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Die vierzig Tage des Musa Dagh

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDie vierzig Tage des Musa Dagh
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun6. Auflage
year1975
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151125
modified20170206
projectid40f0e668
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Drittes Kapitel
Der Schmerz

Gabriel Bagradian verbrachte die Nächte wieder auf seinem gewohnten Schlafplatz in der Nordstellung. Auf dringende Bitte Ter Haigasuns, den die sichtbare Lockerung der Mannszucht beunruhigte, hatte er bereits am ersten Abend nach Stephans Verschwinden den Oberbefehl wieder übernommen. Er gab damit ein klareres Zeugnis seiner Selbstdisziplin und Nervenkraft als in allen drei Schlachten. Denn in diesen Tagen zitterten ihm die Hände, er konnte keinen Bissen genießen und keinen Augenblick schlafen. Das Furchtbare war nicht nur die Ungewißheit über Stephans Los, sondern die völlige Aussichtslosigkeit, ihn zu finden, ihn zu retten. In der ersten Verzweiflung hatte er mit dem Gedanken einer Expedition gespielt. Sollte er nicht seine »Fliegende Garde« neu aufstellen und mit ihr einen Ausfall und Streifzug bis an die Aleppostraße wagen? Vielleicht würde er auf diesem nächtlichen Blut- und Brandzug, die ganze Gegend in Schreck versetzend, Stephan und Haik noch einholen. Diesen romantischen Plan ließ er natürlich sofort fallen. Durfte er denn um seines eigenen Kindes willen das Leben von hundert Verteidigern für ein tolles Abenteuer aufs Spiel setzen? Stephan hatte schließlich auf eigene Faust nichts andres unternommen als das, was Haik im Auftrage des Volkes tat. Es lag durchaus kein allgemeiner Grund vor, für ihn Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen.

Mit der Wucht eines Erstickenden warf sich Gabriel Bagradian auf neue Arbeit. Schwäche und Lässigkeit, durch die Nahrungsnot gefördert, war in den Zehnerschaften eingerissen. Wer von Linie und Reserve aber bereits Glaubens war, man würde nun dem Tode mit brennendem Magen, doch sonst im Dolcefarniente entgegenwarten dürfen, wurde plötzlich eines anderen belehrt. Die Mannszucht straffte sich schmerzhaft. Tschausch Nurhan erhielt den Befehl, mit den Zehnerschaften tägliche Gefechtsübungen durchzuführen. Es war wie in den ersten Tagen. Niemand durfte, auch in den Freistunden nicht, seinen Posten verlassen. Urlaube für die Stadtmulde wurden nur in den dringendsten Fällen erteilt. Die Reserve bekam harte Arbeit. Für den künftigen Riesenangriff der Türken sollten die Stellungen nicht nur verbessert, sondern zur Täuschung des Feindes teils verlegt, teils durch mächtige Steinschanzen uneinnehmbar gemacht werden. Gabriel, Awakian und Lehrer Schatakhian zeichneten stundenlang an den neuen Plänen, deren Ausbau unverzüglich in Angriff genommen wurde. In diesen Tagen war alles in unablässiger Bewegung. Keiner vermochte der verzweifelten Aktivität Bagradians Widerstand zu leisten. Doch seine fordernde Unrast wirkte, merkwürdig genug, nicht aufreizend und haßerregend, sondern belebte die nachlassende Seelenspannung mit frischer Zuversicht und neuem Kampfesmut. Das Leben der Verteidiger bekam nach einem kurzen Zwischenspiel der Ermattung wieder Ziel und Inhalt.

Gabriel Bagradian fühlte nicht eigentlich Widerstand gegen seine Person, sondern nur eine verschärfte Einsamkeit. Es ist wahr, auch in der vorhergehenden Zeit hatte sich weder zwischen ihm und den Führern noch auch zwischen ihm und dem einfachen Manne irgendeine Herzlichkeit, geschweige denn Freundschaft angesponnen. Man erwies ihm als Befehlshaber Gehorsam, Achtung, ja Dankbarkeit, doch er und die Leute vom Musa Dagh, das war zweierlei. Jetzt aber wich man ihm geradezu aus, selbst Aram Tomasian, der sonst bei jeder Gelegenheit ein Gespräch mit ihm gesucht hatte. Er bemerkte, daß rechts und links von seiner Schlafstätte in der Nordstellung die Nachbarn ihre Lager weiterrückten. Oberflächlich genommen lag die Erklärung darin, daß man in Gabriel Bagradian, der täglich eine Stunde und auch mehr am Krankenbett seiner Frau verbrachte, einen Träger der Ansteckung fürchtete. Doch hinter diesem äußeren Grunde verbargen sich weit verwickeltere Regungen. Gabriel Bagradian war der Mann, den ein Unheil getroffen hatte und von dem man ahnte, daß ihn ein viel härteres Unheil noch treffen werde. Die allmenschliche Angst vor einem Unheilbedrohten zog den vereinsamenden Bannkreis um ihn.

Was die Epidemie im Lager anbetrifft, so war es zum größeren Teil dem günstigen Wetter, zum kleineren Teil Bedros Hekim zu danken, daß sie ihre schleichende, doch begrenzte Form nicht überschritten hatte. Von hundertunddrei erkrankten Personen waren bisher vierundzwanzig gestorben. Der Führerrat hatte dem Arzt eine Sanitätskommission beigestellt, zu der auch Pastor Tomasian gehörte. Diese Behörde inspizierte täglich einmal die ganze Stadtmulde, Hütte für Hütte. Wurde irgendwo ein Bewohner mit den leisesten Anzeichen fiebrischen Unwohlseins angetroffen, mußte er seine Decken und Kissen sogleich zusammenpacken und sich in das Epidemie-Wäldchen, das Infektionsspital des Lagers, begeben. Der Aufenthalt in diesem schattigen Gehölz war übrigens für die Kranken mild und angenehm. Ein Regen freilich hätte alles grausam verändert. Doch dem Unwetter des ersten Tages war, Gott sei es gedankt, bisher kein zweites nachgefolgt, was im Hinblick auf den syrischen August zwar eine Gunst, aber kein Wunder genannt werden darf.

Bedros Altouni kam auf seinem Reittier zweimal im Tag zu Juliette Bagradian. Er wunderte sich darüber, daß die Krankheit bei ihr nicht den gewohnten Verlauf nahm. Die Krise schien sehr lange auf sich warten zu lassen. Das Fieber war nach dem ersten Anfall etwas gesunken, ohne daß die Kranke jedoch zu Bewußtsein gekommen wäre. Dabei lag sie nicht wie die anderen in tiefer Ohnmacht oder in phantasierender Erregung, sondern in einer Art von abgründig bleischwerem Schlaf. Innerhalb dieses Schlafes aber konnte sie, ohne zu erwachen, den Kopf wenden, den Mund öffnen und die Milch schlucken, die ihr Iskuhi reichte. Manchmal stammelte sie auch ein paar Worte aus einer anderen Welt herüber.

Iskuhi Tomasian rührte sich in den ersten Tagen kaum aus dem Krankenzelt, da die arbeitsüberlastete Mairik Antaram die Pflege nur stundenweise übernehmen konnte. Das Mädchen hatte sein Bett hereinschaffen lassen und schlief bei Juliette. Howsannah und ihr Kind sah sie jetzt nicht mehr, wie es ja nicht möglich war. Trotz ihres Gebrechens leistete Iskuhi den Pflegedienst mit Geschick. Da schon am zweiten Tag zu der Krankheit eine eitrige Angina hinzutrat, geschah es oft, daß Juliette die Milch, die ihr Iskuhi einflößte, nicht hinunterwürgen konnte oder wieder erbrach. Die Pflegerin mußte dann noch zu allen anderen Mühen die Bettwäsche auswechseln und waschen. Juliettens Dienerinnen ließen sie ruhig gewähren. Sie fürchteten sich vor der Ansteckung und berührten nur mit großem Widerwillen die Kranke und ihre Sachen. Meist steckten sie nur einmal am Morgen und ein andres Mal gegen Abend den Kopf scheu ins Zelt und verschwanden dann. Was hatten sie schließlich mit dieser Fremden zu schaffen, die in solch schmählichem Rufe stand? Die Last lag vorläufig auf Iskuhi ganz allein. Bei Tag und Nacht erwies sie der Bewußtlosen Liebesdienste, ohne daß ihr Herz der Französin auch nur einen Schatten nähergekommen wäre. Wenn die Frau des Arztes zur Ablösung erschien, mußte sie die junge Tomasian mit Gewalt aus dem Krankenzelte entfernen, damit diese ein paar Stunden lang ruhe. Iskuhi aber setzte sich dicht vor den Eingang und rührte sich nicht fort. Wenn ein Schritt ertönte, ein Gesicht auftauchte, erschrak sie tief und suchte sich zu verstecken. Der Gedanke an ein Zusammentreffen mit ihrem Bruder oder ihrem Vater verstörte sie. Am liebsten war ihr die Stunde an der Grenze zwischen Nacht und Morgen, wenn sie, wie eben jetzt, vor dem Zelt saß, um Gabriel zu erwarten. In dieser einsamsten Stunde der Welt pflegte er meist zu kommen, da er eine ganze Nacht auf seinem Schlafplatz in der Nordstellung fast niemals aushielt. Gabriel trat, von Iskuhi gefolgt, an Juliettens Bett. Die Petroleumlampe auf dem Spiegeltischchen warf ihr Licht voll auf den Kopf der Kranken. Altouni hatte gewünscht, man möge Juliette immer im Auge behalten, für den Fall, daß sie erwache oder daß eine Herzschwäche eintrete. Gabriel Bagradian beugte sich über seine Frau und schob die Augenlider auseinander, als wollte er durch die Einwirkung des Lichtes ihren Geist zurückrufen. Juliette wurde wohl unruhig, machte zuckende Bewegungen, atmete laut, doch sie erwachte nicht. Die Stimme Iskuhis erzählte alles Wissenswerte, das sich tagsüber ereignet hatte. Im Zelte redeten die beiden nur Sachliches miteinander. Doch auch vor dem Zelte war's nicht geheuer. Als sie jüngst um die gleiche Stunde Arm in Arm auf dem Dreizeltplatz umhergegangen waren, hatte Iskuhi gespürt, wie Howsannahs Türvorhang sich bewegte und der Blick verborgener Augen sie im Rücken traf. Darum verließen sie heute den Krankenraum auf Zehenspitzen und begaben sich zum »Gartensalon«, zu jener von Myrten umsäumten Bank, wo Juliette in früheren Tagen ihre Bewunderer empfangen hatte. Hier waren sie gut geborgen. Trotz der tiefen Einsamkeit berührten sie einander nicht und sprachen nur hauchend leise:

»Weißt du, Iskuhi, vorhin hab ich gemeint, ich verliere den Verstand. Aber in dem Augenblick, da ich deine Nähe gefühlt habe, waren diese grauenhaften Einbildungen vorüber. Jetzt bin ich wieder frei. Sei still! Es ist schön. Lange wird's ja nicht dauern.«

Er lehnte sich weit zurück wie ein Leidender, der endlich eine schmerzfreie Körperstellung gefunden hat und diese festhalten will:

»Ich habe Juliette geliebt und vielleicht liebe ich sie noch. Mit der Erinnerung wenigstens. Aber dies zwischen dir und mir, was ist das, Iskuhi? Am Ende meines Lebens hab ich dich finden müssen, wie ich hierherkommen mußte, nicht durch Zufall, sondern ..., aber wer kann das ausdrücken? Mein Lebtag habe ich immer nur das Fremde gesucht. Es hat mich verführt, doch niemals glücklich gemacht. Und auch ich habe das Fremde verführt und nicht glücklich gemacht. Man lebt mit einer Frau, Iskuhi. Und dann trifft man die einzige wahrhaftige Schwester, die man hat, und es ist zu spät ...«

Iskuhi sah an ihm vorbei in das träge bewegte Gesträuch:

»Wenn wir uns draußen in der Welt begegnet wären, irgendwo, hättest du dann die Schwester in mir auch bemerkt ...?«

»Das weiß Gott allein. Vielleicht hätte ich sie nicht bemerkt ...«

Kein Schatten lag auf ihrer Stimme:

»Und ich hab es sofort gesehen, wer du für mich bist, damals schon, in der Kirche, als wir von Zeitun kamen ...«

»Damals? Ich hab's nie geglaubt, daß man ein andrer werden kann, Iskuhi. Man lernt zu, dacht ich mir, man entwickelt sich ... Das Gegenteil ist wahr. Man schmilzt. Was dir geschieht und mir und unserm ganzen Volk, das ist ein Schmelzprozeß. Ein dummes Wort für die Sache. Aber ich spür's, wie ich zusammenschmelze. Alles Überflüssige, alles Angeflogene vergeht. Bald bin ich nur mehr ein Stück Metall, dieses Gefühl hab ich. Siehst du, und aus demselben Grunde ist Stephan verloren ...«

Iskuhi griff nach seiner Hand:

»Warum sagst du das? Warum soll Stephan verloren sein? Er ist ein starker Junge. Und Haik kommt sicher nach Aleppo. Warum nicht auch er?«

»Er kommt nicht nach Aleppo ... Bedenke doch, was geschehen ist. Und das alles trägt er in sich ...«

»Du solltest solche Worte gar nicht aussprechen, Gabriel! Du schadest ihm damit. Ich habe alle Hoffnung für Stephan ...«

Iskuhi wandte plötzlich den Kopf nach dem Krankenzelt. In Gabriel aber blinkte ein Gedanke auf, er wußte selbst nicht warum. Sie wünscht sich Juliettens Tod, sie muß ihn wünschen! Iskuhi war aufgesprungen.

»Hörst du nichts? Ich glaube, Juliette ruft!«

Er hatte nichts gehört, folgte aber Iskuhi, die ins Zelt stürzte. Juliette wand sich auf ihrem Bett wie eine Gefesselte, die gegen Stricke kämpft. Sie war weder ganz bewußtlos noch auch wach. Ihre zerbissenen Lippen bedeckte ein weißlicher Schorf. Man sah es den glutroten Wangen an, daß in den letzten Minuten das Fieber wieder bis an die Grenze des Möglichen gestiegen sein mußte. Sie schien Gabriel zu erkennen. Mit irren Händen klammerte sie sich an seinen Rock. Er konnte die Frage nur mit Mühe verstehen, die sie heiser lallte:

»Ist das alles wahr ... Ist das alles wahr ...?«

Zwischen dieser Frage und seiner Antwort lag eine kleine Zeitlücke, wie aus eisiger Windstille gebildet. Dann aber betonte er, über die Frau geneigt, jede Silbe in der Art eines Magnetiseurs, der einen hypnotischen Auftrag erteilt:

»Nein, Juliette, das alles ist nicht wahr ... das alles ist nicht wahr ...«

Ein erschütternder Seufzer:

»Gott sei Dank ... Es ist nicht wahr ...«

Ihr Krampf lockerte sich. Sie zog die Knie hoch, als wolle sie sich schuldlos im Mutterleib des Fiebers verkriechen. Gabriel fühlte ihren Puls. Es war ein wildes, doch kaum mehr wahrnehmbares Vogelpicken. Man mußte zweifeln, ob Juliette noch den Morgen erleben werde. Schnell, das Herzmittel! Iskuhi schob ihr den Löffel mit der Strophantuslösung zwischen die Zähne. Da kam Juliette noch einmal zu sich, versuchte aufzusitzen und keuchte:

»Auch Stephan ... die Milch ... nicht vergessen ...«

 

Für Pastor Aram brach ein Tag des Ärgernisses an. Er hatte sich, die Laterne an den Gürtel geschnallt, vor Morgen aufgemacht, um zu den Meeresklippen hinabzusteigen und die ersten Resultate der von ihm ins Werk gesetzten Fischerei zu besichtigen. Das Floß war nun fertig, und die jungen Leute hatten sich in dieser windlosen Nacht bereits hinausgewagt, um mit Schleppnetzen und kleinen Lichtern den üblichen Küstenfischfang zu betreiben. Tomasian war von seiner Idee besessen. Er sah in ihr nicht nur die Möglichkeit, den notwendigen Kostwechsel und reichliche Zubuße zu schaffen; sie erschien ihm darüber hinaus als einzige Rettung vor der nahenden Hungersnot. Sollte es bei hinreichendem Fleiße nicht gelingen, dem Meere täglich zwei- bis dreihundert Oka Fische zu entreißen? Wie sehr man auch mit dem Schlachtvieh jetzt schon knauserte, in sechs Wochen würde das letzte Schaf verschwunden sein – selbst bei höchst optimistischer Rechnung. Brachte er aber, Aram Tomasian, die Fischerei zum Blühen, so wuchs aus dem Meere neuer Mut und neue Widerstandskraft. Schon der Gedanke an die unerschöpfliche Lebensquelle würde Wunder wirken.

Während der junge Pastor im grünlichen Frühlicht den auf Befehl des Führerrats neu gebahnten Pfad mit großen Schritten hinabsprang, dachte er jedoch weder an Schafe noch an Milch, ja nicht einmal an seine Fische; sein Herz war ganz anderen, und zwar familiären Beklemmungen ausgesetzt. Was sind das für unnütze Besorgnisse und Wallungen, Aram Tomasian? Du tust ja so, als würde dein kleines Kind, dieser elende Wurm, jemals ein erwachsener Mann werden, für dessen Zukunft du Vorsorge treffen müßtest. Du tust ja so, als ob du mitten in einer regelstrengen Gesellschaft lebtest, in der die Ehre eines Mädchens der Gegenstand eifernder Obhut ist. Doch was hilft's? Dem Menschen ist es durch Gottes Gnade vergönnt, an alles eher zu glauben als an den Untergang, selbst wenn er schon mittendrin steht.

Das Söhnchen der Tomasians war nun sechzehn Tage alt. Es hatte die großen, uralten Armenieraugen. Sein Blick aber faßte nichts. Und noch immer hatte es nicht geschrien. Wenn es einen Laut von sich gab, so war es bloß ein tonloses Wimmern. Von Tag zu Tag grausamer schwand die Hoffnung auf einen Irrtum hin. War es blind und stumm geboren? Das Feuermal aber wuchs, dieses rätselhafte Zeichen, das der Musa Dagh selbst mit unsichtbarem Petschaft auf die Brust seines ersten Sprößlings gepreßt zu haben schien. Wen alles hatten die Tomasians wegen ihres Unglücks nicht schon zu Rate gezogen? Ganz abgesehen von Bedros Hekim und Mairik Antaram, der offiziellen Heilkunde, die verschiedensten weisen und unweisen Frauen, die es im Lager gab. Sie bekamen stets das gleiche zu hören, schlüssige und billige Erklärungen des Unglücks nämlich, die keinen Weg der Hilfe wiesen: die schweren Erlebnisse Howsannahs in Zeitun, die Deportation, die harte Reise nach Yoghonoluk, und dann wiederum Erregung und Flucht, all diese Schrecknisse hätten das Kind im Mutterleibe geschädigt. Was aber konnte man mit solchen Tröstungen anfangen? Da hier kein vernünftiges Mittel half, hätte sich Howsannah am liebsten den Künsten einer Nunik anvertraut. Seit der türkischen Invasion im Tale aber zeigten sich die Wehmütter des Todes und Gebärens nicht mehr auf dem Damlajik.

Jene einleuchtenden Gründe aber, die das furchtbare Schicksal ihres Kindes so logisch erklärten, genügten Howsannah ganz und gar nicht. Sie selbst fühlte sich von Gott geschlagen. Nicht umsonst war sie in einem pietistischen Vaterhaus aufgewachsen. Ein Kind soll Gnade sein. Dieses Kind aber war Strafe. Strafe erfließt aus Gott für Sünde. Sie war sich keiner Sünde bewußt. Auch nicht in den heimlichsten Winkeln ihrer Gewissenserforschung konnte sie sich Aram gegenüber einen Vorwurf machen. Da aber Schuld zweifellos vorhanden war, so lag sie in anderen, und zwar klarerweise in ihrer engeren Umgebung. Aram schied von jedem Verdachte aus. Howsannah war eine fanatische Gattin, die an ihrer Ehe keinen Makel sah. Wo aber lag dann die Sünde, deren Schatten auf ein unschuldiges Kind fiel? Da war zunächst die erste Ursache des Fluches, Juliette Bagradian. In ihr, der Ehebrecherin, der Kleidernärrin, der Gottlosen, der Fremden, sah Howsannah den Inbegriff der Sünde, deren Folgen fressend ausstrahlten wie Krebs. Und man lebte schamlos in ihrem Bannkreis, man wohnte in ihrem Zelt, schlief in ihrem Bett, man aß auf ihren Tellern ihre Speisen, weil man abhängig war von gleisnerischem Tand, weil man auf solche Bequemlichkeiten nicht verzichten wollte, weil man zu der von Gott verhängten Armut, wie sie in allen anderen Familien herrschte, nicht die Reinheit besaß. Howsannahs Gedanken aber blieben hiebei nicht stehn. Langsam drang die Wahrheit zum Herzen, das gierig nach ihr griff: Iskuhi. Kein Zweifel! Howsannah wußte, wie es um die junge Schwägerin stand. Eine ehebrecherische Person auch sie, ohne Halt, ohne Glauben, zur Sünde rücksichtslos entschlossen! War sie nicht immer starrköpfig, ichbesessen, vergnügungstoll gewesen, in Zeitun schon, als Aram seiner Frau die harte Forderung gestellt hatte, mit einem solchen Geschöpf in gemeinsamem Haushalt zu leben? Aber Aram wollte ja niemals die Wahrheit sehen, und es war einfach unmöglich gewesen, ein offenes Wort über Iskuhi, das geliebte Schwesterchen, zu wagen. Als Howsannah Tomasian während der Taufe ihres armen Kindes weinend davongelaufen war, da hatte sie die Zusammenhänge wie in einer unbestimmten Vision vorausgeahnt, ohne das geringste zu wissen. Jetzt aber wußte sie alles, sie wußte, daß ihr Kind unter Gottes Fluch stand. Sie weinte nicht mehr. Mit geballten Fäusten ging sie die fünf Schritte, die das Zelt maß, unablässig hin und her wie eine Wahnsinnige in der Zelle. In dieser Nacht aber hatte Howsannah nicht länger mehr geschwiegen, sondern von Aram verlangt, er möge sie am Morgen schon in die Hütte Vater Tomasians bringen. Das Kind werde in dem Sündenpfuhl der Bagradians von Gottes Strafe nie und nimmer befreit werden. Der Pastor, der unter der seelischen Verwirrung seiner Frau tief litt, sah sie verständnislos an: »Wenn die Bagradian eine Sünderin ist, was hat das mit Gottes Strafe und unserem Kind zu tun?« Howsannah nahm den Säugling von der Brust. Sie spürte, wie der aufsteigende Zorn ihre Milch vergiftete: »Also auch du willst blind sein, Pastor?« Er versuchte, ihr das Unsinnige ihres Wahnes klarzumachen. Aber er hätte in diesem Augenblick kein schlechteres Kampfmittel wählen können als die Logik. Howsannah schrie ihm die Ehrlosigkeit Iskuhis ins Gesicht. Nun aber empörte sich Aram Tomasian und wies seine Frau bitter zurecht. Iskuhi opfere sich unter größter Lebensgefahr für eine Fremde auf, von der sie ein paar Freundschaftsdienste empfangen habe. Bei Tag und Nacht liege die Last der Pflege beinahe allein auf ihr, die doch selbst krank und gebrechlich sei. Für ihre reine Herzensgüte und Christlichkeit werde sie nun so gemein beschimpft; und von wem, von der eigenen Schwägerin! Nur weil er, Aram, den Zustand Howsannahs begreife, wolle er nichts gehört haben und verzeihe ihr. Howsannah aber lachte höhnisch: »Du kannst dich ja davon überzeugen, Pastor, wie deine herzensgute Iskuhi die Kranke pflegt. Steck nur den Kopf in ihr Zelt! Du findest sie mit ihm beisammen. Manchmal spazieren sie auch ganz frech miteinander draußen herum ...«

Das Lachen und die Worte Howsannahs klangen dem Pastor während des Abstiegs unablässig im Ohr. Er konnte an nichts anderes denken, obgleich doch die Fischerei angesichts der unerbittlichen Sachlage ein dringenderes Problem war als alles andre. Immer eisiger griff die Wahrheit nach seinem Herzen. Der unbegreifliche Haß Howsannahs verzerrte alles. Gott hatte ihn in diesem Kinde für die große Sünde von Marasch gestraft, für den Verrat an seinen Waisen. Er selbst war der Schuldige und nicht Iskuhi. – Unten bei den Klippen angelangt, erfuhr Aram zum Überfluß, daß seine große Idee bisher nur die dürftigste Verwirklichung gefunden hatte. Trotz der glatten See war das Floß während der kleinen Fahrt auseinandergefallen und drei der jugendlichen Fischer und Schiffer wären dabei fast ums Leben gekommen. In Hinblick auf solche Gefahr erschien die Ausbeute mehr als dürftig: zwei mäßige Körbe, angefüllt mit winzigen Silberfischlein und gestaltlosem Meergewürm. Der Inhalt genügte gerade für einen großen Suppentopf. Nachdem Tomasian seinen Spott über derartige Seeleute ergossen hatte, traf er neue Anordnungen. Man mußte nicht gleich beim erstenmal allen Mut verlieren. Immerhin zeigte die Salzbleiche erfreulichere Resultate als der Fischfang. Ein gutes Maß Salz konnte in die Stadtmulde geschafft werden.

Aram Tomasian hatte sich kaum eine Viertelstunde an der Küste aufgehalten, als er, von seinem schweren Herzen getrieben, bereits wieder den Rückweg antrat. Er war durchaus nicht im klaren darüber, was er zu unternehmen habe, um Iskuhi zu retten. Hatte er nicht der Schwester gegenüber, selbst als sie noch ein Kind war; stets Zurückhaltung und Respekt gewahrt? Bei Iskuhi war's anders auch gar nicht möglich. Ihre trotz aller Stille und freundlicher Unterordnung kristallharte Persönlichkeit verbot jeden Übergriff. Zwischen den Geschwistern hatte von jeher eine feine keusche Form geherrscht, die es vermied, die Grenzen der Teilnahme zu überschreiten. Und jetzt sollte er, dem Iskuhis Seele immer heilig gewesen, sie mit rohen Offenheiten steinigen? Der verständnisvolle Mensch, der zartfühlende Bruder sollte auf einmal den polternden Mann Gottes spielen? Und dabei waren Howsannahs Reden zweifellos nur eine Ausgeburt ihrer Verstörung.

Aram Tomasian hatte in Zeitun und auf dem Musa Dagh genügend Beweise seiner Tapferkeit abgelegt. Jetzt aber, da er schon den buschreichen Abschluß des Felsgeheges erreichte, war er mutlos und unentschlossen. Wäre es nicht die anständigste Lösung, Gabriel Bagradian in Person zur Rede zu stellen? Aber wie? Durfte man sich an einen Mann von seinem Range, von seiner achtunggebietenden Höhe mit solch häßlichem Verdacht heranwagen? An einen Mann noch dazu, der, von grausamen Schicksalsschlägen getroffen, in diesen Tagen um das Leben seines einzigen Sohnes zitterte und verzweifelte? Tomasian sah keinen Ausweg. Er war so gut wie entschlossen, vorderhand an die Sache nicht zu rühren. Ehe er zur Stadtmulde abschwenkte, um mit seinem Vater zu sprechen, wollte er noch rasch einen Blick nach Howsannah tun. Es kam aber alles anders. Vor Juliettens Zelt saß Iskuhi und blickte leer in die Richtung, nach der Gabriel vor kurzem verschwunden war. Sie bemerkte ihren Bruder erst im letzten Augenblick. Aram ließ sich ihr gegenüber auf die Erde nieder und suchte sehr verlegen nach Worten:

»Lang haben wir uns nicht mehr gesprochen, Iskuhi ...«

Sie machte eine wegwerfende Bewegung, als könne ein menschliches Erinnerungsvermögen den Abgrund zwischen allem Vergangenen und dem Gegenwärtigen gar nicht ausmessen. Arams Worte tasteten sich näher an sie heran:

»Howsannah entbehrt dich sehr. Sie war an dich und deine Hilfe ja immer gewöhnt ... Und jetzt, wo das arme Kind da ist und es so viel Arbeit gibt ...«

Iskuhi unterbrach ihn ungeduldig:

»Aber du weißt doch, Aram, daß ich gerade jetzt wegen des Kindes am allerwenigsten zu ihr kommen kann ...«

»Gut, du hast diese Krankenpflege hier übernommen. Das ist sehr schön von dir ... Doch vielleicht braucht man dich in deiner eigenen Familie jetzt dringender ...«

Iskuhi schien sehr erstaunt zu sein:

»Die Hanum hier drinnen hat keinen Menschen ... Howsannah aber ist schon wieder wohlauf und hat Helferinnen, soviel sie will ...«

Der Pastor schluckte mehrmals, als habe er Halsschmerzen:

»Du kennst mich, Iskuhi. Ich rede nicht gerne herum ... Willst du ganz offen zu mir sein? In unserer Lebenslage wäre alles andre ja lächerlich ...«

Sie ließ mit leichter Feindseligkeit ihren Blick auf dem Bruder ruhen:

»Ich bin ganz offen zu dir.«

Nun wollte er ängstlich ihrer Unschuld eine Brücke bauen. Wenn es sich nur um Wohlgefallen, Freundschaft, Sympathie handelte, um etwas, das nicht tödlich ernst war, dann wünschte er brennend, daß sie ihn streng zurückweise und den Verdacht der Schwägerin empört Lügen strafe: »Howsannah hat große Angst um dich, Iskuhi. Sie meint, gewisse Dinge erkannt zu haben. Wir haben heute die halbe Nacht darüber gestritten. Deshalb frage ich das, verzeih mir! Ist zwischen dir und Gabriel Bagradian irgend etwas vorgegangen?«

Iskuhi errötete nicht, noch auch zeigte sie die geringste Betretenheit. Ihre Stimme war ruhig und fest:

»Zwischen mir und Gabriel ist nichts vorgegangen ... Aber ich liebe ihn und werde bei ihm bleiben bis zum Ende!«

Aram Tomasian sprang entsetzt auf die Füße. Als eifersüchtigen Bruder hätte ihn jedes Liebesbekenntnis in schweres Unbehagen gestürzt. Um so heftiger traf ihn daher der mit dreister Ruhe geführte Stoß:

»Und das wagst du so leicht auszusprechen, mir ins Gesicht, mir!?«

»Du hast es verlangt, Aram ...«

»Bist du das, Iskuhi, du? Mir bleibt der Verstand stehn. Und deine Ehre, und deine Familie? Bedenkst du um Jesu Christi willen nicht, daß er ein verheirateter Mann ist?«

Sie hob den Kopf mit einem Ruck zu ihm auf. In ihren Zügen lag unbesiegbare Überzeugung:

»Ich bin neunzehn Jahre alt und werde keine zwanzig werden!«

Tomasians Pastorenstimme dröhnte empört:

»In Gott wirst du älter werden, denn in Gott ist deine Seele unsterblich und verantwortlich!«

Je lauter Aram wurde, um so leiser Iskuhi:

»Ich fürchte mich nicht vor Gott ...«

Der Pastor schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. Ich fürchte mich nicht vor Gott. Was der Ausdruck höchster Gewißheit war, mißverstand er als verstockte Frechheit:

»Weißt du, was du tust? Ahnst du den Pfuhl nicht, in dem du lebst? Dort drin liegt die Frau, todkrank, bewußtlos. Eine schamlose Betrügerin! Aber ihr betrügt sie noch hundertmal schamloser. Ihr führt ein Leben, niedriger, grauenhafter als die primitivsten Moslems! Ah, ich tue den Moslems unrecht ...«

Iskuhi krampfte sich mit der rechten Hand am Zeltseil fest. Ihre Augen wurden groß und größer. Tomasian hielt das für die Wirkung seiner Worte. Gott sei gepriesen, noch hatte er seinen Einfluß auf die Schwester nicht verloren. Er zog deshalb mildere Saiten auf:

»Wir wollen vernünftig sein, Iskuhi! Denk doch an die Folgen, nicht nur für dich und uns, sondern auch für Bagradian und das ganze Lager! Dieser heillosen Verirrung muß ein Ende gemacht werden! Sofort! Der Vater wird dich abholen und zu sich nehmen ...«

Aus Iskuhis Brust drang ein verhauchender Laut. Sie lehnte sich zurück. Jetzt erst bemerkte Pastor Tomasian, daß ihre Schmerzgebärde nicht von der moralischen Einsprache herrührte, sondern daß sich hinter seinem Rücken etwas begab, das Iskuhi mit Entsetzen erfüllte. Als er sich umwandte, sah er Samuel Awakian vor sich, der atemlos nach seinem Patron Umschau hielt. Der Student konnte sich kaum auf den Beinen halten. Sein Gesicht war zu einer Fratze verzerrt, er weinte vor sich hin. Iskuhi deutete schwach in die Richtung des Nordsattels. Dort war Bagradian zu finden. Dann sank sie in sich zusammen, ohne Aram zu achten. Sie wußte alles.

 

Es gehörte zu Satos Eigenart, daß sie niemals oder nur selten dieselbe Schlafstätte bezog. Das Bedürfnis des Menschen nach einem ständigen Nachtlager, nach einem gesicherten Ort für den dunklen Teil seines Erdenlebens, dieses Bedürfnis der Einbürgerung auch im Schlafe fehlte Sato ganz und gar. Sie vermied es, zwei Nächte auf demselben Platz zu verbringen, ja oft pflegte sie während einer einzigen Nacht ihr Lager zu wechseln. Dies freilich fiel ihr nicht schwer, da sie sich ohne weitere Vorbereitungen irgendwohin warf, unter die Büsche der »Riviera«, in ein Gehölz, ja manchmal sogar mitten auf den Altarplatz. Sie schlief in sich zusammengerollt, ohne Decken und Kissen, obwohl sie diese von der Dienerschaft des Hauses Bagradian schon zweimal erbettelt hatte. Zu Satos Ehre aber muß es gesagt werden, daß jenes schöne Bettzeug als Gastgeschenk zum Friedhofvolk hinabgewandert war, dem sie mit wahren Verwandtschaftsgefühlen innig anhing. Ihre lockere Nachtruhe bedurfte solcher Bequemlichkeiten nicht. Zwischen Sato und Haiks Schlaf bestand eine Ähnlichkeit insofern, als auch sie noch in der tiefsten Lähmung auf ihrer Hut war. Während aber Haiks scharfe Sinne gleichsam die Wache bezogen, um ihren schlafenden Herrn zu schützen, und wie gute Posten die Wirklichkeit nicht freigaben – schweiften Satos Sinne ruhelos umher und gruben Unterirdisches heraus. Ihre Träume, obgleich wie übereinander photographierte Bilder, waren nicht immer bloße Einbildungen. Sie bedeuteten hie und da eigensinnige Fingerzeige, und Sato erfuhr, was sich zur Zeit in ihrer näheren und weiteren Umgebung zutrug. Auch jetzt war Ähnliches der Fall. Sie schlief unter den Myrten- und Arbutusbüschen, dort, wo sie die Umarmungen Gonzagues und Juliettens belauscht hatte. Da meldete ihr etwas, daß Nunik nahe, und zwar an der Spitze eines großen Gefolges.

In wilden Sätzen schoß Sato dahin, ihrer Eingebung folgend, die ihr die Richtung wies. Es war noch immer Nacht, als sie das vielgefaltete Plateau des Damlajik hinter sich ließ und südlich der brennenden Wälder den Kamm des Berges überschritt. An dieser Stelle wird er, von dem rotbeerigen Gesträuch und einzelnen Baumgruppen abgesehen, immer leerer und steinichter. Bis hierher hatte das Feuer seine Flügel gespannt gehabt. Verkohlte Bäume und einzelne glosende Vegetationsinseln legten Zeugenschaft für den großen Brand ab. Er selbst aber zog seine Vorposten und Fahnen immer enger in das Hauptlager zurück, von dem er ausgegangen war, in die Steineichenschlucht. In ihrem Umkreis besaßen die Flammen noch einige Kraft, und man konnte das langatmige Fauchen, Zischen und Krachen in der nächtlichen Stille weithin hören. Der Damlajik hatte sich in breiter Linie von Bitias bis Hadji Habibli durch den Glutpanzer gegen alle Angriffe gesichert. Hier waren die Vorberge, Einschnitte, Schluchten, kleinen Täler alle in die Festung des Brandes einbezogen, der sich erst in den Weinhängen und Obstgärten verlor. Jetzt freilich sank sein Leben immer matter zusammen, hinterließ aber ein unüberwindliches Niemandsland von rotglimmenden Girlanden, von dunkelglühenden Kohlenblöcken, von qualmenden Aschenquadern und faltigen Rauchvorhängen wie aus graubraunem Samt. Die Quellen und Bäche, die zu Tale liefen, waren nicht etwa versiegt, sondern sie hatten sich neue Pfade gegraben und kamen an den Grenzen des Brandbereiches wie Heilsprudel dampfend zum Vorschein.

Sato begegnete Stephans Totengefolge in einer kleinen gedeckten Schlucht, die zur vorletzten Verteidigungsstellung im Süden emporführte. Nunik und die Ihren waren nicht nur wegen der weiten durch den Waldbrand erzwungenen Umwege so langsam vorwärtsgekommen. Das Hindernis lag im Alter und Siechtum des Gefolges selbst. Denn diesmal hatte sich den nervig starken Klagefrauen alles angeschlossen, was es im Talgrund an verborgener Bresthaftigkeit gab, die letzte bittere Neige des Armenierstammes. Sogar die irrsinnigen Weiber folgten in gemessenem Abstand, da sie ja vom Gräbervolk gesellschaftlich geächtet waren. Hier zeigte es sich, daß selbst eine unausdenklich niedrige Klasse der Menschheit immer noch ein Objekt finden kann, mit dem »zu verkehren« sie zu hochmütig ist. Die Närrinnen ließen ein aufdringliches Geplauder hören, als wollten sie damit diejenigen, von welchen sie geächtet wurden, ihren überlegenen Gleichmut fühlen lassen. Der Gang des Totenpomps wurde dadurch nicht beschleunigt, daß die blinden Bettler mit ihren hochgesträubten Prophetenhaaren die Bahre trugen. Als die einzigen Männer, deren Arme und Beine noch einen Rest von Kraft besaßen, hatte Nunik sie zu Trägern bestimmt. Sie selbst schritt voraus, Wartuk und Manuschak aber lenkten die Blinden mit ihren langen Hirtenstöcken an Stämmen, Sträuchern, Steinblöcken vorbei, wie man schlapp dahinnickende Büffel des Weges treibt. Der weißumhüllte Leichnam des Bagradiansohnes lag auf einer der altertümlichen und reichgeschmückten Totenbahren, von denen in der Kirche und auf dem Friedhof von Yoghonoluk noch immer ein Dutzend zu finden war. In segensreichen Friedensjahren, wenn sich im Orte wochenlang kein Todesfall ereignet hatte und die Einkünfte des Küsters daher zu schrumpfen begannen, schlich sich dieser nachts in die Kirche, um mit einem Klöppel die faulen Bahren zu schlagen. Dabei flüsterte er die Beschwörung, die ihm sein Vorgänger im Amt als probates Mittel überliefert hatte, den müden Tod zu bekehren: »Holz wach auf und gib mir Brot!«

Sato umkreiste das Begängnis wie eine junge Hündin, die ein drei- und vierfacher Weg nicht schreckt. Sie drängte sich immer wieder an die Bahre heran, die mit den tappenden Blindenschritten vorwärtsschwankte. Ihre mitleidlosen und gierigen Augen tasteten die kindliche Gestalt ab, die sich unter dem Laken verbarg. Gar zu gerne hätte Sato das Tuch von dem Gesicht gehoben, um nachzusehen, wie Stephan im Tode lebte. Als dann die Höhe fast erklommen war, trennte sie sich von dem Zug und rannte lagerwärts. Sie wollte die erste sein, die Awakian und Kristaphor weckte und dem Volke als Heroldin den Tod des Bagradiansohnes verkündete. Kurz nach Sonnenaufgang erreichte der Tote und sein tappendes und hinkendes Gefolge den großen Platz. Die Bahre wurde zu Füßen des Altars niedergestellt. Die Klageweiber mit ihrem Troß hockten sich ringsumher. Nunik enthüllte das Antlitz des Knaben. Sie hatte Ter Haigasuns Auftrag erfüllt, so gut es ging. Der Lohn war fällig und konnte nicht streitig gemacht werden. Schon erhob sich, kaum hörbar, das zittrige Gesumme der Totenklage.

Stephan war nun ganz und gar zu dem orientalischen Prinzen geworden, den seine Mutter mit Schreck in ihm gesehen, als er das erstemal die einheimische Kleidung trug. Obgleich Nunik vierzig Wunden gezählt hatte, Stiche, Hiebe, Quetschungen über den ganzen Körper, obgleich das Rückgrat gebrochen und die Kehle durch einen grauenvollen Schnitt durchtrennt war, zeigte das Gesicht des Toten keinerlei Entstellung. Hinter den für ewig versiegelten Lidern schien Stephan noch immer den ersehnten Vater aus jenem hohen Bahnhoftor treten zu sehen. Das Lächeln der Befriedigung, weil Papa ihn wieder in den Armen hielt, hatte der vierzigfache Mord aus seinen Zügen nicht vertilgen können. Er war gestorben, ohne dabeigewesen zu sein. Nur wie ein fernes Gerücht hatte ihn durch Gottes Gnade der bestialische Martertod berührt. Jetzt erst schien er ganz eins mit sich selbst zu sein, der sehnsüchtige Prinz.

Der erste, welcher den Altarplatz betrat und vor der Bahre und dem umlagerten Altar zurückstaunte, war Krikor, der Apotheker.

Am verwichenen Abend war Sarkis Kilikian durch Ter Haigasun persönlich aus der Haft zu seiner alten Einteilung in der Südbastion entlassen worden. Krikor sah den Russen nur ungern scheiden, der in der Eigenschaft eines Strafgefangenen einige Tage und Nächte lang die Baracke mit ihm geteilt hatte. Der Apotheker war in seiner Krankheit schon längst völlig verlassen. Seine Jüngerschaft, die Lehrer, kam nicht mehr zu ihm, nicht nur wegen der Kriegsdienste, die sie leisten mußten, sondern weil sie als frischgebackene Männer der Tat eine leise Verachtung für ihre schwärmerische Vergangenheit hegten. Gonzague Maris, mit dem er gerne gesprochen hatte, war geflohen. Bedros Hekim, sein alter Freund, schlurfte, selbst ein klappriges Wrack, dann und wann zu Krikors Lager und besah mit ebenso tiefsinnigem wie hilflosem Kopfschütteln die entstellten Glieder und Gelenke des Kranken. Seine Verlassenheit war der Zeit nach eine doppelte, denn er schlief von vierundzwanzig Stunden kaum eine oder zwei, und zwar stets nur gegen Mittag. Die Nacht hingegen war wie bei gar vielen Weisen und Geistesgrößen die Zeit seines hellsten, hochbewegten Lebens. In den ersten beiden Nächten von Kilikians Gefangenschaft hatte Krikor die Gegenwart eines Menschen in dem versperrten Kotter als unerträglich störend empfunden. In der dritten Nacht verwandelte sich dieses Gefühl der Störung in ein merkwürdiges Bedürfnis, den Gefangenen zu sehen und mit ihm zu sprechen. Nur die Rücksicht auf die Autorität des Führerrates, dem er ja selbst angehörte, hatte es verhindert, daß er diesem Bedürfnis nachgab. In der vierten Nacht aber wurde es in der tiefen Einsamkeit so stark, daß sich Krikor nicht mehr bezwingen konnte. Unter den größten Schmerzen stand er von seinem Bett auf, schleppte sich zu der Tür, die in den Kotter führte, zog den Schlüssel aus dem Versteck und schloß mit seiner verschworenen und verknoteten Hand mühsam auf. Sarkis Kilikian lag auf seiner Matte mit offenen Augen. Der Apotheker hatte ihn nicht geweckt, und der Besuch versetzte ihn keineswegs in Staunen. Die Hände und Füße des Russen waren gefesselt, doch so gnädig, daß er sich bequem bewegen konnte. Krikor stellte die Petroleumlampe auf den Boden und ließ sich neben ihr nieder. Kilikians Fesseln beschämten seine Seele. Um der Gleichberechtigung willen hielt er ihm seine eigenen armen Hände hin:

»Wir beide sind gefesselt, Sarkis Kilikian. Meine Fesseln aber schmerzen mehr als die deinen, und ich muß sie auch morgen noch tragen. Beklag dich nicht.«

Kilikian sah ihn voll aus seinen apathischen Augen an:

»Ich beklage mich nicht.«

»Vielleicht aber wär's besser, du würdest dich beklagen ...«

Der Apotheker reichte dem Gefangenen seine Rakiflasche. Dieser tat einen nachdenklichen Schluck. Auch der Alte trank aufmerksam. Dann betrachtete er den Russen:

»Ich weiß, daß du studiert hast ... Vielleicht hättest du in diesen Tagen gerne ein Buch gelesen?«

»Zu spät kommst du damit, Apotheker.«

»In welchen Sprachen kannst du lesen, Kilikian?«

Der Russe brummte, als verrate er dergleichen nicht gerne:

»Auch Französisch und Russisch, wenn es sein muß.«

Krikors glatter Mandarinenkopf mit dem wippenden Bocksbärtchen nickte traurig:

»Da sieh nur, was du für ein Mensch bist, Kilikian ...«

Der Deserteur gluckste sein grundloses langsames Lachen, das schon Gabriel Bagradian in jener Nacht der Zeltprobe entsetzt hatte. Krikor aber ließ sich nicht beirren:

»Du hast ein unglückliches Leben gehabt, ich kenne es ... Aber warum? Hat man dich nicht nach Edschmiadsin geschickt? Hast du nicht im Seminar gelebt, Tür an Tür mit der herrlichsten Bibliothek der Welt? Ich war nur einen einzigen Tag dort, aber am liebsten wäre ich bis ans Lebensende unter jenen Büchern geblieben ... Und du bist durchgebrannt ...«

Sarkis Kilikian stützte sich halb auf:

»Sag einmal, Apotheker, du hast doch früher geraucht ... Ich habe seit fünf Tagen keinen guten Atemzug mehr gemacht.«

Krikor raffte stöhnend sein lahmes Gebein zusammen und brachte dem Gefangenen seinen Tschibuk samt der letzten Büchse Tabak, die er besaß:

»Nimm das nur, Kilikian! Ich hab auch diesen Genuß aufgeben müssen, weil ich die Pfeife nicht mehr halten kann.«

Sarkis Kilikian hüllte sich sofort leidenschaftlich in Dampf. Der Apotheker aber hob die Lampe und leuchtete ihn an:

»Und doch bist du selbst schuld an deinem Unglück, Kilikian ... Ich sehe deinem Gesicht an, daß du ein Mönch bist, ich meine damit nichts Pfaffenhaftes, sondern einen, der in seiner Zelle die ganze Welt besitzt ... Deshalb ist auch die Sache mit dir so übel ausgefallen. Warum bist du durchgegangen? Was hast du in der Welt zu suchen gehabt?«

Sarkis Kilikian gab sich so ausschließlich dem Rauchen hin, daß es gar nicht deutlich wurde, ob er Krikors Reden hörte und verstand.

»Ich werde dir etwas sagen, mein Freund Sarkis ... Es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen, das sind die Menschentiere, die Milliarden! Die andern, die Menschenengel, zählen Tausend oder bestenfalls Zehntausend. Zu den Menschentieren gehören auch die Großen der Welt, die Könige, die Politiker, die Minister, die Generale, die Paschas, ebenso wie die Bauern, die Handwerker und Arbeiter. Sieh dir den Muchtar Kebussjan an! So wie er sind sie alle. Sie haben in tausend Formen nur eine Beschäftigung: die Fabrikation von Kot! Denn die Politik, die Industrie, die Landwirtschaft, die Kriegskunst, ist dies alles etwas andres als Fabrikation von Kot, wenn sie vielleicht auch notwendig sein mag? Nimmst du dem Menschentier den Kot fort, so bleibt in seiner Seele das Schrecklichste zurück, die Langeweile. Er hält es mit sich selbst nicht aus. Und aus dieser Langeweile kommt alles Böse, der politische Haß und der Massenmord. – In den Menschenengeln aber lebt das Entzücken! Oder bist du vielleicht nicht verzückt, Kilikian, wenn du die Sterne siehst? Das Entzücken in den Menschenengeln ist dasselbe, was der Lobgesang der wirklichen Engel ist, von dem der große Agathangelos behauptet, daß er die höchste und aktivste Tätigkeit im Universum überhaupt sei ... Aber wohin komme ich? Ich wollte sagen, daß es Menschenengel gibt, die sich selbst verraten, die von sich selbst abfallen. Für diese aber gibt es kein Erbarmen und keine Gnade. Jede Stunde nimmt Rache an ihnen ...«

Hier verlor Krikor von Yoghonoluk, der Wortgewaltige, den Faden und schwieg. Sarkis Kilikian schien von alldem nichts begriffen zu haben. Plötzlich aber legte er seinen Tschibuk zur Seite:

»Es gibt allerlei Seelen«, sagte er, »manche werden schon in ihrer Kindheit vernichtet und niemand fragt danach, was das für Seelen sind ...«

Er zog mit seinen gefesselten Händen ein Rasiermesser aus der Tasche und klappte es auf:

»Sieh her, Apotheker! Glaubst du nicht, daß ich damit diese Riemen durchschneiden könnte? Glaubst du nicht, daß ich mit ein paar Fußtritten diese ganze Bude zertrümmern könnte? Und doch tu ich's nicht.«

Krikors Stimme klang hohl und gleichgültig wie in früheren Zeiten:

»Dieses Messer besitzt jeder von uns, Kilikian. Aber was nützt es dir? Wenn du dich auch befreist, über die Grenze des Lagers kommst du doch nicht hinaus. Wir können daher nur die innere Gefangenschaft zerbrechen.«

Der Deserteur sagte darauf nichts mehr und lag still. Krikor aber holte irgendein Buch aus seiner Büchermauer und begann, die nickelgefaßte Brille auf der Nase, mit einschläferndem Klang daraus vorzulesen. Kilikian hörte mit seinen unbewegten Achataugen den langatmigen Perioden zu, in denen vom Wesen und Einfluß der Gestirne die unklare Rede ging. Es war das letztemal, daß der Apotheker von Yoghonoluk Gelegenheit fand, einen jungen Menschen an seinem Reichtum teilnehmen zu lassen. Aus unverständlichen Gründen erschien es ihm der großen Mühe wert, sich in diesem entlaufenen Priesterzögling einen neuen Jünger zu erziehen. Vergebliche Mühe! In der nächsten, der eben vergangenen Nacht schon war der Menschenfischer wieder einsamer als je.

Krikor näherte sich an seinen beiden Stöcken langsam der Bahre. Sein gelbes Gesicht blieb über den toten Bagradiansohn gebeugt, lautlos. Dann begann er seinen spitzen, kahlen Schädel minutenlang zu schütteln. Dies aber war nicht nur das gewöhnliche Kopfwackeln, das ihn seit seiner Krankheit häufig anfiel. Es bedeutete das fassungslose Nichtbegreifen einer Welt, in der zum Geist verpflichtete Wesen, anstatt in die Wonnen der Definitionen, Formeln und Verse einzudringen, sich mit fanatischem Gurgelabschneiden befassen. Wie wenig Menschenengel gibt es, und auch diese wenigen noch verraten ihre Engelschaft und fallen ab. Er suchte in seinem eigentümlichen Zitatenschatz nach einem Wort, an dem er sich hätte aufrichten können. Aber sein Herz war jetzt viel zu kummervoll, als daß er das Richtige gefunden hätte. Verkrümmt und schief humpelte er in die Baracke zurück. Unter seinen Tinkturen bewahrte der Apotheker eine winzige Kugel aus dünnem Glas auf, die mit einem Tropfen Siegellack verschlossen war. Vor Jahrzehnten hatte er nach dem Rezept eines mittelalterlichen Mystikers aus Persien versucht, das wahre königliche Rosenöl herzustellen, dessen Kenntnis der Welt längst entfallen war. In der Glaskugel ruhte der einzige Tropfen dieser in tagelangen Mühen gewonnenen Essenz. Noch einmal schleppte sich Krikor bis zur Bahre und zerdrückte die dünne Kugel auf des Toten Stirn. Sogleich schnellte ein starker Duft auf, der mit sehnig gebreiteten Schwingen über dem Haupte des Gemordeten schweben blieb. Und der Duft glich wirklich jenem Genius, dessen unsichtbarer Leib, nach den Worten von Krikors persischem Gewährsmann, aus den Wesenheiten von dreiunddreißigtausend Rosenblüten gebildet ist.

Mittlerweile waren Ter Haigasun und Bedros Hekim erschienen. Der Priester stand starr am Kopfende der Bahre, die Augen halb geschlossen, die Hände fröstelnd in den Kuttenärmeln verborgen. Die knochig nachdenklichen Finger des alten Arztes entblößten für einen Augenblick die Wunden des erstarrten Knabenkörpers. Dann glätteten sie aber mild und begütigend wieder die Hülle. Der Tag entfaltete sich. Aus den Hüttengassen und von den nächstgelegenen Stellungen strömte es rasch zusammen und umdrängte den Altar. Man hatte nach den drei Schlachttagen gar viele Tote gesehen und laut beklagt. Dieser Tote aber war mit jenen nicht zu vergleichen. Viele wußten, daß hier ein Opfer gefallen war, das mehr bedeutete. Große Stille! Selbst die Halbwüchsigen, um die Stephan in seinem Streben nach Echtheit so töricht geworben hatte, auch diese Immer-Unruhigen blinzelten jetzt scheu und ehrfürchtig zu seinem elfenbeinzarten Antlitz hin. Nun erst hatte er sie unterworfen. Hagop aber, der Einbeinige, war zu Hause geblieben und verkroch sich unter seinen Decken. Nur die Witwe Schuschik zerriß die Stille mit ihren langen, häßlichen Schreien. Es waren Laute eines röhrenden Wilds, die Haiks Mutter ausstieß, ehe sie noch den Leichnam des Bagradiansohnes gesehen hatte. In ihrer Seele blieb Stephans und Haiks Schicksal ein und dasselbe, auch dann noch, als sie sich überzeugen konnte, daß ihr Sohn noch nicht auf der Bahre lag. War der eine gefangen und erschlagen worden, mußte auch den andern das Massaker ereilt haben. Nunik, Wartuk, Manuschak aber hatten die Leiche ihres Sohnes den Hunden überlassen, weil es nur ein einfacher Bauernjunge war, um den sich niemand kümmerte. Schuschik schrie vor sich hin, nicht wie eine Leidensmutter, sondern wie ein wundes Tier, das in solchen Schreien sein Leben erbricht. Einige Frauen nahmen sie in die Mitte, sie, die auch hier auf dem Damlajik ganz einsam lebte und mit ihrer Nachbarschaft nach wie vor keine Beziehungen anknüpfte. Jetzt aber flüsterte es von allen Seiten auf sie ein. Sie möge doch den Mut nicht sinken lassen. Das Geschehene weise ja deutlich darauf hin, daß sich Haik gerettet habe und heute oder morgen schon in Jacksons Hut sein werde. Wäre er abgeschlachtet worden, läge er gewiß auch hier. Der junge Bagradian habe nicht Haiks Kraft und Gewandtheit besessen, die diesen mit des Erlösers Hilfe glücklich ans Ziel führen werde. Schuschik hörte den Zuspruch nicht. Sie stand vornübergebeugt, die Hände auf ihre Brüste pressend, und schrie dumpf die Erde an. Man rief Nunik als Zeugin herbei. Die Alte schlug den Schleier von ihrem zerfressenen Gesicht zurück. Trotz des todbedrängten Lebens im Tale besaß sie noch immer heimliche Nachrichtenquellen, die nicht versiegt waren. Sie schwor, daß der Bagradiansohn allein und ohne einen Begleiter in der Nähe des Dorfes Ain Jerab von zwei der neuen Häusler aufgegriffen und nach Yoghonoluk zum Müdir geführt worden sei. Doch auch die Wahrheit half nichts. Schuschik glaubte sie nicht. Da begannen die Frauen auf einen Wink Ter Haigasuns sie vorsichtig von der Bahre fort gegen die Hauptstraße der Hütten abzudrängen. Sie wagten es dabei kaum, die Riesin anzurühren, deren mächtige Glieder eine sagenhafte Furcht erweckten. Witwe Schuschik aber ließ plötzlich alles mit sich geschehen. Die Frauen verdoppelten ihr Trostgeflüster. Und wirklich, Haiks Mutter schien sich zu beruhigen, schien Hoffnung zu fassen, je weiter sie sich von dem Toten entfernte. Eine große Sehnsucht nach menschlicher Wärme sprach aus ihrem kleinen Kopf, der kraftlos auf die rechte Schulter fiel, und aus ihrer überhohen Gestalt, die sich zu den zierlich-schmächtigen Armenierfrauen tief hinabbeugte. Sie umschlang mit ihren Armen zwei dieser Frauen und ließ sich ohne Widerstand fortziehen.

Als aber Gabriel Bagradian, von dem weinenden Awakian gefolgt, auf dem Altarplatz erschien, näherte sich ihm keine Seele. Im Gegenteil. Die Menge zog sich ziemlich weit zurück, so daß zwischen ihm und dem Altar eine freie Bahn entstand. Sogar die Klageweiber und Bettler erhoben sich und verschwanden unter dem Volk. Nur Ter Haigasun und Bedros Hekim blieben auf ihrem Platz. Gabriel aber fing nicht zu laufen an, sondern verlangsamte sogar seinen Schritt. Was er in fünf Tagen und Nächten sich in jeder Möglichkeit fieberhaft grausam ausgemalt hatte, nun war es da. Keine Kraft blieb mehr übrig, die Wirklichkeit auszukosten. Er durchmaß zögernd Schritt für Schritt den Abstand zwischen sich und seinem Sohne, als könne er auf diese Weise die letzte Erkenntnis noch um ein paar Sekunden hinausschieben. Dabei war es ihm, als trockne sein Körper ganz und gar aus. Mit den Augen begann es. Sie brannten von dieser Trockenheit, die der Lidschlag nicht linderte. Dann kam die Mundhöhle. Wie ein Stück dickes, verrunzeltes Leder lag die Zunge am rauhen Gaumen. Gabriel versuchte, Speichel hervorzupressen und zu schlucken. Doch er würgte nur an widerlichen Luftblasen, die in der feuerheißen Kehle platzten. Das Schrecklichste aber war, daß all seine Mühe, sich zu sammeln, ergebnislos verlief. Alles in ihm schweifte von dem Schmerz ab, der wie ein leeres Loch in der Mitte seiner selbst klaffte. Er aber wußte gar nicht, daß dieses Loch, dieses Nichts, diese Öde der wirkliche Schmerz war. Tückisch prüfte er sich: Wie kommt das? Warum leide ich nicht mehr? Warum brülle ich nicht auf? Warum spüre ich keine Tränen? Selbst der Harm gegen Stephan war nicht völlig gewichen. Und hier lag sein Kind, das er geliebt hatte. Doch Gabriel war nicht fähig, das Gesicht des Toten in sich festzuhalten. Seine ausgetrockneten Augen sahen nur einen großen weißen und einen kleinen gelblichen Fleck. Er wollte seine Gedanken auf ganz bestimmte Dinge richten, auf die Schuld, die ihn belastete. Er hatte den Jungen ja vernachlässigt und durch seine herabsetzenden Worte in die Flucht getrieben. Das war ihm in den letzten Tagen bewußt geworden. Seine Gedanken jedoch kamen nicht weit, denn die gleichgültigsten Bilder und Einzelheiten stiegen aus dem öden Loch auf und kamen den Gedanken in die Quere, obgleich sie meist gar nichts mit Stephan zu tun hatten. Gleichzeitig aber stieg aus demselben Loch, wie vom Teufel gesandt, ein Sinnenzwang auf, den er schon seit Wochen besiegt zu haben glaubte: Rauchen! Wäre noch eine Zigarette in seinem Besitz gewesen, wer weiß, ob er sie nicht zum Entsetzen des ganzen Volkes in den Mund gesteckt hätte. Er fingerte bewußtlos in seinen Taschen herum. In dieser Sekunde litt er um sein Kind, weil er es auch jetzt noch verließ. Warum war er Stephan so fern, daß er nicht einmal sein Gesicht sehen konnte? Einst in der Villa von Yoghonoluk – auf dem Tische lagen die unbeholfenen Kartenskizzen des Damlajik –, da hatte er sich an Stephans Bett gesetzt und seinen Schlaf belauscht. Nun mußte er doch noch einmal ganz eins werden mit seinem Kind, das alles, was er selbst war, mit sich nahm, für immer. Und Gabriel Bagradian kniete zu dem Toten hin, damit seine erblindeten Augen das harrende Gesichtchen zum letztenmal in sich aufnehmen.

Ter Haigasun, Altouni und die anderen sahen den Führer der Verteidigung im knappen Jagdanzug und mit Tropenhelm wie immer. Sie sahen ihn langsam, leicht schwankend, zur Bahre treten. Sie sahen dann, wie er verlassen dastand, den Mund schnappend öffnete, als bekomme er zu wenig Atem, und wie er mit den Händen immerfort unentschlossene Bewegungen machte. Sie sahen, daß er den Anblick seines Sohnes nicht zu ertragen schien, sondern den Kopf abgewandt hielt. Als er endlich neben der Leiche stumm in die Knie brach, da war im Herzen der tausend Schweigenden eine unendliche Zeit vergangen. Nun aber lag Gabriels Gesicht auf dem Gesicht Stephans. Man hätte meinen können, er sei eingeschlafen oder in dieser Stellung selbst gestorben. Der Tropenhelm war ihm vom Kopf gefallen. Zwischen seinen geschlossenen Lidern drang keine Träne hindurch. Doch alle Frauen weinten und auch viele unter den Männern. Stephans Tod schien all diese Menschen dem Fremden wieder näherzubringen. Nachdem neuerdings eine unendliche Zeit im Herzen der Menge vergangen war, faßten Ter Haigasun und Bedros Hekim den Knienden unter den Armen und zogen ihn empor. Und ohne ein Wort zu sprechen, führten sie Gabriel hinweg, der sich ihnen gehorsam überließ. Fern von der Stadtmulde erst, als der Dreizeltplatz schon in Sicht war, sprach Ter Haigasun, der an Gabriels rechter Seite ging, die knappen Worte:

»Gabriel Bagradian, mein Sohn, bedenke, daß er dir nur um ein paar gleichgültige Tage vorausgegangen ist!«

Bedros Hekim aber, links, holte seinen Gegensatz bitter und müde aus der Tiefe:

»Gabriel Bagradian, mein Kind, bedenke, daß diese nächsten Tage nicht gleichgültig, sondern teuflisch sein werden, und segne die Nacht!«

Bagradian sagte nichts, blieb aber stehn und streckte die Arme aus, den beiden Männern den weiteren Weg verwehrend. Sie verstanden, kehrten um und ließen ihn allein.

 

Juliettens Fieber war nicht wieder gesunken. Ihre Bewußtlosigkeit schien den tiefsten Grund erreicht zu haben. Die Unruhe des Körpers war gewichen, das Herumzucken, Würgen, Röcheln und Stammeln. Jetzt lag sie steif ausgestreckt, regungslos, nur dem Atem hingegeben, der in kurzen, flachen Stößen über ihre schorfbedeckten Lippen strich. War nun nach dem Gesetz der Seuche die Krise gekommen, die in wenigen Stunden über Tod und Leben entschied?

Iskuhi kümmerte sich nicht um Juliette. Mochte sie leben und sterben nach ihrem Willen. Iskuhi dachte auch nicht mehr an die schweren Drohungen Arams, ihres Bruders, der sich völlig von ihr loszusagen geschworen hatte, sollte sie nicht bis zur Mittagsstunde die Bagradians verlassen haben. Im Zelte stand Gabriel hoch aufgerichtet, so daß er mit dem Kopf fast die Decke berührte. Doch er schien noch weiter entrückt zu sein als die Fiebernde und Iskuhi gar nicht wahrzunehmen. Sie war an ihm herabgeglitten und preßte den Kopf gegen seine Knie. In dieser Stunde bewegte sie nicht so sehr Stephans Tod wie Gabriels Dulderschaft. Nur sie wußte, wie scheu und bedürftig seine Seele war. Und doch hatte er sich entschlossen, eine brennende Welt auf seinen wunden Rücken zu nehmen, den ganzen Damlajik. Die Seinen aber hatten ihm die Sehnen durchschnitten, zuerst Juliette und nun der tote Sohn. Und Gabriel stand noch immer. Was war sie, was war Aram, was waren all die andern für nichtige Fliegen gegen ihn? Rohe, schmutzige Bauern, ohne Gedanken im Kopf, ohne Gefühle im Herzen, die nicht ahnten, wer zu ihnen herabgestiegen war. Iskuhi fühlte sich von ihrer eigenen Schwäche, ihrem eigenen Unwert zu Boden geschlagen. Was konnte sie leisten und opfern, um Gabriels würdig zu sein? Nichts! Sie streckte die offene Hand aus. Es war die Gebärde einer Bettlerin. Sie bettelte um ein Teilchen seines Schmerzes und seiner Last. Ihr Gesicht glühte vor Devotion und schmerzlichem Dienstbedürfnis, da sie vor dem Manne kniete, der noch immer nicht zu erkennen gab, daß er ihre Gegenwart spüre. Sie fing zu flüstern an, heißes, ungereimtes Zeug, vor dem sie selbst erschrak und sich schämte. Wie arm war sie, wie grauenhaft arm, daß sie gar keine Macht der Hilfe hatte. Endlich kam, aus der Verzweiflung geboren, ein mütterlicher Drang über sie, kaum bewußt: Es ist nicht gut, im Schmerz zu stehen. Im Schmerze soll man liegen. Schlafen. Er muß schlafen. Nur der Schlaf kann ihm helfen, nicht ich. Sie hakte seine Gamaschen auf, sie nestelte an seinen Schuhbändern, sie zwang ihn, sich auf ihr Lager zu setzen. Auch ihre lahme Hand nahm sie mit übermenschlicher Anstrengung dabei zu Hilfe. Es war ein hartes Werk, doch da Gabriel sich mechanisch selbst zu entkleiden begann, gelang es. Als Iskuhi ihn dann zudeckte, keuchte sie vor Erschöpfung. Sie fühlte einen schnell abgleitenden Blick ohne Ausdruck.

Ich liege weich. Etwas andres wußte Gabriel nicht. Seit vielen Wochen schon hatte er kein andres Lager benützt als die nackte Erde der Nordstellung. Seine Zähne begannen zu klappern. Es war wie ein aus Qual und Wohlbehagen gemischter Schüttelfrost. Iskuhi kauerte sich in einen Winkel, damit er sie nicht fühle, ehe er ihrer bedurfte. Sie betete innerlich, daß ihn ein schwerer Schlaf endlich erlöse. Es drang aber nicht der Atem des Schlafes aus seiner Brust, sondern ein leises Summen und gleichmäßiges Stöhnen, das an die Totenklage erinnerte. Gabriel suchte noch immer in der leeren Öde seines Schmerzes nach Stephan, ohne ihn finden zu können. Das Summen aber schien sein Herz zu erleichtern, denn es hielt mit kleinen Unterbrechungen an, bis die Stunde kam, in der die Augustsonne einen langen Strahl durch den Vorhangspalt zu schicken pflegte. Der Strahl rückte vor und ließ Juliettens Gesicht aufflammen. Da sah Iskuhi, daß sich die Verfassung der Kranken plötzlich geändert hatte. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen, die Augen waren weit offen, und den Kopf hielt sie lauschend in den Raum gewandt. Eine tiefe Begeisterung erfüllte Juliette. Noch aber konnte sie sich mit ihrer lahmen und wunden Zunge kaum verständlich machen:

»Glocken ... Gabriel ... Hörst du ... Glocken ... Hundert Glocken ... Nicht wahr ...?«

Das Stöhnen auf dem anderen Lager verstummte jäh. Juliette aber versuchte, sich erregt hochzuarbeiten. Sie spannte ihre kraftlose Stimme zu einem Jubelschrei an:

»... Nun ist die ganze Welt französisch ...«

Diese Worte aber enthielten eine Wahrheit, von der Juliette in den Glockenmeeren ihres patriotischen Siegestraumes nichts ahnte. Mit dem vergossenen Blut Stephans, mit dem Tode des einzigen Sohnes, den sie dem Armeniervolke geschenkt hatte, war für sie die ganze Welt in Wirklichkeit wieder französisch geworden.

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