Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Werfel >

Die vierzig Tage des Musa Dagh

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDie vierzig Tage des Musa Dagh
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun6. Auflage
year1975
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151125
modified20170206
projectid40f0e668
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel
Die große Versammlung

Seit dem Tage, an dem sich Djelal Bey, der ehrwürdige Wali von Aleppo, geweigert hatte, die Verschickungsbefehle der Regierung in seinem Wirkungsbereich zu vollstrecken, seit jenem Frühlingstage kam es in der Armenierpolitik Envers und Talaats zu keinem hemmenden Zwischenfall und peinlichen Anstand mehr. Nach einer bestimmten, wohlbedachten Ordnung liefen bei den Statthaltern des Reiches die Avisi des Ministeriums ein, denen dann die allfälligen Durchführungsbefehle zur gegebenen Zeit folgten. Das bürokratische Schaltwerk arbeitete ausnahmsweise mit erstaunlicher Pünktlichkeit, so daß es für ein Beamtenherz diesbezüglich eine Lust zu leben war. Die Walis der einzelnen Provinzen riefen, bereits nach Einlangen der Avisi, die Mutessarifs der Sandschaks, in die ihr Vilajet zerfiel, zu einer dringenden Konferenz zu sich. Dieser Konferenz wurden außerdem noch die militärischen Spitzen des Gebietes beigezogen. Seine Exzellenz, der Wali soundso Pascha, erklärte bei der Sitzung etwa folgendes: »Die Herren haben zur Vollstreckung der Maßregel einen Spielraum von vierzehn Tagen. Bis dahin muß der letzte Trupp der exilierten Bevölkerung die Grenzen des Vilajets tot oder lebendig hinter sich haben. Ich werde Sie für den durchgreifenden und aufschublosen Vollzug schon deshalb verantwortlich machen, weil ich selbst dem Herrn Minister des Innern dafür hafte.«

Der Konferenz wurde sodann ein von der Statthalterei ausgearbeiteter Plan zur Begutachtung vorgelegt, der die Reihenfolge der Verschickungen einteilte. Die Mutessarifs brachten ihre Einwände und Verbesserungen an, der General traf seine Verfügungen über die begleitenden Truppen und Gendarmen. Ungefähr nach einer Stunde konnte man sich dann ins Bad oder ins Café begeben, wenn nicht gerade beim Wali ein Festmahl stattfand. Die Mutessarifs kehrten in ihre Residenzen zurück. Und nun wiederholte sich das Spiel. Sie beriefen nämlich ihrerseits eine Konferenz ein, zu der nunmehr die Kaimakams der einzelnen Kasahs erscheinen mußten, in die der Sandschak zerfiel. Wiederum wurde der militärische Kommandant zugezogen, der natürlich kein General mehr war. Man prüfte nun den Plan des Wali und arbeitete ihn in Ansehung der örtlichen Bedingungen genauer aus. Die Sandschak-Sitzung dauerte daher schon länger als die vornehme erste. Die Herren begaben sich zwar nachher ebenfalls ins Café oder ins Bad, doch sie schimpften bereits in ruppigem Türkisch über das armenische Gesindel, das mitten im Kriege solche Mühsal verursache. Nun kam die Reihe an die Kaimakams. Auch sie riefen in den Kreisstädten die Müdirs, ihre Bezirkshauptleute, zusammen; doch diese Sitzungen wurden nicht mehr feierlich »Konferenz« genannt. Die Müdirs waren fast durchweg jüngere Männer, wenn man von einigen wenigen Graubärten absah, die schon an der zivildienstlichen Majorsecke hängengeblieben waren. Der jeweilige Kaimakam sagte ihnen dasselbe, was der Wali dem Mutessarif und der Mutessarif dem Kaimakam gesagt hatte, nur freilich in einem weniger gewählten Ton:

»Ihr habt soundso viel Tage Zeit. Bis dahin muß die letzte dieser unreinen Schweineherden die Grenzen unserer Kasah verlassen haben. Die Sache hat zu klappen. Ich mache euch dafür verantwortlich. Bei wem sie nicht klappt, der kommt in Untersuchung. Ich habe keine Lust, mich wegen andrer Leute pensionieren zu lassen.«

Abgesehen von den wirklich Betroffenen, lag auf diesen Müdirs die ärgste Last der tragischen Maßnahme. Die Nahijehs, die Bezirke, die sie verwalteten, umfaßten große Gebiete, Eisenbahnen gab es so gut wie keine, Telegrafenlinien nur wenige, und Wagenfahrten waren auf den grausamen Straßen und Saumwegen zumeist eine Folterstrafe. Es blieb also nicht viel anderes übrig, als Tag und Nacht im Sattel zu sitzen, damit man jedes Dorf und jeden Flecken, in dem die Armenier lebten, rechtzeitig auf die Beine bringen konnte. Rechtzeitig? Manchmal war diese rechte Zeit die Mitternacht vor dem Auszugsmorgen. Der Wali, der Mutessarif, der Kaimakam hatten leicht befehlen und verantwortlich machen. In den Städten war es ja ein Kinderspiel. Wenn man aber siebenundneunzig Flecken, Dörfer, Weiler und Gehöfte unter sich hatte, dann sah die Sache schon ganz anders aus. Mancher Müdir, der weder hexen konnte, noch allzu buchstabeneifrig war, entschloß sich daher, dieses und jenes unbedeutende abgelegene Dorf einfach nicht zu berücksichtigen. Viele der Müdirs handelten aus gutherziger Faulheit so, welche ja einer der wichtigsten Antriebe menschlicher Wirksamkeit ist. Andre wiederum verbanden die milde Bequemlichkeit mit pfiffigen Nebengedanken. Solche »Nicht-Berücksichtigungen« konnten sich in der Folge gut bezahlt machen, denn der armenische kleine Mann und selbst der Bauer ist nicht unvermögend. Gefährlich waren dergleichen Ausnahmen nur dort, wo es einen ständigen Gendarmerieposten gab. Die Saptiehs wollten ihr eigenes Geschäft machen, und welches Geschäft wäre einträglicher als die legale Plünderung, bei der die Behörde beide Augen zudrückt? Zwar verfiel das Gut der Verstoßenen verordnungsgemäß dem Staatssäckel. Dieser aber wußte genau, daß er nicht Machtmittel genug besaß, um seinen ehrenwerten Anspruch durchzusetzen, und daß es für ihn vorteilhaft war, die muntere Arbeitsfreude der ausübenden Organe wachzuhalten.

Während in den Selamliks, Cafés, Bädern, Versammlungsorten der Provinz die moderne Welt (das heißt alles, was Zeitungen las, einen bescheidenen Fremdwörterschatz besaß, anstatt Karagöz, dem alttürkischen Schattenspiel, in Smyrna oder Stambul ein paar französische Komödien gesehen hatte und ansonsten den Namen Bismarck und Sarah Bernhardt kannte), während also diese Gebildeten, dieser fortgeschrittene Mittelstand sich restlos hinter Envers Armenierpolitik stellte, verhielt es sich mit den einfachen türkischen Menschen, mochten es nun Bauern oder das niedere Stadtvolk sein, durchaus anders. Oft staunte der Müdir auf seinen Rundreisen, wenn in einem Dorfe, wohin er den Austreibungsbefehl gebracht hatte, sich Türken und Armenier zusammenscharten, um miteinander zu weinen. Und er verwunderte sich, wenn vor einem armenischen Hause die türkische Nachbarsfamilie schluchzend stand und den Tränenlos-Erstarrten, da sie ohne sich umzuschauen aus ihrer alten Tür traten, nicht nur ein »Allah möge euch barmherzig sein« zurief, sondern Wegzehrung und große Geschenke mit auf den Weg gab, eine Ziege, ja selbst ein Maultier. Und der Müdir konnte auch erleben, daß diese Nachbarsfamilie die Elenden mehrere Meilen weit begleitete. Und er konnte erleben, daß sich seine eigenen Volksgenossen vor seine Füße warfen und ihn anflehten:

»Laß sie bei uns! Sie haben nicht den richtigen Glauben, aber sie sind gut. Sie sind unsere Brüder. Laß sie hier bei uns!«

Doch was half das? Selbst der gutmütigste Müdir konnte nur in ein paar namenlosen Einöd-Dörfern eine Ausnahme machen und es heimlich dulden, daß sich ein Rest der verfluchten Rasse dort unter der Decke seiner Todesangst verkroch.

Über die Dorfpfade aber stolperte es dahin, in die Karrenwege bog es ein, auf den Landstraßen stieß es zusammen, um nach Tagen endlich die große Chaussee zu erreichen, die über Aleppo nach Südosten und in die Wüste führt. Ein schleppender, millionenfüßiger Rhythmus, den die Erde noch nicht erlebt hatte. Mit wahrhaft strategischer Umsicht war der Aufmarsch dieser Armee entworfen und eingeleitet worden. Nur eines hatten die verborgenen Feldherren ganz und gar vergessen: den Verpflegungsnachschub. Die ersten Tage wurde wohl noch etwas Brot und Bulgur, gedörrter Weizen, gefaßt, aber da war der eigene Proviant noch nicht aufgezehrt. In diesen ersten Tagen hatte auch jeder Erwachsene das Recht, vom Onbaschi, dem Rechnungsunteroffizier des Transportes, die Auszahlung einer gesetzlichen Löhnung von zwölf Para, vierzig Groschen ungefähr, zu verlangen. Doch die meisten hüteten sich wohl, diese Forderung zu stellen, durch die sie sich nur den Haß eines Allmächtigen zugezogen hätten; und dann, für zwölf Para konnte man bei der herrschenden Teuerung im besten Fall einige Orangen oder ein Hühnerei kaufen. Mit jeder Stunde wurden die Gesichter hohler, der millionenfüßige Schritt taumelnder. Bald entrang sich kein anderer Laut mehr dem ziehenden Wesen als Stöhnen, Husten, Wimmern und manchmal ein wüster, krampfhafter Aufschrei. Mit der Zeit fielen immer mehr Glieder dieses Wesens ab, sanken hin, wurden in den Graben gestoßen und verreckten. Dann sausten die Knüppel der Saptiehs auf die Rücken der zögernden Scharen. Wütend waren die Saptiehs. Auch sie mußten ein Hundeleben führen, ehe sie ihre Ausgetriebenen an der Grenze der Kasah dem benachbarten Gendarmeriekommando übergaben. Anfangs wurden noch Standeslisten geführt. Als aber dann die Krankheits- und Todesfälle überhandnahmen, als man immer mehr Halb- und Ganzgestorbene in den Straßengraben werfen mußte, vor allem Kinder, da erwies sich die Listenführung als höchst lästig und der Onbaschi ließ die überflüssige Schreiberei bleiben. Ob Sarkis, Astik oder Hapeth, ob Anusch, Wartuhi oder Koren auf freiem Felde verwesten, wer fragte danach? Nicht alle Saptiehs waren reißende Bestien. Es ist sogar anzunehmen, daß die Mehrzahl aus durchschnittlich guten Menschen bestand. Doch was soll er tun, der Saptieh? Er hat den scharfen Befehl, mit der ganzen Herde zu dieser und dieser Stunde dort und dort gestellt zu sein. Sein Herz begreift die brüllende Mutter ganz gut, die ihr Kind aus dem Graben reißen will, die sich auf die Straße hinwirft und in die Erde krallt. Kein Zureden hilft. Es dauert schon Minuten und die Station ist noch zwölf Kilometer entfernt. Der Zug stockt. Alle Gesichter verzerren sich. Aus tausend Mündern bricht ein Wahnsinnsgeschrei. Warum wirft sich diese Menge, so entkräftet sie auch ist, nicht auf den Saptieh und seine Kameraden, entwaffnet sie und zerreißt sie in der Luft? Vielleicht fürchten die Gendarmen einen solchen Wutausbruch, der ihr Ende wäre. Da gibt einer von ihnen einen Schuß ab. Die andern ziehen den Säbel und schlagen mit den scharfen Klingen auf die Wehrlosen ein. Dreißig, vierzig Männer und Frauen wälzen sich in ihrem Blut. Von diesem Blut aber kommt ein anderer Rausch über die erregten Saptiehs, die alte Gier nach den Weibern der verhaßten Rasse. In den preisgegebenen Frauen vergewaltigt man mehr als menschliche Wesen, man nimmt in ihnen den Gott des Feindes in Besitz. Nachher wissen die Saptiehs kaum mehr, wie sich all das zugetragen hat.

Ein wandernder Teppich, aus blutigen Schicksalsfäden gewoben. Es ist immer dasselbe. Nach dem ersten Marschtag werden alle Männer im kräftigen Lebensalter von den übrigen Scharen getrennt. Da ist ein sechsundvierzigjähriger Mensch in guten Kleidern, ein Ingenieur; man kann ihn von seiner Familie nur mit Kolbenstößen wegtreiben. Sein jüngstes Kindchen ist erst anderthalb Jahre alt. Er soll bei einer Straßenbaukompanie eingeteilt werden. In dem langen Männerzug torkelt er wie ein Schwachsinniger, immer vor sich her lallend: »Ich habe doch den Bedel pünktlich bezahlt ... den Bedel bezahlt.« Plötzlich hält er seinen Nachbarn fest. Schwärmerischer Schmerz schüttelt ihn: »So ein schönes Kind hast du noch nie gesehen. Augen wie Teller groß hat das Mädel. Wenn ich nur könnte, wie eine Schlange wollt ich ihr auf dem Bauch nachkriechen.« Dann torkelt er weiter, ganz vereinsamt und umschlossen von seinem Weinen. Am Abend wirft man sich auf einem Berghang hin. Auch der Ingenieur scheint zu schlafen. Lange nach Mitternacht weckt er denselben Nachbarn. »Nun sind sie alle schon tot«, sagt er und ist ganz ruhig. – Da wandert in einem andern Transport ein Brautpaar. Sie sind noch sehr jung. Dem Bräutigam färbt kaum noch ein leichter Flaum die Oberlippe. Die Stunde droht heran, da die kräftigen Männer ausgeschieden werden sollen. Die Braut kommt auf den guten Einfall, ihren Geliebten in Frauenkleider zu stecken. Die List gelingt. Schon lachen die beiden Kinder in ihrer Seligkeit über die glückliche Verwandlung. Die andern aber warnen vor übereiltem Triumph. In der Nähe einer größeren Stadt kommen ihnen fremde Tschettehs, bewaffnete Freischärler, entgegen. Sie sind auf lustiger Frauenjagd begriffen. Die Wahl trifft unter anderen die Braut. Sie klammert sich an den Bräutigam: »Um Gottes willen laßt mich bei ihr! Meine Schwester ist taubstumm. Sie braucht mich!« – »Das ist kein Grund, dschanum, mein Seelchen! Die Hübsche da kommt auch mit.« Das Paar wird in ein schmutziges Haus verschleppt. Dort entpuppt sich die Wahrheit schnell. Die Tschettehs töten den Jüngling augenblicklich. Der Geschlechtsteil wird ihm abgeschnitten und in den Mund gesteckt, dessen Lippen noch mit Henna rotgefärbt sind, damit er mehr nach einer Frau ausschaue. Nach dem grauenhaftesten Mißbrauch wird das Mädchen nackt an die Leiche des Bräutigams gebunden, und zwar Kopf an Kopf, so daß sie das blutige Glied mit ihrem Gesicht berühren muß. – Wandernder Teppich, aus Schicksalen gewoben, die niemand entwirrt. Da ist immer wieder die Mutter, die tagelang ihr verhungertes Kind in einem Sack auf dem Rücken trägt, bis sie ihre eigenen Verwandten bei den Saptiehs anzeigen, weil sie den Geruch nicht mehr ertragen können. Da sind die wahnsinnigen Mütter von Kemach, die hymnensingend ihre Kinder von einem Felsen herab in den Euphrat werfen, mit leuchtenden Augen, als sei dies ein gottgefälliges Werk. Und da ist immer wieder ein Bischof, ein Wartabed. Und er schürzt seine Kutte, wirft sich nieder vor dem Müdir, weint: »Hab Erbarmen, Effendi, mit diesen Unschuldigen.« Der Müdir aber muß eine vorschriftsmäßige Antwort geben: »Mische dich nicht in Politik! Mit dir habe ich nur in kirchlichen Fragen zu verhandeln. Die Regierung achtet die Kirche.« – In manchen Transporten ereignet sich oft auch gar nichts Besonderes, keine bemerkenswerten Greuel, außer Hunger, Durst, Fußwunden und Krankheit. Aber es stand einmal eine deutsche Diakonissin vor dem Krankenhaus in Marasch, wo sie eben zur Dienstleistung eingetroffen war. Eine lange stumme Armenierschar trabte an dem Haus vorbei, in das sie eben treten wollte. Sie vermochte sich nicht zu rühren, bis die letzte Gestalt verschwunden war. In der Schwester ging etwas vor, was sie selbst nicht verstand: kein Mitleid, nein, auch kein Grauen, sondern etwas Unbekannt-Großes, eine Erhebung fast. Am Abend schrieb sie ihren Angehörigen: »Mir begegnete ein großer Zug von Ausgewiesenen, die erst kürzlich ihre Dörfer verlassen hatten und noch in recht guter Verfassung waren. Ich mußte lange warten, um sie vorüberziehen zu lassen, und nie werde ich den Anblick vergessen. Einige wenige Männer, sonst nur Frauen und Kinder. Viele darunter mit hellem Haar und großen blauen Augen, die uns so todernst und mit solch unbewußter Hoheit anblickten, als wären sie schon Engel des Gerichts.« Und diese armen Engel des Gerichtes zogen aus Zeitun, Marasch und Aïntab und dem Vilajet Adana; sie zogen aus dem Norden herab, aus den Provinzen von Siwas, Trapezunt und Erzerum; sie kamen aus dem Osten, aus Karputh und dem kurdenbewohnten Diabekir, aus Urfa und Bitlis. Jenseits des Taurus, noch vor Aleppo, verwoben sich all diese Transporte zu dem unendlichen, schleichenden Menschenteppich. In Aleppo selbst aber geschah nichts und in den wimmelnden Sandschaks und Kasahs des Vilajets geschah ebensowenig. Friedlich und unberührt lag die Küste, ruhte der Musa Dagh. Er schien die grausige Wanderung nicht zur Kenntnis zu nehmen, die in mäßiger Ferne an ihm vorüberrückte.

Lange Wochen! In Yoghonoluk nahm, wie man so sagt, das Leben ruhig seinen Lauf. Freilich war hier die Redensart kaum im oberflächlichen Sinne zutreffend. Die Leute sprachen wohl nicht viel »davon«, aber das Unheimliche war, daß sie nahezu überhaupt nichts sprachen. Die Arbeit in den Feldern und Gärten, am Webstuhl und an der Drehbank wurde geleistet wie immer, unermüdlicher vielleicht, ja fieberhafter denn je. Die Verkäufer zogen sogar auch zu den Wochenmärkten nach Antiochia und brachten ihre Ware in gewohnter Weise los. Ebenso kamen nach altem Brauch die türkischen Einkäufer in die Dörfer und handelten gemächlich um jeden Para, als wäre nichts Besonderes im Gange. Alles war wie immer und doch ganz anders. Es lag auf den Menschen wie ein hypnotischer Schlaf, in dem man seinem regelmäßigen Geschäft nachgehen kann, ohne bei Sinnen zu sein. Jeder wußte alles. Jeder wußte, daß sein Leben vielleicht nur mehr eine Frage von Wochen war. Er wußte das und wußte es auch wieder nicht. Konnte denn die Gefahr an den Kindern des Musa Dagh nicht vorübergehen, da sich bis jetzt noch nichts gerührt hatte? Lud die abseitige Lage des Bezirkes die Machthabenden nicht ein, ihn zu vergessen? Verbarg sich unter der tiefen Stille nicht ein gutes Zeichen? So kam es auch, daß jeder diese Stille noch durch sein eigenes Schweigen steigerte, um die Geister nicht zu wecken, daß jeder sich in den geschäftigen Lebensschlaf seines Alltags verbohrte, um so zu tun, als wandle er in ewiger Sicherheit. Das Vorbild für diese Verhaltungsweise gaben Arzt Altouni, Apotheker Krikor und sogar Ter Haigasun. Der alte Doktor stattete auf dem Rücken seines Reitesels weiter Krankenbesuche ab, indem er auf sein verpfuschtes Lebenslos schimpfte, als könne es gar nicht mehr schlimmer kommen. Krikor versammelte die Lehrer zu nächtlich sokratischen Spaziergängen um sich und nannte die Sterne samt ihren Entfernungen mit sicheren Namen und Zahlen, gegen die es keinen Widerspruch gab. Wenn die Billionen Meilen durch die Luft schwirrten, war auch das leiseste Echo des Unglücks nicht vernehmbar. Krikor zog sich auf den Flügeln der Lichtgeschwindigkeit zu den von ihm eigenmächtig getauften Sternen zurück. Ein Blick empor genügte, und die Ausstoßung wurde zu einem müßigen Gerücht. Vielleicht glaubte er wirklich nicht an sie. Schwarz auf weiß stand darüber nichts zu lesen. Armenische Zeitungen trafen nicht mehr ein, und die türkischen hatten bisher nur zweimal sanft-offizielle Andeutungen gebracht. Auch Ter Haigasun entfaltete, ohne rechts und links zu schauen, die gleiche Tätigkeit wie stets. Er gab in der Schule Unterricht, er las die feierlichen Messen, er unternahm die gewohnten Diözesanreisen. Der Priester hatte darauf bestanden, daß auch in diesem Jahre die altheilige Wallfahrt zum Thomaskloster begangen werde, wobei seit Menschengedenken das Madach-Opfer in Gestalt eines Lämmchens dargebracht wird. Nur das große Volksfest, das man nachher mit Musik und Tanz bis in den nächsten Morgen hinein zu feiern pflegte, war diesmal abgesagt worden, doch ohne jede Begründung durch Ter Haigasun.

Es konnte demnach nicht fehlen, daß bei solch ruhigem Betragen der einheimischen Geisteshäupter die beiden Fremden, die Europäer Juliette und Gonzague, sich völlig unbekümmert zeigten. Eines Tages meinte Juliette wirklich und wahrhaftig zu ihrem Gatten:

»Bis zum Herbst, mein Lieber, bleibe ich dir nicht hier. Langsam bekomme ich Sorge um Frankreich. In den letzten Tagen habe ich oft an Mama denken müssen.«

Der lange, rätselhafte Blick Gabriels aber gab ihr zu verstehen, daß sie etwas ganz Vermessen-Unsinniges gesagt hatte.

Gabriel Bagradian setzte seine Erkundungszüge durch die Dörfer fort, er dehnte sogar sein Studiengebiet aus: im Süden kam er jetzt oft über Suedja hinaus und im Norden nach einem vielstündigen Ritt einmal bis Beilan, dem verwaisten Villenort der reichen Armenier von Alexandrette. Ein einziges Mal wagte er sich wieder nach Antiochia. Die Orontesbrücke bewachten im Gegensatz zur frühern Zeit ein paar Saptiehs. Sie fragten Gabriel nicht nach seinen Papieren und ließen ihn gleichgültig vorbei. Einen Augenblick lang wähnte er, sämtliche Postenketten des Reiches würden ihn und den Wagen mit Juliette und Stephan ebenso anstandslos passieren lassen wie diese hier. Vielleicht war die Rettung leichter zu bewerkstelligen als er ahnte. Sobald er aber in die neue Nachrichtenhalle des Hükümets getreten war, belehrte ihn ein großer Wandanschlag sogleich eines Schlechteren. An keinen Armenier, so wurde dort verlautbart, durften Fahrkarten für Eisenbahn und Reisepost ausgegeben werden. Und was noch bedenklicher war, es hieß wörtlich:

»Wo immer ein Angehöriger der armenischen Millet außerhalb seines Wohnsitzes ohne Paß und Reiseschein angetroffen wird, hat er festgenommen und dem nächstgelegenen Deportationslager eingereiht zu werden.« Diese scharfe Verordnung, die einige Artikel umfaßte, war von Mustafa Abdul Halil Bey unterfertigt, dem gefügigen Nachfolger des tapferen Djelal. Trotz der Drohung schlenderte Bagradian durch den Bazar. Die enge, sonst so vollgestopfte Straße war fast menschenleer und zeigte eine verschrockene Trauermiene. Obgleich die Verbannung sie noch nicht getroffen hatte, hielten die armenischen Händler ihre Läden gesperrt und schienen vom Erdboden verschluckt zu sein. Doch auch die mohammedanische Bevölkerung hatte keineswegs zu lachen. Der erste Schatten nämlich, den die Sünde wider die Armenier auf das Reich warf, war ein jäher Wertsturz des türkischen Papiergeldes. Seit einiger Zeit wollten sich die Kaufleute nicht mehr mit Gold und Silber bezahlt machen, worauf diese schamhaften Metalle sogleich keusch von allen Märkten verschwanden. Die Wirtschaftsweisen in den Ministerien von Stambul gaben verwickelte Erklärungen für das Geheimnis der unbegründet-plötzlichen Entwertung. Daß aber der Kreislauf des Geldes von den Marktverhältnissen der moralischen Welt abhängen könnte, darauf ist bis zum heutigen Tage kein Wirtschaftsweiser gekommen. Die Türken in Antiochia drückten sich mit schlappen und beklommenen Schritten durch den Bazar, der mit seinen Pfützen, Gossen und Abfallhaufen wie eine nächtliche Vorstadtgasse aussah.

Gabriel fand das altertümliche Haustor des Agha Rifaat Bereket verschlossen. Er hämmerte mehrmals mit dem Klopfer gegen das kupferbeschlagene Holz, doch kein Mensch meldete sich. Der Agha war also von seiner anatolischen Reise noch nicht heimgekehrt. Obgleich Gabriel wußte, daß diese Reise der Hilfe für das armenische Volk galt, so erfüllte ihn das Fernsein des Vaterfreundes jetzt mit Kümmernis.

Nach der Rückkunft beschloß Bagradian, auf all seinen ferneren Fahrten den äußersten Umkreis des Musa Dagh nicht mehr zu verlassen. Der Grund dafür lag in der zauberhaft beschwichtigenden Wirkung, die der Heimatberg je länger je stärker auf ihn ausübte. Noch immer, wenn er morgens das Fenster öffnete und den Berg grüßte, erfüllte ihn jenes feierliche Erstaunen, das er nicht verstand. Die lastende Masse des Musa Dagh, zu jeder Stunde anders gestaltet, jetzt dicht zusammengeballt, jetzt flockig im Sonnendunst sich lösend, dieses in allen Verwandlungen ewige Bergwesen schien Gabriels Kräfte zu beleben und ihm den Mut für das qualvolle Hin und Her jener Gedanken zu verleihen, die ihm seit der Ankunft des Pastors Aram Tomasian den Schlaf raubten. Verließ er aber den Schatten des Musa Dagh, so sank der Mut für diese Gedanken sogleich. Indessen aber trugen seine eifrigen Streifzüge in den Dörfern gute Früchte. Er gewann, was er anstrebte, eine ziemlich lückenlose Übersicht nicht nur des äußeren Lebens und Treibens dieser Bauern, Obstzüchter, Seidenspinner, Schalweber, Imker und Holzschnitzer, sondern er durfte auch manchen Blick in ihre Familienbeziehungen und verschlosseneren Seelenbezirke tun. Das war freilich nicht immer ganz leicht. Viele Landsleute sahen in ihm zuerst nur den vornehmen Fremdling, mochte er auch durch Sippe und Besitz mit ihnen verbunden sein. Awetis Bagradian der Jüngere war ihnen natürlich näher gestanden, obgleich der wortkarge Sonderling sich um keinen Menschen gekümmert hatte, auch nicht um Krikor, Ter Haigasun, die Lehrer, und kaum jemals in die Dörfer herabgekommen war. Gleichviel, er lag auf dem Friedhof von Yoghonoluk mitten unter ihren Toten. Mit der Zeit aber wuchs das Vertrauen zu Gabriel und sogar eine heimliche Hoffnung, die sie in ihn setzten. Der Effendi war gewiß ein mächtiger Mann, den das Ausland kannte und den die Türken seines Einflusses halber fürchteten. Solange er in Yoghonoluk weilte, würde vielleicht das Ärgste über die Dörfer nicht hereinbrechen. Niemand gab sich Rechenschaft über den wirklichen Wert solcher Hoffnungen. Es war aber noch eine andere Witterung dabei. Wenn Gabriel über die Zukunft auch ebensowenig wie die andern sprach, so konnten manche in seinen Augen, in seiner Unruhe, in seinen Fragen, in den Notizen, die er sich machte, irgendein zielbewußtes Denken, eine besondere Tätigkeit spüren, die ihn von jedermann unterschied. Alle Augen hingen an ihm, wenn er auftauchte. Er wurde in viele Häuser gebeten. Obgleich die Stuben nach der Sitte des Landes ziemlich leer waren, überraschte ihn doch ihre saubere Wohnlichkeit. Der lehmgestampfte Estrich war mit reinen Matten belegt. Zum Niedersitzen dienten mit guten Teppichen bedeckte Diwans. Nur bei den ärmsten Bauern grenzte der Stall unmittelbar an die Stube. Die Wände waren durchaus nicht überall nackt. Neben Heiligenbildern hatten die Bewohner irgendwelche verschollene Illustrationen und Kalenderbildchen aufgehängt. Manche Hausfrau schmückte ihren Raum – eine große Seltenheit im Orient – mit frischen Blumen, die meist in flachen Gefäßen lagen. Hatte sich der Gast niedergelassen, so wurde ein dicker Holzblock vor ihn hingestellt, auf dem die umfängliche Zinnschüssel ruhte, die eine Auswahl von Backwerk, Honigschnitten und süßen Käsewürfeln trug. Gabriel kannte noch von jenen Kindheitsjahren in Yoghonoluk her den Geschmack dieser überaus süßen Näschereien. Damals waren es verbotene Genüsse gewesen, denn die Eltern durften natürlich nichts davon wissen, daß die Dienerschaft des Hauses mit dem kleinen Gabriel in den Dorfhäusern einkehrte. Jetzt aber kam angesichts der reichlichen Bewirtung Gabriels Magen in Verlegenheit, zumal ihm neben dem Backwerk noch Melonenscheiben und gezuckerte Früchte angeboten wurden. Die Gastlichkeit abwehren wäre eine tödliche Kränkung gewesen. Er half sich also damit, daß er die Kinder, die man ihm überall vorführte, mit den Süßigkeiten fütterte, während er hie und da selbst einen Bissen in den Mund steckte. Rührend, wie alle diese Kinder, besonders die kleinen, geliebt und wohlgehalten waren. Die Mütter verwendeten auf die Sauberkeit der Hemdchen, Kittel und Schürzen ihre stolzeste Sorgfalt. In späteren Jahren konnten freilich auch sie es nicht hindern, daß die Buben auf ihren Kriegs- und Beutezügen durch die Schluchten des Damlajik verwilderten. Bei seinen häufigen Dorfbesuchen gewann Gabriel Bagradian manchen Freund. Der getreueste unter allen war ein gesetzter Mann namens Tschausch Nurhan, was so viel heißen will wie Sergeant Nurhan. Dieser Tschausch Nurhan besaß am südlichen Ortsausgang von Yoghonoluk den ansehnlichsten Handwerksbetrieb nach dem Bauunternehmer Tomasian, und zwar eine Schlosserei und Schmiede, eine Werkstätte zur Sattelerzeugung, eine Wagnerei, in der die landesüblichen Kangni gebaut wurden, und schließlich ein innerstes Heiligtum, wo er ohne Zeugen waltete. Eingeweihte wußten, daß er sich in diesem Raum mit der Reparatur von Jagdwaffen und der Herstellung der dazugehörigen Patronen befaßte; doch blieb diese Tätigkeit unbequemer Anzeigen wegen den Augen des Saptieh Ali Nassif am besten entzogen. Tschausch Nurhan war ein alter »Längerdienender«. Eine militärische Dienstzeit von sieben Jahren lag hinter ihm, die er im Krieg und bei einem anatolischen Infanterieregiment in der großen Kaserne von Brussa verbracht hatte. Von eingefleischtem Soldatenwesen sprach seine ganze Erscheinung, der angegraute Schnurrbart mit den weit ausgezogenen Spitzen, der unablässige Gebrauch militärischer Redensarten und Kraftworte und nicht zuletzt sein ehrerbietig strammes Verhalten zu Bagradian, den er immer nur als Offizier und Vorgesetzten begrüßte. Vielleicht spürte er sogar irgendwelche Eigenschaften in Gabriel, von denen dieser selbst nichts wußte. Tschausch Nurhan, der schon für Awetis den Jüngeren gearbeitet hatte, übernahm es, die reichen Waffenbestände des Hauses Bagradian daraufhin durchzusehen, ob alles in Ordnung sei. Er holte die Gewehre ab, um sie in seiner heimlichen Werkstätte säuberlich zu zerlegen, einzufetten und wieder zusammenzusetzen. Bei dieser Arbeit sah ihm Gabriel öfter zu. Auch Stephan nahm er hie und da zu Nurhan mit. Die Männer unterhielten sich wie leidenschaftliche Fachleute über militärische Dinge. Der Tschausch war voll von groben Geschichten und Schnurren, die Gabriel, der Schöngeist, zu hören nicht müde ward. So verbohrten sich unglaublicherweise in den Monaten der Austreibung zwei armenische Männer mit Eifer in Erinnerungen an das türkische Soldatenleben, als läge ihre Heimat dort. Doch er besaß eine sehr ansehnliche Schar halbwüchsiger Kinder, in der nicht einmal er selbst sich auszukennen schien. Er kümmerte sich auch um diese Nachkommenschaft so gut wie gar nicht. Der ehemalige Rekrutenbändiger mit dem angstgebietenden Schnurrbart war gegenüber der Horde seines eigenen Blutes die stumpfe Gutmütigkeit selbst; er ließ sie seelenruhig verwahrlosen. Nach Feierabend, wenn ihm die einzelnen Werkmeister seines Betriebes die Schlüssel eingehändigt hatten, betrat er weder sein kinderreiches Haus, noch klopfte er bei einem Nachbarn an. In der einen Hand den Weinkrug, in der andern ein türkisches Infanteriekornett, das er dem Ärar geraubt hatte, ging er in seinen Aprikosengarten. In der Dämmerung begannen dann, den Dörfern wohlbekannt, unsicher heulende Trompetenstöße die Luft zu zerreißen. Stockend und glicksend plärrten die türkischen Armeesignale auf, ein wüster Zapfenstreich, als wollte Tschausch damit, ehe die Nacht kam, das ganze Tal zum Sammeln blasen.

 

Wegen der Schulkinder hatte es übrigens zwischen den Dörfern eine kleine kulturpolitische Auseinandersetzung gegeben. Nach der Lehrordnung des Miazial Engerutiunk Hajoz, des allgemeinen armenischen Schulvereines, der die maßgebende Unterrichtsbehörde der Nation bildete, sollte das Schuljahr mit den ersten heißen Sommertagen zu Ende gehen, also bereits um die Mitte des Maimonats. Ter Haigasun aber, als oberster Schulverwalter, hatte plötzlich angeordnet, daß nach einer kurzen Ferienpause von acht Tagen der Unterricht neu aufzunehmen sei. Der Entschluß des Priesters entstammte den gleichen Ursachen wie der betäubte Arbeitseifer der ganzen Bevölkerung. Sintflutzeiten! Der nahenden Auflösung und Vernichtung alles Geordneten sollte doppelte Ordnung entgegengesetzt werden, der völligen Hilflosigkeit, die unabwendbar zu erwarten stand, die höchste Regelmäßigkeit und Disziplin. Und überdies war ja gerade in bedrängten Tagen das ungezügelte Geschrei und ahnungslose Getolle ferienfeiernder Kinderrudel eine unerträgliche Landplage. Klärlich wäre also alles mit Ter Haigasun einverstanden gewesen, wenn nicht von Seiten der Lehrerschaft eine erbitterte Gegenströmung eingesetzt hätte. Die Lehrer, allen voran Hrand Oskanian, wollten nicht um ihre Freizeit kommen, die ihnen vertraglich zugesichert war. Sie steckten sich hinter die Muchtars, sie warnten die Eltern, das Gehirn der armen Kleinen werde durch Überanstrengung in der Gluthitze ernsthaft Schaden nehmen; Oskanian, der Schweiger, aber entfesselte einen Werbefeldzug des Hasses gegen Ter Haigasun. Es nützte ihm nichts. Der Priester blieb stark. Er versammelte die sieben Muchtars der Ortschaften um sich und überzeugte sie in einer kurzen Rede. Das neue Schuljahr begann somit, des Sommers ungeachtet, unmittelbar nach dem alten. Die Lehrer versuchten als letztes Mittel Gabriel Bagradian in den Kampf hineinzuziehen. Schatakhian und Oskanian erschienen unter ernsten Förmlichkeiten in der Villa. Gabriel aber erklärte sich rundheraus und rückhaltlos für Fortsetzung des Unterrichts. Er begrüßte sie nicht nur im allgemeinen, sondern auch im persönlichen Interesse, denn er habe die Absicht gefaßt, seinen Sohn Stephan zu Herrn Schatakhian in die Schule zu schicken, damit er endlich mit anderen Knaben seines Alters und seiner Rasse zusammenkomme. Lehrer Schatakhian verbeugte sich und erwiderte in seinem schönsten Französisch mit einer kleinen Ansprache, in der er die Forderungen der modernen Hygiene und Freiheitsfreude gegen die veraltete Strenge der Wissenschaft ausspielte. Nachdem er geendet hatte, traf ihn Bagradians ziemlich erstaunte Frage:

»Warum reden Sie eigentlich französisch mit mir?«

Hapeth Schatakhian verteidigte sich gekränkt:

»Es geschah nur Ihretwegen, Effendi.«

Hrand Oskanian aber stieß ihn wütend in den Rücken, als wollte er damit sagen: Siehst du, deine Eitelkeit hat alles verpatzt. Es blieb den Lehrern somit nur übrig, sich mit ihrer Niederlage vertraut zu machen. Der Schweiger aber lud seinen Haß in ein langes Schmähgedicht gegen Ter Haigasun ab. Bei einer der nächtlichen Zusammenkünfte unter Krikors Führung ließ er das gereimte Pamphlet durch Asajan, den zwirnsdünnen Sänger, zum Vortrag bringen. Lehrer Asajans Stimme bebte vor zorniger Ergriffenheit. Da er im Nebenberuf Chormeister der Kirche war, hatte er unter Ter Haigasuns unzugänglichem Regiment noch mehr zu leiden als andere. Das kämpferische Poem schloß mit folgenden drohenden Versen:

»Verhängt deine Kutte die Sonne auch
Als finstere Wolke, die Sonne bricht durch.«

Da die Sonne hier wohl allegorisch für Geisteslicht stand, so war nicht recht einzusehen, warum Ter Haigasuns Kutte dieses durch Vermehrung des Schulunterrichts verhängte. Krikor schüttelte über dergleichen ehrgeizige Versuche seines Jüngers den Kopf. Die Runde saß im Mondlicht auf einer Halde oberhalb der Weinberge von Kheder Beg. Der Apotheker ließ sich das Gedicht reichen. Von dem geschmähten Helden der Satire sah er ganz ab. Er sah immer vom Gegenstand ab. Mit dunklem Gleichmut verkündete er:

»Das ist ein Durcheinander, Hrand Oskanian. Dichter, die hat es immer nur früher gegeben ...«

Nicht allein Dichter hatte es immer nur früher gegeben, auch Taten, Kriege, Staatsmänner, Helden. Die ganze Welt war erst als Geschichte überhaupt bemerkbar. Damit er den Jünger aber nicht ganz entmutige, winkte ihm Krikor:

»Gib es nicht auf! Aber du mußt noch lernen, Lehrer!«

Am festgesetzten Tage erschien Gabriel Bagradian mit Stephan und seiner kleinen Hausgenossin Sato, deren wunde Füße bereits verheilt waren, im Schulhaus von Yoghonoluk. Vorher hatte es eine kurze Meinungsverschiedenheit mit Juliette gegeben. Sie fürchtete für ihr Kind, so sagte sie, das Zusammenhocken mit dieser ungewaschenen Jugend und noch dazu in einem orientalischen Stall. Man habe Stephan doch nicht einmal in Paris in die Volksschule geschickt, wo doch wahrhaftig die Gefahr von ansteckenden Krankheiten und Kopfläusen weniger zu fürchten war. Gabriel ging von seinem Standpunkt nicht ab. Wenn man die Dinge recht bedenke, so seien derartige Gefahren, die nur allzubald von wirklicheren Gefahren übertroffen werden könnten, nicht ernst zu nehmen. Er, als Vater, halte es für weit wichtiger, daß Stephan nun endlich das Seine lebendig kennenlerne, von Grund auf. Juliette hätte in anderen Zeiten und in einer anderen Lebenslage hundert Antworten bereit gehabt. Jetzt aber gab sie den Kampf sofort auf und schwieg. Es war ein schweigendes Nachgeben, das sie selbst am allerwenigsten verstehen konnte. Seit jenem Nachtgespräch, in dem sich Gabriel so verzweifelt gezeigt hatte, war etwas ganz Rätselhaftes geschehen. Die Traulichkeit des Lebens – diese in einer vierzehnjährigen Ehe gesammelte gute Ernte – verflüchtigte sich immer mehr. Wenn Juliette jetzt nachts erwachte, war es ihr manchmal, als hätten sie und der Schläfer neben ihr keine gemeinsame Geschichte. Ihre gemeinsame Geschichte lag dort drüben in Paris und den lichtberauschten Städten Europas, ganz abgetrennt und nicht mehr zu ihnen gehörig. Was war nur vorgegangen? Hatte sich Gabriel verändert oder sie selbst? Noch immer betrachtete sie die kommenden Möglichkeiten ohne Ernst. Es schien ihr fast lächerlich, anzunehmen, daß die Sintflut vor ihr, der Französin, nicht ehrerbietig haltmachen werde. Es galt nichts anderes, als noch ein paar Wochen zu überstehen. Und dann zurück! Alles, was innerhalb dieser Wochen geschah oder nicht geschah, war gleichgültiges Spiel. So schwieg sie denn zu Gabriels Beschluß über Stephans Schulbesuch. Als sie sich aber in der innersten Seele jener lauen Regung – »Ah, was geht es mich an?« – jäh bewußt wurde, da erschrak sie und empfand ein unbekanntes Wehgefühl nicht nur um sich selbst, sondern mehr noch um Stephan.

Es läßt sich denken, daß der Junge von dieser Neuordnung begeistert war. Er gestand seinem Vater, daß er während der Übungen, die der gute Herr Awakian mit ihm vornahm, kaum mehr aufmerken und sich sammeln konnte. Weit lieber gehe er, der Pariser Gymnasiast, der Lateiner und Grieche, in eine armenische Dorfschule. Diese Bereitwilligkeit aber hatte nicht nur ihren Grund in der Langweile jener Übungsstunden mit Awakian; auch Stephans Seele war verwirrt und gespannt, insbesondere, seitdem Iskuhi und Sato im Hause lebten. Satos wegen hatte es schon einmal einen großen Verdruß gegeben. Stephan nämlich und die Kleine waren eines frühen Morgens plötzlich verschwunden und erst lang nach dem Mittagessen zurückgekommen. Da für Sato üble Folgen drohten, nahm Stephan die Schuld ritterlich auf sich und behauptete, sie hätten sich beim Spazierengehen auf dem Damlajik verirrt. Juliette machte nicht allein Awakian, sondern auch Gabriel eine Szene und verbot dem Knaben, in Hinkunft mit Sato auch nur zu sprechen. Die Vagabundin wurde aus dem Umkreis der Herrschaft völlig verbannt und durfte sich, wenn sie im Hause war, nur in ihrer Kammer aufhalten. Stephan schlich sich dafür um so häufiger zu Iskuhi, die ebenfalls das Krankenbett schon längst verlassen hatte, ohne aber geheilt zu sein. Wenn sie auf einem Streckstuhl im Garten lag, hockte er sich zu ihren Füßen auf die Erde. Er hatte viele Fragen auf dem Herzen. Iskuhi mußte von Zeitun erzählen. Kam aber Mama dazu, so brachen sie ihre Gespräche gleich Verschwörern ab. Wie sie ihn alle zu sich ziehen, dachte Juliette.

Die Schule von Yoghonoluk war ein stattliches Haus. Als die größte des Musa-Dagh-Bezirkes umfaßte sie vier Klassen. Schatakhian war von Ter Haigasun mit ihrer Leitung betraut worden. Dieser Lehrer hatte auf eigene Faust der üblichen Volksschule noch eine Fortbildungsklasse angegliedert, in der er Französisch und Geschichte, Oskanian hingegen Literatur und Kalligraphie unterrichtete. Aber nicht genug damit, es bestand auch noch ein Abendkurs für Erwachsene. Hier ließ sogar ein weltumspannender Gelehrter wie Apotheker Krikor sein Licht leuchten. Er hielt Vorträge über Sterne, Blumen, Getier und Gestein, über alte Völker, Dichter und Weise. Nach seiner Art aber trennte er die Gegenstände nicht voneinander, sondern mischte sie phantastisch, ein erfindungsreicher Märchenerzähler der Wissenschaft. Seine Reden würzte er mit geheimnisvollen Worten und Zahlen, so daß ihn seine Zuhörer mit den angestrengten Augen des Nichtsverstehens anblinzelten. Es wirft aber immerhin ein helles Licht auf den Bildungsdrang dieses Volkes, daß sich bei dem Abendkurs sehr alte Menschen, Handwerker zumeist, die ein Stück der Welt gesehen hatten, auf den engen Schulbänken zusammenfanden, um noch am Feierabend des Lebens Neues zu hören und zu lernen. Hapeth Schatakhian nahm Stephan in die Fortbildungsklasse auf, die von dreißig Schülern im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren bevölkert war. Der Lehrer zog Gabriel Bagradian zur Seite:

»Ich verstehe Sie nicht ganz, Effendi. Was kann Ihr Sohn bei uns denn lernen? Wahrscheinlich weiß er von vielen Dingen mehr als ich, der ich zwar in der Schweiz eine Zeitlang studiert habe, jedoch seit Jahren wieder in dieser Einöde verkomme. Sehn Sie doch nur all diese Kinder an! Wie die Buschneger! Ich weiß nicht, ob das ein guter Einfluß sein wird ...«

»Gerade diesem Einfluß, Hapeth Schatakhian, möchte ich den Jungen nicht entziehen«, erklärte Gabriel, und der Lehrer verwunderte sich über den Eigensinn des Vaters, der aus einem artigen Europäer unbedingt einen kleinen Orientalen machen wollte. Das Schulzimmer war voll von Kindern und Eltern, die diese Kinder einschreiben ließen. Eine alte Frau trat, einen kleinen Buben vor sich herschiebend, auf Schatakhian zu:

»Hier hast du ihn, Lehrer! Schlag ihn nicht zu viel!«

»Da haben Sie es nun selbst gehört«, wandte sich Schatakhian an Gabriel und seufzte über den Wust von Altertum, Aberglauben und Geistesdunkel, mit denen er den Kampf aufzunehmen hatte.

Man verabredete, daß Stephan viermal wöchentlich die Schule zu besuchen habe, um sich hauptsächlich im Gebrauch der armenischen Sprache und Schrift zu üben. Sato wurde in die unterste Klasse gesteckt, wo es die meisten Mädchen gab, wenn sie auch viel jünger waren als die bedenkliche Waise von Zeitun. Schon nach dem zweiten Schulgang kam Stephan ganz erbittert nach Hause. Er lasse sich wegen seines dummen englischen Anzugs nicht länger auslachen. Er wolle genauso gekleidet sein wie die andern Burschen. Und er forderte äußerst hitzig, daß bei einem der dörflichen Schneidermeister für ihn der übliche Entari-Kittel mit dem Aghil-Gürtel sowie eine Schalwar-Pumphose in Arbeit gegeben würden. Wegen dieses Begehrens hob ein großer Streit mit Mama an, der tagelang unentschieden blieb.

 

Zum Ersatz für die Übungsstunden mit Stephan bekam Samuel Awakian eine neue und ganz anders geartete Arbeit. Gabriel übergab ihm all die vielen losen Aufzeichnungen, die er in den letzten Wochen gesammelt hatte. Der Student sollte sie in verschiedenen Ausfertigungen zu einer großen statistischen Übersicht zusammenfassen. Was mit dieser Arbeit beabsichtigt war, erfuhr Awakian nicht. Vorerst galt es, die gesamte Bevölkerungszahl der Dörfer von Wakef-Spitzendorf im Süden bis Kebussije-Bienendorf im Norden nach bestimmten Gesichtspunkten festzustellen. Die Angaben, die Bagradian beim Gemeindeschreiber von Yoghonoluk und den sechs übrigen Ältesten eingezogen hatte, mußten geordnet und nachgeprüft werden. Awakian konnte Gabriel schon am nächsten Tag folgende genaue Liste übergeben:

Einwohnerzahl der sieben Dörfer, nach Geschlecht und Alter zusammengerechnet:

583 Säuglinge und Kinder unter 4 Jahren
579 Mädchen zwischen 4 und 12 Jahren
823 Knaben zwischen 4 und 14 Jahren
2074 Frauen über 12 Jahren
1550 Männer über 14 Jahren
_______    
5609 Seelen  

In dieser Volkszählung war auch die Familie Bagradian mit ihren Hausleuten inbegriffen. Doch außer solchen summarischen wurden auch noch verfeinerte Listen angelegt, nach der Familienzahl der einzelnen Dörfer, nach Beruf und Beschäftigung, kurz nach allen bedeutsamen Gesichtspunkten. Doch nicht um das Menschliche allein handelte es sich. Gabriel hatte auch den Viehstand des Bezirkes zu erfassen versucht. Das war kein leichtes Stück Arbeit gewesen, das nur zum geringsten Teil gelungen war, denn darüber wußten nicht einmal die Muchtars genauen Bescheid. Eines stand fest. Großvieh, Rinder und Pferde, gab es überhaupt nicht. Jede bessere Familie hingegen besaß ein paar Ziegen und einen Esel oder ein Maultier zum Lastentragen und Reiten. Die größeren Schafherden der einzelnen Viehzüchter oder Gemeinden wurden nach Bergvolksitte auf die stillen Triften und Hutweiden getrieben, wo sie unter Aufsicht von Schäfern und Halterbuben von einer Schur zur andern verblieben. Die Stückzahl dieser Herden auch nur annähernd zu bestimmen, erwies sich als unmöglich. Der fleißige Awakian, dem jede Art von Arbeit willkommen war, lief betriebsam in den Dörfern umher und hatte in Bagradians Arbeitszimmer schon ein ganzes Katastralamt angelegt. Heimlich aber zuckte er die Achseln über dergleichen ausgeklügelte Geduldspiele, mit denen ein begüterter Mann eine höchst unsichere Wartezeit geschäftig auszufüllen suchte. Nichts erschien diesem verspielten Pedanten, der wahrscheinlich eine Schrift über das Volksleben am Musa Dagh im Kopfe trug, zu nebensächlich, um es nicht aufzuzeichnen. Er wollte wissen, wieviel Tonirs, das sind in die Erde gemauerte Backtröge, sich in den Dörfern befänden. Er forschte nach der Getreideernte und schien darüber bekümmert zu sein, daß die Bergbewohner den Mais und das rötliche syrische Korn von den Mohammedanern des Flachlandes bezogen. Daß weder in Yoghonoluk und Bitias noch anderswo eine armenische Mühle im Gang war, machte ihm offensichtlich nicht weniger Sorgen. Sogar an Apotheker Krikor wagte er sich heran und forschte nach dem Stand seiner Arzneimittel. Krikor, der einen Besuch seiner Bibliothek und nicht seiner Apotheke erwartet hatte, zeichnete mit einer enttäuschten Handbewegung den Kreis des Gewölbes nach. Auf zwei kleinen Brettreihen standen allerlei Töpfe und Tiegel, die mit fremdartigen Schriftzeichen bemalt waren. Das war alles, was an eine Apotheke erinnerte. Drei große Petroleumkannen im Winkel, ein Sack mit Salz, ein paar Ballen mit Tschibuktabak und ein Posten Besenbinderware deuteten auf den lebendigeren Teil des Geschäftsbetriebes hin. Krikor klopfte mit seinem knochigen Zeigefinger hoheitsvoll an eine der mystischen Vasen.

»Alle Heilmittel gehn, wie schon Johannes Chrysostomus sagt, auf sieben Urstoffe zurück, auf Kalk, Schwefel, Salpeter, Jod, Mohn, Weidenharz und Lorbeersaft. In hundert Formen ist es immer dasselbe.« Er ließ den Tiegel zart zum Zeichen dessen erklingen, daß er diese offiziellen Urstoffe des Johannes Chrysostomus vorrätig habe. Nach einer solchen Belehrung in der zeitgenössischen Pharmazeutik forschte Gabriel nicht weiter. Zum Glück besaß er eine eigene umfängliche Hausapotheke. Wichtiger als dies alles war aber zweifellos die Geschichte mit den Waffen. Freund Tschausch Nurhan hatte darüber schon dunkle Andeutungen gemacht. Sobald aber Gabriel den verschiedenen Gemeindeältesten diese Frage auf den Kopf zu stellte, kniffen sie sofort aus. Eines Tages aber überfiel er den Muchtar Kebussjan von Yoghonoluk in seiner Wohnstube und hielt ihn fest:

»Sei offen mit mir, Thomas Kebussjan! Wieviel und was für Gewehre besitzt ihr?«

Der Muchtar begann fürchterlich zu schielen und mit seinem Glatzkopf zu wackeln:

»Jesus Christus! Willst du uns ins Unglück stürzen, Effendi?«

»Warum bin gerade ich eures Vertrauens nicht würdig?«

»Meine Frau weiß es nicht, meine Söhne wissen es nicht, nicht einmal die Lehrer wissen es. Kein Mensch!«

»Hat es mein Bruder Awetis gewußt?«

»Deinem Bruder Awetis, er ruhe in Frieden, war es wohl bekannt. Doch der hat ja zu keiner Seele gesprochen.«

»Sehe ich so aus, als ob ich nicht schweigen könnte?«

»Wenn es herauskommt, werden wir alle umgebracht.«

Da Kebussjan aber trotz allem Schielen und Kopfwackeln seinem Gast nicht entrinnen konnte, sperrte er schließlich die Stubentüre doppelt ab. Angstvoll zischend gestand er die Wahrheit ein. Im Jahre 1908, als Ittihad zur Revolution gegen Abdul Hamid überging, hatten die jungtürkischen Sendlinge alle Bezirke und Gemeinden des Reiches mit Waffen beteilt, darunter vorzüglich die armenischen, die ja zu einer Hauptstütze des damaligen Aufstandes ausersehen waren. Enver Pascha wußte selbstverständlich davon und hatte nach Ausbruch des Weltkrieges nichts Eiligeres zu tun gehabt, als die schleunige Entwaffnung der armenischen Zivilbevölkerung anzuordnen. Bei Handhabung dieses Erlasses spielte natürlich Charakter und Gesinnung der jeweiligen Regierungsbeamten eine große Rolle. Herrschten in den Vilajets die gewissen Heißsporne der Provinz Ittihads, wie in Erzerum oder Siwas, so konnte es geschehen, daß waffenlose Leute den Gendarmen Gewehre abkauften, nur damit sie diese dann laut Regierungsbefehl wieder abliefern konnten. An solchen Orten galt nämlich der Nichtbesitz von Waffen gleich viel wie deren heimtückische Verleugnung. Im Vilajet Djelal Beys ging es, wie man vermuten kann, weit gemächlicher zu. Der treffliche Statthalter, dessen Menschlichkeit sich gegen die Maßnahmen des prächtigen Kriegsgottes in Stambul aufbäumte, führte derartige Befehle, wenn er sie nicht gänzlich im Papierkorb verschwinden lassen konnte, mit großer Gelassenheit durch. Diese Milde spiegelte sich dann im Verhalten der meisten Unterregenten, mit Ausnahme des scharfen Mutessarifs von Marasch. Auch in Yoghonoluk war an einem Januartag der rothaarige Müdir mit dem Polizeihauptmann von Antiochia in Sachen der Ablieferung erschienen und nach Entgegennahme lächelnder Beteuerungen, daß man niemals Gewehre in Empfang genommen, ruhig wieder abgezogen. Zum Glück hatte der Muchtar seinerzeit tatsächlich keine Empfangsbestätigung an den Boten des Komitees ausgestellt.

»Sehr gut«, lobte Gabriel den Schulzen, »und sind die Flinten etwas wert?«

»Fünfzig Mausergewehre und zweihundertfünfzig griechische Karagewehre. Für jedes dreißig Magazine, also je hundertfünfzig Schuß.«

Gabriel Bagradian sann vor sich hin. Das sei wirklich kaum der Rede wert. Ob denn die Dorfmänner sonst keine Feuerwaffen besäßen. Kebussjan zögerte wieder:

»Das ist ihre Sache. Auf die Jagd gehen viele. Aber was haben denn ein paar hundert alte Büchsen mit Feuersteinschlössern für einen Wert?«

Gabriel stand auf und reichte dem Muchtar die Hand:

»Ich danke dir, Thomas Kebussjan, für dein Vertrauen! Jetzt aber, da du mir alles gesagt hast, möchte ich noch wissen, wohin ihr das Zeug getan habt.«

»Mußt du das wirklich wissen, Effendi?«

»Nein! Ich bin aber neugierig und sehe nicht ein, warum du mir das Letzte verschweigen willst.«

Der Muchtar wand sich in inneren Kämpfen. Von diesem Letzten wußte außer seinen Amtsbrüdern, Ter Haigasun und dem Küster wirklich keine einzige Seele. In dem Wesen Gabriels aber war irgend etwas, dem Kebussjan nicht widerstehen konnte. So gab er denn nach verzweifelten Beschwörungen sein Geheimnis preis. Die Kisten mit den Gewehren und die Munitionsverschläge waren auf dem Friedhof von Yoghonoluk in regelrechten Gräbern beigesetzt, die erfundene Namensinschriften trugen.

»So, jetzt habe ich mein Leben in deine Hand gelegt, Effendi«, stöhnte der Muchtar, während er die Tür aufschloß, um den Gast zu entlassen. Dieser aber meinte, ohne sich noch einmal umzudrehen: »Vielleicht hast du das wirklich getan, Thomas Kebussjan!«

 

Gedanken, vor denen er selbst erschrak, beschäftigten unausgesetzt Bagradians Geist, ja sie schüttelten ihn so mächtig, daß er ihnen zu keiner Stunde des Tages und der Nacht entrinnen konnte. Dabei waren sie, trotz aller pedantischen Forschertätigkeit, in ein ähnlich traumhaftes Zwischenreich getaucht wie das ganze Leben am Fuße der grünen Alpe. Gabriel sah nur einen Beginn vor sich, er sah nur den Kreuzweg, wo sich die Wege teilten. Fünf Schritte weiter war alles Nebel und Finsternis. Aber es gehört wohl zu jedem Leben vor der Entscheidung, daß nichts unwirklicher ist als das Ziel. Und doch, war es begreiflich, daß sich Gabriel mit seiner ganzen aufgestöberten Energie nur in diesem engen Tal bewegte, daß er jeden Ausweg vermied, der vielleicht noch offenstand? Wo blieb die Stimme: Warum zögerst du, Bagradian? Warum läßt du Tag um Tag verstreichen? Du hast einen guten Namen, du hast ein Vermögen. Wirf beides in die Waagschale! Wenn sich dir auch Gefahren und die größten Schwierigkeiten entgegenstellen, versuch es dennoch, dich mit Juliette und Stephan bis Aleppo durchzuschlagen. Aleppo ist schließlich eine Großstadt. Dort hast du Beziehungen. Du kannst wenigstens Frau und Sohn unter den Schutz der Konsuln stellen. Man hat zwar überall die Notabeln festgenommen, verschickt, gefoltert, gehenkt. Ein furchtbares Wagnis ist die Reise jedenfalls. Ist es aber ein geringeres Wagnis, zu bleiben? Warte nicht länger, unternimm einen Rettungsversuch, ehe es zu spät ist! – Diese Stimme schwieg nicht immer. Doch sie klang verdeckt. Friedlich lag der Musa Dagh. Nichts veränderte sich. Diese Welt hier schien dem Agha Rifaat Bereket recht zu geben. Kein Hauch der Begebnisse drang in das Tal. Die Heimat, die er auch jetzt noch manchmal für eine verschollene Kindersage hielt, saugte Bagradian fest. Juliette verlor für ihn an Deutlichkeit. Selbst wenn er gewollt hätte, wäre er vom Musa Dagh vielleicht nicht mehr freigekommen.

Sein feierliches Versprechen, über die Waffensache zu schweigen, hielt Gabriel treulich. Auch Awakian erfuhr kein Wort davon. Hingegen bekam dieser plötzlich neue Aufträge. Er wurde zum Kartenzeichner ernannt. Jener Plan des Damlajik nämlich, den Stephan schon im März auf Wunsch des Vaters mit ungeschickten Strichen begonnen hatte, gewann nun Bedeutung. Awakian sollte von dem Berg eine ganz genaue Karte größten Maßstabs in drei Exemplaren ausführen. Das Tal mit Mensch und Vieh ist erschöpft, dachte der Student, jetzt kommen die Gebirgszüge an die Reihe. – Der Damlajik ist bekanntlich der wahre Kern des Musa Dagh. Während sich der Bergstock im Norden in mehrere Arme zerstreut, die sich gegen das Tal von Beilan in träumerischen Naturburgen und -terrassen verlieren, während er im Süden unordentlich und gleichsam nicht fertig geworden in die Mündungsebene des Orontes abstürzt, sammelt er in der Mitte als Damlajik all seine Kraft und Aufmerksamkeit. Hier zieht er mit starken Felsenfäusten das Tal der sieben Dörfer an seine Brust wie eine faltige Decke. Hier bäumen sich auch ziemlich senkrecht über Yoghonoluk und Hadji Habibli seine beiden höchsten Kuppen auf, die einzigen Punkte, die keine Bäume tragen, sondern mit kurzem Mattengras bedeckt sind. Der Rücken des Damlajik bildet eine ziemlich geräumige Hochfläche; an der breitesten Stelle, zwischen dem Ausstieg der Steineichenschlucht und den Steilwänden der Küste, beträgt die Luftlinie (nach Awakians Berechnung) mehr als drei Kilometer. Was aber Gabriels Sinn am meisten beschäftigte, waren die sonderbar scharfen Grenzen, welche die Natur dieser Bergfläche gesetzt hatte. Da war zuerst der Einschnitt im Norden, ein zusammengeschnürter Engpaß und Schmalsattel, auf den sogar vom Tal empor ein alter Saumpfad führte, der aber im Gestrüpp versickerte, da es hier keine Möglichkeit gab, über die Felswand zum Meere zu gelangen. Im Süden hingegen, wo der Berg abbrach, erhob sich über einem wüsten, beinahe pflanzenlosen Halbkreis von Steinhalden ein wuchtiger Felsturm von fünfzig Fuß Höhe. Der Blick von dieser naturgeschaffenen Bastion beherrschte einen Teil des Meeres und die ganze Orontes-Ebene mit ihren türkischen Dörfern bis über die Höhen des kahlen Dschebel Akra hinaus. Man sah die gewaltigen Tempel- und Aquäduktruinen von Seleucia sich im grünen Schlingwuchs krümmen, man sah jede Wagenspur auf der wichtigen Landstraße von Antiochia nach El Eskel und Suedja. Die weißen Würfel dieser Städtchen leuchteten, und die große Spiritusfabrik am rechten Orontesufer in der nächsten Meeresnähe stand grell in der Sonne. Jedem militärischen Verstand mußte die ideale Verteidigungslage des Damlajik sofort auffallen. Wenn man von der unbequemen Talseite der Alpe absah, die selbst müßige Spaziergänger durch den mühsamen und schlechtgebahnten Aufstieg auspumpte, so gab es nur einen einzigen wirklichen Angriffspunkt, den schmalen Sattel im Norden. Doch hier gerade bot die Örtlichkeit hundert Vorteile für den Verteidiger, nicht zuletzt durch den Umstand, daß die unbewaldeten Lehnen der Kerbung, mit Knieholz, Legföhren, Buschwerk, Wildwuchs aller Art übersät, unüberwindliche Bodenhindernisse bedeuteten.

Awakians kartographische Tätigkeit stellte Gabriel lange nicht zufrieden. Immer wieder entdeckte er neue Mängel und Fehler. Der Student fürchtete, daß die Schimäre seines Brotherrn langsam in Verrücktheit umschlage. Er ahnte noch immer nichts. Sie verbrachten nun ganze Tage auf dem Damlajik. Bagradian, der Artillerieoffizier des Balkankrieges, besaß noch Feldstecher, Meßstab, Bussole und ähnliches Werkzeug der Raumbestimmung, das nun zu Ehren kam. Mit hartnäckigem Eifer sah er darauf, daß in die Skizzen der Lauf jeglicher Quelle, jeder hohe Baum, jeder starke Felsblock eingezeichnet werde. Doch es blieb nicht nur bei roten, grünen und blauen Strichen, merkwürdige Worte und Zahlen traten hinzu. Zwischen den Gipfelkuppen und dem Nordsattel lag eine sehr große, flache Einsenkung. Da sie mit herrlichem Gras bewachsen war, begegnete man hier immer den schwarzen und weißen Schafherden und den Hirten, die wie Gestalten des Altertums in ihren Schäferpelzen winters und sommers die Tage verschliefen. Gabriel und Awakian gingen, die Schritte zählend, genau die Grenzen der Weide ab. Bagradian deutete auf zwei Quellen, die sich oben am Rande der Wiese durch starkes Farnkraut arbeiteten: »Das ist ein großes Glück«, sagte er, »schreiben Sie über das Ganze mit rotem Stift: Stadtmulde.« Solcher geheimnisvoller Bemerkungen war kein Ende. Mit besonderer Eindringlichkeit schien Gabriel eine Stelle zu suchen, die er wohl nach ihrer milden, kühlen Schönheit wählte. Auch sie war an einem Quellenlauf gelegen, jedoch weiter gegen das Meer zu, wo zwischen Hochfläche und Steilwänden sich ein dunkelgrüner Gürtel von Myrten- und Rhododendrongebüsch hinzog. »Nehmen Sie das auf, Awakian, und schreiben Sie mit rotem Stift dazu: Dreizeltplatz.«

Awakian konnte sich die Frage nicht versagen:

»Was bedeutet Dreizeltplatz?«

Gabriel aber war schon weitergegangen und hörte nicht. Ich muß einem Träumer beim Träumen helfen, urteilte der Student. Doch gerade was mit dem Dreizeltplatz gemeint war, sollte er schon zwei Tage später erfahren.

Als Doktor Altouni den Verband von Iskuhis Arm und Schulter abnahm, wurde er sehr mürrisch:

»Ich habe es mir gedacht. Wären wir in einer großen Stadt, könnte alles noch gut werden. Du hättest in Aleppo bleiben sollen, mein Augenlicht, und dort ins Hospital gehen. Aber vielleicht hast du recht gehabt, hierherzukommen. Wer kann das in solchen Zeiten voraussagen? Nun, sei mir nicht verzweifelt, Seele! Wir werden ja noch sehen!«

Iskuhi beruhigte den Alten:

»Ich bin gar nicht verzweifelt, Arzt. Es ist ja glücklicherweise der linke Arm.« Iskuhi glaubte den schwachen Tröstungen Altounis nicht. Sie sah flüchtig an sich herab. Schlaff, abgezehrt, verkürzt hing ihr Arm aus der Schulter. Bewegen konnte er sich nicht. Doch sie fühlte sich schon zufrieden, weil sie keine Schmerzen mehr litt. Nun würde sie wohl für immer ein Krüppel bleiben. Aber war das nicht ein gelindes Opfer, wenn Iskuhi an das Schicksal des Transportes dachte, mit dem sie nur zwei flüchtige Tage lang hatte wandern müssen? (Auch sie war in ihrem Innern wie das ganze Volk hier sonderbar zukunftslos.) Ihren Nächten aber entstiegen die grauenhaftesten Bilder und Geräusche. Das Schlurfen, Scharren, Tappen, Traben von tausend Füßen. Müd winselnde Kinder, die hinfallen, und sie muß trotz ihrem Gebrechen zwei und drei zugleich hochreißen. Irrsinnige Aufschreie an der Spitze des Zuges und schon toben knüppelschwingende Saptiehs mit blutunterlaufenen Augen heran. Das Gesicht des Vergewaltigers überall! Es bestand nicht nur aus einem, sondern aus dreißig Gesichtern, und es erschienen manche darunter, die sie kannte und die nicht einmal widerlich waren. Meist aber starrte es schmutzig, borstig, blutbesudelt auf sie herab. Auf den wulstigen Lippen platzten Speichelblasen. So genau konnte sie die überlebensgroße kaleidoskopische Fläche sehen, die sich über sie beugte und sie in eine knoblauchscharfe Betäubungswolke einhüllte. Sie wehrte sich und schlug ihre Zähne in die haarigen Affenhände, die ihre Brüste umspannten. Aber was half das? Ich habe nur einen Arm, überlegte sie, als wäre das ein mildernder Umstand dafür, daß sie sich dem Grauen anheimgab und das Bewußtsein verlor.

Die Tage, die solchen Nächten folgten, glichen den Tagen von Malariakranken, bei denen die Körpertemperatur von hohen Fiebergraden ohne Übergang tief unter das Maß stürzt. Ein Schleier legte sich dann auf ihre Sinne, und vielleicht war er die Ursache, daß sie ihr Unglück so leicht ertrug. Der gelähmte Arm hing wie ein Hindernis an ihrer linken Seite. Ihr Körper aber, jung und voll Lebenskraft, stellte sich von Tag zu Tag geschickter auf das Gebrechen ein. Sie gewöhnte sich daran, ohne dessen recht inne zu werden, jede Tätigkeit mit der rechten Hand auszuführen. Es beruhigte sie tief, daß sie keiner Hilfe bedürftig war. Iskuhi lebte nun schon ziemlich lange im Haus Bagradian. Vor einiger Zeit war Pastor Aram Tomasian erschienen, hatte für die gütige Aufnahme seiner Schwester gedankt und erklärt, er wolle sie nun abholen, da er in der Nähe der väterlichen Wohnung ein leerstehendes Haus habe instand setzen lassen. Gabriel Bagradian zeigte sich bitter gekränkt:

»Warum, Pastor Aram, wollen Sie uns Fräulein Iskuhi entführen? Wir lieben sie alle, und meine Frau am meisten.«

»Fremde Leute im Hause sind auf die Dauer lästig.«

»Das ist ein sehr stolzer Standpunkt. Sie wissen es selbst, daß Fräulein Iskuhi ein Wesen ist, das man leider viel zuwenig im Hause spürt, so leise und zurückgezogen. Und dann: Haben wir nicht alle hier das gleiche Schicksal?«

Aram sah Gabriel mit einem langsamen Blick an:

»Ich hoffe, daß Sie unser Schicksal nicht rosiger sehen, als es in Wirklichkeit ist.«

In diesen kritischen Worten verbarg sich ein leichter Argwohn gegen den Landfremden und Wohlgeborgenen, der keine Ahnung von dem Entsetzen dort draußen zu haben schien. Aber gerade die mißtrauische Zurückhaltung des Pastors erfüllte Bagradian mit freundschaftlichen Regungen. Seine Stimme klang sehr warm:

»Es tut mir leid, daß Sie nicht bei uns wohnen, Pastor Aram Tomasian! Doch ich bitte Sie, sooft Sie nur Lust haben, hierherzukommen. An unserem Tisch werden von heut an immer zwei Plätze für Sie gedeckt sein. Nehmen Sie mir meine Bitte nicht übel und machen Sie uns die Freude, wenn es für Ihre Frau nicht zu beschwerlich ist.«

Noch unwilliger darüber, daß Iskuhi eine neue Wohnung hätte beziehen sollen, zeigte sich Juliette. Zwischen den beiden Frauen hatte sich eine eigenartige Beziehung angesponnen, und es kann nicht geleugnet werden, daß Juliette um die junge Armenierin warb. Die feinste Wahrheit über solche Dinge läßt sich freilich nur ungenau andeuten und der Sinn des Wortes »Werben« entspricht dieser Wahrheit bloß oberflächlich. Für ihre neunzehn Jahre war Iskuhi eigentümlich unerweckt, besonders wenn man an den Orient und die Frühreife seiner Frauen denkt. In Madame Bagradian sah das junge Mädchen die große Dame, unendlich überlegen an Schönheit, Herkunft, Wissen, Wesen. Wenn die beiden in Juliettens Zimmer im oberen Stockwerk beisammen saßen, schien Iskuhi auch in vertrauter Gemeinschaft ihre Schüchternheit nicht überwinden zu können. Vielleicht auch litt sie in solchen Stunden an dem Müßiggang, zu dem sie verurteilt war. Juliette wiederum, die Iskuhi suchte, fühlte sich in ihrer Nähe nicht ganz sicher. Obgleich dies unerklärlich erscheint, verhielt es sich so. Es gibt Menschen, die keineswegs durch Rang und Wesen hervorstechen müssen, und doch befällt uns in ihrer Gegenwart ein Gefühl des Kleinmutes. In ihrem Umkreis kommen wir uns selbst, und zwar ohne jeden zureichenden Grund, unecht oder geschraubt vor. Vielleicht war jene redselige Lebhaftigkeit, die Juliette in Fräulein Tomasians Gesellschaft befiel, auf etwas Ähnliches zurückzuführen. Sie konnte Iskuhi lange anstarren und dann in folgende Worte ausbrechen:

»Weißt du, daß ich im Grunde die Orientalinnen mit ihrer Faulheit und ihren schlaffen Bewegungen alle verabscheue. Nicht einmal bei uns kann ich Brünette leiden. Aber du bist ja gar keine Orientalin, Iskuhi. Wenn du so gegen das Licht sitzt, hast du ganz blaue Augen …«

»Das sagen Sie, Madame«, erschrak Iskuhi, »mit Ihren Augen und Ihrem blonden Haar?«

»Wie oft soll ich dich noch bitten, meine Liebe, mich nicht Madame zu nennen, sondern Juliette und du? Mußt du mir immer unter die Nase reiben, daß ich die viel Ältere bin?«

»O nein, das will ich wirklich nicht … Verzeihen Sie … Verzeih …« Juliette mußte über die Arglosigkeit lachen, die einem koketten Scherz mit ernsten, beinahe entsetzten Augen begegnete.

Iskuhi hatte fast ihre ganze Habe in Zeitun lassen müssen. Das kleine Gepäck, das die Tomasians auf den Verschickungsweg mitnehmen durften, war irgendwo in den unwirtlichen Feldern jenseits der großen Stadt liegengeblieben. Sie besaß also nichts anderes als die verbrauchten Kleider, die zerrissenen Schuhe und Strümpfe, mit denen sie nach Yoghonoluk entkommen war. Juliette zog sie von Kopf bis Fuß neu an. Das machte ihr selbst große Freude. So kam doch endlich der Kabinenkoffer voll Kleider, der die Reise von Paris über Stambul, Beirût in diese Einsiedelei (man konnte ja niemals wissen) treulich mitgemacht hatte, zu seiner Geltung. Zwar mit Frauengewändern geht es wie mit dem Sommerlaub; sie verwelken im Herbst der Mode, mögen Stoff und Seide noch so gut und köstlich sein. Juliette wußte nichts mehr von den Fortschritten der Mode in Paris. So erfand sie denn eine eigene, »nur nach dem Gefühl«, und begann für sich und Iskuhi ihren Kleiderschatz umzuschneidern und zu verändern. Diese leidenschaftlich geübte Nachmittagsarbeit löste die Vormittagsarbeit im Haus und Garten auf das sinnvollste ab. Juliette hatte wirklich kaum Gelegenheit, zu sich zu kommen. Die Modewerkstätte wurde in einem der leeren Zimmer aufgeschlagen. Zwei geschickte Mädchen aus Yoghonoluk wählte die Herrin als Gehilfinnen aus. In den Dörfern sprach sich die Sache herum. Jeden Augenblick erschienen Frauen und boten alte und neue Seiden- und Spitzengewebe zum Kaufe an. Juliette erwarb einen Vorrat, mit dem sie den gesamten Frauenflor eines Ballfestes hätte gewanden können. Die Stunden gingen hin. Fruchtbar an zauberhaften Eingebungen wie sie war, warf sie, ohne die »Vogue« zum Vorbild zu haben, ihre Entwürfe aufs Papier. Manches davon wurde in Taten umgesetzt. Der Zweck spielte keine Rolle. Die arme Iskuhi freilich konnte bei der Arbeit nur zuschauen. Dagegen bot sie für Juliettens Künste eine märchenzarte Modellträgerin. Besonders anmutig standen ihr matte Farben. Immer wieder mußte sie dieses und jenes probieren, das Haar lösen, das Haar aufstecken, sich drehen und wenden. Sie tat es gar nicht ungern. Ihre durch das Schicksal von Zeitun verschüttete Lebenslust begann sich zu regen und die Wangen leicht zu färben.

»Du bist wirklich eine Heuchlerin, ma petite«, gestand Juliette. »Man könnte meinen, du hättest nie etwas anderes getragen als eure Kittel und womöglich noch einen türkischen Schleier vor dem Gesicht. Dann aber ziehst du meine Kleider an und bewegst dich in ihnen, als würdest du dein Lebtag nur an Putz denken. Nicht ungestraft hast du in Lausanne die französische Kultur gerochen.«

Eines Abends verlangte Juliette von ihr, sie möge eine der »großen«, eine der ausgeschnittenen und ärmellosen Roben anlegen. Iskuhis Gesicht verdunkelte sich:

»Aber das ist doch unmöglich. Ich kann es ja nicht mit meinem Arm.«

Juliette warf einen bekümmerten Blick auf sie:

»Das ist wahr! … Aber wie lange wird die Geschichte noch dauern? Zwei, drei Monate. Dann sind wir wieder in Europa. Und dich, Iskuhi, nehme ich mit. Darauf gebe ich dir mein Wort. In Paris und in der Schweiz gibt es einige Anstalten, die solche Leiden heilen.«

Fast zur gleichen Stunde, in der Gabriel Bagradians Gattin solche kühne Hoffnungen hegte, kamen die ersten verschmachteten Züge der Ausgestoßenen in Deir es Zor am Rande der mesopotamischen Küste ans Ziel.

Nicht immer war Iskuhi so scheu und schweigsam. Wenn die Schreckensbilder sich für längere Zeit entfernten, wenn das Kaleidoskop-Gesicht sie freigab, konnte sie plötzlich wieder lachen und mit Lust und Laune allerlei Spaßhaftes aus Zeitun erzählen. Daß sie aber eine Liederseele war, entdeckte erst Stephan, der sich seit neuerem am Nachmittag aus der Werkstätte der Frauen nicht fortrührte. Juliette hatte sich wieder einmal in ein Thema verbissen, das ihrem Mann schon manche trübe Stunde bereitet hatte. Merkwürdigerweise wurde sie durch Iskuhi, in Gabriels Stellvertretung, besonders dazu gereizt, über das armenische Volk abfällige Bemerkungen zu machen und ihm das Lichtmeer der gallischen Zivilisation entgegenzuhalten wie einem halbdunkeln Winkel:

»Ihr seid ein altes Volk«, eiferte sie, »gut! Ein Kulturvolk! Meinetwegen! Aber wodurch beweist ihr eigentlich, daß ihr ein Kulturvolk seid? Nun ja, ich weiß schon. Die Namen, die ich immer wieder hören muß: Abovian, Raffi, Samanto! Aber wer kennt diese Leute? Außer euch niemand auf der Welt. Eure Sprache kann ein europäischer Mensch nie begreifen und sprechen. Ihr habt keinen Racine und Voltaire gehabt. Und ihr habt keinen Catulle Mendès und keinen Pierre Loti. – Hast du je etwas von Pierre Loti gelesen, meine Liebe?«

Iskuhi hob, von dieser bitteren Rede betroffen, aufmerksam den Kopf:

»Nein, Mad... nein, ich habe nichts gelesen.«

»Es sind Bücher aus fernen Ländern«, stellte Juliette mißbilligend fest, als wäre das Grund genug für Iskuhi, diesen Pierre Loti zu kennen. Es war nicht gerade nobel von Juliette, mit solchen erdrückenden Vergleichen zu arbeiten. Doch sie befand sich jetzt in der Lage, das Ihre gegen eine mächtigere Umgebung zu verteidigen, und so war's nicht unverständlich. Man merkte den Augen Iskuhis an, daß sie manches zu sagen hatte. Aber es kam nach einer Weile nur ein einfacher Satz heraus:

»Wir haben alte Gesänge, die sehr schön sind.«

»Singen Sie etwas, Mademoiselle«, bat Stephan, der sie aus einer Zimmerecke heraus betrachtete. Iskuhi hatte ihn kaum bemerkt. Jetzt aber wurde es ihr klar wie noch nie, daß der Sohn der Französin ein echter armenischer Knabe war, ohne den Hauch einer fremdstämmigen Wesenheit, unter der blassen Stirn die unverkennbaren Augen seines Volkes, die in ihrem ganzen Leben doch nur Gutes und Angenehmes gesehen hatten. Vielleicht war es diese Erkenntnis, aus der heraus sie ihren inneren Widerstand bezwang und sich zum Singen entschloß. Sie sang nicht, um die Zweiflerin Juliette vom Werte armenischer Lieder zu überzeugen. Sie sang nur für Stephan, als sei es ihre Pflicht, diesen entfremdeten Knaben in seine und in ihre Welt zurückzuführen. Iskuhi hatte eine dünne hauchige Stimme, keinen schönen Frauensopran, eher die Stimme eines kleinen Mädchens. In den traurig-rhythmischen Melodien aber erklang die Stimme nicht nur kindlich, sondern mehr noch priesterinnenhaft. Sie begann mit jenem Gesang, den sie aus Yoghonoluk in die Waisenschule von Zeitun verpflanzt hatte, dem Gesang »vom Kommen und Gehn«, der weniger wegen seines weisen Textes als seiner getragenen Melodie zu einem Arbeitslied der sieben Dörfer geworden war:

»Die Unglückstage ziehen vorbei
Gleich den Tagen des Winters, sie kommen und gehn.
Die Schmerzen der Menschen bleiben nicht lang,
Wie die Kunden im Laden, sie kommen und gehn.

Verfolgungen, blutige, peitschen das Volk.
Die Karawanen, sie kommen und gehn.
Die Menschen entkeimen dem Garten der Welt.
Ob Bilskraut, ob Balsam, sie kommen und gehn.

Nicht stolz sei der Starke, der Schwache nicht bleich!
Das Leben vertauscht sie, sie kommen und gehn.
Die Sonne strahlt furchtlos ihr ewiges Licht,
Die Wolken am Altar, sie kommen und gehn.

Die Welt ist ein Herbergshaus, Sänger, am Weg.
Die Gäste, die Völker, sie kommen und gehn.
Mutter Erde umherzt das gebildete Kind,
Unwissende Rassen verkommen, vergehn.«

Während des Gesanges spürte Juliette ganz rein an Iskuhi jenes Undurchdringliche, das in Gestalt der Schüchternheit, der Trauer, ja auch in der abwehrenden Entgegennahme von Geschenken all ihren Bemühungen hartnäckig widerstand. Da sie nicht alles aufgefaßt hatte, ließ sie sich das Lied zum Teil übersetzen. Bei der letzten Strophe triumphierte sie:

»Da sieht man wieder, wie hochmütig ihr seid. Das gebildete Kind, zu dem sich Mutter Erde so schmeichelhaft benimmt, ist das Armeniertum und die unwissenden Rassen, das sind alle anderen ...«

Stephan verlangte fast herrisch:

»Noch etwas, Iskuhi!«

Juliette aber wollte etwas Leidenschaftliches hören. Nichts zum Nachdenken und nichts, wo von gebildeten Kindern und unwissenden Rassen die Rede ist: »Ein echtes Chanson d'amour, Iskuhi!«

Iskuhi saß regungslos auf ihrem Stuhl, ein bißchen nach vorne gebeugt. Die linke Hand mit den eingekrümmten Fingern lag in ihrem Schoß. Da die tiefgetönte Sonne hinter ihr das Fenster füllte, war ihr Gesicht dunkel und ihre Züge nicht wahrnehmbar. Nach einer kleinen Frist schien sie in ihrer Erinnerung etwas gefunden zu haben:

»Ich kenne ein paar Liebeslieder, die man hier singt. Das hab ich mir alles gemerkt, als ich noch sehr klein war und gar nichts davon verstand. Eines davon besonders. Es ist ganz verrückt. Eigentlich müßte es ein Mann singen, obgleich das Mädchen dabei die Hauptsache ist.«

Die Kleinmädchen- und Priesterinnenstimme kam wie aus dem Leeren. Die wilde Strophe stand in einem höchst eigentümlichen Gegensatz zu dieser kühlen Stimme:

»Sie kam aus ihrem Garten
Und hielt an ihre Brust gepreßt
Zwei Früchte des Granatbaums,
Zwei glänzend große Äpfel.
Sie gab sie mir, ich nahm sie nicht.
Da schlug sie mit der Hand,
Da schlug sie mit der Hand sich an ihr Brustbein,
Schlug dreimal, sechsmal, zwölfmal,
Schlug, bis der Knochen brach.«

»Noch einmal«, forderte Stephan. Iskuhi aber war zu einer Wiederholung nicht zu bewegen, denn Gabriel Bagradian hatte leise die Tür geöffnet und war ins Zimmer getreten.

 

In diesen Tagen belebte sich das Haus Bagradian immer mehr. Zu jeder Mahlzeit fast kamen Gäste. Juliette und Gabriel waren zufrieden mit dieser Bewegung. Es fiel ihnen jetzt schwer, miteinander allein zu bleiben. Auch verging die Zeit viel schneller. Jeder abgelebte Tag war ein Sieg, denn er befestigte die Hoffnung, daß der Schatten des Drohenden mit ihm weitergerückt sei. Der Julimonat nahte. Wie lange konnte die Gefahr noch dauern? Gerüchte eines baldigen Friedensschlusses wurden laut. Der Friede aber war die Rettung. Auch Pastor Aram stellte sich nun regelmäßig als Gast ein. Howsannah, die sich noch immer nicht erholt hatte, bat ihn selbst darum, daß er sich um Iskuhi kümmere. Sie wußte ja, wie sehr Aram an das Leben mit der Schwester gewöhnt war und daß er unruhig wurde, wenn er Iskuhi ein paar Tage nicht sah. Doch außer Tomasian saßen noch andere häufig an Gabriels Tisch. Die Hauptgruppe bildeten Krikor und seine Trabanten. Auch der Hausgenosse des Apothekers, Gonzague Maris, befand sich darunter. Der junge Grieche war nicht allein wegen seines Klavierspiels sehr beliebt. Er besaß Augen für Schönheit und Eleganz. »Er bemerkte.« Gabriel Bagradian bemerkte nicht mehr oder nur selten. Juliettens Modekünste, die doch nur einen heimwärts gewandten Zeitvertreib ohne Zweck bedeuteten, fanden in Gonzagues aufmerksamen Augen ein beifälliges Echo. Ohne leere Schmeicheleien sagte er immer ein treffendes Wort nicht nur über Juliettens Aussehen, sondern auch über ihre Erfindungen, mit denen sie Iskuhis Reize zur Geltung brachte. Er sprach dabei nicht als ein Betörter, sondern als Eingeweihter und Künstler, während er seine stumpf gegeneinander gestellten Brauen prüfend emporzog. So gewann durch Gonzagues höheres Verständnis die Werkstatt Juliettens über den Zeitvertreib hinaus einen anerkannten Wert. Sein Schönheitssinn erstreckte sich auch auf das eigene Äußere. Gonzague war gewiß ein armer Mann und hatte wahrscheinlich auch keine rosige Vergangenheit hinter sich. Doch von dieser sprach er nie. Er wich Fragen Juliettens hierüber aus, nicht etwa aus Geheimniskrämerei oder weil er etwas zu verbergen hatte, sondern weil er alles Gewesene mit einer verächtlichen Geste als nebensächlich abzutun schien. Trotz oder gerade wegen seiner beschränkten Mittel war er, wenn er ins Haus Bagradian kam, immer sehr gut gekleidet. Da er seine europäische Garderobe in absehbarer Zeit nicht erneuern konnte, behandelte er sie mit der peinlichsten Sorgfalt. Diese gute Haltung und Kleidung Gonzagues wirkte auf Juliette höchst angenehm, ohne daß sie sich darüber Rechenschaft gab. Weit weniger angenehm wirkte es aber auf die beiden Lehrer Schatakhian und Oskanian, deren Ehrgeiz und Nebenbuhlerneid es erweckte. Insbesondere Hrand Oskanian, der Knirps, wurde von eifersüchtiger Tollheit gepackt. Weder durch seine poetisch-kalligraphischen Pergamentblätter noch durch sein erhaben tönendes Schweigen war es ihm gelungen, Madame Bagradians Aufmerksamkeit auf seinen verborgenen Rang und seine innere Würde zu lenken. Der eingebildete Mischling aber hatte diese Aufmerksamkeit durch eitles Geckentum sofort erobert. Oskanian entschloß sich, auf diesem Gebiet den ungleichen Kampf aufzunehmen. Er rannte zu dem Schneider, der vor einem halben Menschenalter zwei Jahre lang in London gewirkt hatte. An der Zimmerwand dieses englischen Meisters hingen die Schnittmuster und Modebilder untadeliger Lords aus jenem Zeitalter. Mit den Stoffen freilich sah es weit magerer aus. Nur ein dünnes, graues Tuch von ehrwürdigem Alter war vorhanden, das kaum der Ehre eines Rockfutters würdig war. Desungeachtet wählte Oskanian unter den Vorbildern einen Lord aus, dessen langgestreckte Prachtgestalt von einem langen, schwalbenschwänzigen Gehrock in grauer Farbe umstrafft war. Bei der Anprobe zeigte es sich, daß der graue Schwalbenschwanz dem Zwerge bis zu den Knöcheln reichte, was er aber trotz des Schneiders Bedenken nicht tadelte. Nach Fertigstellung des Werkes steckte Oskanian eine weiße Blüte ins Knopfloch, was er seinem Lord ebenfalls abgeguckt hatte. Leider vervollkommnete er sich auch aus freien Stücken, indem er in der Apotheke des Meisters Krikor einen starken Wohlgeruch erstand, von dem er eine gute halbe Flasche auf den neuen Rock schüttete. Es gelang ihm damit tatsächlich schon in der ersten Minute, die lebhafte Aufmerksamkeit Madame Bagradians und aller übrigen zu erregen. Die Folge war, daß ihn Gabriel zur Seite nahm und freundlich bat, für ein paar Stunden einen seiner Röcke anzuziehn. Den prächtigen grauen werde man indessen zur Lüftung in den Garten hängen.

Außer den genannten Gästen kamen manchmal auch die älteren Ehepaare, wie Bedros Altouni und Mairik Antaram und Pastor Harutiun Nokhudian mit seiner ängstlichen Frau. Ter Haigasun hingegen hatte sich bisher nur ein einziges Mal eingefunden. An einem schönen Julimittag machte Gabriel Bagradian einen Vorschlag: Man solle den nächsten Abend und die nächste Nacht oben auf dem Musa Dagh verbringen, um am Morgen den Sonnenaufgang zu erleben. Dies schien ein echt europäischer Vorschlag zu sein, ein Einfall, dem Herzen eines Touristen entsprungen, der sein Leben sonst zwischen Betonmauern und Geschäftsbriefen verbringen muß. Aber hier? Die Tischgesellschaft war auch recht erstaunt über ein solches Ansinnen. Nur Hapeth Schatakhian, der sich keine Blöße geben wollte, pries das Vergnügen eines Nachtlagers im Freien. Bagradian aber enttäuschte ihn:

»Wir brauchen gar nicht im Freien zu schlafen. Ich habe nämlich in der Rumpelkammer des Hauses hier drei völlig eingerichtete Zelte entdeckt. Sie haben meinem verstorbenen Bruder gehört, der sie auf seinen großen Jagdfahrten benutzte. Zwei davon sind ganz moderne Expeditionszelte, die er aus England kommen ließ. Sie sind für je zwei oder drei Personen bestimmt. Das dritte ist ein sehr großes, prachtvolles Scheichzelt. Entweder hat es Awetis einmal von seinen Reisen mitgebracht oder stammt es gar noch aus dem Besitz unseres Großvaters ...«

Da Juliette diese Abwechslung nicht ohne Wohlwollen begrüßte und Stephan vor Freude zappelte, wurde der morgige Samstag zu dieser Unternehmung ausersehen. Apotheker Krikor, der schon alles einmal erlebt und getan hatte, dem unter der Sonne nichts neu war, vom Früchteeinkochen bis zur vergleichenden Theologie, berichtete über seine Erfahrungen, die er dereinst unter freiem Tages- und Nachthimmel gesammelt hatte. Seine schiefen Augen sahen dabei ins Leere, seine hohle Stimme brachte im ewig gleichen Tonfall zum Ausdruck, wie gering er selbst diesen winzigen Bruchteil seiner erworbenen Kenntnisse achte; nichts bewegte sich in dem gelblichen Gesicht als das rhythmisch wippende Bocksbärtchen. In früheren Jahren habe er so manche Woche auf dem Musa Dagh verlebt, ohne des Abends zu Tale zu steigen. Wer den Berg wirklich kenne (aber wer kennt ihn wirklich?), finde so manchen sicheren Unterschlupf für die Nacht, ohne eines Zeltes zu bedürfen. Er, Krikor, denke natürlich nicht nur an die allbekannte Höhle oberhalb Kebussijes. Der Volksmund fable von dem heiligen Sarkis, der auf seinem Streitroß im Kampf gegen die Heiden den Damlajik emporgesprengt sei, wobei die gewaltigen Hufe des Pferdes solche Höhlen als Spuren zurückgelassen hätten. Aber wenn der Musa Dagh auch in Wirklichkeit nichts mit dem heiligen Sarkis zu tun habe, so doch um so mehr mit Sukiassank, dem Eremiten, und anderen Einsiedlern und zurückgezogenen Mönchen, die in fernen Jahrhunderten jene Höhlen zur Wohnstatt wählten. Dem Apotheker sei es zwar nicht eingefallen, während seiner Einsiedlerwochen die geistliche Erbauung der genannten Höhlenbewohner zu suchen, ganz im Gegenteil, nichts als die Erkenntnis der Natur habe ihn damals beschäftigt. Den botanischen Bemühungen jener Wochen verdanke er einen vollständigen Thesaurus Herbarum des Musa Dagh. Blumenfreunde könnten in seinem Verzeichnis ein paar Fuchsenschwanz- und Bleiwurzgewächse dargestellt finden, über welche selbst der berühmte Linné nicht gehandelt habe. Diese Entdeckungen betreffend verwahre er auch einen Briefwechsel mit mehreren Akademiehäuptern. Leider sei die Leidenschaft für die Pflanzenwelt und deren Einteilung der Jugend abhanden gekommen, die ohne tieferen Eifer in den Tag hineinlebe. (Das ging gegen die Lehrer.) Krikor aber traue sich in seiner Eigenschaft als Apotheker selbst zu, mit den geringen Hilfsmitteln, die er besitze; den Heilkräutern des Musa Dagh all jene Arzneien abzuzapfen, die im Gebrauche sind. Er müsse gar nicht erst nach Antiochia fahren, um bei der dortigen staatlichen Stelle Chinin und andre Pillen und Pulver zu ergänzen. (Das ging gegen Bagradian, der die Apotheke des Weisen mit argwöhnischen Blicken gemustert hatte.) Bis auf Frau Pastor Nokhudian, die sich im Hinblick auf ihren zarten, schwächlichen Harutiun vor einer so gesundheitsschädlichen Ausschweifung entsetzte, schien nur noch Iskuhi mit der Partie nicht einverstanden zu sein. Kein Wunder! Sie hatte die unerbittliche Grausamkeit des freien Landes und des freien Himmels kennengelernt. Was die anderen für ein Vergnügen erklärten, galt ihr als Lästerung. Ihr war zumute wie einer Hungernden, die übersättigte Menschen sieht, welche die Speisen zum Fenster hinauswerfen. Keine siebzig Meilen weit im Osten zogen die sterbenden Scharen über die Straße. Bagradians herzloses Spiel erbitterte sie. Von den Hintergründen dieses Spiels ahnte sie ja nichts:

»Ich möchte zu Hause bleiben«, bat Iskuhi.

Gabriel wandte sich ihr nicht ohne Schärfe zu:

»Ausgeschlossen, Iskuhi! Ich halte Sie für keine Spielverderberin. Sie müssen mit Juliette in dem Scheichzelt wohnen.«

Iskuhi sah aufs Tischtuch und kämpfte um Worte:

»Ich habe ... ich fürchte ... Jede Nacht freue ich mich, daß ich in einem Hause schlafen darf.«

Gabriel versuchte ihren Blick an sich zu ziehen:

»Gerade mit Ihnen habe ich gerechnet.«

Iskuhi hob den Kopf noch immer nicht und preßte die Lippen fest aufeinander. Bagradian zeigte sich wegen dieser Kleinigkeit sonderbar auffahrend:

»Ich bestehe darauf, Iskuhi.«

In ihrem Gesicht begann es schon zu zucken. Da winkte Juliette ihrem Mann, er möge Iskuhi in Ruhe lassen und weiter nicht beachten. Sie deutete ihm auch an, daß es ihr später gelingen werde, den Widerstand des Mädchens zu brechen. Dies aber erwies sich schwerer, als sie gedacht hatte. Sie versuchte es mit einer fraulichen Belehrung: Alle Männer seien im Grunde Kinder. Für eine Frau, die das Leben leiten und beherrschen wolle, tauge es am besten, die Kindereien der kleinen Männerwünsche womöglich zu erfüllen. Für nichts erweise sich dann ein echter Mann so dankbar und so lenksam. Um in den großen Lebensbedingungen seinen eigenen Willen zu behalten, könne man in den kleinen ruhig nachgeben. Diese Belehrung klang so, als richte sie Juliette an sich selbst, die Ehefrau. Was aber gingen denn Iskuhi die kleinen Männerwünsche Bagradians an? Sie sah verstört zur Seite:

»Für mich sind das nicht kleine Dinge.«

»Es kann doch recht hübsch werden. Einmal etwas anderes ...«

»Ich habe noch zuviel Erinnerungen an dieses andre.«

»Dein Bruder, der Pastor, hat nichts dagegen gesagt ...«

Iskuhi atmete tief auf:

»Ich bin nicht aus Eigensinn so ...«

Juliette aber schien sich schon abgefunden zu haben:

»Wenn du zu Hause bleibst, gehe ich auch nicht mit. Ich habe keine Lust, das einzige weibliche Wesen unter so vielen Männern zu sein. Da bleib auch ich lieber hier.«

Iskuhi umfaßte Juliette mit einem langen Blick:

»Nein, unmöglich! Das können wir nicht! Wenn du es willst, so gehe ich eben mit. Es ist schon überwunden, dieses Gefühl. Für dich tue ich's gern.«

Juliette sah plötzlich sehr müde aus:

»Bis morgen nachmittag haben wir viel Zeit. Man kann sich's immer noch zehnmal überlegen.«

Sie griff sich an die Stirn und verdeckte die Augen. Ein dumpfer Schwindel, als ob von Iskuhis Erinnerungen nun manche auf ihren eigenen Geist übergegriffen hätten:

»Vielleicht hast du mit deinem Gefühl recht, Iskuhi! Wir leben alle so harmlos ...«

 

Man brach am nächsten Tag schon ziemlich früh auf. Um der Frauen willen wurde nicht der kürzere Aufstieg durch die Steineichenschlucht gewählt, sondern der bequeme, aber ziemlich lange Umweg über den Nordsattel. Um ihn zu erreichen, mußte man die Dörferstraße über Azir bis mittwegs nach Bitias eine halbe Meile weit zurücklegen. Der Musa Dagh erwies sich heute trotz seiner Abgründe, Felsbastionen, Wildnisse als eine wohlgesinnte Alpe, die sich den Bergsteigern von ihrer schönsten Seite zeigte. In der allgemeinen Munterkeit ging Iskuhis Schweigen unter. Doch auch sie schien sich nach und nach aufzuheitern. Gabriel Bagradian konnte bemerken, daß sein Sohn, seitdem er die Schule Lehrer Schatakhians besuchte, seine europäische Gesittung mit Sturzgeschwindigkeit einzubüßen begann. »Ich erkenne ihn kaum mehr«, hatte Juliette jüngst zu Gabriel gesagt. »Wir müssen sehr achtgeben. Er spricht bereits genau das armenische Steinklopfer-Französisch wie der famose Lehrer.« Stephan kannte den Damlajik schon fast so gut wie sein Vater. Er versuchte es auch, Führer zu spielen. Nie jedoch blieb er auf dem Weg, da er für seine turnerische Geschicklichkeit jede schwierige Klettervariante geflissentlich ausspähte. Oft war er weit voran, oft aber auch weit zurück, so daß seine Stimme allen Anrufen nur schwach entgegnete. Dieses Zurückbleiben hatte seinen guten Grund. Sato war es begreiflicherweise nicht erlaubt worden, an dem Ausflug teilzunehmen, obgleich sich Stephan dafür eingesetzt hatte. Man konnte zwar diesem scheuen und spitzen Wesen bisher keine Freveltat nachsagen, und doch stieß sie durch ihre »schmutzigen Augen« alle ab. Da Sato aber die einzig Gleichaltrige im Hause war, hielt Stephan aus einer Art Altersklassengefühl zu ihr. Auch jetzt wußte er, daß sie in ihrem eigentümlichen Schleichsinn die Gesellschaft verfolge. Darum wartete er sie von Zeit zu Zeit ab, um dann ein paar Schritte mit ihr gemeinsam zu gehen. Es fiel ihm dabei sehr schwer, mit Sato zu reden. Das Geschöpf antwortete eine Weile lang ganz brav und vernünftig. Dann aber packte es ein Koller und sinnlos-ekelerregende Laute drangen aus seinem Munde.

Früher, als Gabriel angenommen, wurde der schöne Platz erreicht. Hier hatten unter Awakians Aufsicht Kristaphor, der Diener Missak und ein Stallbursche gute Arbeit geleistet. Die Zelte standen bereits, fest in der Erde verankert. Über dem des Scheichs oder des Großvaters Awetis wehte sogar eine Fahne, auf der das altarmenische Wappen gestickt war, mit dem Ararat, der Arche und der aufschwebenden Taube im Mittelfeld.

Dieses Zelt war auch wirklich ein Prachtgehäuse aus einer stolzen und glanzvollen Zeit. Acht Schritte maß es in der Länge, sieben in der Breite. Sein Gerüst bestand aus armdicken Stangen von edlem Holz, die Innenwände aus schönen Teppichen. Einen großen Fehler hatte es allerdings. Im Zeltraum verbreitete sich ein scharfer Geruch von Kampfer und Alter. Die Wände waren zusammengerollt und in großen Säcken eingenäht gewesen, die Verwalter Kristaphor von Zeit zu Zeit unter Hügeln von Kampfer und Insektenpulver begrub. Die beiden modernen Expeditionszelte, die Awetis der Jüngere, vor einigen Jahren aus London nach Yoghonoluk gebracht hatte, fanden weit mehr Bewunderung, obgleich sie nur aus dem üblichen Zeltstoff verfertigt waren. Dafür aber enthielten sie alles, was sich der Scharfsinn eines erfahrenen Jägers und Weltmannes nur ausdenken kann. Awetis hatte ja auch, ehe ihn die fortschwelende Krankheit jäh niederwarf, eine Fahrt in fast noch unbetretenes Gebirgs- und Steppenland geplant, und zwar in Begleitung zweier englischer Freunde. In diesen Zelten war nichts vergessen. Zusammenklappbare Feldbetten, auf denen man durchaus nicht hart lag. Seidene Schlafsäcke, federleichte Tische und Stühle, die sich ineinanderschieben ließen. Kochgeschirr, Teegeschirr, Schüsseln und Teller, alles aus Aluminium. Waschbehälter und Badetubs von Gummi, und nicht zu vergessen die windsicheren Lampen für Petroleum- und Spirituslicht.

Man ging daran, die Wohnstätten zu verteilen. Juliette lehnte das Scheichzelt ab und bezog mit Iskuhi eine der modernen Unterkünfte. Krikor und Gonzague bekamen das andere Expeditionszelt. Lehrer Oskanian erklärte aus dunklen Gründen und mit einem strengen Blick auf Juliette, er ziehe es vor, abseits der menschlichen Gemeinschaft die einsame Nacht mit sich selbst zu verbringen. Er warf bei dieser Erklärung den kraushaarigen Kopf ein wenig zurück, als erwarte er, daß einerseits ein allgemeiner Lobausbruch seinen mutig-stolzen Entschluß belohnen und andererseits eine gewogene Frauenstimme den Versuch machen werde, ihn umzustimmen. Juliette dachte jedoch weder an die Tiere des Waldes noch an die Deserteure, denen Oskanian sich auszusetzen gesonnen war. Und auch sonst wollte ihm niemand die einsame Zwiesprache mit seiner Seele streitig machen. Da wandte er sich mit höhnischer Hoheit ab und versank für den Rest des Abends in sein überlegenes Brüten, ohne den Entschluß, der so wenig verstanden worden war, zurücknehmen zu können. Gabriel, Stephan, Awakian und Schatakhian aber schlugen in dem Prachtquartier, von dem der Wimpel wehte, ihr Nachtlager auf.

Bagradian nannte diesen Abend bei sich selbst die Generalprobe. Er verlief jedoch ohne jedes Ereignis, das diesen Namen gerechtfertigt hätte, wie hundert andere Veranstaltungen ähnlicher Art. Gar nichts Romantisches ereignete sich, es sei denn, daß der Koch Howhannes das Mahl auf einem offenen, großen Feuer bereitete. Übrigens hatte Missak, der verwegene Bursche, sich vor einigen Tagen nach Antiochia gewagt und dort bei einem befreundeten Militärlieferanten eine ganze Maultierladung englischer Konserven erstanden, die man heute ausprobierte. Während des Essens stand Stephan mehrmals auf, um der hungernden Sato, die sich jenseits des Feuerscheins versteckt hielt, einen Teil seiner Mahlzeit, in einem Brot vergraben, mitzubringen. Man saß, wie es sich gehörte, neben dem Feuer auf Decken. Missak hatte über eine glatte Stelle ein Tischtuch gebreitet, auf dem die Schüsseln standen. Der Abend war wohlig frisch. Der Mond ging seinem dritten Viertel entgegen. Das Feuer flackerte schwächer. Man trank Wein und den starken Maulbeerschnaps, den die Bauern der Dörfer brannten. Dennoch wollte kein Behagen und keine trauliche Lust an diesem Abenteuer aufkommen. Juliette machte dem Zusammensein sehr früh ein Ende. Sie fühlte sich so eigentümlich beklommen. Nun erst verstand sie Iskuhis Widerstreben. Überall umlauerte sie die wilde, unbewohnte Erde mit ihrem furchtbaren Ernst. Vielleicht war's wirklich von Gabriel ein lästerliches Spiel. Sie und Iskuhi zogen sich ins Zelt zurück. Auch die andern sagten einander gute Nacht. Oskanian schritt erhobenen Hauptes von dannen, um in der nächsten Nähe des Dienerlagers seine Wichtigtuerei durch eine verfrorene Nacht zu büßen. Gabriel teilte noch den Wachdienst ein. Zwei Mann hatten gemeinsam jeweils drei Stunden lang den Schutz der Zelte zu übernehmen. Bagradian übergab ihnen Gewehre und scharfe Patronen. Kristaphor und Missak waren Jagdbegleiter des Verstorbenen gewesen und verstanden es gut, mit Waffen umzugehn. Zuletzt legte sich Gabriel hin. Aber ebensowenig wie Iskuhi vermochte er zu schlafen. Das Mädchen lag starr und rührte kein Glied, um Juliette nicht zu wecken. Gabriel hingegen warf sich hin und her, stundenlang. Der Kampfer- und Modergeruch des Zeltes erstickte ihn. Endlich kleidete er sich wieder an und trat hinaus. Es war vielleicht eine halbe Stunde vor Mitternacht. Die Wächter, Missak und den Koch, schickte er schlafen. Dann ging er als einziger Beschützer des Dreizeltplatzes langsam auf und ab. Manchmal knipste er seine Taschenlampe an, aber sie erhellte nur einen winzigen Kreis. Diese Nacht hatte gar nichts Gefährliches an sich. Nicht einer von den wilden Hunden, die unten das nächtliche Tal unsicher machten, war mit seinen glühenden Lichtern der Gesellschaft gefolgt. Auch sonst kein unheimlicher Laut. Fledermäuse durchzuckten die Finsternis. Wenn eine Wolke den meerwärts verschwindenden Mond freigab, begann eine Nachtigall zu singen, so quellend und energisch in der Totenstille, daß Bagradian erschüttert war. Er versuchte darüber nachzudenken, wie es kam, daß seine innersten Gedanken schon so klare Gestalt angenommen hatten. Als drei Zelte zeichneten sie sich gegen den Nachthimmel. Wie war das? Er konnte jetzt nicht denken. Seine Seele war viel zu voll. Als Gabriel sich eine neue Zigarette anzündete, stand unweit von ihm ein Gespenst, das sich ebenfalls eine Zigarette anzündete. Das Gespenst trug die Lammfellmütze türkischer Soldaten und stützte sich auf ein Infanteriegewehr. Das Gesicht konnte er nicht sehn, aber es mußte ein ganz abgemagertes Gesicht sein, das in der Zigarettenglut schwach aufleuchtete. Gabriel rief das Gespenst an. Auch beim zweiten und dritten Anruf rührte es sich nicht. Gabriel zog die Armeepistole, die er mitgenommen hatte, und spannte hörbar den Verschluß. Es war nur eine leere Förmlichkeit, denn er spürte genau, der Schatten werde nichts gegen ihn unternehmen. Dieser blieb noch eine Weile unbewegt, dann gluckste ein sonderbar langsames und blasiertes Lachen herüber, die Zigarette verschwand und mit ihr der Mann. Gabriel schüttelte Kristaphor aus dem Schlaf:

»Es sind irgendwelche Leute hier. Ich glaube Deserteure.«

Der Verwalter zeigte sich weiter nicht erstaunt:

»Nun ja, es werden Deserteure sein. Die armen Burschen tun sich nicht leicht.«

»Ich habe nur einen gesehen.«

»War's vielleicht der Sarkis Kilikian?«

»Wer ist Sarkis Kilikian?«

»Asdwaz im! Barmherziger Gott!« Kristaphor machte eine matte Handbewegung, als lasse es sich gar nicht ausdrücken, wer Sarkis Kilikian sei. Bagradian aber befahl seinen Leuten, die jetzt alle erwacht waren:

»Geht und sucht diesen Kilikian! Bringt ihm etwas zum Essen. Der Mensch hat Hunger.«

Kristaphor und Missak machten sich mit ein paar Konservenbüchsen und einer Laterne auf den Weg, kamen aber nach einer Weile unverrichteterdinge zurück. Wahrscheinlich hatten sie es doch im letzten Augenblick mit der Angst gekriegt.

Hatte der Abend Beklommenheit gebracht, so enttäuschte der Morgen. Die Welt war dunstig. Unruhe erfüllte die Gemüter. Der Sonnenaufgang vollzog sich unsichtbar. Dennoch erstieg man eine der nackten Kuppen, von der aus, langsam aus dem Nebel wachsend, Meer und Land den Blicken sich darboten. Bagradian drehte sich um seine Achse:

»Ein paar Wochen könnte man es hier aushalten.«

Er sagte das so, als wolle er die Schönheit des Musa Dagh gegen ungerechte Schmähungen verteidigen. Krikor, voll ausgeglichener Ruhe, äugte auf das recht bewegte Meer hinaus:

»Früher, zu meiner Zeit, konnte man hier an schönen Tagen bis nach Zypern sehn.«

Keiner lachte über diese Redewendung und fragte, ob etwa die Insel Zypern dort im Südwesten, seitdem die Engländer sie zu ihrem Flottenstützpunkt gemacht hatten, weiter ins Mittelmeer hinausgeschwommen sei. Auch Gabriel Bagradian sann nach Zypern hinüber:

»Das Kap Andreas liegt keine vierzig Seemeilen weit von der Orontesmündung. Und doch ist, seitdem ich hier bin, noch kein einziges englisches oder französisches Kriegsschiff von der Küste gesehen worden.«

»Immerhin, sie sitzen in Zypern.«

Mit diesen Worten unerschütterlicher Beruhigung wandte Krikor Zypern den Rücken, um das endlose Land im Süden und Osten, das er seit Jahrzehnten nicht mehr zur Kenntnis genommen hatte, gleichmütig zu betrachten. Die Bogen der römischen Wasserleitung von Seleucia traten scharf aus dem zerrinnenden Dunst. Über den mageren Bergen östlich des Damlajiks hing eine vollgesogene rostfarbige Sonne. Die Hügel verwellten grau und braun gegen Antakje zu. Unbegreiflich, daß in diesen leeren Falten, auf diesen unerweckten Flächen Hunderttausende von Menschen leben sollten. Das friedlich-öde Bild bewog den Apotheker, auf Dinge hinzuweisen, die er sonst absichtsvoll unerwähnt ließ. Sein greisenhafter Zeigefinger schwebte im Leeren:

»Da seht! Alles wie immer! Unter Abdul Hamid, da brannte oft der ganze Horizont. Und wir sind dennoch alt geworden.«

Gonzague Maris hatte von allen Teilnehmern dieser Partie zweifellos am besten geschlafen, so frisch und straff sah er aus. Er deutete auf die große Spiritusfabrik bei Suedja, deren Schlot schon zu qualmen begann. Die Fabrik gehöre einer ausländischen Gesellschaft, erzählte er, und der Direktor sei ein Grieche, den er aus Alexandrette kenne. Er habe ihn erst vor zwei Tagen gesprochen und nicht unwichtige Neuigkeiten erfahren. Die erste: Ein gemeinsamer Friedensversuch des amerikanischen Präsidenten und des römischen Papstes sei im besten Zuge. Die zweite: Was die armenische Umsiedlung betreffe, so gelte sie nur für die anatolischen Vilajets, nicht aber für Syrien. Er, Gonzague, könne die Stichhaltigkeit dieser Nachrichten nicht prüfen, doch jener Fabrikdirektor sei ein angesehener Mann, der allmonatlich mit dem Wali von Aleppo persönlich über Staatslieferungen verhandle. In diesem Augenblick erfüllte Gabriel ein aufflutender Glaube, alle Gefahr sei überwunden und das Nahende entferne sich ins Unsichtbare. Ihm war, als habe er selbst das Schicksal in die Flucht geschlagen. Dankbar strömte es aus ihm:

»Sagt selbst! Ist es nicht schön hier!?«

Juliette drängte zur Heimkehr. Sie haßte es, frühmorgens in Gesellschaft zu sein und noch dazu in männlicher. Am Morgen sehen nur häßliche Frauen gut aus, meinte sie, und um sechs Uhr früh gebe es keine Damen. Auch wollte sie sich vor der Messe noch wenigstens eine halbe Stunde lang ausruhen. Als Katholikin hatte sie Gabriel zuliebe vor ihrer Trauung das gregorianische Bekenntnis angenommen. Dies war eines ihrer Opfer, auf welches sie bei den gewissen Zwistigkeiten hinzuweisen pflegte. Nach ihrer Art mäkelte sie auch an der armenischen Kirche herum. Sie war ihr zu glanz- und schmucklos. Den Vorhalt, daß die Volkskirche alles überflüssige Geld für das Schulwerk verwende, lehnte sie als vernünftlerisch ab. In der Hauptsache tadelte es Juliette, daß die gregorianischen Priester Bärte trugen und meist noch sehr lange. Bärtige Männer aber konnte sie nicht leiden. – Der Rückweg erfolgte über den kürzeren Saumpfad, der durch die Steineichenschlucht bis nach Yoghonoluk führt. In einer Stunde konnte man zu Hause sein. Krikor, Gabriel und Schatakhian gingen voraus. Stephan folgte mit Iskuhi. Dann kam Hrand Oskanian allein. Der schwarze Lehrer gab durch seine unnahbare Miene zu verstehen, daß er sich mit der Welt zerfallen fühlte. Hie und da brachte er mit heimlich wütenden Stößen die Steine auf dem Wege ins Rollen, als plane er rachsüchtige Anschläge gegen die Vorangehenden. Die letzte war Juliette, an die sich Gonzague Maris hielt. Awakian wollte erst eine Weile später nachkommen. Er benützte die Gelegenheit, noch ein paar Verbesserungen an seiner Karte anzubringen. Bagradian hatte den Befehl gegeben, die Zelte vorläufig nicht abzubrechen. Irgend jemand von den Stalleuten sollte immer zu ihrem Schutz auf dem Damlajik bleiben. Vielleicht würde in nächster Zeit neuerdings eine Partie unternommen werden. Ein Grund dieses Befehls war Bagradians Aberglaube, daß durch derartige Vorbereitungen sich die Kraft des Schicksals brechen lasse. Der elende Maultierweg verschwand stellenweise in Gestrüpp und Geröll. Juliettens leichtbeschuhte und verwöhnte Füße zagten erschrocken vor diesen Hindernissen. Gonzague reichte ihr dann mit festem Griff die Hand. Dabei kam es zwischen beiden zu einem abgerissenen und ungenauen Gespräch:

»Es geht mir nicht aus dem Kopf, daß wir hier die einzigen Fremden sind, Madame.«

Juliette prüfte ängstlich den Boden unter ihren Sohlen:

»Sie sind doch wenigstens Grieche ... Das ist ja gar nicht so fremd ...«

Gonzague ließ sie die Schwierigkeit ohne seine Hilfe überwinden:

»Wie ...? Ich bin in Amerika erzogen ... Sie aber sind schon sehr lange Zeit mit einem Armenier verheiratet.«

»Ja, ich habe einen Grund, hier zu leben ... Aber Sie?«

»Bei mir kommen im Leben die Gründe immer erst nachher.«

Man war auf einem abschüssigen Stück ins Laufen gekommen. Juliette blieb aufatmend stehen:

»Ich habe nie verstanden, was Sie hier suchen ... Sie sind ja nicht sehr offenherzig in diesen Dingen ... Was hat ein Amerikaner, der nicht gerade mit Lammfellen, Baumwolle oder Galläpfeln handelt, in Alexandrette zu suchen?«

»Wenn ich auch nicht offenherzig bin, ... bitte hier aufzupassen, ... kann ich Ihnen das gerne verraten ... Ich war als Klavierbegleiter einer reisenden Music Hall angestellt ... Armselige Geschichte ... Obgleich mein Herbergsvater Krikor eine große Meinung davon hat ...«

»So? ... Und dann haben Sie Ihre Künstlerinnen schnöde verlassen ... Wo ist die Truppe jetzt? ...«

»Sie hat Verträge für Aleppo, Damaskus und Beirût ...«

»Und da haben Sie sich davongemacht? ...«

»Sehr richtig! ... Es war eine ausgesprochene Flucht ... Das ist eine meiner Krankheiten ...«

»Flucht? ... Ein blutjunger Mensch wie Sie!? ... Nun, Sie werden schon einen triftigen Grund gehabt haben ...«

»Ich bin gar nicht so blutjung, wie Sie meinen ...«

»Mein Gott, dieser Weg! ... Ich habe die Schuhe voll von Steinen ... Bitte geben Sie mir Ihre Hand! ... So! ...«

Sie klammerte sich mit der linken Hand an Gonzague fest. Mit der Rechten schüttelte sie ihre Halbschuhe aus. Er aber blieb bei seiner Frage:

»Wie alt bin ich nach Ihrer Meinung? ... Raten Sie! ...«

»Dazu bin ich wirklich nicht in der Stimmung ...«

Gonzague, ernst und wie mit Gewissensbissen:

»Zweiunddreißig!«

Juliette, kurz auflachend:

»Für einen Mann!? ...«

»Ich habe sicher die Welt mehr gesehen als Sie, Madame ... Wenn man so herumgestoßen wird, sieht man die Wahrheit ...«

»Gott weiß, wo die andern schon sind ... Hallo! ... Sie könnten auch Antwort geben ...«

»Wir kommen zurecht ...«

Als der Weg wieder steil und struppig wurde, blieb Juliette neuerdings stehn:

»Ich bin solche Klettereien nicht gewöhnt ... Mich schmerzen die Beine ... Bleiben wir einen Augenblick! ...«

»Hier kann man sich nirgendwo hinsetzen ...«

»Ich sage Ihnen, Gonzague, schauen Sie, daß Sie von Yoghonoluk fortkommen! ... Was kann Ihnen geschehen? ... Sie sind amerikanischer Staatsbürger ... Auch sehen Sie gar nicht armenisch aus ...«

»Sondern? ... Französisch? ...«

»Das brauchen Sie sich wieder auch nicht einzubilden ...«

Der kleine Bach, der die Steineichenschlucht durchfloß, kreuzte den Weg. Nicht einmal ein Baumstamm lag zum Übergang da. Gonzague hob Juliette, so groß sie war, mit leichtem Schwung hinüber. Seinen schmalen Schultern hätte man diese Kraft nicht zugetraut. Sie fühlte die Finger des Mannes wie unverliebte Kühle um ihre Hüften. Der Pfad wurde nun sanfter und sie beschleunigten ihren Schritt. Gonzague berührte die wesentlichste Frage:

»Und Gabriel Bagradian? Warum bleibt denn er? Hat er gar keine Möglichkeiten, die Türkei zu verlassen?«

»Im Krieg? ... Wohin? ... Wir sind türkische Untertanen ... Gabriel ist dienstpflichtig ... Man hat uns die Pässe abgenommen ... Wer versteht diese Wilden? ...«

»Sie sehen aber doch wahrhaftig genug französisch aus, Juliette ... Nein, eigentlich sehen Sie wie eine Engländerin aus ...«

»Französin? ... Engländerin? ... Was heißt das? ...«

»Mit ein wenig Mut kommen Sie, gerade Sie, überall hin ...«

»Ich bin Frau und Mutter!«

Juliette schritt jetzt so schnell aus, daß Gonzague ein Stück hinter ihr gehn mußte. Sie vermeinte, den Hauch seiner Worte zu spüren: »Das Leben ist das Leben.« Sie drehte sich kurz um:

»Wenn das Ihre Absicht ist, warum bleiben Sie dann in Asien?«

»Ich? Es ist jetzt Krieg für alle Männer der Welt.«

Juliettens Eile beschwichtigte sich wieder:

»Sie haben es so leicht, Gonzague! Wenn wir Ihren amerikanischen Paß hätten! Sie könnten ganz gut Ihrer Gesellschaft nach Damaskus oder Beirût nachreisen. Warum versteifen Sie sich gerade auf diesen gottverlassenen Erdenfleck?«

»Warum?« Gonzague konnte jetzt ganz dicht neben Juliette gehn. »Warum? Wenn ich das ganz genau wüßte, könnte ich es Ihnen, Juliette, vielleicht am allerwenigsten sagen.«

An der nächsten Biegung wartete Oskanian. Er hatte sich selbst überwunden und gesellte sich nun zu dem Paar, Juliette dann und wann mit finster gebieterischem Blick verzehrend. Bis zum Gartentor der Villa wurde kaum ein Wort mehr gesprochen.

 

Wahrlich, vom Geiste getrieben, hatte Gabriel Bagradian seine Generalprobe in letzter Stunde angesetzt. Im Haustor erwartete ihn Ali Nassif, der Pockennarbige:

»Herr, ich komme mir meine Medjidjehs holen, auf die du mir eine kleine Anzahlung gegeben hast.«

Gabriel entnahm seiner Brieftasche ein Papierpfund und reichte es Ali mit ruhiger Hand, als sei alles in Ordnung und der mündlichen Gegenleistung könne ohne Ungeduld entgegengesehen werden. Der alte Saptieh nahm das Geld vorsichtig:

»Ich vergehe mich schwer gegen meinen Befehl. Du aber wirst mich nicht verraten, Effendi!«

»Das Geld hast du genommen. Berichte!«

Ali Nassif begann schmerzlich umherzuzwinkern:

»In drei Tagen werden der Müdir und der Hauptmann von der Polizei in die Dörfer kommen.«

Bagradian stellte seinen Stock in einen Winkel und befreite sich von dem Feldstecher, der ihm über die Schulter hing:

»So? Und was werden sie uns Gutes in die Dörfer bringen, der Polizeihauptmann und der Müdir?«

Der Gendarm begann sein Stoppelkinn zu reiben:

»Ihr müßt fort von hier, Effendi, ihr alle! Der Wali und der Kaimakam befehlen es so. Die Saptiehs werden euch und eure Leute von Suedja und Antakje sammeln und nach Osten führen. Doch in Aleppo, das kann ich dir auch sagen, werdet ihr nicht lagern dürfen. Wegen der Konsuln geschieht das.«

»Und du, wirst du unter diesen Saptiehs sein, Ali Nassif?«

Der Pockennarbige entsetzte sich mit großem Aufwand:

»Inschallah! Ich danke Gott. Nein! Habe ich nicht zwölf Jahre unter euch gelebt? Als Kommandant des ganzen Bezirks? Und es hat keinen Anstand gegeben. Denn ich habe Ordnung gehalten Tag und Nacht. Und nun verliere ich euretwegen meine schöne Stellung. O Undank! Unser Posten wird ganz und gar abgelöst.«

Um den Ärmsten in seinem Schmerze zu trösten, drückte ihm Bagradian ein paar Zigaretten in die Hand:

»Nun sage mir, Ali Nassif, wann wird man deinen Posten ablösen?«

»Ich habe den Befehl, noch heute nach Antakje abzumarschieren. Der Müdir kommt dann mit einer ganzen Kompanie hierher.«

Indessen waren Juliette, Iskuhi und Stephan ins Haus getreten. Der Anblick Ali Nassifs erregte in ihnen keinen Verdacht. Gabriel schob den Saptieh aus dem Torgang auf den kiesbestreuten Vorplatz des Hauses:

»Nach dem, was du mir berichtest, Ali Nassif, werden die Dörfer drei Tage lang ohne Bewachung sein.«

Gabriel schien das bedenklich zu finden. Der Gendarm senkte angstvoll seine Stimme:

»O Effendi, wenn du mich anzeigst, werde ich gehenkt und bekomme dazu noch eine Tafel mit der Aufschrift ›Hochverräter‹ über die Brust. Dennoch sage ich dir alles. Drei Tage lang wird kein Saptieh in den Dörfern sein, weil die Posten in Antakje neu eingeteilt werden. Dann aber wird man euch noch einige Tage Zeit geben, um eure Sachen in Ordnung zu bringen.«

Gabriel Bagradian sah aufmerksam zu den Fenstern seines Hauses hinauf. Als habe er Angst, daß Juliette ihn beobachten könnte:

»Habt ihr Listen der Einwohner abliefern müssen, Ali Nassif?«

Der Pockennarbige blinzelte Gabriel mit treuherziger Tücke ins Gesicht:

»Hoffe nichts für dich, Effendi! Auf die Reichen und Gebildeten haben sie es besonders scharf. Sie sagen, was nützt es uns, wenn die armen und fleißigen Armenier krepieren, die Effendis aber, die Geldsäcke und Advokaten, bleiben weiter im Land? Du bist besonders schlecht angeschrieben. Dein Name steht obenan, Effendi. Sie haben immer wieder von dir gesprochen. Denke auch ja nicht, daß sie deine Familie schonen werden. Das haben sie sehr genau verabredet. Bis Antakje bleibt ihr zusammen. Dann aber wird man euch trennen.«

Bagradian musterte den Saptieh beinahe vergnügt:

»Du scheinst ja zu den Großen und Eingeweihten zu gehören. Hat dir der Müdir sein Herz geöffnet, Ali Nassif?«

Dieser nickte feierlich:

»Nur für dich, Herr, habe ich die viele Mühe gehabt. In den Kanzleien des Hükümets bin ich gestanden und habe um deinetwillen meine Ohren angestrengt. O Effendi, ich verdiene mir trotz deines armen Papierpfunds einen Lohn in der jenseitigen Welt. Was ist heute ein Papierpfund? Wenn sie es dir im Bazar überhaupt wechseln, so betrügen sie dich. Siehe aber, meinen Nachfolgern wird mehr gehören als hundert Goldpfund und alle Medjidjehs, die in den Dörfern zu finden sind. Dein Haus wird ihnen gehören mit allem, was darin ist. Denn du kannst nichts mitnehmen. Und deine Pferde werden ihnen gehören. Und dein Garten mit all seinen Früchten ...«

Bagradian schnitt diese blumige Aufzählung entzwei:

»Es möge ihnen wohl bekommen!«

Er reckte seine Gestalt hoch. Ali Nassif aber rührte sich wehmütig nicht von seinem Platz:

»Jetzt habe ich dies alles für ein Stück Papier verkauft.«

Um ihn loszuwerden, holte Gabriel all seine Piasterstücke aus der Tasche.

 

Als Gabriel Bagradian ins Pfarrhaus trat, erkannte er zu seiner großen Verwunderung, daß Ter Haigasun die Katastrophe schon mehrere Stunden vor Ali Nassifs Bericht in Erfahrung gebracht hatte. In dem engen Zimmer waren auch bereits Thomas Kebussjan, die sechs anderen Muchtars, zwei verehelichte Volkspriester aus den Dörfern und Pastor Nokhudian aus Bitias versammelt. Graue und wächserne Gesichter. Der Donnerschlag hatte das Gewölk des krankhaften Halbschlafes, in dem diese Leute seit Wochen herumliefen, nicht zerrissen, sondern nur noch verdichtet. Sie standen rings an die Wände gedrückt und schienen leblos aus der Mauer herauszuwachsen. Nur Ter Haigasun saß. Das zurückgelehnte Gesicht war ganz dunkel. Seine Hände aber, die ruhig vor ihm auf dem Schreibtisch lagen, flammten in einem starren Sonnenstrahl. Wenn einer etwas sagte, so flüsterte er kaum hörbar und bewegte die Lippen nicht. Auch Ter Haigasun murmelte nur, als er sich jetzt an Bagradian wandte:

»Ich habe von diesen Muchtars hier gefordert, daß sie gleich nach ihrer Rückkehr in die Dörfer die Gemeinden zusammenrufen. Noch heute, und zwar so schnell wie möglich, soll alles, was erwachsen ist, von Wakef bis Kebussije, hier in Yoghonoluk zusammenkommen. Wir werden eine große Versammlung abhalten, in der über alle Mittel beschlossen werden soll, die zu ergreifen sind ...«

Pastor Nokhudians zittrige Stimme kam aus einem Winkel:

»Es gibt keine Mittel, die zu ergreifen sind ...«

Der Muchtar von Bitias trat ein wenig in den Raum:

»Ob es einen Zweck hat oder nicht, das Volk muß zusammenkommen, muß Reden hören und selbst reden. Es wird dann alles leichter.«

Ter Haigasun hatte die Unterbrechung mit gerunzelten Brauen über sich ergehen lassen. Dann setzte er Gabriel seinen Willen weiter auseinander:

»In dieser Versammlung sollen die Gemeinden Leute wählen, zu denen sie Vertrauen haben und welche die Führung übernehmen. Die Ordnung ist die einzige Waffe, die uns bleibt. Wenn wir auch draußen Führung und Ordnung behalten, dann werden wir vielleicht nicht sterben ...«

Bei dem Worte »draußen« hob Ter Haigasun die halbgeschlossenen Lider und sah Gabriel forschend an. Thomas Kebussjan wackelte mit dem Glatzkopf:

»Auf dem Kirchplatz kann die Versammlung nicht gehalten werden. In der Kirche auch nicht. Da sind die Saptiehs! Da sind noch andere. Gott weiß, wer sich einschleicht, wer zuhört und uns verrät! Auch ist die Kirche für alle zu klein. Aber wo?«

»Wo? Das ist sehr einfach!« Bagradian nahm zum erstenmal das Wort:

»Mein Garten ist durch eine hohe Umfassungsmauer abgeschlossen. Diese Mauer hat nur drei versperrbare Türen. Platz gibt es für zehntausend Menschen. Wir sind wie in einer starken Festung.«

Dieser Vorschlag Gabriels brachte die Entscheidung. Diejenigen, die aus Verzweiflung oder tatloser Mattigkeit die Vernichtung ohne mühsame Umstände hinnehmen wollten, und diejenigen, die bei allen Dingen Schwierigkeiten machten, konnten nichts mehr einwenden. Was ließen sich schließlich auch für ernste Einwendungen dagegen erheben, daß sich die Menschen des armenischen Tales in der Todesstunde ihres Volkes zusammentaten und Führer wählten, wenn diese auch so hilflos sein mochten wie die Geführten? Der Ort der Zusammenkunft war sicher und man mußte keine Angst vor Strafverschärfungen haben. Vielleicht spielte auch der Aberglaube mit, daß die Familie Bagradian Beziehungen zu den Machthabern unterhalte, die zugunsten der sieben Dörfer wirksam gemacht werden könnten. In abgestorbener Haltung, schleppenden Schrittes verließen die Männer den Raum, nachdem sie versprochen hatten, ihre Gemeinden unverzüglich auf die Beine zu bringen. Da Yoghonoluk ja in der Mitte der Ortschaften lag, würden in der vierten Nachmittagsstunde die letzten Nachzügler im Garten Gabriel Bagradian Effendis eintreffen. Die Muchtars wollten die Wache bei den Gartentoren selbst übernehmen, damit kein fremder Eindringling durchschlüpfe. Ter Haigasun erhob sich. Die Glocken riefen schon. Er mußte sich für den Gottesdienst bereit machen.

Von allen Messen der christlichen Bekenntnisse dauert die armenische am längsten. Die Spanne vom Introitus bis zum letzten Kreuzeszeichen des Priesters mag gut ein und eine halbe Stunde währen. Kein Instrument, nur Schellen und Beckenschläge begleiten die Gesänge des Chors, der an ungeduldigen Sonntagen die Zeitmaße beschleunigt, um den Priester vorwärtszutreiben und das Hochamt abzukürzen. Heute gelang es ihm nicht. In tiefer Versunkenheit verweilte Ter Haigasun bei jedem der heiligen Abschnitte und Akte länger denn je. Wollte er um des Wunders einer unfaßbaren Rettung willen sein Gebet anspannen? Wollte er den Augenblick hinauszögern, da der Blitz in die ahnungslose Gemeinde schlug? Der Augenblick war nur allzufrüh da, als er den letzten Segen erteilt und die Worte gesprochen hatte: »Geht in Frieden und der Herr sei mit euch!« In den Bänken begann schon der Aufbruch zu rauschen. Ter Haigasun aber trat bis an den äußersten Rand der Altarstufen vor, breitete die Arme aus und rief:

»Es ist geschehen, was wir gefürchtet haben!«

Dann fuhr er mit karger ruhiger Stimme fort. Es möge sich niemand unnütz erregen und hinreißen lassen. Die Totenstille, die in diesem Augenblick herrsche, müsse in den nächsten Tagen unverändert anhalten. Jede Kopflosigkeit, alles Durcheinander, alles Weinen und Jammern helfe nicht, sondern verschlimmere die Lage nur. Einigkeit, Festigkeit, Ordnung, mit diesen Mitteln allein lasse sich das Ärgste bekämpfen. Es sei noch Zeit genug, jeden Schritt zu überlegen. Ter Haigasun lud die Gemeinde zur großen Versammlung vor dem Hause Bagradian ein. Kein erwachsener, vollsinniger Mensch, ob Mann oder Weib, dürfe fehlen.

In dieser Versammlung sei es Sache der sieben Gemeinden, nicht nur in ihrer Gesamtheit Beschlüsse über das künftige Verhalten zu fassen, sondern auch Führer zu wählen, die das Volk gegenüber den Behörden bis zum Äußersten vertreten. Diesmal genüge der übliche Vorgang des Handaufhebens bei Gemeindewahlen nicht. Es nehme daher jedermann einen Zettel und Schreibstift mit, damit er seine Stimme in guter Form abgeben könne.

»Jetzt aber gehet ruhig nach Hause«, beschwor der Priester die Menge, »rottet euch nicht zusammen! Machet kein Aufsehen! Vielleicht hat man Spione ausgeschickt, die euch beobachten. Die Saptiehs dürfen nicht merken, daß ihr vorbereitet seid. Vergesset die Zettel nicht und kommt pünktlich! Nur Ruhe!«

Der nochmaligen Mahnung hätte es gar nicht bedurft. Wie ein Volk von Toten oder vom Tode Berührten taumelten die Menschen stumm ins Tageslicht, das sie nicht wiederzuerkennen schienen.

Der Mensch weiß nicht, wer er ist, ehedenn er geprüft wird. Gabriel Bagradians Lebenszeugnis bis zu diesem Tage: Sohn aus guter Familie. Im Wohlstand aufgewachsen, drüben in Europa, in Paris sein Leben in geistiger Beschaulichkeit verbringend. Längst abgelöst von Volk, Staat, jeglicher Massengemeinschaft, ein geborgener, ein abstrakter Mensch. Äußere Kanten, an die er sich stößt, gibt es nur wenig. Der ältere Bruder – ein unsichtbarer, unfühlbarer Wohltäter – sorgt als Haupt des Hauses für alle Bedürfnisse. Dann kommt, merkwürdig genug, die einzige Unterbrechung dieses nach innen gekehrten, denkenden und empfindenden Daseins. Die Episode der Militärschule und des Krieges. Der patriotische Idealismus, der mit diesem Beschaulichen plötzlich durchgeht, ist nicht leicht verständlich. Die große politische Verbrüderung zwischen der türkischen und armenischen Jugend erklärt ihn nur unzulänglich: Es ist vielleicht noch etwas anderes im Spiel, eine geheime Unruhe, der Versuch, seinem eigenen allzu gebahnten Leben zu entkommen. Während des kurzen Feldzuges aber lernt dieser Gabriel Bagradian unbekannte Fähigkeiten an sich kennen. Er ist nicht nur, wie er bisher gedacht hat, ein ausschließlich inwendigen Welten zugekehrter Mensch. Den Anforderungen an Tatkraft, Geistesgegenwart, Umsicht, Mut zeigt er sich in einem erstaunlichen Maße gewachsen, weit mehr sogar als seine orientalischen Kameraden. Er rückt schnell vor, er wird mehrfach ausgezeichnet und in den Meldungen an die Heeresleitung erwähnt. In der nachfolgenden Zeit freilich versinkt dies alles, wird zu einer beinahe unlogischen Erinnerung, da seine ursprüngliche Natur wieder zur Macht kommt, beruhigter und viel reifer als früher. Der heutige Tag aber, es ist der vierundzwanzigste Juli, macht alle Jahre dieses Lebens zu einem blassen Vorspiel.

Am tiefsten betroffen war Samuel Awakian, als er sah, wie sich die seit Wochen zusammengetragenen Schimären eines gelangweilten Nichtstuers zu dem sinnvollen Gebilde eines großen Kriegsplanes ineinanderfügten. Sie saßen in Bagradians Arbeitszimmer, das abgesperrt war. Mochte rufen und klopfen wer wollte, es wurde nicht geöffnet. Die geheimnisvollen Striche, Kreuze, Wellenlinien auf den drei Karten, die der Student als ein verträumtes Geduldspiel belächelt hatte, entpuppten sich nun als ein scharf durchdachtes Verteidigungssystem. Der dicke blaue Strich unterhalb des Nordsattels bedeutete einen langen Schützengraben, der sich an die (braungestrichelten) Steinbarrikaden der Felsseite lehnte. Die dünnere blaue Linie dahinter bezeichnete den Reservegraben, die kleinen Rechtecke seitlich der Gräben Flankensicherungen und vorgeschobene Posten. Auch die Ziffern von zwei bis elf, die den talzugewandten Bergrand des Damlajik füllten, wurden aus leeren Nummern zu wohlerwogenen Abschnitten der Verteidigung. Ebenso bekamen die verschiedenen Aufschriften einen Sinn: Stadtmulde, Schüsselterrasse, Kommandokuppe, Beobachter I, II, III, Südbastion. Was letztere anbelangt, so war sie der größte Glücksfall des Systems. Eine Besatzung von ein paar Dutzend Leuten genügte hier, um einen beliebig starken Gegner in Schach zu halten. Frauen sogar konnten dieses Abwehrwerk leisten. Gabriels Gesicht glühte vor Eifer. Es glich dem Knabengesicht Stephans wie noch nie:

»Ich habe alle Hoffnung der Welt« – er maß mit Stephans Zirkel Entfernungen nach –, »die türkischen Soldaten kenne ich. Die besten Leute sind an den Fronten. Was sich aber an Landwehr, Saptiehs und Irregulären in den Kasernen von Antiochia herumtreibt, das ist Lumpenpack und nur zu ungefährlichen Verbrechen verwendbar.«

Die hohe, etwas zurückweichende Stirn Samuel Awakians, der sich plötzlich in fremdartiges Kriegshandwerk versetzt sah, wurde im Gegensatz zu Gabriels Gesichtsfarbe käseblaß:

»Es kommen bei uns bestenfalls tausend Männer in Betracht. Wie es mit Gewehren und Munition steht, weiß ich nicht. In jedem türkischen Nest liegt Militär, nicht nur in Antakje, sondern überall ...«

»Wir sind ein Volk von fünfeinhalbtausend Menschen«, fuhr ihm Bagradian in die Rede, »wir haben kein Erbarmen zu erwarten, sondern nur den langsamen Tod. Der Musa Dagh aber läßt sich nicht so leicht einschließen.«

Awakian glotzte betäubt aus dem Fenster:

»Werden aber diese fünftausend dasselbe wollen wie Sie, Effendi?«

»Wenn sie es nicht wollen, so verdienen sie den gemeinen Tod im mesopotamischen Dreck ... Ich aber will gar nicht leben, ich will gar nicht gerettet werden! Ich will kämpfen! Ich will so viele Türken töten, als wir Patronen haben. Und wenn es sein muß, bleib ich allein auf dem Damlajik. Unter den Deserteuren!«

Es war nicht eigentlich Haß, sondern ein heiliger und zugleich lustiger Zorn, der aus Bagradians Augen flammte. Es schien, als freue er sich, allein gegen die Millionenarmeen Enver Paschas zu stehn. Wie Wahnsinn hob es ihn vom Sitz und trieb ihn durchs Zimmer:

»Ich will nicht leben, sondern einen Wert haben!«

Der zusammengesunkene Awakian gab noch immer nicht nach:

»Gut! Wir werden uns eine Zeitlang verteidigen. Und dann ...?«

Gabriel brach seine leidenschaftliche Wanderung ab und setzte sich ruhig wieder an seine Arbeit:

»Und dann werden wir binnen vierundzwanzig Stunden noch unzählige Probleme zu lösen haben. Wo kommt die Fleischbank hin, wo das Munitionsdepot, wo das Lazarett? Was für eine Art von Unterkünften soll errichtet werden? Quellen gibt es genug. Wie aber wird die Wasserversorgung am besten gehandhabt? Hier sind einige Zettel, auf denen ich eine Dienstordnung für die Waffenmannschaft schon entworfen habe. Machen Sie eine Reinschrift davon, Awakian! Wir werden sie brauchen. Ordnen Sie überhaupt all diese Notizen hier. Ich glaube nicht, daß ich viel vergessen habe. Vorläufig ist alles noch Theorie; doch ich bin überzeugt, daß sich der größere Teil verwirklichen läßt. Wir Armenier bilden uns doch immer so viel auf unsere geistige Überlegenheit ein. Damit haben wir sie aufs Blut erbittert. Nun aber wollen wir wirklich beweisen, wie sehr wir überlegen sind!«

Awakian saß ganz erschüttert da. Mehr noch als das allgemeine Schicksal verwirrten ihn die unwiderstehlichen Kraftströme, die von Gabriel ausgingen. Keine leuchtende, aber eine glühende Substanz war um ihn gebreitet. Je weniger er sprach, je ruhiger er arbeitete, um so dichter wurde sie. Samuel Awakian stand so stark unter dieser Wirkung, daß er seine Aufmerksamkeit nicht sammeln konnte, daß er keine Worte mehr für seine Zweifel fand, daß er Gabriels Kopf immer anstarren mußte, der ungestüm in die Arbeit an der Kriegskarte vertieft war. In seiner Regungslosigkeit überhörte er sogar die Worte Bagradians, so daß dieser seinen Auftrag ungeduldig wiederholte:

»Gehen Sie jetzt hinunter, Awakian! Sagen Sie, ich komme nicht zu Tisch. Sie sollen mir irgend etwas durch Missak heraufschicken. Ich darf keine Minute verlieren. Und dann, vor der Versammlung will ich keinen Menschen sehen, keinen, verstehen Sie, auch meine Frau nicht!«

Der Zuzug des Volkes begann schon in den ersten Nachmittagsstunden. Die Muchtars bewachten, wie es verabredet war, die drei Eingänge in der Parkmauer persönlich, um jeden einzelnen Teilnehmer der Versammlung zu begutachten. Diese Vorsichtsmaßregel erwies sich aber als überflüssig, denn Ali Nassif war mit seinem Posten unauffällig, ohne von langjährigen Bekannten Abschied zu nehmen, bereits gegen Antakje aufgebrochen. Auch hatte sich weder die türkische Briefträgerfamilie noch jemand von den muslimischen Anrainern der Dörfer heimlich den nach Yoghonoluk wandernden Scharen angeschlossen. Lange vor der angesetzten Zeit sickerten die letzten Trupps durch das Sieb. Dann wurden die große Einfahrt und die beiden Gartentüren verrammelt. Das Volk drängte sich auf dem großen Freiplatz vor der Villa zusammen. Etwa dreitausend Menschen. Am linken Flügel des Hauses dehnte sich der geräumige Wirtschaftshof, der aber auf Wunsch Ter Haigasuns durch ein paar zusammengeknüpfte Wäscheschnüre abgegrenzt und freigehalten wurde. Auf der gehobenen Rampe des Hauses hatten sich die Notabeln zusammengefunden. Die kleine Treppe, die emporführte, bot eine hinreichende Rednerkanzel. Der Gemeindeschreiber von Yoghonoluk hatte am Fuß dieser Treppe sein Tischchen aufgestellt, um die wichtigsten Beschlüsse aufzuzeichnen. Gabriel Bagradian blieb so lange wie möglich in seinem Zimmer, dessen Fenster ja der Menge abgekehrt waren. Er wollte die innere Fülle, die ihn beherrschte, nicht vorzeitig durch unverbindliches Gerede verzetteln. Er trat erst aus dem Hause, als schon Ter Haigasun nach ihm gesandt hatte. Fahle, niedergebrannte Gesichter vor ihm, nicht dreitausend, sondern ein einziges. Das hoffnungslose Gesicht der Austreibung, hier wie an hundert anderen Orten zu dieser Stunde. Die Masse stand, ohne daß es nötig war, so qualvoll zusammengepreßt, daß sie kleiner wirkte, als es ihrer Zahl entsprach. Nur weit dahinten, wo alte Bäume die Freiung abschnitten, hockten, lagen, lehnten einige, von der Menge abgelöst, als gehe sie ihr eigenes Leben nichts mehr an.

Als Gabriel dieses Volk, das sein eigenes Volk war, überschaute, wandelte ihn ein plötzliches Entsetzen an. Sein Herz kam angstvoll aus dem Takt. Wieder einmal war die Wirklichkeit völlig verschieden von dem Begriff, den er sich von ihr gemacht hatte. Dies waren nicht dieselben Menschen, die er täglich in den Dörfern sah, die den Gegenstand seiner kühnen Berechnungen bildeten. Tödliche Strenge und Bitterkeit starrte ihn aus aufgerissenen Augen an. Gesichter rings wie gedörrte Früchte. Selbst die Wangen der Jugend dünkten ihn gefurcht und faltig. War er auf seinen Forschergängen in den Bauern- und Handwerkerstuben gesessen, so hatte er die Wahrheit ebensowenig gesehen wie ein Reisender, der eine Ortschaft im Wagen durchquert. Jetzt erst in dieser mächtig aufhorchenden Stunde geschah die erste Berührung zwischen dem Entwurzelten und seinem Stamm. Alles, was er in seinem Zimmer durchdacht und ausgearbeitet hatte, kam ins Schwanken. So fremd, so unheimlich war der Anblick derer, die er mit sich reißen wollte. Frauen, die noch ihr Sonntagsgewand mit seidenen Kopftüchern trugen, Münzenschmuck um den Hals und klappernde Hülsen von Armbändern an den Gelenken. Manche waren auf türkische Art gekleidet. Ihre Beine steckten in weiten Pluderhosen und über die Stirn hatten sie den Feredjeh gezogen, obgleich sie fromme Christinnen waren. Die Nachbarschaft brachte solche Angleichungen mit sich, besonders in den äußeren Dörfern, wie Wakef und Kebussije. Gabriel sah die Männer in ihren dunkeln Entaris, auf den bartumrahmten Häuptern den Fez oder die Fellmütze. Da es warm war, hatten einige das Hemd geöffnet und zeigten die Brust. Sonderbar hell leuchtete die Haut unter den verbrannten, vogeldürren Bauernhälsen. Die weißen Prophetenköpfe blinder Bettler tauchten da und dort aus der Masse wie eine neugierige Schuldforderung an den Jüngsten Tag. Ganz vorne stand Kework, der Tänzer mit der Sonnenblume. Auch der Gesichtsausdruck des Kretins glich nicht mehr einem diensteifrigen Lallen, sondern einem Vorwurf, der von dieser zu jener Welt hinüberreichte. Gabriel fuhr mit eiskalter Hand über den englischen Stoff seines Anzugs. Wie Brennesseln rührte er sich an. Und zugleich wuchs die Frage: Warum gerade ich!? Wie soll ich zu ihnen sprechen!? Was maße ich mir an? Wie eine Sonnenfinsternis fuhr die Verantwortung, die er auf sich nahm, mit Fledermausschatten über ihn hin. Ein schäbiger Gedanke: Weg von hier! Noch heute! Gleichviel wohin! Ter Haigasun begann seine ersten Worte langsam in die Massen einzuschlagen. Immer vernehmlicher hafteten sie in Gabriels Ohr. Worte und Sätze gewannen Sinn. Die Sonnenfinsternis wich von seinem Himmel.

Ter Haigasun stand regungslos auf der höchsten Stufe. Nur die Lippen und das Kreuz auf seiner Brust bewegten sich leicht, während er sprach. Die spitze Kapuze verdunkelte sein Wachsgesicht, aus dessen tiefen Backengruben der schwarze Bart mit den beiden grauen Strähnen drang. Die Augen, die er geschlossen hielt, bildeten zwei rätselhafte Schatten. Er sah aus, als erlebe er in dieser Stunde nicht den Beginn des Unausdenklichen, sondern habe es schon durch- und ausgekostet, und jetzt, ans Ziel gelangt, werde er sich endlich hinlegen dürfen. Obgleich das Armenische wie alle östlichen Sprachen zu Feierlichkeit und Bilderprunk verführt, redete er in knappen, beinahe trockenen Sätzen: Die Absicht der Regierung müsse genau erkannt werden. Unter den älteren Menschen hier gebe es wohl keinen, der nicht die Metzeleien der früheren Zeit verspürt habe, wenn nicht am eigenen Leib, so doch in dem Todesleiden von Anverwandten drüben in Anatolien. Dabei habe Christus mit unverdienter Huld über dem Musa Dagh gewacht. Gesegnete Jahre lang sei Frieden in den Dörfern gewesen, während zu gleicher Zeit die Volksgenossen in Adana und anderswo zu Zehntausenden abgeschlachtet wurden. Man müsse aber genau unterscheiden zwischen Massaker und Austreibung. Ersteres daure vier, fünf, schlimmstens sieben Tage. Der Tapfere finde immer Gelegenheit, sein Leben teuer zu verkaufen. Schlupfwinkel für Frauen und Kinder seien rasch vorbereitet, der Blutdurst des rasenden Militärs verrauche bald, selbst den tierischesten Saptieh ergreife nachher Ekel. Die Regierung habe diese Metzeleien zwar immer selbst veranstaltet, sich aber nie zu ihnen bekannt. Sie entstanden aus der Unordnung und gingen in der Unordnung unter. Die Unordnung sei aber noch der beste Teil dieser Schurkereien gewesen und das ärgste Schicksal der Tod. Nicht so die Austreibung! Hierbei könne sich noch derjenige beglückwünschen, der durch den Tod, auch den grausamsten, von ihr erlöst werde. Die Austreibung gehe nicht vorüber wie ein Erdbeben das immer noch einen Teil der Menschen und Häuser verschont. Die Austreibung werde so lange dauern, bis der Letzte des Volkes durch das Schwert getötet, auf der Landstraße verhungert, in der Wüste verdurstet, von Cholera und Flecktyphus hinweggerafft sei. Diesmal herrsche nicht regellose Willkür und aufgepeitschter Blutrausch, sondern etwas weit Entsetzlicheres – Ordnung. Alles verlaufe nach einem in den Ministerien von Stambul ausgearbeiteten Plan. Er, Ter Haigasun, wisse von diesem Plan seit Monaten, lange noch, bevor das Zeitun-Unglück ausbrach. Er wisse auch, daß alle Anstrengungen des Katholikos, des Patriarchen und der Bischöfe, die Bitten und Drohungen der Botschafter und Konsuln nichts gefruchtet hätten. Das einzige, was er, als armer kleiner Priester, habe tun können, war schweigen, unter Wissensqualen schweigen, damit die letzte gute Lebenszeit seiner armen Pfarrkinder nicht zerstört werde. Diese Zeit sei endgültig zu Ende. Nun müsse man der Wahrheit ohne Selbstbetrug ins Auge sehn. Niemand möge bei der Aussprache mit törichten Vorschlägen kommen, an die Behörden Bittgesandtschaften abzuschicken und dergleichen. Unsinnige Zeitvergeudung wäre das: »Menschliche Gnade gibt es nicht mehr. Christus, der Gekreuzigte, fordert die Nachfolge seines Leidens. Es bleibt für uns gar nichts anderes übrig, als zu sterben ...«

Hier schaltete Ter Haigasun eine kaum merkliche Pause ein, ehe er mit verändertem Ausdruck schloß:

»Es fragt sich nur, wie!«

»Wie sterben?? ...«, schrie Pastor Aram Tomasian und schnellte neben Ter Haigasun vor, »ich weiß, wie ich sterben werde. Nicht wie ein wehrloser Hammel, nicht auf der Landstraße nach Deïr es Zor, nicht im Kot der Deportationslager, nicht am Hunger und nicht an der stinkenden Seuche, nein, auf der Schwelle meines Hauses werde ich sterben, mit der Waffe in der Hand, dazu wird mir Christus helfen, dessen Wort auch ich künde. Und mit mir soll mein Weib sterben und das Ungeborene in ihr! ...«

Dieser Ausbruch hatte Arams Brust fast zersprengt. Er preßte die Hand aufs Zwerchfell, um seinen Atem zu sammeln. Ruhiger geworden, hob er nun an, das Schicksal der Ausgetriebenen zu beschreiben, wie er es selbst, wenn auch nur zum geringsten Teil und in mildester Form, erlebt hatte:

»Was das ist, weiß niemand vorher, niemand kann es ausdenken. Man weiß es erst im letzten Augenblick, wenn der Offizier den Abmarsch befiehlt, wenn die Kirche und die Häuser, nach denen man sich umsieht, kleiner und kleiner werden, bis sie verschwinden ...«

Aram beschrieb den unendlichen Weg, von Etappe zu Etappe, das Wundwerden der Füße, das Aufschwellen des Körpers, das Zusammenbrechen, das Liegenbleiben, das Sichweiterschleppen, das allmähliche Vertieren, das wochenlange Verrecken unter täglichen Knutenhieben. Seine Sätze fielen selbst wie breite Knutenhiebe auf die Menge. Doch sonderbar! Noch immer entrang sich den gefolterten Seelen der Tausende kein Aufschrei, kein Wahnsinnsanfall. Noch immer starrten sie auf das Menschenhäuflein dort oben vor dem Haustor wie auf tragische Possenreißer, die ihnen etwas vormachten, was sie nichts anging. Diese Weinbauern, Obstgärtner, Holzschnitzer, Kammacher, Imker, Raupenzüchter, Seidenweber, die dem Nahenden so lange entgegengewartet hatten, sie konnten es nun, da es gekommen war, mit dem Verstande nicht fassen. Die verfallenen Gesichter zeigten immer angestrengtere Züge. Die Lebenskraft mühte sich ab, die kranke Verpuppung der letzten Zeit zu durchstoßen. Aram Tomasian rief:

»Selig sind die Toten, die alles schon hinter sich haben.«

Hier ging das erstemal ein unbeschreiblicher Wehelaut durch die Menge. Kein Aufheulen, sondern ein langes singendes Stöhnen, ein hinschwellender Seufzer, als seufze nicht der Mensch, sondern die leidende Erde selbst auf. Arams Wort schwang scharf über dem Wehelaut:

»Auch wir wollen den Tod so schnell wie möglich hinter uns haben! Deshalb werden wir unsre Heimstätten verteidigen, damit wir alle, Männer, Frauen, Kinder, einen raschen Tod finden!«

»Warum Tod?«

Die Stimme kam aus Gabriel Bagradians Mund. Ein Licht tief in ihm fragte, während er sich hörte: Bin ich das? Sein Herz ging ruhig! Die beklommene Anwandlung war vorüber, für immer. Große Sicherheit stieg in ihm auf. Die Muskeln waren entspannt. Mit all seinem Wesen wußte er: Für diese Minute jetzt lohnt es sich, gelebt zu haben. Immer, sooft er mit den Leuten der Dörfer gesprochen hatte, erschien ihm sein armenisches Wort gekünstelt und gequält. Nun aber sprach nicht er – und dies gab die große Ruhe –, sondern die Macht, die ihn hierhergeführt hat auf den langen Umwegen der Jahrhunderte und auf dem kurzen Umweg seines eigenen Lebens. Er lauschte mit Verwunderung dieser Kraft, die aus ihm so natürlich ihre Worte holte:

»Ich habe nicht unter euch gelebt, meine Brüder und Schwestern ... Es ist wahr ... Ganz entfremdet war ich der Heimat und wußte nichts mehr von euch ... Da hat mich aber, wohl um dieser Stunde willen, Gott aus den großen Städten des Westens hierhergeschickt in das alte Haus meines Großvaters ... Und jetzt bin ich nicht mehr ein Halbfremder und Gast unter euch, denn ich werde dasselbe Schicksal haben wie ihr ... Mit euch werde ich leben oder sterben ... Die Behörde wird mich weniger verschonen als irgendeinen anderen, ich weiß es ... Meinesgleichen haßt und verfolgt sie mit größter Rachsucht ... Wie ihr alle bin ich gezwungen, das Leben meiner Angehörigen zu verteidigen ... Deshalb habe ich schon seit mehreren Wochen alle Möglichkeiten, die uns bleiben, genau durchforscht ... Seht her, der ich anfangs mutlos war, nun bin ich es nicht mehr ... Voll von Hoffnung bin ich ... Wenn uns Gott hilft, werden wir nicht sterben ... Ich spreche nicht als leichtsinniger Narr zu euch, sondern als ein Mann, der den Krieg erlebt hat, als Offizier ...«

Immer klarer bildete sich Wort um Wort. Die leidenschaftliche Arbeit der letzten Tage kam ihm zugute. Die Fülle wohlüberlegter Einzelfragen gab ihm immer mehr innere Festigkeit. Die Überlegenheit systematischen Denkens, wie er es in Europa gelernt hatte, hob ihn hoch über die dumpfen und ergebenen Häftlinge des Verhängnisses. Ein ähnlich spielerisches Machtgefühl hatte ihn in seiner Jugend beherrscht, wenn er bei Prüfungen auf eine Frage mit erschöpfendem Wissen zu antworten verstand, gleichsam wählerisch in diesem Wissen grabend. Er ging auf Arams verzweifelte Rede ein, ohne sie zu erwähnen: Den Saptiehs auf den Straßen und in den Häusern der Dörfer Trotz zu bieten, sei ein unsinniges Beginnen. In den ersten Stunden könne es vielleicht zu einem überraschenden Erfolg führen, desto sicherer aber ende es dann nicht mit einem raschen, sondern mit einem ausgedehnten Martertod, sowie mit der Vergewaltigung und Verschleppung der jungen Frauen. Er, Bagradian, sei ebenfalls für Verteidigung bis zum letzten Blutstropfen. Dafür aber gebe es bessere Plätze als das Tal und die Dörfer. Er wies mit der Hand in die Richtung des Musa Dagh, der sich hinter dem Hause aufbaute und mit seinen Kuppen übers Dach schaute, als nähme er teil an der großen Versammlung. Alle möchten sich der alten Geschichte erinnern, in denen der Damlajik den verfolgten Armeniersöhnen Zuflucht und Schutz geboten habe:

»Um den Damlajik wirklich zu belagern und zu erobern, bedarf es einer großen Truppenmacht. Dschemal Pascha braucht seine Truppen gewiß zu einem andern Zweck, als um ein paar tausend Armenier auszuheben. Mit den Saptiehs werden wir aber leicht fertig. Den Berg zu verteidigen, genügen einige hundert entschlossene Männer und ebenso viele Gewehre. Diese Männer und diese Gewehre haben wir.«

Er hob seine Hand wie zum Schwur:

»Ich verpflichte mich hier vor euch, die Verteidigung so zu führen, daß unsere Frauen und Kinder länger vor dem Tode bewahrt bleiben als in der Verschickung. Wir können uns mehrere Wochen, ja Monate halten. Wer weiß, vielleicht gibt es Gott bis dahin, daß der Krieg zu Ende ist. Dann werden wohl auch wir erlöst sein. Wenn der Friede aber nicht kommt, so haben wir doch noch immer das Meer im Rücken. Zypern mit seinen englischen und französischen Kriegsschiffen ist nahe. Dürfen wir denn nicht hoffen, daß eines dieser Schiffe einmal an der Küste vorüberfährt und von unseren Hilferufen und Signalen erreicht wird? Sollte aber keiner dieser Glücksfälle eintreten, sollte Gott unseren Untergang beschlossen haben, so wird es zum Sterben immer noch Zeit genug sein. Und dann werden wir uns nicht selbst verachten müssen als wehrlose Hammel!«

Die Wirkung dieser Rede war durchaus nicht klar. Es schien, als erwache die Menge jetzt zum erstenmal aus ihrer Lähmung zum vollen Bewußtsein des Schicksals. Gabriel glaubte anfangs, er sei entweder nicht verstanden worden, oder das Volk verwerfe seinen Plan mit Wutgeheul. Der feste Körper der Masse fuhr auseinander. Frauen kreischten. Heisere Männerflüche hämmerten gegeneinander. Ein wogendes Hin und Her. Wo waren die gottergebenen, gramverrunzelten Bauerngesichter, wo der Schleier der Totenstille über ihnen? Ein wüster Streit schien anzuheben. Die Männer fuhren gegeneinander los, sie schrien und zerrten sich an den Gewändern, ja an den Bärten. Doch dies war weniger ein Meinungsstreit als eine tolle Entladung, eine Zersprengung des ohnmächtigen Todeswissens, die das erste Wort der Zuversicht und Energie ausgelöst hatte.

Wie? Unter all diesen Tausenden, die jetzt in ihrer entfesselten Verzweiflung durcheinanderschrien, gab es keinen, der denselben, so einfachen Gedanken in der langen Wartefrist gefaßt hatte? Einen Gedanken, der durch alte Überlieferungen so nahe lag? Mußte erst ein Fremder, ein Herr aus Europa kommen, um ihn auszusprechen? Nun, denselben Gedanken hatte unter diesen Tausenden so mancher gefaßt, doch nur wie eine untaugliche Träumerei. Auch in der heimlichsten Zwiesprache war er über keine Lippe gedrungen. Bis vor wenigen Stunden noch hatten sie sich in ihrer künstlichen Schlaftrunkenheit vorgefabelt, das große Schicksal werde gerade am Musa Dagh mit eingezogenen Krallen vorüberschleichen. Und dann, wer waren sie? Arme, verlassene Dörfler, ein ausgesetzter Stamm auf bedrängter Insel, ohne eine Stadt im Rücken. In Antiochia gab es nicht eben viele Armenier, und das waren Geldwechsler, Bazarhändler, Getreidespekulanten, demnach nicht die rechten Empörer und Kampfhelfer. In Alexandrette wiederum lebte nur eine kleine Schar von ganz Reichen, von Bankiers und Kriegslieferanten in prunkvollen Villen, ähnlich wie in Beirût. Diese angstgepeitschten Geldmagnaten dachten gar nicht an das kleine Bergvolk des Musa Dagh. Unter ihnen befand sich kein Mann vom Wuchse Awetis Bagradians, des Alten. Sie schlossen die Fensterläden ihrer Villen und verkrochen sich in die finstersten Winkel. Zwei oder drei waren, um Leben und Vermögen zu retten, zum Islam übergetreten und hatten sich dem stumpfen Beschneidungsmesser des Mollah dargeboten. Oh, die Leute oben, dort weit im Nordosten, die Bürger von Wan und Urfa, die hatten es leicht. Wan und Urfa, das waren große armenische Städte, voll von Waffen und uraltem Trotz. Köpfe gab es da, die Abgeordneten der Daschnakzagans. Sie konnten das Volk führen. Dort war es leicht, an Widerstand zu denken und ihn zu organisieren. Wer aber durfte in dem armseligen Yoghonoluk so frevelhaft denken? Widerstand gegen die Staats- und Militärgewalt? Jeder, der hier geboren war und lebte, trug für diesen Staat, den alten Erbfeind, eine mit Grauen vermischte Ehrfurcht im Blut. Staat, das war der Saptieh, der einen ohne Grund schlagen und in Haft nehmen durfte, Staat, das war der Steuerbeamte und -pächter, der in die Häuser einbrach und raubte, was ihm geeignet schien, Staat, das war die schmutzige Kanzlei mit dem Sultanbild, den Koransprüchen und dem vollgespuckten Estrich, wo man Bedel entrichtete, Staat, das war die Kaserne mit dem öden Hof, wo man als Soldat dienen mußte, wo der Tschausch oder Onbaschi Faustschläge austeilte und für den Armeniersohn eine eigene Bastonnade vorrätig war. Und trotz alledem: das hündische Gefühl der Angst und Ergebenheit gegen diesen wohlwollenden Staat wurde auch der Armeniersohn nicht los. So war es denn mehr als verständlich, daß, abgesehen von Pastor Tomasians kopflosem Ausbruch, kein Einheimischer, sondern ein Fremder, ein Freigelassener, den ersten planvollen Gedanken der Selbstverteidigung unter die Menge warf. Denn nur dieser Freigelassene besaß die nötige Unschuld, den Gedanken auch auszusprechen. Das Volk aber hatte sich damit noch lange nicht abgefunden. Der Streit schien zu wachsen, das Kreischen und das Fäustegeschüttel, das diesen sonst so scheuen Frauen und ernsten Männern gar nicht anstand. Es läßt sich leicht vorstellen, daß die kleinen Kinder, welche die Mütter im Arm oder auf dem Rücken trugen, das allgemeine Tosen durch ihr Gezeter noch verschärften. Ohne Zweifel erkannten auch die Kinderseelen in diesem Augenblick die Gefahr und wehrten sich mit schrillen Wiehertönen gegen den nahenden Tod. Gabriel sah schweigend auf den Trubel hinab. Ter Haigasun trat zu ihm. Mit den Fingerspitzen seiner beiden Hände rührte er Bagradians Schultern an. Es war der Keim, der entschlossene Versuch einer Umarmung. Eine Gebärde des Segnens und der Selbstüberwindung zugleich. Auf dem Grund seiner demütigen und harten Augen stand vielleicht zu lesen: So haben wir es miteinander ohne ein Wort vereinbart. Ich habe das von dir erwartet. Gabriel hatte, sooft er mit Ter Haigasun zusammentraf, die Empfindung gehabt, daß sich dieser vor ihm verschließe, ja daß er ihn sogar aus einem unbekannten Grunde abweise. Deshalb machte ihn die versuchte Umarmung des Priesters jetzt betroffen und regungslos. Ter Haigasuns leidensschmale Finger glitten von seinen Schultern ab.

Inzwischen versuchte Pastor Harutiun Nokhudian die Menge zu beruhigen. Der kleine dürftige Mann hatte dabei mit seiner Frau zu kämpfen, die sich erregt an ihn drängte und es verhindern wollte, daß er eine Unvorsichtigkeit begehe. Nur langsam gelang es Nokhudian, sich Gehör zu verschaffen. Er mußte seine schwache Stimme, so hoch er konnte, anspannen:

»Christus befiehlt uns streng, der Obrigkeit zu gehorchen. Christus befiehlt uns streng, dem Übel nicht zu widerstreiten. Mein Amt ist das Evangelium. Ich kann als Hirte meiner Herde keiner Widersetzlichkeit zustimmen.«

Der Pastor, der im Hause Bagradian meist den Eindruck eines kleinlaut kränklichen Männchens gemacht hatte, bewies nun in der Begründung seines Standpunktes große Festigkeit. Er schilderte die Folgen einer bewaffneten Auflehnung, wie er sie sah. Dieser Aufruhr erst gebe der Regierung das volle Recht, die verruchte Maßregel in ein rücksichtsloses Rachewerk zu verwandeln. Dann sei auch der Tod nicht mehr die verdienstvolle Leidensnachfolge des Herrn, sondern eine gesetzesmäßige Strafe für Aufrührer. Und nicht nur die Seelen der hier Versammelten würden mit dem Frevel der Rebellion vor Gott belastet sein, sondern diese kehre sich in ihrer Auswirkung unaufhaltsam gegen die gesamte Nation, gegen alle Armeniersöhne und -töchter. Sie schenke den Herrschenden vor der ganzen Welt eine willkommene Handhabe, die armenische Millet nachweislich als Ehebrecherin der Staatsgemeinschaft und als Hochverräterin zu brandmarken. Eine gute Frau dürfe ihr Haus auch dann nicht preisgeben, wenn der eigene Mann sie mißhandle. Dies war die Ansicht Harutiun Nokhudians, in dessen Haus die Dinge umgekehrt lagen, da die Seinige ihn nicht nur in Gesundheitsfragen tyrannisierte. Seine angestrengte Stimme drohte zu brechen:

»Wer aber kann behaupten, daß unsere Austreibung unbedingt das Ende sein muß, wie Ter Haigasun und Aram Tomasian es weissagen? Sind Gottes Ratschlüsse nicht auch für sie unerforschlich? Hat der Herr nicht die Macht, uns Hilfe von allen Seiten zu senden? Wohnen nicht überall Menschenseelen, auch unter Türken, Kurden und Arabern, die sich erbarmen? Werden wir nicht, sofern wir uns unser Gottvertrauen bewahren, Wohnung und Nahrung auch in der Fremde finden? Ist es nicht möglich, daß die Rettung, während wir verzweifeln, schon unterwegs ist? Findet sie uns hier nicht, so wird sie uns vielleicht in Aleppo finden. Geschieht in Aleppo nichts, so wollen wir auf die nächste Station hoffen. Unser Leib wird bitter leiden, aber unsere Seelen werden frei sein. Wenn wir zwischen einem schuldlosen und einem sündhaften Tod zu wählen haben, warum sollen wir den sündhaften wählen?«

Harutiun Nokhudian konnte nicht weiterreden, denn sein mageres Stimmchen wurde von einer tiefen und entschiedenen Frauenstimme zur Seite geschoben. War diese kampflustige Erscheinung im schwarzen Matronengewand wirklich Mütterchen Antaram, die Frau des alten Arztes? War's wirklich Mairik Antaram, die Helfende und Betreuende, das Mütterchen der Mütter, von der auch diejenigen, denen sie mit Rat und Tat beistand, nie eine längere Rede gehört hatten? Das schwarze Spitzentuch war von ihrem nicht gänzlich ergrauten, in der Mitte gescheitelten Haar in der Erregung zurückgeglitten. Aus dem tief geröteten Gesicht sprang die kühne Nase adlig vor. Aus breiten Hüften wuchs die kraftausströmende Gestalt mit dem zurückgeworfenen Kopf hoch. Tausend streitsüchtige Runzeln umkränzten die hellen, blauen Augen. Und doch, Antaram Altouni war jung vor herrlicher Empörung:

»Ich bin eine Frau« – die gesättigte Stimme ertrotzte sich mit ihrem ersten Laut völlige Ruhe –, »ich bin eine Frau und spreche für alle Frauen hier! Viel habe ich erlitten! Mein Herz ist oft und oft gestorben. Der Tod ist mir längst gleichgültig. Ich werde gar nicht hinschauen, wenn er kommt. Doch in der Erniedrigung will ich nicht zugrunde gehen, auf der Landstraße werde ich nicht krepieren und nicht auf freiem Feld verfaulen, ich nicht! Doch auch nicht leben will ich bleiben in einem der Deportationslager unter den ehrlosen Mördern und den ehrlosen Opfern, ich nicht! Wir Frauen wollen das alle nicht, nein, wir alle nicht!! Und wenn die Männer zu feig sind, so werden wir Weiber allein uns bewaffnen und auf den Musa Dagh ziehen ... Mit Gabriel Bagradian!«

Dieser fanatische Aufruf erregte einen Tumult, der den vorherigen weit übertraf. Es hatte den Anschein, als ob die Sinnberaubten im nächsten Augenblick die Messer ziehen und so dem Blutbad durch die Türken zuvorkommen würden. Schon wollten sich die Lehrer mit Schatakhian an der Spitze unter die Menge werfen, um die Streitenden zu trennen und im Notfall Polizeidienste zu leisten. Mit einem kleinen Wink rief sie Ter Haigasun zurück. Besser als alle Lehrer und Muchtars kannte er sein Volk. Dieser Ausbruch war kein Streit. Leere Erregung. Das Bewußtsein der Tausende, das mit dem Austreibungsbefehl noch nicht fertig geworden war, mußte jetzt die schallenden Worte der Redner langsam aufsaugen. Ein Blick des Priesters sagte: Laßt sie nur. Geduldig sah er dem Tumult zu, in dem die Frauenstimmen, durch Antaram aufgestachelt, immer mehr die Oberhand gewannen. Er verhinderte es auch, daß andre Redner, die sich meldeten, wie zum Beispiel Oskanian, der Lehrer, das Wort nahmen. Er hatte recht damit. Der Lärm, dem keine Nahrung mehr zugeworfen wurde, brach schneller zusammen, als man hätte meinen sollen. Nach einigen Minuten war er in sich selbst erstickt und nur Murren und Schluchzen blieb übrig. Jetzt war der Augenblick für Ter Haigasun gekommen, um mit schlagfertiger Knappheit eine rasche Klärung und Entwicklung der Dinge herbeizuführen. Er machte mit der Rechten ein begütigendes Zeichen:

»Es ist doch alles ganz einfach«, sagte er ohne Stimmaufwand, doch jede Silbe scharf absetzend, damit sie sich in den dumpfen Verstand der Masse einbohre: »Zwei Vorschläge sind gemacht worden. Sie schreiben uns die beiden einzigen Wege vor, die wir gehen können. Andre Wege als diese beiden gibt es für uns nicht. Der eine, Pastor Nokhudians Weg, führt mit den Saptiehs nach Osten, der andere, Gabriel Bagradians Weg, führt mit unseren eigenen Waffen auf den Damlajik. Jedem von euch steht es völlig frei, den seinen zu wählen, wie es ihm Verstand und Wille vorschreibt. Zu reden gibt es darüber nichts mehr, denn alles Richtige ist schon gesagt worden. Ich will euch die Entscheidung sehr einfach machen. Pastor Harutiun Nokhudian wird die Güte haben, sich dort auf den freien Hof jenseits der Hanfschnur hinzustellen. Wer die Ansicht des Pastors teilt, wer in die Verbannung gehn will, der möge zu ihm treten. Wer aber auf Seite Gabriel Bagradians ist, der soll dort stehen bleiben, wo er steht. Niemand beeile sich! Wir haben Zeit.«

Tiefe Stille plötzlich. Nur Frau Nokhudians schnelles, fast bellendes Weinen war hörbar. Der alte Pastor senkte den Kopf unter dem runden Käppchen. Eine schwere Gedankenlast schien seinen Oberkörper niederzubeugen und zu Boden zu ziehen. In dieser Denkhaltung verblieb er sehr lange. Dann begannen sich seine Beine zu regen. Er stapfte mit kleinem, zögerndem Tritt zu der Stelle, die Ter Haigasun ihm bezeichnet hatte. Die Hanfschnur hob er mit ungeschickter Geste über den Kopf. Der Wirtschaftshof erstreckte sich fast bis zur Villa. Nur ein Rasenstück mit einer Wand von Magnoliensträuchern lag dazwischen. Der große Hof war völlig menschenleer. Nicht nur die Dienerschaft des Hauses, auch die Stalleute drängten sich in der Versammlung. Nokhudians kurze Beinchen kosteten den Weg der Entscheidung voll aus, sie brauchten eine ganze Weile, bis die Magnolienbüsche erreicht waren, wo er, mit dem Rücken zur Menge, Aufstellung nahm. Die vom Weinen geschüttelte Frau folgte. Wiederum eine noch länger gedehnte und noch hohlere Frist, in der kein Wort fiel. Dann erst lösten sich ein paar Menschen aus dem Kern der Menge, drängten sich durch und traten, den Zwischenraum mit demselben zaghaft versonnenen Schritt durchmessend, hinter Pastor Nokhudian. Erst waren es nur wenige, die Ältesten der protestantischen Gemeinde von Bitias mit ihren Frauen. Mit der Zeit aber wurden es immer mehr, die sich für die Verbannung entschieden, bis der Pastor am Ende fast seine ganze Herde beisammen hatte, Junge und Alte. Dieser schlossen sich überdies noch einige Personen aus den anderen Dörfern an; doch das waren ausschließlich alte und beladene Leute, denen die Kraft zum Widerstand schon fehlte oder die wirklich den Himmel am Abend ihres Lebens nicht wider sich aufbringen wollten. Die Hände wie zum Gebet vor die Brust gefaltet, taten sie jetzt den ersten Schritt auf dem großen Passionsweg. Das geschah alles so gemessen, so ganz inwendig, daß es nicht den Eindruck eines folgenschweren Entschlusses, sondern einer religiösen Zeremonie erweckte: als ob es den Menschen beschieden sei, ohne sich erst zum Sterben auszustrecken, schreitenden Fußes ins Grab zu steigen. Einer. Und wieder einer. Ein Paar. Und dann mehrere. Dann wieder ein Paar. Nokhudians Schar mochte zum Schluß etwa vierhundert Seelen umfassen, jene Mitglieder der protestantischen Gemeinde ungerechnet, die aus Krankheits- oder anderen Gründen hatten zu Hause bleiben müssen. In ihnen nahm der Pastor einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung von Bitias, dem zweitgrößten Ort des Tales, mit sich. Die große Masse verfolgte den stockenden Gang ihrer Landsleute, die sich zum Gehorsam entschieden, mit gebannten Augen. Kein Wort, kein Laut störte. Der letzte aber, der mit großer Verspätung zu Nokhudians Truppe stieß, war ein verhutzelter Mensch, der an seinem Stock wie ein Betrunkener schwankte und mit sich selbst sprach. Diese den Leuten wohlbekannte Spottgestalt aus Kebüssije, die wahrscheinlich gar nicht verstand, worum es ging, löste in der großen Menge eine häßliche und überhebliche Regung aus. Ursprünglich war's nur der Anblick des Verblödeten, der zum gewohnten Mutwillen reizte. Dann aber trat der Hochmut dazu: Hier sind die Tapferen und dort die Feigen! Hier stehen die Starken, die Vollgültigen, und dort die Krüppel. Es geschah weiter nichts, als daß ein Jugendlicher irgendein lautes Hohnwort ausstieß, von dem sich ein wellenförmiges Lachen über die ganze Versammlung verbreitete. Ter Haigasun aber sprang mit einem Satz in die festgekeilte Masse, die er mit beiden Armen zerteilte, als wolle er bis zu dem Kern der Gemeinheit, dem Spötter selbst vordringen, ihn herausholen und züchtigen. Sein Gesicht war dunkel vor Zorn. Die Kapuze fiel von dem kurzen eisengrauen Haar zurück. In seinen Augen funkelte Mord:

»Welcher Hund wagt es? Welche Teufel lachen!?«

Er schlug die Faust mehrmals heftig an seine Brust, um wenigstens für die Spötter sich selbst zu strafen und seine Wut zu beruhigen. Dann aber ging er in der neuen Stille auf Harutiun Nokhudian und seine Schar zu, blieb in einiger Entfernung stehn, verbeugte sich tief und sagte mit seiner schallenden Priesterstimme:

»Ihr werdet für uns immer heilig sein. Mögen auch wir heilig sein für euch!«

Bagradians Geist fieberte. Ein ungedämmter Strom von Einfällen riß ihn fort. Das große Verteidigungswerk arbeitete leidenschaftlich in ihm weiter. Da die Entscheidung gefallen war, folgte er den Vorgängen nur mit halbem Ohr. Sein aufgepeitschtes Hirn dachte und beobachtete zugleich. Welch ein ehrfurchtgebietender Riese konnte dieser Ter Haigasun sein, der sonst die Augen niederschlug, wenn man mit ihm sprach. Unschätzbar ist es, blitzte es in ihm auf, daß ich für den Kampf diese bodenständige Autorität in meinem Rücken haben werde. Auch daß der gute Nokhudian und ein paar hundert Kampfuntaugliche sich anders entschlossen haben, ist für uns ein Glücksfall. Sie haben die wichtige Aufgabe, vor den Saptiehs unsre Absichten und Bewegungen zu verschleiern, bis zum letzten Augenblick. Die Dörfer dürfen nicht leer sein. Die Türken sollen erst dann Verdacht fassen, bis wir für den Angriff gerüstet sind. Unaufhörlich verwoben sich die Dinge in Gabriels Plan. Der rechnende Verstand seiner Ahnen, Großvater Awetis' Klugheit kam nun auch in dem weltfremden Enkel zum Vorschein, in diesem ahnungslosen Idealisten, als welchen ihn die geriebenen Kaufleute der weiteren Verwandtschaft immer belächelt hatten. Jeder gedachten Tatsache entspann sich ein unentwirrbares Fadengespinst von Folgen, und nicht ein einziger Faden war unwesentlich. Ein ungestümer Ehrgeiz hatte sich Bagradians bemächtigt. Drei Tage nach dem heutigen Sonntag, am Mittwoch also, würde nach Ali Nassifs Geständnis der Müdir mit seinen Leuten kommen. Bis Mittwoch mußte mithin alles den Grundzügen nach fertig sein, um in den restlichen Tagen ausgebaut zu werden. Jetzt war die Stunde gekommen, den Glauben seines ganzen Lebens zu erproben, daß der Geist über den Stoff siegen müsse, auch über die gesteigerten Erscheinungsformen alles Stofflichen, über die Gewalt und den Zufall.

Es war kein Wunder, daß er, von planender Phantasie umfangen, von trunkenem Selbstgefühl erfüllt, Frau und Kind vergaß und für das äußere Getriebe ringsum keine Sinne mehr hatte. Dies alles war nur mehr Zeitverlust. Es sprachen wohl noch einige Redner aus dem Volke. Doch was gingen ihn ihre leeren ungelenken Worte an, da der große Entschluß endgültig gefaßt war? Es wurde immer die gleiche kampfanfeuernde Rede gehalten, für die Gegenpartei erhob sich keine Stimme mehr. Ter Haigasun ließ die Leute eine geraume Zeit gewähren, damit sich der tapfere Geist der Entscheidung in der Masse tiefer verankere und auch die Zaghaften und Bedenklichen mitreiße. Bevor aber noch die erste Ermüdung drohte, trat er vor, unterbrach den Redereigen und ordnete an, daß die Wahl der Führer vollzogen werde. Der Gemeindeschreiber von Yoghonoluk ging mit einem Korb herum und sammelte die Stimmzettel. Unverzüglich nahmen dann die Lehrer mit Hilfe Awakians im Hause die Zählung vor. Naturgemäß fielen die meisten Stimmen auf Ter Haigasun. Gleich hinter ihm kam Doktor Altouni, dann die sieben Muchtars und drei Dorfpriester mit den Stimmen ihrer Gemeinden. Dann folgten in einem gewissen Abstand Apotheker Krikor und einige Lehrer, darunter natürlich Schatakhian und Oskanian. Gabriel Bagradian erhielt ungefähr ebensoviel Stimmen wie Pastor Aram Tomasian. Von unbeamteten Dorfbürgern waren es der alte Tomasian und Tschausch Nurhan, der längerdienende Unteroffizier, die in den Führerrat entsandt wurden. Auch eine Frau, Mairik Antaram, erhielt eine große Anzahl von Stimmen, was wahrlich hierzulande eine Neuerung war. Sie lehnte aber die Wahl mit Entschiedenheit ab. Lehrer Schatakhian verlas das Ergebnis. Die Gewählten zogen sich daraufhin in das Haus zurück, um ihre Körperschaft zu konstituieren. Gabriel hatte durch Kristaphor und Missak im großen Selamlik für die Sitzung alles Nötige vorbereiten lassen, einen Imbiß, Wein und Kaffee. Die Menge – bis auf jene Mütter, die für kleine Kinder daheim zu sorgen hatten – blieb auf dem Platz und lagerte sich weithin in dem großen Garten. Man schickte nach Yoghonoluk um Eßwaren. Der Hausherr ließ Wasser, Wein, Früchte und Tabak verteilen. Bald stieg mit dem allgemeinen Geschwätz der Rauch von Zigaretten und gemächlichen Tschibuks in die Abendluft, als wäre nichts geschehen. Die Anhänger Pastor Nokhudians brachen mit ihrem Führer auf, um nach Bitias heimzukehren. Dies war ein schweigsames und trauriges Sichhinwegstehlen. Einige jüngere Leute aus dieser Schar kehrten am Gartenausgang wieder um und gesellten sich zu dem großen, lagernden Volk, dessen Lebenslust nach Wochen der Betäubung zum erstenmal wieder zu erwachen schien. Jetzt, in der knappen Frist zwischen dem Gewohnten und dem namenlosen Wagnis, erfüllte ein unbegreifliches Behagen alle Seelen. Warum? Weil vor ihnen nicht mehr das Leiden allein lag, sondern in und über dem Leiden die Tat.

 

Die Nacht des Musa Dagh saugte schnell die Julidämmerung auf. Der waagrechte Halbmond stieß sich von den Gipfelschroffen des Amanus im Osten ab und fuhr frei in den Raum hinaus. Das Tor der Villa Bagradian stand weit offen. Neugierige gingen ungehindert ein und aus. Im großen Empfangszimmer hatten sich die Führer des Volkes versammelt. Dieser Führerrat, eine Runde von etwa zwanzig Männern, machte zunächst selbst einen ratlosen Eindruck. Die fremden Dorfschulzen, Priester und Lehrer, die zum erstenmal in diesem Hause waren, saßen und standen wortlos umher. Manchem unter ihnen mochte jetzt erst die ganze Tollheit bewußt werden, in die sie durch den unerwarteten Verlauf der großen Versammlung gedrängt worden waren. Gabriel Bagradian spürte sofort die brenzlige Luft der Mutlosigkeit, die von einem Teil dieser Gemeinschaft ausging. Es durfte nicht geduldet werden, daß die Lauen »zur Besinnung« kamen, daß grundsätzliche Wenn und Aber laut wurden. Das Volk hatte seine rechtmäßige Entscheidung getroffen, ein Schwanken gab es nicht mehr, die Glut des Verteidigungswillens mußte zur steilen Flamme angefacht werden. Es war Bagradians Pflicht, als Herr des Hauses, dem formlosen Zusammenstehn dieser erkalteten Männer ein Ende zu setzen, die Beratung in Gang zu bringen und für fruchtbare Arbeit zu sorgen. Die Überlegenheit seiner Erziehung und westlichen Erfahrung hatte in Kraft zu treten. Er tat das einzige, was zu tun war. Mit feierlicher Stimme wandte er sich an Ter Haigasun:

»Es ist nicht nur der Wille des Volkes dort draußen, das Ihnen die meisten Stimmen gegeben hat, Ter Haigasun, es ist der Wille von uns allen, den ich hier ausspreche: Wir bitten Sie, das Oberhaupt unseres Kampfes zu sein. Sie waren schon in friedlicher Zeit zum Führeramt eingesetzt und haben es bis heute als geistlicher Vorstand der Gemeinden aufopfernd erfüllt. Gott will es, daß sich Ihr Amt nun durch die Grausamkeit der Menschen erweitert. Wir wollen Ihnen alle in die Hand geloben, daß wir uns bei den Beschlüssen, die wir treffen, bei Vorkehrungen, die wir anordnen, Ihrem entscheidenden Wort ohne Widerspruch unterwerfen werden. Erst durch Ihre Stimme werden die Entschließungen des Führerrates Rechtmäßigkeit gewinnen und dadurch für unser ganzes Volk zu bindenden Gesetzen erhoben sein.«

Die kleine Rede Bagradians brachte nur Selbstverständliches. Der oberste Rang kam niemandem andern zu als Ter Haigasun. Über diese feststehende Tatsache hätte nicht einmal Lehrer Hrand Oskanian eine heimliche Grimasse zu schneiden gewagt. Dennoch aber wirkten Gabriels Worte auf die Anwesenden angenehm, zumal auf jene, die ihm noch fremd und mißtrauisch gegenüberstanden. Diese angenehme Wirkung hatte zwei Ursachen. Manche wähnten nämlich, der landfremde »Franke« werde sich kraft seiner abendländischen Überheblichkeit die Rolle des Oberhauptes anmaßen. Und dann – dieser Grund war noch wichtiger – hatte Bagradians Ansprache sowohl in ihrer feierlichen Form als auch in ihrem rechtlichen Inhalt erst den Boden geschaffen, auf dem sich alles Künftige entwickeln konnte. Ganz unmerklich erfloß aus jenen wenigen Worten ein Staatsgrundgesetz für dieses neue Gemeinwesen, das in Bildung begriffen war. Zum Zeichen der Entgegennahme des Amtes und der schweren Verantwortung bekreuzigte sich Ter Haigasun schweigend. Von diesem Augenblick an gab es zwei legale Mächte, den Führerrat und das Volksoberhaupt, das zwar diesem Rate vorsaß, doch erst durch seine Anerkennung dessen Beschlüsse zum Gesetz erhob. Jeder einzelne Mann trat nun zu Ter Haigasun und küßte ihm nach der Sitte die Hand, wodurch er ihm seine Verehrung bezeigte und zugleich das Gelöbnis leistete. Erst nach dieser Zeremonie bildete sich ein großer Kreis um mehrere zusammengeschobene Tische. Gabriel Bagradian hatte vor sich die Kriegskarten und sämtliche Aufzeichnungen liegen. Hinter ihm nahm Samuel Awakian Platz, um immer bei der Hand zu sein. Nachdem Gabriel durch einen Blick das Wort erbeten hatte, erhob er sich:

»Vor zwei Stunden ist die Sonne untergegangen, meine Freunde, in sechs Stunden geht sie wieder auf. Wir haben nur sechs kurze Stunden Zeit, um die ganze innere Arbeit fertigzustellen. Wenn wir nach dieser Nacht vor das Volk hinaustreten, darf es keine Unsicherheiten mehr geben. Unser Wille muß klar und eindeutig sein. Dieses aber ist das Notwendigste: Schon in den ersten Stunden des morgigen Tages sollen alle, die jung und kraftvoll sind, auf den Damlajik hinauf und mit dem Bau der Schanzwerke beginnen. Ich bitte euch daher, mit der Zeit hauszuhalten. Es ist ein Vorteil für uns alle, daß ich schon seit langem alle Fragen unserer Verteidigung durchgearbeitet habe und daher euch meine Vorschläge unterbreiten kann. Ich glaube, daß ihr in dieser Beratung am besten nach derselben Regel verfahrt wie bei euren Gemeindeabstimmungen. Ich bitte nun Ter Haigasun, meine Pläne entwickeln zu dürfen ...«

Ter Haigasun schloß, wie es seine Art war, halb die Augen, wodurch sein Gesicht einen müden und gequälten Ausdruck bekam:

»Hören wir Gabriel Bagradian!«

Gabriel glättete die schönste von Awakians Karten:

»Wir werden tausend Aufgaben zu lösen haben, doch wenn wir sie richtig erkennen, so sind alle Einzelheiten nur den beiden Hauptaufgaben untergeordnet. Die erste und heiligste ist der Kampf selbst. Auch die zweite Aufgabe, die innere Verfassung unseres Lebens, dient vor allem dem Kampf, über ihn will ich nun sprechen ...«

Pastor Aram Tomasian winkte mit der Hand, um eine Unterbrechung der Rede bittend:

»Wir wissen alle, daß Gabriel Bagradian als Offizier das Militärische am besten versteht. Die Führung im Kampfe ist sein Amt ...«

Alle Arme erhoben sich, um diesen Antrag anzunehmen. Pastor Aram aber war noch nicht zu Ende:

»Gabriel Bagradian hat den Verteidigungsplänen seit langer Zeit seine ganze Kraft gewidmet. Die Vorbereitung des Widerstandes ist in seinen Händen am besten aufgehoben. Doch um zu kämpfen, muß man zuerst leben. Ich schlage deshalb vor, daß wir die Besprechung des engeren Kriegsplans so lange verschieben, bis wir uns darüber klargeworden sind, auf welche Weise und wie lange ein Volk von fünftausend Menschen, von der Welt abgeschnitten, auf dem Damlajik leben kann.«

Gabriel, der schon im schönsten Schwunge gewesen war, ließ die Karte enttäuscht auf den Tisch fallen:

»Meine Ausführungen hätten zwar diese Frage mitberührt, da auf dieser Karte schon alles Lebensnotwendige eingezeichnet ist. Dennoch bin ich bereit, auf Pastor Tomasians Wunsch die Erörterung über die Kampforganisation zu verschieben ...«

Bedros Altouni, der Arzt, hatte es nicht lange auf seinem parlamentarischen Sitz ausgehalten. Er wanderte brummend im Zimmer auf und ab, womit er wohl zu verstehen gab, daß er in dieser Stunde ungeheuerlichster Not Beratungen mit Handaufheben und Worterteilen für ein überflüssiges Männerspiel halte. Seine verknurrte Unruhe stach lebhaft von der erhabenen Teilnahmslosigkeit Apotheker Krikors ab, dessen starres Dasitzen die Frage zu stellen schien: Wann werde ich aus dieser peinlich barbarischen Unterbrechung zu den einzig mir gemäßen höchsten Gegenständen des Daseins unbelästigt heimkehren dürfen? Während seiner ärgerlichen Rundgänge warf der Arzt eine Bemerkung hin, die gar nicht zur Sache gehörte:

»Fünftausend Menschen sind fünftausend Menschen, und Sonnenbrand und Wolkenbruch sind Sonnenbrand und Wolkenbruch.«

Gabriel Bagradian, dem das Problem der Stadtmulde, der Behausungsart, des Gesundheitswesens und der Kinderversorgung schon schlaflose Nächte bereitet hatte, nahm die Bemerkung des Arztes auf:

»Es wäre ratsam, wenigstens die Kinder von zwei bis sieben Jahren, um sie besser schützen zu können, in einer Sammelunterkunft zu vereinigen.«

Hier belebte sich der bisher schweigsame Ter Haigasun, um Gabriels Einfall mit großer Entschiedenheit zurückzuweisen:

»Das, was Gabriel Bagradian uns jetzt rät, würde der Beginn einer sehr gefährlichen Unordnung sein. Wir dürfen nicht auflösen, was Gott und die Zeit zusammengefügt haben. Im Gegenteil! Es ist höchst notwendig, daß die einzelnen Gemeinden, ja die einzelnen Familien voneinander dem Raum nach abgeschieden sind, so gut es eben geht. Jede Sippe soll ihre eigene Lagerstelle haben, jedes Dorf seinen eigenen Lagerplatz. Die Muchtars werden uns wie immer verantwortlich sein für die Ihren. So wenig wie möglich soll sich an den Verhältnissen ändern, die wir hier unten gewöhnt sind.«

Nachdrückliche Zustimmung von allen Seiten, die zugleich einen kleinen Mißerfolg Bagradians bedeutete. Ter Haigasun hatte ihnen eine möglichst genaue Annäherung an das gewohnte Leben gewährleistet. Diese Aussicht befriedigte die Unglücklichen tief. Denn alle Grausamkeit, die über bäurische Menschen hereinbrechen kann, ist in dem Worte »Veränderung« enthalten. Gabriel aber gab sich so schnell nicht geschlagen. Er ließ die Karte mit der eingezeichneten Stadtmulde herumgehn. Jedermann kannte die großen Hutweiden der Gemeindeherden. Daß diese weiten, steinlosen Grasflächen für das Lager einzig in Betracht kamen, leuchtete allgemein ein. Sie hätten nicht nur für tausend, sondern auch für zweitausend Familien Platz geboten. Gabriel kam Ter Haigasuns Wünschen geschickt entgegen. Die Einteilung der Familien- und Gemeindelager könne sehr leicht nach dem Sinne des Priesters durchgeführt werden. Auch er teile die Ansicht Ter Haigasuns. Hingegen aber müsse eingesehen werden, daß nicht jede von den tausend Familien einzeln wirtschaften könne, sondern daß es ohne einen großen, gemeinsamen Haushalt nicht abgehen werde. Man berechne nur die Ersparnis an Nahrungs- und Feuermitteln, den Gewinn an freien Arbeitshänden. Abgesehen davon gebe es ja gar keine andre Möglichkeit, sich längere Zeit zu halten, als daß nach streng geregelter Vorschrift Vieh geschlachtet, Brot und Mehl verteilt, die Ziegenmilch an Kinder und Kranke ausgeschenkt werde. Um die heikle Frage des Eigentums komme man, trotz aller erdenklicher Sonderung des Familienlebens, keineswegs herum. Wie er, Bagradian, selbst seinen ganzen Besitz, soweit er sich erreichen und befördern lasse, zur Verfügung der Gemeinschaft stelle, alles Vieh, das zur Wirtschaft gehört, alle brauchbaren Vorräte in Haus und Keller – so werde auch jeder andere das Seine anheimgeben müssen. Die Umstände erforderten gebieterisch ein gemeinschaftliches Eigentum. Es könne doch nicht jede Familie ihre eigenen Schafe schlachten. Die Milch müsse doch denjenigen zugute kommen, die ihrer bedürfen, und nicht etwa wohlgenährten und kräftigen Leuten, die zufällig ein paar Ziegen besitzen. Die Einbildung, die vielleicht manche noch hegten, daß man sich für Geld auf dem Damlajik diesen und jenen Vorteil werde erhandeln können, sei ein kindischer Traum. Geld habe in dem Augenblick, da die Gemeinden das Lager beziehen, nicht den geringsten Wert mehr. Der Tauschhandel aber müsse streng verhindert werden, denn alles Gut sei von heute ab Volksgut und diene der Lebensrettung durch den Kampf. Wer sich jetzt und immer klarmache, daß die Austreibung das ganze Hab und Gut koste, werde wahrhaftig die Erfordernisse des Musa Dagh für nicht der Rede wert halten.

Es zeigte sich aber sofort, daß Gabriel Bagradian mit dieser berechtigten Ansicht sich sehr im Irrtum befand. Denselben Bauernschädeln, die noch vor wenigen Stunden der Austreibung und des Todes so widerspruchslos gewiß waren, ging es durchaus nicht in den Kopf, daß ihr Eigen nicht mehr ihr Eigen sein sollte. Die Muchtars machten finstere Mienen. Doch es war nicht nur der Verlust, der ihre Widerspenstigkeit reizte, sondern ebensosehr das Unerbittlich-Ordnungshafte, das »Europäische« in Gabriels Reden. Thomas Kebussjan von Yoghonoluk nahm, indem er besonders stark nach Ter Haigasun hinschielte, umständlich das Wort:

»Unser Priester weiß es, daß ich immer nach Kräften ein Wohltäter war und mich niemals gesträubt habe, in allem und jedem meinen Anteil an die Armen, an Kirche und Schule abzuführen. Dieser Anteil aber war stets der größte in unserem ganzen Bezirk. Wurden für unsere Volksgenossen im Norden und im Osten Sammlungen veranstaltet, so hat man immer meinen Namen an die Spitzen der Listen gesetzt und ich mußte auch in schlechten Jahren den ansehnlichsten Betrag spenden. Ich sage das nicht, um mich zu rühmen. Nein, nein, nicht rühmen will ich mich ...« Hier verlor er den Faden und wiederholte deshalb noch ein paarmal die Versicherung seiner Bescheidenheit ... »Ich leugne auch nicht, daß ich die zahlreichsten und besten Schafe auf der Weide habe. Und warum hab ich sie? Weil ich die Zucht verstehe. Weil ich mich in der Welt umgesehen habe. Nun aber soll ich plötzlich gar keine Schafe haben oder ebenso viele wie irgendein Holzschnitzer, der nur etwas von Eiche und Nuß versteht, oder wie ein Bettler ...«

»Oder wie ich, der Lehrer ...«, rief der kleine Oskanian bissig in das Geleier. Der Schweiger trug auch an diesem Tage des Jammers seinen grauen Lordsrock, mit dem er dem untadeligen Monsieur Gonzague den Rang abzulaufen hoffte. Seine Eitelkeit war eine Gewalt, die selbst einem Austreibungsbefehl Talaat Beys gewachsen war. Der Zwischenruf ärgerte die anderen Schulzen, die nun ihrerseits für die von ihrem Amtsbruder verteidigte Eigentumserhaltung eintraten. Es begann daraufhin ein zeitraubender Streit, der deshalb schon unfruchtbar war, weil selbst der dickste Bauernschädel keinen andern Weg als den von Bagradian vorgeschlagenen hätte finden können. Der Wortwechsel diente nur dazu, dem Unwillen darüber Luft zu machen. Ter Haigasun wartete eine Weile zu. Ein kurzer Blick von ihm belehrte Gabriel: Man muß diesen Leuten das Selbstverständliche mit einiger Vorsicht beibringen. Dann unterbrach er die leere Rederei:

»Wir werden auf den Berg ziehen und dort müssen wir leben. Vieles wird sich da von selbst ordnen, worüber zu verhandeln vorläufig nicht nötig ist. Es wäre besser, wenn ihr, Muchtars, jetzt über das Allerdringendste nachdächtet: Wird es uns gelingen, genügend Vorräte hinaufzuschaffen? Für wie viele Wochen werden sie reichen? Gibt es eine Möglichkeit, sie zu ergänzen?«

Hier schaltete Pastor Tomasian einen neuen, sehr verständigen Antrag ein. Die drei Fragen Ter Haigasuns seien überhaupt die wichtigsten Posten in der Rechnung. Von ihrer Beantwortung hänge alles ab. Diese Beantwortung aber könne nicht im Laufe des Beratens erfolgen. Es sei Sache der Muchtars, sich zusammenzusetzen und nach ihrer Schätzung eine Übersicht der Vorräte sowie einen Plan der Ernährung auszuarbeiten. Doch nicht nur für die Frage der Ernährung, auch für alle anderen Fragen gelte dasselbe. Der große Führerrat, der hier beisammensitze, sei eine unbewegliche Einrichtung. Es komme nicht aufs Reden und Streiten, sondern aufs Arbeiten an. Er, Aram Tomasian, schlage deshalb vor, daß man die einzelnen Lebensgebiete voneinander trenne und für jedes ein eigenes Komitee bestimme. Jeder einzelne dieser Ausschüsse solle von einem Mann geführt werden, den Ter Haigasun zu bestimmen habe. Diese Führer würden dann miteinander einen engeren Rat bilden, der die eigentliche Leitung der Dinge in Händen halte. Es handle sich hierbei um fünf Gebiete. Erstens um die Verteidigung. Das zweite sei das Gebiet des Rechtes, das allein Ter Haigasun zustehe. Die innere Ordnung komme danach, ferner alles, was mit Gesundheit und Krankheit zusammenhänge, und zuletzt die Angelegenheiten der verschiedenen Gemeinden, die dem Ganzen gegenüber zu vertreten seien. Diesem Antrag des jungen Pastors stimmte Gabriel begeistert zu, und auch der Arzt gab das erstemal Zeichen der Anerkennung von sich. Niemand widersprach. Ter Haigasun, dem das unvermeidliche Geschwätz einer großen Körperschaft ebenso widerstand wie Aram Tomasian, verwirklichte den Verfassungsantrag unverzüglich. Dem Kampfführer Gabriel Bagradian wurden Tschausch Nurhan, Lehrer Schatakhian und zwei jüngere Leute zugeteilt, die er selbst ausgewählt hatte. Auch Aram Tomasian gehörte zum Komitee der Verteidigung. Ebenso gehörte aber Gabriel Bagradian zum Komitee der inneren Ordnung, das von dem Pastor geführt wurde. Dieser Ausschuß trug die Verantwortung für alles, was mit der Nahrungsbeschaffung und -verteilung zusammenhing. Deshalb hatte er Thomas Kebussjan und die andern Muchtars zu Mitgliedern. Eine eigene Stellung nahm Vater Tomasian, der Bauunternehmer, ein, dem die Sorge für die zu errichtenden Unterkünfte übertragen wurde. Daß der Hekim Altouni und der teilnahmslose Apotheker die Gesundheitskommission zu bilden hatten, muß nicht eigens erwähnt werden. Damit war im großen und ganzen eine gute Arbeitsteilung erzielt. Die einzelnen Gruppen sollten in den nächsten Stunden ihre Sache fördern, so weit es ging. Gegen Morgen würde dann eine kurze Sitzung des großen Rates genügen, um die Ergebnisse zu genehmigen. Die Muchtars begaben sich vor das Haus, um durch unmittelbare Rücksprache mit den Dörflern die Richtigkeit ihrer Vorratsziffern zu prüfen. Gabriel wollte ihnen später folgen, damit er kraft ihrer Hilfe aus den jüngsten und kräftigsten Männern das erste Aufgebot zusammenstelle, mit dem er schon in den frühen Morgenstunden den großen Schützengraben am Nordsattel ausstechen wollte. Indessen aber setzte er Ter Haigasun, Aram Tomasian und den übrigen den Verteidigungsplan an Hand der Karten mit großem Eifer auseinander. Selbst Krikor begann neugierig zu werden und näherte sich ihm. Nur ein einziger hielt sich mit verschränkten Armen durchdringend abseits, Hrand Oskanian natürlich. Der schwarze Lehrer hatte wieder eine Erniedrigung erleiden müssen. In der Ämterverteilung war ihm keine Führerrolle, ja nicht einmal eine bessere Nebenrolle zugefallen. Während Kollege Schatakhian in das Verteidigungskomitee entsandt worden war, hatte Ter Haigasun in seinem abgründigen Haß gegen den Schweiger ihn dazu verurteilt, mit den Kindern Schule zu halten, damit keine Zuchtlosigkeit einreiße. Das war die neidische Rache des Priesters dafür, daß die Gemeinden Hrand Oskanian, ihren Dichter, durch Hunderte von Stimmen ausgezeichnet hatten. Er dachte schon daran, mit eisiger Unnahbarkeit die Versammlung zu verlassen und nach Hause zu gehen. Dann aber kam es ihm stolz zu Bewußtsein, daß die Masse, die ihn gewählt hatte, vertrauensvoll zu ihm emporblicke und daß überdies der Priester mehr unter der Wucht seiner Gegenwart als unter seiner Abwesenheit leiden würde.

Knapp nach Mitternacht kam es zu einer jähen Unterbrechung der Beratung. Wie es in solchen Fällen öfter geschieht, hatte man an die Bergung dessen, wovon die ganze Zukunft abhing, nicht gedacht. Noch lagen die fünfzig Mauser- und die zweihundertfünfzig Karagewehre in ihren Gräbern auf dem Friedhof bestattet. Sie mußten ohne Verzug exhumiert und mitsamt der Munition noch im Laufe der Nacht auf den Damlajik geschafft werden. Wenn Gabriel den Versicherungen Ali Nassifs auch nicht mißtraute, so war doch immerhin die Möglichkeit vorhanden, daß bereits in den nächsten vierundzwanzig Stunden durch neu einlangende Saptiehs eine überfallartige Waffendurchsuchung der Dörfer vorgenommen würde. In großer Eile begab sich eine Abordnung von sechs Männern nach dem Kirchhof von Yoghonoluk, der außerhalb des Ortes auf dem Wege nach Habibli-Holzdorf lag. Der Kirchendiener ging mit der Laterne voraus, Ter Haigasun folgte mit Tschausch Nurhan und dem Dorfpriester von Habibli. Die beiden Totengräber beschlossen den Aufzug. Die Gewehre waren, dank Nurhans, des Waffenmeisters, Fürsorge, in ausgemauerten Grabstellen zur Ruhe gelegt. Sie harrten in luftdicht abgeschlossenen Särgen, in Stroh gebettet, mit Lappen umwickelt, ihrer mutigen Auferstehung. Tschausch Nurhan hatte sie erst vor vier Wochen nächtlicherweile bei Fackelschein einer summarischen Besichtigung unterzogen und in bester Ordnung gefunden. Kaum einer der Verschlüsse war von Rost versehrt. Auch die Munition hatte nicht im mindesten gelitten. In der heutigen Nacht wurden die schweren Kisten, fünfzehn an der Zahl, ihren Gräbern für immer entrissen. Es war eine saure Arbeit. Da nur wenige Arme zur Verfügung waren, legte auch Ter Haigasun, der seine Kutte abgeworfen hatte, kräftig mit Hand an. Später wurden ein paar von den starken zottigen Eseln des Landes aus den Dörfern geholt, bis schließlich gegen Morgen unter Tschausch Nurhans Führung eine geheimnisvolle Karawane durch die toten Ortschaften Azir und Bitias sich auf den Bergpaß im Norden hinbewegte.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang erst kehrte Ter Haigasun in den Selamlik der Villa Bagradian zurück. Der Garten sah aus wie ein großes Schlachtfeld, übersät mit hingestreckten Körpern. Nicht einmal die Leute von Yoghonoluk waren nach Hause gegangen. Wie ein Feldherr durch die Reihen der Toten schreitet, so mußte Ter Haigasun über die regungslosen Schläfer steigen.

Die Männer der einzelnen Ausschüsse hatten, durch Bagradians Energie ständig vorwärtsgehetzt, entsprechende Arbeit geleistet. In groben Umrissen standen die Kampf- und Lebensbedingungen fest. Schon waren die Namen der Kriegsmannschaften ausgeschrieben, die Mengen und Sorten der verfügbaren Nahrungsmittel annähernd berechnet. Ferner hatte man den Bau einer Laubhüttenstadt, die Errichtung eines Lazarettschuppens und einer größeren Regierungsbaracke vorgesehen. Nach Ter Haigasuns Rückkehr trat der große Rat noch einmal zusammen. Gabriel legte dem Volksoberhaupt die gefaßten Beschlüsse in kurzen Worten vor. Es war ihm gelungen, fast alle seine Ideen mit der tatkräftigen Unterstützung Aram Tomasians durchzusetzen. Ter Haigasun bestätigte sie mit halbgeschlossenen Augen und abwesenden Zügen, als glaube er nicht daran, daß sich das neue Leben in Beschlüsse fangen lasse. Die Kerzen und die Menschen waren schon tief herabgebrannt. Und doch zeigten ihre Augen noch immer mehr Erregung als Ermüdung. Als der göttliche Tag aufzublinzeln begann, verfiel alles in ein tiefes Schweigen. Die Männer sahen zu den Fenstern hinaus, in das zarte Licht, in die Morgenknospe, die sich Blatt um Blatt sichtbar entfaltete. Sonderbar erweitert funkelten die Pupillen. In dem übernächtigen Zimmer war kein anderer Laut zu hören als das Bleistiftgekritzel Awakians und des Gemeindeschreibers, die über die wichtigsten Entschließungen ein Protokoll aufgenommen hatten. Als schon das volle Sonnengold im Zimmer lag, machte der Hausherr der stummen Träumerei ein Ende:

»Ich glaube, wir haben in dieser Nacht unsre Pflicht getan und nichts ist vergessen worden ...«

»Nein! Eines ist vergessen worden, und zwar das Notwendigste!«

Ter Haigasun blieb bei diesen Worten sitzen; der volle Klang seiner Stimme rief diejenigen zurück, die sich schon erhoben hatten. Der Priester schlug einen großen Blick auf. Jede Silbe betonte er:

»Der Altar!«

Dann fügte er mit gleichmütiger Sachlichkeit hinzu, daß in der Mitte der neuen Ansiedlung ein großer Altar aus Holz zu errichten sei, als heilige Stätte der Gottesdienste und Gebete.

 

Um fünf Uhr – die Sonne stand schon hoch – betrat Gabriel das Wohnzimmer Juliettens im Oberstock. Er fand in dem Raum eine Anzahl von Menschen versammelt, die hier mit Madame Bagradian die Nacht durchwacht hatten. Stephan war trotz aller Bitten und Befehle seiner Mutter nicht zu Bett gegangen. Jetzt lag er auf dem Diwan, im Schlaf zusammengesunken. Juliette hatte über seinen Körper eine Decke gebreitet. Sie selbst lehnte am offenen Fenster, der Gesellschaft den Rücken kehrend. Jeder einzelne in diesem hellen Raum machte den Eindruck, als ob er ganz allein mit sich selbst sei. Iskuhi saß steif neben dem schlafenden Knaben. Howsannah, Pastor Tomasians Frau, die von Angst getrieben gegen Morgen ins Haus gekommen war, hatte auf einem Lehnstuhl Platz genommen und starrte vor sich hin. Mairik Antaram, von den Strapazen dieser Nacht am wenigsten erschöpft, lauschte an der offenen Tür dem Stimmengewirr der Beratung. Doch auch ein Mann war im Zimmer anwesend. Monsieur Gonzague Maris hatte während dieser langen Nacht den Frauen Gesellschaft geleistet. Obgleich ihn jetzt niemand beachtete, schien er doch der einzige zu sein, der nicht mit sich allein war. Sein präziser Scheitel glänzte, von der Nachtwache und den Ereignissen unberührt. Die aufmerksamen, ja gespannten Sammetaugen wanderten unter dem stumpfen Winkel der Brauen zwischen den Frauen hin und her. Er schien von den morgenfahlen Gesichtern jeden Wunsch ablesen zu wollen, um ihn sogleich ritterlich zu erfüllen.

Gabriel machte zwei Schritte auf Juliette zu, blieb aber stehn und sah Gonzague an:

»Ist es bestimmt wahr, daß Sie einen amerikanischen Paß besitzen?«

Ein heiterer und leicht verächtlicher Zug schlüpfte um den Mund des jungen Griechen:

»Wünschen Sie den Paß zu sehn, mein Herr? Vielleicht auch meine journalistische Legitimation?«

Er griff mit spitz nachlässigen Fingern in seine Brusttasche. Gabriel bemerkte es nicht mehr. Er hatte Juliettens Hand erfaßt. Diese Hand war nicht nur kalt, sie war entseelt, oder besser, scheintot. Um so lebendiger aber spielten die Augen. Es war ein Gehen und Kommen in ihnen, Flut und Ebbe, wie immer in Zeiten des Konflikts. Auch spannte sie die Nasenflügel, ein Zeichen des Widerstandes, das Gabriel gut kannte. Das erstemal seit vierundzwanzig Stunden senkte sich jetzt eine Wolke der Ermattung über ihn. Er schwankte. Leer und hohl war es in seinem Innern. Unablässig forschten sie einer in des andern Augen, Mann und Weib. Wo war Gabriels Frau? Er spürte ihre Hand noch immer in der seinen wie ein Ding aus abweisendem Porzellan, aber sie selbst war ihm entglitten: wie viele Tagemärsche und Seereisen weit? Doch nicht nur von ihr zu ihm vergrößerte sich die raumfressende Entfernung sekündlich, sondern ebenso von ihm zu ihr. Auch er wurde sausend davongetragen. Hier stand Juliettens großer, schöner Leib, so nah, so ganz selbst. Tausendmal hatte Gabriel ihn umarmt. Jede Stelle mußte die Erinnerung seiner Küsse tragen, der lange Hals, die Schultern, die Brüste, Hüften, Schenkel und Knie, ja die Zehen der Füße. Dieser Leib hatte Stephan getragen, hatte für die Zukunft des Bagradianbluts gelitten. Und jetzt? Er vermochte ihn nicht zu erkennen. Die Vorstellung seiner Nacktheit war ihm verlorengegangen. Wie wenn einer seinen eigenen Namen vergißt, war das. Doch nicht genug damit, daß dort nur eine französische Dame stand, mit der man einst ein gemeinsames Leben geführt hatte – diese Dame war eine Feindin, sie hielt es mit der anderen Seite, auch sie saß im Rate der Ausrottung, obgleich sie eine armenische Mutter war. Gabriel fühlte etwas Großes, Rundes in seiner Kehle aufsteigen, ohne es recht zu merken. Erst im letzten Nu fing er das Würgende ab. Es verwandelte sich in ein Aufstöhnen:

»Nein ... das ist nicht möglich ... Juliette ...«

Sie neigte den Kopf tückisch zur Seite:

»Was ist nicht möglich? ... Wie meinst du das?«

Er glotzte aus dem Fenster ins Farbenjauchzen. Nichts konnte er unterscheiden. Da er seit so vielen Stunden unausgesetzt armenische Reden hatte halten müssen, zog sich die französische Sprache in seinem Bewußtsein beleidigt zurück. Er begann mit ungewohnt hartem Akzent zu stammeln, wodurch Juliette noch mehr zu vereisen schien:

»Ich meine ... Du hast das Recht ... Ich glaube ... Du darfst nicht hereingerissen werden ... Wie kommst du dazu? ... Erinnere dich an unser Gespräch, damals ... Ich kann es nicht dulden ... Du mußt fort ... Du und Stephan ...«

Sie schien ihre Worte genau zu wägen:

»Ich erinnere mich sehr deutlich an dieses Gespräch ... So unerhört es auch ist, ich bin eurem Schicksal mit verfallen ... So habe ich es damals gesagt ...« Nie hatte sie solche Worte gebraucht, aber dies war gleichgültig. Sie warf einen vorwurfsvollen Blick auf Iskuhi und Howsannah, als erkenne sie in ihnen die Schuldigen an ihrer Mithaftung. Gabriel strich sich zweimal mit der Hand über die Augen, dann war er wieder der Mann und Führer der vergangenen Nacht:

»Es gibt einen Ausweg für dich und Stephan ... Nicht leicht und gefahrlos ... Du aber bist sehr willensstark, Juliette.«

In ihre Augen geriet ein scharfer, prüfender Ausdruck. Aufgestörte Tiere blicken so drein, ehe sie an einem Menschen oder an einer Gefahr vorbei mit einem langen Satz in die Freiheit schießen. Jetzt duckten sich vielleicht alle Fluchttriebe in Juliette zum Sprung. Doch kaum begann Gabriel zu sprechen, verlor sich die lauernde Spannung ihrer Miene, sie wurde wieder unsicher, gekränkt und tückisch.

»Gonzague Maris wird uns heute oder morgen verlassen«, sagte Bagradian mit dem unwiderruflichen Ton eines Befehlshabers. »Er besitzt einen nordamerikanischen Paß, das ist unter diesen Umständen ein unschätzbares Glück. Sie werden sich gewiß nicht weigern, Maris, meine Frau und Stephan in Sicherheit zu bringen. Ihr nehmt den Jagdwagen. Es ist Sommer, und die Talwege sind immerhin fahrbar. Überdies bekommt ihr Reserveräder und alle vier Pferde mit. Kristaphor begleitet euch neben dem Kutscher. Auch diese beiden mögen sich in euren Diensten retten. Über Sanderan und El-Maghara sind es nur fünf bis sechs Stunden nach Arsus; ich rechne damit, daß ihr den größten Teil dieses Weges im Schritt fahren müßt. Die fünfzehn englischen Meilen an der Küste von Arsus nach Alexandrette sind eine Kleinigkeit, weil ihr stundenlang über sandigen Strand traben könnt. In Arsus ist wahrscheinlich ein kleiner Militärposten stationiert. Für Maris wird es nicht schwer sein, den Onbaschi dort mit seinem Paß in Schreck zu versetzen ...«

Verwalter Kristaphor war eingetreten, um sich nach den Befehlen der Herrin zu erkundigen. Gabriel wandte sich scharf an ihn:

»Ist es möglich, mit dem Wagen in zehn Stunden über Arsus nach Alexandrette zu kommen, Kristaphor?«

Der Verwalter riß betroffen die Augen auf:

»Effendi, das hängt von den Türken ab.«

Bagradians Stimme wurde noch schärfer:

»Danach frage ich dich nicht, Kristaphor. Ich frage dich vielmehr: Getraust du dich, die Hanum, meinen Sohn und diesen amerikanischen Herrn hier nach Alexandrette zu bringen?«

Die Stirn des Verwalters, der, obgleich erst vierzig Jahre, wie ein alter Mann aussah, begann zu schwitzen. Es war nicht klar, ob ihn die Furcht vor dem Wagnis oder die plötzliche Aussicht auf die eigene Rettung in solche Erregung versetzte. Seine Blicke wanderten zwischen Bagradian und Gonzague hin und her. Endlich zuckte es wie der Ansatz einer wilden Freude über seine Miene. Er unterdrückte aber diese Regung sofort, entweder aus Ehrfurcht oder um sich nicht zu verraten:

»Ich getraue mich, Effendi! Wenn der Herr einen Paß hat, werden uns die Saptiehs nichts tun können ...«

Nach dieser Erklärung schickte Gabriel den Kristaphor in die Küche, damit er dort für alle ein sehr ausgiebiges Frühstück zubereiten lasse. Dann setzte er Maris seine Aufgabe weiter auseinander: Leider gebe es in Alexandrette keinen amerikanischen Konsul, sondern nur einen deutschen und einen österreichisch-ungarischen Vizekonsul. Er habe schon vor längerer Zeit über diese beiden Männer Erkundigungen eingezogen. Der Deutsche heiße Hoffmann, der Österreicher Belfante, beide seien wohlgesinnte europäische Kaufleute, von denen man jede Hilfe erwarten könne. Da es sich aber immerhin um Verbündete der Türken handle, müsse man die größte Vorsicht walten lassen:

»Ihr werdet irgendeine Geschichte erfinden ... Juliette ist Schweizerin und hat bei einem Reiseunfall ihren Paß verloren ... Die Vizekonsuln müssen für euch beim Platzkommandanten einen Reiseschein für die Eisenbahn erwirken ... Die Strecke nach Toprak Kaleh wird in den nächsten Tagen eröffnet ... Hoffmann und Belfante werden ja wissen, ob der Kommandant bestechlich ist ... Dann wäre alles gut!«

All diese Fluchtweisungen hatte Gabriel in schlaflosen Nächten hundertmal erwogen, verworfen, ausgewechselt und wieder aufgenommen. Es gab ihrer mehrere Varianten, eine in der Richtung Aleppo, die andre mit dem Ziele Beirût. Dennoch klangen seine abgehackten Sätze wie unmittelbare Erfindungen. Juliette starrte ihn an, als fasse sie keines seiner Worte auf:

»Sie müssen sich eine gute Geschichte ausdenken, Maris! ... Es wird nicht einfach sein, den Reiseunfall und Paßverlust glaubwürdig zu machen ... Doch das ist ja nicht die Hauptsache ... Juliette ... Die Hauptsache ist, daß du als unzweifelhafte Europäerin nicht in den Verdacht kommen wirst, zu uns zu gehören. Und darin liegt schon die Rettung ... Man wird dich für eine Abenteuerin und schlimmstenfalls für eine politische Agentin halten ... Diese Gefahren sind unbedingt da ... Du wirst aus diesen Gründen Unannehmlichkeiten und vielleicht sogar Leiden erdulden müssen ... Doch diese Leiden kommen, an unseren gemessen, kaum in Betracht ... Ununterbrochen mußt du dein großes Ziel vor Augen haben: Fort von hier! Fort von diesen Gottverfluchten, unter die ich unschuldig geraten bin!«

Bei diesen Worten, die er laut hervorstieß, verlor Gabriels Gesicht seine zusammengekrampfte Fassung. Juliette bog ein wenig den Oberkörper zurück, als deute sie mit dieser unwillkürlichen Gebärde die Absicht an, den Wunsch ihres Gatten zu erfüllen. Gonzague Maris machte ein leises Schrittchen auf das Ehepaar zu. Vielleicht wollte er damit zum Ausdruck bringen, daß er sich bereit halte, den Entschlüssen aber durch seine Haltung nicht vorgreifen möchte. Alle andern schienen ihre starre Leblosigkeit zu übertreiben, um das Störende ihrer Zeugenschaft herabzumindern. Sogleich fand Gabriel seine Selbstbeherrschung wieder:

»Es verkehren zwar nur mehr militärische Garnituren ... Ihr müßt die Eisenbahnoffiziere auf jedem Streckenteil bestechen ... Das sind zumeist alte Leute, die in früheren Formen leben und mit Ittihad nichts zu tun haben ... Wenn ihr einmal im Zug sitzet, ist schon viel gewonnen ... Die Strapazen werden schrecklich sein ... Doch jede Meile näher zu Stambul verbessert die Lage ... Und ihr werdet nach Stambul kommen, wenn es auch wochenlang dauert ... Juliette, dort gehst du sofort zu Mr. Morgenthau ... Du erinnerst dich noch an ihn ... Der amerikanische Botschafter ...«

Gabriel zog einen feierlich versiegelten Brief aus der Tasche. Auch diesen, sein Testament, hielt er schon seit Wochen in Bereitschaft, ohne daß Juliette davon wußte. Wortlos reichte er ihn hin. Sie aber nahm langsam die Hände zurück und verbarg sie hinterm Rücken. Gabriel deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf den Musa Dagh im Fenster, den die mächtige Morgensonne eingeschmolzen zu haben schien:

»Ich muß dort hinauf ... Die Arbeit beginnt ... Ich glaube kaum, daß ich heute noch zurückkommen werde ...«

Die ausgestreckte Hand mit dem versiegelten Brief sank herab. Was für Tränen sind das? Und Juliette hält sie nicht zurück? staunte Gabriel. Weint sie um sich, um mich? Ist das der Abschied? Er spürte ihre Qual, erkannte sie aber nicht. Flüchtig sah er die andern an, die Schweigenden, die noch immer in sich zurückgezogen atmeten, um die Entscheidung nicht zu verwirren. Gabriel sehnte sich nach Juliette, die nur einen Schritt weit von ihm stand. Er sprach deutlich und eindringlich wie einer, der sich durch das Telefon über trennende Länder hinweg einem geliebten Wesen offenbaren muß:

»Ich habe gewußt, daß es kommen wird, Juliette ... Und doch hab ich nicht gewußt, daß es so kommen wird ... zwischen uns ...«

Ihre Gegenworte klangen dunkel, aus der Tiefe geholt, böse, und vom Schluchzen nicht zerrissen:

»Und das alles mutest du mir wirklich zu!?«

Wie lange Stephan schon wach war, wieviel er von diesem Gespräch seiner Eltern vernommen und begriffen hatte, das ahnte niemand. Nur Iskuhi stand plötzlich erschrocken auf. Juliette wußte und hatte sich oft darüber gewundert, daß zwischen Gabriel und dem Knaben ein ebenso tiefes wie scheues Verhältnis herrschte. Stephan, der sonst Überlaute und Leidenschaftliche, war in Gabriels Gegenwart zumeist stumm, doch auch Gabriel benahm sich Stephan gegenüber in auffälliger Weise verschlossen, ernst und wortkarg. Das lange Leben in Europa hatte in den Seelen der beiden Bagradians Asiens Leben zwar gedämpft, nicht aber erstickt. (In den Häusern der sieben Dörfer küßten die Söhne, so alt sie auch waren, ihren Vätern allmorgendlich, allabendlich die Hand. Es gab sogar sittenstrenge Familien, in denen bei den Mahlzeiten dem Vater nicht durch die Frauen aufgewartet wurde, sondern durch den ältesten Sohn. Und umgekehrt ehrte auch der Vater den ältesten Sohn auf zartstrenge Art durch uralte Bräuche, sah doch einer im andern die Nachbarstufe auf der verdämmernden Treppe der Ewigkeit.) Bei Gabriel und Stephan zeigte sich dieses Verhältnis freilich nicht mehr in urtümlich festgelegten Formen, sondern in jener Befangenheit, die beide verband und trennte. Nicht anders war die Beziehung Gabriels zu seinem eigenen Vater gewesen. Auch er hatte in dessen Nähe stets eine festlich-beklommene Spannung empfunden und niemals ein zärtliches Wort oder gar eine Liebkosung gewagt. – Um so erschütternder wirkte der Schrei, den Gabriels Sohn nun ausstieß, als er erkannte, daß die Trennung drohe. Er warf die Decke ab, er stürzte zum Vater hin, er klammerte sich an ihm fest:

»Nein, nein ... Papa ... Du darfst uns nicht fortschicken. Ich will bei dir bleiben ... Bei dir bleiben ...«

Was sah aus den mandelförmigen Augen des Sohnes den Vater an? Nicht mehr ein Kind, dessen Leben man zu bestimmen wagt, sondern ein voller Mensch, von Willen und Blut gelenkt, ein fertig durchgebildetes Schicksal, an dem sich nicht mehr kneten ließ. Er ist in diesen Tagen so groß und reif geworden. Diese Feststellung aber schöpfte nicht aus, was ihm aus Stephans Augen entgegenschlug. Schwach wehrte er ab:

»Das, was kommt, Stephan, das ist kein Kinderspiel ...«

Der Angstschrei des Jungen verwandelte sich in immer trotzigere Forderung:

»Ich will bei dir bleiben, Papa ... Ich fahre nicht fort!«

Ich, ich, ich?! Juliette packte zornige Eifersucht. Ah, diese beiden Armenier! Wie sie zusammenhalten! Sie selbst war gar nicht mehr da! Ihr gehörte das Kind ebenso wie ihm. Sie wollte es nicht verlieren. Wenn sie aber in diesem Augenblick ihren Anspruch nicht verteidigte, so verlor sie Stephan. Sie tat einen entschlossenen, ja fast wilden Schritt auf Vater und Sohn zu. Sie faßte Stephans Hand, um ihn zu sich zu ziehn. Gabriel verstand nur, daß Juliette kam. »Und das alles mutest du mir wirklich zu!?« Aus dieser bösen Frage hatte noch Unentschlossenheit gelauert. Der starke Schritt aber war für Gabriel der Schritt der Entscheidung. Er zog Frau und Kind in seine Umarmung:

»Möge Jesus Christus uns helfen! Vielleicht ist es besser so.« Während er sich mit diesen Worten beruhigen wollte, erfüllte ihn ein dunkles Entsetzen, als hätte der angerufene Heiland in derselben Sekunde die Tür vor Juliette und Stephan zugeschlagen. Ehe die Umarmung noch zu wirklichem Leben kam, ließ Gabriel die Arme sinken, wandte sich ab und ging. Auf der Schwelle aber blieb er noch einmal stehen:

»Es ist selbstverständlich, Maris, daß Ihnen für Ihre Reise eines meiner Pferde zur Verfügung steht.«

Gonzague vertiefte sein aufmerksames Lächeln:

»Ich würde Ihre große Güte dankbar annehmen, wenn ich nicht einen andern Wunsch hätte. Ich bitte Sie um die Erlaubnis, an Ihrem Leben oben auf dem Musa Dagh teilnehmen zu dürfen. Mit Apotheker Krikor habe ich schon gesprochen. Er hat den Priester Ter Haigasun meinetwegen gefragt und keine ablehnende Antwort bekommen ...«

Bagradian überlegte eine kleine Weile:

»Sie sind sich doch hoffentlich im klaren darüber, daß Ihnen nachher der schönste amerikanische Paß nichts helfen wird.«

»Ich lebe nun schon so lange hier, Gabriel Bagradian, daß es mir nicht leicht fiele, Sie alle zu verlassen. Und dann habe ich auch meinen Nebenzweck als Journalist. Eine Gelegenheit wie diese kommt für einen Berichterstatter kein zweites Mal.«

Etwas in Gonzagues Wesen machte auf Bagradian jetzt einen feindseligen, ja abstoßenden Eindruck. Er suchte nach einem Argument, um den Wunsch des jungen Menschen zurückzuweisen:

»Es fragt sich nur, ob Sie dann auch noch die Gelegenheit haben werden, Ihre Berichte zu verwenden.«

Gonzague antwortete nicht mehr Gabriel allein, sondern sprach nun zu allen Menschen, die sich im Zimmer befanden:

»Ich habe mit meinem Ahnungsvermögen im Leben sehr gute Erfahrungen gemacht. Und diese Ahnung sagt mir diesmal ganz stark, daß die Sache für Sie alle gut ausgehen wird, Gabriel Bagradian. Das ist zwar nur ein Gefühl. Aber auf derartige Gefühle verlasse ich mich.«

Seine gespannten Sammetblicke gingen von Howsannah zu Iskuhi, von Iskuhi zu Juliette, auf deren Gesicht sie haftenblieben. Und die Augen Gonzagues schienen Madame Bagradian zu fragen, ob sie seine Gründe nicht überzeugend genug finde.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.