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Die vierzig Tage des Musa Dagh

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDie vierzig Tage des Musa Dagh
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun6. Auflage
year1975
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151125
modified20170206
projectid40f0e668
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Fünftes Kapitel
Zwischenspiel der Götter

Die homerischen Helden kämpfen um das skäische Tor und jeglicher von ihnen wähnt, daß Sieg oder Niederlage seinen Waffen anheimgegeben sei. Der Kampf der Helden aber ist nur eine Spiegelung des Kampfes, den über ihren Häuptern die rufenden Götter führen, um das menschliche Los zu entscheiden. Doch selbst die Götter wissen nicht, daß auch ihr Streit nur den Kampf spiegelt, der längst ausgetragen ist in der Brust des Höchsten, aus dem die Ruhe und Unruhe quillt.

 

Gerade in dem Augenblick, da Doktor Johannes Lepsius, den Kutscher seiner Droschke antreibend, die große Brücke erreicht, die von der Gartenstadt Pera hinüber nach Stambul führt, setzt sich das automatische Glockenzeichen in Bewegung, der Schlagbaum sinkt herab, die Brücke beginnt zu zittern wie ein lebendiges Wesen, bricht aufstöhnend mitten entzwei, und ihre beiden eisengerüstigen Teile hüben und drüben schweben langsam empor, um ein Kriegsschiff in den innersten Hafen des Goldenen Horns einzulassen. »Das ist aber wirklich furchtbar«, sagt Lepsius deutsch und laut, während er mit geschlossenen Augen in den zerschlissenen Polstersitz der Araba zurücksinkt, als wolle er den Kampf aufgeben. Doch schon in der nächsten Sekunde springt er aus der Droschke, drückt dem Kutscher einige vorher nicht abgezählte Piasterstücke in die Hand und läuft, einmal über eine Fruchtschale ausgleitend und fast hinstürzend, über die Treppe zum Quai hinab, wo ein paar Kajiks, kleine Überfuhrboote, auf Fahrgäste warten. Viel Auswahl bietet sich ihm nicht, denn nur zwei alte phlegmatische Barkenführer träumen in ihren Kähnen und scheinen sich um einen Verdienst durchaus nicht zu reißen. Johannes Lepsius springt in eines der Kajiks und deutet mit einer schier verzweifelten Geste hinüber auf die Stambul-Seite. Er hat noch sechs Minuten Zeit, um zur angegebenen Stunde im Seraskeriat, im Kriegsministerium, zu sein. Selbst wenn sich der Bootsmann tüchtig ins Zeug legt, braucht er allein schon zehn Minuten, um den Meeresarm zu überqueren. Am Quai drüben – so rechnet der Ungeduldige – werden gewiß einige Droschken ihren Standplatz haben. Er kann also von dort in weitern fünf Minuten beim Ministerium sein. Wenn alles gut geht, fünfzehn Minuten weniger sechs: Neun Minuten Verspätung! Sehr unangenehm, aber immerhin noch glimpflich. – Natürlich geht alles schlecht. Der Schiffer, nach Venezianerart das Fahrzeug vorwärtsstoßend, ist durch keinen Zuruf und keine Beschwörung aus seiner bedächtigen Ruhe zu bringen. Die Barke tänzelt und stößt nicht vorwärts. »Die Strömung, Effendi, das Meer kommt herein«, so deutet der verwitterte Türke das Verhängnis, gegen welches er machtlos ist. Zum Überfluß kreuzt ein Fischkutter an ihrer Nase vorbei, was wieder einen Zeitverlust von zwei Minuten bedeutet. Dumpfohnmächtig, wie nur ein Mensch es sein kann, der auf dem Wasser dahinschaukelt, versinkt der Deutsche in sich. Um dieser einen Stunde willen hat er die Strapaze der Reise auf sich genommen, ist er von Potsdam nach Konstantinopel gekommen, hat er Tag für Tag hier unermüdlich den deutschen Botschafter belagert, und nicht nur diesen, sondern die Vertreter aller neutralen Mächte. Um dieser einen Stunde willen hat er jeden Deutschen oder Amerikaner, der aus dem Innern kam, in allen möglichen Quartieren aufgesucht und um Details angebettelt. Um dieser einen Stunde willen ist er tagelang im Büro der amerikanischen Bible-House-Gesellschaft gesessen, hat die verschiedensten Ordensleute belästigt, hat auf wohlbedachten Umwegen, um den Spitzeln zu entgehen, sich mit armenischen Freunden in verborgenen Zimmern getroffen, dies alles nur, um für die große Begegnung wohlgerüstet zu sein. Und jetzt spielt ihm das Schicksal den Streich, daß er die Zeit nicht einhalten kann. Man könnte fast an dämonische Gegenwinde glauben. Wie hat sich der liebenswürdige Korvettenkapitän von der deutschen Militärmission geplagt, um diese Unterredung zu vermitteln. Dreimal wurde sie zugestanden und dreimal wieder abgesagt. Enver Pascha ist der Kriegsgott des ottomanischen Reiches. Mit einem so unbedeutenden Feinde, wie es Doktor Johannes Lepsius ist, macht er nicht viel Geschichten.

So, die zehn Minuten sind um. Enver gibt den Befehl, diesen deutschen Querulanten keinesfalls mehr vorzulassen, und die Sache ist verspielt. Mag sie verspielt sein! Mein eigenes Volk kämpft um sein Leben. Der schwarze Reiter mit der Waage ist auch über ihm. Was gehn mich denn die Armenier an? Johannes Lepsius quittiert diese lügenhafte Beruhigung durch ein leeres, kurzes Aufschluchzen. Nein, diese Armenier gehen ihn sehr viel an, mehr sogar, wenn er sein Herz mit Grausamkeit prüfen wollte, mehr als sein eigenes Volk gehen sie ihn an, mag so etwas auch sündhaft und verrückt sein. Seit den Tagen Abdul Hamids, seit den Metzeleien von 96, seit seiner ersten Reise ins Innere, seit dem Beginn seines Missionswerkes, fühlt er sich gesandt zu diesen Unglückseligen. Sie sind seine irdische Aufgabe. Und sofort sieht er einige ihrer Gesichter. Und alle schauen aus den riesigen Armenieraugen ihn an. Solche Augen haben nur Wesen, die den Kelch bis zur Neige leeren müssen. Jesus am Kreuz hat wohl ähnliche Augen gehabt. Und vielleicht liebt Lepsius darum dieses Volk so sehr. In die Augen des Patriarchen, des armenischen Erzpriesters der Türkei, hat er noch vor einer Stunde geblickt, das heißt, er hat seinen Blick immer wieder von den hoffnungslos brennenden Augen dieses Monsignore Sawen abwenden müssen. Übrigens ist der Besuch beim Patriarchen an der Verspätung schuld. Es war jedenfalls ein Wahnsinn, daß er noch einmal nach Hause nach Pera ins Hotel Tokatlyan gefahren ist, um sich umzukleiden. Gut, er mußte beim Patriarchen im langen schwarzen Rock erscheinen, wie es sich für einen protestantischen Geistlichen geziemt. Bei Enver wollte er aber gerade diese Eigenschaft nicht hervorkehren, ja er suchte für diese schicksalschwere Begegnung jede feierliche Anspielung zu vermeiden. Er kannte die Leute von Ittihad, seine Gegenspieler. Ein grauer Straßenanzug, ein nachlässiger Sprechton, sicheres Auftreten, Andeutung von Mächten, die hinter ihm stehn, das war die richtige Art, mit Hasardeuren umzugehen. Und nun war der graue Straßenanzug an allem schuld.

Er hätte bei dem Patriarchen sich nicht so lange verweilen, sondern nach einigen Minuten verabschieden sollen. Leider aber ist die pedantische Zielstrebigkeit nie seine Stärke gewesen. Selbst sein armenisches Hilfswerk nach den Metzeleien unter Abdul Hamid hat er weniger durch vernünftige Politik als durch leidenschaftliches Türeneinrennen geschaffen. Nicht umsonst frönte er hie und da noch immer dem Jugendlaster des Dichtens: »Totentanz«, »Der ewige Jude«, »John Bull« und so ähnlich. Improvisation, Abhängigkeit vom Augenblick, das ist sein Fall, er weiß es. Und so hat er sich heute nicht losreißen können von dem rührenden Priester. »Sie werden in einer Stunde vor Enver stehn« – der leisen Stimme des Monsignore Sawen merkte man die Kette der schlaflosen Nächte an, sie starb gleichsam mit ihrem Volk dahin. »Sie werden vor diesem Menschen stehen. Gott segne Sie. Aber auch Sie werden nichts erreichen.«

»So mutlos bin ich nicht, Monsignore«, hatte Lepsius zu trösten versucht. Eine entsagungsschmerzliche Handbewegung aber schnitt ihm das Wort ab. »Wir haben heute in Erfahrung gebracht, daß nach Zeitun, Aïntab, Marasch usw. nun auch die Deportation über die ostanatolischen Vilajets verhängt ist. Außer dem Westen von Kleinasien bleibt also bisher nur Aleppo und der Küstenstrich von Alexandrette verschont. Sie wissen besser als jeder andere, daß die Deportation ein verschärfter und in die Länge gezogener Foltertod ist. Von den Bewohnern Zeituns soll niemand mehr am Leben sein.« Die Augen des Patriarchen hatten Johannes Lepsius jeden Einspruch verboten: »Lassen Sie das Unmögliche bleiben und konzentrieren Sie sich auf das Mögliche! Vielleicht gelingt es Ihnen, ich glaube es nicht, einen Aufschub für Aleppo und den Küstenstrich zu erwirken. Jeder Tag ist ein Gewinn. Pochen Sie auf die deutsche Öffentlichkeit und die Zeitungen, die von Ihnen unterrichtet werden. Vermeiden Sie vor allem eins: Moralisieren Sie nicht! Das lockt diesem Menschen nur Hohn hervor! Bleiben Sie bei den politischen Tatsachen! Drohen Sie mit der Wirtschaft, das verfängt am ehesten. – Und jetzt empfangen Sie meinen Segen, lieber Sohn, für Ihr edles Werk! Christus sei mit Ihnen!« Lepsius hatte den Kopf gebeugt, der Patriarch aber schrieb ein großes Kreuz über seine ganze Brust.

Nun aber sitzt er da, in der schwerfälligen Barke auf den Wellen des Goldenen Horns treibend, der Schiffer stößt seine Ruder ungerührt bedachtsam ins Wasser, und als sie endlich anlegen, sind mehr als zwanzig Minuten vergangen. Mit dem ersten Blick sieht Johannes Lepsius, daß auf dem Standplatz nicht eine Araba wartet. Er lacht verzerrt vor sich hin, denn hinter dieser ausgesuchten Reihe raffinierter Hindernisse verbirgt sich mehr als Zufall. Gegnerische Mächte werfen ihm Prügel zwischen die Beine, weil er sich in die armenische Sache mengt, die wohl ihren ungehemmten Lauf nehmen soll. Er schaut sich auch nach keiner Droschke mehr um, sondern beginnt, so groß, alt und auffallend er auch ist, zu laufen. Damit kommt er nicht weit. Die Plätze und Gassen des alten Stambuls sind von einer gewaltigen, festfeiernden Menge erfüllt. Unter den beflaggten Häusern, an buntgeschmückten Läden und Cafés vorbei, schieben und stoßen sich Tausende mit Fez oder Tarbusch, schreiende fanatisierte Gesichter. Was ist geschehen? Hat man an den Dardanellen die Alliierten vertrieben? Lepsius denkt an das ferne Geschützfeuer, das er in der Nacht so oft hört. Die schweren Geschütze der englischen Flotte begehren pochenden Einlaß nach Konstantinopel. Und er erinnert sich, daß heute irgendein Gedenktag der jungtürkischen Revolution gefeiert wird. Vielleicht ist es das Erinnerungsfest des Tages, an dem das Komitee seine politischen Feinde durch Mord aus dem Weg räumte, um endgültig die Macht zu ergreifen? Gleichviel, welcher Gedenktag auch gefeiert werden mag, die Menge tobt und brüllt. Vor einem Geschäftshaus eine dicke Stauung! Junge Leute steigen auf bereitwillige Schultern, erklettern das Gesimse, und in der nächsten Minute poltert eine große Firmentafel zur Erde. Lepsius, der in den Menschenknäuel geraten ist, fragt einen Nachbarn, der keinen Fez trägt, nach dem Sinn dieser Geschehnisse. Es werden keine fremden Aufschriften mehr geduldet, hört er, die Türkei den Türken, alle Wegweiser, Straßen- und Geschäftstafeln dürfen nur mehr einsprachig türkisch sein! Und der Nachbar (wahrscheinlich ein Grieche oder Levantiner) lacht boshaft: »Da haben sie aber diesmal unsere Verbündeten demoliert. Es ist ein deutsches Geschäft.«

In langer Reihe drängen sich die aufgehaltenen Straßenbahnzüge hintereinander. Es ist eigentlich gleichgültig, denkt Lepsius, wann ich hinkomme, die Sache ist verloren. Dennoch aber nimmt er einen Anlauf und zerteilt mit rücksichtslosen Stößen die Menge. Noch eine Seitengasse, dann öffnet sich der Platz vor ihm. Das große Palais des Seraskeriats. Hoch ragt der Turm Mahmuts des Zweiten. Jetzt läßt sich der Pastor Zeit. Er beginnt langsam zu gehn, um die Löwenhöhle nicht atemlos zu betreten. Als er, durch endlose Treppen und Gänge zermürbt, seine Karte im Büro des Kriegsministeriums abgibt, erhält er von einem eleganten, überaus freundlichen Ordonnanzoffizier den Bescheid, Exzellenz Enver Pascha bedaure lebhaft, daß es ihm unmöglich war, länger zu warten, er bitte aber den Herrn, ihn im Ministerium des Innern im Serail mit seinem Besuch zu beehren.

Johannes Lepsius hat jetzt einen noch weit längeren Weg zurückzulegen als vorher. Aber diesmal ist die Verhexung völlig gebrochen, die Dämonen haben sich eines anderen besonnen, sie drängen ihm gewissermaßen die Bequemlichkeit auf. Vor dem Tor wartet ein eben frei gewordener Wagen, der Kutscher ist auf gute Fahrt bedacht, er vermeidet die volkreichen Stätten und in zauberhaft kurzer Zeit erreicht der Kämpfer, völlig ausgeruht und von einer ihm selbst unbegreiflichen Zuversicht durchströmt, die stille Welt des Serails, um alsbald mit Donnerhufen auf dem alten Katzenkopfpflaster dem Ministerium entgegenzurollen. Hier ist er erwartet. Ehe er noch die Karte zückt, empfängt ihn ein Beamter mit der Frage: »Dr. Lepsius?« Welch günstige Vorbedeutung! Wieder Treppen und ein langer Gang. Diesmal aber glaubt er, von guten Ahnungen getragen, leichtfüßig dahinzuschweben. Das stille Ministerium des Innern, Talaat Beys Festung, macht einen angenehm verträumten Eindruck auf ihn. Märchenhaft beinahe wirken die Amtszimmer, die keine Türen haben, sondern nur von sich blähenden Vorhängen abgeschlossen sind. Auch dies beruhigt ihn, er weiß nicht warum, als gute Vordeutung. Er wird am Ende des Ganges in ein besonderes Appartement geführt. Es ist das Hauptquartier Enver Paschas im Ministerium des Innern. In diesen beiden Räumen hier sind gewiß die Würfel über das armenische Schicksal geworfen worden. Ein größeres Zimmer, dem Anschein nach ein Warte- und Sitzungssaal, und daneben ein Kabinett mit einem großen leeren Schreibtisch. Der Vorhang zu diesem Kabinett ist zurückgeschlagen. Lepsius bemerkt an der Wand über dem Schreibtisch drei Bilder. Rechts Napoleon, links Friedrich der Große, und dazwischen die vergrößerte Photographie eines türkischen Generals, ohne Zweifel Enver Pascha, der neue Kriegsgott.

Der Wartende setzt sich ans Fenster. Sein Auge saugt, über den Kneifer hinweg, Ruhe aus dem schönen Bild des Verfalls, aus Kuppelsturz und Marmorbruch, von Pinien beschirmt. Dahinter der Bosporus mit spielzeughaft dahinschiebenden Dampferchen. Der kurzsichtige, blau in die Ferne gerichtete Blick des Pastors, der kindliche Mund, der sich aus dem sanften, grauen Bärtchen hervorwölbt, die strengen Wangen, die noch von Eile und Not gerötet sind, all dies bildet einen Ausdruck von Leiden und von Schwärmerei, die gegen sich selbst unerbittlich ist. Ein Diener bringt eine Kupferkanne mit Kaffee. Lepsius genießt gierig drei, vier Schalen hintereinander. Durch diesen Kaffee wird ihm ein Vorsprung gegeben, seine Nerven spannen sich, die Adern treiben frischer das Blut zum Kopf. Als Enver Pascha eintritt, hat Lepsius gerade die letzte Tasse geleert.

 

Johannes Lepsius hat sich schon in Berlin Enver Pascha genau beschreiben lassen, dennoch ist er sehr überrascht, daß der türkische Mars, einer von den sieben oder neun Herren über Leben und Tod der Welt, so klein gewachsen und unansehnlich ist. Er begreift sofort Napoleons und Friedrichs Bilder. Heroen von 1,60 Körpermaß, geniale Gernegroßen, die ihren Erfolg gegen körperliches Zukurzgeratensein durchgesetzt haben. Lepsius möchte wetten, daß Enver Pascha hohe Absätze trägt. Die Persianerkappe, die er nicht ablegt, geht jedenfalls über die Höhe der Adjustierungsvorschrift hinaus. Die goldverschnürte Marschalls- (oder Phantasie-) Uniform ist wundervoll in die Taille geschnitten, hebt durch ihren straffen, knappen Sitz die Gestalt und verleiht ihr im Bunde mit zwei blitzenden Reihen von Orden etwas Leichtsinnig-Jugendliches und Zierlich-Wagemutiges. ›Zigeunerbaron‹, denkt Lepsius und kann sich, während sein Herz immer schneller klopft, eines energischen Walzers aus fernen Jugendtagen nicht erwehren:

Dies und noch mehr
Kann ich auf Ehr ...

Die Textworte aber, die ihn im Hinblick auf die strahlende Uniform anwandeln, stehen ganz und gar im Widerspruch zu Wesen und Anblick des jungen Generalissimus. Enver Pascha hat einen verlegenen, ja manchmal schüchternen Gesichtsausdruck und einen Augenaufschlag wie ein Mädchen. Mit seinen schmalen Hüften und abfallenden Schultern bewegt er sich fein und anmutig. Lepsius kommt sich plump vor. Der erste Angriff, den der Feind gegen ihn führt, besteht in einer jähen Sympathie mit seiner tänzerischen Erscheinung, die er in dem Besucher zu erwecken weiß. Nach den Begrüßungsworten führt er ihn nicht in das anstoßende Kabinett, sondern bittet ihn, Platz zu behalten, und rückt sich sofort einen Stuhl von dem Sitzungstisch zum Fenster, ohne auf die Lichtverteilung zu achten, die für ihn ungünstig ist.

Johannes Lepsius eröffnet das Gespräch (so hat er sich's in seinem Kampfprogramm zurechtgelegt) mit dem Gruß einer deutschen Verehrerin, den er dem General überbringt. Dieser lächelt mit dem ihm eigenen verlegenen Reiz und bekennt mit einem angenehmen Tenor, der die Harmonie seiner Erscheinung auch stimmlich zu voller Geltung bringt, in gutem Deutsch:

»Ich achte die Deutschen sehr hoch. Sie sind ohne Zweifel das erstaunlichste Volk der Welt. In diesem Kriege leisten sie Unübertreffliches. Ich persönlich freue mich immer, wenn ich einen deutschen Herrn hier bei mir begrüßen darf.«

Pastor Lepsius weiß sehr wohl, daß Enver Pascha im Komitee die französische Partei vertrat und vielleicht heimlich noch immer vertritt und daß er sich lange dagegen gesträubt hat, an der Seite Deutschlands und nicht der Alliierten in den Krieg zu treten. Da diese Frage aber im Augenblick ganz gleichgültig ist, fährt Lepsius in dem tastenden Austausch von Höflichkeiten fort:

»Exzellenz besitzen in Deutschland eine große Anzahl von ergebenen Bewunderern. Man erwartet von Ihnen weltbewegende Taten.«

Augenaufschlag Envers. Eine kleine Gebärde der Hand, welche sich gegen die Anforderungen, die in solcher Schmeichelei stecken, müde zu wehren scheint. Schweigen, das ungefähr bedeutet: Nun sieh zu, mein Lieber, wie du mich in deine Gasse kriegst. Lepsius wendet den Kopf lauschend zum Fenster, durch das kein anderer Laut dringt als das leise Pfeifen und Klingeln des Bosporus-Verkehrs:

»Ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Stimmung hier in Stambul sehr begeistert ist. Besonders heute herrscht ein imposantes Treiben.«

Der General entschließt sich mit seiner angenehmen, aber jetzt gleichgültigen Stimme zu einem Kernsatz im Stil patriotischer Verlautbarungen:

»Der Krieg ist schwer. Aber unser Volk weiß, was es sich schuldig ist.«

Erster Ausfall des Deutschen:

»Ist es im Innern ebenso, Exzellenz?«

Enver schaut erfreut in die fernste Ferne:

»Gewiß, im Innern gehen große Dinge vor sich.«

»Exzellenz, diese großen Dinge sind mir wohlbekannt.«

Der Kriegsminister mißversteht mit einem leichten Erstaunen. Für den ersten Mann eines Riesenreichs hat er eine ausnehmend jungenhafte Gesichtsfarbe:

»Die Lage an der Kaukasusfront bessert sich von Tag zu Tag. Über die Südarmee Dschemals und Ihres Landsmannes Kreß zu reden, ist freilich noch verfrüht.«

»Sehr erfreulich, Exzellenz! Aber ich habe unter dem Innern nicht das Kriegsgebiet verstanden, sondern die friedlichen Vilajets.«

»Während sich ein Staat im Kriege befindet, sind alle seine Gouvernements Kriegsgebiet, mehr oder weniger.«

Dieser Satz bekommt einen leichten Nachdruck mit auf den Weg. Das Vorpostengeplänkel ist damit zuungunsten des Pastors entschieden, der zu einem Frontangriff übergehen muß:

»Exzellenz wissen vielleicht, daß ich nicht auf eigene Faust hierhergekommen bin, sondern als Vorsitzender der deutschen Orientgesellschaft, der ich über gewisse Vorgänge Bericht zu erstatten habe.«

Verwunderter Augenaufschlag Envers. Was ist das für ein Ding, Orientgesellschaft?

»Das Auswärtige Amt, ja der Herr Reichskanzler selbst nimmt an meiner Mission lebhaften Anteil. Nach meiner Rückkehr werde ich zur Information der Abgeordneten und der deutschen Presse einen Vortrag im Reichstag über die armenische Frage halten.«

Enver Pascha, der, mit routinierter Geduld zu Boden schauend, dem Besucher zuhört, hebt bei den Worten »armenische Frage« den Kopf. Der Unmut eines verzogenen Kindes, das die ernsten Leute immer mit dem gleichen Unsinn belästigen, umwölkt einen Augenblick seine Miene. Doch sofort ist wieder alles in Ordnung. Dem Lepsius aber geht das Herz jetzt schon durch:

»Ich komme in meiner Not zu Ihnen, Exzellenz, weil ich überzeugt bin, daß ein Feldherr Ihres Ranges, ein Held, nichts tut, was seinen Namen in der Geschichte verdunkeln könnte.«

»Ich weiß, Herr Lepsius«, ergreift Enver Pascha mit wohlwollendster Nachsicht das Wort, »daß Sie hierhergekommen sind und diese Unterredung gewünscht haben, um über die bewußte Sache Aufklärung zu verlangen. Obwohl mich tausend wichtige Angelegenheiten in Anspruch nehmen, bin ich bereit, Ihnen hier jede Zeit zu widmen und jede gewünschte Auskunft zu erteilen.«

Lepsius muß diese Opfer mit einer Bewegung tiefer Dankbarkeit entgegennehmen.

»Seitdem meine Freunde und ich die Regierung leiten«, beginnt der General, »waren wir immer bestrebt, der armenischen Millet jegliche Förderung und unbedingte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es liegen alte Verabredungen vor. Ihre armenischen Freunde haben unsere Revolution aufs lebhafteste begrüßt und alle erdenklichen Schwüre geleistet, uns die Treue zu bewahren. Diese Schwüre haben sie dann über Nacht gebrochen. Wir drückten beide Augen zu, solange wie möglich, solange die osmanische Nation, das Staatsvolk, nicht gefährdet war. Wir leben doch in der Türkei, nicht wahr? Als sich aber nach Kriegsausbruch die Fälle von Hochverrat, Felonie, subversiver Gesinnung mehrten, als die Desertion schauderhaft überhandnahm, als es zu offenem Aufruhr kam, ich erinnere nur an die große Revolte von Zeitun, da waren wir zu Gegenmaßregeln gezwungen, wenn wir nicht das Recht verlieren wollten, eine Volksregierung zu sein und Krieg zu führen.«

Lepsius nickt, als sei er auf dem besten Wege, überzeugt zu werden:

»Worin, Exzellenz, bestanden die gerichtlich erwiesenen Fälle von Hochverrat und Felonie?«

Große Handbewegung Envers, als lasse sich die Fülle der Verbrechen gar nicht ausschöpfen:

»Konspiration mit Rußland. Das Lob, das Sassonow den Armeniern in der Petersburger Duma erteilt hat, sagt genug. Ferner Verschwörungen mit Frankreich und England. Umtriebe, Spionage, alles was sich nur denken läßt.«

»Und hat man über diese Fälle regelrechte Gerichtsprozesse geführt?«

»Kriegsgericht natürlich. Bei Ihnen wäre das ja nicht anders. Vor kurzem wurden fünfzehn der ärgsten Fälle abgeurteilt und öffentlich hingerichtet.«

Naive Frechheit, stellt Lepsius innerlich fest. Er lehnt sich zurück und sucht das Beben seiner Stimme zu beherrschen:

»Meines Wissens sind diese fünfzehn armenischen Männer schon längst vor dem Krieg verhaftet worden, folglich können sie sich doch schwerlich des Hochverrats nach geltendem Kriegsrecht schuldig gemacht haben.«

»Wir kommen selbst von der Revolution her«, antwortet der General nicht zur Sache, aber dafür mit der Heiterkeit eines Knaben, der sich köstlicher Streiche erinnert. »Wir wissen sehr gut, wie das gemacht wird.«

Lepsius verschluckt ein Kraftwort über die Revolution und räuspert sich zu einer neuen Frage hinüber:

»Und die armenischen Notabeln und Intellektuellen, die Sie hier in Stambul inhaftiert und abgeschoben haben, sind die auch des Hochverrats überwiesen?«

»Sie werden einsehen, daß wir auch nur mögliche Hochverräter in nächster Nähe der Dardanellenfront nicht dulden können.«

Johannes Lepsius widerspricht nicht, sondern wirft sich mit einem jähen Temperamentsausbruch auf die Hauptsache:

»Aber Zeitun! Ich möchte dringend Ihre Ansicht über Zeitun hören, Exzellenz!«

Enver Paschas blitzblanke Freundlichkeit verfinstert sich feierlich:

»Der Aufruhr von Zeitun war eine der größten und infamsten Revolten in der Geschichte des türkischen Reichs. Der Kampf mit den Insurgenten hat unseren Truppen leider schwere Verluste gekostet, wenn ich sie Ihnen auch auswendig nicht nennen kann.«

»Ich habe über Zeitun andere Berichte als Exzellenz« – Lepsius führt diesen Schlag mit stockenden Silben –, »meine Berichte sprechen von keinem Aufruhr in der dortigen Bevölkerung, sondern von monatelanger Herausforderung und Bedrückung durch die Bezirks- und Sandschakbehörden. In ihnen ist von einem Nichts die Rede, das ein stärkeres Polizeiaufgebot hätte bereinigen können, während in der militärischen Assistenz von einigen tausend Mann für jeden gerechten Menschen die vorgefaßte Absicht deutlich wird.«

»Sie wurden mit falschen Informationen bedient«, meint der General unberührt artig. »Darf ich die Herkunft Ihrer Berichte erfahren, Herr Lepsius?«

»Ich werde einige nennen, schicke aber voraus, daß armenische Quellen nicht darunter sind. Hingegen kenne ich die genauen Memoranden verschiedener deutscher Konsuln, ich besitze Aufzeichnungen von Missionaren, die Augenzeugen der grauenhaftesten Vorgänge waren. Und schließlich empfing ich ein lückenloses Bild von der Lage durch den amerikanischen Botschafter, Mr. Morgenthau.«

»Mr. Morgenthau«, bemerkt Enver übermütig, »ist Jude. Und die Juden stehen immer fanatisch auf Seiten der Minderheit.«

Diese graziöse Unzugänglichkeit macht Lepsius erstarren. Er hat eiskalte Hände und Füße:

»Es kommt nicht auf Morgenthau an, Exzellenz, sondern auf die Tatsachen. Und die Tatsachen werden und können Sie nicht leugnen. Hunderttausend Menschen sind bereits auf dem Wege der Verschickung. Die Behörden sprechen nur von Umsiedlung. Ich behaupte aber, daß dies, gelinde gesagt, ein Wortmißbrauch ist. Kann man ein Volk von Bergbauern, von Handwerkern, Städtern, Kulturmenschen mit einem Federstrich in der mesopotamischen Wüste und Steppe ansiedeln, in einer ozeanweiten Einöde, die sogar von den Beduinenstämmen geflohen wird? Und selbst dieses Ziel ist doch nur eine Finte. Denn die Ortsbehörden richten die Deportation so ein, daß die Elenden schon während der ersten acht Tagesmärsche durch Hunger, Durst, Krankheit umkommen oder wahnsinnig werden, daß man die widerstandsfähigen Knaben und Männer durch Kurden oder Banditen, wenn nicht gar durch Militär, umbringen läßt, daß die jüngeren Mädchen und Frauen der Schändung und Verschleppung geradezu aufgedrängt werden ...«

Der General hört mit höflichster Aufmerksamkeit zu, dabei aber gibt seine abgespannte Miene zu erkennen: dieses schale Lied höre ich zwölfmal täglich. Die Manschette, die er mit seiner weißen Frauenhand aus dem Ärmel hervorholt, scheint ihm wichtiger zu sein.

»Sehr bedauerliche Dinge! Aber der Oberkommandierende einer großen Wehrmacht ist für die militärische Sicherheit seines Kriegsgebietes verantwortlich.«

»Kriegsgebiet«, schreit Lepsius auf, beherrscht sich aber sofort und versucht, den ruhigen Ton Envers aufzunehmen: »Kriegsgebiet, das ist die einzige neue Nuance. Alles andere, Zeitun, Hochverrat, Umtriebe, war schon dagewesen. Diese Mittel hat Abdul Hamid meisterhaft gehandhabt, wenn die Armenier wieder daran glauben sollten. Ich bin ein älterer Mann als Sie, Exzellenz, und habe es an Ort und Stelle miterlebt. Denke ich aber an die Deportationen, so muß ich dem alten Sünder Abbitte leisten. Er war ein Stümper, ein harmloses Kind gegen die neuen Methoden. Und Ihre Partei, Exzellenz, hat die Macht doch nur erobert, weil es die blutige Zeit des alten Sultans durch Gerechtigkeit, Einigkeit, Fortschritt ablösen wollte. Dahin lautet doch auch der Name Ihres Komitees.«

Dieser Hieb ist kühn, ja unbesonnen. Johannes Lepsius erwartet eine Sekunde lang, der Kriegsminister werde aufstehen und die Unterredung beenden. Enver bleibt aber ruhig sitzen und auf seine Liebenswürdigkeit fällt nicht der geringste Schatten. Er beugt sich sogar vertraulich vor:

»Ich werde Ihnen eine Gegenfrage stellen, Herr Lepsius. Deutschland besitzt glücklicherweise keine oder nur wenig innere Feinde. Aber gesetzt den Fall, es besäße unter anderen Umständen innere Feinde, nehmen wir an Francoelsässer, Polen, Sozialdemokraten, Juden, und zwar in größerer Menge, als das der Fall ist. Würden Sie da, Herr Lepsius, nicht jegliches Mittel gutheißen, um Ihre schwerkämpfende, durch eine Welt von äußeren Feinden belagerte Nation vom inneren Feinde zu befreien? Würden Sie es dann auch so grausam finden, wenn man die für den Kriegsausgang gefährlichen Bevölkerungsteile einfach zusammenpackte und in entlegene, menschenleere Gebiete verschickte?«

Johannes Lepsius muß sich mit beiden Händen anhalten, um nicht aufzuspringen und hervorzufuchteln:

»Wenn die Regierenden meines Volkes«, ruft er sehr laut, »ungerecht, gesetzlos, unmenschlich« (unchristlich hat er schon auf der Zunge gehabt) »gegen ihre Landsleute von anderem Stamm oder anderer Gesinnung vorgingen, so würde ich mich im selben Augenblick von Deutschland lossagen und nach Amerika ziehen!«

Langer Augenaufschlag Enver Paschas:

»Traurig für Deutschland, wenn andre auch so denken wie Sie. Ein Zeichen, daß Ihrem Volk die Kraft fehlt, seinen nationalen Willen rücksichtslos durchzusetzen.«

An dieser Stelle des Gespräches wird der Pastor von einer großen Müdigkeit heimgesucht. Sie kommt aus dem Gefühl, daß der kleine geschlossene Mensch dort in seiner Weise recht hat. So hat die verbissene Weisheit der Welt immer gegen Christus recht. Das Arge aber ist, daß sich Envers Rechthaben in diesem Augenblick auf Johannes Lepsius überträgt und seine Kampfkraft schwächt. Bergschwer fällt ihm das ungewisse Schicksal seines eigenen Vaterlandes auf die Seele. Er flüstert:

»Der Vergleich stimmt nicht.«

»Gewiß, der Vergleich stimmt nicht. Doch er fällt zu unsern Gunsten aus. Wir Türken haben es hundertmal schwerer, uns zu behaupten, als ihr Deutsche.«

Lepsius zieht in qualvoller Zerstreutheit sein Taschentuch und hält es in der Hand wie eine Parlamentärflagge:

»Es handelt sich hier nicht um den Schutz vor einem inneren Feind, sondern um die planvolle Ausrottung einer anderen Nation.«

Er bringt das stumpf und stoßweise vor, während seine Augen, die Envers Gelassenheit nicht länger ertragen, in das Kabinett mit den Heroenbildern schweifen. Steht nicht Monsignore Sawen, der Patriarch, dort? Lepsius weiß sofort, er müßte über »Wirtschaft« reden. Schnell rafft er sich zu neuer Kraftanstrengung auf:

»Exzellenz, ich bin nicht so vermessen, Ihnen die Zeit durch leere Gespräche zu rauben. Ich werde es wagen, Sie auf verschiedene Übelstände aufmerksam zu machen, die Sie sich selbst vielleicht noch nicht ganz klargemacht haben, was bei der Amtsüberlastung eines Oberbefehlshabers verständlich ist. Das Innere, Anatolien, Syrien, kenne ich vielleicht besser als Sie selbst, da ich jahrelang in diesen Gebieten unter schweren Bedingungen gearbeitet habe.«

Und er entwickelt nun mit gehetzten Worten, denn er fühlt die Zeit schwinden, seine Theorien. Ohne die armenische Millet sei das türkische Reich wirtschaftlich, kulturell und infolgedessen auch militärisch verloren. Warum? Er wolle gar nicht vom Handel reden, der sich zu neunzig Prozent in christlichen Händen befinde, auch wisse die Exzellenz so gut wie er, daß der gesamte Import von armenischen Firmen verwaltet werde, daß somit einer der wichtigsten Zweige der Kriegführung, die Versorgung des Reiches mit Rohstoffen und Fabrikaten, nur von diesen Firmen durchgeführt werden könne. Er verweise auf ein Welthaus wie Awetis Bagradians Nachfolger, das in zwölf europäischen Städten Niederlagen, Büros, Vertreter besitze. Es koste sehr viel weniger Mühe, eine derartige Organisation zu vernichten, als Ersatz für sie zu schaffen. Was aber das Innere selbst anbetreffe, so habe er, Lepsius, auf seinen Reisen schon vor Jahren die Erfahrung gemacht, daß die armenische Landwirtschaft in Anatolien turmhoch über dem türkischen Kleinbauerntum stehe. Damals schon hätten die zilizischen Armenier aus Europa Hunderte von Dreschmaschinen und Dampfpflügen bezogen, womit sie den Türken einen trefflichen Anlaß zur Metzelei gaben, denn diese ermordeten nicht nur die zehntausend Leute von Adana, sondern schlugen auch die Dreschmaschinen und Dampfpflüge in Stücke. Hierin aber und nirgendwo anders stecke der Grund alles Übels. Die armenische Millet, die kultivierteste und tätigste Schicht der ottomanischen Bevölkerung, mache seit Jahrzehnten die Riesenanstrengung, das Reich aus altertümlicher Naturalwirtschaft heraufzuführen in eine neue Welt zeitgemäßer Bodenkultur und beginnender Industrialisierung. Und gerade für diese segensreiche Pioniertat werde es von der Rache der gewalttätigen Faulheit verfolgt und vernichtet.

»Nehmen wir an, Exzellenz, Handwerk, Gewerbe, Hausindustrie, die im Innern rein armenisch sind, könnten durch Türken ersetzt werden, wer aber ersetzt die vielen armenischen Ärzte, die an den besten Universitäten Europas studiert haben und die osmanischen Kranken mit der gleichen Sorgfalt pflegen wie ihre Volksgenossen? Wer ersetzt die vielen Ingenieure, Anwälte, Fachlehrer, deren Arbeit das Land unermüdlich vorwärtstreibt? Vielleicht werden Exzellenz erwidern, man könne zur Not auch ohne den Intellekt leben. Doch ohne den Magen kann man nicht leben. Und gerade den Magen der Türkei zerschneidet man und hofft, diese Operation zu überstehen.«

Enver Pascha hört, den Kopf sanft zur Seite neigend, diese Rede achtungsvoll zu Ende an. Sein ganzes Wesen, frisch, schnittig, nur durch jene leise Schüchternheit gedämpft, zeigt ebensowenig eine unvorhergesehene Falte wie seine Uniform. Der Pastor hingegen ist schon ganz aus der Form geraten. Er schwitzt, die Krawatte ist verrutscht und die Ärmel seines Rockes steigen nach oben. Der General kreuzt seine kurzen, aber schlanken Beine. Die blitzenden Lackreitstiefel sitzen wie auf dem Leisten.

»Sie sprechen vom Magen, Herr Lepsius«, lächelt er entgegenkommend, »nun, vielleicht wird die Türkei nach dem Krieg einen schwachen Magen haben.«

»Sie wird gar keinen Magen mehr haben, Exzellenz.«

Ungekränkt fährt der Generalissimus fort:

»Das Volk der Türken zählt vierzig Millionen. Nun versetzen Sie sich einmal auf unsere Seite, mein Herr! Ist es nicht ein großer und würdiger politischer Plan, diese vierzig Millionen zusammenzufassen und mit ihnen ein nationales Reich zu gründen, das in Asien dereinst die gleiche Rolle spielen wird wie Deutschland in Europa. Das Reich wartet. Wir müssen es nur ergreifen. Unter den Armeniern gibt es gewiß eine beängstigende Menge von Intelligenz. Sind Sie wirklich ein Freund dieser Art von Intelligenz, Herr Lepsius? Ich nicht! Wir Türken besitzen von dergleichen Intelligenz wenig. Dafür aber sind wir die alte heroische Rasse, die zur Errichtung und Beherrschung des großen Reiches berufen ist. Über Hindernisse werden wir deshalb hinwegsteigen.«

Lepsius krampft die Hände zusammen, sagt aber kein Wort. Dieser verspielte und verzogene Knabe dort ist der unbeschränkte Herr über eine Weltmacht. Sein feingemodeltes, verführerisches Köpfchen brütet Zahlen aus, die jeden Kenner der Wirklichkeit in Erstaunen versetzen müssen. Dem Pastor kann er nichts vormachen, denn der weiß genau, daß es in Anatolien kaum sechs Millionen reine Türken gibt. Wenn man nach Nordpersien, nach dem Kaukasus, nach Kaschgar und Turkestan geht, wird man zusammen mit allen zeltbewohnenden Turkvölkern und umherziehenden Rossedieben in Steppenländern groß wie halb Europa keine zwanzig Millionen herausschaben. Solche Träume, denkt er, erzeugt das Narkotikum des Nationalismus. Zugleich aber wandelt ihn ein Mitleid mit dem zartgestaltigen Kriegsgott an, mit diesem kindischen Antichrist. Johannes Lepsius bekommt eine leise, wissensschwere Stimme:

»Sie wollen ein neues Reich gründen, Exzellenz. Doch der Leichnam des armenischen Volkes wird unter seinen Grundmauern liegen. Kann das Segen bringen? Ließe sich nicht noch jetzt ein friedlicher Weg finden?«

Hier entblößt Enver Pascha zum erstenmal die tiefere Wahrheit. Er lächelt nicht mehr zurückhaltend, seine Augen werden starr und kalt, die Lippen weichen von einem großen, gefährlichen Gebiß:

»Zwischen dem Menschen und dem Pestbazillus«, sagt er, »gibt es keinen Frieden.«

Lepsius packt sofort zu:

»Sie bekennen sich also offen zur Absicht, den Krieg zur völligen Ausrottung der armenischen Millet benützen zu wollen? ...«

Der Kriegsminister ist unbedingt zu weit gegangen. Er lenkt auch sofort ein, indem er sich wieder in die uneinnehmbare Festung seiner verbindlichen Unverbindlichkeit zurückzieht:

»Meine persönlichen Meinungen und Absichten sind vollinhaltlich in den Kommuniqués enthalten, die unsere Regierung zu diesem Gegenstand veröffentlicht hat. Wir handeln unter dem Zwang des Krieges und der Notwehr, nachdem wir die längste Zeit zugesehen und gewartet haben. Staatsbürger, die auf den Untergang des Staates hinarbeiten, verfallen überall der Schärfe des Gesetzes. Unsere Regierung geht demnach rechtmäßig vor.«

Da wäre man wieder am Anfang. Johannes Lepsius kann einen stöhnenden Laut nicht unterdrücken. Er hört die Stimme Monsignore Sawens: Nicht moralisieren! Sachlich bleiben! Argumente! Oh, könnte er doch nur mit schwerterscharfen Argumenten sachlich bleiben! Doch schon, daß er nicht aufspringen darf, daß er auf seinem Sessel sitzen bleiben muß, bringt seine Nerven zur Verzweiflung. Er, der geborene Kanzel- und Versammlungsredner, braucht Platz, braucht Bewegungsfreiheit!

»Exzellenz« – er preßt die Hand auf seine schöne Stirn –, »ich werde jetzt keine Selbstverständlichkeiten sagen, nicht, daß man für die Umtriebe einzelner ein ganzes Volk nicht büßen lassen darf, ich werde nicht fragen, warum Frauen und Kinder, kleine Kinder, wie Sie ja auch einmal eines waren, wegen einer Politik, von der sie nie etwas gehört haben, den bestialischesten Tod erleiden müssen. Ich will Ihren Blick auf Ihre und Ihres eigenen Volkes Zukunft lenken, Exzellenz! Auch dieser Krieg geht einmal zu Ende, und dann steht die Türkei vor der Notwendigkeit, Friedensverhandlungen zu führen. Möge dieser Tag für uns alle ein glücklicher Tag sein. Wenn er aber ein unglücklicher Tag ist, was dann, Exzellenz? Muß der verantwortliche Führer eines Volkes nicht auch für den Fall eines ungünstigen Kriegsendes Vorsorge treffen? In welcher Verhandlungslage aber wird sich die ottomanische Friedenskommission befinden, wenn man sie mit der Frage empfangen wird: Wo ist dein Bruder Abel? Eine höchst peinliche Situation. Und die Mächte des Sieges werden, was Gott verhüten möge, im Hinblick auf die große Schuld rücksichtslos die Beute verteilen. General Enver Pascha, wie wird sich in einem solchen Fall der größte Mann seines Volkes, der alle Verantwortung übernommen hat, dessen Wille allmächtig war, wie wird er sich dann vor diesem seinem eigenen Volk verteidigen?«

Enver Pascha bekommt träumerische Augen und sagt ohne Spott:

»Ich danke Ihnen für diesen ausgezeichneten Hinweis. Aber wer sich in die Politik einläßt, muß zwei Eigenschaften besitzen. Erstens einen gewissen Leichtsinn oder, wenn Sie wollen, Todesverachtung, was ja dasselbe ist, und zweitens den unerschütterlichen Glauben an seine Entschlüsse, wenn sie einmal gefaßt sind.«

Hier erhebt sich Pastor Lepsius. Er kreuzt, fast nach orientalischem Brauch, die Arme über die Brust. Der von Gott gesandte Schutzengel des armenischen Volkes ist in beklagenswerter Verfassung. Das Sacktuch hängt ihm aus der Tasche, ein Beinkleid ist bis zum Knie gerutscht, die Krawatte wandert immer weiter. Auch scheint sein Augenglas angelaufen zu sein.

»Ich beschwöre Sie, Exzellenz« – er verbeugt sich vor dem Dasitzenden –, »lassen Sie es mit dem heutigen Tag genug sein! Sie haben an dem innern Feinde, der es nicht ist, ein Exempel statuiert, wie es in der Geschichte nicht wieder zu finden ist. Hunderttausende leben und sterben auf den Landstraßen des Ostens. Machen Sie ein Ende heute! Befehlen Sie, daß die neuen Umsiedlungsweisungen zurückgehalten werden! Ich weiß, daß noch nicht alle Vilajets und Sandschaks entvölkert sind. Wenn Sie des deutschen Botschafters wegen und für Herrn Morgenthau mit den großen Deportationen im westlichen Kleinasien zögern, so schonen Sie um meinetwillen Nordsyrien, Aleppo, Alexandrette, Antiochia und die Küste! Sagen Sie, es ist genug! Und ich werde nach meiner Rückkehr in Deutschland Ihren Namen preisen!«

Der Generalissimus weist mehrmals mit geduldiger Hand auf den Stuhl, der Pastor aber setzt sich nicht.

»Sie überschätzen meine Kompetenzen, Herr Lepsius«, erklärt er endlich. »Die Durchführung eines solchen Regierungsbeschlusses ist Sache des Herrn Ministers des Innern.«

Der Deutsche reißt den Zwicker von seinen roten Augen:

»Um diese Durchführungen handelt es sich ja. Nicht der Minister, nicht der Wali, nicht der Mutessarif führt die Befehle durch, sondern rohe, herzlose Subalterne und Unteroffiziere. Ist es vielleicht Ihr Wille, oder der Wille des Ministers, daß Frauen auf offener Straße niederkommen und sofort mit dem Knüppel weitergehetzt werden? Ist es vielleicht Ihr Wille, daß ganze Landstriche von verwesten Leichen verpestet sind, daß der Euphrat dick vor Toten ist? Diese Durchführungen sind mir bekannt.«

»Ich schätze Ihre Kenntnisse des Innern«, kommt ihm Enver ein wenig entgegen, »und werde Ihre schriftlichen Vorschläge, was eine Verbesserung dieser Dinge anbelangt, gerne entgegennehmen und genau prüfen.«

Lepsius aber breitet die Arme aus:

»Schicken Sie mich hinunter! Das ist mein erster Vorschlag. Nicht einmal der alte Sultan hat mir diese Bitte damals abgeschlagen. Geben Sie mir die Vollmacht, die Verschickungstransporte zu organisieren. Gott wird mir die Kraft schenken, und Erfahrung besitze ich wie kein zweiter. Ich brauche keinen Piaster vom ottomanischen Staat. Alle notwendigen Geldmittel werde ich aufbringen. Deutsche und amerikanische Hilfsvereine stehen hinter mir. Schon einmal ist mir ein großes Hilfswerk gelungen, ich habe viele Waisenhäuser und Hospitäler gegründet und mehr als fünfzig Wirtschaftsbetriebe einrichten helfen. Ich werde trotz des Krieges dasselbe und Größeres noch zustande bringen, und nach zwei Jahren werden Sie selbst, Exzellenz, mir dankbar sein.«

Enver Pascha hat diesmal nicht nur mit der gewohnten Aufmerksamkeit, sondern mit Spannung zugehört. Doch jetzt bekommt Lepsius etwas zu sehen und zu hören, was er bisher noch nicht erlebt hat. Es ist keine spöttische Grausamkeit, kein Zynismus, was den so knabenhaften Gesichtsausdruck des Generals verändert. Nein, Lepsius sieht jetzt das arktische Antlitz des Menschen, der »alle Sentimentalität überwunden« hat, das Antlitz des Menschen, der außerhalb der Schuld und ihrer Qualen steht, er sieht das hübsche Präzisionsgesicht einer ihm unbekannten, aber atemberaubenden Gattung, er sieht die unheimliche, ja fast unschuldige Naivität der vollkommenen Gottlosigkeit. Und welche Kraft besitzt sie, daß man sie nicht hassen kann!

»Ihre schätzenswerten Absichten interessieren mich«, sagt Enver anerkennend, »aber ich muß sie selbstverständlich zurückweisen. Gerade diese Ihre Wünsche zeigen mir, daß wir uns bisher mißverstanden haben. Wenn ich einem Fremden gestatte, den Armeniern Hilfe zu bringen, schaffe ich damit einen Präzedenzfall, der die Einmischung fremder Persönlichkeiten und damit ausländischer Mächte anerkennt. Ich mache also meine ganze Politik zunichte, die ja die armenische Millet darüber belehren sollte, welche Folgen die Sehnsucht nach fremder Einmischung hat. Die Armenier selbst würden sich nicht mehr zurechtfinden. Zuerst bestrafe ich ihre hochverräterischen Träume und Hoffnungen, dann aber sende ich einen ihrer einflußreichsten Freunde zu ihnen, um diese Hoffnungen und Träume wieder zu erwecken. Nein, mein Herr Lepsius, das ist unmöglich, ich kann nicht gestatten, daß Ausländer diesen Leuten Wohltaten erweisen. Die Armenier müssen in uns allein ihre Wohltäter sehen.«

Der Pastor sinkt auf den Sessel. Verloren! Gescheitert! Jedes weitere Wort überflüssig. Wäre dieser Mensch dort nur böse, wünscht er sich, wäre er der Satan. Aber er ist nicht böse und nicht der Satan, er ist kindhaft-sympathisch, dieser große unerbittliche Massenmörder. Lepsius vergrübelt sich, so daß er das muntere, im vertraulichen Ton vorgebrachte Anerbieten Envers in seiner ganzen Unverfrorenheit nicht sogleich auffaßt:

»Ich mache Ihnen einen Gegenvorschlag, Herr Lepsius. Sammeln Sie Geld, sammeln Sie bei Ihren Hilfsvereinen in Amerika und Deutschland viel Geld. Die aufgebrachten Mittel bringen Sie dann mir. Ich werde sie ganz in Ihrem Sinn und nach Ihrer Bestimmung verwenden. Doch mache ich Sie darauf aufmerksam, daß ich keine Kontrolle durch Deutsche und andere Ausländer dulden kann.«

Wäre Johannes Lepsius nicht zu erstarrt, er würde in ein Gelächter ausbrechen. So erheiternd ist die Vorstellung jener Wege, welche sein Sammelgeld nach Enver Paschas Sinn in der Türkei gehen würde. Er schweigt. Er ist geschlagen. Obgleich er doch vor der Unterredung schon hoffnungslos war, glaubt er erst jetzt, daß die Welt zusammengestürzt sei. Um nicht ganz vergehn zu müssen, gibt sich der Pastor einen Ruck, bringt sein Äußeres ein wenig in Ordnung, fährt mit dem Taschentuch mehrmals fest über die glänzende Stirn und erhebt sich:

»Ich kann nicht annehmen, Exzellenz, daß diese Stunde, die Sie mir geschenkt haben, ganz ergebnislos verlaufen soll. In Nordsyrien und an der Küste leben hunderttausend Christen jenseits aller Kriegsereignisse. Exzellenz sind gewiß der Ansicht, daß Maßregeln, die keinem Zweck entsprechen, besser unterbleiben.«

Der jugendliche Mars zeigt noch einmal seine lächelnden Zähne:

»Seien Sie überzeugt, Herr Lepsius, daß unsere Regierung jede überflüssige Härte vermeiden wird.«

Das ist beiderseits eine leere Förmlichkeit, ein sinnloses Gaukelspiel, damit dieses politische Gespräch, wie alle Unterredungen gleicher Art, im Unbestimmten verebbe. Enver Pascha hat nicht das geringste Zugeständnis gemacht. Welche Härten überflüssig sind, das bleibt seine Sache. Doch auch Lepsius hat seine Worte, im vollen Bewußtsein ihres hohlen Schalles, nur gesprochen, um einen Abschluß zu finden. Der General, der im Gegensatz zum Pastor jetzt besonders zierlich und gestrafft erscheint, läßt dem Gast den Vortritt. Er begleitet ihn sogar ein paar Schritte und schaut dann mit seiner leicht erstaunten Undurchdringlichkeit dem Schwankenden nach, der sich durch den weiten Gang mit den wehenden Türvorhängen wie ein Blinder weitertastet.

Enver Pascha tritt in das Büro Talaat Beys. Die Beamten fahren von ihren Sitzen empor. Begeisterung strahlt von ihren Gesichtern. Noch immer hat sich die beinahe mystische Liebe nicht erschöpft, die selbst dieses papierene Schreibtischvolk dem zarten Kriegsgott entgegenbringt. Hundert glorreiche Sagen von seiner Tollkühnheit sind hier wie überall im Schwang. Als während des Krieges in Albanien ein Artillerieregiment meuterte, hat er sich, die Zigarette im Munde, vor die Mündung einer Haubitze gestellt und den Rebellen zugerufen, sie möchten nur ruhig die Zündschnur abziehen. Auf Envers seidenweichen Zügen sieht das Volk den messianischen Glanz. Er ist der gottgesandte Mann, der das Reich Osmans, Bajezids und Soleimans neu errichten wird. Der General grüßt die Beamten mit einem heiteren Zuruf, der einen übertriebenen Aufruhr von Entzücken hervorruft, überschwengliche Hände reißen die Türen auf, die durch die Kanzleienflucht in Talaats Arbeitszimmer führen. Für die erdrückende Persönlichkeit des Ministers ist dieses Kabinett zu klein. Wenn sich der Hüne, wie eben jetzt, vom Schreibtisch erhebt, verdunkelt er das Fenster. Der gewaltige Kopf Talaats ist an den Schläfen ergraut. Über den aufgeworfenen Lippen des Orientalen schwebt ein kleiner pechschwarzer Schnurrbart. Das üppige Doppelkinn drängt sich durch einen ausgeschnittenen Stehkragen. Eine weiße Pikeeweste bedeckt wie ein Sinnbild treuherziger Offenheit die ausladende Bogenfläche des Leibes. Immer, wenn Talaat Bey den Mitregenten im Duumvirat, Enver, erblickt, hat er das Bedürfnis, seine mächtige Bärentatze väterlich auf die schmale Schulter dieses begnadeten Jünglings zu legen. Jedesmal aber verhindert die Aura von eisiger Schüchternheit um Envers Gestalt diese vertraute Annäherung. Dabei ist Talaat der übersprudelnde Weltmensch und Wortführer, der fünf Diplomaten auf einmal mit seiner rauschenden Überlegenheit an die Wand spielt, während Enver, der Abgott des Volkes, der Gemahl einer kaiserlichen Prinzessin, bei irgendeinem großen Empfang oft halbe Stunden lang traumverloren und verlegen abseits stehen kann. Talaat läßt seine fleischige Riesenhand sinken und begnügt sich mit einer Frage:

»Also der Deutsche war bei dir?«

Enver Pascha wendet den Blick zum Bosporus hinaus, mit seinen spielenden Wassern, seinen eilenden Dampferchen und winzigen Kajiks, mit den im Lichte dieser Stunde unwirklich schlechtgemalten Zypressen- und Ruinenkulissen. Dann zieht er den Blick wieder ein und läßt ihn durch das leere Arbeitszimmer schweifen, bis er an einem alten Telegrafenapparat hängenbleibt, der auf einem teppichbedeckten Schautischchen steht wie eine große Kostbarkeit. Auf diesem kläglichen Ding hat der untergeordnete Post- und Telegrafenbeamte Talaat seine Morsezeichen gefingert, ehe ihn Ittihads Revolution zum ersten Staatsmann des Kalifenreiches erhob. Möge jeder Besucher dieses Wahrzeichen eines schwindelnd steilen Aufstiegs nach Gebühr bewundern. Auch Enver scheint den bedeutsamen Morseapparat mit Wohlwollen zu betrachten, ehe er sich der Frage erinnert:

»Ja, der Deutsche. Er hat ein bißchen mit dem Reichstag zu drohen versucht ...«

Diese Äußerung beweist, wie recht Monsignore Sawen hatte und daß alle menschlichen Beschwörungen des Pastors von allem Anfang an eine falsche Kampfesweise gebildet haben. Ein Sekretär bringt einen Pack Depeschen, die Talaat im Stehen zu unterschreiben beginnt. Beim Sprechen blickt er nicht auf:

»Diese Deutschen fürchten ja nur das Odium der Mitverantwortlichkeit. Sie werden uns aber noch um ganz andere Dinge betteln müssen als um die Armenier.«

Damit wäre wohl das Gespräch über die Verschickung für heute erledigt, würde nicht ein neugieriger Blick Envers die Depeschen streifen. Talaat Bey bemerkt den Blick und läßt, indem er sie schwenkt, die Papiere rauschen:

»Die genauen Weisungen an Aleppo! Mittlerweile, denke ich, dürften die Straßen wieder leerer sein. Im Laufe der allernächsten Wochen werden Aleppo, Alexandrette, Antiochia und die ganze Küste abgehen können.«

»Antiochia und die Küste«, wiederholt Enver fragend, als hätte er zu diesem Punkt eine Bemerkung zu machen. Aber er sagt keine Silbe mehr, sondern sieht gespannt auf die dicken Finger Talaats, die unaufhaltsam wie im Sturmangriff ihre Unterschrift unter die Texte setzen. Dieselben biedermännisch derben Finger haben den unchiffrierten Befehl verfaßt, der an alle Walis und Mutessarifs erging: »Das Ziel der Deportation ist das Nichts.« Die raschen Schriftzüge zeigen den Schwung einer unerbittlichen Überzeugung, die kein Bedenken kennt. Jetzt richtet der Minister seinen ungeschlachten Körper aus der gebückten Stellung auf:

»So! Im Herbst werde ich all diesen Leuten mit der größten Aufrichtigkeit antworten können: La question arménienne n'existe pas.«

Enver steht am Fenster und hat nichts gehört. Denkt er an sein Kalifenreich, das von Mazedonien bis Vorderindien reicht? Hat er Sorgen wegen des Munitionsnachschubs für die Armeen? Oder träumt er von neuen Erwerbungen für seinen zauberhaften Palast am Bosporus? Im großen Festsaal hat er den Hochzeitsthron aufstellen lassen, den Nadjieh Sultana, die Sultanstochter, in die Ehe brachte. Vier Tragpfeiler von vergoldetem Silber und darüber ein Sternenhimmel aus byzantinischem Brokat.

 

Johannes Lepsius schleicht noch immer durch die Gassen Stambuls. Es ist längst schon Nachmittag. Das Mittagessen ist versäumt. Der Pastor wagt sich nicht nach Hause, ins Hotel Tokatlyan. Ein armenisches Haus. Schreck und Niedergeschlagenheit herrscht dort, von Wirt und Gästen angefangen bis zum letzten Kellner und Liftjungen. Sie kennen seine Wege, sie wissen von seinem Unterfangen. Kehrt er heim, so saugen alle Augen an ihm. Die Spitzel und Vertrauten, die ihn auf Anordnung Talaat Beys überall verfolgen, mögen ihn ruhig abpassen, wo sie nur wollen. Schlimm aber ist es, daß seine Freunde ihn seit Stunden irgendwo an einem ausgeklügelt sicheren Ort erwarten. Davidian, der Präsident der ehemaligen armenischen Nationalversammlung, ist darunter, einer der Verhafteten, der aber entflohen ist und sich illegal in Stambul aufhält. Lepsius hat nicht die Kraft und nicht den Mut, vor diese Männer zu treten. Schon dadurch, daß er nicht kommt, werden sie die Wahrheit wissen und hoffentlich auseinandergegangen sein. Selbst die schwärzesten Pessimisten unter ihnen (schwärzeste Pessimisten sind sie übrigens alle, nichts natürlicher), auch sie haben es nicht für gänzlich ausgeschlossen erachtet, daß der Pastor eine Reiseerlaubnis ins Innere erhält. Damit wäre schon manches erreicht gewesen.

Der Pastor gerät in einen öffentlichen Garten. Festlichkeit auch hier. An den Bänken schaukeln Girlanden. Von Stangen und Laternenmasten wehen Halbmond-Wimpel. Die Menschenmasse, eine unangenehm dicke Substanz, quetscht sich zwischen den Rasenplätzen über die Kieswege. In seiner Betäubung schwankend sieht Lepsius eine Bank. Er findet nun einen Platz unter andern. Vor ihm dehnt sich ein farbenbewegtes Halbrund. Im Musikpavillon dort bricht in derselben Sekunde eine türkische Militärbande in quinkelierende Janitscharenklänge aus. Pfeife, Flöte, schneidende Klarinetten, gellendes Blech, mit messerscharfer Einstimmigkeit die nahen Intervalle auf und nieder kletternd, dazwischen das fanatische Hundegebell der hochgespannten Trommeln, das klirrende Geschüttel des Schellenbaums und der zischende Haß der Tschinellen. Johannes Lepsius sitzt in dieser Musik bis zum Mund wie in einem Bad aus Glassplittern. Er aber will sich nicht befreien, er will leiden und preßt die Glassplitter mit beiden Händen in seinen Körper. Es wird ihm jetzt gewährt, was Enver Pascha versagte. In den langen Deportationszügen des ihm anvertrauten Volkes schleppt er sich über die steinigen und morastigen Landstraßen Anatoliens. Verdammen ihn die Seinen nicht, sie, die in den Schützengräben der Argonnen, auf den Feldern Podoliens, Galiziens, auf den Meeren und in den Lüften zerfetzt werden? Sind die endlosen Eisenbahnzüge mit Verwundeten nicht gräßlichere Transporte noch, angesichts derer man aufschreien muß? Bekommen die deutschen Verwundeten und Sterbenden nicht auch armenische Augen? Lepsius läßt zur Janitscharenmusik den müdigkeitswirren Kopf immer tiefer sinken. Nicht das Seine ist ihm zugeteilt, sondern das, was nicht sein ist.

In die jaulende und eifernde Musik drängt sich ein neuer Ton, ein donnerndes Geschnatter, das immer stärker wird. Und es kommt von oben. Ein türkisches Luftgeschwader kreist über Stambul und wirft schwebende Wölkchen von Proklamationen ab. Johannes Lepsius weiß nicht warum, aber es ist ihm klar, daß diese Eindecker dort oben genannt werden müßten: die Erbsünde und ihre Überhebung über sich selbst. Er irrt in dieser Erkenntnis umher wie in einem großen Haus, wie im Ministerium des Innern. Die wehenden Türvorhänge brennen, und er rekapituliert eine Stelle aus der Offenbarung, die er bei seiner nächsten Rede anbringen will: Und die Heuschrecken sind gleich den Rossen, die zum Krieg bereit sind ... und hatten Panzer und das Rasseln ihrer Flügel war wie das Rasseln der Kriegswagen ... Und hatten Schwänze gleich den Skorpionen und es waren Stachel an ihren Schwänzen und ihre Macht war, zu beschädigen die Menschen fünf Monate lang.

Johannes Lepsius schrickt auf: Es müssen neue Mittel und Wege ersonnen werden. Wenn die deutsche Botschaft versagt, so könnte der österreichische Markgraf Pallavicini, ein hervorragender Mann, vielleicht mehr Erfolg haben. Er könnte mit Repressalien drohen; die mohammedanischen Bosniaken sind österreichisch-ungarische Staatsbürger. Auch die päpstlichen Ermahnungen waren bisher zu lau. Im nächsten Moment aber nähert sich ihm Enver Pascha mit seinem unvergeßlichen Lächeln. Nein, schüchtern ist nicht das Wort für dieses Knaben- oder Mädchenlächeln des großen Mörders. Wir werden, Herr Lepsius, die Politik unserer Interessen durchführen bis zum Ende. Hindern könnte uns nur eine Macht, die über allen Interessen stünde und nicht in Schweinereien verwickelt wäre. Falls Sie so eine Macht im Diplomatenkalender finden, dürfen Sie noch einmal zu mir ins Ministerium kommen.

Lepsius zuckt und ruckt auf der Bank so wild herum, daß seine verschleierten Nachbarinnen Angst bekommen und davongehen. Er bemerkt das gar nicht, denn nun erfüllt ihn die schwere Überzeugung ganz und gar: Es ist nichts mehr zu machen. Es gibt keine Hilfe mehr. Was der Priester Ter Haigasun in Yoghonoluk seit Wochen schon weiß, das überkommt nun auch den Pastor Johannes Lepsius: Es bleibt mir nur mehr eines übrig – zu beten.

Und unter diesem drängenden Festvolk, das an ihm mit Frauenlachen und Kindergekreisch vorbeilärmt, zur Janitscharenmusik, die von neuem losdrischt, während sein Kopf mit geschlossenen Augen ohnmächtig von einer Seite zur andern taumelt, faltet der Pastor oder glaubt wenigstens seine Hände zu falten, wie es sich gehört. Seine Seele aber hebt an zu sagen: Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiliget werde Dein Name ...

Doch wie hat sich das Vaterunser verwandelt?! Jedes Wort ist ein Abgrund, den der Blick nicht ermessen kann. Schon bei dem Worte »unser« und »uns« erfaßt ihn ein Schwindel. Wer darf denn noch »uns« sagen, da Christus, der das »Wir« erst bindet und schafft, am dritten Tage gen Himmel fuhr? Ohne Ihn ist alles nur ein stinkender Scherben- und Knochenberg, hoch wie das halbe Universum. Lepsius muß an das Tagebuch seiner Mutter denken und an den Satz, den sie anläßlich seiner Taufe vor sechsundfünfzig Jahren niederschrieb: »Möchte sein Name Johannes mich stets daran erinnern, daß es meine große, heilige Aufgabe ist, ihn heranzubilden zu einem echten Johannes, zu einem solchen, der den Herrn recht lieb hat und der nachfolgt seinen Fußstapfen.« Ist er ein echter Johannes geworden? Ist er wirklich angefüllt bis oben von der Zuversicht, die man nicht nennen kann? Ach, diese Zuversicht droht zu zerbröckeln, wenn der Körper nachläßt. Die Zuckerkrankheit ist nun einmal da. Man muß mit den Speisen vorsichtig sein. Nichts Süßes vor allem, kein Brot und keine Kartoffeln. Vielleicht hat ihn Enver vor einer Verschärfung des Leidens dadurch bewahrt, daß er ihm die Reise nach Anatolien nicht erlaubte. Aber was will denn der Hotelportier vom Tokatlyan hier? Seit wann trägt er die Lammfellmütze des Offiziers? Schickt ihn Enver? Höflich überreicht ihm der Hotelportier den Teskeré fürs Innere. Dieser besteht aus einer Photographie Napoleons mit eigenhändiger Unterschrift. Und richtig, vor der Drehtür des Hotels wartet der Verschickungstransport schon auf ihn. Alle seine Freunde sind da, Davidian und die andern. Sie winken ihm heiter zu. Die Leute sehen ausgezeichnet aus, denkt der Pastor. Auch die schrecklichste Wirklichkeit hat immer noch etwas Versöhnendes, wenn man ihr ins Auge sieht. Am Ufer eines Flusses macht man unter wildüberhängenden Felsen halt. Sie haben sogar Zelte mit. Vielleicht gestattet Enver unterderhand diese oder jene Vergünstigung. Als sich alles hingelegt hat, tritt ein großer armenischer Mann in einem über und über mit Schlamm bespritzten Anzug auf ihn zu. Er spricht ein merkwürdiges, feierlich gebrochenes Deutsch: »Siehe, dieser reißende Strom ist der Euphrat und dies sind meine Kinder. Du aber lege deinen Körper von einem Ufer zum andern, damit meine Kinder eine Brücke haben!« Lepsius tut so, als wäre es ein Scherz, und versetzt: »Da müssen Sie und Ihre Kinder ein bißchen warten, bis ich noch etwas gewachsen bin.« Zugleich aber wächst er wirklich mit prachtvoller Schnelligkeit. Seine Hände und Füße rücken von ihm selbst unendlich in die Ferne ab. Jetzt könnte er die Forderung des armenischen Mannes mit wohliger Gelassenheit erfüllen. Es kommt aber nicht dazu, denn Johannes Lepsius verliert den Halt und wäre fast von der Bank gerutscht. »Es ist wirklich furchtbar«, sagt er das zweitemal an diesem Tage zu sich selbst. Doch er meint mehr den Durst damit, der ihn quält, als alles andere. Er rüttelt sich auf, läuft in den nächsten Ausschank und stürzt, ohne der ärztlichen Vorschriften zu achten, ein süßes Eisgetränk gierig hinunter. Mit dem Wohlgefühl strömen neue mutige Pläne in ihn ein. »Ich werde nicht lockerlassen«, lacht er zerstreut vor sich hin. Und dieses gedankenlose Lachen ist eine Kriegserklärung an Enver Pascha.

In derselben Minute übergibt der Privatsekretär Talaat Beys die bewußten Staatstelegramme, Aleppo, Alexandrette, Antiochia und die Küste betreffend, eigenhändig dem diensthabenden Vorstand des Post- und Telegrafenamtes.

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