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Die vierzig Tage des Musa Dagh

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDie vierzig Tage des Musa Dagh
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun6. Auflage
year1975
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151125
modified20170206
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Viertes Kapitel
Zerfall und Versuchung

Am einunddreißigsten Tage des Musa Dagh fand Stephans Begräbnis statt. Am zweiunddreißigsten jedoch trat die große Katastrophe ein.

Bis zu diesem Tage hatte das Volk der sieben Gemeinden nicht unzufrieden sein dürfen. Während um dieselbe Zeit zwischen Aleppo und Deïr es Zor, in den Engpässen und Talbreiten des Euphrat, auf den Steppen und Wüstenrändern Mesopotamiens schon Hunderttausende Armenier faulten – die Hälfte aller Deportierten beinahe –, waren in der Stadtmulde, in den Stellungen, im Lazarettschuppen und Seuchenwald noch keine zweihundertachtzig Menschen gefallen und gestorben. Im Hinblick auf die blutigen Schlachten, auf Unterernährung, Seuche, Strapazen, Schlafmangel und Entbehrungen aller Art bewies dieser mäßige Prozentsatz des Todes nicht nur die ungemeine Widerstandskraft der Bergsöhne, sondern auch die Unterstützung des Himmels. Es war höchst merkwürdig, überall, wo die Armenier gegen Enver und Talaat rebellierten, griff sofort eine rettende Macht mit unheimlicher Präzision ein und entschied die Sachlage zugunsten der Tapferen. Die Leute des Musa Dagh freilich konnten nicht wie die ostanatolischen Aufständischen von Wan und Bitlis mit dem Einmarsch der Russen rechnen, die den Todfeind der Armenier, General Dschewjed Pascha, vor sich hertrieben. Das unendliche Land des Islams mit Berg und Steppe umbrandete sie noch erbarmungsloser als das Meer. Und dieses Meer in ihrem Rücken? Es blieb unfaßbar tot, so nach wie vor. Kein Kind gab sich der Hoffnung mehr hin, ein Kriegsschiff werde die syrische Küste passieren. Und selbst, wenn wider alle Vernunft, durch ein unglaubwürdiges Wunder solch ein Kriegsschiff am Horizont erschiene, wer war noch dumm genug anzunehmen, die Schiffswache werde das lächerliche Schnupftuch bemerken, das auf der Schüsselterrasse von einer Stange herabhing? Nun war schon mehr als eine Woche vergangen, und die Schwimmer von Alexandrette kamen nicht heim. Man gab sie verloren. Nur einige unheilbare Romantiker versuchten in diesem langen Ausbleiben ein günstiges Zeichen zu sehen.

Wie dies alles auch immer sein und werden mochte, noch lebte man. Sieben oder acht Verteidigungsabschnitte waren durch die glühende Brandwüste unangreifbar geworden, und die übrigen hatte Gabriel Bagradian auf das sinnreichste verstärkt und verändert. Die Türken schienen auch nicht die geringste Lust mehr zu haben, sich in ein Abenteuer einzulassen. In der Orontesebene und im Dörfertal wimmelte es von neuen Truppen und neuen Saptiehs, die den Tag totschlugen. Das feindliche Kommando hatte sich bisher nicht einmal zu einer nachlässigen Belagerung aufgerafft. Vielleicht wagte es nicht, eingedenk der Komitatschigefahr, den Berg im Umkreis zu besetzen, vielleicht erwartete es vorerst die nötige Artillerie. Auch mit der elenden Ernährung hatte sich das Lager bis zu einem gewissen Grade abgefunden. Furchtbar war die Entbehrung des Brotes. Die Weiber jedoch experimentierten mit Ersatzmitteln und Zutaten. Man aß nicht mehr das bloße Fleisch wie zu Beginn. Der magere zähe Happen reichte nicht aus, den Magen zu füllen. Man zerschnitt deshalb das Fleisch in kleine Stücke und kochte es, mit Lauch und gemüseartigen Pflanzen vermengt, in seiner Suppe, wodurch wenigstens große Portionen zustande kamen. Das erfinderische Leben wäre mit diesen Schwierigkeiten noch eine geraume Weile fertig geworden, hätte nicht jener schwere Unglücksschlag allem ein jähes Ende gesetzt.

Wer trug die Schuld? Nun, diese Schuld konnte niemals ganz aufgeklärt werden. Die verantwortlichen Muchtars schoben sie einer auf den andern. Fest stand nur, daß einer der ersten und wichtigsten Beschlüsse des Führerrates in verbrecherischem Leichtsinn zum Unheil des ganzen Volkes übertreten worden war. Die Muchtars hatten den »neuen Brauch« nicht nur nicht verhindert, sondern sogar wohlwollend geduldet, sie mochten jetzt sagen, was sie wollten, und jammernd immer wieder auf die erschöpften Almen innerhalb der Verteidigungsgrenzen hinweisen sowie auf die Notwendigkeit, den Herden frisches Futter zu schaffen. Gewiß! Die neuen Weideplätze lagen nicht fernab vom Nordsattel, sie waren auf die denkbar günstigste Art in das Felsgebiet des Musa Dagh eingesprengt und für Fremde so gut wie unsichtbar und unzugänglich. Durfte man jedoch den Schäfern vertrauen, die sich wie überall in der Welt aus träumerischen Greisen und kleinen Jungen zusammensetzten? Diese verschlafene Gesellschaft, die sich der Schafnatur angeglichen hatte, glaubte noch immer, man lebe in tiefem Frieden. Die Muchtars waren mit einem Wort in der Ausübung ihrer Dienstpflichten höchst lässig geworden und gaben sich damit zufrieden, wenn die Schäfer allmorgendlich mit der vorgeschriebenen Stückzahl von Schlachtvieh (dessen Gewicht sich übrigens seit dem neuen Brauch zusehends verbesserte) bei den Fleischbänken erschienen. Als Mitglieder des Führerrates aber wollten sie nichts wissen. Um so gewissenloser und frevelhafter war mithin das zweite Versäumnis, das sie duldeten. Der Beschluß war sogar schriftlich ausgefertigt und von Ter Haigasun unterschrieben worden, solche Wichtigkeit hatte ihm der Senat beigemessen. Niemals sollten die Herden, dieser kostbarste Volksbesitz, ohne bewaffneten Schutz weiden, auch nicht innerhalb der Lageralmen, auf den beiden Hochkuppen oder auf den Wiesen der Meerseite. Um diesen Ratsbeschluß aber auch unter den geänderten Umständen zu verwirklichen, hätte man den neuen Brauch einbekennen müssen, was dessen Verhinderung gleichgekommen wäre. So unterblieb denn jegliche Maßnahme des Schutzes. Die Muchtars vertrauten auf Gott, auf die wohlverborgenen Weiden, auf die Trägheit der Türken und redeten im übrigen weder miteinander noch mit den anderen Führern über dieses ordnungswidrige Geheimnis hinter ihrem Rücken. Sie ermöglichten daher den Türken, die ihren guten Kundschaftern dankbar sein mußten, einen ebenso wohlfeilen wie einträglichen Erfolg.

Zwei Züge Infanterie und eine Abteilung Saptiehs bekamen den Befehl, nächtlicherweile auszurücken und den Musa Dagh jenseits des Passes bei Bitias in aller Stille zu ersteigen. Stille und Behutsamkeit mußte man Offizier und Mannschaft wahrhaftig nicht einschärfen. Diesmal marschierte die Streitmacht trotz der mondlosen Nacht, wie es das taktische Lehrbuch vorschreibt, mit Vorpatrouille, Spitze, Seiten- und Nachhut, jeden Schritt ängstlich abwägend. Diese schreckhafte Vorsicht war das unbezahlbare Kapital, das sich Gabriel Bagradian und seine Zehnerschaften im Herzen der Türken erworben hatten. Die Halbkompanie pirschte sich mit abgeblendeten Laternen an die schlafenden Schäfer und Schafe heran. Bis zum letzten Augenblick vermutete der kommandierende Mülasim, es werde ohne Kampf nicht abgehen. Um so erstaunter aber waren die Soldaten, als sie nur ein paar Greise in weißen Pelzen vorfanden, die sich ohne Lärm und in aller Ruhe von ihnen erschlagen ließen. Die Herden wurden dann noch vor Sonnenaufgang in größter Eile, als sei die Beute in Gefahr, zu Tal getrieben. Damit war dem Volke des Damlajik der Lebensnerv durchschnitten. Unter den geraubten Tieren befanden sich alle Schafe, Hammel und Lämmer der Gemeinschaft, der größte Teil der Ziegen sowie sämtliche Esel bis auf jene, welche von den Verteidigern zur Zeit als Last- und Reittiere verwendet wurden. Rechnete man den ganzen Viehstand, der im Lager zurückgeblieben war, bis zum letzten Pfund Fleisch großmütig zusammen, so konnte man mit der äußersten Sparsamkeit noch drei oder vier Tage auskommen, dann aber stand das Volk unabwendbar vor dem nackten Hunger.

Als Ter Haigasun am frühen Morgen die Schreckensnachricht erhielt, ließ er sofort den Führerrat zusammenrufen. Er wußte genau, welche seelische Wirkung dieses Ereignis auf das Volk haben werde. Seit jenem Zornausbruch gegen Juliette Bagradian war eine grund- und ziellose Erbitterung in der Stadtmulde angewachsen, die der erstbesten Gelegenheit wartete, um loszubrechen. Wie gerne hätte Ter Haigasun die Katastrophe verheimlicht oder ihr eine Fassung gegeben, die Schuld und Verantwortlichkeit der Führung ausschloß. Dies aber war leider unmöglich. Die Gewählten eilten oder schlichen, je nach ihrem Charakter oder Gewissen, in die Regierungsbaracke. Alle waren bestrebt, den Sitzungsraum zu erreichen, ehe sich noch auf dem Altarplatz irgendwelche Ansammlungen gebildet hatten. Die Männer machten teils einen verzweifelten, teils einen betretenen, teils einen unsicher überheblichen Eindruck. Ter Haigasun hatte zur Vorsicht die zwölf Mann der Stadtpolizei zum Schutze der Regierung beordert. Tschausch Nurhan Elleon bekam den Auftrag, für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung innerhalb der Lagergrenzen rücksichtslos Sorge zu tragen.

Der Führerrat war bisher nur selten vollzählig zusammengetreten. In Wirklichkeit hatte ein Triumvirat alle Geschäfte geführt, Gabriel Bagradian den Krieg, Aram Tomasian die innere Verwaltung, während Ter Haigasun als Volksoberhaupt in allen Angelegenheiten die letzte Entscheidung traf. Heute aber in dieser kritischen Stunde erschienen alle Führer, ausgenommen Gabriel Bagradian, der seit dem Begräbnis Stephans den Dreizeltplatz noch nicht verlassen hatte. Pastor Aram war glücklich darüber, Gabriel nicht heute begegnen zu müssen. Diesen hatte ein namenloses Unglück getroffen, und der Pastor fühlte sich nicht hart genug, ihn wenige Stunden später schon zur Rede zu stellen. Auch waren die Dinge unlösbar verwickelt. Tomasian hatte sich Howsannahs strengen Wünschen gebeugt, das Zelt samt seinem Inventar dem Verwalter Kristaphor übergeben und das »Babylon« der bisherigen bequemen Wohnstätte verlassen, um mit Frau und Kind in die enge Hütte seines Vaters zu ziehen. In seinem Herzen bedauerte er Howsannah um dieses schlechten Tausches willen. In der Pastorin aber, die doch soviel Sinn für häusliche Schönheit besaß, war eine bissige, ja krankhafte Sucht nach Armut, Dürftigkeit, Härte erwacht. Am schmerzlichsten schlug Arams Gewissen Iskuhis wegen. Er war davon abgekommen, einen Zwang auf das Mädchen auszuüben. Der Grund dafür lag keineswegs in moralischer Duldsamkeit, sondern in der schwierigen Tatsache, daß es für Iskuhi, als Trägerin einer so furchteinflößenden Ansteckungsgefahr, keine andere Unterkunft gab als die bisherige. Nach den Vorschriften der Sanitätskommission wäre sie in einer Hütte der Stadtmulde gar nicht geduldet worden. Durch seine eigene Flucht aus dem Zelt aber verurteilte Tomasian seine Schwester zu einer lasterhaften Dreisamkeit mit Gabriel Bagradian und einer Todkranken. Was bisher kaum jemanden befremdet hatte, dem verhalf der Pastor durch seine auffällige Übersiedlung zu gefährlicher Wirklichkeit. Er selbst also machte sich der Erniedrigung seiner trotz allem tiefgeliebten Schwester schuldig.

Außer Bagradian gab es noch ein Mitglied des Führerrates, das an dieser kritischen Sitzung nicht teilnahm, obgleich es anwesend war. Apotheker Krikor hatte schon am vergangenen Morgen sein Lager nicht mehr verlassen können. Wie formlose Klumpen lagen seine Glieder da, und er vermochte keinen Finger mehr zu rühren. Bedros Hekim hatte verzweifelt in seinem »Handbuch der Medizin für praktische Ärzte« geblättert, ohne aus den lateinischen Namen der unzähligen Krankheiten klug werden zu können. Diesmal half ihm der gewöhnliche Trost nicht: Nun, und wenn ich auch den Namen verstünde, wüßte ich dann mehr? Er steckte das Buch wieder ein, als sei alles in Ordnung. Seine grimmige Miene verriet dem Patienten nichts von seiner hilflosen Entmutigung, und schon dadurch bewies er, daß er ein guter Arzt war. Dann verordnete er Wärme, Ruhe und überließ, was die Arzneien betraf, dem Apotheker füglich die Auswahl unter seinen eigenen Giftmischungen. Diesem aber konnten weder Arzneien noch auch Wärme helfen. Das einzige, wonach er sich gierig sehnte, war Ruhe, schmerzlose Ruhe. Doch gerade Ruhe bekam er mit Rücksicht auf seine parlamentarische Behausung nicht geschenkt. Zwischen seinem Schmerzenslager und den Geschäften der Welt hatte er eine hehre Scheidewand aufgerichtet. Hinter dieser, aus seinen Büchern erbauten Mauer hoffte er allein zu sein und dem Lärm entrückt. Doch es zeigte sich wieder einmal, daß kein geistiger Wall der Dichtung, Weisheit, Wissenschaft undurchdringlich genug ist, um den gemeinen Lärm der Politik abzuhalten. Dieser Lärm war heute von allem Anfang an beängstigend. Insbesondere die Muchtars konnten sich nicht genugtun. Sie suchten durch Stimmaufwand und Erregung ihre eigene Schuld zu ertränken. Endlich trat Ter Haigasun in die Mitte des Raumes und befahl, daß sich alles niederlasse. Kaum vermochte er seine Stimme zu bändigen:

»Wenn bei einer kriegführenden Truppe«, hob er an, »ein Verbrechen wie dieses geschieht, so werden die Verantwortlichen ohne Gnade erschossen. Wir aber sind nicht irgendein Militärbataillon, sondern ein ganzes, elendes Volk. Und wir führen nicht Krieg gegen einen Feind, der uns gleicht, sondern müssen uns gegen die Ausrottung durch eine hunderttausendfache Übermacht wehren. Nun ermesset das Verbrechen eures Leichtsinns und eurer Verlogenheit! Ich sollte euch nicht nur erschießen, ihr niederträchtigen Muchtars, sondern einzelweise jedes Glied eures Leibes töten. Und das schwöre ich euch, ich würde es mit Freuden tun und ohne vor Gottes Strafe zu zittern, wenn es uns auch nur die geringste Hilfe brächte. Doch ich bin gezwungen, den Schein unserer Einigkeit aufrechtzuerhalten, um die Autorität der Führung zu retten. Ich bin gezwungen, euch, ihr bodenlos pflichtvergessenen Muchtars, in eurem Amt zu belassen, weil jeder Personenwechsel die Ordnung gefährden könnte. Ich bin gezwungen, die Schuld auch auf mich zu nehmen und mit faulen Gründen und niedrigen Ausreden den Führerrat vor der gerechten Wut des Volkes zu verteidigen. Was Wali und Kaimakam und Bimbaschi und Jüsbaschi nicht gelungen ist, das habt ihr, die Führer und Verantwortlichen, glänzend zustande gebracht: Wir sind fertig!«

Die Dorfschulzen sanken kleinlaut zusammen. Nur einer ließ sich nicht so leicht niederschmettern, der steinreiche Thomas Kebussjan. Pantoffelhelden, die zu Hause den Mund nicht auftun dürfen, halten sich bekanntlich oft im Männerrat schadlos. Kebussjan begann energisch zu schielen und mit dem Kopf zu wackeln. Jene glücklichen Leute, höhnte er, die nichts von Viehzucht und Wirtschaft verständen, hätten es leicht, sich wichtig zu machen. Er, ein Thomas Kebussjan, habe niemals verantwortungslos gehandelt. Jeder wisse, daß er sich bei Tag und Nacht für das Gemeinwohl aufopfere, Jahre und Jahre, seitdem er das verfluchte Kreuz der Ortsverwaltung auf sich genommen habe. Ein Ratsbeschluß und seine Ausführung, das sei zweierlei. Hätte er nicht geduldet, daß man neue Weiden finde, wären die Tiere schon vor vierzehn Tagen eingegangen, und kein Mensch müßte mehr Hunger leiden, einfach deshalb, weil alles längst schon verhungert wäre. Daß aber die neuen Weideplätze nicht durch bewaffnete Abteilungen geschützt waren, das gehe ihn nicht das geringste an, denn nicht er sei in Sachen der Verteidigung zuständig und verantwortlich. Im übrigen aber habe er nichts dulden können, weil er etwas Gewisses gar nicht gewußt habe. Und Thomas Kebussjan schloß mit folgendem stolzen, aber unlogischen Hinweis:

»Was wollt ihr von mir? Die Hälfte der Herden war mein Besitz und meine Mühe. Ist das nicht so? Ihr habt nur wenig verloren, ich aber alles.«

Die dreiste Großartigkeit des reichen Muchtars von Yoghonoluk machte den andern Schulzen Mut, die ihrem Kollegen nicht nachstehen wollten. Der von Azir warf Ter Haigasun, um dessen Undankbarkeit zu geißeln, frisch an den Kopf, er habe im Vorjahre bei Geburt seines zwölften Enkels der Kirche von Yoghonoluk hundert Piaster gespendet; ob diese fromme Tat schon vergessen sei? Nun hatten die Muchtars Wind in den Segeln. Ein tolles Prahlen begann. Jeder berief sich auf Opfer, Spenden, Wohltaten, die er einmal in lang verlorener Zeit gebracht und geleistet hatte. Die Ziffern der Almosen, die Zahl der Armenausspeisungen, die verschenkten Ziegen und Schafe, die Summen des für mittellose Volksgenossen entrichteten Bedels, all diese Beweise christlichen Wandels flogen tränenreich durch die Luft. So erheiternd war diese dummschlaue Abschweifung vom bitteren Gegenstand, daß Bedros Hekim, der Menschenkenner, in genießerisches Lachen ausbrach.

Die Augen Ter Haigasuns forderten Aram Tomasian zum Wort. Dieser fühlte sich durchaus nicht wohl in seiner Haut. Obgleich er unmittelbar mit den Herden nichts zu tun hatte, so war er doch der oberste Verwalter des Lagerlebens und mithin für alles verantwortlich, was mit der Ernährung zusammenhing. Das schmale Gesicht des Pastors war äußerst blaß. Seine langen spitzen Finger spielten angelegentlich mit dem schwarzen Bärtchen, das ihm lästig zu sein schien. In dieser Sekunde zitterte zwischen dem gregorianischen Vikar und dem protestantischen Pfarrer eine stille Gegnerschaft, die sonst nie zutage trat. Aram Tomasian erhob sich:

»Meine Meinung ist, es wäre besser, von der Schuld nicht mehr zu reden. Denn was hilft das? Geschehen ist geschehen! Ter Haigasun sagt selbst, daß wir Einigkeit zeigen müssen. Wir wollen nicht rückwärts, sondern vorwärts blicken und uns den Kopf zerbrechen, wie Ersatz zu schaffen ist.«

Dies war eine zwar verständliche, aber unsichere Rede. Ter Haigasun zerschlug sie mit einem Fausthieb:

»Es gibt keinen Ersatz!«

Zu den Muchtars aber stieß plötzlich aus dem Hinterhalt unerwartet ein neuer Verbündeter. Hrand Oskanian, der sich früher um Juliettens willen täglich rasiert hatte, was bei dem Mangel an Seife ein stiller, aber redlicher Heroismus war, sah nun völlig verwahrlost aus. Der Bart wucherte ihm bis an die Nasenflügel. Die struppigen Stachelhaare umkränzten ungekämmt die kurze Stirn. Mit seiner spitz vorspringenden Hühnerbrust und den langen, tief unten rudernden Armen machte der schwarze Lehrer tatsächlich den Eindruck eines fanatisierten Affen. Vielleicht war der Schweiger von seiner Überzeugung wirklich besessen, vielleicht packte er nur die Gelegenheit beim Schopf, sich an Juliette, an Gabriel, an Ter Haigasun und allen andern Überlegenen zu rächen, aus seinem Munde jedenfalls sprudelte mit wilden Silbenexplosionen das alte Lied:

»Wollt ihr die Wahrheit immer noch nicht sehen? Seit sieben Tagen schon predige ich sie, schreie mir die Lunge aus, um euch zu überzeugen. Da habt ihr nun endlich den Beweis! Und ihr streitet um die Schuld? Und Ter Haigasun will Volksgenossen für diese Schuld erschießen lassen?! Ich stelle hiermit die Frage an ihn, welchen Grund er hat, den Blick des Führerrates von der Wahrheit abzulenken? Warum leugnet er immer wieder, daß wir verraten worden sind? Wen will er damit schützen? Hätten die Türken von den neuen Weideplätzen ohne Verrat jemals etwas erfahren?? Nie, nie! Diese Weiden sind vollkommen abgeschlossen und zwischen den Felsen versteckt. Kein Ortsfremder konnte sie je entdecken. Gonzague Maris aber hat überall herumgeschnüffelt. Und das ist ja erst der Anfang. Nächstens werden die Türken mitten im Lager auftauchen. Der Grieche wird sie über den Steilpfad der Felsseite, die er ja genau studiert hat, auf den unbeschützten Berg führen.«

Das ließen sich die Muchtars nicht zweimal sagen. Diese neuartige Deutung der Ereignisse gab ihnen alle Würde zurück, obgleich sie keinen Augenblick daran glaubten. Thomas Kebussjan himmelte sorgenvoll im Kreise herum. Er habe den jungen Mann nicht näher gekannt – der Anfang blieb diplomatisch –, doch sei die Aufnahme in der Familie Bagradian Gewähr für ihn gewesen, daß es sich um einen ehrenhaften Menschen handle. Nach dem Geschehenen müsse er freilich dem Lehrer Oskanian beipflichten, daß Maris wahrscheinlich ein Verräter oder sogar ein von den Türken bezahlter Spitzel war. Anders lasse sich das Unglück gar nicht erklären. Der Chor der Muchtars fiel dumpf ein. Sieben Männer können auch in einem größeren Raum, als ihn die Regierungsbaracke bot, ein gewaltiges Gemurmel erzeugen. Hrand Oskanian rührte den Stimmenbrei mit seiner knatternden Heiserkeit immer wieder auf. Ist jemand von einer fixen Idee besessen, so hat er auch die Fähigkeit, diese auf andre, ja selbst auf größere Versammlungen zu übertragen. Darauf beruht die Hauptwirkung politischer Propagandisten, die nichts andres besitzen als einen beschränkten Phrasenschatz und dämonische Eindringlichkeit der Stimme. Die Muchtars und einige andre noch gaben sich bereitwillig der von Oskanians Eindringlichkeit erzeugten Spannung hin, die zu ihrem Vorteil gereichte. Lehrer Hapeth Schatakhian konnte sich kaum vernehmlich machen. Er glühte vor Zorn gegen seinen alten Rivalen, den er schon acht Jahre an seiner Seite erdulden mußte:

»Oskanian«, schrie er, »ich kenne dich! Du bist ein Schwindler und Gaukler! Immer warst du das, in jeder Stunde deines anmaßenden Lebens! Du willst nur Unschuldige bespeien und bedrecken. Du speist Gonzague Maris an, weil er ein gebildeter, kultivierter Mensch und fast ein Franzose ist, nicht wie du und ich in einem schmutzigen Dorf geboren und lebenslänglich dahin verurteilt. Nun, ich habe wenigstens durch die Güte von Gabriel Bagradians Bruder eine Zeitlang in der Schweiz studieren dürfen, während du dessen nicht wert warst und deine Nase nicht weiter als bis nach Marasch gesteckt hast. Ich werde es nicht gestatten, daß sich gemeine Mäuler an der Familie Bagradian wetzen, der wir alle soviel zu danken haben. Doch jetzt zu dir, Oskanian: Du bespeist nicht nur den Griechen, sondern auch Madame Juliette, weil sie dich lächerlich gefunden hat mit deinem großartigen Dasitzen, du Zwergnarr, samt deinen Gedichten und deiner Kalligraphie ...«

Das war ungerecht. Oskanian hatte niemals seine Wünsche zu Juliette erhoben. Die Bewunderung für ihre strahlende Höhe, die schmachtende Resignation in deren Gefolge, sie war das heiligste Gefühl gewesen, zu dem sich sein eitles, unbefriedigtes Leben gegen die eigene Natur aufgeschwungen hatte. Und in diesem reinen Minne- und Madonnendienst war er geradezu mit gesetzmäßiger Tücke tödlich verwundet worden. Jetzt kreischte er nicht, sondern entgegnete mit dunkler Würde:

»Ich brauche die Achtung deiner Französin nicht. Sie braucht vielmehr meine Achtung. Wir haben ja mit eigenen Augen sehen müssen, was das für Menschen sind, bei Gott ...«

Und vollendet demagogisch wandte sich der Knirps an die Muchtars:

»Ich segne unsre Mütter, unsre Frauen und Mädchen, vor denen solch eine eingebildete Europäerin auf den Knien rutschen müßte.«

Dieses gutgezielte Stichwort weckte Beifall. Hrand Oskanian aber warf sich jetzt voll auf seinen Gegner:

»Dir aber, Dummkopf Schatakhian, kann ich mitteilen, daß du dich hundertmal lächerlich gemacht hast mit deinem ›accent‹, deiner ›causerie‹ und der ›conversation‹, deiner affektierten ...«

Er begann Schatakhians selbstgefälliges Französisch, ohne eine eigentliche Sprache, mit näselnden Selbstlauten und knallenden Konsonanten meisterhaft nachzuahmen. Damit war die Beratung, die dem sicheren Hungertode galt, bei der widerlichsten Posse angelangt. Es zeugt von der unausrottbaren Kindlichkeit der menschlichen Art, daß sich ein Teil der Versammlung vor Lachen über Oskanians Kopistenleistung bog. Ter Haigasun, der die heutige Tagung mit einem jähen Panthersprung eröffnet hatte, griff jetzt nicht ein, es war kaum zu glauben. Er schien mit seinem schweigsam geschlossenen Dasitzen einen bestimmten Zweck zu verfolgen und all seine Gedanken und Kräfte zu sammeln. Vielleicht auch war's nur müder Ekel und Gleichgültigkeit, die ihn erfüllten, da es Rettung nicht mehr gab. Bedros Hekim stützte sich brummend an seinem Stock empor:

»Ich dachte, Ter Haigasun habe uns einberufen, um über das Unglück zu beraten. Für diese deine Vorstellung aber bin ich nicht aufgelegt, Oskanian. Ich habe mehr zu tun als ihr Lehrer, die ihr schon seit langer Zeit selbst die Schule schwänzt, wie ich bemerkt habe. Euer Kindervolk ist auch danach. Dir aber, Oskanian, will ich als Arzt zugute halten, daß du ein armer Irrer bist. Jener junge Mensch ist im März zu uns gekommen. Er hatte einen Empfehlungsbrief an den Apotheker. Um diese Zeit wußte noch nicht einmal der Wali von Aleppo etwas von Deportationen. Ist der Grieche schon etwa damals mit der Absicht zu uns gekommen, die neuen Weideplätze auf dem Musa Dagh den Türken als Spitzel zu verraten, he? Da sieht man, was für logische Köpfe auf dem Lehrerseminar in Marasch erzogen werden!«

Hrand Oskanian, eine politische Hoffnung, wie es sich heute zeigte, wußte sehr genau, daß ein logischer Fehler seiner Sache nicht schaden könne. Folgerichtiges Denken erforderte Anstrengung, und anstrengen will sich niemand. Wenn man jedoch den Gegner verächtlich macht, so erweckt dies in einer Versammlung befriedigende Lustgefühle, und auf derartige Gefühle kommt es einzig an:

»Es kann schon sein«, schlug er scharf zurück, »daß du einmal vor fünfzig oder sechzig Jahren Medizin studiert hast, Arzt, aber wer kann das heute noch nachprüfen. Manchmal ziehst du aus deinem alten Buch irgendwelche Würmer. Da kannst du dem Apotheker die Hand reichen. Der hat uns auch jahrelang mit seiner Bibliothek angeschmiert. Was wollt ihr wetten, die Hälfte seiner Bücher besteht aus leerem Papier, schön eingebunden? Vom Leben aber habt ihr alle dieselbe Ahnung, ihr Alten, sonst wüßtet ihr, daß die Regierung schon bei Kriegsbeginn in die armenischen Bezirke Spitzel entsandt hat, und zwar Christen, damit es nicht auffalle ...«

Und er spielte seinen letzten an die Muchtars gerichteten Trumpf aus:

»Das kommt alles daher, weil diese alten Herren mit der Familie Bagradian verbandelt sind, die solche Leutchen wie unsern Schatakhian hier für ihr Wuchergeld nach Europa schickt. Sind diese reichen Familien nicht an allem Unglück schuld? Sie gehören ja gar nicht zu uns, diese Levantiner! Wegen ihrer unsauberen Geschäfte muß das armenische Volk zugrunde gehn!«

Damit wurde eine bedeutsame Saite in den bäurischen Seelen berührt. Thomas Kebussjan, fernen Erinnerungen hingegeben, schielte bekräftigend vor sich hin:

»Schon der alte Awetis war so. Immer nur Geschäfte in Aleppo, in Stambul, in Europa. Bei uns hielt er es keine zwei Monate im Jahr aus. Ich aber habe mich nie fortgerührt. Hätte ich das nicht auch können, was glaubt ihr? Die Meinige hat mich genug geplagt ...«

Vergessen und verworfen waren mit einemmal die Taten des Kirchenfürsten und Schulengründers, dessen Heimatliebe dem Tale von Yoghonoluk weit über seine Zeit hinaus Wohlstand und Segen gespendet hatte.

Nun aber rührte es sich hinter dem Bücherturm. In dem schmalen Durchschlupf dieser Festung krümmte sich eine ächzende Gestalt im langen weißen Hemd. Krikor von Yoghonoluk, der Junggeselle, trug seit gestern sein Totenhemd. Da er nicht wollte, daß eine Nunik oder die Totengräber ihn mit dem Gewande der Auferstehung bekleiden, hatte er sich, soviel Mühe es auch kostete, diesen letzten Dienst selbst erwiesen, denn er wußte, daß er die Eroberung des Damlajik durch die Türken nicht mehr erleben werde. Seine gelben Wangen hatten so tiefe Löcher bekommen, daß man Fünfpiasterstücke hätte hineinlegen können. Die Schultern waren bis zu den Ohren hochgezogen, Arme und Beine zu gelenklosen Kolben angeschwollen. Als er zwischen den Büchermauern endlich festen Halt gefunden hatte, versuchte er seiner Stimme die gewohnte hohle Gleichgültigkeit des Weisen abzuringen. Doch es gelang ihm nicht mehr. Zitternd und abgerissen kamen seine Worte:

»Dieser Lehrer hier ... ich habe an ihm gearbeitet und gearbeitet ... Jahrelang ... Das Blut der Gelehrten und der Dichter ... habe ich ihm eingeimpft ... Ich dachte, weil er begabt ist, kann ein Menschenengel aus ihm werden, einmal ... Aber, Irrtum ... Wer es nicht ist, kann es nicht werden ... Der denkt nicht immer nur an Kot, hab ich gemeint ... Aber dieser Lehrer ist viel, viel niedriger als die Armen, die nur an Kot denken ... Schluß mit ihm ... Mein Gastfreund aber ... ich hab's verschwiegen bisher ... Maris hat mir in die Hand versprochen ... in Beirût alles für uns zu tun ... bei den Konsuln ...«

Krikor konnte vor Schwäche nicht weitersprechen. Oskanian aber fuhr dazwischen:

»Und woher hat er seine Pässe? ... Leeren Reden glaubt ihr und sonnenklaren Tatsachen nicht ...«

Den Muchtars schien ein großes Licht aufzugehen. Ja, woher hat er seine Pässe? Pastor Aram sprang auf:

»Jetzt aber genug, Oskanian! Unerträgliche Narrheit! Eine Stunde ist vergangen, und kein Mensch hat ein vernünftiges Wort gesprochen. Und in drei Tagen werden wir nichts mehr zum Essen haben ...«

Der schwarze Lehrer wurde von seiner eigenen Bosheit ohne Besinnung fortgerissen. Es war, als müsse er in diesen Minuten alles erbrechen, was sich in seinem ganzen Leben an Haß, Kränkung und Wut angesammelt hatte. Jener Klatsch stieg in ihm hoch, den selbst die ausgepichtesten Matronen nur zu flüstern wagten:

»Aha, auch der Herr Pastor! Er kann ja nicht anders, seitdem er durch seine Schwester mit Bagradian verwandt ist.«

Aram wollte sich auf Oskanian werfen, wurde aber von starken Armen zurückgezerrt. Der alte Tomasian, puterrot, schrie auf und schwang seinen Stock. Ter Haigasun aber war schneller als beide Tomasians. Er packte den Lehrer an seinem kragenlosen Hemd:

»Ich habe dir lange Zeit gelassen, Oskanian, damit du beweist, was zu beweisen war. Jetzt haben wir alle erkannt, woher der ganze Gestank kommt und wer das Gift in die Seelen streut, das ich schon lange spüre. Das Volk hat dich unter die Führer gewählt, weil du ein Schullehrer bist. Ich aber stelle dich dem Volk zurück und werde es aufklären über dich. Und jetzt tu deine Ohren auf! Ich schließe dich von unseren Beratungen aus, für immer!«

Hrand Oskanian schrie, er nehme diesen Ausschluß nicht zur Kenntnis, da er selbst mit der Absicht hierhergekommen sei, aus diesem Schwätzer- und Greisenverein auszutreten, den das Volk heute oder morgen auseinanderjagen werde, wie er es verdiene. Trotz der rasendsten Wortgeschwindigkeit jedoch konnte der ehemalige Schweiger seine Rede nicht vollenden, denn Ter Haigasun hatte ihn binnen wenigen Sekunden mit einem prächtigen Fußtritt ins Freie befördert und die Tür hinter ihm versperrt. Eine scheele Stille blieb zurück. Die Muchtars zwinkerten einander zu. In dem diktatorischen Vorgehen des Oberhauptes lag eine Gefahr, die nächstens irgendeinen andern treffen konnte. Ein Gewählter durfte doch nur von der gesamten Volksversammlung abgesetzt werden und nicht durch einen Funktionär, auch durch den höchsten nicht. Und während das Gespenst hoffnungslosen Verhungerns Sekunde für Sekunde mit Riesenschritten der Stadtmulde nahte, räusperte sich Thomas Kebussjan, wackelte mit der Glatze und erhob gewissermaßen einen verfassungsrechtlichen Einspruch gegen die Behandlung eines gewählten Mitgliedes des Führerrates. Ter Haigasun habe zwar das Recht der Entscheidung, aber immer erst dann, wenn die Annahme oder Ablehnung eines Antrags vorliege. Zum erstenmal begann sich die Opposition deutlich abzuheben. Außer den Muchtars gehörten zu ihr einige jüngere Lehrer und einer der Dorfpriester, der Ter Haigasun feindlich gesinnt war. Die beiden Tomasians saßen noch immer, vor Zorn und Verlegenheit schwitzend, unsicher im Kreis. Alle andern aber, Ter Haigasun voran, waren, ohne es zu wollen und zu wissen, zur Partei des abwesenden Bagradian geworden, der unsinnigerweise anstatt der großen Katastrophe in den Mittelpunkt der Tagung geraten war. Als Ter Haigasun grob alle weiteren Erörterungen abschnitt, um endlich zur Lebensfrage zu gelangen, da war es schon zu spät. Der verdächtige Lärm auf dem Altarplatz draußen erforderte ein rasches Eingreifen der Führung.

 

Hrand Oskanian war nur ein schwacher Mann. In einem abendländischen Gemeinwesen hätte man ihn als ausgesprochenen »Intellektuellen« bezeichnen müssen, das heißt als einen durchschnittlich geschulten Menschen, der sich nicht durch Handarbeit ernährt und eine schwankende Seele besitzt, die ihren Platz im Kampf der rohen Gewalten nicht finden kann und, überall zurückgestoßen, sich hungrig nach Macht und Geltung verzehrt. Der Fall Oskanian wäre demnach unter anderen Umständen trotz aller Narrheit ein harmloser Fall gewesen. Hier aber auf dem Damlajik gab er Anlaß zu Bedenklichkeit. Hrand Oskanian stand völlig allein. Und doch hing er mit einer gewissen Welt zusammen, mit einer dunkeln und unbekannten Welt übrigens, die sich erst heute ein wenig bemerkbar machen sollte. Man hatte ihn gewissermaßen zum Regierungskommissär über diese Welt gesetzt. In dieser Rolle mußte er gerade als »Intellektueller« scheitern. Sein Unterliegen bezog sich nicht nur auf Sarkis Kilikian. Der Russe, obwohl der ungekrönte Fürst der Deserteure, war ein schweigsamer Einzelgänger. Wenn er auch immer wieder im Mittelpunkt irgendeines Geschehens stand, so war er doch persönlich untätig wie ein Säulenheiliger und interesselos wie ein Gast aus dem Jenseits. Auf ihn traf das schöne und traurige Wort »mutterseelenallein« in seiner eisigsten Bedeutung zu. Aber außer Kilikian hatten sich in diesen zweiunddreißig Tagen auf der Südbastion mehr als achtzig Deserteure zusammengefunden, wobei der Ausdruck »Deserteure« bekanntlich in vielen Fällen auch ein weniger ehrenvolles Herkommen decken mußte. Wegen dieses ständigen Zuwachses hatte es sogar Unstimmigkeiten zwischen Ter Haigasun und Gabriel Bagradian gegeben. Dieser meinte nämlich auf keine jugendliche und militärisch ausgebildete Kriegerfaust verzichten zu dürfen, während jener nicht nur die Brauchbarkeit einer erklecklichen Anzahl dieser Gestalten, sondern sogar ihre echte armenische Volkszugehörigkeit in Zweifel zog. »Mögen auch ein paar Räuber unter ihnen sein«, beruhigte Gabriel den Priester, »es sind im Kampf die großartigsten Kerle.« Er dachte dabei an die guten Erfahrungen, die er mit einigen Deserteuren in seiner fliegenden Garde gemacht hatte. Bagradian hätte unbedingt die Pflicht gehabt, für einige Zeit sein Lager unter dieser Besatzung aufzuschlagen, um die schwierige Gesellschaft fest in die Hand zu bekommen. Er aber blieb nach wie vor bei seinen geliebten Elite-Zehnerschaften. Nur seit Stephans Tod sah man ihn auch nicht mehr in der Nordstellung. Vor einigen Tagen war der unfähige Mann aus Kheder Beg mit schwerem Fieber ins Epidemiewäldchen geschafft worden. Hrand Oskanian war seither der einzige Träger der Ordnung im Süden. Er ahmte Bagradian nach, indem er unter den Deserteuren schlief und ihr ganzes Leben zu teilen versuchte. Dies aber war durchaus keine leichte Sache. Der schwächliche Knirps mußte sich unablässig dehnen und diesen mit allen Salben geschmierten Gesellen sich anpassen und anbiedern. Er war gezwungen, tagaus, tagein den verfluchten Kerl zu spielen und ständig über die Verhältnisse seines Körpers und seines Mutes zu leben. Nächst der Verwundung durch Juliette Bagradian war dieser Umgang der Hauptgrund für die sonderbare Entwicklung des kleinen Lehrers, von der sein »revolutionäres« Benehmen im Führerrat eine Probe abgelegt hatte. Er war übrigens äußerst stolz auf diesen Krach und zeichnete sich selbst mit dem Worte »revolutionär« aus.

Der Südabschnitt stand, vereinsamt und weit abgelegen, in größter Sonnenferne gleichsam zum Altarplatz und mithin zum Geiste der Ordnung und Führung. Das Volk zeigte eine deutliche Scheu vor diesem Abschnitt. Während zum Beispiel zwischen der Nordstellung und der Stadtmulde stets ein lebhafter Verkehr stattfand, verirrten sich in die Felsen der Südbastion nur selten ein paar Neugierige. Das ließ sich weder durch den langen Weg hinreichend erklären noch auch dadurch, daß den Deserteuren der Familienanhang fehlte. Hie und da schickte Bagradian eine Inspektion hinaus, die zur Zufriedenheit des Befehlshabers keine besonderen Beobachtungen zu vermelden hatte. Es war klar: die Deserteure mußten ja dankbar sein, in der Volksgemeinschaft Aufnahme gefunden zu haben und, anstatt ihr bisheriges Hundeleben zu führen, regelmäßiges Essen zu erhalten. Wie es freilich um ihre tatsächliche Anhänglichkeit und ihren Opfermut für diese Volksgemeinschaft stand, das wußte niemand, und niemand machte sich darüber Gedanken. Die Südbastion war eine Welt für sich. Ihre Besatzung führte ein Leben, dem niemand nachforschte. Sie übernahm es als Gegenleistung für regelmäßige Nahrung, den Abschnitt zu verteidigen, das war alles. Doch auch die Deserteure hatten sich, in Einhaltung dieses ungenannten Vertrages, bisher blutwenig um Stadtmulde, Altarplatz, Führerrat gekümmert und nur selten die Örtlichkeiten des allgemeinen Lebens betreten. Heute, an dem Morgen der schweren Katastrophe, geschah es vielleicht zum erstenmal, daß sie in einigen größeren Haufen ins Lager kamen. Sie verbanden aber mit ihrem Auftreten nicht den geringsten Zweck. Die Witterung, »etwas ist los«, hatte sie hergetrieben, der ewige Wunsch solcher Existenzen nach Verwirrung und Auflösung, nach dem Nichts, das zugleich das Neue ist.

Es hatte schon sehr oft auf dem Altarplatz Ansammlungen gegeben, bei denen irgendein Vorfall des Tageslebens erregt besprochen wurde. Zumeist geschah es am Freitag, wenn Ter Haigasun Gericht hielt und die Parteien unter Teilnahme von Gaffern draußen weiterstritten. Diesmal aber war das Bild sehr verschieden von den größten bisherigen Aufläufen. Noch immer herrschte zwar das weibliche Element vor, doch zeigten sich trotz der Morgenstunde viele Krieger aus der ersten Linie, die auf die Schreckensnachricht in die Stadtmulde geeilt waren. Einen neuen Bestandteil bildete auch Nuniks gebrechliche Schar, die, ohne weiter mit Ter Haigasun darüber zu verhandeln, das Recht des Bleibens in Anspruch genommen und in der Nähe des neuen Friedhofs ihr Lager bezogen hatte. In der Stadtmulde wurde über diesen unwillkommenen Zuwachs von Fressern schrecklich geschimpft. Doch dies half nichts. Man hätte die Bande erschlagen müssen, um sie loszuwerden. Jetzt mischte das Bettelvolk seine grauen Farben in das Bild. Auch die Schuljugend, seit dem letzten Kampfe aufsichtslos, spatzendürr, wolfswild, fehlte nicht in ihrer Wolke aus schrillem Lärm.

In der Wirrnis des allgemeinen Entsetzens gab nicht etwa die unterste Volksklasse den Ton an, nicht die armen Bauern, Knechte, Handwerkergehilfen, sondern ein gewisser mittlerer Stand, den man am ehesten die »kleinen Besitzer« nennen könnte. Diese gebärdeten sich wie toll, warfen ihre Mützen zu Boden, rauften sich die Haare, fuchtelten herum und vollführten wahre Verzweiflungstänze. Ihre Verzweiflung aber galt nicht so sehr dem kommenden Hunger als einem eingebildeten Verlust. Sie schrien, man habe sie um ihr Eigentum, ihr Letztes gebracht. Wer ihrem Jammer glaubte, mußte den Eindruck gewinnen, die Türken hätten Hunderttausende von Schafen erbeutet. Jeder einzelne von diesen kleinen Besitzern berechnete seinen Verlust mit phantastischen Ziffern. Daß die geraubten Herden längst schon Gemeinbesitz waren und daher kein einzelner etwas verloren hatte, daß ferner der große Viehreichtum der Dörfer zu einem kärglichen Rest zusammengeschmolzen und daß schließlich dieses ganze Wehgeschrei völlig unnütz und verrückt war, das bedachten sie nicht oder wollten sie nicht bedenken. In ihrem jammernden Gehaben offenbarte sich eine krankhafte Mischung von Angst, Wichtigmacherei und Wahn. Es war eine ähnliche Verfallserscheinung wie Oskanians Verratswahn. Das Widersinnige bemächtigte sich immer tückischer der Seelen.

Das dumpfere Volk, durch den Schlag betäubt, blieb anfangs schwerfällig stumm. Es suchte mit ängstlichen Fragen die Meinung der Berufenen. Erst die kleinen Besitzer waren es, die ihre Erregung auf die Menge übertrugen. Mit ihnen mußten die Muchtars den Kampf ausfechten. Ter Haigasun hatte sie vorausgeschickt, damit sie die Suppe auslöffeln. Als Exekutive des Führerrates hatten sie den Verkehr mit dem Volke zu pflegen. Sie kamen nicht über den ersten Löffel dieser Suppe hinaus. Von dichten Gruppen eingeklemmt, wurden sie einzeln hin und her gestoßen, über den ganzen Platz. All ihre Rechtfertigungsversuche gingen in zornigem Gebrüll unter: »Nur ihr seid schuld, ihr allein!« Eine fromme Lüge hätte vielleicht für den Augenblick Erleichterung geschafft. Die Andeutung zum Beispiel, es seien, trotz des Unglücks, noch genügend heimliche Nahrungsreserven vorhanden, hätte den alten Leichtsinn wieder belebt; denn ein paar Tage bedeuteten für den Musa Dagh ein unabsehbares Zeitalter. Keiner der Ältesten hatte den rettenden Einfall, der Menge irgend etwas Unverhofftes in Aussicht zu stellen, um sie für diese Stunde wenigstens zu beruhigen. Thomas Kebussjan aber, sonst ein gewiegter Mann, der nun auch den Kopf verlor, griff unter dem Einfluß Lehrer Oskanians zu dem übelsten und gefährlichsten Mittel, um die Wut auf ein andres Ziel zu lenken. Er warf die Verratsparole unter die Menge. Das Volk hat in guten Zeiten für die Glaubwürdigkeit von Menschen und Worten ein gutes Unterscheidungsvermögen und eine gesunde Skepsis. Lehrer Oskanian war von den Leuten nie besonders ernst genommen worden. Nun aber verhalfen ihm die Muchtars zu einem Erfolg. Dieselbe Masse nämlich, die in gewöhnlichen Zeitläuften sich so entlarvend skeptisch gegen große Worte verhält, wird in katastrophalen Augenblicken ihr Opfer. Dann aber sind es die unbestimmten, die verschwimmenden Begriffe, die am stärksten ansprechen. Das Wort »Verrat« war solch ein Begriff. Die wenigsten verbanden damit die klare Vorstellung eines wirklichen Geschehnisses. Dennoch löste es alle feindseligen Instinkte aus und gab ihnen Richtung, freilich nicht diejenige, welche die Muchtars wünschten. Die Führer, all diese Notabeln und Bonzen, hatten sich verschworen, das Volk aufzuopfern, und dies nur, um sich selbst zu retten. Sie trugen die Schuld, daß man auf den Musa Dagh gezogen war und damit die sichere Vernichtung auf sich genommen hatte. Pastor Harutiun Nokhudian, der ist der einzige wahre Volksfreund gewesen. Er und seine Gemeinde lebten jetzt, schon nach der Umsiedlung, im Osten ärmlich, aber in ruhigen Verhältnissen. Immer dichter hagelten die Schmährufe gegen den Führerrat. Die Gesellen von der Südbastion drängten sich überall in die Menge, schienen aber die ganze Erregung als eine Art Lustbarkeit zu empfinden, die sie erfreute, aber nichts anging. Dort aber, wo sie standen, stieg die Gärung auf wie Kohlensäureblasen in einem Trank.

Auch der Beschwichtigungsversuch, den Aram Tomasian jetzt unternahm, schlug fehl. Die leidige Geschichte mit dem Fischfang, der so magere Erfolge gezeitigt hatte, war der »Wahn« und die »fixe Idee« des Pastors. Mochten ihre Aussichten stehn wie immer, es war eine schwere Verkennung der Lage, daß er dieser aufgewühlten Menge jetzt seinen Glauben an das Fischwunder in einer breiten Rede voll genauer technischer Einzelheiten vorsetzte. Jeder wußte, was dabei bis nun herausgekommen war. Die Ausführungen Tomasians ernteten zuerst Gelächter, dann Hohn, und da er nicht nachgab, ließ man ihn nicht weiterreden. Von irgendwoher mußte jetzt ein Impuls erflossen sein, denn die in Gruppen und Knäueln schwankende Menge schloß sich zusammen und drängte gegen die Regierungsbaracke. Schon sah man nicht nur hochgeschüttelte Fäuste, sondern hie und da Spaten und Krampen in der Luft. Die Männer der Schutzwache wurden bleich und hielten unentschlossen die Gewehre vor sich hin, an deren Läufen sie die erbeuteten Türkenbajonette befestigt hatten.

Im Innern der Baracke befanden sich außer dem kranken Apotheker nur noch Bedros Hekim, Tschausch Nurhan und der Priester. Ter Haigasun wußte genau, daß nach der Niederlage der Muchtars und Pastor Tomasians alle Autorität gebrochen sei, wenn er selbst sie nicht wiederherstellen könne. Keine Sekunde lang zweifelte er daran, daß ihm dies gelingen werde. Seine Augen, deren Blick aus beobachtender Scheu und kalter Entschlossenheit so eigentümlich gemischt war, füllten sich mit Schwärze. Er trat über die Schwelle, schob die Wachmannschaft auseinander und ging mitten in die Menge hinein, als sähe er sie nicht, als wäre sie Luft. Dabei hatte seine Haltung gar nichts Angespanntes und Gezwungenes. Er bewegte sich, wie es seine Art war, den Kopf ein wenig vorgeneigt, die Hände in den Kuttenärmeln versteckt, abgeschlossen und leicht fröstelnd. Die ersten Schichten des Menschenhaufens waren aus den verschiedensten Typen bunt gemengt: Weiber zumeist, doch auch einige quäkende Kleinbesitzer, ein paar Deserteurfratzen und eine ganze Anzahl von Halbwüchsigen als Hauptanstifter und Genießer der Unruhe. Dies alles wich jetzt vor dem gelassenen Schritt Ter Haigasuns zur Seite. Insbesondere die Weiber konnten sich des bannenden Ehrfurchtsgefühls nicht erwehren, das der Anblick des Priesters in ihnen zu erwecken pflegte. Nurhan Elleon drang mit den Bewaffneten in die Menschenbresche, damit sie sich nicht hinter dem Priester wieder schließe. Dieser Beistand aber war überflüssig. Jeder Schritt des schweigenden Ter Haigasun schuf sich eine freie Gasse. Indem er Staunen erzeugte und in jedes Auge die Frage legte, was will er nur, was hat er vor?, bändigte er durch Neugier jede andre Leidenschaft. So gelangte er gemessenen Tempos zum Altar, auf dessen erster Stufe er sich umwandte, und zwar mit keiner heftigen, sondern mit fast bequemer Gebärde. Dadurch aber war die Menge gezwungen – gottesfürchtige Armeniersöhne und -töchter, allesamt –, ihren Blick auf das heilige Gerüst zu richten, von dem das große silberne Kruzifix, Tabernakel, Kelch, Patene und viele Leuchter herniederfunkelten. Die Sonnenstrahlen fingerten an der hohen Blätterwand entlang, die hinter dem Altar aus Buchsbaumzweigicht errichtet war. Ter Haigasun selber stand im Schatten, während ihn das Licht gleichsam von zwei Seiten bewachte. Auf ihm ruhte nicht nur die Autorität der Volkswahl, sondern die höhere Autorität der Gottesweihe. Er mußte seine Stimme kaum heben, denn die Neugier hatte auf einmal ringsum tiefe Stille geschaffen.

»Ein großes Unglück ist geschehen« – er sagte das ohne jede wehleidige Feierlichkeit, fast gleichgültig – »und ihr begehrt gegen das Unglück auf und suchet die Schuldigen, als ob euch das den geringsten Nutzen bringen könnte. Vor dem Aufbruch habt ihr jene Männer gewählt, die nunmehr seit einunddreißig Tagen sich für euch aufopfern, ohne auch nur eine einzige Nacht durchgeschlafen zu haben. Ihr wißt ebensogut wie ich, daß es unter euch keine geeigneteren Männer gibt als sie. Sehr wohl verstehe ich, daß ihr mit unserem Leben unzufrieden seid. Ich bin es auch. Doch ihr habt freiwillig und durch niemanden gezwungen den Entschluß gefaßt, auf den Damlajik zu gehn und nicht etwa mit dem Pastor Nokhudian in die Verschickung! Reut euch aber dieser Entschluß jetzt – hört mich gut an –, so könnt ihr ihn ebenso freiwillig abändern, wie ihr ihn gefaßt habt. Es gibt ein Mittel ...«

Der Redner machte hier einen kleinen Einschnitt, änderte aber auch bei den folgenden Worten seinen trockenen Ton nicht:

»Wir haben noch ein Mittel. Ihr, wie ihr da steht, seid die Mehrheit. Doch ich werde auch noch die Leute aus den Stellungen zusammenrufen lassen ... Ergeben wir uns den Türken! Ich bin bereit, wenn ihr mich dazu ermächtigt, in eurem Namen noch heute nach Yoghonoluk hinabzusteigen. Wer diesen Wunsch hat, erhebe sofort seinen Arm!«

In verächtlichem Gleichmut wartete Ter Haigasun zwei volle Minuten. Die Stille blieb lückenlos wie vorher, keine Hand rührte sich. Da erstieg er die oberste Altarstufe, und nun dröhnte seine Stimme über den Platz:

»Ich sehe, nicht ein einziger will sich ergeben ... Nun, dann müßt ihr euch aber klarmachen, daß Zucht und Ordnung nicht verletzt werden dürfen! Ruhe muß herrschen, Ruhe, hört ihr, auch wenn wir nichts andres mehr zu fressen haben als unsre Fingernägel. Nur eine einzige Art von Verrat gibt es unter uns, sie heißt Unordnung und Zuchtlosigkeit! Wer diesen Verrat begeht, wird die Strafe erleiden, die dem Verräter gebührt, darauf könnt ihr euch verlassen, ich schwöre es. So, und jetzt ist es höchste Zeit, daß ihr wieder an eure Arbeit geht! Wir werden für euch sorgen. Vorläufig bleibt alles beim alten.«

Es war die Behandlung ungezogener Kinder; sie erwies sich in dieser Stunde aber als das einzig Richtige. Kein Zwischenruf fiel, kein Hohnwort, kein Vorwurf mehr, obgleich sie durch Ter Haigasuns Rede doch gar nichts verändert hatte. Selbst die Schreier und Wühler schwiegen verblüfft. Die Alternative zwischen Ordnung und Übergabe wirkte wie ein kalter Guß auf die entfesselten Gefühle. Noch aber schien die Masse, trotz Ter Haigasuns Aufforderung, nicht daran zu denken, den Altarplatz zu räumen. Auf einen Wink des Priesters bildete Tschausch Nurhan mit seiner Mannschaft eine Kette und drängte, gütlich zuredend, teils mit groben Scherzen, teils mit gröbsten Püffen, die Menge zurück und in die Hüttengassen hinein. Freiwillige Helfer schlossen sich der Polizei an. Da Ter Haigasuns Rede die große Aufregung zerbröckelt hatte, gelang die Säuberung des Altarplatzes ohne Schwierigkeit. Das Volk verlor sich in schreienden Gruppen zu seinen Arbeitsstätten, und der Alltag schien trotz des Entsetzlichen seinen gewohnten Lauf wieder zu beginnen. Die Wächter riegelten die Gassenmündungen ab, damit keine neue Demonstration die Beratungen störe, die sich ja endlich von allem Gezanke fort- und der mitleidslosen Wirklichkeit zuwenden mußten.

Noch immer starrte Ter Haigasun vom Altar auf den leeren Platz hinab. Wäre es nicht geraten, eine sehr starke innere Wehrmacht zu schaffen, um bei der geringsten Unruhe mit blutiger Strafe einzuschreiten? Mit einer matten Handbewegung verwarf der Priester diesen Gedanken. Was nützte es, Schrecken zu verbreiten? Mit jedem Tage des wirklichen Hungers mußte die Selbstauflösung unaufhaltsam fortschreiten. Die Türken hatten einen neuen Angriff gar nicht nötig, um das Ende herbeizuführen. Nun erübrigte sich auch die bange Frage: Wie lange noch? Die Finger einer Hand genügten, um die Antwort auszuzählen. Hilfe konnte nur durch ein Wunder Gottes kommen. Wie auf der vierzigjährigen Wüstenwanderung der Kinder Israels. Aber mit Manna und Wachtelschwärmen war der Himmel selbst dem auserwählten Volke gegenüber nicht verschwenderisch gewesen.

Noch an demselben Tage jedoch trat ein überraschendes Ereignis ein, das in dem quälenden Auf und Ab von Hoffnung und Verzweiflung den Mut wieder ein wenig belebte. Man hätte dieses Ereignis nicht ganz unzutreffend ein Wunder nennen können, wenn auch ein mißglücktes.

 

Sogleich nach dem Tode Stephans hatte der Arzt seine Frau von all ihren sonstigen Pflichten befreit und in das Krankenzelt geschickt, damit sie nun Juliettens Pflege voll übernehme. Bedros Hekim brachte damit ein sehr großes Opfer, da die unverwüstliche Antaram den gesamten Dienst im Lazarettschuppen und auch im Epidemiewald leitete. Zu diesem Opfer hatte sich der Gute um Iskuhis willen entschlossen. Durch die lange Pflege und nicht nur durch sie war das Mädchen zum Schatten eines Schattens geworden. Es erschien fast unglaublich, daß ein Wesen mit so wenig Leib sich noch immer so eifrig bewegen und immer noch arbeiten konnte. Welche Widerstandskräfte mußte Iskuhi besitzen, daß sie der Ansteckung trotz allstündlich engster Nähe nicht verfallen war, bisher wenigstens? Ein andrer Grund für Mairik Antarams Entsendung war moralischer Natur. Die verfängliche Dreiheit sollte in eine unverfängliche Vierheit verwandelt werden. Die neue Pflegerin wohnte nun im Krankenzelt, während Iskuhi in Howsannahs verlassenes Zelt übersiedelte.

Juliette gehörte zu jenem Teil der Kranken, deren Herz die Epidemie überstand. Als Gabriel die Gewißheit gewann, daß der Zustand seiner Frau sich zögernd dem Leben zuwende, da erfaßte ihn tiefes Erbarmen mit ihr. Wäre sie in ihren Fieberträumen, die Frankreichs Siegesglocken durchdröhnten, dahingegangen, wäre ihr das Erwachen erspart geblieben, wie glücklich hätte er sie gepriesen. Im übrigen war es um Juliettens Erwachen eigen bestellt. Nach den kritischen Stunden war eine neue Ohnmacht oder besser eine völlig lethargische Lebensschwäche eingetreten. Während des hohen Fiebers hatte Juliette immer Nahrung zu sich genommen, jetzt aber wehrte sie sich, das heißt, ihr steifer lebloser Körper leistete jeglicher Fütterung Widerstand. Die energische und kräftige Antaram aber gab nicht nach und zwang geduldig die Elende, alles hinunterzuschlucken, was sie ihr aus Milch und den noch vorhandenen Proviantresten zubereitete. Auch versuchte sie auf alle Arten, durch kalte Wickel und Massage, die Kranke »aufzuwecken«. Es gelang nur langsam. Erst dieser Tag mußte kommen, ehe Juliette stille Augen aufschlug, die nun wieder in die wirkliche Welt zu schauen schienen. Ihr Mund aber schwieg. Sie fragte nichts, sie verlangte nichts. Wahrscheinlich sehnte sie sich in die violette Tiefseewelt der vollen Bewußtlosigkeit zurück, die sie nur ungern verlassen hatte. Mairik Antaram wollte sie durch allerlei Gerede kitzeln und zurück ins Leben reizen. Entweder aber hatte Juliettens Geist wirklich gelitten oder setzte sie diesen Bemühungen einen mimosenhaften Stumpfsinn entgegen, der sich jedem Berührtwerden ängstlich entzog. Auch als Gabriel zu ihr trat, veränderten sich ihre Züge nicht, obgleich sie das erstemal ein klares Wachen verrieten. Doch was war mit diesem schönen Gesicht geschehen, nachdem die lebhafte Schminke des Fiebers sich verzogen hatte? Die trockenen Haare hingen herab, farblos wie Asche. Man konnte nicht erkennen, ob sie nur ausgebleicht oder ergraut waren. Die Schläfen bildeten zu seiten der vorgekrümmten Stirn zwei tiefe Mulden. Die Backenknochen liniierten einen armen Totenschädel, aus dem nur die plumpe Nase mit rotentzündeter Haut häßlich hervorsprang. Gabriel hielt eine winzige Hand in der seinen, deren Skelett nicht aus Knochen, sondern aus biegsamem Fischbein zu bestehen schien. Und das sollte Juliettens Hand sein, die große, warme, feste? Er wurde diesem fremden, diesem neuentstandenen Menschen gegenüber sehr verlegen:

»Nun hast du es überstanden, chérie, noch ein paar Tage und alles ist in Ordnung ...«

Worte, vor denen ihm graute. Sie sah ihn an und antwortete nicht. Er konnte in dieser mageren häßlichen Kranken nichts von Juliette wiedererkennen. Alles Vergangene war mit furchtbarer Gründlichkeit aus dem Leben getilgt. Er versuchte aufmunternd zu lächeln:

»Es ist sehr schwierig, aber hoffentlich werden wir dich genügend ernähren können ...«

In ihren Augen stand noch immer das klare und wache Nichts. Hinter diesem Nichts versteckte sich aber dennoch die Angst, seine Worte könnten die gute Kruste durchstoßen, die sie vor dem Einbruch der Welt noch schützte. Juliette schien kein Wort gehört zu haben. Da ging er hinaus.

Gabriel Bagradian verbrachte nun die meiste Zeit im Scheichzelt. Er vernachlässigte seine Befehlshaberpflichten, weil er keinen Menschenanblick ertrug. Nur Awakian überbrachte ihm dreimal täglich eine Situationsmeldung, die ohne das Zeichen des geringsten Interesses schweigend entgegengenommen wurde. Gabriel trat jetzt fast niemals vor das Zelt. Nur im geschlossenen Raum, in der Finsternis oder wenigstens im Halbdunkel ertrug er das Leben. Halbe Tage lang ging er auf und ab oder lag auf Stephans Bett, ohne daß ihm auch nur eine Stunde Schlaf geschenkt wurde. Solange der Leichnam des Knaben noch auf der Erde weilte, hatte Gabriel mit höllischer Vergeblichkeit sich sein Bild in den Geist zu rufen versucht. Nun, da Stephan schon einen Tag und eine Nacht unter der dünnen Erdschicht des Damlajik lag, nun kam er ungerufen zu jeder Stunde. Der Vater empfing ihn, regungslos auf dem Rücken liegend. Stephan war in dieser Phase seines Todes durchaus nicht verklärt, sondern brachte jedesmal seinen blutigen Körper mit. Er dachte nicht daran, Papa zu trösten oder gar ihm zu verraten, daß er in seiner Umarmung gestorben sei, ohne viel zu leiden. Nein, er wies ihm jegliche von seinen vierzig Wunden, die breiten Bajonett- und Messerstiche im Rücken, den Kolbenhieb, der sein Genick zerschmettert hatte, und das Gräßlichste, die klaffend durchschnittene Kehle. Der Tote ließ nichts nach, als wolle er vorerst abrechnen, ehe er seinen schmählich mißhandelten Knabenleib zu vergessen gedenke, diesen wohlgeborenen Leib, der nicht dazu bestimmt gewesen, das väterliche Blut auf dem Kirchplatz von Yoghonoluk zu vergießen, sondern es weiterzugeben von Ewigkeit zu Ewigkeit. Gabriel mußte jede dieser vierzig Wunden bis zum Grund ausfühlen. Vergaß er eine, so haßte er sich selbst. Er weckte in sich mit höchster Deutlichkeit das Gefühl des ins Fleisch eindringenden Stahls, wie er brennend die Haut durchschneidet, die Nerven, die Muskeln und furchtbar an den Knochen stößt. Er vergegenwärtigte sich in seinem eigenen Nacken den schmalen Knabennacken, den der Kolben des Mausergewehres zermalmt. Immer wieder begann er mit diesen quälerischen Übungen von neuem, und sie waren in ihrer Bestimmtheit noch eine Wohltat gegenüber den nebligen Überfällen des Schuldbewußtseins. Nun war er in seinem Schmerz zu Hause wie ein Blinder in seiner Wohnung, der jeden Winkel und jede Kante unfehlbar ertastet. In diesen Stunden, da Stephan bei ihm zu Besuch war, duldete er auch Iskuhi nicht. Blieb aber der Tote aus, liebte er es, wenn sie bei ihm saß und ihre Hand auf sein nacktes Herz legte. Dann konnte er sogar ein paar Minuten lang schlafen. Er hielt die Augen geschlossen. Iskuhi aber spürte, wie das dumpfe Pochen unter ihrer Hand scheu wurde. Seine Stimme kam von fernher:

»Iskuhi, womit hast du das verdient? Es gibt so viele, die gerettet sind, die in Paris leben oder woanders ...«

Sie näherte ihren Kopf der Hand, die auf seiner Brust lag:

»Ich? Ich habe doch alles Gute und du hast alles Böse. Ich bin glücklich und hasse mich, weil ich jetzt glücklich bin ...«

Er sah sie an, ihr weißes Gesicht mit den großen Augenschatten, das nur mehr der Hauch eines Gesichtes war. Ihre Lippen aber erschienen ihm überaus rot. Er schloß die Augen von neuem, weil alles wieder mit Stephans Gesicht zu verschwimmen drohte. Iskuhi aber zog langsam die Hand von seiner Brust fort:

»Was wird geschehen? ... Wirst du es ihr sagen? ... Und wann? ...«

Er schien zuerst die schwere Frage nicht beantworten zu wollen. Dann aber richtete er sich plötzlich auf:

»Das hängt von der Kraft ab, die ich haben werde.«

Gabriel Bagradian bekam sehr schnell Gelegenheit, diese Kraft zu zeigen. Mairik Antaram rief nach ihm und Iskuhi. Juliette hatte sich das erstemal aufzusetzen versucht und einen Kamm verlangt. Als die Kranke Gabriel erkannte, erschraken ihre Augen. Sie suchte ihn mit ihren erhobenen Händen und wehrte ihn zugleich ab. Die Stimme aber in der geschwollenen Kehle gehorchte ihr noch immer nicht:

»Wir haben doch miteinander gelebt ... du ... sehr lange ...«

Er strich ihr prüfend über den Kopf. Sie sprach ganz leise, als wollte sie die Wahrheit nicht wecken:

»Und Stephan ... Wo ist Stephan ...«

»Sei ruhig, Juliette ...«

»Werde ich ihn nicht bald sehn dürfen ...?«

»Ich hoffe, daß du ihn bald wirst sehn dürfen.«

»Und warum ... darf ich ihn nicht jetzt schon sehn ... Nur durch den Vorhang ...«

»Jetzt kannst du ihn nicht sehn, Juliette ... Es ist noch zu früh.«

»Zu früh ... Und wann werden wir wieder beisammen sein, alle ... und weg von hier ...«

»Vielleicht schon in den nächsten Tagen ... Du mußt noch ein bißchen warten, Juliette.«

Sie glitt zurück und drehte sich zur Seite. Eine Sekunde lang sah es so aus, als wüchse ein Weinkrampf in ihr. Zweimal überlief ein langes Zucken ihren Körper. Dann aber kehrte in Juliettens Augen wieder der leere und zufriedene Ausdruck zurück, mit dem sie heute zum Leben erwacht war.

Draußen vor dem Zelte hatte es den Anschein, daß Gabriel, von der scharfen Sonne geblendet, unsicher gehe. Iskuhi stützte ihn mit ihrer gesunden Hand. Er aber stolperte über irgendeine Unebenheit und riß sie im Sturze mit. Stumm blieb er liegen, als lohne es in dieser Welt nicht mehr, sich zu erheben. Doch auch Iskuhi sprang erst auf, als sie Schritte hörte, die sich rasch näherten. Sie erschrak zu Tode. War es der Bruder, der Vater? Gabriel wußte nichts von ihren Kämpfen, die sie ihm verschwiegen hatte. Stündlich erwartete sie einen Überfall durch die Ihren, obgleich sie Bedros Hekim zum Vater geschickt hatte, damit er ihm sage, daß Mairik Antaram ihre Hilfe brauche. Iskuhis Schreck war unbegründet. Nicht die Tomasians kamen, sondern zwei atemlose Boten aus der Nordstellung. Der helle Schweiß lief ihnen über die Wangen, denn sie hatten die lange Strecke in scharfem Trab zurückgelegt. In der größten Erregung keuchten die beiden durcheinander:

»Gabriel Bagradian ... Türken ... Türken sind da ... Sechs oder sieben ... Sie haben eine weiße und grüne Fahne bei sich ... Parlamentäre ... Keine Soldaten ... Ein Alter ist der Führer ... Sie rufen herüber, daß sie nur mit Bagradian Effendi und sonst mit niemandem sprechen wollen ...«

Mehr als eine Woche war seit der großen Niederlage der Türken schon verflossen. Der verwundete Jüsbaschi war, den Arm in der Binde, wieder unter den Soldaten zu sehn. Im Umkreis des Musa Dagh lagen soviel reguläre Truppen und Saptiehs wie noch nie. Und doch, es geschah nichts. Auch sprach nicht das leiseste Anzeichen dafür, daß in der nächsten Zeit etwas geschehen werde. Die Männer auf dem Damlajik sahen das lässige Treiben unten im Tal und fanden keine Erklärung dafür, daß man sie trotz der drohend angewachsenen Truppenmacht so auffällig in Ruhe ließ. Den Grund konnten sie auch nicht wissen. Der Kaimakam von Antakje, oberster Leiter der »Liquidation«, war verreist.

Dschemal Pascha hatte nämlich sämtliche Walis, Mutessarifs und Kaimakams der syrischen Vilajets in seinem Hauptquartier zu Jerusalem um sich versammelt. Es waren unerwartete Naturereignisse aufgetreten, die rasche Maßregeln erforderten, sollte nicht die Kriegführung, ja das ganze Leben Syriens, der wichtigsten Etappe, völlig gelähmt werden. Die Mittelmeerprovinzen des ottomanischen Reiches befanden sich in der schwersten Bedrängnis. Nur selten geschieht es, daß sich die göttliche Gerechtigkeit, die eine unverwickelte Prozeßordnung nicht liebt, geschwind ertappen läßt. Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten menschlicher Justiz folgt hier die Strafe der Schuld durchaus nicht auf dem Fuße. Die göttliche Gerechtigkeit ist in der kosmischen Folgerichtigkeit aufgelöst wie das Salz im Meere. In dieser Jahreszeit und in diesen Breiten aber schien sie sich mit einer bemerkenswerten Hast offenbaren zu wollen, als sei selbst ihre ewig unparteiische Ruhe angesichts der Vorgänge aus der richterlichen Objektivität geraten. Kurz, die Mühlen Gottes mahlten diesmal schnell.

Zwei ägyptische Plagen, von allerlei Neben- und Unterplagen begleitet, drangen vom Norden und Osten her ins Land. Die östliche Plage, der Flecktyphus, der über Aleppo hinaus als geschlossene Seuche nach Antiochia, Alexandrette und in die Küstengebiete vorstieß, war ein schauerliches Beweisstück jener kosmischen Folgerichtigkeit. Die Krankheit unterschied sich in ihrer grausamen Schärfe von der sanfteren Epidemie auf dem Damlajik, die sich dank der frischen Luft, dem guten Wasser, der strengen Trennung und wegen andrer unbekannter Umstände noch in mäßigen Grenzen hielt. Die Sterblichkeitsziffer des mesopotamischen Fleckfiebers jedoch belief sich oft auf achtzig vom Hundert. Aufgebrochen war er aus der Pestwolke, die über den Steppen des Euphrat lag. Auf dieser höchst ungeweihten Erde, in dieser gottlosen Senkgrube des Todes, verwesten schon seit Mai und Juni Hunderttausende von Armenierleichen. Selbst die Tiere flohen vor dem Gestank. Nur die armen Soldaten mußten durch diese unaussprechliche Jauche der Menschheit hindurch: Kolonnen mazedonischer, anatolischer, arabischer Infanterie mit den endlosen Wagen- und Kamelreihen des Trains wurden in tagelangen Märschen hindurch und nach Bagdad getrieben. Dazwischen stampften die Hufe der Beduinenkavallerie. Doch auch diese Kinder der Wildnis konnten während des Durchzuges – sie holten das Letzte aus ihren Pferden – keine Speise bei sich behalten. Die toten Armenier aber sandten vom »Deportationsziel des Nichts« her ihren danksagenden Hauch westwärts über die wenigen Schuldigen und die vielen Unschuldigen. Talaat Bey hätte sich im Serail-Palais des Ministeriums wohl seinen weltklugen Kopf darüber zerbrechen können, wie merkwürdig es ausfällt, wenn man ein Volk ins Nichts schickt. Doch weder er noch Enver zerbrachen sich den Kopf, denn seitdem die Welt steht, ist die Gewalt stets mit stumpfer Unverfrorenheit der Seele verschwistert.

Die zweite nördliche Plage war zwar weniger folgerichtig als die erste, doch in ihrer Auswirkung vielleicht noch gefährlicher. Auch schien sie tatsächlich die Wiederholung einer biblischen Strafe zu sein. Der Einbruch der Heuschrecken in die Ebene von Aleppo und damit in ganz Syrien geschah vom Taurus herab. Die Hänge, Schluchten und Schächte dieses riesigen Gebirges waren wohl die Geburtsstätte des zähen Nomadenvolkes, das sich unaufhaltsam über das Land ergoß. Große Heuschrecken, hart, ausgetrocknet, welklaubähnlich, hunnenhafte Insekten, als sei in ihren weiten Hindernissprüngen Roß und Reiter zusammengewachsen. Sie kamen in verschiedenen riesenhaften Heerhaufen, mit denen sie Hunderte von Quadratmeilen der Sandschaks bedeckten, so daß kaum ein Erdfleck durchzublicken vermochte. Die Marschordnung und konzentrische Richtung ihres Einbruchs ließen vermuten, daß hinter ihrem Wüten nicht nur der blinde Trieb stand, sondern Auftrag, Plan und Führung, die kollektive Idee alles Heuschreckentums gewissermaßen. Ein unheimlicher Anblick war's, wenn sich einer dieser Schwärme auf die alten Bäume eines Gartens niederließ, auf Ulmen, Platanen, Eiben, ja selbst auf hartblättrige Sykomoren. Dann dauerte es nur wenige Sekunden, und der Baum war wie in einen Möbelüberzug eingehüllt, wie in einen Wettermantel aus dunklem Loden. Alles Grüne schrumpfte vor den Augen des Beschauers augenblicklich zusammen, wie von unsichtbaren Flammen verzehrt. Sogar der Stamm steckte in hohen wurrlenden Gamaschen. Nichts ließ darauf schließen, daß die Einheit eines solchen Schwarmes aus Individuen bestand. Griff jemand einen Heuschreck aus der Masse heraus, so konnte er die erstaunlichen Fortbewegungs- und Freßwerkzeuge bewundern, in denen alles Leben dieser Erdenbürger vereinigt war. Sonst aber benahm sich der einzelne in der Hand eines Menschen ebenso feig und erbärmlich wie andre Insekten und suchte zu fliehen. Im Schwarm jedoch schien er sich zu fühlen und seine gierige Tätigkeit als den Dienst an einer großen Sache aufzufassen.

Im August gab es östlich der syrischen Küstengebiete bis ins Euphrattal hinein keinen grünen Baum mehr. Das Schicksal der Bäume jedoch bereitete Dschemal Pascha wenig Beschwer. Die Ernte im nördlichen Syrien beginnt nie vor Mitte Juli und dauert mehrere Wochen lang, denn die Schnittzeit für Korn, Weizen, Gerste fällt nicht mit der Zeit für den Mais zusammen. Der türkische Bauer, der arabische Fellach gleichen dem Armenier nicht, der die Feldfrucht sogleich nach dem Schnitt heimführt, da ihn das Gefahrbewußtsein in seinem Blut dazu antreibt, den Wintervorrat so rasch wie möglich zu bergen. Der Moslem hingegen läßt die Garben tage-, ja wochenlang auf den Feldern liegen, da er vom Wetter nur sehr wenig zu fürchten hat. Als die Heuschrecken im Juli herabfluteten, fanden sie das Getreide teils im Hochstand, teils in lockeren Schnittschwaden auf den Feldern. Sie konnten also in wenigen Tagen die gesamte syrische Ernte auf ihre Weise einbringen, so daß um die Monatsmitte von den kahlgefressenen Äckern kein Halm mehr zu holen war. Mit dieser Ernte aber hatte Dschemal Pascha ungeduldig gerechnet, denn die alten Vorräte waren aufgezehrt, und er sollte nicht nur die gesamte Vierte Armee mit dem syrischen Getreide ernähren, sondern auch noch die Bevölkerung Palästinas und des Libanon sowie den schwankenden Araberstämmen im Ostjordanland durch große Zuwendungen schmeicheln. Die Heuschrecken aber machten den ganzen Verpflegungsplan des laufenden Kriegsjahrs zu Luft. Der Brotpreis schoß in die Höhe. Sofort erließ Dschemal eine Wucherverordnung, die aber keine andre Wirkung hatte, als daß die Bauern und Händler die Annahme von Papiergeld jetzt endgültig verweigerten. Trotz schärfster Gegenmaßnahmen sank das gesunkene türkische Pfund noch tief unter seinen geltenden Wert. In den ersten Augusttagen, da sich der Musa Dagh so glorreich verteidigte, fielen im Libanongebiet schon die ersten Opfer der Hungersnot.

Dies war die Lage der Dinge, als in Dschemal Paschas Hauptquartier die Konferenz der syrischen Statthalter zusammentrat. In dieser hochmögenden Runde ging es übrigens kaum gelassener zu als in dem Führerrat des Musa Dagh. Die Walis und Mutessarifs konnten nämlich ebensowenig Eisenbahnzüge mit Getreide herbeizaubern wie die Muchtars Hammel und Schafe. Die Rede des Gewaltherrschers aber war kurz und unzugänglich. Bis zu diesem und jenem Tag hat das Vilajet Aleppo soundso viel Korn aufzubringen und an die Heeresintendantur abzuliefern, basta! Die Beamten wurden blaß vor Wut, nicht nur wegen der Zumutungen, sondern mehr noch über den Ton des Paschas, den er sich ihnen gegenüber herausnahm. Nur einer war die Demut und Dienstwilligkeit selbst, freilich hatte er wegen der Schmach des Musa Dagh Grund genug dazu. Das bräunlich aufgedunsene Gesicht des Kaimakams von Antakje hing unablässig begeistert an Dschemals Lippen. Während alle anderen Statthalter jammerten und feilschten, versprach er das Unmögliche. Seine Kasah, die größte im Vilajet, sei von der Heuschreckenplage nicht übermäßig betroffen. Wenn auch nicht Korn und Weizen, so könne er doch Mais in jeder gewünschten Menge zur Verfügung stellen. Er habe in Vorahnung der Kriegsnot die staatlichen Magazine seines Bezirks seit Jahr und Tag mit Proviant gefüllt. Er bitte nur höflichst um die nötigen Transportmittel. Während einer der Verhandlungen kam es so weit, daß Dschemal Pascha den Kaimakam von Antakje als leuchtendes Beispiel hinstellte. Dieser nahm den günstigen Augenblick, den er so weise angestrebt hatte, unverzüglich wahr und bat nach der Sitzung um eine kurze Audienz. Damit verstieß der Kaimakam gegen die Gesetze der Hierarchie, denn sein Vorgesetzter war der Wali von Aleppo. Doch gerade durch diesen Vorstoß hoffte er den alleinherrschsüchtigen Armeegeneral für sich einzunehmen. In Dschemals Zimmer befand sich außer dem Kaimakam nur noch Osman, der barbarisch herausgeputzte Oberste der Leibgarde. Der Landrat von Antakje nahm mit übertriebener Verbeugung die angebotene Zigarette entgegen:

»Ich wende mich unmittelbar an Eure Exzellenz, weil ich die Großmut Eurer Exzellenz kenne ... Eure Exzellenz werden mein Anliegen schon erraten haben ...«

Der vierschrötige Dschemal mit seiner schiefen Schulter stellte sich dicht vor den Kaimakam hin, dessen schwere, schlaffe Gestalt ihn hoch überragte. Die dicken Asiatenlippen des Generals durchstießen gehässig den schwarzen Bartrahmen:

»Es ist eine Schande«, zischte er, »eine ekelhafte Schande!«

Der Kaimakam neigte mit betonter Zerknirschung das Haupt:

»Ich wage es, Eurer Exzellenz völlig beizustimmen. Es ist eine Schande! Ich aber habe das Unglück und nicht die Schuld, daß diese Schande gerade meine Kasah trifft.«

»Keine Schuld? Ihr Zivilisten habt allein die Schuld, wenn wir wegen all dieser infamen Armeniergeschichten den Krieg verlieren und vielleicht ganz zugrunde gehn!«

Den Kaimakam schien diese Prophezeiung tief zu erschüttern:

»Es ist ein Unglück, daß nicht Eure Exzellenz die Politik in Stambul leiten!«

»Es ist ein Unglück, darauf können Sie sich verlassen.«

»Ich aber bin schließlich nur ein Beamter und habe die Befehle der Regierung gehorsamst entgegenzunehmen.«

»Entgegenzunehmen? Auszuführen, mein Lieber, auszuführen! Wie viele Wochen dauert dieser Skandal schon? Mit einem Haufen zerlumpter, verhungerter Bettler könnt ihr nicht fertig werden ... Die Erfolge des Herrn Kriegsministers, haha, und des Herrn Innenministers!«

Der kleine Dschemal trat zu dem Riesen Osman und schlug ihm mit der flachen Hand auf die Brust, daß dieses Waffenmuseum erklirrte:

»Meine Leute erledigen so etwas in einer halben Stunde ... was?«

Osman grinste. Doch auch der Kaimakam lächelte süßsauer:

»Eure Exzellenz haben mit dem Zug an den Suezkanal eine der größten Kriegstaten unserer Geschichte vollbracht ... Ich bitte um Verzeihung, daß ich mir als Zivilist ein Urteil anmaße ... Aber das Größte an diesem Feldzug sind die geringen Verluste, die er Eure Exzellenz gekostet hat.«

Dschemal Pascha lachte bitter auf:

»Richtig, Kaimakam! Ich bin nicht so splendid wie Enver.«

Jetzt machte der Kaimakam seine geschickteste Wendung:

»Die Aufständischen der sieben Dörfer sind ausgezeichnet bewaffnet. Sie haben sich auf dem unzugänglichen Damlajik verschanzt. Ich bin kein Offizier, Exzellenz, und verstehe nichts davon. Die Saptiehs und die Assistenztruppen aber haben alles getan, was zu machen ist. Ich, als Leiter und Augenzeuge der Operationen, muß jede Verunglimpfung dieser Offiziere und Mannschaften energisch zurückweisen. Ich lehne es aber auch ab, unter den gegebenen Umständen, auch nur ein einziges Menschenleben mehr zu opfern. Eure Exzellenz, als unser größter Feldherr, wissen es viel besser als ich, daß man eine Bergfestung ohne Gebirgsartillerie und Maschinengewehre nicht säubern kann. Mögen die Verfluchten triumphieren! Ich habe das Meine getan!«

Dschemal Pascha, der seiner auffahrenden Natur in unaufhörlicher Zucht Selbstbeherrschung abtrotzen mußte, konnte seine Stimme nicht bezwingen:

»Wenden Sie sich an den Kriegsminister«, schrie er. »Ich habe keine Gebirgsartillerie und keine Maschinengewehre. Meine ganze Macht ist eine Redensart. Ich bin der armseligste Heerführer des Reiches. Die Herren in Stambul haben mich bis auf die letzte Patrone ausgeplündert ... Und, überhaupt, das Ganze geht mich nichts an.«

Der Kaimakam wurde sehr ernst und kreuzte die Arme über seine Brust wie zum Selam:

»Eure Exzellenz verzeihen, wenn ich zu widersprechen wage. Aber die Sache geht Eure Exzellenz doch ein wenig an ... Nicht nur die politische Behörde macht sich durch diesen Mißerfolg vor der ganzen Welt lächerlich, sondern auch die Truppen der Vierten Armee, die den berühmten Namen Eurer Exzellenz trägt.«

»Wofür halten Sie mich«, höhnte Dschemal, »so billig ködert man mich nicht.«

An dem gewaltigen Osman vorbei verließ der Kaimakam das Zimmer des Paschas, dem Anschein nach sehr betreten, im Innern aber nicht hoffnungslos. Die Hoffnung täuschte ihn nicht. Derselbe Osman weckte ihn nach Mitternacht in seinem Quartier und lud ihn unverzüglich zu Dschemal ein. Durch solche überraschende Einladungen zu unmöglicher Stunde liebte es der Diktator Syriens, sich selbst seine Macht und andern seine Originalität zu beweisen. Er empfing den späten Besuch nicht in Uniform, sondern in einem phantastischen Burnus, der seiner durchaus nicht einwandfreien Gestalt das Ansehen eines prachtvollen Beduinenscheichs gab:

»Kaimakam, ich habe die Sache ganz durchgedacht und bin zu Entschlüssen gelangt ...«

Er schlug mit seiner roten Plebejerhand flach auf den Tisch:

»Das Reich ist das Opfer von Irrsinnigen und von unfähigen Strebern ...«

Der Kaimakam wartete mit bestätigender Schwermut des Kommenden. Osman stand in voller Parade an der Tür. Wann schläft dieser Kerl eigentlich, überlegte der Regent von Antiochia. Dschemal Pascha ging auf und ab:

»Sie haben recht, Kaimakam, die Schande trifft auch mich. Sie muß verschwinden, sie darf nie gewesen sein, verstanden?«

Der Kaimakam wartete noch immer wortlos. Der kleine General drehte sein haßverzehrtes Bartgesicht zu ihm empor:

»Zehn Tage haben Sie Zeit, dann muß diese Geschichte vorbei und vergessen sein ... Ich werde Ihnen einen meiner tüchtigsten Herren schicken und alles Nötige ... Sie aber haften mir ... Ich will nichts mehr hören ...«

Der Kaimakam war klug genug, keinen Laut von sich zu geben. Dschemal Pascha trat zwei Schritte zurück. Jetzt sah er wirklich bucklig aus:

»Ich will nichts mehr hören von der ganzen Sache ... Wenn ich aber etwas hören muß, wenn es nicht ganz glatt geht, lasse ich alle Schuldigen füsilieren ... und auch Sie, Kaimakam, werden zum Teufel gehen ...«

 

Der sommersprossige Müdir, der in der Villa Bagradian residierte, wurde an diesem Tag zweimal aus seinem Kefschlummer gerissen. Das erstemal war's eine Depesche des Kaimakams, die ihn von dessen bevorstehender Ankunft in Kenntnis setzte. Als aber der Feldwebel der Saptiehs von neuem erschien, um ihn wegen eines bedenklichen Ereignisses aus der kühlen Villa in die unerträgliche Mittagshitze zu holen, da fluchte er auf den lästigen Kerl wild los und hätte ihn am liebsten geschlagen. Auf dem Kirchplatz von Yoghonoluk jedoch beschleunigte er seinen Schritt, denn der Anblick war wirklich recht ungewöhnlich. Vor der Kirche stand eine nicht mit Pferden, sondern mit Eseln bespannte Yayli. Eigentlich aber war's gar keine Yayli, sondern irgendeine altertümliche Karosse mit großen Rädern. In dieser Karosse saß ein alter Herr, der seinem Wesen und seinen Kleidern nach vorzüglich hineinpaßte. Ein dunkelblauer Seidenmantel reichte ihm bis zu den Füßen, die in weichen Ziegenlederschuhen staken. Um den Fez trug der Vornehme das Tarbuschtuch des Frommen geschlungen. Die zarten, fast altfrauenhaften Finger zählten unablässig die Kugeln eines Bernsteinkranzes ab. Der Müdir erkannte in dieser Erscheinung sofort einen patrizischen Alttürken, einen Parteigänger des gegnerischen Lagers, das trotz der Revolution seine Macht nicht völlig eingebüßt hatte. Jetzt erinnerte er sich, dieser Persönlichkeit in Antakje zwei- oder dreimal begegnet zu sein, wo sie von der Bevölkerung ehrfürchtig gegrüßt worden war. Die Yayli stand nicht allein da. Hinter ihr stampfte und scharrte ein Troß hochbepackter Esel. Außer den Treibern sah der Müdir noch zwei ältere Türken mit einem milden, fast verklärten Ausdruck und einen mageren Menschen, der am Wagenschlag lehnte und dessen Gesicht dicht verschleiert war. Der junge Mann aus Salonik legte die Hand an die Stirn, um das Alter höflich zu grüßen. Agha Rifaat Bereket winkte ihn herbei. Der traditionsfeindliche Anhänger Ittihads trat sachte an den Wagen heran und nahm Worte des Alten entgegen:

»Wir sind auf dem Wege ins armenische Lager. Gib uns Führer mit, Müdir!«

Der also von oben behandelte Bezirkshauptmann erstarrte:

»Ins armenische Lager? Seid ihr geisteskrank?«

Rifaat Bereket kümmerte sich um diese liebenswürdige Frage nicht. Auf dem Rücksitz der Kutsche lag eine ganz neue moderne Aktentasche aus gelbem Rindsleder, die wie ein tatkräftiger Gegensatz zu dem sonst so behäbigen Aufzug wirkte. Die feinen weißen Finger öffneten den Druckverschluß:

»Ich habe eine Mission an die Armenier.«

Der Agha reichte dem Rothaarigen seinen Teskeré, der darin zu forschen begann. Als er das Richtige nicht zu finden schien, gebot ihm Bereket ohne jede Ungeduld:

»Lies die Schrift über dem Stempel.«

Und wirklich, der Müdir gehorchte mit solcher Bereitwilligkeit, daß er den Text sogar laut zum besten gab:

»Der Inhaber dieses Passes erhält zu allen armenischen Deportationslagern Zutritt, der ihm von keiner politischen und militärischen Behörde verweigert werden darf.«

Der junge Mann reichte mit seinen vorbildlich gepflegten Händen das Dokument in den Wagen zurück:

»Es handelt sich hier um kein Deportationslager, sondern um Aufständische, um Hochverräter, die sich verschanzt und türkisches Blut vergossen haben.«

»Meine Mission geht an alle Armenier«, erklärte der Agha gemessen, verstaute seinen Teskeré fürsorglich in der funkelnagelneuen Aktentasche eines smarten Kaufmanns und entnahm ihr ein anderes Dokument, dem man schon äußerlich ansah, daß es eine stärkere Beschwörungsformel vorstellte. Es war ein großes, kunstvoll gefaltetes und mit einem komplizierten Stempel versehenes Blatt. Die Augen des Müdirs mußten sich erst an die schnörkelstolze Schönschrift in arabischen Lettern gewöhnen, ehe sie den Namenszug des Scheikh ül Islam entzifferten sowie die Aufforderung, die das geistliche Oberhaupt der Türkei an jeden gläubigen Moslem ergehen ließ, dem rechtmäßigen Vorzeiger dieses Blattes zu Willen und dienstbar zu sein, was immer er auch begehre. – Welchen Einfluß diese Mottenwelt noch immer besitzt, ging es dem Müdir durch den Kopf. Das Scheikh-ül-Islamat war trotz Enver und Talaat eines der mächtigsten Staatsämter. Dieser mittelalterliche Wisch bedeutete einen dienstlichen Befehl, dessen Nichtbefolgung ihm teuer zu stehen kommen konnte. Sein Blick lief die Tragtiere ab, die mit großen Mehlsäcken bepackt waren:

»Und welche Bestimmung haben diese Säcke?«

Rifaat Bereket hüllte die Antwort, wie es seine Art war, in ein würdevolles Zwielicht:

»Sie haben dieselbe Bestimmung, die ich habe.«

Der Müdir wandte sich mit umständlichen Worten an den Agha, obgleich es ihn ärgerte, daß der alte Türke vor ihm, dem Regierungsvertreter, unbeweglich sitzen blieb, als habe er es mit einem Bedienten des Ancien régime zu tun:

»Ich weiß nicht, Effendi, ob du dir eine richtige Vorstellung von den Tatsachen machst. Die Armenier dieses Bezirks haben sich den Befehlen der Regierung widersetzt und auf dem Musa Dagh verschanzt. Sie haben es gewagt, dem Militär zu trotzen, sich selbst zu bewaffnen und türkische Soldaten zu töten. Wir sind schon seit vielen, vielen Tagen gezwungen, diese gemeinen Verbrecher zu belagern. Jetzt hungern wir sie aus. Einige Tage noch, und sie werden mürbe sein. Da aber kommst du, Agha, mit deiner Mission und deinen Proviantsäcken und willst den Hochverrätern, den Staatsfeinden, den Feinden deines Padischah Hilfe bringen, damit sie der rechtmäßigen Behörde noch länger Widerstand leisten können?«

Rifaat Bereket hörte diese lange Rede mit müde gesenktem Haupte an. Nachher erst streifte er den Müdir mit einem kühlen Blick seiner leicht vorgewälzten und umrunzelten Augen:

»Wart ihr nicht ärgere Feinde eures Padischah als sie? Seid ihr nicht seinen Soldaten mit der Waffe in der Hand entgegengetreten, und zwar als Angreifer? Revolutionäre dürfen sich niemals auf Rechtmäßigkeit berufen.«

Während er noch sprach, tauchte seine Hand zum drittenmal in die Wundertasche. Es war beinahe wie im Märchen, als er nun den stärksten Zauber hervorzog: ein gerolltes Pergamentblatt, das zuoberst den diamantgeschmückten Turban des Sultans als Signet trug. Der Großherr und Kalif, Mohammed der Fünfte, befahl in dieser Irade all seinen Untertanen, insonderheit den Zivil- und Militärbehörden, daß sie dem Agha Rifaat Bereket aus Antakje bei all seinen Unternehmungen bereitwillig Vorschub leisten und ihm kein Hindernis in den Weg legen sollten. Der rothaarige Müdir sah betroffen drein. Die alte Welt war hier vollzählig aufgeboten, das mußte er sagen. Er drückte den Namenszug des Padischah flüchtig und widerstrebend an Herz, Mund und Stirn. Es war eine Gebärde, die zu seinem knappsitzenden Sommeranzug, der knallroten Krawatte und den kanarigelben Halbschuhen ganz und gar nicht paßte. Was war zu tun? In jedem bürokratischen Staat hat der Beamte mit zwei gewaltigen Strömen zu rechnen, in deren Fluten er leicht untergehen kann. Der eine ist der »Dienstweg« mit seinen heimtückischen Wirbeln, der andre, gefährlichere aber der Strom der empfindlichen Beziehungen, der zwischen den Mächten, Ressorts und Persönlichkeiten hin und her wogt. Am besten ist es daher, jeder Entscheidung aus dem Wege zu gehn und lieber den Vorgesetzten sich verbrennen zu lassen. In diesem Falle aber gab es keinen solchen. Der junge Müdir war sein eigener Vorgesetzter. Er mußte selbsttätig die Entscheidung treffen. Die Verproviantierung der Rebellen konnte unmöglich geduldet, ein von Seiner Majestät dem Sultan begünstigter Mann unmöglich abgewiesen werden. Der Schlaukopf aus Salonik heckte zu guter Letzt ein Kompromiß aus, zu dem er sich erst nach langen Kämpfen und heftigen Verzweiflungsausbrüchen bestimmen ließ. Der Agha erhielt die Erlaubnis, die türkische Belagerungszone zu überschreiten. Der Train mit dem Mehl mußte im Tal bleiben. Hierin konnte Rifaat Bereket nicht das geringste erreichen. Ob er denn nicht die neuen Gesetze kenne? In Syrien herrsche Hungersnot, über das Schicksal dieses Mehls werde der Kaimakam in Antakje zu bestimmen haben. Hingegen ließ der Müdir, was die reinen Genußmittel anbelangt, mit sich reden. Es waren nämlich auch noch einige kleinere Säcke mit Kaffee und Zucker sowie ein paar Ballen Tabak vorhanden. Das spielte keine besondere Rolle, da es die Ernährungslage auf dem Damlajik nicht verändern konnte. In diesem Punkte gab der Müdir endlich nach, indem er immer wieder betonte, daß er damit unrecht tue. Zuletzt erkundigte er sich nach den Begleitern des Agha:

»Es sind meine Diener und Gehilfen. Hier ihre Pässe! Sieh nach! Alles ist in Ordnung!«

»Und dieser da? Warum geht er verschleiert wie ein Weib?«

»Er hat eine häßliche Krankheit im Gesicht und muß sich vor der Luft schützen. Soll er den Schleier aufheben?«

Der Müdir verzog den Mund und winkte ab. Mehr als eine Stunde war vergangen, ehe sich die Yayli in der Richtung nach Bitias entfernen konnte. Ein Zug Infanterie unter Kommando eines Mülasim marschierte zu Seiten des Wagens. Zwei Packesel mit dem Kaffee, Zucker und Tabak folgten sowie drei Reittiere für den Agha und seine beiden Gehilfen. Als der Weg nicht mehr zu verfehlen war, ließ Rifaat Bereket den Wagen zurück und bat den Mülasim, mit seinen Leuten haltzumachen, damit der Aufzug von den Armeniern nicht mißverstanden werde und kein Kampf entbrenne. Der Offizier war mit diesem Vorschlag zufrieden und lagerte sich samt seinen Soldaten unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln im Walde. Die drei Alten ritten weiter, seitlich auf ihren Eseln sitzend, während die beiden Tragtiere ihnen nachgetrieben wurden. Der verschleierte Mann ging nebenher. In der rechten Hand trug er die grüne Fahne des Propheten, in der linken die weiße des Friedens.

 

Sie saßen einander im Scheichzelt gegenüber. Der Agha hatte diese zeugenlose Unterredung mit Gabriel Bagradian gefordert. Mit verbundenen Augen waren die Türken, wie es bei Parlamentären der Brauch ist, vom Nordsattel auf den Dreizeltplatz geführt worden. Nun hockten die Begleiter des Agha neben den Packeseln, von deren Rücken die Treiber die Säcke und Ballen abluden. Im Umkreis dieser Gruppe vermehrte sich die Menge von Minute zu Minute. Die Armenier aber kamen den Türken nicht nahe, aus einer tiefen Scheu, wie es schien. Jedes Herz klopfte zum Zerspringen. Was bedeutete die Gesandtschaft? Die Rettung? Das Leben?

Agha Rifaat Bereket benahm sich, was bedächtige Würde und Zeitverschwendung anbelangt, nicht anders, als säße er im milden Tagdunkel seines Selamliks. Unaufhörlich wie die Zeit selbst rollten die Bernsteinkugeln des Gebetkranzes durch seine Finger:

»Ich bin gekommen als der Freund deines Großvaters, als der Freund deines Vaters, als der Freund deines Bruders, Gabriel Bagradian, und ich bin gekommen als Freund der Ermeni millet. Du weißt, daß ich meine Arbeit dem Frieden zwischen unsern Völkern gewidmet habe, der nun zerstört ist, für immer ...«

Er brach die litaneiartigen Worte ab. Dann hing sein bekümmerter Blick an dem Gesicht dieses einst so jugendlich gepflegten Europäers. Er hätte die wilden, zusammengeschobenen Züge im krausen Bart nie wiedererkannt. Er versenkte sich eine Weile lang in sich selbst, ehe er wieder anhob:

»Schuld ist hier und dort ... Ich sage das nur, damit sich trotz aller Geschehnisse dein Urteil nicht verwirre und dein Herz nicht verhärte.«

Gabriels Gesicht wurde noch kleiner und grauer:

»Wer dort ist, wo ich bin, der weiß nichts mehr von Schuld. Mich kümmert keine Schuld mehr, kein Recht und keine Rache ...«

Rifaats Hände standen still:

»Du hast deinen Sohn verloren ...«

Bagradian hatte zufällig in seine Tasche gegriffen. Dabei war ihm die griechische Münze in die Hand geraten, die er als Amulett immer bei sich trug. »Dem Unerklärlichen in uns und über uns.« Er hielt sie hoch: »Dein Geschenk hat mir wenig Glück gebracht, Agha. Die Münze mit dem Königskopf hab ich an dem Tag verloren, da ich meinen Sohn verloren habe. Und die andre ...«

»Du kennst deinen letzten Tag noch nicht.«

»Er ist sehr nahe. Und doch kommt er mir viel zu langsam. Oft möchte ich hinuntersteigen zu den Euren, damit nur schon endlich, endlich alles vorbei ist.«

Der Agha sah auf seine leuchtenden Hände herab:

»Du wirst dein Leben nicht erniedrigen, sondern erheben. Ihr Bagradians habt mehr Kräfte als andre Menschen ... Doch alles steht bei Gott.«

Neben Rifaats gekreuzten Beinen lag die gelbe Aktentasche und auf ihr, schon vorbereitet, der Brief Pastor Harutiun Nokhudians an Ter Haigasun:

»Du weißt, Bagradian, daß ich schon seit Monaten unterwegs bin, um für euch zu wirken. Die Ruhe meines Alters hab ich dahingegeben. Und ich werde auch noch bis nach Deïr es Zor mit Gottes Hilfe kommen. Mein erster Weg in Syrien aber war zu dir. Ihr habt Freunde im Ausland und im Innern. Ein deutscher Pastor hat viel Geld für euch gesammelt und ich stehe mit ihm in Verbindung. Fünfzig Sack Weizen habe ich aufgebracht. Es war nicht leicht. Sie haben sie nicht durchgelassen. Ich dachte mir's gleich. Dem Kaimakam aber wird es nicht gelingen, sie zu konfiszieren. Sie werden euren Brüdern in den Lagern zugute kommen ... Diese Säcke aber waren nicht der Grund, warum ich's auf mich genommen habe, den Musa Dagh zu ersteigen ...«

Er händigte Gabriel den Brief Nokhudians aus:

»Auf diesem Blatt erfahrt ihr, was ihr sonst nie erfahren hättet, das Schicksal eurer Landsleute. Zugleich aber möget ihr wissen, daß unser Volk nicht nur aus Ittihad, Talaat, Enver und ihren Knechten besteht. Denn viele haben wie ich ihre Wohnstätten verlassen und reisen nach Osten, um den Verhungernden zu helfen ...«

Gewiß, der Agha Rifaat Bereket war ein wunderbarer Mann, würdig, daß Gabriel im Namen des Volkes vor ihm niedergekniet wäre. Doch all diese umständlich aufgezählten Wohltaten und Strapazen lösten nicht die Bitterkeit in seiner Seele. So groß die Opfer auch waren, der Hinweis auf sie machte ihn ungeduldig:

»Den Verschickten werdet ihr vielleicht helfen, uns nicht ...«

Der Alte blieb unwandelbar gemessen:

»Dir könnte ich wohl helfen. Dies ist auch der wichtigste Grund, warum ich in deinem Zelt hier sitze.«

Und nun floß im eintönigen Paßschritt der Worte ein Rettungsplan von des Agha Lippen, der Gabriels Herz stillstehen ließ. Bagradian habe die fünf Männer der Begleitung draußen gewiß gesehen, so begann Rifaat Bereket. Die beiden Alten seien Mitglieder der frommen Bruderschaft, die derselben Aufgabe dienten wie er – die beiden Eseltreiber langjährige Diener seines Hauses in Antakje. Was aber den fünften Mann anbelangt, so habe es mit dem eine weit schwierigere Bewandtnis. Er trage den Tod von vielen Armeniern auf dem Gewissen, sei aber in Stambul vom Scheich der »Herzensdiebe« Achmed belehrt und bekehrt worden. Er habe ein Gelöbnis abgelegt, für die Tat seiner niedrigen Seelenkräfte Buße zu tun und an den Armeniern wiedergutzumachen, was sein Haß an ihnen verbrach. Dieser Mann sei also bereit, mit Gabriel Bagradian die Kleider zu tauschen und zu verschwinden. Auf dem Kirchplatz habe der Müdir die Pässe aller Männer genau vidiert und die Namen in einer Liste verzeichnet. Bei der Rückkehr werde gewiß niemand mehr die Teskerés noch einmal abverlangen. Sollte der Müdir aber wider alles Erwarten doch Schwierigkeiten machen, so habe der verschleierte Bagradian einfach den Paß seines Doppelgängers vorzuweisen. Auch der Mülasim und seine Soldaten – sie haben sechs Personen eskortiert und nehmen sechs wieder in Empfang – würden nicht den leisesten Verdacht fassen, daß eine dieser Personen vertauscht worden sei. Ihm, dem Agha, einem ehrenhaften Mann, gingen solche polizeiwidrigen Unregelmäßigkeiten gegen die Gesinnung, hier aber gelte es, den Letzten der Familie Bagradian in die sichere Hut seines Hauses zu Antakje zu bringen. Er tue dies für die Seelenruhe und das Andenken des verewigten Awetis, von dessen Freundschaft er unzählige Beweise empfangen habe, er als blutjunger Türke von dem alten Armenier.

Gabriel erstickte. Das Segel des Lebens blähte sich so mächtig in seiner Brust, daß er vor den Zelteingang stürzte, um Luft zu bekommen. Er sah die Begleiter, wie sie schweigsam auf der Erde hockten. Er sah den Mann des Gelöbnisses, der längst seinen Schleier abgelegt hatte. Ein stumpfes, gewöhnliches Gesicht, dem man weder die Armeniermorde noch auch den Sühneentschluß anmerkte. Er sah den Kreis der Volksmenge, die von wilder Spannung geschüttelt schien. Er sah Iskuhi, die vor dem Krankenzelte stand. Und auch sie war fern und unwirklich wie alles andre. Wirklich war nur der Gedanke des Lebens: ein dunkles Zimmer in Rifaats Haus. Die Holzladen des Fensters, das in den Brunnenhof hinausgeht, sind geschlossen. Und hier, alles vergessend, nichts mehr wissend, einer neuen Geburt entgegenwarfen ... Als Gabriel nach einigen Minuten, wieder ruhig geworden, in das Scheichzelt zurücktrat, küßte er die Hand des Alten:

»Warum bist du nicht damals gekommen, Vater, als alles noch leicht war, als wir unten in der Villa lebten ...?«

»Ich habe sehr lange gehofft, es sei von euch abzuwenden. Für dich aber ist es noch immer abzuwenden.«

»Nein, auch für mich ist es nicht mehr abzuwenden.«

»Fürchtest du dich ...? Wir werden die Nacht abwarten. Es ist nicht die geringste Gefahr dabei.«

»Tag oder Nacht?! Nicht das ist es, Agha!« Er machte eine kleine schamhafte Pause: »Meine Frau ist erst heute vom Tode erwacht.«

»Deine Frau? Du wirst andre Frauen finden.«

»Mein Kind liegt hier oben ...«

»Du hast die Pflicht, deinem Stamm einen neuen Sohn und Fortführer zu schenken.«

Die schweren Augen des Alten blieben ungerührt. Gabriels Antwort aber war sehr leise, so daß er sie wohl gar nicht verstand:

»Wer dort ist, wo ich bin, der kann nicht wieder von vorne anfangen.«

Der Agha machte aus seinen belebten Händen eine Schale, als wollte er den Regen der Zeit auffangen:

»Warum denkst du an die Zukunft? Denk an die nächsten Stunden!«

Abschiednehmendes Nachmittagslicht durchströmte das Zelt. Gabriel Bagradian stand unhöflicherweise auf:

»Ich bin es gewesen, der den sieben Gemeinden die Idee eingegeben hat, auf den Musa Dagh zu gehn. Ich habe den ganzen Widerstand organisiert. Ich war der Führer in den Kämpfen gegen euer Militär, die es möglich gemacht haben, daß wir noch hier sind. Ich bin und werde der Verantwortliche, der Schuldige sein, wenn in ein paar Tagen die Euren alles Lebendige in diesem Lager, ja selbst die Kranken und Säuglinge zu Tode foltern werden. Was meinst du, Agha? Kann ich mich da einfach davonmachen?«

Agha Rifaat Bereket sagte darauf nichts mehr.

 

Gabriel Bagradian ließ die Geschenke des Agha unverzüglich auf den Altarplatz bringen, damit der Führerrat die Verteilung vornehme. In der Hauptsache handelte es sich um Zucker, Kaffee und ein wenig Tabak. Doch es war den Treibern gelungen, auch zwei Säcke mit Reis auf den Berg zu schmuggeln. Denkt man sich diese Gaben auf mehr als tausend Familien verteilt, so waren nur winzige Rationen zu erwarten. Gleichviel! Noch einmal heißen Kaffee in kleinen Schlucken genießen dürfen, daß alle Nerven zu leben und zu lächeln beginnen! Noch einmal den »Vater des Duftes« bis in die Tiefen des Zwerchfells einziehen, den Rauch langsam durch Nase und Mund ausstoßen und ihm gedankenlos nachstarren, ohne Sorgen und Morgen. Der tatsächliche Wert dieser Geschenke bedeutete weniger als die psychische Belebung und Aufmunterung, die sie gerade an diesem Tage des Herdenunglückes hervorriefen. Auch die beiden Packesel und zwei Reittiere wurden von den Türken zurückgelassen. Nur der alte Agha behielt das seine für den Ritt ins Tal.

Den Weg zum Nordsattel legten der Wohltäter und seine fünf diesmal ohne verbundene Augen zurück. Voran ging der Mann des Gelöbnisses mit der grünen und weißen Fahne. Er schien weder erfreut noch verstimmt darüber zu sein, daß er um sein gutes Werk gekommen war. Als Ehrengeleit folgten den Fremdlingen außer Gabriel Bagradian noch Ter Haigasun, Bedros Hekim und zwei Muchtars. Hinterher wälzte sich eine behexte Volksmenge. Die Unterredung im Scheichzelt, von deren Inhalt niemand etwas wußte, wurde zum Quell phantastischer Erwartungen. Der Agha ging in einem Nebel von Segenswünschen, Hilferufen, Tränenbitten, Hoffnungsfragen. Er konnte kaum vorwärtskommen. Nie, auch in den Lagern der Verschickung nicht, hatte Rifaat Bereket ähnliche Gesichter gesehen wie hier auf dem Damlajik. Die fieberwilden Fratzen der Männer umlauerten ihn gierig. Die stockdürren Arme der Weiber, aus zerrissenen Ärmeln stechend, hielten ihm die kleinen Kinder bettelhaft dicht vors Gesicht. Fast alle diese Kinder trugen schwankende Wasserköpfe an dünnen Hälschen und in ihren Riesenaugen lag ein Wissen, das Menschenkindern verboten ist. Der Agha erkannte, daß auch der grausamste Deportationsmarsch nicht entmenschender wirkte als dieses Abgeschnitten- und Ausgespiensein. Er glaubte zu verstehen, wie sehr das Zerstörungswerk an den Seelenkräften das Mordwerk an den Leibern übertrifft. Nicht die Ausrottung eines ganzen Volkes war der Greuel schlimmster, sondern die Ausrottung der Gotteskindschaft in einem ganzen Volk. Das Schwert Envers hatte, als es die Armenier traf, Allah selbst getroffen. Denn in ihnen wie in allen Menschen wohnte Allah, wenn sie auch Ungläubige waren. Wer aber in einem Geschöpf die Würde vernichtet, der vernichtet den Schöpfer in ihm. Dies ist der Gottesmord, die Sünde, die bis ans Ende der Zeit nicht vergeben wird. Rifaat Bereket, der fromme Derwisch, der sich der andern Welt und dem Schicksal der hingeschiedenen Seelen in seinen Meditationen und Tarikaats-Übungen oftmals genähert hatte, sah in seinem Geiste grauenvolle Bilder. Auch drüben, vor den Toren der Aufnahme, vor den Pforten der Harmonie schleppten sich schwelende Deportationszüge, ohne Einlaß zu erhalten. Zusammengepferchte Transportlager der Seelen, die nicht aufsteigen durften, weil ihnen die lange Marter, die lange Ausgestoßenheit jede Flugkraft genommen hatte. Heillose Zufluchtsnester dort, wie hier auf dem Musa Dagh. Zusammenrottungen brennender Hungerblicke, die auch noch im Jenseits zur astralen Bettelschaft und zum lichtscheuen Geducktsein verurteilt sind. Dem alten Manne war's, als ginge er durch eine dicke Aschenwolke, durch die Todeswolke des armenischen Volkes, die in unauflöslichen Schwaden zwischen hüben und drüben lagert. (Er atmete wirkliche Asche ein, ohne es zu merken, die letzten Spuren des zusammengeglühten Waldbrandes, die in beklemmenden Nebeln mit dem Landwind nach Westen zogen.) Nahm dieser Weg durch das armenische Schicksal kein Ende? An seinem Stock ging der Agha, immer älter werdend, immer tiefer gebückt. Er sah nur mehr die Erde an, die dies alles gebar und dies alles ertrug. Seine kleinen Füße in den weichen Schuhen trippelten eifrig, des Gehens ungewohnt. Den weißen Bart fest an die Brust drückend, lief er eilig wie ein Fliehender, der um seine letzte Kraft bangt. Sein Ohr hörte nicht mehr die flehenden Laute, die beschwörenden Aufträge ringsum. Nur fort! Doch die Kraft Rifaats reichte nur bis zum ersten Graben der Nordstellung. Dort überfiel ihn angesichts der gaffenden Zehnerschaften ein heftiger Schwindel, der ihn zu Boden zwang. Die beiden als Eseltreiber folgenden Diener stürzten angstvoll herbei. Der Agha war ein kranker Mann. Der fränkische Hekim in Stambul hatte ihn vor Überanstrengungen gewarnt. Der gesetztere von den beiden Dienern zog aus einem grünen Samtbeutel, den er dem Herrn immer nachtrug, eine Riechflasche und eine Dose mit Lakritzen, die auf das Herz belebend wirkten. Als sich der Agha schnell wieder erholt hatte, lächelte er zu Ter Haigasun und Gabriel Bagradian empor, die sich zu ihm niederbeugten:

»Es ist nichts ... ich bin alt ... zu schnell gelaufen ... und dann ... Ihr gebt mir viel zu tragen ...«

Während er sich mit Hilfe seiner Begleiter erhob, hatte er das bestimmte Gefühl, er werde seine Aufgabe nicht erfüllen können und nicht bis Deïr es Zor gelangen.

Rifaat Bereket kam mit der Yayli erst gegen Mitternacht in seinem Haus in Antakje an. Seine Glieder waren vor Erschöpfung halb gelähmt. Dennoch aber malte er mit schöngeschnörkelter Schrift noch einen Brief an Nezimi Bey zu Händen des christlichen Geistlichen Lepsius, in dem er über seine erste Aktion Rechnung und Rechenschaft ablegte.

 

Zur selben Zeit, da Agha Rifaat Bereket den Brief an Lepsius schrieb, löste sich die Seele Krikors von Yoghonoluk aus ihrem gemarterten Körper. Vor dem Schlafengehen hatte Lehrer Hapeth Schatakhian des Apothekers wegen schwere Gewissensbisse empfunden. Nach dem aufregenden Führerrat am frühen Morgen war er blind fortgestürzt, ohne während dieses ganzen schrecklichen Tages auch nur einen einzigen Blick nach seinem alten Meister zu werfen, dem kein Mensch in seiner Krankheit beistand. In der zweiten Nachtstunde betrat der Lehrer und Jünger vorsichtig die Regierungsbaracke, näherte sich auf Zehenspitzen der schwach erleuchteten Koje Krikors, guckte über die Büchermauer und flüsterte zärtlich, um den Kranken, sollte er schlafen, nicht zu wecken:

»Apotheker, he, wie geht's?«

Krikor lag auf dem Rücken. Sein Atem ging schwer. Doch in seinen offenen Augen war tiefe Ruhe. Sie rügten den Lehrer wegen seiner dummen Ansprache. Schatakhian drückte sich an den Büchern vorbei ans Lager. Er legte prüfend seine Finger an das entstellte Handgelenk Krikors:

»Hast du große Schmerzen?«

Es klang so, als lege der Apotheker in seine Worte eine doppelte Bedeutung:

»Wenn du mich anrührst, hab ich große Schmerzen.«

Der Lehrer hockte sich neben den Kranken hin:

»Ich werde diese Nacht bei dir bleiben. Es ist besser so ... Du könntest vielleicht etwas brauchen ...«

Krikor aber schien für die Nacht durchaus keine Gesellschaft zu wünschen:

»Ich brauche gar nichts ... Es ist bisher sehr gut gegangen ... es wird heute auch noch gehn ... Du kannst dich schlafen legen, Lehrer ...«

»Aber ich möchte gern noch bleiben, wenn es dich nicht anstrengt ...«

Krikor sagte nichts. Er war mit seinem Atem beschäftigt. Der Lehrer aber wurde wehmütig:

»An die schönen Zeiten denk ich, Apotheker, an unsre Spaziergänge und an deine Reden ...«

Krikors tiefgelbes Mandarinengesicht lag regungslos da. Er sprach mit einer hauchigen Kopfstimme. Sein Bocksbärtchen bewegte sich nicht: »Das war alles nicht viel wert ...«

Durch diese Abwehr aber wurde Schatakians Sentimentalität erst recht entfesselt:

»Das war sehr viel wert ... Für mich, für uns ... Du weißt ja, daß ich in Europa gelebt habe, Apotheker. Ich kann sagen, daß mir die französische Kultur in Fleisch und Blut übergegangen ist ... Man sieht und hört und lernt tausend Dinge dort, Vorträge, Konzerte, Theater, Bilder, Cinéma ... Siehst du, das warst du alles für uns in Yoghonoluk, und mehr als das ... Die ganze Welt hast du uns gebracht und erklärt ... Oh, Apotheker, was hätte in Europa aus dir werden können!«

Dieser Ausruf ergrimmte Krikor sichtlich. Hochmütig hauchte er:

»Ich bin ganz zufrieden ... wie es ist ...«

Lehrer Schatakhian wurde plötzlich kleinlaut. Minutenlang fand er keinen Gesprächsstoff. Dann aber verfiel er auf einen jener kindischen Scherze, wie man sie mit Sterbenden zu machen pflegt, um ihnen ihr Los zu verhüllen:

»Was für ein feierliches Nachthemd du dir angezogen hast, Apotheker! In ein paar Tagen, wenn du's ausziehst, wird es schmutzig und zerknittert sein. Dann mußt du dir ein neues schenken lassen, denn so etwas gibt man doch nicht in die Wäsche ...«

»Es wird nicht zerknittert und schmutzig sein«, sagte der Apotheker, und Schatakhian erinnerte sich daran, wie unkörperlich Krikors Körper immer gewesen war. Er wünschte sich, daß der Kranke jetzt einschlafe, denn die wache Gegenwart dieses Geistes bedrückte ihn. Und wirklich, Krikor schien ihm trotz seiner offenen Augen diesen Gefallen tun zu wollen. Es verging fast eine halbe Stunde, ehe er mit jener sonderbaren Falsettstimme wieder anhob:

»Lehrer! Anstatt Dummheiten zu reden, könntest du etwas Gescheites tun ... Geh dort zu dem Brett mit der Apotheke ... Siehst du die runde schwarze Flasche? Daneben steht ein Glas ... Schenk es voll!«

Schatakhian, glücklich, einen realen Auftrag erhalten zu haben, gehorchte und brachte das große, bis zum Rand gefüllte Glas, das weithin nach Maulbeerschnaps duftete:

»Da hast du dir aber die richtigste Medizin verordnet, Apotheker.«

Er schob seinen Arm unter Krikors Kopf, stützte ihn auf und führte das Glas an seinen Mund. Der Weise von Yoghonoluk leerte es in langen Zügen, so wie man Wasser trinkt. Keuchend fiel er zurück. Nach einer Weile aber bekam sein Gesicht Farbe, und in seine Augen trat spöttische Lustigkeit.

»Das ist ... gegen den Schmerz ... Jetzt aber muß ich allein sein ... Geh schlafen, Schatakhian ...«

Der Gesichtsausdruck und die belebtere Stimme des Kranken beruhigten den Lehrer:

»Ich werde morgen zu dir kommen, Apotheker, sehr früh ...«

»Ja, komm morgen ... so früh du willst ... Jetzt aber könntest du noch die Lampe auslöschen ... Es ist schon das letzte Petroleum ... Dort meine kleine Kerze ... zünde sie an. Stell den Leuchter auf die Bücher hinauf ... so ... Das ist alles ... geh schlafen, Schatakhian ...«

Als der Lehrer schon hinter der Büchermauer war, zögerte er noch einmal, drehte sich um und schaute seinen Meister an:

»Ich würde mich an deiner Stelle wegen des Oskanian nicht kränken, Apotheker, wir haben ihn ja immer erkannt ...«

Der letzte Rat Schatakhians war völlig überflüssig. Der Apotheker lebte jetzt in einer Welt der tiefsten Ruhe, in der lächerliche Figuren wie Oskanian keine Rolle spielten. Er sah gerade vor sich hin, ohne den Blick zu rühren, und genoß die große Wonne der Schmerzlosigkeit. Sein Herz war unendlich heiter. Er zählte seine innere Barschaft. Wie leicht war sein Gepäck, wie glücklich war er. Er verlor keinen Menschen, und ihn verlor kein Mensch. All dieses Menschliche lag unermeßlich weit zurück und hatte wahrscheinlich nie bestanden. Krikor war gewiß immer Krikor gewesen, ein Mann ohne die Eigenschaften der andern. Das Volk bejammerte diejenigen, welche in solchen Augenblicken einsam sind. Der Apotheker begriff das nicht. Gab es etwas Herrlicheres als diese Einsamkeit? Ein Gefühl trockener Sauberkeit von Kopf zu Füßen, ein Gefühl, keine Verpflichtungen zu haben und in Ordnung zu sein. Kein fremder Zusatz trübte das atmende Fluten des reinen Ich. Und das Blut in diesem Fluten kam immer mehr in Bewegung. Eine prachtvolle Wärme stieg auf. Krikor merkte, wie seine Glieder wieder beweglich wurden, wie seine Gelenke die Steifheit verloren. Mit einem Ruck, der ihm gar nicht weh tat, wandte er sich dem Licht zu. Kleine weiße Motten und große dunkle Nachtfalter tanzten um die Flamme. Krikor dachte: Wenn das so weitergeht, werde ich gesund werden. Aber dies war ihm gar nicht wichtig. Sein Geist begann dem Faltertanz nachzusinnen. Große und eingebildete Worte stiegen wie Blasen auf, ohne daß Krikor Macht über sie hatte. »Die Zentralsonne des Polyodorus.« Gab es das, oder gab es das nicht? Gleichviel! Um die Zentralsonne des Polyodorus tanzten die Schleierplejaden und die Spinnwebenneaden, Sternhaufen in Schmetterlingsform, deren feine Materie aus dem Aschenstaub verbrannter Welten gebildet ist, wie der arabische Astronom Ibn Saadi schon nachgewiesen hat. Was alles hätte aus ihm in Europa werden können. Der Esel Schatakhian! Krikor von Yoghonoluk war stolz wie ein Gott, da er die grauen Welten um die Zentralsonne tanzen sah. So stolz war er, daß er sich selbst verlor und einschlief. – Das Erwachen aber war schrecklich. Die Koje hatte sich unbegreiflich verengt. Krikor sah fast nichts mehr. Die Nachtfalter hatten sich vertausendfacht und deckten das Licht der schlechten Kerze fast völlig ab. Der Kranke bekam keinen Atem, brach in verzweifelte Gurgelrufe aus und krümmte sich hoch, der Schmerzen nicht achtend. Äußerlich gesehn war's ein Erstickungsanfall, doch innerlich etwas weit Grauenhafteres. Das Gefühl eines ungeheuren Nicht-Aushaltens, aber nicht etwa im zeitlich vorübergehenden Sinn, sondern ein Nicht-Aushalten, das sich in alle Ewigkeit verewigt. Wenn es eine Hölle gab, mußte dies ihre große Strafe sein. Und dies verewigte Nicht-Aushalten hatte einen ganz bestimmten Inhalt. Wissendes Nichtwissen oder nichtwissendes Wissen wäre eine matte Bezeichnung gewesen für dieses Meer von Halbheit, von angefangenen Erkenntnissen, schnell geschmolzenen Gedanken, unbegriffenen Lehren, festgefressenen Irrtümern. Nicht-fertig-Werden mit dem Kleinsten! Grausige Ohnmacht des Geistes, der an jedem Grashalm zerschellt! In diesem Meer voll ekelhafter Trümmer glaubte Krikor zu ertrinken. Er wollte sich retten, fliehen. Röchelnd kroch er vor, tastete sich hoch, klammerte sich an der Büchermauer fest. Als er in seiner Schwäche den Halt verlor und rücklings auf sein Lager fiel, riß er die obersten Schichten der Bücherwand mit sich und die verlöschende Kerze dazu. Polternd stürzten sich die Bücher auf Krikors Körper, als wollten sie ihren Herrn umarmen und festhalten. Der Kranke lag sehr lange so, wie er gefallen war, zufrieden, daß er wieder atmen konnte und daß der Erstickungsanfall des Nichtwissens ihn freigegeben hatte. Wie Wellen kamen die Schmerzen jetzt wieder. Jeder Finger brannte, als habe er ihn eben aus dem Feuer gezogen. Da leisteten dem Apotheker die Bücher noch einmal einen großen Dienst, die gelesenen, die ungelesenen, die durchblätterten, die geliebten. Er steckte seine brennenden Hände zwischen die Seiten. Das Innere der Bände war so kühl wie Wasser. Und mehr als das. Eine neue eisige Ruhe strömte aus dem Geistesblut der Bücher in das seine. Er erkannte jedes einzelne noch mit seinen tauben und blinden Fingern. Eine letzte leise Anwandlung: Schade um diese Freude. Dann ließ das Brennen nach, Zug um Zug. Der letzte Schmerz sah sich noch einmal um. Die sanfte Empfindungslosigkeit stieg immer höher. Durch die Balkenritzen zuckte ein bleiernes Grau. Krikor merkte es nicht, denn etwas sehr Großes geschah mit ihm. Es begann damit, daß ihn ein stilles Bewußtsein durchflutete, so, als poche jeder Schlag des versickernden Pulses: Ich bin die erste Person, ich bin die erste Person. Dann begann das, was Krikor von Yoghonoluk hieß, zu wachsen. Dies aber ist schon eine Fälschung. Worte, die nach Zeit und Raum gerichtet sind, drücken es nicht aus. Vielleicht wuchs nicht das, was Krikor von Yoghonoluk hieß, sondern das, was die Welt war, schrumpfte ein. Ja, die Welt zog sich mit rasender Schnelligkeit zusammen, die Baracke, die Stadtmulde, der Musa Dagh, die Heimat unten und was sie umgab. Anders konnte es gar nicht sein. Sie hatte keine Dichtigkeit, da sie aus der Asche verbrannter Sterne bestand. Zuletzt war nur mehr Krikor von Yoghonoluk allein da. Er war das All, nein, er war mehr als das All, denn die Nachtfalter der Welten tanzten um sein Haupt, ohne daß er es merkte.

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