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Die vierzig Tage des Musa Dagh

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDie vierzig Tage des Musa Dagh
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun6. Auflage
year1975
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151125
modified20170206
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Sechstes Kapitel
Die Schrift im Nebel

Dem jungen Offizier war das Kunststück gelungen. Er hatte eine Feldtelefonleitung gelegt, natürlich nicht bis in die Villa Bagradian, so viel Draht war wahrscheinlich bei der ganzen Vierten Armee nicht vorhanden, sondern nur vom Dorf Habaste bis etwa vierhundert Fuß unterhalb der Südbastion. Bei den Schwierigkeiten des felsigen Geländes und der mangelhaften Ausbildung der Truppe eine ansehnliche Leistung. General Ali Risa Bey hatte sich am Nachmittag, für die Beobachteraugen des Damlajik als Zivilist verkleidet, höchstpersönlich nach Habaste begeben. Die Sonne war gerade untergegangen, als der plumpe Telefondraht auf dem Tischchen vor ihm zu summen begann. Es dauerte sehr lange, und man mußte noch vielerlei technische Probleme lösen, ehe sich auf der anderen Seite die Stimme des Jüsbaschi klärte. Dann aber war's eine helle Stimme, die trotz der unzulänglichen Stromleitung stolze Genugtuung nicht verkennen ließ:

»Herr General, ich melde gehorsamst, der Berg ist in unserem Besitz.«

Ali Risa Bey, mit dem klaren Gesicht des Nichtrauchers und Nichttrinkers, lehnte sich, die Muschel am Ohr, auf seinem Klappstuhl leicht zurück:

»Wieso der Berg, Jüsbaschi? Sie meinen das Südende des Berges.«

»Jawohl, Effendi, das Südende des Berges.«

»Ich danke! Haben wir Verluste gehabt?«

»Gar keine Verluste, nicht einen einzigen Mann!«

»Und wieviel Gefangene haben Sie gemacht, Jüsbaschi?«

Nun schien wieder eine technische Störung eingetreten zu sein. Der General sah den Telefonoffizier durchdringend an. Bald aber meldete sich die Stimme des Jüsbaschi von neuem, wenn auch zögernd:

»Ich habe keine Gefangenen gemacht. Die gegnerischen Stellungen waren leer. Wir haben ja damit gerechnet. Fast leer. Nur zehn Mann etwa, das heißt, darunter vier Jungen vielleicht ...«

»Und was ist mit diesen Leuten geschehn?«

»Die Unsrigen haben sie niedergemacht ...«

»Nach Gegenwehr?«

»... Ohne Gegenwehr ...«

»Das mindert Ihren Erfolg erheblich, Jüsbaschi. Die Gefangenen hätten uns viel Mühe erspart.«

Selbst in der klobigen Muschel des Feldtelefons war der Zorn des Jüsbaschi zu spüren: »Ich habe den Befehl nicht gegeben.«

Die leidenschaftslose Kühle des Generals veränderte sich nicht:

»Und wo sind die Deserteure hin?«

»Man hat nur ihr Lumpenzeug gefunden, sonst nichts.«

»So? Andre Meldungen noch, Jüsbaschi?«

»Die Armenier haben ihr Lager in Brand gesteckt. Es ist ein sehr großer Feuerschein ...«

»Und wie beurteilen Sie das, Jüsbaschi? Welche Gründe sehen Sie dahinter?«

Die Stimme des Majors, rachsüchtig, bissig:

»Mir steht ein Urteil nicht zu. Herr General werden richtiger urteilen. Vielleicht verlassen die Kerle den Berg ... in der Nacht ...«

Ali Risa Bey blickte mit seinen blaßgrauen Augen zwei Sekunden lang schweigend in die Ferne, ehe er seine Ansicht bekanntgab:

»Möglich ... Aber ebensogut kann eine Finte dahinterstecken ... Der Anführer hat unsere Offiziere ja schon mehrmals zum besten gehabt ... Es kann ein Ausfall geplant sein ...«

Und jetzt wandte er sich an die Herren seiner Umgebung:

»Man soll in dieser Nacht den Postendienst im Tal aufs äußerste verstärken.«

Die Stimme des Jüsbaschi forderte nicht ohne Ungeduld:

»Ich bitte gehorsamst um weitere Befehle, Herr General.«

»Wie weit sind Ihre Kompanien vorgegangen?«

»Die dritte Kompanie und zwei Maschinengewehrabteilungen halten die nächste Kuppe besetzt, etwa fünfhundert Schritt von meinem Hauptstandort.«

»Wir haben hier unten Maschinengewehrfeuer gehört. Was hat das zu bedeuten?«

»Nur eine kleine Demonstration ...«

»Diese Demonstration war höchst überflüssig und schädlich ... Die Truppen sollen bleiben, wo sie sind, und sich gut sichern.«

Die Stimme am andern Ende klang jetzt ganz heimtückisch:

»Die Truppen bleiben, wo sie sind. Ich werde um eine schriftliche Ausfertigung dieses Befehles bitten, Effendi! ... Und morgen?«

»Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang beginnt sich die Artillerie im Norden einzuschießen. Richten Sie Ihre Uhr genau nach der meinen, Jüsbaschi! ... So! ... Ich werde knapp nach Sonnenaufgang bei Ihnen oben sein und die Sache vom Süden aus führen. Basta!«

Der Jüsbaschi oben auf dem Berg warf, zähnebleckend, die Hörmuschel hin:

»Zum Kehraus kommt er, dieser Ziegenmilchpascha. Und dann wird er der Sieger des Musa Dagh sein!«

Gabriel Bagradian kehrte schweigend auf den Altarplatz zurück. Während des kurzen Weges hielt er krampfhaft Awakians Hand umklammert. Der Brand hatte sich immer weiter in die Gassen gebohrt. Die Sonne war noch nicht lange untergegangen. Doch trotz der Flammen ringsum – die Zweigichtwand des Altars brannte unerschöpflich – wurde es um Gabriel immer dunkler. Schwarze Jammergestalten, schwarze Jammerstimmen wogten in sinnlosen Tänzen über den Platz. Die Waage seines Lebens schwankte. Hatte er nicht das volle Recht, noch einmal hinzufallen, nun aber für immer, ins Nichtsmehrwissen? Stephan war tot. Warum denn wieder von neuem beginnen? Und dennoch, von Sekunde zu Sekunde füllte sich sein Kopf, das schmerzhafte Gefäß, mit immer klareren und energischeren Gedanken.

Auch Ter Haigasun hatte sich wieder erholt und aufgerichtet. Das erste was er tat, war, die zerrissene Alba, die Stola und alle anderen Gewandungsstücke des heiligen Dienstes sorgfältig zusammenzulegen. Seine Blöße verhüllte er mit einer Decke, die ihm jemand geliehen hatte. Aus Ter Haigasuns Bart war eine Strähne herausgesengt, und eine rote Brandwunde lief ihm über die Backe. Ganz und gar verwandelt war sein Gesicht. Die gelbliche Kameenfarbe der eingefallenen Wangen war dunkler Fieber- oder Zornesglut gewichen. Als er Bagradian erblickte, rang er stumm nach Worten. – Auch die Muchtars hatten sich indessen ihrer Pflicht erinnert und kamen herbeigelaufen. Ob sie freilich ihre wohlgefüllten Geldbörsen aus Rauch und Flammen gerettet oder nicht gerettet hatten, das muß dahingestellt bleiben. Sie alle, mit Thomas Kebussjan an der Spitze, leugneten die Rettung jedenfalls. In diese Stunde, die das Ende besiegelte, mischten sie ihre Klagen um das verlorene Hab und Gut. Immer mehr alte Leute stießen zu ihnen und vermehrten das quäkende Gezeter. Das Volk hatte den Kampf mit dem Feuer aufgegeben. Die Willenskraft reichte nur mehr zu kopflosem Getümmel aus, das allmählich zu erstarren begann. Auch die Zehnerschaften, die Tschausch Nurhan zu Hilfe gesandt hatte, konnten nichts mehr retten. Sie sahen dem Feuer müßig zu, das die Hütten nicht von außen zu bespringen, sondern das aus ihrem Innern auszubrechen schien, als habe es dort nur auf diese Gelegenheit gewartet. Die prasselnden Laubdächer wurden emporgehoben, und im Luftzug wirbelten Fetzen und Lumpen in die Höhe. Dichtgeschart hockte bald alles auf der Erde des großen Platzes, die Frauen, die Kinder, die Alten. Diese Verhungerten rührten sich nicht mehr. Auf den erdigen Gesichtern zuckte der Brandschein, ohne daß die Augen ihn mehr zur Kenntnis nahmen. Ihre Haltung bekundete nur eine einzige Sehnsucht, keiner der Führer möge es sich ja einfallen lassen, von ihnen einen Schritt, eine Handbewegung, die geringste Spur neuer Aktivität zu fordern. Hier wollten sie hocken und keinen Widerstand mehr leisten bis zum Ende. Jener Zustand, welchen man das Wohlbehagen der Vernichtung nennen könnte, war erreicht.

Doch noch einmal wurden die verdorrten Leiber und Seelen aus dem wohligen Einverständnis mit dem Tode gerissen. Hinter den geschlossenen Lidern hatte sich der Geist Bagradians gesammelt. Das geschah fast wider seinen Willen. Anfangs bemühte er sich sogar, der schmerzhaften Anstrengung zu entgehn, die ihn die Konzentration kostete. Dann war es so, als denke im schallenden Bergwerk seines Kopfes nicht er, Gabriel Bagradian, sondern, unabhängig von ihm selbst, der Auftrag, den er einst dort unten im Tal übernommen hatte, der Auftrag, die Verteidigung bis zur letzten Möglichkeit durchzuführen. Während das Bewußtsein des eigenen Ich fast zur Gänze erloschen war, kombinierte eine unbestechliche Kraft in ihm: Ist die letzte Möglichkeit wirklich verloren? Nein! Die Türken haben wahrscheinlich die Südbastion besetzt. Sie führen Maschinengewehre mit sich. Das Lager brennt zusammen. Was hat zu geschehn? Eine neue Verteidigungslinie, die ihnen den Weg abschneidet, so gut es geht! Vor allem aber, das Lagervolk muß von der Bergfläche fort, hinunter ans Meer. Dann zu den Haubitzen!

Awakian näherte sich ihm. Er schrie ihn an:

»Was suchen Sie noch hier? Schnell zu Nurhan! Er hat sich nicht fortzurühren. Alle Zehnerschaften, die ich für den Überfall aufgestellt habe, sofort zu mir! Auch die Hälfte der Ordonnanzen und Späher. Wir müssen sofort eine neue Linie bilden, mit Kopfdeckungen wenigstens.«

Awakian zögerte, wollte noch Fragen stellen, doch Gabriel stieß ihn von sich und trat mitten unter das erstarrte Volk:

»Warum verzweifelt ihr, Brüder und Schwestern? Kein Grund dazu! Wir haben noch immer siebenhundert Kämpfer und Gewehre und die beiden Geschütze. Ihr könnt ruhig sein! Es ist besser für die Verteidigung, wenn die Gemeinden sich in dieser Nacht unten an der Küste lagern. Die Männer der Reserve aber bleiben hier!«

Nun hatten sich auch die Muchtars wieder gefaßt. Ter Haigasun erteilte ihnen den Befehl, ihre einzelnen Dörfer zu sammeln und geschlossen den Steilpfad hinabzuführen. Er selbst werde vorangehn, um die besten Lagerplätze ausfindig zu machen. Der Priester fieberte ohne Zweifel und mußte eine gewaltige Anstrengung machen, um ins Leben und in die Pflicht zurückzukehren. Sein Gesicht mit dem versengten Bart war ganz klein und dunkel, als er sich jetzt zu Gabriel wandte:

»Wichtiger als alles andre ist die Strafe. Du mußt die Schuldigen töten, Bagradian!«

Gabriel sah ihn stumm an. Ich werde Kilikian nicht finden, dachte er. Nach und nach hatten sich die zusammengesunkenen Menschen wieder erhoben. Es begann nun ein todestrunkenes Durcheinander. Die Muchtars, die Dorfpriester, zwei von den Lehrern stießen und schubsten ihre Gemeinden in Haufen zusammen. Alle ließen alles mit sich geschehn. Selbst die Kinder schrien nicht mehr. Bedros Hekim entfernte sich heimlich, um wenigstens jene Kranken der beiden Lazarette in Sicherheit zu bringen, die sich bewegen konnten. Das Unglück gab diesem hinfälligen Wrack von altem Menschen Riesenkräfte.

Gabriel Bagradian überließ die Auflösung des Lagers Ter Haigasun. Keine Sekunde durfte mehr versäumt werden, denn wer weiß, wie weit sich die Türken trotz der Nacht vorwagten. Die Haubitzen waren in Gefahr. Auch das Lumpenpack der Deserteure bildete ein großes Fragezeichen. Vorwärts! Jetzt galt es nicht, die Lage genau zu durchdenken, sondern einfach zu handeln, blind und entschlossen. Gabriel packte alles zusammen, was sich an Bewaffneten und Halbbewaffneten, an Jungen und Alten um ihn versammelt hatte. Selbst die kleineren Buben mußten mit. Windstille war eingetreten. Der scharfe Holzqualm drückte auf die Menschen nieder. Der Gestank von verbrannten Stoffen mischte sich drein. Man konnte kaum atmen, die Augen tränten. Gabriel gab den Aufbruchbefehl. Er und Schatakhian, der sich mittlerweile eingefunden hatte, schritten der breit entwickelten Schützenlinie voran. Hinter ihnen trabten die müden Männer, hundertfünfzig an Zahl, darunter ein Drittel Sechzigjährige. Und diese elende verhungerte Gesellschaft sollte vier kriegsmäßige Kompanien mit Maschinengewehren, unter dem Kommando von einem Major, vier Hauptleuten, acht Oberleutnants, sechzehn Leutnants siegreich zurückwerfen? Es war gut, daß Bagradian die Stärke des Feindes nicht kannte. Doch wäre sie ihm auch bekannt gewesen, er hätte nicht anders handeln können. Sein Kopf wurde immer größer und empfindlicher. Die Beine hingegen hatten jedes Gefühl verloren. Es war ihm, als ging er neben sich selbst.

Auf dem Wege zur Haubitzkuppe kam die Schar an dem großen Friedhof vorbei. Das Gräbervolk hatte seine Sachen nach alter Gewohnheit bei den Toten verstaut. Nun waren Nunik, Wartuk, Manuschak und die andern alle in eifriger Bewegung, um die prallen Säcke mit den muffigen Altertümern aufzuhucken. Sato half ihnen dabei. Die Übersiedlung schien dieses Volk weiter nicht aus der Fassung zu bringen. Die beiden letzten Gräber gehörten Krikor und dem Bagradiansohn. Krikors Grab war nach seinem Willen durch keinerlei Zeichen kenntlich gemacht. In Stephans Hügel stak ein rohes Holzkreuz. Der Vater ging daran steif vorüber, ohne es mit einem Blick zu streifen. Die Nacht war nun vollkommen. Das Brandlicht aber wölbte sich wie eine rote Kuppel über den Damlajik. Man hätte meinen können, eine große Stadt brenne und nicht ein paar hundert laubgeflochtene Hütten und einige Baumgruppen.

Mittwegs aber, dort wo die grasige Kuppe der Haubitzstellung schon anzusteigen begann, geschah etwas ganz Unerwartetes. Gabriel und Schatakhian blieben stehn. Die schlapp hinter ihnen trottende Schar warf sich zur Erde. Eine Linie von Bewaffneten lief die Höhe herab. Man sah nur Silhouetten, die mit den Gewehren gegen die Kommenden erregte Zeichen machten. Die Türken? Die meisten suchten in der Finsternis irgendeine Deckung. Die Schattenbilder aber, die sich vom Brandhimmel zuckend abhoben, kamen zaghaft näher. Dreißig Männer waren es ungefähr. Gabriel bemerkte, daß sie einen Gefesselten vor sich her stießen. Er ging ihnen entgegen. Die Leute hatten Laternen bei sich. In fünf Schritt Entfernung erkannte er in dem Gefesselten Sarkis Kilikian. Ein Teil der Deserteure. Sie warfen sich vor Bagradian platt nieder, die Erde mit der Stirn berührend. Urgebärde der Sühne und Zerknirschung. Was gab es da noch zu reden und zu rechtfertigen? Der Ausweg war ihnen abgeschnitten. Die Stricke, mit denen Kilikian gebunden war, bildeten den Beweis, daß sie das Ungeheuerliche bereuten, einen Sündenbock darbrachten und jegliche Strafe entgegennehmen wollten. Einige häuften mit beinahe kindischer Hast den Raub zu Gabriels Füßen. Unter den gestohlenen Sachen befanden sich auch die Munitionsverschläge sowie alles aus den Zelten Entwendete. Gabriel aber sah nur Kilikian. Der Gefesselte war von seinen Leuten auf die Knie gerissen worden. Sein Kopf lag im Nacken. Im dünnen Feuerzwielicht waren seine Züge gut erkennbar. Aus den ruhigen Augen Kilikians sprach ebensowenig der Wunsch, weiterzuleben, wie der Wunsch, zu sterben. Sie betrachteten ihren Richter ohne jede Erregung. Bagradian neigte sich tiefer zu diesem grauenhaft schweigsamen Gesicht hinab. Auch in diesem Augenblick noch konnte er den Hauch achtungsvoller Zuneigung nicht unterdrücken, der ihn angesichts des Russen jedesmal befiel. War Kilikian, dieser gespenstische Zuschauer, der wahrhaft Schuldige? Gleichviel! Gabriel Bagradian entsicherte den Armeerevolver in seiner Tasche. Dann hob er ihn schnell gegen die Stirn des Russen. Der erste Schuß versagte. Kilikian hatte die Augen nicht geschlossen. Seine Nasenflügel und der Mund zuckten. Es war wie ein unterdrücktes Lächeln. Bagradian aber dünkte es, als habe er den versagenden Schuß gegen sich selbst gerichtet. Als er das zweitemal abdrückte, war er so schwach, daß er sein Gesicht abwenden mußte. So fiel Sarkis Kilikian, nach einem unfaßbaren Leben zwischen Gefängniswänden – nachdem er als Knabe dem türkischen Massaker und als Mann der türkischen Hinrichtungssalve entronnen war –, zuletzt durch die Kugel eines Volksgenossen.

Gabriel Bagradian winkte den übrigen Deserteuren knapp, sich dem Haufen anzuschließen.

 

Zwei der reuigen Lumpen hatten sich anheischig gemacht, die Stellung der türkischen Truppen auszuforschen. Sie kamen mit einem Bericht zurück, der die arge Wahrheit noch übertrieb. Vielleicht vergrößerte der klägliche Gemütszustand der Gesellen, die ihre Strafe erwarteten, die Tatsachen, vielleicht auch wollten sie durch die Schilderung der feindlichen Riesenmacht ihre eigene Schuld verringern. Denn wie hätten, auch ohne das große Verbrechen, die wenigen Deserteurzehnerschaften der schlauen Umgehung durch das türkische Militär standhalten können? Bagradian sah an den Kundschaftern vorbei und sagte kein Wort. Er wußte, daß ein großer Teil der Schuld auf seiner Seite lag. Er hatte sich nicht warnen lassen und die Neueinteilung des Verbrecherpacks versäumt.

Samuel Awakian war mit den Mannschaften der Überfallsgruppe längst zu Gabriel gestoßen. Eine Stunde kostete es, und dann dehnten sich ein paar schüttere Schwarmlinien in zwei Reihen quer über die Kuppe und die faltenreiche Bergfläche bis in die Buschwerkzone und die Felsen hinein. Auch die tapferen Männer der Nordstellung waren ans Ende ihrer Kräfte gelangt. Was konnte man da von den alten Leuten der Reserve fordern? Hingeworfen wie morsches Holz lag jeder auf der Stelle, wohin man ihn befohlen hatte, ohne zu wachen, ohne zu schlafen. Der Befehl, aus Steinen und Erde eine Deckung für den Kopf aufzuschichten, wurde kaum mehr befolgt. Nachdem Gabriel von Mann zu Mann die ganze hoffnungslos lange Front abgeschritten war und vor dieser Front noch eine lose Postenkette aufgestellt hatte, begab er sich zu den Haubitzen. Er hatte jeden Punkt des Damlajik im Kopf, jede Distanz und jede Ortsbeschaffenheit. Er konnte daher die Schußelemente für den Raum der Südbastion in seinem Notizbuch genau bestimmen.

Nach diesem wüstenheißen Tage war die erste herbstliche Nacht eingebrochen, in der plötzliche Kühle herrschte. Gabriel saß allein bei den Geschützen, deren Bedienung er schlafen geschickt hatte. Awakian verschaffte ihm eine Decke. Aber er wickelte sich nicht ein, denn sein Körper brannte, und sein Kopf drohte fortzufliegen, als sei er zu leicht. Gabriel streckte sich aus, ohne zu wachen, ohne zu schlafen. Seine Augen stierten in den roten See oben am Himmel. Der Brandspiegel schien immer tiefer und größer zu werden. Eine melodische Frage setzte sich in seinem erschütterten Kopf fest: Wie lange brennt schon der Altar? Dann aber mußte er eine ganze Weile nichts mehr von sich gewußt haben, denn etwas in seiner Nähe weckte ihn. Es war keine Hand, keine Stimme, sondern nur eine Nähe. Doch gerade der Augenblick des Gewecktwerdens, ein märchenhaft langer Augenblick voll tiefer Erfahrungen, tat ihm so mütterlich wohl, daß er sich gegen das volle Erkennen wehrte. Die Einheit des Erschöpften mit der Nähe neben ihm war in dieser kurzen Spanne so groß, daß ihn Iskuhis Wirklichkeit dann beinahe leicht enttäuschte, brachte sie doch das Bewußtwerden des Unentrinnbaren mit sich. Bei ihrem Anblick fiel ihm mit tiefem Schreck Juliette ein. Er hatte seine Frau eine Ewigkeit lang nicht gesehn und kaum an sie gedacht. Seine erste angsterfüllte Frage war: »Und Juliette? Was ist mit Juliette?«

Iskuhi hatte sich mit dem Aufgebot ihrer letzten Körperkraft hierhergeschleppt. Alle Geschehnisse waren für sie in Nebel zergangen. Nur eines brannte unausgesetzt in ihr: Warum kommt er nicht? Warum hat er mich verlassen? Warum ruft er mich nicht in der letzten Stunde? Seine Frage nach Juliette aber hatte ihre Fragen kalt erwürgt. Sie schwieg, und es dauerte recht lange, bis sie sich wieder fand und mit stockenden Worten über alles berichtete, was sich auf dem Dreizeltplatz begeben hatte, über den Raubüberfall, über Schuschiks Tod und die Verwundung des Pastors. Bedros Hekim habe Juliette vergeblich dazu überreden wollen, sich von Kework hinab zum Meer tragen zu lassen. Juliette aber wolle dies nicht und schreie, sie werde sich nicht aus ihrem Zelte fortrühren. Doch auch der verwundete Aram liege noch im Zelt ... Gabriel blickte immer in die rote Himmelslache, die nicht blässer wurde:

»Es ist ganz gut so ... Vor dem Morgen wird es zu nichts kommen ... Zeit genug ... Eine Nacht im Freien könnte Juliette töten ...«

Etwas in diesen Worten tat Gabriel weh. Er knipste an seiner Taschenlampe. Nun aber gab die letzte verbrauchte Batterie kaum soviel Licht mehr wie ein Glühwurm. Trotz der tragischen Röte dort oben und den noch immer aus der Stadtmulde aufschießenden Flammen schien ihm diese Nacht finstrer zu sein als alle früheren. Er konnte Iskuhi neben sich kaum wahrnehmen. Leise tastete er nach ihrem Gesicht, nach ihrer Gestalt und erschrak, wie eisig und abgezehrt ihre Wangen und Hände waren. Zärtlich wallte es in ihm auf. Er nahm die Decke und hüllte das Mädchen ein:

»Wie lange hast du schon nichts gegessen, Iskuhi?«

»Vorhin hat uns Mairik Antaram etwas gebracht«, log sie, »ich habe genug ...«

Gabriel drückte Iskuhi fest an sich, das Halbschlafgefühl ihrer Nähe wieder suchend:

»Es war so merkwürdig schön, als ich vorhin neben dir aufgewacht bin ... Wie lange schon hab ich dich nicht bei mir gehabt, Iskuhi, Schwesterchen ... Jetzt bin ich sehr glücklich, daß du gekommen bist ... Glücklich bin ich jetzt, Iskuhi ...«

Ihr Gesicht sank langsam gegen das seine, als sei sie zu schwach, ihren eigenen Kopf zu tragen:

»Du bist nicht gekommen ... Da bin ich gekommen ... Es ist doch schon so weit, nicht wahr?«

Seine Stimme klang dunkel wie aus dem Schlaf:

»Ja, ich glaube, es ist schon so weit ...«

Aus Iskuhis Worten sprach ein erschöpftes und doch trotziges Auf-ihrem-Recht-Bestehen:

»Du weißt ja, was wir besprochen haben ... was du mir versprochen hast ... Gabriel ...?«

Er nahm sie aus einer fernen Verlorenheit zurück:

»Vielleicht liegt noch ein langer Tag vor uns ...«

Mit einem tiefen Atemzug wiederholte sie diese Worte, als seien sie ein Geschenk:

»Ein langer Tag noch ...«

Immer wärmer umfing sie sein Arm:

»Ich habe eine große Bitte an dich, Iskuhi ... Wir haben ja oft darüber gesprochen ... Juliette ist viel ärmer und unglücklicher als wir beide ...«

Sie bog ihre Wange vom Gesicht des Mannes weg. Gabriel aber nahm ihre kranke Hand, streichelte und küßte sie immer wieder:

»Wenn du mich liebhast, Iskuhi ... Juliette ist so unmenschlich einsam ... unmenschlich einsam ...«

»Juliette haßt mich ... Sie kann mich nicht ertragen ... Ich will sie nicht wieder sehn ...«

Seine Hand spürte den Krampf, der sie erschütterte:

»Wenn du mich liebhast, Iskuhi ... Ich bitte dich, bleib bei Juliette ... Ihr müßt bei Sonnenaufgang die Zelte verlassen ... Ich werde ruhiger sein ... Sie ist am Wahnsinn, und du bist gesund ... Wir werden uns wiedersehn ... Iskuhi ...«

Ihr Kopf sank vor. Sie weinte lautlos. Da flüsterte er:

»Ich hab dich lieb, Iskuhi ... Wir werden beieinander sein ...«

Nach einer Weile versuchte sie aufzustehn:

»Ich gehe jetzt ...«

Er hielt sie fest:

»Jetzt noch nicht, Iskuhi! Jetzt mußt du noch bei mir bleiben. Ich brauche dich ...«

Langes Schweigen. Er fühlte seine Zunge schwer und unbeweglich im Mund. Der scharf pochende Kopfschmerz wuchs. Der flugleichte Schädel verwandelte sich in eine riesige Bleikugel. Gabriel sank in sich zusammen, wie von einem andern Kolbenhieb gefällt. Sarkis Kilikians stumpfe Augen sahen ihn mit apathischem Ernst an. Er erschauerte vor sich selbst. Wo lag der Russe? Hatte er den Befehl gegeben, die Leiche fortzuschaffen? Alles, was in diesen letzten Stunden geschehen war, schien völlig fremd, ihm nicht angehörig, wie ein tolles Gerücht. Er verfiel in eine schwerfällige unbestimmte Grübelei, wobei er selbst nur der Mittelpunkt eines wellenartigen Kopfschmerzes war, der ihn umbrandete. Als Gabriel dann schreckhaft auffuhr, hatte sich Iskuhi schon erhoben. Er tastete entsetzt nach seiner Uhr:

»Wie spät ist es? ... Jesus Christus! ... Nein, Zeit, Zeit!! ... Warum hast du mir die Decke gegeben? ... Du zitterst ja vor Kälte ... Du hast recht, es ist besser, du gehst jetzt, Iskuhi ... Du gehst zu Juliette ... Ihr habt noch fünf, sechs Stunden vor euch ... Ich werde Awakian rechtzeitig schicken ... Gute Nacht, Iskuhi ... Tu mir die Liebe und nimm die Decke um ... Ich brauche sie nicht ...«

Er hielt sie noch einmal im Arm. Doch ihm war's, als strebe sie fort und sei wesenlos und schattenhaft. Da versprach er noch einmal:

»Es ist kein Abschied. Wir werden beieinander sein ...«

Als Iskuhi schon eine ganze Weile lang fort war und er sich wieder hinlegen wollte, da fiel ihm die Erinnerung an sie plötzlich schwer aufs Herz. Vor Schwäche hatte sie ja kaum gehn können. Ihre Glieder waren steifgefroren. Ihr gebrechlicher Körper schien kaum mehr vorhanden. War sie nicht krank und hinfällig selbst? Und er hatte sie um Juliettens willen fortgeschickt. Gabriel machte sich Vorwürfe, daß er nicht einmal ein Stück des finsteren tückischen Weges mit Iskuhi gegangen war. Er eilte die halbe Kuppe hinab und rief:

»Iskuhi! Wo bist du? Wart auf mich!«

Keine Antwort. Sie war wohl schon zu weit entfernt, um seine Stimme zu hören.

Der Hüttenbrand knallte und prasselte noch immer laut herüber. Gott weiß, woher das Feuer in dieser Armut die Nahrung hernahm, um bis tief in die Nacht hinein so laut und so geschwätzig zu bleiben. Übrigens hatte es mittlerweile immer mehr von den Bäumen und Büschen ergriffen, die dem Lager zunächst wuchsen. Vielleicht würden die Türken morgen einem zweiten Bergbrand gegenüberstehn. Gabriel lief ein Stück auf den Dreizeltplatz zu. Da er aber Iskuhi weder einholen noch errufen konnte, kehrte er langsam wieder zu den Haubitzen zurück.

Auf seiner Uhr, die er als einzige Verbindung zur großen Menschheit dort draußen stets mit großer Regelmäßigkeit aufzog, war es noch nicht eins. Er konnte aber nicht mehr schlafen.

 

Gegen drei Uhr morgens war der Brand in der Stadtmulde zusammengesunken. Nur mehr ein Blaken und Glühen und dann und wann ein aufschießender Blitz meldeten das Geschehene. In den Bäumen freilich gloste es immer weiter, doch war auch hier dem Feuer schon das Ziel gesetzt. Das Glutecho am Himmel jedoch überdauerte seine Ursache. Der brandige Fleck wich nicht. Der Nebel hatte sich wohl mit dem Widerschein vollgesogen und hielt ihn fest wie eine wirkliche Substanz. Gabriel weckte um diese Stunde Awakian. Der Student hatte sich auch in der Nähe der Haubitzen hingeworfen. Er schlief so fest, daß ihn Bagradian lange vergeblich schüttelte. Man erkennt die Güte eines Menschen daran, wie er sich verhält, wenn er aus dem Schlaf gerissen wird. Awakian machte ein paar abwehrende Bewegungen, dann hob er verwirrt den Kopf. Sogleich aber, da er den Patron fühlte, sprang er auf und lächelte erschrocken in die Finsternis, als müsse er für seinen tiefen Schlaf um Entschuldigung bitten. Seine Bereitwilligkeit jedoch war stärker als sein Erwachtsein. Gabriel reichte ihm die Flasche, in der er noch einen Rest Kognak hatte:

»Hier, trinken Sie, Awakian! ... Nur Mut! Ich brauche Sie jetzt. Wir werden keine Zeit mehr haben, miteinander zu sprechen ...«

Sie setzten sich mit dem Rücken zur Stadtmulde, so daß sie undeutlich die Posten der neuen Verteidigungslinie beobachten konnten. Einige von diesen Männern trugen abgeblendete Laternen. Träge bewegten sich diese Lichträtsel hin und her. Die Windstille hielt unverändert an:

»Ich habe nicht geschlafen, keinen Augenblick«, gestand Gabriel, »habe an vieles zu denken gehabt, trotz dieser Schädelbeule da, die sich verdammt bemerkbar macht.«

»Schade! Sie hätten schlafen müssen, Effendi ...«

»Wozu? Der Tag, den wir lange genug hinausgeschoben haben, ist da. Ja, ich wollte Ihnen sagen, Awakian, daß die Leute es Ihnen zum großen Teil mit verdanken, wenn die Sache so lange gedauert hat. Wir haben glänzend zusammen gearbeitet. Sie sind der verläßlichste Mensch, den ich kenne. Verzeihn Sie das dumme Wort. Sie sind natürlich mehr ...«

Awakian machte eine bestürzte Geste. Gabriel aber legte ihm die Hand aufs Knie:

»Einmal muß man schließlich offen zueinander sein. Und wann sonst?«

»Die Hunde haben alles vernichtet«, klagte der Student, hauptsächlich aus Verlegenheit, doch Bagradian schob das Vergangene von sich:

»Daran brauchen wir nicht mehr zu denken. Einmal mußte es doch kommen ... Und das Erwartete auf dieser Welt kommt eben meist auf unerwartete Art ... Aber darüber will ich gar nicht sprechen, sondern ... Hören Sie, Awakian, ich hatte da vorhin das sichere Gefühl, daß für Sie alles gut ausgehn wird. Warum, das kann ich Ihnen selbst nicht sagen. Wahrscheinlich ist es nur ein Unsinn, aber ich hab Sie wieder in Paris gesehn, Awakian, weiß der Teufel, wie Sie dorthin gekommen sind, das heißt, wie Sie dorthin kommen werden ...«

Die blasse, zurückweichende Stirn des Hauslehrers schimmerte in der Dunkelheit:

»Es ist ganz bestimmt ein Unsinn, verzeihen Sie, Gabriel Bagradian. Wie es für Sie ausgehn wird, so wird es für mich ausgehn, etwas andres kann's doch nicht geben ...«

»Warum nicht? ... Natürlich haben Sie vernunftgemäß recht, es gibt nichts andres. Aber nehmen wir einmal das Unsinnige an, nehmen wir an, Sie entkommen auf irgendeine Weise ...«

Gabriel Bagradian unterbrach sich und starrte gespannt ins Leere, als könnte er dort Awakians glückhafte Zukunft ziemlich genau erkennen. Dann zog er seine Brieftasche heraus und legte sie neben sich:

»Ich wollte Sie gar nicht hierbehalten, sondern wieder in die Nordstellung hinausschicken. Wenn Sie bei Nurhan sind, bin ich ruhiger. Aber das alles ist mir jetzt ziemlich gleichgültig. Sie sollen mir einen wichtigeren Dienst leisten, Awakian! Bleiben Sie bei den Frauen, ich meine bei meiner Frau und bei Fräulein Tomasian. Es hängt mit dem guten Vorgefühl zusammen, das ich Ihretwegen habe. Vielleicht sind Sie ein Glücksbringer. Tun Sie, was Sie können! Vor allem, sorgen Sie bitte dafür, daß die Zelte rechtzeitig, sofort bei Sonnenaufgang, geräumt werden! Sorgen Sie dafür, daß Madame so vorsichtig wie möglich den Steilweg hinuntergetragen wird. Finden Sie jemand andern als Kework! An seine Hände mag ich nicht denken. Nehmen Sie Kristaphor und Missak ...«

Samuel Awakian protestierte. In dem letzten Kampf morgen sei er notwendiger denn je. Die wichtigsten Fragen müßten noch gelöst werden. Der gewissenhafte Adjutant begann hastig auf die hundert Pflichten hinzuweisen, die seiner warteten. Der Befehlshaber jedoch lehnte es ungeduldig ab, sich damit zu beschäftigen:

»Nein, nein! Man kann nichts mehr vorbereiten. Überlassen Sie alles mir. Ich brauche Sie hier nicht mehr. Ihr Dienst ist hiermit zu Ende, Awakian. Es bleibt bei meiner Bitte, meinem Wunsch.«

Er händigte Awakian einen versiegelten Brief ein:

»Ich habe Ihnen mein Testament übergeben, Freund. Sie behalten es so lange, bis Madame wieder gesund ist, Sie verstehn mich. Ich setze immer den Unsinn meines Vorgefühls für Sie voraus. Nicht wahr? Und hier ist auch noch ein Scheck auf den Crédit Lyonnais. Ich weiß gar nicht, wieviel Gehalt ich Ihnen noch schuldig bin ... Sie haben natürlich vollkommen recht, wenn Sie mich wie einen Irren ansehn. In unserer Lage ist eine derartige Abrechnung äußerst absurd. Ich bin ein Pedant. Vielleicht aber ist das Ganze ein Aberglauben, und ich zaubre, begreifen Sie das? Ich zaubre ein bißchen.«

Bagradian sprang lachend auf. Er machte jetzt einen frischen und zuversichtlichen Eindruck:

»Falls ich Sie überlebe, gilt weder das Testament noch der Scheck ... Also nehmen Sie sich zusammen ...«

Sein Lachen klang angestrengt. Awakian hielt die Papiere weit vor sich hin und begann noch einmal mit seinem Widerspruch. Jetzt aber fuhr ihn Gabriel zornig an:

»Gehn Sie jetzt, ich bitte Sie, mir wird dann leichter sein!«

Die letzten Stunden vor dem Morgen dehnten sich unerträglich. Mit zusammengebissenen Zähnen durchlauerte Bagradian die zergehende Finsternis. Im ersten Zwielicht stellte er das Geschütz auf die Südbastion ein. Der dicke Morgennebel dieses windstillen Tages zerriß lange nicht. Ganz plötzlich war eine rote zornige Sonne da. Gabriel kniete, wie es sich gehört, rechts von der ersten Haubitze und zog inbrünstig die Zündschnur ab. Der furchtbare Knall, das wilde Zurückfahren der Lafette, Feuer und Dampf, das Verheulen in der Luft, die kristallharten Sekunden bis zum Einschlag der Granate im Ziel, dies alles war wie Erlösung. Mit dem Haubitzschuß entlud sich zugleich die unermeßliche Spannung in der Seele des Feuerwerkers. Aus welchem Grunde begann der umsichtige Feldherr des Damlajik seine unersetzlichen Granaten zu verpulvern, noch ehe der türkische Angriff ins Rollen gekommen war? Wollte er den Feind wecken oder schrecken? Wollte er den Eigenen Mut machen? Hoffte er, mit diesem Feuer unter den türkischen Kompanien derartige Verheerungen anzurichten, daß sie nicht mehr vorzuschwärmen wagen würden? Nichts von alledem! Gabriel Bagradian löste den ersten Schuß aus keinem taktischen Grunde, sondern nur, weil er das Warten nicht länger ertrug. Es war sein Schmerz- und Trotzruf, halb ein Hilfe- und halb ein tragischer Jubelschrei, weil die Nacht zu Ende war. Doch nicht nur er, all die entkräfteten und krummgefrorenen Männer der Schützenlinie empfanden gleich ihm. Sie horchten mit verzerrten Gesichtern auf die Antwort, die nun kommen mußte. Die vorgeschobenen Posten erklommen die nächste Höhe, um einen weiteren Ausblick zu haben. Doch so weit sie die Faltungen der Hochfläche übersehen konnten, lag der Damlajik tot vor ihnen. Noch schienen die Türken ihre Grundstellung nicht verlassen zu haben, auch im Norden nicht. Aber die Antwort kam. Einige Zeit verging, ehe sie erfolgte, und Bagradian konnte in dieser Frist noch zwei Schüsse lösen. Dann krachte der tiefe, ungeheure Donnerschlag. Niemand verstand ihn. Hoch oben erhob sich ein Eisenrauschen, das die Gebirge vom Amanus bis zum El Akra zu erfüllen schien. Der Einschlag polterte fernab. Es mußte in der Orontesebene sein. Der große Donner aber hatte sich von der See her erhoben.

 

Noch während der Nacht – die Dorfgemeinden hatten die nackten Lagerstätten zwischen Klippen und Felsen der Steilseite ohne bestimmte Ordnung bezogen – gab Ter Haigasun den Muchtars den Befehl, sie möchten Lehrer Hrand Oskanian tot oder lebendig herbeischaffen. Die Seele des Priesters war nur von einem einzigen glühenden Bedürfnis erfüllt, das geschändete Gesetz, die ruchlos verratene Gemeinschaft an dem Verantwortlichen zu rächen. Und verantwortlich war für Ter Haigasun der Lehrer, »der Kommissär«, vielleicht mehr noch als Sarkis Kilikian. Der Priester war leidenschaftlich bereit, dem schwarzen Knirps mit eigenen Händen das Leben stückweise aus dem Leibe zu reißen. Noch niemals hatte die Welt den gelassenen Ter Haigasun in einer ähnlichen Verfassung gesehen. Er hockte unter den Familien von Yoghonoluk, die auf mehreren grasigen und waldigen Stellen entlang des Serpentinenweges lagerten. Ter Haigasun gab niemandem eine Antwort und hielt den Kopf bis zu den Knien gebeugt. Manchmal aber straffte er sich hoch, warf die Fäuste in die Luft und stieß ungeheuerliche Flüche aus, während die Wuttränen ihm über das fieberrote Gesicht rannen. Thomas Kebussjan saß auf einer geretteten Decke und wackelte blödsinnig mit der Glatze. Neben ihm keifte die Muchtarin mit verrückten Fisteltönen. Er selbst sei schuld an diesem Ende. Wäre er rechtzeitig nach Antakje ins Hükümet gefahren, so hätte der Kaimakam mit der steinreichen und hochangesehenen Familie Kebussjan selbstverständlich in der zuvorkommendsten Weise eine Ausnahme gemacht. Jetzt säße man friedlich in einem angenehmen Häuschen der Stadt auf einer efeuumklammerten Holzveranda. Kebussjan nahm weder die Vorwürfe der Frau zur Kenntnis noch auch den Befehl des fieberkranken Priesters. Wen hätte er auch aussenden sollen, um den Lehrer zu verhaften? Was es an Wächtern und halbwegs beweglichen Leuten in der Stadtmulde noch gegeben hatte, war Gabriel Bagradian gefolgt.

Lehrer Hrand Oskanian aber hielt sich in der Nähe der Schüsselterrasse versteckt. Er war nicht allein. Die Anhänger seiner Selbstmordreligion hatten sich ihm zugesellt. (In diesen Wochen und Monaten gab es unter der armenischen Nation so manchen Selbstmordpropheten gleich Oskanian und Tausende von Selbstmördern. Der ganze Volkskörper wand sich unter dem Mördergriff. Da wurden auch solche vom Tode erfaßt, die sich in Sicherheit befanden. Nicht nur flüchteten Hekatomben von Frauen in den reißenden Euphrat, auch in den europäischen Großstädten gab es Armenier genug, die in geheimnisvoller Verbundenheit ihrem Leben ein Ende machten.) Auf dem Musa Dagh aber war es bisher zu keinem einzigen Selbstmordfall gekommen. Wunderbar genug, wenn man das zerstörte Dasein, die tägliche Todesgefahr, den unentrinnbaren Ausgang, das langsame Verhungern von fünftausend Menschen bedenkt. Selbst in dieser Nacht waren es nur vier dürftige Jünger, die Oskanian als Sektierer seiner Idee folgten. Ein Mann und drei Frauen. Der Mann war fünfzig Jahre alt, sah aber aus wie ein Greis. Er gehörte zu den Seidenwebern von Kheder Beg. Unter allen Handwerkern des armenischen Tales bildeten die Seidenschalweber eine eigene Klasse, die wegen ihrer Körperschwäche weder für den Waffendienst noch auch für die harte Arbeit der Reserve so recht zu brauchen war. Wie alle Zukurzgekommenen, boten sie jeder verschrobenen Agitation, religiöser und politischer Art, die anfälligsten Seelen dar. Oskanians Freitodpredigt hatte die Ohren Margoß Arzrunis – so hieß der Seidenweber – höchst bereitwillig gefunden. Von den Frauen war die älteste eine Matrone, die ihre ganze Familie verloren hatte, die beiden andern waren noch jung. Der einen war das Kind vor einem Tag in den Armen verhungert. Die zweite, unverheiratet, aus einer der wohlhabenden Familien Yoghonoluks, kannte man allgemein als schwermütige, etwas wirre Person.

Oskanian war noch während des Putsches angstgepeitscht an diese verborgene Stätte geflohn. Margoß Arzruni aber, der Apostel des Propheten, hatte ihn aufgespürt und führte nun dem Lehrer die drei gläubigen Frauen zu, die bereit waren, das Wort zu verwirklichen. In Gemeinschaft stirbt es sich leichter als einsam. Der Seidenweber war übrigens einer der unerbittlichen Apostel, die nicht dulden, daß der Prophet ein Jota nachläßt. Seit Tagen schon hatte er den Lehrer regelmäßig in der Südstellung aufgesucht, um die neue Lehre in sich zu vervollkommnen. Die fünf Menschen saßen unter einem der großen Felsblöcke, die den Weg zur Schüsselterrasse verbauen. Weil sie froren, drängten sie sich dicht aneinander. Hrand Oskanian faßte noch einmal seine Ansichten über Tod und Leben zusammen. Sie klangen aber heute merkwürdig eingelernt und fadenscheinig. Auch die bohrende Stimme des Schweigers hatte die Schärfe eingebüßt. Manchmal schien es, als steigere er sich selbst in die Rede hinein, nur um seinen Apostel nicht zu enttäuschen. Oskanian saß neben der Schwermütigen, die ein ziemlich hübsches Mädchen war. Der Verkünder des Freitodes wunderte sich selbst darüber, daß drei Augenblicke vor dem erhabensten Entschluß, dessen ein Mensch fähig ist, die schmiegsame Nähe eines Frauenkörpers so wohlig belebend wirken könne. Dessenungeachtet stand er der Matrone Rede, die sich gläubig bei dem Lehrer, der ja auch dies studiert haben mußte, nach den bedenklichen Jenseitsfolgen solchen Beginnens erkundigte:

»Es ist eine große Sünde, Lehrer, ganz gewiß. Ich tue es ja nur, um die Meinigen wiederzusehn, rasch wiederzusehn. Aber vielleicht darf ich sie dann gar nicht wiedersehn und bleibe für immer in der Hölle, weil es doch ganz gewiß eine große Sünde ist ...«

Oskanian hob seine spitze Nase, die in der Finsternis leuchtete:

»Du gibst nur der Natur wieder, was dir die Natur gegeben hat.«

Dieser bedeutungsvolle Satz schien Arzruni, dem Seidenweber, ein höllisches Vergnügen zu bereiten. Er rieb die Hände und krähte aus schwacher, aber voller Brust:

»Da hat er es dir aber gesagt, Alte ... Wenn du die Deinigen wiedersehn willst, kannst du ja noch bis morgen warten. Die Türken werden dich nicht übersehn. Dich braucht keiner mehr für den Harem. Ich aber will nicht warten, ich hab's satt!«

Die Matrone kreuzte beide Hände über der Brust und neigte sich vor:

»Jesus Christus wird mir verzeihn ... Gott weiß alles ...«

Der Lehrer bekam damit ein vorzügliches Stichwort:

»Gott weiß alles«, schrie er, »der einzige Grund, weswegen man ihm die Welt verzeihen könnte, wäre der, daß er nichts, aber auch gar nichts weiß ... Er kümmert sich um uns soviel wie um Läuse. Verstanden? Da hätte er auch viel zu tun ...«

Der Apostel Arzruni wiederholte höhnisch berauscht:

»Da hätte er auch viel zu tun ... Das ist doch klar ... Wie Läuse ...«

Der Prophet aber wandte sich, von seinem eigenen Scharfsinn ganz erschöpft, an die sündenfürchtige Matrone:

»Wie soll er sich um dich kümmern, da er doch nur ein Blödsinn in deinem eignen Kopf ist ...«

Der Seidenweber blinzelte einen Augenblick angestrengt, dann aber schrie er vor Entzücken laut auf, schlug seine Schenkel und begann sich hin und her zu drehn wie ein betender Moslem:

»Nur in deinem Kopf ist der ganze Blödsinn, Alte ... Verstehst du das? ... Nur in deinem Kopf ... Also spuck ihn aus, den Blödsinn, spuck ihn aus!«

Diese Lästerungen und das Lachen Arzrunis riefen bei der jungen Mutter einen rasenden Schmerzensausbruch hervor. Sie erinnerte sich, daß ihr jemand die steife Kinderleiche nach einem langen Kampf aus den Armen gerissen hatte. Der Mann, einer von den Pflegern, war dann schnell davongelaufen, um ihr dreijähriges Söhnchen irgendwohin zu werfen. Stundenlang hatte sie die Leiche gesucht. Ach, sie war ins Meer geworfen worden, hoffentlich. Die Mutter wollte mit dem Kind im Meer sein. Kreischend sprang sie auf:

»Warum redet ihr stundenlang? So kommt doch endlich!«

Der Lehrer aber wies sie zurecht:

»Es muß eine Reihenfolge sein.«

Mitternacht war schon vorüber, als man daranging, die Reihenfolge festzusetzen. Arzruni schlug das Los vor. Oskanian aber meinte, den Anfang müßten jedenfalls die Frauen machen, weil es sich so gehöre, die Älteste zuerst, dann die Jüngere und dann die Jüngste. Diese Entscheidung begründete er nicht näher, aber da keines der Weiber widersprach, so blieb es dabei. Zum Schluß erklärte er sich bereit, zwischen sich und seinem Apostel das Los sprechen zu lassen. Das Schicksal entschied gegen ihn oder, wenn man will, für ihn, denn es gab ihm den Vorzug vor dem Seidenweber. Die Zeit der großen Windstille herrschte. Das aufgerüttelte Meer jedoch brummte noch immer tief unten. Die Finsternis war zum Beißen. Der Lehrer tastete sich, unendlich vorsichtig kriechend, mit der Laterne ungefähr bis zum Rand des Felsens vor. Dort stellte er mit angstvoller Hand die Laterne hin. Das Licht kennzeichnete, sonderbar ruhig, die Grenze zwischen Hier und Dort. Oskanian zog sich schnell zurück. Dann machte er, als ein Wegweiser und Zeremonienmeister des Abgrunds, eine höflich einladende Handbewegung gegen die Laterne hin.

Die Matrone kniete ein paar Minuten lang und bekreuzigte sich immer wieder. Dann ging sie mit eiligem Trippelschritt vorwärts und verschwand ohne Schrei. Die junge Mutter folgte ihr sogleich. Sie nahm einen Anlauf. Ein kurzer scharfer Schrei ... Die Schwermütige war schon weit zaghafter. Sie bat den Lehrer, ihr im letzten Augenblick einen Stoß zu geben. Oskanian aber verweigerte diesen Dienst mit großer Heftigkeit. Die Schwermütige rutschte auf allen vieren zum Rand. Dort schien sie sich ihren Entschluß wieder zu überlegen. Sie griff nach der Laterne, warf sie dabei um. Die Laterne rollte ins Nichts. Anstatt sich ruhig zu verhalten oder zurückzukriechen, streckte das Mädchen aber die Hände nach der Laterne aus, beugte sich vor und verlor das Gleichgewicht. Ein gräßlicher endloser Schrei, denn die Unglückliche klammerte sich noch volle zwei Minuten an irgendeinen Felsvorsprung an, ehe sie hinabsauste ... Oskanian und Arzruni standen schweigend in der Finsternis. Eine lange, lange Zeit verging. Noch immer zerschnitt der Todesschrei der Schwermütigen das Hirn des Lehrers. Endlich mahnte der Apostel den Propheten:

»Nun, Lehrer, die Reihe ist an dir ...«

Hrand Oskanian schien die Lage reiflich zu überlegen. Dann meinte er, ohne eine besonders selbstbewußte Stimme zu haben:

»Die Laterne ist fort. In der Finsternis mag ich's nicht tun. Warten wir, bis die Dämmerung kommt. Lange kann's ja nicht mehr dauern ...«

Der Weber wendete mit Recht ein:

»In der Finsternis ist es ja viel leichter, Lehrer!«

»Für dich vielleicht, nicht für mich«, wies ihn der Prophet wütend zurück, »ich brauche Licht!«

Margoß Arzruni gab sich mit dieser erhaben anmutenden Begründung offenbar zufrieden. Er hielt sich aber ganz nahe an Oskanian. Wenn der Lehrer, der sich neben ihm niedergelassen hatte, die leiseste Bewegung machte, packte er ihn sofort beim Rockzipfel. (Es war das schmutzige und zerrissene Wrack jenes schwalbenschwänzigen Prachtrocks, den sich Oskanian einst hatte anfertigen lassen, um Gonzague bei Juliette auszustechen.) Der Griff, mit dem Arzruni seinen Propheten festhielt, zeigte Angst, Ergebenheit und Mißtrauen. Hrand Oskanian war somit ein Gefangener seiner Lehre. Einmal sprang er jählings auf. Sofort aber schoß der Seidenweber neben ihm hoch. Es gab für ihn keine Aussicht, dem Jünger zu entkommen. Als nach einer Ewigkeit der Felsrand aus dem ersten nebligen Morgengrauen tauchte, erhob sich Arzruni und legte seinen Kittel ab:

»So, Lehrer! Die Finsternis ist fort ...«

Oskanian rekelte ausführlich seine Glieder, gähnte, als habe er einen erquickenden Schlaf hinter sich, und stand gemächlich auf. Vorerst schneuzte er noch mehrmals trompetend seine Nase, bevor er, von seinem Apostelwächter gefolgt, die notwendigen Schritte machte. Ein gutes Stück vor dem scharfen Rand jedoch drehte er sich um:

»Es ist besser, du beginnst, Weber!«

Der verschrumpelte Arzruni im schmutzigen Hemd näherte aufmerksam seinen Kopf dem Gesicht Oskanians:

»Warum ich, Lehrer!? Wir haben gelost. Das Los hat dich erwählt. Die drei Frauen sind uns vorausgegangen ...«

Oskanians umwuchertes Gesicht war weiß:

»Warum du!? Weil ich der letzte sein will! Weil ich nicht will, daß du hinterher davonläufst und dich lustig machst!«

Es hatte zunächst den Anschein, als überlege der Seidenweber tiefsinnig Oskanians Äußerung. Dann aber stürzte sich der Apostel unvermutet auf seinen Propheten. Dieser hatte den Angriff vorausgewittert. Er fühlte sehr bald, daß er trotz seiner Kleinheit stärker als der ausgemergelte Arzruni war. Und doch drohte ihm der fanatische Weber, der sich in seinem Glauben betrogen sah, gefährlich zu werden. Oskanian ließ sich ein Stück gegen die Felsschneide vorwärtszerren. Ohne Zweifel wollte ihn der Rasende mit in die Tiefe reißen. Da warf sich der Lehrer plötzlich auf die Erde, krampfte die eine Hand in einen niedern Strauch fest, mit der andern packte er das rechte Bein des Webers und brachte ihn zu Fall. An den drahtharten Strauch geklammert, stieß er seine Füße mit wilden Tritten in Gesicht und Leib des Gestürzten. Wie es geschah, wußte er selbst nicht, in der nächsten Sekunde schon stießen seine Füße ins Leere. Der Körper Arzrunis, des Seidenwebers, schlug über den Felsrand in den Nebel hinaus. – Oskanian saß starr. Nun schob er sich, immer noch sitzend, zurück, weiter, weiter. Er fühlte sich gerettet. Jedoch nur einen kleinen Augenblick. Dann wußte er, daß ihm auch dieser Sieg nicht mehr half. In die Gemeinschaft der Gerechten und Anständigen konnte er nie wieder zurückkehren, ebensowenig wie er fliehen konnte. Der kleine Lehrer sprang auf und ging mit stechenden Schritten hin und her. Während des Kampfes hatte ihm der Seidenweber den halben Schwalbenschwanz vom Rock gerissen. Seine spitze Brust bog sich vor wie immer in den mühsamen Stunden, da er seine arme Person zur Geltung bringen mußte. Manchmal aber klappte er zusammen und hüpfte im Nebel wie ein Vogel mit einer verwundeten Schwinge. Er versuchte sich mittels eines dichterischen Wortes, das sich plötzlich einstellte, selbst zu trösten und zu erschüttern. Zwanzigmal wiederholte er:

»Im Sonnenschein, nicht in der Dämmerung.«

Während dieser Gänge stolperte Oskanian über eine Stange. Es war die Fahne mit dem Hilferuf »Christen in Not«, die der Wind längst umgestürzt und vertragen hatte. Die Schüsselterrasse war sowohl als Späherposten wie als Begräbnisstätte schon seit Tagen verlassen. Hrand Oskanian nahm die ziemlich schwere Flaggenstange von der Erde auf, schulterte sie, ohne zu wissen, was er tat, und stapfte immer gehetzter umher, ein sonderbarer Fähnrich. Wie gerne hätte er die Sonne jetzt hinter das Amanusgebirge gebannt. Doch schon war sie da, rot und zornig. Noch ein hilflos zuckender Gedanke: Fort von diesem verfluchten Felsen! Ein Versteck suchen! Lieber langsam verhungern! Oskanian aber konnte nicht mehr zurück. Er mußte sein Wort vom Sonnenschein wahrmachen. Die Frauen und der Weber warteten. Die Fahne vor sich hertragend, zögerte er auf den Rand zu. Der Nebel zerriß unter ihm. Breite Balken, Schwaden, Bänke zogen in verschlungenen Tänzen umeinander, hie und da ein Stück des Meeres freigebend, das glatt und stumpf wie dunkelgraues Tuch lag. Auf einer Stelle dieses Tuches schimmerte etwas. Hrand Oskanian schloß die Augen. Nun war er wirklich verrückt geworden, was er stets gefürchtet hatte. Immer wieder öffnete und schloß er die Augen. Der Nebel verschwand mittlerweile, das schimmernde Ding aber nicht, das auf dem weiten Tuche festsaß wie angeheftet. Es schimmerte eigentlich gar nicht so recht, sondern war ein großes, blaugraues Schiff mit vier Schloten, das, von der Höhe aus gesehn, ziemlich klein und nicht ernsthaft wirkte. Einige Nebelfetzen umschwebten es noch. Der Lehrer hatte sehr scharfe Augen. Leicht konnte er in den angriffslustigen Strahlen der jungen Sonne die großen schwarzen Buchstaben am Bug erkennen: »Guichen.«

Oskanian stieß ein paar jammernde Laute aus. »Guichen.« Das Wunder war geschehn. Doch nicht für ihn. Alle durften gerettet werden. Nur er nicht. Auf einmal begann er die sich breit entfaltende Fahne zu schwenken: »Christen in Not.« Immer schneller, wie ein Wahnsinniger schwenkte der Lehrer den gewichtigen Schaft, unermüdlich, minutenlang. Auf der Kommandobrücke des Panzerkreuzers wurde mit einer französischen Signalflagge geantwortet. Oskanian sah es nicht. Er wußte von sich selbst nichts mehr. Unablässig schwenkte er das weiße Laken in großen Halbkreisen. Er stöhnte vor Anstrengung. Doch solange er noch Kraft hatte, durfte er leben. Bagradians Haubitzen krachten weit oben. Immer kürzer und ungleichmäßiger schlängelten sich die Halbkreise der Armenierfahne. Vielleicht kann ich mich doch heimlich aufs Schiff retten, dachte es in Oskanian. Zugleich aber trat er, mehr vom Gewicht der Flagge als von seinem Willen vorwärtsgezogen, mit einem wilden Schreckensschrei ins Leere.

In diesem Augenblick löste ein Vierundzwanzig-Zentimeter-Geschütz des »Guichen« den gewaltigen Schuß gegen Suedja, der den Türken Halt befahl.

 

Dem General, dem Kaimakam, dem Jüsbaschi schmetterte dieses Halt in die Seele. Die Herren hatten sich vor einigen Minuten auf dem Standort des Majors zusammengefunden, auch der dicke leberkranke Kaimakam, für den das Frühaufstehn und die Bergbesteigung ein außerordentliches Opfer bedeutete. Die vier Kompaniekommandanten umgaben den Jüsbaschi, um persönlich den Vorrückungsbefehl entgegenzunehmen. Die Kundschafter hatten während der Nacht vorzüglich gearbeitet. Die neuen Zufluchtsstätten des Lagervolkes an der Steilküste waren einwandfrei aufgeklärt. Auch wußte man, daß zwei schüttere, schlechtgedeckte Schützenlinien den Damlajik gegen Süden abriegelten. Auf Befehl Ali Risas sollten deshalb nur zwei Kompanien mit Maschinengewehren gegen diese schwachen Linien eingesetzt werden, und zwar zur selben Zeit, sobald im Norden die Gebirgsartillerie die armenischen Gräben einzutrommeln begann. Der Kaimakam und der Jüsbaschi waren überzeugt, daß in einer Stunde ungefähr der Widerstand gebrochen sein werde. Dann sollten sich die Nord- und Südgruppe vereinigen, um gemeinsam das Lager am Meer auszuheben. Ein Entkommen gab es nicht mehr. Die erste Granate aus den Haubitzen Gabriel Bagradians schlug in die Steinhalde unterhalb des Felsturms, die zweite wich noch weiter ab, die dritte aber ging ziemlich in der Nähe der Offiziersgruppe nieder. Sprengstücke und Steinsplitter durchsangen die Luft. Zwei Infanteristen lagen wimmernd auf der Erde. Der Jüsbaschi zündete sich gemächlich eine Zigarette an:

»Wir haben Verluste, Herr General ...«

Das junge durchsichtige Gesicht Ali Risas war tiefrot geworden. Seine Lippen wurden noch schmäler als sonst:

»Ich befehle Ihnen, Jüsbaschi, daß dieser Bagradian nicht getötet, sondern mir persönlich vorgeführt wird.«

Kaum hatte er diese Worte zu Ende gesprochen, erhob sich der haltgebietende Donner. Die Herren stürzten zu den westlichen Sicherungsschanzen, von denen man das Meer weit übersehn konnte. Blaugrau und fest saß der »Guichen« mit seinen vier Schloten wie eingefroren auf der bleiernen Flut. Eine schwarze Qualmwolke lag über den Schloten. Der Mündungsdampf des Geschützes hatte sich schon verzogen. Der Kommandant schien nur einen Schreckschuß gegen die Orontesebene abgegeben zu haben. Als erster fand der Kaimakam seine Stimme wieder. Sie bebte vor Erregung:

»Damit wir uns verstehn, General! Sie befehligen die militärische Assistenz. Die Entscheidung liegt aber bei mir.«

Ali Risa betrachtete, ohne zu antworten, den »Guichen« durch sein Fernglas. Der Kaimakam aber, der sich sonst in großen Augenblicken meist abwartend verschlafen benahm, verlor diesmal seine Ruhe:

»Ich fordere Sie auf, General, die Operationen sofort beginnen zu lassen. Dieses Schiff dort kann uns nicht abhalten ...«

Ali Risa ließ das Glas sinken und wandte sich zu seinem Adjutanten:

»Telefonieren Sie nach Habaste. Mein Befehl soll relaisartig mit allergrößter Schnelligkeit in die Geschützstellungen im Norden weitergegeben werden: Das Artilleriefeuer hat zu unterbleiben!«

»Das Artilleriefeuer hat zu unterbleiben«, wiederholte der Adjutant und stürzte davon. Der Kaimakam richtete seine schlaffe, aber mächtige Gestalt hoch:

»Was bedeutet dieser Befehl? Ich verlange Aufklärung, Effendi!«

Der General beachtete ihn gar nicht, sondern richtete seine graublauen Augen auf den Jüsbaschi:

»Lassen Sie die vorgeschwärmten Kompanien zurücknehmen. Alle Truppen verlassen den Berg und ralliieren sich unten im Dörfertal. Abmarsch sofort!«

»Ich verlange Aufklärung«, schrie der Kaimakam außer sich, und seine Augensäcke wurden blauschwarz: »Das ist Feigheit. Ich bin Seiner Exzellenz verantwortlich. Es liegt kein Grund vor, die Operationen abzubrechen!«

Ein langer, kalter Blick des jungen Generals traf ihn:

»Kein Grund? Wünschen Sie der alliierten Flotte Gelegenheit zu geben, die offene Küste zusammenzuschießen? Die weittragenden Geschütze reichen bis Antakje. Glauben Sie vielleicht, daß der Kreuzer dort allein bleiben wird, Kaimakam? Sollen die Franzosen und Engländer etwa Truppen landen und einen neuen Kriegsschauplatz mitten im unverteidigten Syrien etablieren? Was meinen Sie, Kaimakam?«

Der Kaimakam aber, braungelb im Gesicht, raste mit Schaum vor dem Munde:

»Das geht mich nichts an. Ich, als Verantwortlicher, befehle Ihnen ...«

Weiter kam er nicht. Der Gegenbefehl des Generals hatte natürlich auf keine Weise die türkischen Artilleriestellungen in diesen wenigen Minuten erreichen können. Die ersten Geschosse krachten in die Kerbung des Nordsattels. Sofort aber begannen sich die langen, eleganten Geschützrohre in den Panzertürmen des »Guichen« zu drehn. Es vergingen kaum drei Atemzüge, und die ersten schweren Granaten fielen mit ungeheuren Schlägen auf die Häuserkuben von Suedja, El Eskel, Jedidje. Sofort kroch an dem großen Kamin der Spiritusfabrik die amerikanische Flagge hoch. Einige türkische Holzhäuser begannen schon zu brennen. Ali Risa herrschte den Jüsbaschi an:

»Telefonieren Sie, Feuer einstellen, zum Teufel! Die Saptiehs sollen die Bevölkerung evakuieren. Alles ins Dörfertal!«

Der sommersprossige Müdir aus Salonik, der als Untergebener bisher geschwiegen hatte, wurde nun auch von einem Koller gepackt. Durch die hohlen Hände schrie er, als wolle er sich trotz des brüllenden Feuers dem »Guichen« verständlich machen:

»Das ist ein Bruch des Völkerrechts ... Offene Küste ... Einmischung in die innere Politik ...«

Generalmajor Ali Risa aber hob seinen Spazierstock von der Erde auf und wandte sich zum Gehen. Die Offiziere umscharten ihn. Er drehte sich noch einmal um:

»Warum schreien Sie so, Müdir? Bedanken Sie sich bei Ittihad ...«

»Mir ist übel«, stöhnte der Kaimakam, der sich für seine Gesundheitsverhältnisse heute allzusehr übernommen hatte. Sein schwerer Körper sank zu Boden. Er schien mit aller Kraft gegen eine Ohnmacht anzukämpfen. Zwischen seinen schwärzlichen Lippen röchelten immer dieselben Worte hervor:

»Das ist das Ende ... Das ist das Ende ...«

Der Müdir mußte seinen kranken Vorgesetzten durch vier Saptiehs zu Tale tragen lassen.

 

Man sollte wohl glauben, daß auch Gabriel Bagradian, nachdem das Bewußtsein des Wunders seinen Geist voll durchdrungen hatte, unter der Wucht der Erlösung zu Boden gestürzt wäre. Nichts aber geschah. Gabriels Gefühl konnte nicht mehr antworten. Auch die behutsamste Vorsicht des Wortes vermag kaum wahrheitsgetreu zu sagen, was in seinem Innern jetzt vorging. Nein, keine Enttäuschung. Enttäuschung wäre zu grob. Eher die unerwünschte Mühe, die ein todesmüder Organismus aufwenden muß, um sich neu einzustellen. So wehrt sich das menschliche Auge, unversehens aus Finsternis in grelles Licht geratend, gegen diesen jähen Wechsel, selbst wenn die Seele ihn ersehnt hat. Die erste Reaktion Bagradians war ein Befehl, den er die Verteidigungslinie durchlaufen ließ:

»Keiner rührt sich fort! Jeder bleibt, wo er ist!«

Dies war ein außerordentlich wichtiger Befehl. Denn erstens kannte Gabriel die Absichten der Türken nicht, dann hatte er die französische Flagge des Kriegsschiffes noch nicht mit eigenen Augen gesehn. Auch war es höchst unwahrscheinlich, daß dieses Schiff viereinhalbtausend Menschen aufnehmen konnte und wollte. – Nicht minder merkwürdig war die Wirkung des Wunders auf die Verteidiger, die nach dieser letzten endlosen Nacht der Todeserwartung wie gelähmt in den langen Schwarmlinien lagen. Ein Junge, atemlos gicksend, hatte die Meldung gebracht. Keinen Aufschrei löste sie aus, sondern vorerst eine starre Pause. Plötzlich aber zerbrach die Einteilung. Diejenigen, welche die Wundernachricht gehört hatten, drängten die Kuppe empor, zur Haubitzstellung, zum Befehlshaber. Nicht dies jedoch war merkwürdig, sondern die Verwandlung der tiefen und rauhen Männerstimmen. Die Leute fistelten auf einmal. Hohe und enge Töne stießen von allen Seiten auf Gabriel ein. Es klang fast wie eine zittrige Abart von Weibergekeif oder wie der Angstausbruch von Irren. Das Gefühl der Rettung rief, ehe es noch die Seelen in Besitz nahm, einen ansteckenden Stimmritzenkrampf hervor. Die Männer gehorchten sofort. Sie legten sich wieder in ihre Linien, das Gewehr vor sich, als sei nichts Erschütterndes geschehen. Nur Lehrer Hapeth Schatakhian forderte den Befehlshaber auf, ihn als Kommissar zum Meere hinabzusenden, da er, kraft seiner meisterhaften Beherrschung und Betonung der französischen Sprache, zweifellos der Berufene sei, die Verhandlungen zu führen. Der Lehrer strahlte übers ganze Gesicht. Gabriel Bagradian, der die Zehnerschaften durch sein eigenes Beispiel zusammenhalten wollte, bis die letzte Gefahr eines türkischen Angriffs geschwunden war, entließ Schatakhian mit folgenden Aufträgen: Es müsse unter allen Umständen eine stetige Verbindung des Lagervolkes unten am Meere mit den Verteidigern oben auf dem Berge aufrechterhalten bleiben. Ter Haigasun und Doktor Altouni möchten sich gemeinsam mit Schatakhian auf das französische Schiff begeben. Und dann: Der Kreuzerkommandant habe sogleich davon in Kenntnis gesetzt zu werden, daß sich unter dem Volke eine gebürtige Französin, und zwar in schwerkrankem Zustand, befinde.

Das beginnende Artilleriefeuer gegen den Nordsattel bestätigte Bagradians Verdacht. Der Türke dachte gar nicht daran, seine sichere Beute ohne weiteres aus dem Rachen fallen zu lassen. Sofort wurde eine Ordonnanz an Tschausch Nurhan abgefertigt:

»Die Nordstellung muß bis zum letzten Mann gehalten werden.« Ehe nicht der entsprechende Befehl von ihm, Bagradian, eintreffe, hätten die Zehnerschaften unter keiner Bedingung die Gräben oder die Felsbarrikaden zu verlassen, in welchen sie während des Granatfeuers Schutz suchen sollten. – Nach kurzer Zeit aber erlahmte dieses Feuer, während die riesigen Schiffsgeschütze mit taktsicheren Donnerschlägen ihre Bomben gegen die muselmanischen Ortschaften sandten. In der Orontesebene schien das Weltgericht zu toben. Als Gabriel den Beobachterplatz erstiegen hatte, standen schon Suedja, El Eskel, Jedidje und selbst das entfernte Ain Jerab in Qualm und Flammen. Auf Pferden, Eseln, Ochsenkarren und in hellen Haufen floh das Volk ins armenische Tal hinein. Nach einer Weile kehrte Bagradian wieder zu den Haubitzen zurück. Hinter dem Sporn der Geschütze standen die schon tempierten Granaten. Er hatte die Absicht gehabt, die Geschütze nach Norden zu drehn und, wenn es soweit war, den türkischen Angriff unter Feuer zu nehmen. Er gab die Absicht auf, obgleich er die Gefahr noch lange nicht für gebannt hielt. Gabriel ließ sich neben den Haubitzen nieder. Er blickte hinaus und zugleich in sich hinein: Nun werde ich vielleicht in einigen Wochen wieder in Paris sein. Man wird die Wohnung in der Avenue Kleber beziehen und das alte Leben beginnen. Aber dieser Gedanke – vor einer Stunde noch die Vision eines Tollhäuslers – änderte nichts an der erstaunlichen Leere, die ihn erfüllte. Keine Spur des knienden Jubels, des heißen anbetenden Dankes zu Gott, der durch ein unausdenkliches Wunder geboten war. Gabriel sehnte sich nicht nach Paris, nicht nach einer Wohnung, nicht nach Umgang mit kultivierten Menschen, er sehnte sich nicht nach Komfort, ja nicht einmal nach Sattessen, nach einem Bett und Reinlichkeit. Wenn er irgendeine Regung in sich verspüren konnte, so war's ein bohrendes Einsamkeitsbedürfnis, das von Minute zu Minute wuchs. Es hätte aber eine Einsamkeit sein müssen, die es gar nicht gab. Eine Welt ohne Menschen. Ein Planet ohne Bedürfnisse, Bewegung und Notdurft. Eine kosmische Einsiedelei und er das einzige Wesen darin, ruhevoll schauend, ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Lagerstätten der Dorfgemeinden lagen ziemlich weit auseinander. Yoghonoluk und Habibli befanden sich noch ziemlich auf der Höhe, während Bitias, Azir und Kebussije die einzigen Küstenplätze gewählt hatten, wo die zurücktretenden Steilwände ein paar unebene, mit hartem Strauchwerk bewachsene Plätze freiließen.

Während Lehrer Oskanian die Notflagge schwenkte, schlief noch alles. Es war nicht der Schlaf von Menschen mehr, sondern der Schlaf unbelebten Stoffes, wie ein Fels oder ein Erdhaufen schläft. Der Donnerschlag des Schiffsgeschützes zerstörte ihn. Fast viertausend Frauen, Kinder und Greise schlugen die schreckerfüllten Augen auf, um das Licht ihres vierten Hungertages zu erblicken. Die Leute unten an der Küste sahen einen unglaubwürdigen Entkräftungstraum, der regungslos auf einem festen Meere ruhte. Einige versuchten sich aufzuraffen, um dieses Traumgesicht zu verscheuchen. Andre blieben gleichgültig auf dem harten Fels liegen, der ihre dünne Haut, die ohne Fleisch die Knochen bedeckte, durchgescheuert hatte. Sie drehten sich nicht einmal auf die andre Seite. Plötzlich jedoch hob unter den Erwachsenen ein kurzarmig hüstelndes Weinen an, das sich wie das schwache Gezeter schwerkranker Kinder ringsum ausbreitete. Und nun huschten auch die trägsten Schatten auf. Die Knaben, die noch die meiste Kraft besaßen, erkletterten die Klippen. Alles drängte zum Wasser.

Der große Kreuzer »Guichen« ankerte etwa eine halbe Seemeile weit vor der Küste. Den Offizieren und Matrosen bot sich ein erschütterndes Bild. Sie sahen Hunderte von nackten, skelettdürren Armen, die sich ihnen entgegenstreckten, wie um Almosen bettelnd. Die menschlichen Gestalten, die zu diesen Armen gehörten, und gar die Gesichter, verschwammen selbst in den Ferngläsern gleich Gespenstern. Dazu erklang ein spitzes Stimmendurcheinander, das an das Zirpen von Insekten erinnerte und aus einer weit größeren Ferne zu kommen schien, als es tatsächlich kam. Dabei strömten zwischen den Steilwänden immer mehr von diesen menschlichen Zikaden herab und vermehrten die bettelnden Arme. Ehe der Kommandant des »Guichen« noch einen Entschluß dieser Verfolgten wegen fassen konnte, sprangen von den Klippen zwei kleine Gestalten ins Wasser, Knaben jedenfalls, und begannen aufs Schiff hinzustreben. Sie kamen auch ungefähr bis auf hundert Meter heran, dann schienen die Kräfte sie zu verlassen. Man hatte ihnen jedoch vorsorglich ein Boot entgegengeschickt, das sie aufnahm. Ein andres Boot bewegte sich auf die Küste zu. Es sollte die Vertrauensleute dieser seltsamen »Christen in Not« an Bord bringen. Bald aber zeigte es sich, daß, wenn Gott ein Wunder schickt, die Wirklichkeit dieses Wunder noch immer mit hundert Tücken zu dämpfen weiß. Die Beschaffenheit der Steilküste war nämlich so schwierig, die Brandung so stark, daß selbst dieses gut bemannte Boot des »Guichen« kaum zu landen vermochte, was eine große Rechtfertigung der mißglückten Fischerei Arams bedeutete. Es verging fast eine Stunde mit vergeblichen Landungsversuchen, ehe Ter Haigasun, Altouni und Hapeth Schatakhian aufgenommen werden konnten. Dies war die Stunde, in welcher der »Guichen«, durch das herausfordernde Artilleriefeuer auf dem Musa Dagh gereizt, hundertundzwanzig schwere Granaten in die muselmanische Ebene warf.

Der Fregattenkapitän Brisson empfing die Abordnung in der Offiziersmesse, nachdem die Schiffsartillerie das Feuer schon eingestellt hatte. Brisson machte eine entsetzte Bewegung, als er die drei Männer sah, diese eingeschrumpften Körper in Lumpen, diese bartumwucherten Gesichter mit ihren hohen Stirnen und riesigen Augen. Ter Haigasun bot den wildesten Anblick. Sein halber Bart war weggesengt. Über die rechte Backe lief eine glühende Brandwunde. Da seine Alltagskutte in der Pfarrhütte in Flammen aufgegangen war, trug er noch immer die geliehene Decke über den Schultern. Der Fregattenkapitän reichte den Männern die Hand:

»Der Priester ... der Lehrer ...?« fragte er. Schatakhian aber ließ ihm keine Zeit zu weiteren Erkundigungen, sondern riß seine ganze Kraft zusammen, verbeugte sich und begann jene Rede; die er auf dem Serpentinenweg zum Meere und später noch im Boote laut vor sich her entworfen hatte. Er leitete sie mit den unzutreffenden Worten »Mon général« ein. Vielleicht war's nur Verwirrung. Wer aber konnte schließlich von dem armenischen Volksschullehrer aus Yoghonoluk verlangen, daß er sich in der Rangordnung der französischen Marine gehörig auskenne, insbesondere da der sokratische Meister dieses Lehrers auf die Kriegswissenschaft nicht das geringste Gewicht zu legen pflegte. Nachdem Kapitän Brisson durch diese orientalisch ausschweifende Rede alles Nötige und manches Unnötige erfahren hatte, hoffte der durch sich selbst beglückte Sprecher, ein Wörtlein des Lobes werde aus solch erlauchtem Munde für seine makellose Akzentuierung fallen. Der Fregattenkapitän aber sah langsam von einem zum andern, um dann nach dem Mädchennamen Madame Bagradians zu fragen. Hapeth Schatakhian war überaus erfreut, auch hierin dienen zu dürfen und so seine Vertrautheit mit stockfranzösischen Personalien zu bekunden. Nun aber nahm Ter Haigasun das Wort. Zur Verwunderung, ja zur Betroffenheit des Lehrers sprach er ein fließendes Französisch, wovon er bisher in so vielen Schuljahren nur recht wenig hatte verlauten lassen. Er wies sofort auf den Hunger und die Entkräftung des Volkes hin und bat um unverzügliche Hilfe, weil sonst so manche Frau und so manches Kind die nächsten Stunden kaum erleben werden. Während Ter Haigasuns Worten klappte Bedros Hekim zusammen und wäre fast vom Stuhle gesunken. Brisson ließ sogleich Kognak und Kaffee bringen und den Abgesandten eine reichliche Mahlzeit servieren. Es zeigte sich aber, daß nicht nur der alte Arzt, sondern auch die zwei andern kaum etwas genießen konnten. Indessen berief der Schiffskommandant den Proviantoffizier zu sich und traf Anordnung, daß ohne Verzögerung Boote mit allen verfügbaren Nahrungsmitteln an Land zu gehen hätten. Der Arzt, das Sanitätspersonal und eine bewaffnete Abteilung Matrosen erhielten ebenfalls Befehl, zu landen.

Nachher erklärte Brisson den armenischen Männern, daß sein Panzerkreuzer keine selbständige Einheit, sondern die Vorhut eines englisch-französischen Geschwaders bilde, das die Aufgabe habe, in nordwestlicher Richtung die anatolische Küste entlang zu streifen. Der »Guichen« sei gestern abend schon, drei Stunden vor der Hauptmacht, aus der Zypernbucht von Famagusta ausgelaufen. Der Höchstkommandierende der Flottille, der Konteradmiral, befinde sich auf dem Linien- und Flaggschiff »Jeanne d'Arc«. Man habe seine Entscheidung abzuwarten. Vor einer Stunde schon sei ein Funkspruch an die »Jeanne d'Arc« gesendet worden. Die Abgesandten aber möchten sich nicht ängstigen, denn es bestehe kein Zweifel darüber, daß ein französischer Admiral einen so tapferen Stamm des mißhandelten armenischen Christenvolkes nicht einfach seinem Schicksal überlassen werde. Ter Haigasun neigte seinen Kopf mit dem entstellten Bart:

»Ich werde mir eine Frage gestatten, mein Herr Kapitän. Sie sind, wie Sie sagen, mit Ihrem Schiff nicht selbständig, sondern unterstehen dem Befehl eines Höheren. Wie kommt es dann, daß Sie nicht nach Nordwesten, sondern an unsre Küste hier gehalten haben ...?«

»Sie entbehren gewiß schon lange Zigaretten, meine Herren, ich überlasse Ihnen diese Schachtel sehr gerne ...«

Brisson überreichte dem Lehrer ein großes Zigarettenpaket und wandte dann seinen grauen Marinekopf mit nachsinnenden Augen Ter Haigasun zu:

»Ihre Frage interessiert mich, mon père, denn ich habe tatsächlich gegen die Order gehandelt und bin von unserem Kurs beträchtlich abgewichen. Warum? Um zehn Uhr haben wir das Nordkap von Zypern passiert. Eine Stunde nach Mitternacht aber hat man mir ein großes Feuer an der syrischen Küste gemeldet. Es sah aus, als brenne eine mittlere Stadt. Ein großes Stück Himmel rot! Wir waren auf hoher See, mindestens dreißig Meilen vom Land. Dabei haben Sie, wie ich höre, nur einige Reisighütten angezündet. Freilich, der Nebel wirkt oft wie eine optische Vergrößerungslinse. Solche Dinge mögen schon vorkommen. Der halbe Himmel war rot, wirklich. Ich habe aus Neugier – es war wohl Neugier – den Kurs geändert ...«

Ter Haigasun erhob sich von seinem Stuhl. Es hatte den Anschein, als wolle er etwas sehr Wichtiges vorbringen. Seine Lippen bewegten sich. Auf einmal aber machte er einige unsichere Schritte gegen die Kabinenwand und preßte sein Gesicht an die Scheibe einer der Luken. Fregattenkapitän Brisson war der Meinung, der Priester erleide jetzt denselben Zusammenbruch wie vorhin der alte Arzt. Ter Haigasun aber drehte sich um. Sonne durchflutete die niedrige Offiziersmesse des Schiffes. Das Priestergesicht schimmerte in den Strahlen wie aus Ambra geschnitten. Ter Haigasuns Augen waren ertrunken, als er armenisch stammelte:

»Das Böse ist nur geschehn ... damit die Gnade Gottes möglich werde ...«

Er hob leicht die Hände, als sei für ihn alles Erlittene sinnvoll überwunden. Der Franzose konnte ihn nicht verstehn. Bedros Hekim war mit dem Kopf auf den Tisch gesunken und eingeschlafen. Hapeth Schatakhian aber dachte nicht an den Brand der Stadtmulde, der mit der gotteslästerlichen Altarflamme begann und mit der Erlösung endete.

 

Zwei Stunden später stieg die mächtige »Jeanne d'Arc« am Horizont auf und hinter ihr der englische und die beiden andern französischen Kreuzer. Der große Transportdampfer folgte erst gegen Mittag nach. In breiter, schön ausgerichteter Reihe näherten sich die blaugrauen, turmbewehrten Kampfwesen dem Lande, lange parallele Kielschaumlinien nachschleppend. Der Chef des Geschwaders hatte dem Fregattenkapitän Brisson zurückgefunkt, er wolle nicht nur die armenischen Flüchtlinge aufnehmen und zu diesem Zwecke die geplante Fahrt abbrechen, sondern er wünsche persönlich die Stätte des Heldenkampfes zu besichtigen, wo der Splitter einer christlichen Nation sich vierzig Tage lang gegen barbarische Übermacht behauptet hatte. Der Konteradmiral war ein strenger, ja ein berühmter Katholik, und der Kampf der Armenier für die Religion des Kreuzes bewegte ihn aufrichtig.

Nachdem das Geschwader sich in vorbildlicher Symmetrie verankert hatte, begann auf dem spiegelhellen Meere ein glanzvolles Treiben. Hornsignale eiferten sich gegenseitig an. Ketten und Kräne ächzten. Langsam schwebten die großen Boote nieder. Die Matrosen des »Guichen« hatten mittlerweile zwischen den Klippen an der zugänglichsten Stelle eine Art von Landungsbrücke improvisiert, wobei Pastor Arams Fischereifloß zu unerwarteten Ehren kam. Die Geretteten lagen, saßen, hockten auf den schmalen Felsplatten und sahen mit verlorenen Blicken diesem Schauspiel zu, als gelte es nicht ihnen. Der Chefarzt des »Guichen« samt Gehilfen und Sanitätsleuten war mit den Kranken und Hungererschöpften beschäftigt. Er belobte Bedros Altouni hoch, daß er gestern noch, in der letzten Auflösung des Lebens, für die Ansteckungskranken oder -verdächtigen ein abgesondertes Lager gefunden habe. Altouni bekannte tief aufseufzend, daß oben auf dem Damlajik von diesen Ärmsten noch eine ganze Anzahl ungewartet und ungelabt dem Tode ausgesetzt sei, obgleich die meisten bei guter Pflege gerettet werden könnten. Der Chefarzt zog ein saures Gesicht. Die Aufnahme dieser Fiebernden bildete eine schwere Verantwortung. Was aber tun? Man konnte diese Christen doch nicht gut der Rache der Türken überlassen. Da der Chefarzt ein menschlicher Mann war, gab er seinem armenischen Kollegen einen Wink: »Reden Sie nicht viel über diese Sache!« Der Truppentransportdampfer war so gut wie leer und besaß große, wohleingerichtete Lazaretträume. Der Chefarzt zwinkerte dem Alten zu, er möge unbesorgt sein. Unter die Gesunden, so wie man von Gesunden sprechen kann, waren große Mengen von Brot und Konserven verteilt worden. Die Schiffsköche hatten große Kessel mit Kartoffelsuppe zubereitet und die gutmütigen französischen Matrosen liehen ihr eigenes Eßgeschirr her. Die Armenier aber nahmen alles hin, als sei es nicht ganz wirklich, sondern Traumbrot und Traumsuppe, die nicht sättigen könne. Doch als jeder seinen Anteil, nahezu ungekaut und ungeschmeckt, verschlungen hatte, ergriff ein neuer Gemütszustand die Gemeinden. Man war zwar sterbensmatt und ohne Leben mehr, und dennoch, die vierzig Tage lagen weit zurück wie eine halbvergeßne Sage. Noch wehrte sich der Körper gegen die ungewohnte Nahrung (o Brot, tausendmal ersehntes Brot), der Seele aber war alles wieder selbstverständlich, als sei es nie anders gewesen, als sei Gottes Gnade nichts als die natürliche Entwicklung der Dinge.

 

Der Konteradmiral landete, von einem großen Stab umgeben, an der schwanken Brücke. Seiner Motorbarkasse folgte ein Schwarm scharf dahinschießender Fahrzeuge. Zum Schutze des Geschwaderkommandeurs waren von allen Schiffen Abteilungen der Marineinfanterie mit Maschinengewehren ans Land beordert worden. Die ausgebooteten Soldaten besetzten die schmalen Felsplatten, wodurch ein dichtes Gedränge entstand und der Admiral vor lauter französischen Uniformen den Gegenstand seiner Neugier kaum zu Gesicht bekam. Während er dann langsam durch die Haufen der Dorfleute schritt, verlangte er von Beginn und Hergang der Verteidigungskämpfe genau unterrichtet zu werden. Und hier widerfuhr Lehrer Schatakhian zum zweitenmal und in erhöhtem Maße noch die Auszeichnung, das Ohr eines erlauchten Franzosen durch die Fülle seines Wortschatzes in Erstaunen setzen zu dürfen. Der Konteradmiral war ein kleiner, alter Herr mit einem streng zusammengerafften Militärgesicht, knapp und zierlich zugleich. Das Gesicht hatte braunrote Seemannsfärbung. Ein schneeweißes Bürstenbärtchen schwebte über der Oberlippe. Die blauen Augen waren sehr hart, doch schien ihr Blick durch Weite gemildert. Die graziöse Gestalt des alten Herrn steckte in keiner rechten Uniform, sondern in einem bequemen weißen Leinenanzug, der nur durch den schmalen Ordensstreifen auf der Brust soldatisches Gepräge bekam. Der Admiral stellte verschiedene Fragen nach den türkischen Streitkräften, dann zeigte er mit seinem dünnen Bambusstock gegen die Felswände und tat seiner Umgebung noch einmal den Willensentschluß kund, die Hochfläche und Kampfstätte mit eigenen Augen sehen zu wollen. Einer der Herren wagte darauf hinzuweisen, daß es immerhin ein paar hundert Meter zu ersteigen gelte, was für den Chef vielleicht beschwerlich sein werde. Auch könne man wohl nicht mehr rechtzeitig zur Dejeunerzeit an Bord sein. Der Wagemutige erhielt überhaupt keine Antwort. Der Konteradmiral gab das Aufbruchzeichen. Der Adjutant mußte daraufhin heimlich dafür sorgen, daß die Marineinfanterie im Eilschritt den Serpentinenweg ersteige, um noch vor dem Exzellenzherrn auf dem Damlajik Stellung zu nehmen. Dieser Ausflug im Feindesland war eine höchst gewagte Sache. Der Berg schien von türkischen Truppen und Geschützen umzingelt zu sein. Es konnte somit zu höchst unangenehmen Überraschungen kommen. Bei dem eigensinnigen Charakter des Hochmögenden aber wäre jeder Einspruch aussichtslos gewesen. Man beschloß daher, während dieses Ausflugs durch ein paar Granaten auf die Küstenortschaften die Türken in ehrerbietigem Abstand zu halten. Der Adjutant mußte außerdem noch für einen Imbiß sorgen, denn die Strapaze einer solchen Bergbesteigung war für einen alten Seemann nicht unerheblich. Es war aber gerade der Ehrgeiz des Admirals, den jüngeren Herren des Gefolges die Überlegenheit seines Herzens, seiner Lunge und Glieder zu beweisen. Er federte nur so den steilen Bergpfad empor, allen andern voran. Sato machte die Bergführerin. Ihre Kräfte hatten durch den Hunger nicht gelitten. Sie rannte voraus und wieder zurück und wieder voraus, nach ihrer Art wie eine junge Hündin den Weg dreifach zurücklegend. Dergleichen strahlende Gestalten hatte die Waise von Zeitun in ihrem Leben nie gesehn. Ihre begehrlichen Elsteraugen fraßen sich in die Uniformen, Goldschnüre und Kriegsmedaillen fest, während ihre Hand in einer Konservenbüchse die letzten Reste von kaltem Fett aus den Rillen schabte. Der Branntwein, den ihr die Matrosen geschenkt hatten, durchströmte sie befeuernd. Sie drehte in den unaussprechlichen Fetzen des ehemaligen Schmetterlingskleidchens aufdringlich ihre Hüften vor den blendenden Göttern hin und her. Manchmal streckte sie die braune schmierige Pratze den Offizieren entgegen und ein landesüblicher Naturlaut entrang sich ihren Lippen: »Bakschisch!«

Die Herren des Stabes blieben immer wieder stehn, blickten sich um und bewunderten die Schönheit des baum- und quellenreichen Musa Dagh. Und mehr als einer kam auf dieselbe Bezeichnung, die Gonzague Maris gefunden hatte: Riviera. Viele aber gaben um seiner wilden Jungfräulichkeit willen dem Mosisberg den Vorzug. Die letzten waren zwei junge Marineoffiziere. Sie hatten bisher kaum ein Wort gesprochen und auch die Landschaft nicht gepriesen. Der eine, ein Engländer, blieb stehn, drehte sich aber nicht zum Meer um, sondern starrte geradeaus auf die Felserde:

»Hören Sie, Kamerad, diese Armenier! Ich habe den Eindruck, keine Menschen gesehen zu haben, sondern nur Augen.«

 

Gabriel Bagradian hatte die Verteidigungslinien noch immer nicht aufgelöst. Obgleich er Meldung vom Abmarsch der türkischen Truppen im Norden und Süden bekommen hatte, schien er dem Frieden doch nicht zu trauen. Es konnte auch selbstverständliche Kriegsmoral sein, die es nicht duldete, daß die Kämpfer die Walstatt verließen, ehe das Schicksal des Volkes gänzlich geregelt war. Vielleicht aber lag der Grund für diese Strenge tiefer. Zu weit war der neue Gabriel auf dem unbekannten Wege fortgeschritten, um sich so rasch zu dem alten Gabriel zurückzufinden. In vierzig Tagen hatte sich eine Verwandlung vollzogen, die ihn jetzt an die Stelle bannte. Manchem gröberen Mann erging es ähnlich. Niemand in der Linie murrte und meuterte wider Bagradians Ausdauer, am allerwenigsten die schuldbeladenen Deserteure, die sich in kriecherischer Dienstwilligkeit überboten. Gabriel hatte zu den Zehnerschaften ein paar Worte gesprochen: Niemand könne noch von Rettung reden, ehe nicht alle Frauen und Kinder eingeschifft seien. Man habe den Franzosen durch dieses Ausharren die Würde der armenischen Nation zu beweisen. Als unbesiegte Krieger, das Gewehr in der Hand, in Zucht und Ordnung, sollten sie die alte Heimat verlassen. Auch werde er keinesfalls diese Haubitzen, die das Volk seinem Sohn verdanke, schmählich auf dem Damlajik vergessen, damit die Türken sie noch heute abend abholten. Er wünsche vielmehr, diese große und wichtige Siegesbeute den Franzosen zu übergeben. Wesentlicher noch als diese Worte war die Tatsache, daß Ter Haigasun eine hinreichende Menge von Brot, Marmelade, Wein und Konserven auf den Berg geschickt hatte und Tabak dazu. Die Männer lagen im wohligen Dämmerzustand umher und fanden diese ausdauernde Ruhe erwünschter als die kleinste Bewegung.

Die Ruhe hatte ein Ende, als die Marineinfanterie auf der Bergfläche erschien und in entwickelter Linie geradewegs auf die Haubitzkuppe marschierte. Da sprangen die Zehnerschaften auf und stürzten brüllend, jubelnd den Franzosen entgegen, die in ihren blitzblanken Uniformen einen blendenden Gegensatz zu den abgekämpften und verhungerten Lumpengestalten des Musa Dagh bildeten. Jetzt wurde den Kämpfern erst der ganze ungeheure Triumph ihres Unterfangens bewußt. Als sich nun auch die stattliche Offiziersgruppe dem Orte näherte, ging Gabriel langsam auf die Herren zu. Er tat dies in sehr gelassener Art, alles Soldatische wie aus Scham vermeidend. Sein Gewehr blieb liegen. Jetzt glich er einem Jäger oder Ausgrabungs-Ingenieur. Er lüftete den verbeulten Tropenhelm und stellte sich dem Konteradmiral vor. Der alte Herr betrachtete Gabriel ein paar Sekunden lang mit durchdringenden Augen, dann reichte er ihm die Hand:

»Sie waren der Kommandant?«

Gabriel wies sofort auf die Haubitzen, als sei es ihm ausnehmend wichtig, den Rettern zu zeigen, daß er nicht mit leeren Händen dastehe:

»Herr Admiral! Ich übergebe Ihnen und damit der französischen Nation diese beiden Geschütze, die wir den Türken abgenommen haben.«

Der Konteradmiral, der viel Sinn für Feierlichkeit besaß, nahm Stellung. Die Gestalten der übrigen Offiziere strafften sich:

»Ich danke Ihnen, Kommandant, im Namen der französischen Nation, die diese armenische Siegestrophäe in Verwahrung nimmt.«

Er reichte Bagradian noch einmal die Hand:

»Ist die Eroberung dieser Haubitzen Ihre persönliche Tat?«

»Sie ist die Tat meines jungen Sohnes, der getötet wurde.«

Diesem Bekenntnis folgte ein langes allgemeines Schweigen. Der Konteradmiral schnellte mit seinem Bambusstock einen Stein zur Seite. Dann wandte er sich an sein Gefolge:

»Gibt es eine Möglichkeit, die Geschütze den Berg hinab und an Bord zu bringen?«

Der befragte Fachmann zeigte ein bedenkliches Gesicht. Mit den notwendigen Behelfen sei dies unter größten Schwierigkeiten möglich, wenn man einen vollen Tag zur Verfügung habe. Nach einer knappen Überlegung entschied der Exzellenzherr:

»Man sorge dafür, daß die Haubitzen unbrauchbar gemacht werden. Am besten sprengen, aber vorsichtig, wenn ich bitten darf!«

Um so besser, dachte Gabriel, zwei Geschütze weniger auf der Welt. Und doch empfand er ein Leid dabei. Um Stephans willen. Der Admiral hielt einen Trost bereit:

 

»Sie haben der guten Sache einen großen Dienst erwiesen, Kommandant, auch wenn diese Haubitzen vernichtet werden.«

Mit diesen Worten war der Übergang vom Feierlichen zum Sachlichen gegeben. Der Konteradmiral verlangte eine Darstellung der Abwehrkämpfe des Verteidigungssystems. Während Gabriel Bagradian sein Werk in wenigen Worten umriß, erfüllte ihn tiefe Ungeduld. Diese sauber gewaschenen, wohlduftenden Herren in ihren tadellosen Monturen betrachteten die herzwürgende Wirklichkeit der vierzig Tage mit herablassendem Interesse wie ein von Dilettanten aufgeführtes Kriegsspiel. Die drei Schlachten? Die waren bei weitem nicht das Wichtigste gewesen. Was wußten diese geschniegelten Herrschaften vom armenischen Schicksal, was von der Zerstörung jedes einzelnen Lebens hier oben? Die Ungeduld verfärbte sich zum Ekel. Konnte er nicht einfach den Rücken kehren und davongehen? Er war nur mehr ein Privatmann und hatte jetzt für Juliette und für Iskuhi zu sorgen, damit sie gut untergebracht würden. Um Christi willen, nein, die Franzosen waren ja die wunderhaften Retter und hatten Anspruch auf unauslöschlichen Dank. Der Konteradmiral sprach in seiner Gründlichkeit zuletzt noch den Wunsch aus, den Hauptkriegsschauplatz des Nordsattels kennenzulernen. Mit gedämpfter Stimme hatte er seinen Herren den Auftrag gegeben, sich über all das Gehörte Aufzeichnungen zu machen. Ohne Zweifel plante er einen genauen Bericht an das Marineministerium. Die Rettung der sieben armenischen Gemeinden war schließlich nicht nur eine wichtige, sondern auch eine höchst dekorative Tatsache. Gabriel Bagradian blieb selbstverständlich nichts andres übrig, als dem Wunsche des Exzellenzherrn zu entsprechen. Er sandte Botschaft an Tschausch Nurhan Elleon. Zugleich machte sich unter Führung einiger Ordonnanzen ein Teil der Marineinfanterie mit einem Maschinengewehr auf den Weg, um für die Sicherheit des Flottenführers zu sorgen. Als eine halbe Stunde später Gabriel mit dem Stab auf der Sattelhöhe anlangte, hatte Tschausch Nurhan seine Zehnerschaften schon in leidlicher Ordnung vergattert, um die Franzosen soldatisch zu empfangen. Gabriel aber trat ungeachtet des Admirals auf den verwitterten Längerdienenden zu und umarmte ihn:

»Tschausch Nurhan! Nun ist alles zu Ende! Ich danke dir! Und ich danke jedem von euch!«

In diesem Augenblick verließen die bärtigen Armeniersöhne ihre schöne Ordnung und umdrängten Gabriel Bagradian. Mancher haschte nach seiner Hand, um sie zu küssen. In dieser Anhänglichkeit an den Kampfführer lag auch eine Spur von Mißtrauen und Ablehnung der glänzenden Gäste. Die Offiziere aber betrachteten diese unmilitärische, aber um so männlichere Szene mit verwunderter Ergriffenheit. Nachdem der Konteradmiral die Gräben und Felsbarrikaden kurz besichtigt hatte, hielt er es für seine Pflicht, Gabriel Bagradian und mit ihm die Kriegerschar durch eine Ansprache auszuzeichnen. Er tat dies mit gallischer Beredsamkeit, doch auch mit der herben Zurückhaltung seines Berufes und seines Glaubens:

»Kommandant«, begann er, »in unseren Tagen werden Heldentaten in allen Ländern und auf allen Meeren der Welt vollbracht. Doch es sind kampfgeübte Soldaten, die einander gegenüberstehn. Hier auf dem Musa Dagh trifft das nicht zu. Sie haben keine kampfgeübten Soldaten zur Verfügung gehabt, sondern nur einfache friedliche Bauern und Handwerker. Und dennoch hat unter Ihrer Führung dieses Häuflein schlechtbewaffneter Dorfbewohner sich nicht nur gegen einen tausendfach übermächtigen Feind tapfer geschlagen, sondern im verzweifelten Kampf um das nackte Leben siegreich behauptet. Diese Tat verdient, nicht vergessen zu werden. Sie war nur durch Gottes Hilfe möglich. Gott hat Ihnen geholfen, weil Sie nicht nur für sich selbst gekämpft haben, sondern für sein heiliges Kreuz. So haben Sie den höchsten Heroismus bewiesen, den es gibt, den christlichen Heroismus, der etwas Erhabeneres verteidigt als Haus und Herd. Die französische Nation dankt Ihnen durch meinen Mund und ist stolz darauf, Ihnen helfen zu können. Ich freue mich, Sie alle bis zum letzten Mann in Sicherheit bringen zu dürfen, und teile Ihnen mit, daß mein Geschwader Sie in einen ägyptischen Hafen führen wird, nach Port Said oder Alexandria ...«

Während Gabriel sich auf diese aufrichtig gefühlte Rede hin mit der gebotenen Dankbarkeit tief verbeugte und die kleine Hand der Exzellenz warm umfaßt hielt, ging es ihm durch den Kopf: Port Said, Alexandria, ich? Was habe ich dort zu schaffen? In einem Sammellager vielleicht? Warum ich? – In die frischen und harten Augen des alten Admirals aber trat jetzt ein sympathieerfüllter, fast väterlicher Zug:

»Monsieur Bagradian, ich lade Sie ein, während der Überfahrt auf der ›Jeanne d'Arc‹ mein Gast zu sein ...«

Er wartete den Dank nicht ab, sondern zog aus einem Ledersäckchen eine dicke spießbürgerliche Golduhr hervor, auf deren Zifferblatt er einen beunruhigten Blick warf:

»Und nun bitte ich um die Ehre, die Bekanntschaft von Madame Bagradian machen zu dürfen. Ich war seinerzeit mit ihrem Vater gut bekannt ...«

 

In der Nacht hatte Juliette den Eingang ihres Zeltes mit allen Riemen und Schnüren, die sich fanden, fest verschlossen. Für ihre kraftlosen Hände war das eine harte Arbeit gewesen, und sie konnte sich nachher kaum bis zu ihrem Bett schleppen. Nicht aus Angst vor einem neuen Raubüberfall hatte sie ihr Zelt so sorgfältig verschlossen. Seltsamerweise war der Einbruch, das Fratzengesicht des Langhaarigen, Satos Griff nach ihrer Decke an Juliettes Geist spurloser vorübergegangen als ein gleichgültiger Wachtraum. Sie sperrte sich ab, damit es nie wieder Licht werde, damit nie wieder ein Tag beginne, damit sie allein bleiben dürfe auf ihrem Lager, das geliebte kleine Spitzenkissen unterm Kopf, von dem sie sich nimmermehr erheben wollte. Sie hatte mit sich eine Art Einmauerung bei lebendigem Leibe vor. Und als es um ihr verpupptes Ich ganz schwarz und traulich ward, da fühlte sie sich fröstelnd wohl, da lebte sie nicht auf dem Musa Dagh, da hatte sie kein Kind verloren, und keine Türken drangen näher, um sie zu töten. Der Innenraum des Zeltes war in zauberhafter Weise der Innenraum von Juliettens Selbst, jenseits dessen es nur das unbestimmte Gerücht einer gefährlichen Außenwelt gab. Ihre Vernunft war noch lange nicht bei sich, während ihr Wesen in einem unvorstellbaren Maße bei sich war.

Gegen Morgen begann der kleine Gong am Zeltvorhang wild zu mahnen. Juliette rührte sich nicht. Auch als sie Awakians bittende, fordernde Stimme erkannte, gab sie keine Antwort. Dann dröhnten die Haubitzen, und der Schreckschuß des »Guichen« donnerte auf. Bei ihr aber war es noch immer Nacht, und sie kroch noch tiefer unter die Decke, damit sie nichts in ihrem Grabe störe. Die Angst um ihre dunkle Einmauerung war stärker als jeder Furchtinstinkt. Ihr krankes Gedächtnis vergaß sofort die drohenden Donnerschläge. Sie spann sich immer tiefer ein, damit sie die Stimmen nicht höre. Diese aber drängten unablässig. Und nun wogten auch die Zeltwände, an denen wild gerüttelt wurde. Waren die Türken da? Zu Awakians gesellte sich Kristaphors Stimme:

»Madame, bitte aufmachen! Sofort aufmachen, Madame!«

Immer erregter wallten die Zeltblätter. Juliette hob nicht einmal den Kopf. Nun erkannte sie auch Mairik Antaram: »Gib doch Antwort, Seelchen, um Christi willen! Ein großes, großes Glück ist gekommen ...«

Juliette drehte sich zur Seite. Was nennen diese Armenier Glück? Mag sich Gabriel selbst herbemühn, ich bleibe bei mir, ich lasse mich nicht weglocken. Wer ist übrigens Gabriel Bagradian? Heiße ich etwa auch Bagradian? Juliette Bagradian? Endlich zerschnitt draußen jemand die Schnüre und öffnete hastig ihre schwanke Gruft. Sie aber drehte den Eintretenden den Rücken zu, um zu beweisen, daß sie allein in ihrer eignen Welt war, wenn sie es nur wollte. Awakian und Antaram Altouni berichteten mit fremden, hochgeschraubten Stimmen irgend etwas von einem französischen Kriegsschiff namens »Guichen«. Juliette spielte die Benommene, hörte dabei aber scharf hin und stellte sofort mit dem Mißtrauen aller Verstörten fest: eine Falle! Hatte sie Doktor Altouni nicht schon gestern abend zwingen wollen, dieses geliebte Zelt, ihren allereigensten Raum, zu verlassen, um bei den anderen zu wohnen, diesen schmutzigen Tieren, vor denen sie erschauderte und die sie haßten? Gewiß, diese plumpe List war von Gabriel und Iskuhi gemeinsam ausgeheckt worden. Das Französische sollte sie verlocken, damit sie ihnen dann völlig und ohne Zuflucht ausgeliefert sei. Aber so leicht ließ sich Juliette nicht übervorteilen. Und aus diesem engelsguten Futteral, in dem sie keine Wahrheit wissen mußte, nein, aus diesem süßen Futteral würden sie ihre Feinde nicht herausreißen. Juliette ließ Awakian, Antaram und Kristaphor bitten und betteln und war wieder einmal nicht bei Besinnung. Als sich alle Versuche als vergeblich erwiesen, winkte die alte Frau:

»Laßt sie! Wir haben noch Zeit genug.« Awakian und Kristaphor aber schleppten die mißhandelten Gepäckstücke treulich vors Zelt und begannen, alles, was nicht geraubt, zerfetzt und zerschlagen war, eilig einzuräumen. Mitten in der Arbeit aber wurden sie von Gabriel berufen.

Und es geschah noch im Laufe des frühen Vormittags, daß der Zeltvorhang wiederum zurückgeschlagen wurde und daß, von Mairik Antaram geführt, zwei Männer eintraten. Dies aber waren zwei junge Burschen in blauen Uniformen mit blanken Knöpfen und Rote-Kreuz-Binden um den linken Arm. Juliette, die starr auf dem Rücken lag, sah zwei milchhelle Gesichter mit frischen, lustigen Augen. Ein süßer Schreck vor dem Unsagbar-Verwandten durchfuhr sie. Der kleinere dieser jungen Männer salutierte stramm, und seine Bruderstimme ertönte in den Lauten der verlorenen Welt:

»Bitte die Störung zu entschuldigen, Madame! Wir sind die Sanitätsgehilfen vom ›Guichen‹. Der Herr Chefarzt hat befohlen, auch Madame hinunterzutragen. Wir kommen später wieder. Madame wird dann die Güte haben und fertig sein.«

Der Kleine straffte sich hoch und fuhr mit der Hand an die Matrosenmütze, während der andre mit schwerem, verlegnem Schritt tiefer ins Zelt trat und eine Thermosflasche, ein Gefäß mit Butter auf den Spiegeltisch stellte und dazu zwei Wecken feinen Weißbrotes legte:

»Auf Befehl des Herrn Chefarztes, Tee, Brot und Butter für Madame, vorläufig ...«

Er verkündete dies im Tone einer militärischen Meldung, indem er die Hacken zusammenschlug und sein stupsnäsiges Kinderprofil dem Bette zuwandte, ohne die Frau anzusehn. Eine rührende Haltung täppischer Verlegenheit. Juliette aber ließ einen wimmernden Seufzer vernehmen, worauf die beiden Sanitäter in dem Gefühl, der Kranken zur Last zu fallen, auf behutsam ungeschlachten Zehenspitzen das Zelt verließen. Sie folgten Mairik Antaram zum Lazarettschuppen, den das Feuer verschont hatte. Dort war schon das gesamte Sanitätspersonal des Panzerkreuzers versammelt, um die Verwundeten und Kranken an die Küste zu schaffen. Juliette streckte den beiden Landsleuten sehnsüchtig die Arme nach, dann aber warf sie die Decke ab und setzte sich auf den Bettrand. Die Verpuppung war endgültig durchbrochen. Mit beiden Händen das Gesicht bedeckend, fühlte sie ihr wirr zerzaustes Haar. Entsetzt flüsterte sie vor sich hin:

»Franzosen, Franzosen! Wie sehe ich aus! Franzosen!«

Plötzlich aber war's, als schieße in dem ausgetrockneten Körper eine Feuersäule der alten Energie auf. Sie setzte sich ans Spiegeltischchen. Ihre steifgewordenen, unsicheren Finger warfen alles durcheinander, was sich noch an Schönheitsmitteln fand. Sie kleckste Rouge auf ihre Wangen, ohne die Schminke zu verwischen, wodurch ihr Gesicht noch krankhafter und welker aussah. Dann bearbeitete sie ihren Kopf mit Kamm und Bürste, immer wieder »Wie sehe ich aus?« vor sich hin flüsternd. Ihren schwachen Kräften jedoch gelang es nicht, das widerspenstige Haar zu bändigen. Da legte sie ihren Kopf auf die Arme und begann fassungslos zu schluchzen. Wie immer tat ihr das Erbarmen mit sich selbst so streichelnd wohl, daß sie dann die Haare überhaupt vergaß und offen herabhängen ließ. Ein neuer scharfer Schreck. Franzosen, Franzosen! Was soll ich anziehn? Sie begann ihre Sachen zu suchen, den Schrankkoffer, das andre Gepäck. Nichts! Der Raum war leer. Juliette jagte gehetzt die wenigen Schritte durch das Geviert um und um. Es war wiederum jene Traumangst, barfuß und im Nachtgewand in einer glänzenden Gesellschaft erscheinen zu müssen. Nach langem vergeblichem Suchen wagte sich Juliette endlich vors Zelt. Der goldklare Septembertag warf sie beinahe zurück. Im nächsten Augenblick aber kniete sie vor dem Schrankkoffer. Wer hatte ihr diese Gemeinheit angetan? Iskuhi? Alles herausgerissen, durcheinandergeknüllt, zerfetzt. Kein einziges Kleid in Ordnung, von diesen verschollenen vorjährigen Lumpen. Sie hatte nichts, gar nichts zum Anziehn, und sie mußte doch schön sein, denn die Franzosen waren da. Mairik Antaram fand Juliette auf der Erde sitzen, mitten unter den Häuflein von Hemden, Strümpfen, Kleidern und Schuhen, welche die Räuber verschon hatten. Sie konnte sich vor Erschöpfung nicht mehr rühren, jammerte aber hartnäckig:

»Die Franzosen sind da, die Franzosen sind da ... Was soll ich anziehn ...«

Mairik Antaram starrte die Kranke an, als traue sie ihren Ohren nicht. War es möglich, daß diese Frau, die nach ihrer Wiederkehr ins Leben noch kaum ein Wort gesprochen hatte und sich mit allen Kräften gegen das furchtbare Wissen wehrte, jetzt an Kleider denken konnte? Langsam aber begriff Antaram, was in Juliette vorging. Keine Eitelkeit. Ihre Brüder kamen ja. Sie schämte sich, sie wollte ihrer Brüder würdig sein. Frau Altouni kniete neben Juliette nieder und begann nun auch, in dem bunten Haufen zu wühlen. Was immer sie aber hervorzog, erregte den Zorn Juliettens. Nach langer Zeit, innerhalb welcher die Kranke auf diese sonderbare Art mit ihrem Schicksal getrotzt und Mairik Antaram himmlische Geduld bewiesen hatte, fand doch irgendein Gewand Gnade. Ein steifes und festliches freilich mit einem spitzenbesetzten Halsausschnitt. Während die alte Frau, die in solchen Künsten wahrlich kein Geschick besaß, der fast Bewegungslosen mit größter Mühe dieses Kleid anlegen half, stöhnte Juliette:

»Es ist nicht passend ...«

Welches Kleid aber wäre passend gewesen, die brüderlichen Retter zu empfangen, die ein zerbrochenes Leben doch nicht erretten konnten?

Gabriel war dem Konteradmiral vorausgeeilt, um seine Frau auf den Besuch vorzubereiten. Bei seinem Eintritt saß Juliette auf dem Bettrand. Mairik Antaram hielt eine Tasse in der Hand und versuchte der Widerspenstigen den Tee aufzuzwingen wie einem ungezogenen Kind:

»Willst du für die Franzosen schön sein, so mußt du dich stärken, sonst nützen dir all deine Kleider nichts ...«

Juliette erhob sich förmlich, als sei ein Unbekannter eingetreten, dem sie folgen müsse. Mit einem Blick auf die beiden Menschen verließ Mairik Antaram das Zelt. Eines der Brote nahm sie mit, denn sie selbst war ja dem Hungertode nah. Gabriel sah mit grellem Bewußtsein sein altes Leben und die Unüberbrückbarkeit zwischen sich und ihm. Dieses alte Leben trug ein schweres Taftkleid, das bei jeder Bewegung die Vergangenheit rauschen ließ. Die Wangen aber und die Glieder des alten Lebens hatten Farbe und Fülle verloren, die Gestalt konnte kaum frei stehn und weckte Erbarmen. Gabriels Kehle verengte sich. Wie nahe noch war ihm Juliette während ihrer Krankheit gewesen. Jetzt erst, da er sie in der feierlichen Seide vor sich sah, ermaß er ganz den Abgrund der vierzig Tage. Er mußte sich bei seinen Worten sehr zusammennehmen:

»Jetzt bist du wieder wie früher, chérie, gottlob ...«

Er fragte sie, ob sie schon Kraft genug habe, dem Konteradmiral des französischen Geschwaders ein paar Schritte entgegenzugehn. Hier in dem dunklen Krankenzelt wolle sie ihn gewiß nicht empfangen. Juliette blickte sich in dem Gehäuse um, das sie noch vor einigen Stunden zu ihrem Grabe bestimmt hatte. Dann machte sie eine leichte und doch sehnsüchtige Bewegung gegen ihr kleines Kopfkissen hin. Gabriel nahm ihren Arm:

»Am Abend wirst du all deine Sachen bei dir haben, Juliette. Nichts wird vergessen werden ...«

Trotz dieser Beruhigung aber drehte sich Juliette im Zelteingang noch einmal nach der Dunkelheit um, wie Eurydike nach dem Hades.

Der Konteradmiral kam, nur von seinem Adjutanten und einem jungen Offizier begleitet. Man hatte ihn davor gewarnt, sich der Rekonvaleszentin allzusehr zu nähern. Die Fieberkrankheit auf dem Musa Dagh schien von höchst verdächtiger Art zu sein. Der Flottenchef aber war ein mutiger Mann, bei dem Warnungen zumeist das Gegenteil bewirkten. Er ging mit seinem straffen Schritt, der Jugendlichkeit übertrieb, auf Juliette zu und küßte ihr die Hand:

»Auch Sie, Madame, haben als Französin, als Fremde, einen hohen Anteil an den Leiden und Taten auf diesem Berg. Erlauben Sie mir, daß ich Sie zu dem guten Ausgang beglückwünsche.«

Über Juliettens verfallenes Gesicht zog ein schmachtender Schatten:

»Und Frankreich, mein Herr ...«

»Frankreich geht durch eine fürchterliche Zeit und muß auf die göttliche Gnade hoffen ...«

Juliettens Zustand schien den alten Herrn sehr zu bewegen. Er nahm ihre verschrumpfte Hand zwischen seine Hände:

»Wissen Sie, mein Kind, daß ich Sie hier wahrscheinlich nicht zum erstenmal im Leben sehe ... Damals müssen Sie freilich noch ein sehr kleines Geschöpf gewesen sein, als ich einen ganzen Tag bei Ihren jungverheirateten Eltern verbrachte ... Wenn ich mit Ihrem Herrn Vater auch nicht gerade eng befreundet war, so gehörten wir in unsrer Jugend doch ungefähr demselben Kreise an ...«

Juliette schluchzte kurz auf, doch es kam nicht zum Weinen, sondern nur zu einem seltsam abgerissenen Geplapper:

»... Natürlich ... Das Haus wurde nach Papas Tod verkauft ... Aber Mama ... Mama wohnt jetzt ... Ach, ich habe die Straße vergessen ... Sie wissen nichts von ihr, mein Herr ... Aber meinen Schwager werden Sie wohl kennen ... Ich meine den aus dem Marineministerium ... Ein hoher Beamter ... Wie heißt er nur ... Mein Kopf ... Coulomb, selbstverständlich, Jacques Coulomb ... Sie kennen ihn ... Ich sehe meine Schwestern nur selten ... Aber wenn ich wieder in Paris bin, da werde ich alle meine Freunde und Freundinnen sehn, nicht wahr? ... Sie bringen mich doch nach Paris ...«

Juliette taumelte. Der Admiral hielt sie fest. Gabriel lief ins Zelt und brachte einen Stuhl. Nun saß die Kranke. Trotz ihrer Schwäche aber ließ die Geschwätzigkeit nicht von ihr ab. Wahrscheinlich fühlte sie die Verpflichtung, Konversation zu machen. Ihr Geplapper wurde immer steifer, papageienhafter. Sie nannte immer wieder neue Namen, gemeinsame Bekannte, wie sie wähnte. Ihre Rede sprang zusammenhanglos und flüchtig von einem zum andern. Der Konteradmiral fühlte sich sichtbar unbehaglich. Endlich rief er den jungen Offizier herbei:

»Sie werden für alles sorgen, mein Freund, und Madame begleiten ... Die ›Jeanne d'Arc‹ ist ein Kriegsschiff, und Bequemlichkeiten findet man auf einem Kriegsschiff nicht. Wir wollen aber alles versuchen, um Ihnen die Reise angenehm zu machen, liebes Kind ...«

Auch nachdem der Konteradmiral, von Gabriel ein Stück geleitet, schon gegangen war, hielt Juliettens papageienhafte Geschwätzigkeit unvermindert an. Der junge Offizier, den der Chef gleichsam als Schutz- und Ehrenkavalier zurückgelassen hatte, sah beklommen auf die farblosen Lippen der armen Frau, die unablässig Fragen hervorsprudelten, die er nicht beantworten konnte. Dabei schien im Innern dieser Kranken etwas Schreckliches vorzugehn, denn sie atmete kurz, und die Schlagader an ihrem Halse jagte sichtbar. Auch wurden die Schatten unter ihren Augen immer tiefer. Der Offizier war froh, als Bagradian zurückkehrte und ein wenig später die Sanitätsmatrosen mit der Tragbahre kamen. Juliette sträubte sich zuerst:

»Da lege ich mich nicht hin ... Das ist ja eine Schande ... Ich werde lieber gehen ...«

Gabriel streichelte ihre Hand: »Das kannst du nicht, Juliette. Sei vernünftig und streck dich aus! Glaub mir, auch ich würde mich am liebsten hinuntertragen lassen.«

Die beiden Milchgesichter lachten fröhlich aufmunternd.

»Unbesorgt, Madame, wir tragen Sie vorsichtig wie Glas. Sie werden gar nichts spüren.«

Juliette ergab sich und wurde, als sie auf der Tragbahre lag, wieder ganz still. Gabriel aber brachte eine Decke, schob ihr das geliebte Kissen unter den Kopf und übergab ihr Handtäschchen dem Offizier. Dann fuhr er seiner Frau noch einmal übers Haar: »Sei ruhig ... Es wird nichts Wichtiges zurückbleiben ...«

Jäh unterbrach er sich. Der Offizier warf ihm einen fragenden Blick zu. Gabriel nickte. Die Träger nahmen die Bahre auf und gingen die ersten Schritte. Sato wartete erregt abseits, um die Führerin dieses Transports zu machen.

»Ich werde euch schnell eingeholt haben«, rief Bagradian seiner Frau nach. Juliette aber machte eine so heftige Bewegung, daß die Träger innehielten und die Bahre auf die Erde stellten. Ein zerfetztes Wahnsinnsgesicht wandte sich Gabriel zu, und eine Stimme, die er noch niemals gehört hatte, gellte:

»Hörst du? ... Stephan ... Kümmre dich um Stephan!!«

 

Auch in der Erlösung war das Maß des Leidens noch nicht voll. Aus dem Tomasianszelte rief es:

»Gabriel Bagradian, so kommen Sie doch!«

Gabriel hatte Iskuhi bei ihrem verwundeten Bruder vermutet. Sie ließ sich nicht blicken. Er trat in Arams Zelt. Alles Gewesene war ja widersinnig gleichgültig geworden. Er fand den Pastor in fiebernder Erregung:

»Wo ist Iskuhi, Gabriel Bagradian, um Jesu willen, wo haben Sie Iskuhi gelassen?«

»Iskuhi? Sie war nach Mitternacht eine Weile bei mir auf der Geschützkuppe. Dann habe ich sie gebeten, zu meiner Frau zu gehn ...«

»Das ist es ja«, schrie der Pastor. »Noch am Morgen war ich fest überzeugt, daß sie bei Ihnen in der Linie ist ... Sie ist nicht zurückgekommen, sie ist verschwunden ... Ich habe Leute ausgesandt ... Seit Stunden sucht man sie schon ... Die französischen Sanitätsmatrosen wollten mich längst hinunterschaffen ... Aber ich verlasse den Berg nicht ohne Iskuhi ... Wenn ihr etwas geschehn ist ... Ich verlasse den Berg nicht ...«

Er klammerte sich an Gabriels Arm fest und stemmte sich trotz seiner Wunde empor:

»Ich bin der Schuldige, Bagradian ... Das kann ich Ihnen jetzt erklären ... Aber ich bin der Schuldige ... Wenn mich Gott in meinem Kind und in meiner Schwester persönlich straft, nachdem er uns allen die Gnade gesandt hat, so ist das nur gerecht ... Auch meine Frau war nur ein Werkzeug der Prüfung ...«

»Und wo ist Ihre Frau?« fragte Gabriel sehr ruhig.

»Sie ist hinuntergelaufen. Mit dem Kind. Man hat ihr gesagt, daß es unten Milch gibt. Da war sie nicht zu halten ...«

Die Erregung übermannte den Verwundeten. Er versuchte aufzustehn, fiel aber gleich wieder zurück.

»Verflucht, ich kann nichts tun, ich kann mich nicht rühren ... Tun Sie etwas, Bagradian. Auch Sie haben Schuld an Iskuhi ... Auch Sie ...«

»Warten Sie, Pastor ... Ich gehe ...«

Gabriel sagte das mit schleppendem Ton. Dann bewegte er sich fort, über den Dreizeltplatz und noch ein Stück hinaus. Er kam aber nicht weit, sondern setzte sich irgendwo nieder und starrte ins Blaue. Durch seinen matten Sinn zog immer derselbe Gedanke: Dies also ist die Rettung! Er versuchte, das Nachtgespräch mit Iskuhi sich ins Gedächtnis zu rufen. Er hatte aber keine Einzelheit, sondern nur einen gespenstischen Hauch von Resignation in sich zurückbehalten. Sie war gekommen, um ihn an das Versprechen zu erinnern, um bei ihm zu sein in der letzten Entscheidung. Er aber hatte sie von sich gewiesen, fortgeschickt, zu Juliette. Das war doch selbstverständlich; wenn er sich jetzt prüfte, hatte er selbst nach dem gestrigen Unglück noch den Glauben an die Rettung nicht verloren gehabt. Iskuhi sollte in Sicherheit sein. War das nicht sein Gedanke gewesen? Iskuhi aber wollte etwas, was er ihr nicht geben konnte, einen entschlossenen seligen Glauben an den Untergang. In diesem Glaubensmut hatte er sie enttäuschen müssen. Wo war Iskuhi nun? Gabriel hätte nicht sagen können warum, aber seine Seele war von der Überzeugung erfüllt, daß Iskuhi nicht mehr lebte, daß Iskuhi in der Nacht noch den Tod gesucht hatte, daß Iskuhi vom Damlajik verschwunden war und alle Nachforschungen keinen Erfolg haben würden. Dennoch erhob er sich jetzt aus seiner erstarrten Hoffnungslosigkeit, um alle notwendigen Anordnungen zu treffen.

Gabriel Bagradian war im Irrtum. Iskuhi lebte. Während er seine Pfeife an die Lippen setzte, um irgendwelche Helfer herbeizurufen, hatte sie Kework, der Tänzer, schon gefunden. Spät genug! Dies war nur damit zu erklären, daß Iskuhi in der Nacht den ausgetretenen Pfad verloren hatte und in eine kleine Schlucht, oder besser in eine leichte, wildbewachsene Grube gestürzt war. Diese Grube lag freilich abseits von den gewohnten Wegen, in dem zerklüfteten Gelände, das zur Schüsselterrasse führt. Was sie zwischen Mitternacht und Morgen in dieser unseligen Gegend gesucht hatte, darauf erhielt niemand eine Antwort. Bis auf ein paar Kratzer an Armen und Beinen war dem Mädchen nichts geschehen. Keine Wunde, kein Knochenbruch, keine Erschütterung, ja nicht einmal eine Sehnenzerrung. Und doch, der Sturz in der Finsternis hatte den tödlichen Schwächezustand Iskuhis, gegen den sie sich so viele Tage schon wehrte und den sie doch selbst förderte, endlich zum Durchbruch gebracht. Als sie Kework auf seinen, ganz andre Lasten gewohnten, Armen herbeitrug, war sie bei voller Besinnung, hatte riesige, fast heitere Augen, konnte aber nicht sprechen. Zum Glück befand sich bei den Sanitätssoldaten, die noch die letzten Kranken zu transportieren hatten, ein junger Hilfsarzt vom »Guichen«. Er verabreichte Iskuhi ein starkes Herzmittel, bestand aber darauf, daß die Entkräftete so schnell wie möglich an Bord gebracht werde, um das Schlimmste abzuwenden. Ohne Verzug und ohne viel Worte wurden Pastor Tomasian und Iskuhi auf die Tragbahren geschnallt. Gabriel hatte kaum Zeit, Kristaphor den Auftrag zu geben, alle drei Zelte, sobald das Gepäck fortgeschafft sei, mit ihrem ganzen Inhalt sofort niederzubrennen.

Gabriel hielt sich dicht an Iskuhi, sooft dies nur möglich war. Der enge Steig freilich bot kaum Platz für einen Mann, und an jenen Stellen, wo die nackten Felswände sich rechter Hand öffneten, hatten die Träger alle Mühe, mit ihren Lasten heil vorüberzukommen. Voran schwankte die Bahre mit dem verwundeten Pastor. Dann folgte Iskuhi, in deren Nähe auch der Hilfsarzt ging. Damit aber war der Zug nicht abgeschlossen, da hinten noch drei Beinverletzte der Schlacht vom dreiundzwanzigsten August und eine Wöchnerin getragen wurden, überdies lief ein Schwarm von Nachzüglern mit, Krieger aus den Zehnerschaften, die im Brandschutt ihrer Familienhütten nach verschonten Habseligkeiten gescharrt hatten. Die Träger hielten drei- oder viermal auf breiten Bergstufen Rast. Dann neigte sich Gabriel zu Iskuhi hinab. Doch auch er konnte kaum sprechen. Denn zwei Schritte voraus lag Aram Tomasian. Und der Arzt kam jeden Augenblick, um dem Mädchen einen Schluck Milch einzuflößen und den Puls zu fühlen. Gabriel sprach mit leiser Stimme halbe Sätze: »Wohin wolltest du, Iskuhi ... Was hast du vorgehabt ... Dort ...«

Ihre Augen antworteten:

»Warum fragst du mich, was ich nicht weiß ... Es war ein Schweben ... Wir haben nur wenig Zeit mehr, weniger als in der Nacht ...«

Er kniete neben sie hin und schob die Hand unter ihren Kopf, als wollte er sie damit zum Sprechen bringen. Dabei waren seine eigenen Worte kaum vernehmbar:

»Hast du Schmerzen?«

Ihre Augen verstanden sofort und erwiderten:

»Nein! Ich spüre meinen Körper gar nicht. Aber ich leide sehr, daß es so gekommen ist, wie es kam. Wäre es ohne diese Schiffe nicht besser gewesen? Nun ist irgendein Ende da, aber nicht unsres, Gabriel ...«

Gabriels Augen verstanden weder so gut zu sprechen noch auch so gut zu lesen wie die Iskuhis. Darum sagte er auch etwas ganz Falsches:

»Es ist nur ein kleiner Kollaps, Iskuhi ... Der Hunger ...« Und zum Hilfsarzt gewandt, fuhr er französisch fort:

»Der Doktor meint dasselbe. In drei Tagen, wenn wir in Port Said ankommen, wirst du völlig erholt sein ... Du bist ja noch so jung, so jung, Iskuhi ...«

Ihre Augen verfinsterten sich und entgegneten streng:

»Solche banalen Worte solltest du in dieser Minute gar nicht sprechen, Gabriel. Ob ich leben oder sterben werde, ist mir ganz gleichgültig. Du irrst dich, wenn du meinst, daß ich mich nach dem Tode sehne. Vielleicht werde ich leben. Aber weißt du nicht, daß alles anders sein wird, wenn uns die Schiffe aufgenommen haben, auch du und ich. Nur solange wir noch die Erde des Musa Dagh unter uns haben, gehören wir einander, du als meine Liebe und ich als deine Schwester.«

Nicht alles, aber manches schien Gabriel verstanden zu haben. Wie eine Spiegelung ihrer Augenworte drang es leise aus ihm:

»Ja, wo werden wir sein ... ich und du ... Schwester?«

Ihr Mund öffnete sich zum erstenmal, zwei leidenschaftliche Silben zu bilden, die allem Früheren widersprachen:

»Bei dir ...«

Die Tragbahren wurden aufgenommen und der unbeschwerliche Rest des Weges fortgesetzt. Schon schlug Stimmengewirr empor. Unten an der Küste herrschte auf den engen Felsplatten ein lebensgefährliches Gedränge, das durch eine Anzahl von Matrosen noch gesteigert wurde, die sich unter irgendeinem Vorwand die Erlaubnis erbeten hatten, an Land zu gehn. Auch war die Einschiffung schon im Gang, die sich unter hundert Verwirrungen und mit wildem Geschrei entwickelte. Gabriel Bagradian wurde von allen Seiten mit Bitten, Wünschen, Forderungen, Fragen bestürmt. Die Volksgenossen brachten das Wunder der Rettung ohne einen vernünftigen Grund mit ihm in geheimnisvolle Verbindung. Er war ja, als ein Verwandter des mächtigen Frankreich, der gottgesandte Mann, seinen Landsleuten vom Musa Dagh auch draußen im Exil weiterzuhelfen. Insbesondere seine Gegner im Führerrat, die Schulzen, Thomas Kebussjan und die Muchtarin mit den raschen Mausaugen allen andern voran, konnten sich jetzt in kriecherischen Anbiederungen nicht genugtun. Er mußte sich durch eine Flut erregter Protektionsbitten durchkämpfen. Als er dann zu der Landungsstelle kam, war das Boot mit Aram und Iskuhi schon abgestoßen, denn auf Befehl des leitenden Offiziers gingen die Krankentransporte allen anderen vor. Auch Juliette war längst schon mit dem Motorboot des Konteradmirals an Bord der »Jeanne d'Arc« befördert worden. Die Sonne lag in unerträglich grellen Scherben und Splittern auf dem Meere. Viele Boote hielten den Kurs auf die Kriegsschiffe zu, andre bewegten sich gegen die Küste. Iskuhi lag unsichtbar in dem ihren. Gabriel konnte nur die starre Figur Howsannahs erkennen, die das armselige Bündel mit dem Erstgeborenen des Musa Dagh regungslos im Arm hielt.

 

Die Einschiffung ging überaus langsam vor sich. Es gab viele Schwierigkeiten zu überwinden. Man hätte zwar die größere Hälfte der Dorfgemeinden recht gut auf dem Transportdampfer unterbringen können, dieser bequemen Lösung der Raumfrage aber widersetzten sich die Ärzte. Bei dichter Zusammenpferchung von Tausenden, in der Nähe der Kranken zumal, wäre das Schlimmste zu befürchten gewesen. Man mußte im Gegenteil so verfahren, daß auf jenem Transportschiff nur die Kranken, die Erschöpften, die Verdächtigen, die Verwahrlosten beherbergt und damit von den Besatzungen und dem gesunden Volksteil geschieden wurden. Der leidige Dampfer bildete somit im Hinblick auf die Kreuzer oder gar auf die gewaltige »Jeanne d'Arc« einen Ort des Elends, des Abfalls, des Kehrichts. Eine Kommission, aus Offizieren und Ärzten zusammengesetzt, unterwarf jeden einzelnen Armenier einer Gesundheits- und Ungezieferprüfung, ehe man ihm seine Einteilung zuwies. Man ging dabei sehr streng vor. Wer nur den geringsten Zweifel erregte, wurde auf das Transportschiff verbannt. Von den Führern des Musa Dagh befand sich bei dieser Musterungskommission einzig und allein Ter Haigasun. Die Kräfte Bedros Hekims waren im Laufe der Stunden immer bedenklicher verfallen. Der Chefarzt hatte ihn schon vor längerer Zeit auf den »Guichen« bringen lassen. Auch Lehrer Hapeth Schatakhian trieb sich bereits an Bord dieses Kreuzers umher, in den ungewohnten Wonnen westlicher Zivilisation schwelgend. Die Muchtars wiederum schienen ihr Schulzenamt als beendet anzusehn und sich nur mehr als Familienväter zu fühlen, ebenso die verehelichten Dorfpriester und der Rest der Lehrer. Sie kümmerten sich jedenfalls um nichts. So oblag es Ter Haigasun allein, die Interessen des Volkes wahrzunehmen, das heißt bei den Offizieren und Ärzten dahin zu wirken, daß die Familien nicht unnötig auseinandergerissen würden und daß auch der Transportdampfer die richtigen Insassen erhielt. Gabriel Bagradian trat zu der Musterungskommission, die in der Nähe der Landungsbrücke amtierte. Er legte die Hände auf Ter Haigasuns Schultern. Dieser kehrte ihm sein Gesicht zu, das wieder wächsern ruhig war wie immer. Nur der versengte Bart und das Brandmal sprachen von den letzten Ereignissen auf dem Damlajik. Er ließ seinen scheuen und doch festen Blick in Gabriels Blick weilen, was in all dieser Zeit nur ganz selten geschehen war.

»Gut, daß ich Sie sehe, Gabriel Bagradian ... Ich habe eine Frage an Sie ...«

Ter Haigasun sprach leise, obgleich die Franzosen sein armenisches Wort auf keinen Fall verstanden hätten:

»Die beiden Ärgsten sind ja verschwunden, Oskanian und Kilikian meine ich, und einige andre noch ...«

»Kilikian ist tot«, sagte Gabriel und empfand nicht das geringste dabei. In Ter Haigasuns Augen zuckte es kurz, als habe er begriffen. Dann wies er auf eine Felsplatte, wo sich ein Haufen armenischer Männer drängte:

»Meine Frage an Sie ... Haben die Schurken ein Recht, gerettet zu werden? ... Müßte ich sie nicht zurückjagen ...?«

Gabriel überlegte seine Antwort keinen Augenblick:

»Hatten wir ein Recht, gerettet zu werden? ... Und sind wir die Retter? ... Jedenfalls haben wir als Gerettete kein Recht, irgendwen von der Rettung auszuschließen.«

Ter Haigasun lächelte leicht:

»Gut ... Ich wollte mich nur vergewissern ...«

Der Priester bot nicht mehr den beklagenswerten Anblick von heute morgen. Einer der Schiffsgeistlichen hatte ihm einen Rock geliehen. Sein altes Bedürfnis, die Hände in der Kutte zu verbergen, zwang ihn nun, mit einer ungewohnten Bewegung in die Rocktaschen zu fahren:

»Es freut mich, Gabriel Bagradian, daß wir auch jetzt noch derselben Ansicht sind, wie wir es immer waren ...«

Und das erstemal trat in sein Lächeln ein Ausdruck, der beinahe verschämter Zärtlichkeit glich. Gabriel sah der Musterung eine lange Zeit zu. Da er aber völlig geistesabwesend war, sah er nur ein leeres Hin und Her. Ter Haigasun verwunderte sich nach einer Weile:

»Sie sind noch immer hier, Bagradian? Das Motorboot der ›Jeanne d'Arc‹ kommt eben zurück ... Sehn Sie! ... Sie müssen mir hier nicht helfen. Ihre Pflicht ist getan und gesegnet. Die meine noch nicht. Gehn Sie mit Gott und ruhen Sie sich aus. Ich werde auf dem ›Guichen‹ sein ...«

Irgendein innerer Widerstand verhinderte Gabriel, sich endgültig zu verabschieden: »Vielleicht sehe ich mich hier noch einmal nach Ihnen um, Ter Haigasun ...«

Er drängte sich wieder durch die Wartenden und ging ohne Ziel ein paar Schritte auf den Bergpfad zu. Awakian kam ihm entgegen. Hinter diesem schleppten Kristaphor, Missak, Kework das Gepäck des Hauses Bagradian. Der Getreue hatte alles gerettet, was sich mit Menschenkräften über den Steilpfad hinabtragen ließ. Nur die Bettstellen und der Hausrat waren in den Zelten zum Tode verurteilt worden. Gabriel lachte:

»Hallo, Awakian ... Warum diese Mühe? Das sieht ja aus, als gingen wir auf eine üppige Vergnügungsreise nach Ägypten ...«

Der Student sah seinen Patron hinter der vernickelten Brille strafend an, mit der Miene eines armen Mannes, der den Wert der Dinge besser zu beurteilen weiß als ein ahnungsloser Reicher. Gabriel nahm ihn unterm Arm und hielt ihn fest:

»Ich brauche noch einmal Ihre Hilfe, Awakian, mein Freund ... Die ganze Zeit denke ich darüber nach, wie sich das machen läßt ... Mein Ruhebedürfnis ist grenzenlos. Doch gerade Ruhe werde ich in den nächsten Tagen nicht finden. Der Konteradmiral hat mich eingeladen, an seiner Tafel zu speisen. Ich werde also mit einer Menge von gleichgültigen Leuten stundenlang reden müssen, erzählen, prahlen oder bescheiden tun, alles gleich peinlich. Eine neue Gefangenschaft jedenfalls. Ich will das nicht. Verstehn Sie, Awakian? Ich will das nicht! Ich will diese drei Tage wenigstens allein sein, ganz und gar allein! Und deshalb werde ich nicht an Bord der ›Jeanne d'Arc‹ gehn, sondern auf den Transportdampfer. Dort gibt es nur wenige Offiziere. Man wird mir wohl eine eigene Koje zuweisen und ich werde Ruhe haben ...«

Samuel Awakian machte ein ziemlich entsetztes Gesicht:

»Das Transportschiff, Effendi, das kommt ganz gewiß in Quarantäne.«

»Die Quarantäne schreckt mich nicht ...«

»Es kann aber eine Gefangenschaft werden, die länger als vierzig Tage dauert ...«

»Wenn ich es will, wird man mich freilassen ...«

Awakian suchte nach stichhaltigen Einwänden:

»Sie beleidigen damit den Konteradmiral, der schließlich unser Engel war.«

»Das ist es ja ... Und da müssen Sie mir eben helfen, Awakian! Sie lassen sich sofort in meinem Namen melden und entschuldigen mich mit irgendeinem einleuchtenden Grund. Sagen Sie, das Transportschiff sei mit unseren unsichersten Leuten besetzt, die keine Aufsicht haben. In der kurzen Zeit hätte man die Geschichte nicht organisieren können. Jemand aber müsse doch die Ordnung gerade unter diesen Leuten garantieren. Da habe ich es übernommen ...«

Awakian sah recht wenig überzeugt drein. Aber Gabriel blieb fest:

»Dieser Grund ist wirklich glaubwürdig. Sie können ruhig sein. Ein alter Soldat und Seemann hat für solche Skrupel jedes Verständnis. Es wird ihm weiter nicht auffallen, glauben Sie mir ... Nun also, machen Sie es gut, Awakian ...«

Der Student zögerte noch:

»Dann werden wir uns jetzt ein paar Tage nicht sehn ...«

Diese Worte klangen ängstlich. Gabriel aber blickte zum Landungsponton hin:

»Höchste Zeit, Awakian! Die Motorbarkasse der ›Jeanne d'Arc‹ dürfte keine neue Fahrt machen. Behalten Sie die Papiere vorläufig bei sich!«

Das Boot mahnte mit ungeduldigen Abfahrtssignalen, Awakian hatte kaum mehr Zeit, Gabriel die Hand zu drücken. Dieser blickte ihm versunken nach. Dann erkundigte er sich bei einem der Offiziere, wann die Boote zum Transportschiff abgehn würden. Da die meisten Kranken schon an Bord seien, erhielt er zur Antwort, komme die Einschiffung der Ausgesonderten zuletzt. Das kann ja noch stundenlang dauern, meinte Bagradian angesichts der dichten Menge, die sich um die Kommission und auf der Landungsstelle drängte. Er war aber damit gar nicht unzufrieden und freute sich, dem Konteradmiral und dem Leben auf der »Jeanne d'Arc« entgangen zu sein. Langsamen Schrittes schlenderte er auf den Bergpfad zu. Er hatte so viel Zeit noch, und es war gut, dem Weibergeschrei dort unten und der brennenden Septembersonne in Stille und Schatten zu entkommen. Gabriel mußte am Sammelplatz vorbei, wohin man die Ausgesonderten schickte, damit sie dem begünstigten Volksteil nicht im Wege stünden. Viele von ihnen freilich, die Friedhofsbewohner voran, hatten sich hier eingefunden, ohne sich erst der Mühsal jener Ungeziefermusterung auszusetzen. Bagradian sah seine künftigen Reisegenossen. Sato grinste, lief ein Stück an seiner Seite und streckte ihm bettelnd die Hand entgegen. Das hatte sie in Yoghonoluk niemals getan. Ein paar Deserteure erhoben sich aufdringlich und zerknirscht. Nunik und die anderen Klageweiber saßen auf ihren Säcken, deren Moderschätze sie jetzt von der Heimat fort auf einen fremden Erdteil zu entführen gedachten. In der linken Hand hielten sie ihre langen Hirtenstäbe, mit der Rechten berührten sie Brust, Mund und Stirn, um den Herrn zu grüßen, Gabriel Bagradian, den Letzten, Sohn des Mesrop, Enkel des Awetis Bagradian, des großen Wohltäters und Kirchenstifters. Nunik aber, die Zeitlose, grüßte in ihm das Kind, bei dessen Geburt sie heimlich mitgewirkt hatte, vor Bedros Hekim wohlverborgen, mit dem Sis Kreuze an Tür und Wände malend, um den Dämon zu vertreiben. Die blinden Greise mit den Prophetenhäuptern hockten leise singend auf der Erde. Dicke Fliegen saßen auf ihren Augenhöhlen. Sie verscheuchten sie nicht. Ungerührt durch das Gewesene, unbekümmert um das Künftige, sangen die Prophetenhäupter vor sich hin. Sie fragten kaum nach dem, was geschehen war, sie verloren keine Heimatstätte, sie horchten nur dem inneren Rauschen und ließen sich von Nunik, Wartuk, Manuschak, den Blindenführerinnen, leiten, wohin es diesen beliebte. Zufrieden klagend tönte ihr dünnes Summen und das entzückte Zittern im Diskant.

Gerade dieses Summen aber machte Gabriel das Herz schwer. Es lockte Stephan herbei. Er ging den Bergpfad immer weiter, um den Gesang der Blinden nicht mehr hören zu müssen. Doch bald hatte er dafür Juliettens sonderbares Papageiengeplapper im Ohr und dann ihren Aufschrei: Kümmre dich um Stephan! Immer schneller schritt er aus, in tiefen Gedanken, die ihrer nicht bewußt waren. Endlich blieb er verwundert stehn, so weit war er schon den Berg emporgeraten. Dies aber schien ein guter Ort zu sein. Ein natürlicher Felssitz, von Arbutus und Myrten überdacht, mit einer moosigen Lehne. An diesem guten Ort ließ er sich nieder. Er konnte von hier alles genau betrachten, das Gewimmel bei den Klippen unten und die fünf blaugrauen Schiffe, regungslos erstarrt in der dicken Schmelzflut. Der Transportdampfer lag am weitesten draußen. Der »Guichen« mit Iskuhi am nächsten. Das Fischereifloß des Pastors war mit festen Schiffstauen an den Klippen befestigt worden. Die Matrosen hatten einen schmalen Laufsteg drüberhin gelegt. Die Geretteten balancierten einer hinter dem andern über dieses lange Brett, um zu den Booten zu gelangen. Manchmal geriet die ganze Vorrichtung ins Schwanken, das Wasser spritzte auf, und die Frauen kreischten. Dieses Bild verscheuchte alles andre. Das Gewimmel nahm noch immer nicht ab. Ich habe sehr, sehr viel Zeit, dachte Gabriel. Dies aber hätte er nicht denken dürfen, ja er hätte sich an diesem guten Orte ebensowenig niederlassen dürfen wie ein Halberfrorener im Schnee. Das Bild der Einschiffung schwankte einförmig. Und Gott sandte einen mächtigen Schlaf über Gabriel Bagradian. Dieser Schlaf war bereitet aus allen Strapazen, aus allen durchwachten Nächten der vierzig Tage. Gegen ihn gab es keinen Willen und keine Kraft mehr.

Eine Mutter sagt am Abend von ihrem Kindchen, das kaum die Augen offenhalten kann: Es hat Schlaf. Gabriel Bagradian hatte Schlaf, nein, er hatte Tod.

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