Dagh in sicherer Verborgenheit. Was er zum Leben brauchte, hatte er sich nachts in den Dörfern zusammengebettelt. Der Auszug des Volkes auf den Berg bedeutete für ihn eine ungeahnte Verbesserung seines Lebens. Wurde er aber aus dem Lager gestoßen, verschwand für ihn die letzte Möglichkeit, menschliche Nahrung zu finden. Im Tale durfte er sich hernach nicht mehr sehen lassen. Doch auch die umliegenden Berggebiete würden von den Türken im Handumdrehen besetzt sein. Der Tod, der ihn höhnischerweise so oft verschont hatte, konnte sich dann an ihm gütlich tun. Die Türken würden ihm mindestens das Fell vom Leibe schinden und jedes Glied gesondert ermorden. Dies alles war dem Russen im blitzhaften Bruchteil einer Sekunde bewußt, und weder sein Stolz, sein Haß noch sein Trotz kamen wider dieses Bewußtsein auf. Er versuchte noch einmal glucksend zu lachen. Doch es kam dabei nur ein beschämend kleinlauter Spott zustande. Gabriel Bagradian wich nicht um Haaresbreite:

»Nun?! Was stehst du noch hier herum?«

Sarkis Kilikians geduckter Sträflingskopf drehte sich zur Seite:

»Ich will ...«

»Was willst du?!«

Der Russe schlug neue Augen auf, nicht mehr jene blassen verlebten Achate, sondern unsichere Knabenblicke. Gabriel mußte an den elfjährigen Jungen denken, der mit erhobenem Küchenmesser vor seiner Mutter stand, um sie zu schützen. Es dauerte lange, ehe Kilikian die entscheidenden Worte eines Unterliegenden hervorwürgte:

»Ich will bleiben!«

Gabriel überlegte, ob er den Mann nicht völlig auf die Knie zwingen müsse, und zwar dergestalt, daß er ihn vor den versammelten Zehnerschaften zu flehentlicher Abbitte und einem verschärften Gehorsamsschwur verurteilte. Nicht nur Mitleid jedoch (das Bild des Elfjährigen), sondern ein innerster Instinkt rieten davon ab. Es wäre eines überlegenen Führers unwürdig gewesen, den Sieg über einen Schwachen voll auszukosten und die eigene Front mit einem ganz und gar erniedrigten Feind zu belasten. Daher nahm sein scharfer Offizierston eine Schwebung von Güte an:

»Ich werde dich dieses erste und letzte Mal begnadigen, Kilikian, und will es eine kurze Zeit mit dir versuchen. Aber du bist nicht fähig, die geringste Verantwortung zu tragen, hüte dich, du bist beobachtet! Abtreten!«

Der Triumph Gabriel Bagradians war so überwältigend, daß der Gemaßregelte militärisch grüßend an die Lammfellmütze griff, ehe er sich unauffällig davonmachte. Die Niederwerfung des aufsässigen Deserteurs, den alle fürchteten, begründete recht eigentlich erst die Machtstellung des Oberbefehlshabers. Tschausch Nurhan und die Gruppenführer nahmen unwillkürlich stramme Stellung. In manchem Auge stand zu lesen: Es zeigt sich doch, was ein geborener Herr ist. Dem peinlichen Auftritt hatte außer Aram Tomasian und Hapeth Schatakhian, die ja Mitglieder des Kriegskomitees waren, auch Lehrer Hrand Oskanian beigewohnt. Er sah nach seiner Art finster und mit erhabener Ablehnung der Umwelt drein. Gabriel Bagradian fiel das Gesicht des schwarzen Lehrers heute besonders auf. Hinter dieser selbstbewußten und alles verneinenden Miene schien sich Energie und Entschlossenheit zu verbergen. So klein Oskanian war, er verstand es wahrscheinlich, nicht nur Kindern Angst einzuflößen. Die Besatzung der Südbastion setzte sich zur Hälfte aus Deserteuren zusammen. Wie die Frechheit Kilikians gezeigt hatte, waren sie eines Erziehers und einer Aufsichtsperson bedürftig. Man mußte ihnen einen giftigen Stachel ins Fleisch bohren. Bagradian war überzeugt, in diesem von sich selbst besessenen Zwerg Oskanian den rechten Giftstachel gefunden zu haben. Auch bot sich ihm jetzt die Gelegenheit, die Kränkung wiedergutzumachen, die dem Schweiger dadurch widerfahren war, daß ihn Ter Haigasun in keinen der Unterausschüsse entsandt und keines besseren Amtes als nur des Schulehaltens für würdig befunden hatte. Bagradian bot deshalb dem finsteren Lehrer das Amt eines Kommissärs der Südstellung an. Er sollte in der Bastion für scharfe Ordnung und klaglosen Dienst sorgen, vor allem aber das kleinste Vergehen und die geringste Unbotsamkeit sogleich zur Anzeige bringen. Hrand Oskanian runzelte seine niedrige Stirn, so daß seine dicken schwarzen Augenbrauen zu einem Strich über der Nase zusammenwuchsen. Er schien mit Großartigkeit zu überlegen, ob diese teils erzieherische, teils büttelhafte Sendung seinem hohen Werte angemessen sei. Endlich stellte er seine Bedingung:

»Wenn ich die Aufsicht über die Südbastion übernehmen soll, muß ich sehr gut bewaffnet sein, Bagradian Effendi, damit die Kerle sehen, daß mit mir nicht zu spaßen ist.«

Lehrer Oskanian setzte es dann auch beim Waffenmeister Tschausch Nurhan durch, daß ihm nicht nur ein Karagewehr mit fünf Magazinen, sondern auch noch eine wuchtige Sattelpistole und ein breites Faschinenmesser ausgefolgt wurden. Dergestalt schwer bewaffnet, begab er sich unverzüglich auf den Dreizeltplatz, wo er mit gewichtigem Schritt auf Juliette zutrat, um ihr seinen neuen Rang zu melden. Gonzagues achtete er mit keinem Blick, von der Überzeugung erfüllt, daß der glatte Weichling vor ihm, dem Krieger, in nichts zerfließe.

An diesem, dem ersten Tage des Musa Dagh flogen die Grabenarbeiten frisch von der Hand. Es bestand gute Aussicht, daß man noch vor Einbruch der Nacht mit den wichtigsten Befestigungswerken zu Ende kommen werde. Das Arbeitsfieber wirkte so begeisternd, daß unter Lachen und Gesang Vergangenheit und Zukunft vergessen schienen.

Weit weniger zuversichtlich erwies sich der Gemütszustand in der Stadtmulde. Ter Haigasun und Pastor Aram hatten alle Hände voll zu tun, um mit den Problemen, die in jeder Minute verschwenderisch auftauchten, zur Not fertig zu werden. Bei der ersten Führerberatung schon hatte Gabriel Bagradian die große Eigentumsfrage zum Mißvergnügen Kebussjans und der anderen Muchtars und Reichen aufgeworfen. Jetzt sahen diese eingefleischten Besitzbauern selbst ein, daß es ein Leben auf dem Damlajik ohne Vergemeinschaftung des Herdeneigentums überhaupt nicht geben könne. Täglich mußten nach genauer Vorschrift soundso viel Schafe und Ziegen geschlachtet werden, wobei es ganz unmöglich war, auf die einzelnen Herdenbesitzer Rücksicht zu nehmen. Jeder Vernünftige sah ferner ein, daß die Schlachtung der Tiere von den Gemeindemetzgern auf einem hierfür bestimmten Platz vorgenommen werden müsse und daß eine Abordnung des Führerrates täglich die Verteilung des Fleisches an die Familien und Zehnerschaften zu beaufsichtigen habe, damit kein Unrecht geschehe und es nicht zu Unruhen komme. Da sich eines aus dem andern ergab, mußten die Muchtars schließlich sogar die Vorteile der gemeinschaftlichen Zubereitung des Fleisches einsehn. Doch nicht genug damit! Ihre Pflicht verlangte, daß sie das Notwendige nicht nur einsahen, sondern das Eingesehene dem Volke auch vermittelten und schmackhaft machten. Die Frischbekehrten hatten es nicht leicht, Vorkämpfer einer Ordnung zu sein, deren geborene Widersacher sie waren. In der Wohnungsfrage ließen sich die Gegensätze leichter vereinigen. Ter Haigasun hatte ja immer die Meinung vertreten, daß eine allzu harte und fugenlose Gemeinschaft dem Leben widerspreche und sich über kurz oder lang rächen müsse. So reibungslos wie möglich in einen neuen Alltag hereinwachsen, dies war die Formel, an die er glaubte. Das Wohngebiet wurde deshalb, soweit es nur ging, ausgedehnt. Morgen schon, wenn Arbeitskräfte und Werkzeuge in den Schanzwerken frei geworden waren, sollte Vater Tomasian nach einem Stadtplan Arams mit dem Bau der Laubhütten beginnen. Da es ungefähr tausend Familien auf dem Damlajik gab, waren auch tausend Wohnstätten vorgesehen, deren Größe von der Kopfzahl der Familie abhing. Holz und Zweigicht war in Überfülle vorhanden. Gabriel Bagradian hatte gestattet, daß ein Teil der Reserve schon am heutigen Tag die Bäume für die Siedlung fällen dürfe.

Große Schwierigkeiten, doch die größte begann bei Brot und Mehl. Hier blieb Ter Haigasun angesichts der beklemmenden Sparnotwendigkeit unerbittlich. Alles, was die einzelnen Familien an Feldfrucht noch besaßen, Weizen, Bulgur, Mais, Kartoffeln, sowie alles, was sie in ihren Backtrögen gebacken und auf den Berg geschleppt hatten, mußte abgeliefert werden, ohne Pardon. Von diesem allgemeinen Vorrat sollte jede Familie bei der Fleischausgabe am Vormittag nur eine kleine Ration mitbekommen. Doch nicht allein das Mehl wurde dem freien Genuß entzogen, auch das Salz, der Kaffee, Tabak, Reis, Gewürz und alles sonstwie Kostbare, das die Sippen mit großer Mühe und weiser Berechnung heraufgeschafft hatten. Der Widerstand gegen diesen harten Beschluß währte stundenlang. Endlich drangen Aram Tomasian und die Muchtars mit Beschwörungen und Flüchen so weit durch, daß einige der tugendhafteren Familienväter mit ihrem Brot und Mehl, mit ihrem Kaffee und Tabak sich zögernd auf den Depotplatz begaben, wo das eingezogene Volksgut aufgeschichtet, geordnet und gebucht werden sollte. Diesen opferbereiten Helden folgten andre, und nach und nach die meisten, von Scham getrieben, denn auf den offenen Lagerstätten ließ sich das zurückbehaltene Eigentum nicht verheimlichen. Die Mehl- und Maissäcke häuften sich nebeneinander. Vater Tomasian bekam den Auftrag, schon in der ersten Frühe des nächsten Tages diese Vorratsstätte durch eine Speicherscheune vor dem Wetter zu schützen. Der Depotplatz bekam sogleich eine Wache von fünf Bewaffneten. Ter Haigasun bestimmte für diesen Dienst fünf Männer aus den ärmsten Dorffamilien. Nachdem all diese schwerwiegenden Fragen für den Augenblick geregelt waren, spürte der Priester, daß er die bedrückten und verstimmten Seelen des Lagervolkes aufrichten müsse. Er stellte daher nicht nur den baldigen Bau einer größeren Anzahl von Tonirs in Aussicht, sondern warf auch das Wort Harisa in die Menge, das seine beruhigende Wirkung nicht verfehlte.

Harisa heißt eine Nationalspeise der Armenier schon seit undenklichen Zeiten. Wie alles Uralte, dem Gedächtnis der Generationen Entwachsene, ist auch diese Speise und ihre Zubereitung von einem Hauch des Religiösen und Feierlichen umwittert. Dies war auch der Grund, warum die bloße Erwähnung eines Harisa-Festes in dem verdüsterten Volke Traulichkeit verbreitete. Dabei bestand die Speise, gleich allen Abwandlungen der menschlichen Küche, nur aus wenigen und einfachen Bestandteilen, aus kleinen Lammfleischwürfeln, aus Fett, aus gehackten Knorpeln und Gorgod, grobgeschälten Weizengraupen, die dem Ganzen beigemischt waren. Doch die Materie war nicht das Wichtigste, handelte es sich doch bei Harisa um eine Festspeise, die im September die vielfältigen Erntewochen von Gal, dem Dreschfest, bis Wartawar, der Weinlese, alljährlich belohnte. Ter Haigasun sorgte also trotz Verschickung und Flucht dafür, daß sein Volk auch auf dem Damlajik nicht um eine der wenigen Lebensfreuden kommen sollte, die es besaß. Die Harisa-Freude lag aber nicht nur im Essen, sondern weit mehr noch in der Zeremonie der langwierigen Zubereitung. In den Tonirs mußte die ganze Nacht über ein mäßiges Feuer unterhalten werden, auf dem die Mischung langsam kochte. Am Morgen war dann das Wasser im Topfe verdunstet und nur mehr eine fest zusammengewachsene Masse blieb übrig. Jetzt aber begann erst das Vergnügen der Jugend. Lang vor der üblichen Zeit erhoben sich im Hause die jungen Burschen und Mädchen, um mit dem Klappstock Tentotz, der in jedem Gerätewinkel aufbewahrt wird, Harisa zu schlagen, denn die Masse mußte erst zurechtgeprügelt werden, wie in anderen Ländern der getrocknete Stockfisch. Dies alles war nur ein kleiner, blasser Teil der altberühmten und überlieferten Lustbarkeiten, die mit dem Harisa-Fest im Zusammenhang standen. Dank Ter Haigasuns Versprechungen hatte das Volk des Musa Dagh trotz allem ein solches Fest zu erwarten. Der Priester, Tatsachenmensch und Psychologe zugleich, verfolgte mehrere Absichten damit. Erstens: Er wußte, daß der Mensch zugrunde geht, wenn er sich nicht auf irgend etwas, und sei es auch das Geringste, freuen kann. Zweitens: Harisa ist keine reine Fleischspeise, da sie einen Mehlzusatz enthält. Sie hilft Brot sparen und befriedigt doch das Bedürfnis danach. Drittens: Harisa verdirbt nicht. Sie ist kalt und warm genießbar, äußerst sättigend und bedeutet folglich den besten Kriegsproviant. Viertens: Der armenische Bauer und Handwerker fühlt sich in einer Welt nicht zu Hause, wo es keinen Tonir gibt. Vielleicht kommt das daher, weil der Tonir einst der Altar der Feueranbetung gewesen ist, weshalb ihn auch heute noch die Gefühle eines göttlich gesicherten Heimwesens umschweben mögen. Ter Haigasun strebte nichts tatkräftiger an, als seinen Gemeinden hier in der Wildnis und Todesumschlungenheit das Bewußtsein zu schenken: Wir sind zu Hause. Dafür sollten trotz aller Opfer und Entbehrungen die Tonirs und Harisa sorgen. Dies plante der kluge Priester; und kaum hatte er die vertrauten Worte gesprochen, hellte eine Welle von Zufriedenheit die murrenden Gesichter auf.

Ter Haigasun, Gabriel und der Führerrat rechneten ohne Selbstbetrug mit der Vernichtung, die den Musa Dagh von allen vier Weltrichtungen her bedrohte. Mit einer Richtung der Gefahr jedoch hatten sie bisher wenig gerechnet. Und gerade aus dieser Richtung brach noch vor Sonnenuntergang ein Unheil herein, das nie wieder gutzumachen war.

Die Arbeiten schritten heute immer besser vorwärts, schon deshalb, weil die Sonne bedeckt war. Sie schleuderte ihre Hochsommerstrahlen nicht auf die armen Rücken der Roboter, und niemand mußte sich vor ihr schützen. Obgleich aber die Sonne bedeckt war, standen doch keine Wolken am Himmel, und man konnte auch nicht sagen, daß es kühler geworden sei. Die Luft war von einer wolkig trüben Substanz durchdrungen, von einem spülichtfarbenen Bodensatz des Weltalls wie von unreiner Gesinnung; anstatt der offen brennenden Hitze lastete Schwüle bergschwer auf allen Dingen. Das Meer lag ganz glatt. Manchmal überlief es ein Gluthauch vom Westen, ohne seine feste Fläche zu ritzen. Doch trotz dieser schweren Bewegungslosigkeit der See umsprang vom Mittag an die Brandung mit unterdrücktem Zorn immer lebhafter die Klippen. Die Menschen, von ihren Sorgen und Mühen besessen, hatten des scheeläugigen Wetters nicht acht. Der plötzliche Überfall des Himmels gelang daher vollkommen. Vier, fünf einherratternde Sturmstöße wie ein kurzes Kriegsmanifest. Der ganze Damlajik, jeder Felsblock, jeder Baum, jeder Myrten- und Rhododendronstrauch ein einziger aufhorchender Schreck! Dann das Einsatzzeichen eines entsetzlichen Donnerschlags. Und schon ritt das blitzschnelle blitzreiche Südgewitter die rasselnde Attacke, alles in seinen dicht-erstickenden Staub hüllend. Die Matten, die Decken, die Betten, die Kissen, die Laken, die Tücher, die Töpfe, die Krüge, die Lampen, das Leichte, das Schwere, alles klirrte und wimmerte auf, wurde gestürzt, im Kreise gedreht oder davongetragen. Auch die Menschen schrien auf, begannen die boshaft entwischenden Sachen zu jagen, stießen einander an, zertraten das Gut des Nächsten. Den Schlachtlärm aber überbrüllte das jammernde Aufbegehren der kleinen Kinder, als verstünden sie die geheime Bedeutung dieser himmlischen Züchtigung am ersten Tage. Kurz darauf warf die wilde Jagd nach der fliegenden Habe ein Hagel nieder, wie ihn das Bergvolk noch niemals erlebt zu haben wähnte. Nach vergeblichem Widerstand legten sich viele platt auf die dampfende Erde hin und boten ihre Rücken der peitschenden Bastonnade dar. Sie bissen in die Erde. Sie wollten vergehn. Ein Ruf plötzlich: Die Munition! Glücklicherweise aber hatte Gabriel Bagradian die Patronenverschläge in das Scheichzelt bringen lassen und Tschausch Nurhan für die Trockenhaltung des unverarbeiteten Pulvers vorgesorgt. Der zweite Gedanke galt den Lebensmitteln. Die Männer stürzten schreiend zum Depotplatz. Zu spät! Die Fladen waren in klebrigen Teig verwandelt, die Brotlaibe in aufgebrochene Schwämme. Alle Mehlsäcke qualmten wie gelöschter Kalk. Und diese Vernichtung war das schwerste Unheil. Der größte Teil des Salzes verlief in der Erde. So mancher dachte der uralten Drohung, daß der Mensch dereinst am Jüngsten Tage alles durch seine Schuld vergossene Salz werde mit den Augenlidern aufsammeln müssen. Angesichts der Katastrophe gaben sie den Kampf auf. Naß bis auf die vom Hagelschlag gepeitschte Haut setzten sie sich auf den morastigen Boden, gleichgültig gegen den Wolkenbruch, der sie mit fingerdicken Strähnen traf. Nicht einmal die Frauen weinten und jammerten mehr. Stumm hüllte sich jeder in brütende Einsamkeit, einen unaussprechlichen Groll gegen Ter Haigasun und den Führerrat im Herzen hütend, die das Depot und den gottverfluchten Ablieferungsbefehl auf dem Gewissen hatten. Nichts erleichtert im Mißgeschick das menschliche Herz so wohltätig wie der Trieb, bestimmte Personen auch für ein elementares Unheil schuldig zu sprechen und mit Vorwürfen zu überhäufen. Auch das zürnende Volk des Damlajik bedachte erst viel später, daß jene von Ter Haigasun verfügte Ablieferung von Brot und Mehl mit dessen Untergang nichts zu schaffen hatte, da dieses im Privatbesitz ebensowenig wäre zu retten gewesen. In den Augen der Bauern aber schien sich der Himmel mit unerbittlicher Strafhärte gegen die Gemeinschaftsordnung und für das Einzeleigentum entschieden zu haben. Die bekehrten Muchtars mit dem schielenden Thomas Kebussjan an der Spitze fielen auch sogleich um und mischten ihre Knurrstimmen unter die Vorwürfe, Anklagen und Flüche, die auf den Priester einstürmten. Ter Haigasun hielt den wilden Anfeindungen mit gesenktem Haupte im abklingenden Regen stand, während ihm die Kutte am Leibe klebte und das Wasser aus dem Barte rann. Brot und Mehl waren für immer vernichtet. Der Priester konnte mit der entsetzlichen Frage nicht fertig werden, warum Gott die menschliche Vorausberechnung von unschuldig Verfolgten binnen zehn Minuten zuschanden gemacht hatte. Und dies, bevor noch der erste Tag des Musa Dagh zu Ende gegangen war. Eine einzige Persönlichkeit hatte sich gegen den Sturmangriff von oben mit energischer Umsicht zur Wehr gesetzt und ihr Brot verteidigt, das freilich geistiges Brot war. Die ersten Windstöße raubten dem alten Krikor sogleich ein paar Bände. Er aber war klug, ließ diese Opfer fahren und warf sich mit seinem ganzen Gewicht quer über die Mauer, die er aus Bücherziegeln errichtet hatte, sie mit Händen und Füßen umklammernd. Trotz dieser Zwangslage war der Apotheker geistesgegenwärtig genug, zwei Zeltbahnen und eine Decke herauszuzerren und damit den größten Teil seines Schatzes trockenzuhalten, bis ihn sein tauber Hausknecht erlöste. Noch bis zum letzten Schein der Dämmerung sah man ihn dann, wie er mit unbewegter Mandarinenwürde die sturmentführten Bücher hinter jedem Strauch und Stein hervorsuchte, bis er sie alle gerettet hatte.

Die Sonne ging in farbig zerrissenen Himmelsgebirgen unter, die von nichts mehr wußten. Nur die Vögel lärmten wieder bis zum letzten Lichtaugenblick, als hätten sie etwas nachzuholen. Die Menschen waren überaus still geworden. Männer, Weiber und Kinder liefen halbnackt durcheinander. Die Hausfrauen spannten Hanfstricke zwischen den Bäumen und hängten das ganz und gar durchnäßte Zeug zum Trocknen auf. Nun wollte sich keiner mehr auf den Erdboden niederlassen. Doch ehe noch der Mond kam, hatte die durstige Sommererde die letzte Feuchtigkeit bereits in ihre Tiefen eingesaugt. Die Lagerfeuer aber wollten trotzdem nicht auflodern, denn an Holz und Reisig hing noch immer der dicke Regen. Die einzelnen Familien hockten dicht beisammen und kehrten den Nachbarsippen verstimmt und boshaft den Rücken zu. Später schliefen sie ohne Matten, Matratzen, Decken und Kissen, die bis zum nächsten Abend kaum trocken sein konnten, auf der nackten Erde ein. Die Menschen lagen zu einem Knäuel verwickelt, denn ein Körper wollte im Unglück den andern berühren, eine Trauer sich der andern versichern. Die Mannschaften des ersten Treffens schliefen in den Stellungen draußen, nachdem sie das Wasser aus den kaum fertiggebrachten Gräben hatten schöpfen müssen. Auch Gabriel ließ sich seine Matratze und seine Decken in die Nordstellung hinaustragen. So erschöpft er war, sein Entschluß stand fest, nicht um ein Haar anders und besser zu leben als seine Kämpfer. Juliette hatte er heute nur einen Augenblick lang gesehen. Gabriel Bagradian schlief als letzter ein. Dann hatten nur mehr die Wachen die Augen offen, je zwei und zwei auf jeder Schanze der Verteidigungsabschnitte. Eine Stunde vor Mitternacht ging über die scharfen Zacken des Amanus ein wunderbarer Sternschnuppenfall nieder. Himmlische Eidechsen und Schlangen tollten in zuckenden Bahnen herab und hüllten den stumpfen Grauwackenklotz des hohen Berges in ein bedeutendes Goldgespinst. Trunken vor Müdigkeit sahen die Wachen dieses Wunder und sahen es nicht. Gegen Morgen aber brütete der abgestandene Regen im Laub, das erste Zwielicht und der warm dampfende Nebel Wölkchen von kleinen roten Fliegen aus, die sich auf die Gesichter und Hände der Schläfer gierig herabsenkten. Ihre Stiche brannten und hinterließen lästige Entzündungen.

Pastor Aram Tomasian saß auf einem Späherposten, den die Kundschaftergruppe der Knaben in der Krone einer uralten Eiche errichtet hatte. Von diesem Punkte aus konnte man Kirchplatz und Dorfstraße der großen Ortschaft Bitias genau überschauen. Der Pastor hatte sich Bagradians Feldstecher ausgeliehen, und so lag der staubbewegte Platz und Weg deutlich vor seinen Augen. Die protestantische Gemeinde Nokhudians stand abmarschbereit vor der Kirche. Der Menschenhaufen machte einen sehr umfänglichen Eindruck; es schien eine erkleckliche Anzahl von Gesinnungsgenossen heimlich zu Nokhudian gestoßen zu sein. Die Überraschung, bis auf Bitias alle Armeniernester leer zu finden, mochte der Grund sein, warum Müdir und Polizeivogt die Ausstoßung vom Samstag auf den heutigen Sonntag verlegt hatten. Die Saptiehs liefen hin und her, ihre Knüppel oder Gewehre schwingend. Genau konnte man das nicht unterscheiden. Ein entrückter Zickzack kleiner Gestalten. Vielleicht schlugen die Gendarmen schon jetzt mit ihren Knuten drein. Doch kein Laut der Empörung und des Jammers verirrte sich hierher. Die Ferne dämpfte das Furchtbare zu einem mattbelebten Bild. Tomasian mußte sich erst innerlich zu dem Bewußtsein überreden, daß sich im Kreisausschnitt des Fernglases dort unten nicht ein puppenhaftes Schauspiel begebe, an dem er keinen Anteil habe, sondern sein eigenes Schicksal. Aram sagte sich immer wieder, daß er sich aus der Schar dieser Vertriebenen, die in der Staubwolke des Tales ihren Todesgang antraten, nur geflüchtet habe, um für ein paar Tage sein Erdendasein zu verlängern. Hier oben in der Eiche war es so schattenwohlig. Den Körper durchströmte ruhevolles Behagen. Die Wirklichkeit des Tales löste sich in winzige Bewegtheiten auf, die das Auge spannten, dem Herzen aber gleichgültiger blieben als ein Traum. Pastor Tomasian fuhr unter der Erkenntnis seiner kaltherzigen Schuld zusammen. Dorthin gehörte er und nicht hierher. Vor seinen Sinnen erstand das Missionshaus von Marasch. Reverend C. E. Woodley, der ihm von Gott gesandte Prüfer, stellte noch einmal die schillernde Fallenfrage: »Kannst du den Kindern helfen, wenn du mit ihnen in den Tod gehst?« Nun aber hatte er dort in Bitias zum zweitenmal die Gelegenheit versäumt, sein Leidenszeugnis vor Christus zu verbessern. – Es dauerte noch lange, quälend lange, ehe sich der Zug seines greisen und doch um so viel gerechteren Amtsbruders Harutiun Nokhudian in Bewegung setzte. Im übrigen hatte der sommersprossige Müdir den Verschickten zweifellos einige Vergünstigungen gewährt. Die vielen Packesel schritten im Zug, dem sogar ein paar Karren mit ihren in der Staubwolke hopsenden Vollrädern folgten. Und Pastor Aram Tomasian sah, was er in den sieben letzten Tagen von Zeitun so oft gesehen hatte: Ein kranker, sterbensmatter Menschenwurm, eine schwärzliche Raupe mit zitternden Fühlern, Borsten und Füßchen, wand sich zertreten durch die Landschaft, ohne vom Fleck zu kommen. Das wunde preisgegebene Tier schien in der offenen Talfalte vergebens ein Versteck zu suchen. Mit peristaltischen Rucken schob es die vordersten Leibringe vor und zog die hinteren schmerzhaft nach. Tiefe Kerben entstanden so, und oft zerriß die schleichende Raupe in mehrere Teile, die, von ihren kaum sichtbaren Peinigern bedrängt, schlecht und recht zusammenwuchsen, um an der kaum vernarbten Stelle wieder auseinanderzubrechen. Es war nicht das Kriechen, sondern der zuckende Todeskampf eines Wurms, ein letztes Sichringeln, Strecken und Krampfen, während die Aasinsekten sich schon über die offenen Wunden hermachten. Fast wie ein Wunder wirkte es, daß zwischen dem Wurm und den Dörfern sich nach und nach ein Abstand bildete, wenn auch unerträglich langsam. Es sind einige schwangere Frauen darunter, überlegte Pastor Aram. Und sofort fiel ihm der Gedanke an Howsannah aufs Herz. Verschiedene Anzeichen sprachen dafür, daß die Stunde seiner Frau unmittelbar bevorstehe. Keinerlei Vorsorge war getroffen worden und konnte getroffen werden. Sein erstes Kind würde unter ebenso rauhen Umständen zur Welt kommen wie irgendein Tierchen des Musa Dagh. War dies schon schlimm genug, so bedrückte Tomasian noch tiefer eine unbestimmte Angst, die er um seiner Sünde willen für die Kreatur im Mutterleibe empfand. Er ließ das Zeiß-Glas sinken und klammerte sich, wie vom Schwindel erfaßt, mit beiden Armen an die stärksten Äste der Gabel, in deren Mitte er saß. Als er nach einiger Zeit wieder den Feldstecher vors Auge nahm, hatte sich das Bild etwas verändert. Der Wurm wand sich jetzt durch Azir, das Raupendorf. Ein Trupp von Saptiehs aber hatte sich losgelöst und marschierte in nordöstlicher Richtung, Bitias im Rücken lassend, auf Kebussije zu. Pastor Aram sandte unverzüglich Botschaft an das Hauptquartier. Die Gefahr ging schnell vorüber. Die Saptiehs schwenkten nicht gegen den Nordsattel des Damlajik ein, sondern verzogen sich die ansteigende Talsohle hinan. Sie suchten, durch Pastor Harutiun Nokhudian verwirrt, auf falscher Fährte. Das Land lag still. Auf den Plätzen und Wegen der verlassenen Dörfer lungerten einige hundert Moslems umher. Die durch den Beutegeruch verlockten Mohadschirs aus dem Nordwesten und das einheimische Lumpenpack der Ebene. Das Gesindel schien von den Häusern noch nicht Besitz ergriffen zu haben. Vielleicht nahm ihm irgendein Regierungsbefehl vorläufig den Appetit. Wie träge Brummfliegen taumelten die Guten zwischen den Häusern. Die Gendarmerieabteilung verschwand noch vor Kebussije in ein östliches Seitental, ein Beweis ihrer völligen Ahnungslosigkeit. Jähe Hoffnung: Vielleicht sind dem Volke noch viele Friedenstage gewährt, vielleicht lassen die Türken den Musa Dagh überhaupt links liegen.

Pastor Aram sprang von seinem Spähersitz hinab. Von allen Seiten schollen die Axthiebe der Holzfäller aus den dunklen Schluchten. Tomasians Vater begann weithin hörbar mit dem Bau in der Stadtmulde. Gabriel Bagradian hatte angesichts der irregeführten Saptiehs der ganzen Mannschaft und Reserve den Tag für die Errichtung der Laubhütten freigegeben. Der Pastor fühlte, daß auch für ihn die Stunde der Tat gekommen war. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Mochte sie hinter seiner höchsten Pflicht zurückbleiben, auch auf diesem minderwertigeren Boden war es nicht leicht, die Prüfung zu bestehen. Der Zweifel und die lähmenden Anwandlungen des Schuldgefühls mußten für immer überwunden werden. Wenn er sich auch nicht als Heiliger des Herrn erwiesen hatte, so konnte er noch immer als Soldat Christi gelten und Tüchtiges leisten. Mit großen Sprüngen legte er den beträchtlichen Weg ins Lager zurück, um keine Minute seiner Pflicht zu versäumen. Dort herrschte ein unbeschreiblicher Arbeitstrubel. Lange Züge von Packeseln nickten vorbei, die mächtige Bürden von Eichen-, Buchenlaub und Nadelzweigen trugen. In Schubkarren wurden schwere Steine für die notwendigen Unterbauten herangerollt. Vater Tomasians Gehilfen maßen mit dem langen Meßband die Straßen aus und steckten den Raum der einzelnen Hütten ab. Schon stand da und dort bereits das schwanke Gerüst einer Wohnstätte. Die Familien wetteiferten miteinander in Geschwindigkeit. Nicht nur die starken Männer und Frauen arbeiteten, sondern auch die Kinder und die Uralten. Der Bau der öffentlichen Gebäude war schon in überraschendem Fortschritt begriffen, der Lazarettschuppen unter Bedros Altounis Aufsicht und der große Speicher. Meister Tomasian aber überwachte das Entstehen der Regierungsbaracke, die ein Werk seines Herzens war. Sie umfaßte einen großen Raum mit zwei Seitenkojen, der, aus Sicherheitsgründen, nach außen durch eine Tür mit einem Schloß versperrbar sein sollte.

 

Inzwischen richtete auch Juliette ihr Leben auf dem Dreizeltplatz ein. Gabriel hatte sie ausdrücklich gebeten, auf niemand und nichts Rücksicht zu nehmen, auch nicht auf ihn. Alle anderen seien durch Volksangehörigkeit gezwungen, ihr Los zu tragen, wie es falle. Sie aber habe nichts damit zu tun, sie sei ein unschuldiges Opfer und daher berechtigt, jegliche Forderung zu stellen, die nur halbwegs erfüllbar sei. Auch in einer Sitzung des Führerrates hatte Gabriel Bagradian diese Sache zur Sprache gebracht:

»Meine Frau hat auch hier auf dem Damlajik das Recht, ihr eigenes Leben zu leben, gesondert und nach ihrem Belieben. Ehe ist keine Blutsverwandtschaft. Wir anderen alle sind durch das Blut miteinander verbunden und daher auch den Gesetzen unterworfen, die wir uns gegeben haben. Sie aber steht außerhalb dieser Gesetze. Sie ist Französin, eine Fremde, ein Kind glücklicherer Völker, vom Schicksal gezwungen, unser Leiden mitzuleiden. Sie wird folglich die großmütigste Gastfreundschaft unseres Volkes genießen.«

Alle Mitglieder des Führerrates verstanden sofort Bagradians Appell an die Gastfreundschaft: die drei Zelte, die allein Juliette vorbehalten waren, die hochgetürmten Gepäckstücke, die eigene Küche, der unabhängige Haushalt, die Dienerschaft, der abgesonderte Vorrat, die beiden holländischen Kühe (die Awetis der Jüngere angeschafft hatte), all diese Ausnahmsgüter bildeten Vergünstigungen, die dem Volke mundgerecht gemacht werden mußten. Gabriel Bagradian hatte zwar verfügt, daß der größte Teil der Milch an die Kinder des Lagers verteilt werde, ebenso wie alles, was in der Küche entbehrlich sei; dennoch bedeuteten diese Zuwendungen aber lediglich Reste, die die Herrschaft übrigließ. Feinde, oder auch nur Leute, die ihm nicht wohlgesinnt waren, hätten die Reden Bagradians, in denen er die Notwendigkeit der Gemeinwirtschaft verfocht, mit der üppigen Tatsache des Dreizeltplatzes bloß in Vergleich ziehen müssen, um einen peinlichen Widerspruch zwischen Bekenntnis und Lebensführung nachzuweisen. Es konnte zwar nicht geleugnet werden, daß der Befehlshaber nicht im Zelte, sondern in der Stellung schlief, daß er das gleiche Essen bekam wie alle anderen Kämpfer, daß sein Besitztum, das er der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt hatte, einen der größten Anteile ausmachte – ebensowenig aber konnte es geleugnet werden, daß er um Juliettens willen eine große Menge von Köstlichkeiten der Gemeinschaft vorenthielt. In dieser Unstimmigkeit war die Gefahr von Konflikten gelegen. Niemand unter den Führern schien aber jetzt an Ähnliches zu denken. Und doch hatte Thomas Kebussjan, der Muchtar von Yoghonoluk, vor einer Stunde eine bittere Predigt seiner Ehefrau des Dreizeltplatzes wegen über sich ergehen lassen müssen. Ob sie, die Schülerin der Missionare von Marasch, denn keine Dame sei, hatte sich die Muchtarin ereifert, daß sie so tief unter die Französin zu stehen komme und eine elende Laubhütte bewohnen müsse, genauso wie die Frauen des gemeinen Volkes? Ob ferner ihr Gatte, ein Thomas Kebussjan, wirklich solch ein erbärmlicher Schlucker sei, daß es zwischen ihm und irgendeinem bettelhaften Dikran oder Mikael keinen Unterschied mehr geben solle, während der Unterschied zwischen ihm und dem eingebildeten Bagradian unermeßlich sei? Die Folge dieser eheweiblichen Giftpille war, daß Thomas Kebussjan es auf schlauen Umwegen erreichte, daß für ihn und seine Familie keine windige Laubhütte, sondern ein geräumiges Blockhaus in nächster Nähe des Altars errichtet wurde. Damit der stattliche Bau kein böses Blut mache, war der Muchtar entschlossen, über den Eingang eine Tafel mit der Aufschrift »Gemeindehaus« zu hängen. Im Bewußtsein dieses eigenen Streiches nickte er jetzt beifällig zu Bagradians Aufruf zur Gastfreundschaft. Lehrer Schatakhian aber, der Französling, nahm die Gelegenheit wahr, eine edelgesinnte Erklärung abzugeben. Die Gegenwart von Madame, einer echten Pariserin, unter dem Volke des Musa Dagh sei Ehre und Ansporn zugleich. Jeder Armeniersohn werde darin wetteifern, ihr, dem Gaste aus dem schönen Frankreich, das Leben so leicht wie möglich zu machen und, wenn es sein müsse, das eigene Blut zu vergießen, um Madame zu schützen. Nach diesen Worten Hapeth Schatakhians stieß Lehrer Oskanian den Kolben seines Karagewehrs – er machte keinen unbewaffneten Schritt mehr – hart gegen den Boden. Es war nicht klar, ob er damit dem Kollegen die Zustimmung für seine Rede oder das Mißfallen an seinem feierlichen Wortreichtum bekundete. Ter Haigasun aber sah Gabriel voll an, ehe er beim Sprechen, wie es seine Art war, den Blick niederschlug:

»Gabriel Bagradian! Wir wünschen alle, daß Ihre Frau mit dem Leben davonkommt, wenn uns hier früher oder später das Ende ereilt. Möge sie dann in Frankreich von uns Freundliches sprechen!«

Juliette bewohnte das eine der Expeditionszelte. Im zweiten hatte sie Iskuhi und Howsannah untergebracht, die melancholisch-angstvoll ihrer Zeit entgegensah. Im Scheichzelt, das zur Hälfte als Gepäck- und Vorratskammer diente, waren drei Lager aufgeschlagen. In dem einen Bett schlief Stephan, das zweite gehörte Samuel Awakian, der aber als Adjutant und Generalstäbler die Nacht immer in der Nähe Bagradians verbrachte. Da dieser ausdrücklich und mit schroffem Ton auf jede Bequemlichkeit verzichtet hatte, stellte Juliette das dritte Bett im Scheichzelt Gonzague Maris zur Verfügung. Sie fühlte sich dem jungen Menschen für die bescheidene Art von Aufmerksamkeit verpflichtet, mit der er sie besonders seit den letzten Unglückstagen umgab. Er hatte Gabriel das Leben gerettet. Überdies war er der einzige Europäer neben ihr auf dem Damlajik. In manchen Augenblicken wurde die Zwangsverwandtschaft zwischen beiden so stark, daß sie einander ansahen wie zwei Verschworene, ja wie zwei Gefangene in demselben Kerker. Während Juliette einen gefährlichen Hang verspürte, sich gehenzulassen, war Gonzague nach wie vor wie aus der Schachtel gekleidet. Sie überraschte ihn manchmal, wie er mit peinlicher Genauigkeit vor dem Zelte seinen Anzug bürstete, einen abgerissenen Knopf annähte oder die Schuhe putzte. Seine Nägel waren sauber, seine Hände gepflegt, er rasierte sich, im Gegensatz zu Gabriel, an jedem Morgen. Niemals aber erweckte diese eingehende Beschäftigung mit seinem Selbst den Eindruck einer besonderen Eitelkeit. Es schien weit eher ein tätiger Abscheu vor aller Ungenauigkeit und Unsauberkeit zu sein. Ein Fleck auf dem Gewand, ein Schmutzspritzer auf den Schuhen konnten Gonzague unglücklich machen. Es war, als ertrage sein Wesen nichts Dumpfes, nichts Unbewußtes, als müsse er alles in das Licht des Willens und einer eigenartigen Zweckhaftigkeit heben, um überhaupt leben zu können. Sie sah in seiner Lebensart, die sich von den Umständen nicht beugen ließ, eine vorbildliche Haltung, die ihr eine gewisse Bewunderung abnötigte. Um so weniger verständlich war ihr Gonzagues gleichmütiger Entschluß, das todgewärtige Los eines fremden Volkes zu teilen. Ein oder zwei flüchtige Andeutungen, welche die Möglichkeit offenließen, der Entschluß sei um ihretwillen gefaßt, hielt sie für kalte Galanterien. Gonzague hatte sie nicht ein einziges Mal etwas anderes als die liebesferne Verehrung fühlen lassen, die ein junger Mann einer Dame zollt, in der er infolge des Lebensabstands das Weib nicht sieht. Obgleich Gonzague manche Stunde des Tages in Juliettens Nähe verbrachte, kam es zwischen ihnen niemals zu einem Gespräch, das über das Sachliche und Gegenwärtige hinausging. Sie wußte von seinem Vorleben noch immer so gut wie gar nichts. Die merkwürdige, gespannte Aufmerksamkeit, die in seinen Augen unter den stumpf gegeneinandergestellten Brauen lag, schien nur auf die Minute gerichtet zu sein. Doch gerade dieses fehlende Vorher und Nachher in Gonzagues Wesen weckte Juliettes unruhige Neugier, wenn sie ihn sah. Als er sich einmal einen halben Tag lang nicht gezeigt hatte, forschte sie ihn aus:

»Haben Sie schon mit den Aufzeichnungen über unser Leben begonnen?«

Er schaute sie erstaunt und fast ein bißchen spöttisch an:

»Ich mache mir niemals Notizen. Das einzige Talent, das ich wirklich besitze, ist mein Gedächtnis. Ich werde es nicht nötig haben, schmutzige Papiere und Zettel zu retten.«

Die Sicherheit des jungen Menschen ärgerte Juliette:

»Es fragt sich nur, ob Sie Ihren Kopf mit dem dazugehörigen Gedächtnis werden retten können?«

Er lachte kurz auf, aber es war nur der Ausdruck einer ernsten Überzeugung:

»Sie glauben doch nicht, Juliette, daß mich türkisches Militär oder etwas anderes zurückhalten wird, den Berg zu verlassen, wenn ich es wirklich will

Der Ton und Inhalt dieser Antwort war ihr unangenehm. Die abwartende Festigkeit, die Gonzague so oft zeigte, stieß sie ab. Doch gab es auch Augenblicke, wo er ganz verloren und kindlich sein konnte. Dann quoll ein mütterliches Mitleid in ihr auf, das ihr selbst wohltat.

In der Nähe des Dreizeltplatzes, jenseits der Buchengruppe, hatten Kristaphor und Missak einen Tisch mit Bänken aufgestellt. Dieses Plätzchen sah so reizend aus, als befände man sich im abgelegenen Teil eines Gartens, jedenfalls aber im umhegenden Kreis der Kultur und nicht auf einer unwegsamen Bergeshöhe. Hier saß am Nachmittag Juliette mit Iskuhi und Howsannah und empfing ihre Gäste. Es fand sich meist dieselbe Gesellschaft zusammen wie unten in der Villa Bagradian. Apotheker Krikor erschien regelmäßig und die Lehrer, wenn es ihr Dienst erlaubte. Hapeth Schatakhian stellte sich ein, um, wie er selbst gestand, Madame durch seine wohlbetonten Causerien in französischer Sprache zu erfreuen. Hrand Oskanian aber kam nun weniger als Meister der Dichtkunst und Schönschrift als in Gestalt eines beunruhigenden Kriegers. Bei Gelegenheit dieser Besuche trug er noch immer seinen graugeschwänzten Lordsrock, darunter aber das Bajonettschwert an einem Überschwung, aus dem noch die gewichtige Sattelpistole hervorlugte; er legte das Gewehr ebensowenig aus der Hand, wie er seine dräuende Lammfellmütze lüftete. Dennoch aber brachte er noch immer Geschenke mit, einen Strauß von wilden roten Orchideen oder eine genau strichlierte Schullehrerzeichnung, die er vor Juliette hinknallte, als sei sie nur ein nichtiger Vorschuß für künftige, blutigere Gaben des Krieges, Türkenköpfe oder abgehackte Feindeshände. Die Penetranz des schwarzen Knirpses wurde nachgerade unerträglich. Er schwieg durchdringend, Juliette mit gehässig leidenschaftlichen Blicken verzehrend. Mit diesen Sturmangriffen des Schweigens hatte es jedoch leider nicht mehr sein Bewenden. Die wilde Bewaffnung erzeugte in Oskanians Herzen einen ganz neuen Drang zum Krakeel. Einmal zum Beispiel, als sich die Runde in der ruhigsten Art über die Tagesereignisse unterhielt und aller möglichen Männer und Leistungen lobend Erwähnung tat, nur Oskanians nicht, sprang dieser unvermittelt auf und kehrte sein wutschäumendes Gesicht Gonzague Maris zu, der in einem alten Band der »Illustration« aus Krikors Besitz blätterte:

»Der Herr hat in Gegenwart von Madame über mich gelacht!«

Maris klappte das Buch zu und sah den Rasenden mit liebenswürdiger Verwunderung an:

»Ich habe über eines dieser Bilder gelacht und nicht über Sie, Lehrer Oskanian, obgleich Sie wirklich dazu herausfordern.«

Oskanian packte sein Gewehr und schrie:

»Wir werden sehen, wer hier zu lachen hat! Ich bin ein Führer, und der Herr ist nur ein geduldeter Nichtstuer unter uns. Auch ich denke mir mein Teil!«

Ohne Gruß stürmte er davon. Krikor machte eine müd entschuldigende Handbewegung:

»Er möchte immer mehr sein als er ist. Morgen kommt er wieder.«

Der Apotheker, der seine Jünger kannte, hatte richtig prophezeit. Er selbst aber, der Sokrates von Yoghonoluk, schien die tragische Aufstörung seines beschaulichen Lebens überwunden zu haben. Schon vom zweiten Tage des Musa Dagh angefangen befleißigte er sich, wie es einem Weisen geziemt, des gleichen Daseins wie früher. Das Bocksbärtchen unter seinem gelbglatten Gesicht wippte wieder gleichmäßig rhythmisch, wenn er aus dem unerschöpflichen Meer seines Wissens unkontrollierbare Zitate holte und Pflanzen, Steine und Elemente mit eigensinnigen Namen und Formeln bedachte. Und doch, der alte unerbittliche Eifer in Krikors Belehrungen war abgestorben und hatte einer beängstigenden Abgeklärtheit Platz gemacht.

Unter den Nachmittagsgästen Juliettens tauchten aber nicht nur die genannten Herren auf, sondern auch die Frauen der Notabeln. Mairik Antaram, die Ärztin, kam, wann sie nur Zeit hatte, die Muchtarin Kebussjan seltener, dafür aber um so mehr mit unersättlicher Neugier geladen. Die Kebussjan wollte alles sehen und bat Juliette flehentlich, sie in die Wohnstätten zu führen und ihr die Einzelheiten und Geheimnisse des Dreizeltplatzes zu zeigen. Mit überschwenglichen Lobsprüchen bedachte sie dann den Küchenherd, den Howhannes aus Steinen und mitgebrachten Herdplatten meisterhaft gesetzt und für alle Arten des Kochens, Bratens und Backens eingerichtet hatte. Sie bewunderte die leichten und weichen Betten in den Zelten, die zusammenlegbaren Möbel, die Gummitubs, das Tafelgeschirr, die reichen Gepäckstücke. Mit tiefster und anhaltender Ergriffenheit steckte die Muchtarin ihre Nase in die Vorratskisten und begutachtete die Sardinenbüchsen und Konserven, den Zucker und die Seife. Juliette konnte diese würdige Dame mit den suchenden und winkeldurchhuschenden Mausaugen nur loswerden, indem sie ihr aus diesen Vorräten ein Präsent verehrte, eine Tafel Schokolade oder eine Konserve. Frau Kebussjans Dank und Treueversicherungen nahmen dann die Ausmaße ihrer Lobsprüche an. Mairik Antaram hingegen brachte jedesmal selbst eine Kleinigkeit, ein Töpfchen mit Honig oder ein Stück Aprikosenleder, jenes bräunlichrote Fruchtgelee, das einen besonderen Frühstücksleckerbissen der armenischen Dörfer vorstellt. Frau Altouni übergab ihr diese Geschenke heimlich:

»Wenn sie fort sind, Djanik, mein Seelchen, iß das, es ist gut. Du sollst bei uns nichts entbehren ...«

Oft aber sah Mairik Antaram mit ihrem kühnen und gar nicht wehleidigen Gesicht Juliette sehr traurig an:

»Wärst du doch geblieben, wo du warst, Schönste!«

Iskuhi Tomasian war auf dem Damlajik weniger mit Juliette beisammen als im Hause in Yoghonoluk. Das Mädchen hatte an Ter Haigasun die Bitte gerichtet, als Hilfslehrerin der Schule zugeteilt zu werden, welchem Wunsche der Priester gerne willfahrte. Juliette ihrerseits war diesem Entschlusse mißbilligend gegenübergestanden:

»Du hast dich bei uns kaum ein bißchen erholt und willst dich jetzt plagen? Wozu? Hat das in unserer Lage den leisesten Sinn?«

Mit Iskuhi erging es Juliette noch immer sonderbar. Durch die tatkräftige Güte, die sie ihr vom ersten Augenblick an erwiesen hatte, schien sie nach der eigensinnigen Scheu nun auch die dienende Willigkeit überwunden zu haben, hinter der sich das Mädchen versteckte. Seit einigen Wochen schon erwies ihr Iskuhi gewisse äußere Zärtlichkeiten. Beim Morgen- und Abendgruß umarmte und küßte sie die ältere Freundin. Juliette aber spürte deutlich, daß diese Zärtlichkeiten nur Nachahmungen und Anpassungen waren, etwa so, wie jemand bestimmte Formeln einer unbekannten Sprache gebraucht, ohne sie genau zu verstehen. Das Harte in Iskuhi, der innerste Kristall, das Unbesieglich-Fremde blieb ungeschmolzen. Es läßt sich nicht verhehlen, daß Juliette unter der Uneinnehmbarkeit dieser Seele litt, da sich jede Verwundung ihres Machtgefühls sogleich gegen ihr eigenes Selbstbewußtsein wandte. Auch die Sache mit der Schule bedeutete eine Art Niederlage für sie. Iskuhi verbrachte nun viele Stunden des Tages auf der sogenannten Schulhalde, die weitab vom Dreizeltplatz lag. Es gab eine große Klassentafel, eine Rechenmaschine, eine Landkarte des ottomanischen Reichs und eine stattliche Menge von Fibeln und Lesebüchern. War es nicht ein Sinnbild für dieses Volk, daß es in der Bedrängnis der Flucht nicht vergessen hatte, die Lehrmittel für seine Kleinen mitzunehmen? »Mutter Erde umherzt das gebildete Kind!« Mehrere hundert Rangen, ein ganzes Heer hockte, saß und lag auf einer Baumlichtung im Schatten, die Luft mit schneidendem Zwitscherlärm erfüllend. Da sich die gesamte Lehrerschaft zumeist im Stellungs- oder Lagerdienst befand, war Iskuhi oft stundenlang dieser zügellosen Bande allein ausgeliefert. Unter diesen vier- bis zwölfjährigen Wilden Ordnung zu halten oder Ruhe zu stiften, war ein Ding der Unmöglichkeit. Iskuhi hatte nicht die Kraft, den Kampf aufzunehmen. Da sie ihr eigenes Wort bald nicht mehr hören konnte, wartete sie resigniert, bis einer der erprobten Männer kam, Oskanian zum Beispiel, und die kleinen Teufel in bleichen Schrecken versetzte. Als eherner Militarist, der er nun war, schritt der Lehrer, das Gewehr in der Hand, durch den Kinderhaufen, als sei er bereit und habe nach Kriegsausbruch das Recht, jeden unbotmäßigen Schüler über den Haufen zu knallen. Die Weidengerte, mit der er zu allem übrigen noch ausgerüstet war, sauste auf Schuldige und Unschuldige nieder. Eine unglückselige Gruppe mußte auf spitzen Steinen knien, eine andere irgendwelche Gegenstände minutenlang hoch über den Kopf halten. Mit großartiger Verächtlichkeit hinterließ Oskanian nachher der stellvertretenden Lehrerin die Frucht seiner wehrhaften Pädagogik, eine geduckte Totenstille.

Juliette sah schon am ersten Tag, daß diese Anstrengung Iskuhi durchaus nicht wohl bekam. Die gute Farbe verlor sich von ihren Wangen, das Gesicht wurde klein und die Augen wurden wieder so groß wie damals, als sie aus der Hölle der Verschickung heimgekehrt war. Mit Leidenschaft versuchte es Juliette neuerdings, das Mädchen von ihrem Pflichteifer abzubringen. Iskuhi sah sie verständnislos an. Wie dürfte sie sich jetzt, in dieser Stunde ihres Volkes, einer lächerlich geringfügigen Pflichterfüllung entziehen? Im Gegenteil! Sie wolle sich nun auch für den Nachmittag eine Arbeit suchen. Juliette wandte Iskuhi feindselig den Rücken. Ein flüchtiger Einfall flüsterte ihr zu, es sei nicht die Anstrengung des Unterrichtens, die an Iskuhi nage, sondern ein verborgenes Seelenleid. Schnell jedoch verjagte sie diesen Gedanken. Was hatte sie sich denn um die Schmerzen der anderen zu kümmern, sie, die einsamer und unglücklicher war als alle?

Juliette lag nun oft am hellichten Tage stundenlang auf ihrem Bett. Die Enge des Zeltes umpreßte sie. Durch den Spalt des Türvorhangs drangen zwei scharfe Sonnenstrahlen, die sie quälten. Sie besaß nicht die Kraft, aufzustehen und den Spalt zu verhängen. Ich werde krank werden, hoffte sie, ach, wäre ich nur schon krank! Ihr Herz raste und drohte, vor unerfüllbaren Wünschen zu bersten. Sie sehnte sich nach Gabriel, doch nicht nach dem Gabriel, wie er jetzt war, sondern nach dem Pariser Gabriel, nach dem feinfühligen Mann, der mit zärtlichem Takt sie stets hatte vergessen lassen, was nicht zu überbrücken war. Sie sehnte sich nach dem Gabriel in der Avenue Kleber, in der hellen Wohnung, wenn er sich wohlgelaunt mit ihr an den Frühstückstisch setzte. Sie sehnte sich nach dem eleganten Herrn im Abendanzug, der mit ihr die Theater besucht und die schimmernden Restaurants betreten hatte, immer voll feiner Bewunderung für sie, immer Juliette vorrückend, als sei sie etwas weit Höheres und Kostbareres als er, der Armenier. Ihre ferne Welt umdröhnte sie dumpf mit Autohupen, mit dem unterirdischen Gerassel der Metro, mit melodischem Geplapper, mit den Geräuschen, mit den Düften der vertrauten Läden und Warenhäuser. Sie bohrte ihr Gesicht ins Kopfkissen, als sei es das Einzig-Eigene, die Handbreit Heimat, die ihr verblieben war. Sie suchte sich selbst in dem zarten Geruch. Sie wollte die heimischen Bilder mit allen Sinnen festhalten. Doch es gelang ihr nicht. Rotierende Sonnenflecken drängten sich zwischen die geschlossenen Lider. Farbige Kreise mit bohrend starren Pupillen in der Mitte, Augen, leidende Vorwurfsaugen, die von allen Seiten auf sie eindrangen. Und siehe, es waren Gabriels und Stephans armenische Augen, die von ihr nicht abließen. Als sie aufsah, beugten sich diese Augen wirklich über sie, im wirren Bartgesicht eines Fremden. Sie starrte Gabriel erschrocken an. Ferne war um ihn, Nächte, im Freien verbracht, und der dumpfig feuchte Geruch von Erde. Seine Stimme klang eilig, wie zwischen zwei dringenden Pflichten:

»Bist du zufrieden, chérie? Fehlt dir nichts? Ich komme auf einen Augenblick, um nach dir zu schauen.«

»Mir fehlt nichts. Ich danke dir.«

Sie überließ ihm die noch traumbefangene Hand. Er saß eine Weile stumm neben ihr, als habe er nichts, was er mit Juliette besprechen könnte. Dann erhob er sich. Sie aber setzte sich zänkisch auf:

»Hältst du mich für so leer, für so materiell, daß du immer nur an das Äußerliche denkst?«

Er verstand sie nicht gleich. Sie aber schluchzte auf:

»Ich kann so nicht leben ...«

Sehr ernst trat er zu ihr zurück:

»Ich verstehe, daß du so nicht leben kannst, Juliette. Man kann in einer Gemeinschaft nicht leben, wenn man sich ganz abseits stellt. Du mußt etwas tun! Geh in das Lager, versuche zu helfen, sei menschlich!«

»Es ist nicht meine Gemeinschaft ...«

»Auch die meine ist es nicht so sehr, wie du glaubst, Juliette. Wir gehören weniger dorthin, wo wir herkommen, als wo wir hinwollen

»Oder nicht hinwollen ...«, weinte sie.

Als er fort war, raffte sich Juliette auf. Vielleicht hatte er recht. So ging es wirklich nicht weiter. Sie bat Mairik Antaram, der Arzt möge sie bei der Krankenpflege im Lazarettschuppen beschäftigen. Der Gedanke, daß Zehntausende Französinnen heute in den Verwundetenhospitälern ähnliche Dienste leisteten, half ihr bei diesem Entschluß. Bedros Altouni stutzte zuerst, dann nahm er die Hilfe an. Juliette erschien noch am selben Tage in der Scheune, an der noch immer gearbeitet wurde, mit Schürze und Haube, wie es sich gehörte. Es gab Gott sei Dank nicht allzuviel Schwerkranke auf dem Damlajik. Ein paar Fiebernde lagen in Lumpen gewickelt, auf Decken und Matten, die noch von dem großen Unwetter her steif waren! Alte Leute zumeist. Ihr knapper Atem jagte, als seien sie nach langer Verfolgung hier zusammengebrochen. Graue, dunkle Gesichter, in einem fernen Lande schon. Nicht meinesgleichen, fühlte Juliette mit einem kleinen Erbarmen und einem großen Ekel. Sie erkannte ihre innere Untauglichkeit für solchen Liebesdienst. Es kam ihr wie eine Aufhebung ihrer selbst vor. Sie ließ für die Kranken alles Bettzeug aus den Zelten kommen, das nur halbwegs entbehrlich war.

 

Der vierte August verlief bis Mittag nicht anders als die vorangehenden Tage. Als Gabriel am frühen Morgen mit seinem Fernglas das Tal absuchte, lagen die Dörfer so still und verödet da, daß der Gedanke nicht unerlaubt erschien, es werde sich alles glücklich lösen, der Weltfriede demnächst geschlossen werden und die Rückkehr ins Leben gesichert sein. Bagradian verließ in hoffnungsvoller Stimmung die Beobachtungskuppe und ging von Abschnitt zu Abschnitt, um Arbeit und Dienst der Zehnerschaften überraschend zu visitieren. Zufrieden begab er sich gegen Mittag auf seinen Kommando-Standort. Wenige Minuten später stürzten von allen Seiten die jugendlichen Späher heran. Meldung: Auf der Straße von Antiochia nach Suedja große Staubwolken. Viele, viele Soldaten! Vier Abteilungen. Dahinter Saptiehs und eine große Menschenmenge. Sie biegen eben in das Tal ein und marschieren schon durch das erste Dorf Wakef. Gabriel Bagradian bestieg den nächsten Späherpunkt in größter Hast und stellte folgendes fest: Die Marschkolonne einer kriegsstarken Infanteriekompanie zog die Dörferstraße entlang. Er erkannte die reguläre Truppe sofort an dem berittenen Hauptmann, der sie führte, und den vier in Abständen marschierenden Zügen, die in leidlich taktsicherem Gleichschritt vorwärtszuschwanken schienen. Es mußte demnach ausgebildetes, vielleicht sogar kriegserfahrenes Militär sein, das in den Kasernen von Antakje lag und zu Dschemal Paschas neu aufgestellter Armee gehörte. Erst weit hinter der Kompanie zottelten etwa hundert Saptiehs, während das Gesindel der Ebene, der menschliche Schwemmsand von Antiochia, zu beiden Seiten der Marschkolonne einherstaubte. Der Aufmarsch dieser Streitmacht von fast vierhundert Gewehren (die Saptiehs mit eingerechnet) war so gottverlassen ahnungslos im offenen Gelände durchgeführt, daß Gabriel lange dem Glauben zuneigte, die Truppe habe ein anderes Ziel. Erst als nach einer kleinen Rast und Offiziersberatung die Kompanie hinter Bitias gegen Nordwesten auf den Berg zuschwenkte, wurde es klar, daß der Feldzug den geflüchteten Dorfgemeinden galt. Entweder hatten sich Angeber aus den Nachbarortschaften gefunden, die der Lärm des Holzfällens über die Wahrheit belehrt hatte, oder war Harutiun Nokhudian so lange gefoltert worden, bis er den Aufenthalt seiner Landsleute verriet. Wie dem auch sei, die Türken schienen zu vermuten, daß ihrer eine gewöhnliche Polizeiaufgabe harre, harmloser noch als die bekannte Deserteurjagd, und daß es sich nur um ein Freilager armseliger Bergbewohner handle, das aufzustöbern, zu umzingeln und ins Tal hinabzutreiben sei. Angesichts dieser Aufgabe mußten sie sich unendlich stark vorkommen, und sie waren es auch, wenn man bedenkt, daß die Armeniersöhne nur dreihundert gute Gewehre besaßen, wenig Munition und fast keine ausgebildeten Soldaten. Bereits als die Kompanie Yoghonoluk erreicht hatte, ließ Gabriel Bagradian den großen Alarm durchführen, wie er ihn täglich mit Zehnerschaften und Lager geübt hatte. Die Münadirs, die Ausrufer, trommelten die Stadtmulde zusammen. Die Ordonnanzgruppe der Jugendkohorte stob über die ganze Hochfläche, um den Abschnittsführern die Befehle zu überbringen. Einige der halbwüchsigen Kundschafter wagten sich bis ins Tal vor, um die Gliederung und Bewegung des Feindes auszuforschen. Ter Haigasun, die sieben Muchtars, die älteren Mitglieder des Führerrates blieben inmitten des Lagervolkes, wie es verabredet war. Keiner wagte mehr zu atmen. Selbst den Säuglingen blieb das Lallen und Greinen im Halse stecken. Die Männer der Reserve umscharten, mit Äxten, Hacken und Spaten bewaffnet, in einem weiten Ring das Lager, um im Notfall bereit zu sein. Gabriel stand mit Tschausch Nurhan und den Unterführern beisammen. Der Fall war völlig vorgesehen. Da es sich aber um den ersten Kampf handelte und da kein anderer Verteidigungspunkt unmittelbar gefährdet war, so ließ er in den Nebenstellungen nur die notwendigste Besatzung zurück und warf alle verfügbaren Zehnerschaften in die Gräben des Nordsattels. Das System hatte vier Linien. Der Hauptgraben vor allem, der auf der kupierten Höhe der linken Sattellehne den Damlajik absperrte; einige hundert Meter dahinter der zweite Graben längs einer Bodenwelle; an der Stirnseite des Berges ferner der Graben der Flankensicherung mit vorgeschobenen Schützennestern; und auf der Meerseite endlich die glückhaft unübersehbare Barrikade aus zerrissenen Kalkfelsen. Den ersten Graben bezogen ungefähr zweihundert Mann, die besten Gewehre und voraussichtlich besten Kämpfer. Den Befehl über diesen Graben übernahm Bagradian selbst. Er hatte übrigens weder Sarkis Kilikian noch einen der anderen Deserteure unter diese Besatzung aufgenommen. Einen Teil der Elitezehnerschaften legte er unter dem Kommando Tschausch Nurhans in die Felsbarrikaden. In dem zweiten Graben standen weitere zweihundert Mann für den Fall einer unglücklichen Wendung bereit. Jeder Kämpfer erhielt drei Patronenmagazine, also nur fünfzehn Schuß. Bagradian legte den Männern ans Herz:

»Keine Kugel umsonst! Sollte der Kampf auch drei Tage dauern, jeder muß mit seinen drei Magazinen auskommen. Spart, sonst sind wir verloren. Und das Allerwichtigste! Das Feuer wird nur auf meinen Befehl eröffnet! Ihr habt mich alle anzuschauen! Wir müssen die Türken, die von uns nichts wissen werden, bis auf zehn Schritt herankommen lassen. Und dann ruhig auf die Köpfe zielen, und ruhig schießen! In der nächsten Stunde wollen wir hier auf dem Damlajik das Verbrechen an unserem Volke rächen, in der nächsten Stunde wollen wir den Türken beweisen, daß wir in unserer Schwäche ihnen noch hundertmal überlegen sind. Und jetzt denke jeder von euch an das Gräßliche, das sie uns angetan haben, und sonst an nichts!«

Während Gabriel Bagradian sprach, klopfte ihm das Herz bis in die Rede hinein, so daß er sich zusammennehmen mußte, damit niemand etwas merke. Es war nicht nur die tiefe Erregung, die jeden Mann vor einem Feuergefecht packt, es war das Bewußtsein des Ungeheuerlichen, des ganz und gar Wahnsinnigen, das er mit seinem lächerlichen Haufen gegen eine Weltarmee wagte. Trotz seiner aufpeitschenden Worte aber lebte jetzt in seinem wallenden Blut keine Spur von jenem Haß und Rachedurst gegen die Türken, den er soeben den Kämpfern gepredigt hatte. Es war die ganze unpersönliche Erwartung eines Feindes, der nicht mehr Türke war, nicht mehr Enver, Talaat, Polizeivogt, Müdir, sondern nur kriegerischer Feind an sich, den man vernichtet, ohne ihn zu hassen. So wie Bagradian aber erging es auch allen anderen. Die Erwartung wurde fast zum Herzstillstand, als die Späherknaben aus dem Dickicht vorbrachen und mit wilden Gesten den Anmarsch der Türken meldeten. Die Erregung aber wich sofort einem eisigen Gleichmut, als die Schritte der Infanteristen durch den Wildwuchs näher knackten und ein unvorsichtiger Lärm emporschwoll, der sich keines Bösen versah.

Die türkischen Soldaten füllten nach und nach vom Aufstieg erschöpft, in aufgelöster Marschordnung, die Sattelkerbe. Der kommandierende Hauptmann schien wirklich tief davon durchdrungen zu sein daß es sich um keine militärische, sondern lediglich um eine polizeiliche Unternehmung handle, sonst hätte er gewiß nicht die primitivsten Vorsichtsmaßregeln außer acht gelassen, welche die Anfangsgründe der Taktik für eine Truppe im feindlichen Gelände vorschreiben. Durch keine Patrouillen, keine Vor-, Seiten- und Nachhut gesichert, hatte sich ein planloses Durcheinander von plappernden, lachenden, rauchenden Infanteristen im Sattelgrund versammelt, um sich von der Bergbesteigung zu erholen.

Tschausch Nurhan kroch im Graben zu Gabriel Bagradian und suchte ihn, scharf flüsternd und gestikulierend, zu überreden, die Türken von allen Seiten zu umgehen und abzuschneiden. Gabriel preßte aber, mit verzerrtem Gesicht, seine Hand auf Nurhans Mund und versetzte ihm einen Stoß. Der Kompaniehauptmann, ein dicker, gemütlicher Herr, hatte seine Fellmütze mit dem Halbmond abgenommen und wischte sich den Schweiß ab, der ihm von der Stirn strömte. Die jungen Zugsoffiziere versammelten sich um ihn. An Hand einer kleinen Kartenskizze begannen alle, ziemlich unmilitärisch, über den mutmaßlichen Aufenthalt der Armenier zu streiten. Glühende Ewigkeiten vergingen für Bagradian. Der ausgepumpte Hauptmann nahm sich nicht einmal die Mühe, einen höheren Punkt zu ersteigen, um das Terrain zu prüfen. Endlich ließ er seinen Trompeter das Signal zur Vergatterung blasen, und zwar in schallenden Wiederholungen, wohl um dem Armenierlager den Schreck des Gerichts in die Glieder zu jagen. Die vier Züge nahmen in entwickelter Linie, zwei Glieder tief, Aufstellung, alles wie auf dem Kasernenhof. Die Chargen sprangen vor die Front und machten den Offizieren Meldung, die Offiziere traten mit gezogenem Säbel vor den Hauptmann, um ihrerseits Meldung zu machen. Gabriel prägte sich das Gesicht des Kompanieführers nicht ohne Sympathie ein. Es war ein breites freundliches Gesicht mit einer goldgefaßten Brille, die auf der Nasenmitte saß. Nun zog auch der Hauptmann den Säbel und kommandierte mit einer hohen und schwachen Stimme: »Bajonett auf!« Die Gewehrgriffe klapperten. Der Hauptmann ließ seinen Säbel über dem Kopf kreisen und zeigte dann mit der Spitze auf die armenische Sattellehne: »Erster, zweiter Zug in Schwarmlinie, mir nach!« Der rangälteste Zugsoffizier wies mit dem Säbel in die entgegengesetzte Richtung und echote: »Dritter, vierter Zug in Schwarmlinie, mir nach!« Die Türken hatten demnach nicht einmal Klarheit darüber, ob sich das Flüchtlingslager auf dem Damlajik oder auf den nördlichen Höhen des Musa Dagh befand. Die Armeniersöhne standen bis zur Herzhöhe im Graben. Die aufgeworfene Böschung davor, in deren Scharten die Gewehre auflagen, war unsichtbar gemacht, ebenso die ausgehauenen Sichtlinien im Buschwerk und Knieholz, das die Lehne übersäte. In breiter Schwarmlinie strebten die nichtsahnenden Türken die Höhe empor. Der erste Graben war so glänzend maskiert, daß er nur von einem weit höheren Standpunkt wäre einzusehen gewesen, diesen aber gab es nicht, außer in den höchsten Baumwipfeln der Gegenhöhe. Gabriel Bagradian hob die Hand und zog alle Augen an sich. Die Türken kamen in dem Gestrüpp nur langsam vorwärts. Der Hauptmann hatte sich eine neue Zigarette angezündet. Plötzlich stutzte er und blieb stehn. Was bedeutete dieser Erdaufwurf dort? Erst nach einigen Sekunden durchblitzte es ihn, das ist ein Schützengraben. Diese Tatsache aber schien ihm so unglaubwürdig zu sein, daß er noch einmal Zeit verstreichen ließ, ehe er aufbrüllte: »Nieder! Deckung suchen!« Zu spät. Der erste Schuß war bereits gefallen, und zwar ehe Bagradian noch die Hand gesenkt hatte. Die Armenier schossen bedächtig und sicher, einer nach dem anderen, ohne jede Erregung. Sie hatten Zeit zum Zielen. Jeder wußte, daß keine einzige Patrone verschwendet werden dürfe. Da ihre Opfer nur wenige Schritte von ihnen entfernt in völliger Betäubung erstarrt waren, ging auch kein einziger Schuß verloren. Der dicke Hauptmann mit dem gutmütigen Gesicht brüllte noch einigemal: »Nieder! Decken!« Dann schaute er unendlich erstaunt zum Himmel auf und setzte sich hin. Die Brille fiel ihm von der Nase, ehe er zur Seite sank. Jäh löste sich der Bann von den türkischen Soldaten. Sie flüchteten, wild schreiend, in den Sattel hinab, viele Tote und Verwundete zurücklassend, darunter den Hauptmann, einen Zugsoffizier und drei Onbaschis. Gabriel schoß nicht. Ihm war plötzlich leicht und schwebend zumute. Die Wirklichkeit um ihn wurde so unwirklich, wie sie es in ihren wirklichsten Verdichtungen immer ist.

Die Türken brauchten sehr lange, um sich zu erfangen. Die Offiziere und Unteroffiziere hatten schwere Mühe, die Flucht aufzuhalten. Sie mußten mit flacher Säbelklinge und Gewehrkolben die Jammernden zurückjagen. Inzwischen wurden die beiden Züge, die vom Feuer nichts abbekommen hatten, vorgetrieben. Doch anstatt zuerst eine wirksame Angriffslinie zu finden, suchte die neue Schützenreihe an den ungeeignetsten Punkten hinter Büschen und Steinblöcken Deckung, ohne auch nur die Ahnung des Armeniergrabens vors Korn zu bekommen. In die Sträucher und Legföhren entlud sich ein sinnlos tolles Geknatter und Geknalle, das nicht den geringsten Schaden anrichtete. Nur manchmal sang ein Geller über die Köpfe der Verteidiger hinweg. Gabriel Bagradian ließ folgenden Befehl den Graben entlang laufen:

»Nicht schießen! Gut decken! Warten, bis sie wiederkommen!«

Zugleich sandte er in die Seitenstellungen Botschaft, wer es wage, einen Schuß abzugeben oder auch nur sein Gesicht zu zeigen, werde als Verräter behandelt werden. Kein Türke dürfe vom Vorhandensein der Sicherungsriegel die leiseste Ahnung haben. Die armenische Sattellehne lag ausgestorben wie vorher. Die Verteidiger schienen durch das rasende Türkenfeuer alle ums Leben gekommen zu sein. Nach einer Stunde dieser wüsten Munitionsverschwendung versuchte die Kompanie in vier tollkühnen Wellen einen neuen Sturm. Die Armenier, jetzt noch weit sicherer als das erstemal, ließen die Wellen wieder nahe herankommen, ehe sie ihnen abermals den Untergang bereiteten, noch blutiger und entsetzlicher als früher. Jetzt konnten die Chargen der Flucht nicht mehr Halt gebieten. Im Nu war der Sattel leergefegt. Nur das Zetern der Verwundeten stieg aus dem Unterholz. Schon wollten einige der Armeniersöhne aus dem Graben klettern. Bagradian brüllte sie an, niemand habe Befehl erhalten, seinen Posten zu verlassen. Nach einiger Zeit wagten sich türkische Sanitätsmänner mit Tragbahren zwischen den Bäumen vor und begannen mit einer Rotenmondfahne zu winken. Gabriel Bagradian schickte ihnen Tschausch Nurhan ein paar Schritte entgegen. Dieser machte Zeichen, daß sie herankommen möchten. Dann schrie er ihnen zu:

»Die Toten und Verwundeten könnt ihr mitnehmen. Gewehre, Munition, Tornister, Patronentaschen, Brotbeutel, Montur und Stiefel bleiben hier!!«

Daraufhin waren die Sanitätssoldaten unter Drohung der auf sie gerichteten Läufe gezwungen, die Toten und Verwundeten bis auf die Unterkleider auszuziehen und das Geforderte in schmählichen Haufen liegenzulassen. Nachdem sie dann mit den Opfern verschwunden waren – es dauerte lange Zeit, weil sie immer wiederkehren mußten –, waren alle Kämpfer, einschließlich Tschausch Nurhans, der Meinung, der Angriff sei vollkommen abgeschlagen und kein neuer Ansturm zu erwarten. Gabriel hörte auf diese verführerischen Stimmen nicht, sondern befahl Awakian, die besten Burschen aus der Kundschaftstruppe der Jugend vorzuschicken und einen Teil der Ordonnanzgruppe antreten zu lassen. Letztere erhielt den Auftrag, die erbeuteten Gewehre, Tornister, Magazine und Uniformen in größter Eile einzusammeln und hinter die Linie zu bringen. Unter den Spähern suchte er vier der geschmeidigsten aus. Sie mußten der Kompanie folgen, um ihre Bewegungen genau zu beobachten. Ehe die Ordonnanzen noch mit dem Einsammeln fertig waren, kehrte Haik, ein Junge, der nur wenig älter als Stephan zu sein schien, bereits mit der Meldung zurück, ein Teil der Türken erklettere weiter oben im Norden den Berg, an einer Stelle, wo doch gar nichts zu finden sei.

Es konnte sich nur um einen Umgehungsversuch von der Meerseite her handeln. Darüber war sich nach dieser Meldung nicht nur Gabriel Bagradian klar, sondern auch Tschausch Nurhan und andere. Gabriel übergab das Kommando dem verläßlichsten Gruppenführer und verließ mit Nurhan den Graben. Sie kletterten zu den kampfgierigen Männern, die hinter den Felsbarrikaden standen. Die Kinder des Musa Dagh kannten jeden Block, jeden Vorsprung, jede Grotte, jeden Strauch, jede Agave auf diesem nackten zerfressenen Kalkgefelse, unterhalb dessen die zerrissenen Steilwände jäh oder stufenweise oft zwei- und dreihundert Meter tief ins Meer stürzten. Diese Kenntnis des Berges war ein unberechenbarer Vorteil jeder Truppe gegenüber, die sich hier nicht zurechtfand, mochte sie so stark sein, wie immer sie wollte. Bagradian überließ es den Bergsöhnen, sich selbst in den Schrunden und hinter den Felsmassen so klug zu verteilen, daß die Verbindung immer aufrechterhalten blieb und keiner ins Feuer des andern geraten konnte. Die Aufgabe war die gleiche wie früher, den Feind durch vollständige Unsichtbarkeit und Totenstille vor- und ins Verderben zu locken. Dieser aber war nun schon gewitzter. Seine Hauptmacht schob er langsam auf den Gegenhöhen dem Sattel entgegen und eröffnete schon am Waldesrand, hinter den Bäumen gut gedeckt, ein überstürztes und doch ängstliches Feuer auf den großen Graben, das von der Besatzung wieder nicht zur Kenntnis genommen wurde. Währenddessen aber tauchte, von den Spähern angesagt, eine Patrouille von vier Mann mit der größten Zaghaftigkeit im Felsgebiet auf. Man sah weithin, daß es keine Männer des Gebirges waren, sondern Männer der Ebene. Unbeholfen im Gestein fußfassend, duckten sie sich von Deckung zu Deckung. Mit Umsicht rekognoszierten sie, blickten in jedes Loch und hinter jede Kante. Die Armenier erkannten mit Wollust im Herzen, daß es Saptiehs waren. Die Soldaten waren Fremde. Was aber die Saptiehs waren, wußte jeder. Nun kam der Augenblick, es diesem niedrigsten Raubzeug des Militarismus heimzuzahlen, diesen bestialischen Memmen, die gegen Großmütter tapfer waren, vor Männern aber schlotterten, ehe sie diese nicht dreimal entwaffnet hatten. Gabriel sah in manchem Auge einen trunkenen Wahnsinn aufflammen. Der Onbaschi der Saptiehs mußte den Eindruck gewonnen haben, daß er schon über die Grabenlinie hinaus in den Rücken der Armenier geraten sei. Er schickte lautlos einen Mann zurück, der mit einer roten Signalflagge zu fuchteln begann. Ziemlich lange dauerte es, bis die Umgehungsgruppe heranzögerte, mit zurückzuckendem Stolperschritt, als gelte es, nicht auf rauhen Kalkstein, sondern in kochendes Wasser zu treten. Die Mannschaft dieser Gruppe war zur Hälfte aus Infanteristen, zur Hälfte aus Saptiehs gemischt. In losen Knäueln erreichte sie, von zwei Offizieren vorwärtsgetrieben, jene Stelle, bis zu der der Onbaschi die Gegend rekognosziert hatte. Da umfaßte sie in einem Augenblick, da die wenigsten in Deckung waren, das armenische Feuer von allen Seiten. Sie sprangen durcheinander. Sie vergaßen ihre Gewehre. Der Türke und insbesondere der Anatolier ist ein berühmter Soldat. Dieser Angriff jedoch kam aus dem Nichts. Auch die Tapferen wußten nicht, wie sie sich wehren sollten. Schon zerriß Stöhnen und Brüllen die Luft, als die Armeniersöhne hinter den Felsen und aus den Schlupfwinkeln hervorfuhren. Mit Tschausch Nurhan an der Spitze schoben sie sogleich einen Keil zwischen die Infanterie und die Saptiehs. Von diesen wurde ein beträchtlicher Teil in die Steilwände abgesprengt. Die Saptiehs verstiegen sich im unerbittlichen Gemäuer, drückten sich, der Kugel gewärtig, hilflos an den Fels oder blieben, an harte Stachelgewächse geklammert, verzweifelt hängen. Mehrere gerieten ins Rutschen, überkugelten sich und schlugen wie Bälle auf, ehe sie ins Meer hinabsausten. Die Kernschar der Türken aber suchte dem tödlichen Felsgewirre auf dem kürzesten Wege zu entkommen und sprang, stolperte, stürzte dem Sattel entgegen, von den Bergkriegern verfolgt. Diese waren nicht mehr bei Besinnung. Sinnlos kehlige Gröllaute entrollten ihrem Mund, während sie die Türken jagten. Auch Gabriel Bagradian hatte die Klarheit des Führers längst verloren, von einem unbekannten Rausch geschüttelt, von einer irrsinnigen Urmusik, die aus dem Jahrtausendschlaf seines Blutes erwacht war. Auch aus seiner Brust drangen die kurzen, gaumigen Laute einer Wildnissprache, die ihn wachen Sinnes mit Grauen erfüllt hätte. Nun wurde die Welt noch hundertmal gewichtloser als vorhin. Sie war nichts, nichtiger als das dünne Zittern einer Libelle. Sie war ein rötlich hüpfender Tanz und tat dem Tänzer nicht weh. Doch nicht nur Gabriel, auch Pastor Aram Tomasian, der sich unter den Kämpfern der Felsbarrikaden befand, war von dem Wahnsinn mit ergriffen. Wie ein alter Kreuzfahrer ruderte er mit einem Kruzifix in der Luft und heulte: »Christus, Christus!« Der Ritter Christus dieses Schlachtrufs aber hatte blutwenig mit dem gestrengen Leidensherrn gemein, an dessen Evangelium Pastor Aram sonst seine Taten prüfte. Sonderbarerweise weckte Arams Christusgeschrei Gabriel Bagradian aus seiner Besinnungslosigkeit auf. Er begann die Schlacht zu beobachten wie einer, der nicht dazugehört, geschweige denn Befehlshaber ist. Mit dem Kampflärm im Felsgebiet war für die türkische Schützenlinie am Waldrand der Gegenhöhe das Zeichen gegeben, zum Frontangriff überzugehen. Die Schwärme brachen vor, schossen ins Leere, warfen sich nieder, schossen, sprangen auf, liefen ein Stück, warfen sich nieder. In diesem Zeitpunkt gerade wurde die zerschmetterte Umgehungsgruppe von den Armeniern aus den Felsen herausgejagt. Das Feuer der Verfolger traf daher die angreifende Schützenlinie in die Flanke. Gabriel Bagradian stand, ohne zu schießen, auf einem Felsblock. Er sah, wie einer der türkischen Leutnants einen regellosen Haufen abfing, um den Mittelpunkt eines Widerstandes zu bilden. Schon warf sich der Schwarm auf die Erde und begann das Feuer. Tschausch Nurhan aber sprang auf den türkischen Offizier zu und schlug ihn mit dem Kolben nieder. Die Türken warfen die Gewehre fort, als hätten sie den Teufel erblickt. Der Längerdienende war auch etwas Ähnliches. Er zeigte, welch einzigartigen Schüler die türkische Infanterie an ihm verloren hatte. Sein Gesicht war blutrot. Der graue, langausgezogene Schnurrbart sträubte sich. Er hatte nicht einmal mehr ein heiseres Krächzen in der Kehle. Der Gedanke, daß er sich decken müsse, um nicht abgeschossen zu werden, schien ihm gar nicht zu kommen. Manchmal hielt er inne, setzte die Trompete an den Mund und entlockte ihr einige atemlos stotternde Rufe, die in ihrer Grausigkeit die Wirkung auf Freund und Feind nicht verfehlten. Als Bagradian sah, daß die Türken eine Frontwendung gegen die Felsseite durchzuführen versuchten, gab er den Männern des langen Grabens mit dem überm Kopf geschwungenen Gewehr das Galoppzeichen. Die Zehnerschaften, die der Gruppenführer kaum mehr zurückgehalten hatte, stürzten mit Gebrüll vor und überschütteten die neue Türkenfront mit einem Kugelhagel, ohne sich hinzuwerfen, ohne der Munition mehr zu achten. Die Kompanie war somit rettungslos zwischen die Kiefer einer Zange geraten. Mit größerer Erfahrung und Geistesgegenwart hätte Bagradian sie völlig aufreiben oder gefangennehmen können. So aber gelang es den Türken doch, in wildem Lauf zu entkommen, obgleich ihnen die zwei Zehnerschaften der Flankensicherung den Weg verstellten und dann nachschossen. Die Flucht der bergabrasenden Türken kam nicht einmal am Fuße des Damlajik ins Stocken, sondern erst auf dem Kirchplatz von Bitias, wo sie sich endlich sammelten.

Neun Soldaten, sieben Saptiehs und ein junger Offizier waren den Verteidigern in die Hände gefallen. Diese schickten sich nun mit der kaltblütigsten Selbstverständlichkeit an, den Gefangenen ausführlich zu zeigen, was es heißt, im Stil eines armenischen Massakers zu sterben. Zwei von den Saptiehs konnte Gabriel Bagradian nicht mehr retten, doch die anderen Gefangenen deckten er, Pastor Aram Tomasian und noch einige ältere Männer mit den eigenen Leibern, während Tschausch Nurhan und die überwältigende Mehrheit für dergleichen Milde an hunderttausendfachen Armeniermördern nicht das nötige Verständnis hatten. Es gelang Bagradian nur schwer, seiner vernünftigen Ansicht in den enttäuschten Zehnerschaften Geltung zu verschaffen:

»Wir haben keinen Vorteil, wenn wir sie umbringen, wir haben auch keinen Vorteil davon, wenn wir sie als Geiseln behalten. Die Ihrigen opfern sie ohne Wimperzucken auf, und wir müssen ihnen zu essen geben. Wir haben aber einen Vorteil davon, wenn wir ihnen eine Botschaft nach Antakje mitgeben.«

Er wandte sich an den aschgrauen Leutnant, der sich kaum auf den Beinen halten konnte:

»Ihr habt gesehen, wie leicht wir mit euch fertig werden. Und wenn ihr keine Kompanien, sondern Regimenter sendet, so ist es uns auch gleichgültig. Denn unser sind genug. Sieh hinauf, die Sonne ist noch nicht untergegangen, und wenn ich es wirklich gewollt hätte, würde kein Mann von euch mehr leben. Dies berichte deinem Kommandanten in Antakje und sage ihm, daß wir euch unverdient gnädig behandelt haben. Sage ihm in meinem Namen, er solle seine Regimenter und Kompanien für den Krieg mit den Feinden des Reiches aufsparen und nicht für den Krieg mit friedlichen Bürgern des Reiches. Wir wollen hier oben unbelästigt leben, weiter nichts! Laßt uns künftig in Ruhe, wenn ihr nicht noch ganz andre Erfahrungen machen wollt!«

Der prahlerische Beiklang in Bagradians Worten, das Selbstbewußtsein, das in seiner Drohung lag, die klägliche Todesangst der Gefangenen, dies alles beruhigte die Mordsucht der Zehnerschaften. Sie zwangen die Türken, nicht nur ihre Waffen, Stiefel und Monturen dazulassen, sondern sich völlig nackt auszukleiden. In diesem schmählichen Zustand mußten die Entlassenen noch die Toten und Verwundeten des zweiten Kampfes den Saumpfad des Damlajik hinabschleppen. Die Beute des Tages war sehr groß: dreiundneunzig Mausergewehre, viel Munition, Bajonette. Von den sechsundfünfzig minderwertig bewaffneten Zehnerschaften konnten nun etwa zehn vollwertig ausgerüstet werden. Dies war der größte innere Erfolg. Und dieser Erfolg war ohne jedes Opfer erkauft, denn auf armenischer Seite gab es nur sechs Verwundete, darunter nicht einen schweren Fall.

Es kann nicht wundernehmen, daß der überwältigende Sieg in seinem wirklichen Werte von Zehnerschaften und Lagervolk bedenklich überschätzt wurde. Arme vertriebene Bauern, ohne hinreichende Wohnung und Nahrung auf der Hochfläche des Damlajik horstend, schlechtbewehrte Fäuste, todesgewisse Seelen hatten eine kriegsstarke Kompanie, also einige hundert junge, monatelang ausgebildete, modern gerüstete türkische Infanteristen geschlagen, und nicht nur geschlagen, sondern beinahe vernichtet. Keine vier Stunden hatte dieser grausame, aber leichte Kampf gedauert. Alles ging dank einem überlegenen Plan und dem trefflichen Verteidigungsbau im Handumdrehen und ohne nennenswerte Verluste. Trotz dem mächtigen Angreifer hatte nur ein Teil des ersten Treffens sich am Kampf beteiligt, während die größere Hälfte verschont geblieben war und das zweite Aufgebot, die Reserve, nicht einmal hatte in Bereitschaft treten müssen. Bildeten all diese nie erträumten Tatsachen nicht einen sonnenklaren Beweis dafür, daß die Lage der sieben Gemeinden glänzend war, daß sich die Armee des Damlajik, die eine ganze Kompanie ohne eigene Verluste zum Teufel geschickt hatte, auch gegen vier Kompanien, werde halten können? Und selbst die eingefleischten Schwarzseher mußten sich da fragen, woher denn die türkischen Ersatzkader überflüssige Bataillone und Regimenter für den Damlajik aufbringen sollten, da Dschemal Pascha doch jedes Gewehr für seine menschenarme vierte Armee brauchte. Da schon die Schwarzseher sich solcher Gedanken vermaßen, war es für die Optimisten nahezu selbstverständlich, daß die Türken nach der auskömmlichen Belehrung den Angriff nicht wiederholen würden und daß für absehbare Zeit wenigstens das Leben des Armenierstammes vom Musa Dagh gerettet war.

Doch nur die »politischen Köpfe« machten sich in diesen glorreichen Stunden Gedanken über die Zukunft. Die große Masse verfiel in einen unbeschreiblichen Rausch. Als die Ordonnanzen der Jugendkohorte atemlos wie Marathonläufer die Siegesnachricht brachten, versammelte Ter Haigasun die Muchtars, die Priester und jene Lehrer um sich, die nicht unter den Kriegern waren, und zog mit ihnen an der Spitze des ganzen Volkes dem Schlachtfeld entgegen. Gabriel Bagradian hatte indessen mit Tschausch Nurhan, Awakian und den Gruppenführern die Dienstordnung für die Nacht festgelegt. Alle Zehnerschaften, die im Kampfe gestanden waren, wurden von den Männern des zweiten Grabens abgelöst. Sie durften einen Urlaub von vierundzwanzig Stunden bei den Ihren in der Stadtmulde verbringen. Tschausch Nurhan duldete es aber nicht, daß die siegreichen Truppen »wie ein Sauhaufen von Zivilisten« in das Lager heimkehrten. Unerbittlich ließ er die Müden in langer Front antreten, teilte die Glieder ab und schuf eine eindrucksvolle Marschsäule, die sich bei Sonnenuntergang unter Trommellärm und den barbarischen Rufen seines Kornetts auf die Stadtmulde hin bewegte. Doch als in der Wegmitte das Kriegsvolk auf das Lagervolk stieß, da konnte es nicht einmal dieser alte Kommißknopf verhindern, daß sich die schöne Ordnung in einen regellosen Taumel löste. In diesem Augenblick kam über Gabriel eine ganz sonderbare Abspannung. Ihm war es, als ob es drei Bagradians gebe, den traulich altgewohnten Bagradian, einen neuen Bagradian, der sich wie ein Hochstapler mit grausigen Dingen abgab, die gar nicht zu ihm paßten, und einen dritten Bagradian, den eigentlichen und wahren. Dieser aber wankte ohne Körper und ohne Heimat zwischen den beiden anderen. So betäubt war dieser wahre Bagradian, daß er die Worte gar nicht auffassen konnte, die Ter Haigasun an ihn richtete: »Nicht nur der Mut unserer Männer ... Ihr Verteidigungsplan ... Seit vielen Wochen schon ... Scharfsinnige Arbeit ... Dem wir es danken ... Die strenge Zucht hilft uns weiter ... Die Gnade verdienen ...« Gabriel Bagradian fühlte sich in der Mitte eines großen Vorgangs. Es war alles eher als ein wilder Jubel, was ihn umwogte, es war auch kein allgemeines Schluchzen, sondern eine wundersame Mischung von beidem, etwas Salzig-Süßes, aus erschütterten Tiefen hervorgeströmt. Tausend Körper drängten sich an ihn heran, sehnsüchtig, den seinen zu berühren. Weich hingehaltene Frauengesichter. Geneigte Mädchenstirnen. Alle Weiber hatten ihren Münzenschmuck angelegt, der klingelte und klapperte. Hände und immer wieder Hände, die nach den seinen haschten, und Lippen, die sie berührten. Wie überirdische Müdigkeit war das, wie Auslöschen. Ein unauflösliches Stimmengewirr dankte ihm mit hundertfachen Segenssprüchen. Er hatte sie nicht nur hinausgeführt aus dem Lande der Vertreibung, er hatte sie vor dem Tod in der Wüste bewahrt. Jetzt aber gab er ihnen eine unermeßliche Hoffnung, ja die Gewißheit des Lebens.

Eine kurze, aber ganz und gar mythologische Weihe. So mußte es gewesen sein, wenn in tiefer Vorzeit ein Stamm seinen König erkor, nicht den stärksten und rauhesten Mann, sondern einen, der schon Väter mit erinnerungsreichen Namen besaß, einen Verfeinerten, dem man nicht nahe kam, wenn man ihm nahte, einen schon Halbfremden, der selbst in der innersten Mitte außen stand, einen Unbegreiflichen, der in seiner Härte weich war und in seiner Weichheit hart. In Gabriel aber lebte keine Freude, sondern nur das Gefühl einer traumhaften Peinlichkeit. Er wußte nichts von einem besonderen Verdienst. Jeder andere Kriegsteilnehmer hätte den Damlajik in denselben Verteidigungszustand versetzt. Nicht Scharfsinn, sondern die natürliche Bodenbeschaffenheit hatte den Sieg davongetragen. Die grauen Köpfe der Muchtars schwankten vor seinem Gesicht. Auch diese widerspenstigen Bauern, die gegen ihn, den Ausländer, sich immer spröde verhalten hatten, griffen nach seiner Hand, um sie wie die Hand eines Vaters zu küssen. Dieses Händeküssen war ihm entsetzlich. Seine Rechte kämpfte einen verzweifelten Kampf. Am liebsten hätte er sie in der Tasche versteckt. Langsam zwängte er sich durch die dicke Menge. Er hatte nur ein einziges Bedürfnis, dies aber war unerträglich stark: Rasieren, waschen, sich abreiben, minutenlang, vom Kopf bis zu den Füßen und dann einen leichten seidenen Schlafanzug auf dem Körper fühlen! Immer wieder klemmte ihn die Masse fest. Immer wieder mußte er Handküsse und Danksprüche über sich ergehen lassen. Er sah sich nach Hilfe um, nach einem Gesicht, das ihn anging. Endlich entdeckte er Iskuhi. Sie war ihm von Anfang an gefolgt, hatte sich aber immer hinter seinem Rücken gehalten. Jetzt langte er nach ihr, als könnte Iskuhis gebrechlicher Körper ihn stützen. Sie sah, daß er totenblaß war, und preßte krampfhaft ihre rechte Hand unter seinen Ellenbogen, als spüre sie, daß er nach Stütze verlange.

»Juliette wartet und hat alles vorbereitet«, flüsterte sie ihm zu.

Er lauschte nicht den Worten, sondern der Berührung nach. Wie eine Blindenführerin ging Iskuhi neben ihm. Plötzlich wunderte er sich, daß heute das viele Blut und der viele Tod gar keinen Eindruck auf ihn gemacht hatten.

Im Zelte wusch sich Gabriel mit Inbrunst, nachdem einer der Dorfbarbiere ihn rasiert hatte. Juliette bediente ihn. Sie hatte das Wasser im Kessel gewärmt, in den Badetub geschüttet, das Frottiertuch zurechtgelegt und jenen Schlafanzug vorbereitet, von dem sie wußte, daß Gabriel ihn den anderen vorziehe. Während er sich abrieb, blieb Juliette vor dem Zelt. In ihrer langen Ehe hatten sie beide zu keiner Zeit die letzte Scham voreinander verloren. Die Säuberung dauerte sehr lange. Er bearbeitete seine Haut mit der harten Bürste, bis sie ganz rot wurde. Je leidenschaftlicher er in diese Tätigkeit versunken war, je unduldsamer er den heutigen Tag von seiner Haut zu striegeln suchte, um so weniger fand er sich selbst. Auch in der wunderbaren Reinheit seines Körpers, die er bald genoß, brach der »abstrakte Mensch« nicht mehr durch, als welcher er nach Yoghonoluk gekommen war. Er sah sein altes Gesicht in Juliettens kerzenflankiertem Spiegel. Und doch, in seiner Seele war etwas überdreht, unerklärlich was.

Ihre Stimme mahnte draußen leise:

»Bist du fertig, Gabriel? Darf ich hinein?«

Und sie kam, gehorsam, wie er sie noch nie gesehen hatte, ohne Selbstbehauptung, demütig, und doch wieder aus dieser Demut hervorlauernd:

»Wir wollen das Wasser hinaustragen«, sagte sie dienstfertig, ohne irgend jemand von der Dienerschaft zu rufen. Sie schleppten die Gummiwanne hinter das Zelt und entleerten sie. Gabriel spürte an Juliette eine weiche Bereitschaft. Sie war ihm in tiefer Erregung entgegengekommen, sie hatte für ihn gesorgt und es nicht geduldet, daß eine andre Hand ihm diene. Vielleicht war die Stunde jetzt gekommen, daß sich das Fremde in ihr seinem Wesen einschmolz, so wie er dort drüben in Paris seine Fremdheit ihr unterworfen hatte. Wie lange noch? fragte er sich. Denn seit dem heutigen Siege glaubte er nicht mehr an Rettung. Er verschnürte den Zelteingang. Sanft zog er Juliette aufs Bett. Sie lagen aneinandergeschmiegt, wortlos. Juliette zeigte eine neue verehrende Zärtlichkeit. Ihre Augen verhielten die Tränen nicht, als sie zitternd immer wiederholte:

»Ich habe solche Angst um dich gehabt ...«

Er sah sie mit fernem Blick an, als verstünde er ihre Sorge nicht. Wie sehr er sich auch dagegen wehrte, seine Gedanken wurden von rauhen Mächten fortgerissen, hinaus in die Stellung. Wenn nur die Wachen sich heute nicht gehenlassen, einschlafen oder die Ablösung versäumen! Wer weiß, ob die Türken nicht einen nächtlichen Überfall planen! Gabriel gehörte nicht mehr Juliette und nicht mehr sich selbst. Er versuchte, sein fliehendes Wesen zu sammeln. Schweiß drang ihm aus den Poren. Als er Julietten ganz nahe kam, konnte er ihr seine Liebe nicht beweisen, das erstemal in ihrer Ehe.

Das Siegesfest in der Stadtmulde währte bis gegen Morgen. Es wurde mehr Harisa gegessen und Wein getrunken, als das Komitee für innere Ordnung gestattet hatte. Ter Haigasun aber drückte ein Auge zu. Der Held dieser Nacht war Tschausch Nurhan. Man verlieh ihm den Ehrennamen »Elleon«, das ist der Löwe. Dieses griechische Wort war als Auszeichnung für tapfere Männer aus ältesten Zeiten überliefert.

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