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Die vierzig Tage des Musa Dagh

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDie vierzig Tage des Musa Dagh
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun6. Auflage
year1975
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151125
modified20170206
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Drittes Buch
Untergang – Rettung – Untergang

 

 

»Dem Sieger werde ich von dem verborgenen Manna geben
und werde ihm einen weißen Stein geben
und auf dem Stein einen neuen Namen geschrieben,
den niemand kennt als nur der, welcher ihn empfängt.«

Offenbarung Johannis 2, 17

 

 

Erstes Kapitel
Zwischenspiel der Götter

»Hier, mein verehrter Herr Doktor Lepsius, sehen Sie nur einen kleinen Teil unsres Aktenbestandes in der armenischen Sache ...«

Der liebenswürdige Geheimrat legte seine blanke schöngeäderte Marmorhand auf den staubigen Papierbau, der den Schreibtisch so hoch bedeckt, daß sein edles Pferdegesicht immer wieder dahinter verschwindet. Das hohe Fenster des auffällig leeren Zimmerchens steht weit offen. Aus dem Garten des Auswärtigen Amtes dringt dunstig schlaffe Sommerluft in den Raum. Johannes Lepsius sitzt ziemlich steif auf dem Besucherplatz mit dem Hut auf den Knien. Seit seiner denkwürdigen Unterredung mit Enver Pascha ist kaum mehr als ein Monat vergangen, und doch hat sich das Aussehen des Pastors in beängstigender Weise verändert. Sein Haar scheint schütterer, sein Bart grauer, die Nase kürzer und spitzer geworden zu sein. Die Augen strahlen nicht mehr. Die träumerische Weite ist aus ihnen verschwunden und hat einem abwartenden und spöttischen Argwohn Platz gemacht. Kann die Krankheit seines Blutes in diesen wenigen Tagen so bedenklich fortgeschritten sein? Ist es der armenische Fluch, der in geheimnisvoller Verbundenheit ihn, den Deutschen, mit verzehrt? Ist es die unermeßliche Arbeit, die er in kurzer Zeit geleistet hat? Schon steht das neue Hilfswerk gegen Tod und Teufel auf festen Füßen. Sogar Geld ist da, und die besten Menschen sind gewonnen. Es gilt nun, das Sphinxrätsel der Staatsmacht zu lösen. Der Blick des Pastors gleitet hinter dem aufblitzenden Zwicker verächtlich über den Aktenberg. Der liebenswürdige Geheimrat zieht die Augenbrauen hoch, nicht aus Verwunderung, sondern um sein goldgefaßtes Einglas fallen zu lassen:

»Es vergeht kein Tag, glauben Sie mir, an dem nicht eine Mahnung an die Botschaft in Konstantinopel aus dem Hause gesandt wird. Und es vergeht keine Stunde, in der nicht der Botschafter bei Talaat und Enver in dieser scheußlichen Angelegenheit interveniert. Trotz der größten Sorgen ist der Herr Reichskanzler persönlich mit dem größten Eifer dahinter. Sie kennen ihn ja, er ist ein Mann wie Marc Aurel ... Ich darf übrigens Herrn von Bethmann-Hollweg bei Ihnen entschuldigen, Herr Doktor Lepsius. Es war ihm heute leider unmöglich, Sie zu empfangen ...«

Lepsius lehnt sich weit zurück. Auch seine klangvolle Stimme ist müder und schärfer geworden:

»Und welche Erfolge haben unsere Diplomaten zu verzeichnen, Herr Geheimrat?« Die blanke Marmorhand wühlt irgendwelche Dokumente aus dem Papierbau:

»Sehn Sie! Da haben wir Herrn von Scheubner-Richter in Erzerum! Da haben wir Hoffmann in Alexandrette und den Generalkonsul Rößler in Aleppo. Die Leute berichten und berichten. Sie zerreißen sich für die Armenier. Gott weiß, wie viele Hunderte dieser Ärmsten der Rößler allein gerettet hat. Und was ist der Dank für seine Menschlichkeit? Die englische Presse stellt ihn als Bluthund dar, der die Türken in Marasch zum Massaker aufgereizt hat. Was soll man da tun?«

Lepsius sucht jetzt den Blick des Liebenswürdigen, der hinter seiner Papierdeckung auftaucht und verschwindet wie ein launischer Mond hinter Wolken:

»Ich wüßte schon, was man tun soll, Herr Geheimrat ... Rößler und die andern, das sind lauter Ehrenmänner, ich kenne sie ... Rößler ist außerdem ein ganz besonders feiner Kerl ... Aber was kann solch ein kleiner bedauernswerter Konsul ausrichten, wenn er nicht die nötige Unterstützung findet?«

»Na hören Sie mal, Herr Pastor? Keine Unterstützung? Das ist doch mehr als ungerecht.«

Lepsius macht eine knappe nervöse Handbewegung, mit der er ausdrückt, daß die Sache zu ernst und die Zeit zu kurz sei, um mit höflichen Palavers verloren zu werden:

»Ich weiß sehr gut, Herr Geheimrat, daß alles Erdenkliche geschieht. Die täglichen Interventionen und Demarchen der Botschaft sind mir wohlbekannt. Aber wir haben es ja nicht mit Staatsmännern zu tun, die in der Ehrfurcht vor den diplomatischen Spielregeln aufgewachsen sind, sondern mit Leuten wie Enver und Talaat. Für diese Leute ist alles Erdenkliche viel zuwenig und nicht einmal das Unausdenkliche genug. Die Ausrottung der Armenier ist das Palladium ihrer nationalen Politik. Ich habe mich in einem langen Gespräch mit Enver Pascha selbst davon überzeugen können. Ein ganzes Trommelfeuer von deutschen Demarchen wirkt auf diese Leute bestenfalls als Belästigung ihrer scheinheiligen Höflichkeit.«

Der Geheimrat kreuzt die Arme. Sein langes Gesicht nimmt einen erwartungsvollen Ausdruck an:

»Und wissen Sie, Herr Doktor Lepsius, einen anderen Weg, um sich in die inneren Angelegenheiten einer befreundeten und verbündeten Macht einzumischen?«

Johannes Lepsius versenkt den Blick aufmerksam in sein Hutinneres, als habe er sich dort einen Zettel mit Notizen zurechtgelegt. Doch, bei Gott, wie überflüssig wäre diese Vorsorge. Zehntausend solcher Notizen durchschwirren bei Tag und Nacht seinen armen Kopf, so daß er fast keinen Schlaf mehr findet. Er will sich jetzt nur sammeln, um kurz und methodisch vorzugehen:

»Wir müssen uns vor allem klarmachen, was in der Türkei geschieht und schon geschehen ist: Eine Christenverfolgung von solchem Ausmaß, daß sie sich mit den berühmten Verfolgungen unter Nero und Diokletian nicht im entferntesten vergleichen läßt. Und außerdem das allergrößte Verbrechen der bisherigen Weltgeschichte, was schon einiges heißen will, wie Sie mir zugeben werden ...«

In die hellen Augen des Beamten tritt eine leichte Neugier. Er schweigt, während Lepsius mit wohlabgewogenen Worten sich Schritt für Schritt weitertastet. Seit seiner Niederlage durch Enver Pascha hat er ohne Zweifel so manches für den Umgang mit Politikern zugelernt:

»Wir dürfen in den Armeniern nicht irgendein halbwildes Ostvolk sehen ... Es sind kultivierte, gebildete Menschen mit einer Nervenverfeinerung, die man, ich sage es offen, bei uns in Europa nur selten antrifft ...«

Kein Zucken in dem schmalen Gesicht des Geheimrats läßt darauf schließen, daß er diese Rangbestimmung des armenischen »Händlervolkes« vielleicht für übertrieben hält.

»Es geht hier«, fährt Johannes Lepsius fort, »keineswegs um eine innerpolitische Frage der Türkei. Nicht einmal die Ausrottung eines kleinen Zwergnegerstammes ist eine innerpolitische Frage der Ausrotter und Ausgerotteten. Um so weniger können wir Deutschen uns in eine bedauernde oder verzweifelte Neutralität retten. Das feindliche Ausland macht uns verantwortlich.«

Der Geheimrat schiebt mit einem Ruck die Aktenstöße von sich, als brauche er Luft:

»Es gehört zur tiefen Tragik der deutschen Kriegführung, daß wir, so reinen Gewissens wir auch sind, mit fremder Blutschuld belastet werden ...«

»Alles auf dieser Welt ist zunächst eine moralische und viel später erst eine politische Frage.«

Der Geheimrat nickt Beifall:

»Ausgezeichnet, Herr Pastor, auch ich vertrete immer die Ansicht, daß man bei jeder politischen Entschließung zuerst das Moralische kalkulieren muß.«

Lepsius wittert Erfolg. Jetzt heißt es, zuzupacken:

»Ich sitze hier nicht als einzelner armer Mensch bei Ihnen, Herr Geheimrat. Es ist keine Anmaßung, wenn ich sage, daß ich im Namen der ganzen deutschen Christenheit gekommen bin, der protestantischen, ja auch der katholischen. Ich handle und spreche in Einigkeit mit bedeutenden Männern wie Harnack, Deißmann, Dibelius ...«

Der Geheimrat bestätigt das Gewicht dieser Namen durch einen anerkennenden Blick. Johannes Lepsius aber gerät in seinen alten Schwung, der ihm schon oft gefährlich geworden ist:

»Der deutsche Christ ist nicht mehr gewillt, diesem Verbrechen am Christentum tatenlos zuzusehen. Sein Gewissen erträgt es nicht, durch Lauheit länger mitschuldig zu sein. Die Siegeshoffnung des Reiches steht und fällt mit der Freudigkeit der deutschen Christen. Ich für meine Person schäme mich bis zum Ekel, daß die feindliche Presse spaltenlang über die Deportation berichtet, während das deutsche Volk in den deutschen Zeitungen mit den lügnerischen Kommuniques Envers abgespeist wird und sonst kein Wort erfährt. Verdienen wir es nicht, die Wahrheit über das Schicksal unserer Glaubensgenossen zu hören? Diesem unwürdigen Zustand muß ein Ende gemacht werden.«

Der Geheimrat, über den anklägerischen Ton des Pastors ein wenig erstaunt, legt die Finger aneinander und bemerkt unschuldig:

»Aber die Zensur! Die Zensur könnte das niemals gestatten. Sie ahnen ja gar nicht, wie verwickelt diese Dinge sind, Herr Lepsius.«

»Das primitivste Recht des deutschen Volkes ist es, nicht betrogen zu werden.«

Der Geheimrat lächelt nachsichtig: »Was würde die Folge dieses Pressefeldzuges sein? Eine schwere Belastung der deutschen Nerven und des türkischen Bündnisses.«

»Dieses Bündnis darf uns nicht vor der Geschichte zu Hehlern machen. Wir wünschen daher, daß unsre Regierung schleunig eine Tat setze. Fordern Sie doch in Stambul mit dem allergrößten Nachdruck, daß eine neutrale Kommission, Amerikaner, Schweizer, Holländer, Skandinavier, nach Anatolien und Syrien eingelassen werde, um die Vorgänge zu untersuchen!«

»Sie kennen die jungtürkischen Machthaber zu genau, Herr Pastor Lepsius, um nicht selbst berechnen zu können, welche Antwort wir auf diese Forderung bekämen.«

»Dann muß Deutschland zu den stärksten Mitteln greifen ...«

»Und die wären nach Ihrer Ansicht?«

»Die Drohung, der Türkei alle Hilfe zu entziehen und die deutsche Militärmission, die deutschen Offiziere und Truppen von den Fronten abzuberufen.«

Die Liebenswürdigkeit auf den kühl-gewinnenden Zügen des Geheimrats verwandelt sich in teilnahmsvolle Güte:

»Man hat Sie mir wirklich so geschildert, wie Sie sind, Herr Pastor Lepsius, so ... unschuldig ...«

Er steht schlank auf. Sein grauer Sommeranzug sitzt nicht so unerbittlich straff wie sonst bei seinesgleichen. Diese leichte Nachlässigkeit seiner Art flößt Vertrauen und Sympathie ein. Er wendet sich zu der großen Karte, Europa und Kleinasien, die an der Wand hängt, und bedeckt den Osten ungenau mit seiner blaugeäderten Hand:

»Die Dardanellen, der Kaukasus, Palästina und Mesopotamien, das sind heute deutsche Fronten, Herr Lepsius, mehr noch als türkische. Wenn sie zusammenbrechen, bricht unser ganzes Kriegsgebäude zusammen. Wir können doch wohl den Türken nicht mit unserem eigenen Selbstmord drohen, ohne uns lächerlich zu machen. Ich brauche nicht erst auf die ungeheuere Bedeutung hinzuweisen, die S. M. der Kaiser unsrer orientalischen Macht beimißt. Sollten Sie aber nicht wissen, daß sich die Türken durchaus nicht als unsre Schuldner, sondern recht sehr als unsre Gläubiger fühlen? Noch heute sind die ententefreundlichen Strömungen in der ottomanischen Regierung äußerst stark. Ich kann Ihnen verraten, daß eine mächtige Gruppe des Komitees gern bereit wäre, umzusatteln und lieber noch heute als morgen mit dem Feindbund in Friedensverhandlungen einzutreten. Sie könnten es nachher leicht erleben, wie dasselbe Frankreich und England, die sich jetzt über die Armeniergreuel laut jammernd empören, morgen beide Augen zudrücken würden. Sie sprechen von Wahrheit, Herr Lepsius? Die Wahrheit ist, daß die Türken in diesem Spiel die Trümpfe in der Hand halten, daß wir unendlich vorsichtig zu sein haben und die Grenzen des Möglichen achten müssen.«

Johannes Lepsius hört den Geheimrat ruhig an. Er kennt sie genau, diese Wahrheiten, wie die Kinder der Welt sie mit schneidender Logik vertreten. Sie schließen dicht und fugenlos. Wer nur ein Glied der Kette anerkennt, ist verloren. Der Pastor aber ist längst darüber hinaus, dergleichen anzuerkennen. In den letzten Wochen ist ihm eine geistige Hornhaut gewachsen, die ihn gegen solches Denken unempfindlich macht. Er läßt sich nicht herauslocken. Hartnäckig bleibt er in seinem Kreis:

»Ich bin kein Politiker. Es ist nicht meine Sache, Mittel und Wege zu finden, wie man im letzten Augenblick noch einen Teil des armenischen Volkes retten könnte. Es ist aber meine Pflicht als Vertreter einer großen Anzahl gleichgesinnter deutscher Christen, die dringende Bitte auszusprechen, daß solche Mittel und Wege gefunden werden, und zwar, ehe es zu spät ist.«

»Wie man die Sache auch dreht und wendet, Herr Pastor, man kann vielleicht das Schicksal der Armenier hier und dort mildern, verändern kann man es leider nicht.«

»Mit diesem unchristlichen Standpunkt werden sich weder meine Freunde abfinden noch ich selbst.«

»Begreifen Sie doch, daß in diesem Schicksal höhere Geschichtsmächte zur Geltung kommen, die sich unserem Einfluß entziehen ...«

»Ich begreife nur, daß Enver und Talaat mit satanischer Genialität den besten Augenblick wahrgenommen haben, um die Rolle dieser höheren Geschichtsmächte zu spielen.«

Der Geheimrat lächelt geziert, als sei es nun auch an ihm, einen Zipfel seiner religiösen Anschauungen sehen zu lassen:

»Sagt nicht Nietzsche, was stürzt, soll man noch stoßen?«

Nietzsche aber ist nicht der Mann, ein Kind Gottes, wie es Johannes Lepsius ist, aus der Fassung zu bringen. Etwas unwillig über die Allgemeinheiten, in die das Gespräch zerbröckelt, meint er knapp:

»Wer weiß es denn, ob er der Stürzende oder der Stoßende ist?«

Der Geheimrat, der wieder am Schreibtisch sitzt, wirft noch einmal einen kurzen Blick auf die Wandkarte:

»Die Armenier gehen an ihrer Geographie zugrunde. Das Los der Schwächeren, das Los der verhaßten Minorität!«

»Jede Person und jede Nation kommt einmal in die Lage, die schwächere zu sein. Deshalb darf man einen Präzedenzfall der Ausrottung, ja auch nur der Schädigung nicht dulden.«

»Haben Sie sich niemals die Frage vorgelegt, Herr Doktor, ob nationale Minoritäten nicht überflüssige Beunruhigungen vorstellen und am besten zu verschwinden hätten?«

Lepsius nimmt sein Augenglas ab und putzt es angelegentlich. Seine Augen zwinkern stumpf und müde. Sein ganzer Körper bekommt durch den geschwächten Blick etwas Täppisches:

»Herr Geheimrat, sind wir Deutschen denn keine Minderheit?«

»Was wollen Sie damit sagen? Ich verstehe Sie nicht.«

»Innerhalb eines gegen Deutschland vereinigten Europas bilden wir eine verflucht gefährdete Minderheit. Es muß nur einmal schiefgehn. Und eine besonders gescheite Geographie haben wir uns auch nicht ausgesucht.«

Das Gesicht des Geheimrats ist nun nicht mehr liebenswürdig, sondern scharf und sehr blaß. Ein Schwall staubiger Mittagshitze schlägt durch das Fenster:

»Sehr richtig, Herr Pastor! Und deshalb hat jeder Deutsche die Pflicht, sich um sein eigenes Volksschicksal zu kümmern und der Blutströme zu gedenken, die, wie Sie es zu nennen belieben, die deutsche Minorität vergießt. Nur unter diesem Gesichtspunkt können wir uns mit der armenischen Frage beschäftigen.«

»Wir Christen sind abhängig von der Gnade Gottes und vom Gehorsam des Evangeliums. Ich sage Ihnen rundheraus, Herr Geheimrat, daß ich jeden andern Standpunkt verwerfe. Seit einigen Wochen werde ich mir täglich klarer darüber, daß den Kindern dieser Welt, den Politikern, die Macht entwunden werden muß, soll die Gemeinschaft des Heilands, des Corpus Christi Wirklichkeit werden auf unserer kleinen Erde ...«

»Gebt dem Cäsar, was des Cäsars ist.«

»Was aber ist des Cäsars außer dem abgegriffenen Groschenstück? Das sagt der Herr in seiner göttlichen Verschlagenheit nicht. Nein, nein! Die Völker sind Untertanen ihrer Artung. Und die Schmeichler, die von ihnen leben wollen, reizen liebedienerisch ihre Eitelkeit. Als wäre es schon ein besonderes Verdienst, als Hund oder Katze, als Kohlrübe oder Kartoffel geboren zu sein. Jesus Christus aber gibt uns das ewige Beispiel, wie der Gottmensch sich in menschliche Artung nur zu dem Zwecke kleidet, um sie zu überwinden. Deshalb sollten auf Erden nur die echten Diener Christi herrschen, und zwar deshalb, weil sie ihre Artung, ihre irdischen Bedingungen überwunden haben. Das ist mein politisches Glaubensbekenntnis, Herr Geheimrat.«

Der preußische Aristokrat gibt nicht die leiseste Ironie zu erkennen:

»Sie haben wie ein eingefleischter Katholik geredet, Herr Pastor.«

»Katholischer als ein Katholik! Denn die Kirche meiner Zuversicht teilt mit keiner Laienmacht die Herrschaft.«

Der Geheimrat klemmt sein Monokel wieder ins Auge, als gebe er damit zu verstehen, daß die Zeitspanne der Erörterungen nun zu Ende sei:

»Ehe wir aber nicht wieder bei der heiligen Inquisition halten, müssen wir armen Kinder der Welt die Verantwortung tragen.«

Johannes Lepsius, der vielleicht ein wenig zu weit gegangen ist, nimmt sich wieder zurück. Seine Worte klingen ruhig, fast abweisend:

»Ich will weiter zu Ihnen offen sein, Herr Geheimrat ... Bis vor einigen Tagen war ich noch hoffnungsvoll und habe geglaubt, der Herr Reichskanzler werde mich in diesem Kampf durch drastischere Mittel unterstützen als bisher. Sie haben mich nun endgültig darüber belehrt, daß unsere Regierung der Pforte gegenüber gebundene Hände hat und mit den üblichen Demarchen und Interventionen ihr Auslangen finden muß. Gut! Mich aber bindet keinerlei Staatsräson. Und auf meinen Schultern allein liegt jetzt die armenische Sache in Deutschland. Ich bin nicht gewillt, Konzessionen zu machen und zurückzuweichen. In Gemeinschaft mit meinen Freunden werde ich die Aufklärung in das Volk hinaustragen. Denn nur wenn die Menschen die ganze Wahrheit wissen, kann ich das christliche Hilfswerk auf ein breites Fundament stellen ... Ich bitte daher, mir wenigstens bei dieser Tätigkeit nicht in den Arm zu fallen.«

Der Geheimrat, der sich in das Studium seiner Armbanduhr vertieft hat, hebt erfreut den Kopf:

»Eine Offenheit ist der anderen wert, Herr Pastor ... Sie werden es mir also nicht übelnehmen, wenn ich Ihnen mitteile, daß man schon lange ein Auge auf Sie hat. Ihr Aufenthalt in Konstantinopel war Gegenstand so mancher Beschwerde. Ich sage es noch einmal, Sie ahnen nicht, wie verwickelt die Dinge liegen. Es tut mir leid. Ich habe die größte Hochachtung vor Ihrer humanitären Tätigkeit. Und doch, diese Tätigkeit ist, nun, sie ist im politischen Sinne unerwünscht. Ich würde Ihnen raten, Verehrtester, sie einzuschränken und möglichst unauffällig zu gestalten.«

Die Antwort des Pastors fällt im Ton eher mürrisch als feierlich aus: »An mich ist ein Ruf ergangen. Keine Macht der Welt kann mich hindern, diesem Ruf zu folgen.«

»Sagen Sie das nicht, Herr Doktor Lepsius«, erschrickt der Geheimrat mit beinahe bestürzter Liebenswürdigkeit, »einige Mächte der Welt arbeiten schon daran, Sie gründlich zu hindern.«

Der Pastor tastet seine linke Rockseite eingehend ab. Dann erhebt er sich:

»Ich bin Ihnen äußerst dankbar, Herr Geheimrat, für Ihre Aufrichtigkeit und für Ihren Rat.«

Der hohe schlanke Herr steht mit einer Art selbstgefälliger Verlegenheit, die ihn gut kleidet, vor Lepsius:

»Es freut mich, daß wir uns so rasch verstanden haben, Herr Pastor. Sie sehen blaß aus. Es wäre für Sie am bekömmlichsten, eine Zeitlang auszuspannen und in den Tag hinein zu leben. Wohnen Sie nicht in Potsdam?«

Johannes Lepsius bedauert, den Herrn Geheimrat so lange in Anspruch genommen zu haben. Dieser aber geleitet ihn mit dem reizendsten Lächeln zur Tür:

»Aber nein, Herr Pastor, eine interessantere Stunde habe ich lange nicht erlebt.«

Unten auf der mittagsschwülen Wilhelmstraße prüft sich Johannes Lepsius, ob er sich dem Herrnworte gemäß sanft wie eine Taube und klug wie eine Schlange verhalten habe. Er muß aber schnell erkennen, daß er sowohl als Taube wie auch als Schlange versagt hat. Zum Glück jedoch ist er vorsichtig genug gewesen, sich schon vor längerer Zeit alle nötigen Pässe, Sichtvermerke, Reiseerlaubnisse, Geldausfuhrbewilligungen zu beschaffen. Darum hat er vorhin seine linke Brustseite so eingehend nach diesen Heiligtümern betastet. Er dreht sich scharf um, ob ihn nicht jetzt schon ein Kriminalbeamter verfolge. Sein Entschluß ist gefaßt. Der D-Zug nach Basel geht um drei Uhr vierzig. Er hat noch mehr als drei Stunden Zeit, um nach Hause zu telefonieren, sein Gepäck kommen zu lassen und sich sonst auf die Reise vorzubereiten. Morgen schon können die Grenzen für ihn gesperrt sein. Doch er muß nach Stambul kommen! Dort gehört er hin, wenn er auch jetzt noch keine deutliche Vorstellung hat, warum. In Deutschland jedenfalls geht sein Hilfswerk auch ohne ihn weiter. Die Organisation ist geschaffen, das Büro eingerichtet, Gönner, Freunde, Mitarbeiter sind gewonnen. Sein Platz ist nicht in der gesicherten gleichgültigen Ferne, sondern an der Küste des Blutmeeres selbst.

Auf dem Potsdamer Platz herrscht ein betäubender Verkehr. Der kurzsichtige Lepsius wartet lange auf eine Gelegenheit, heil auf die andre Seite zu kommen. Das Donnern, Rollen, Rattern, Kreischen der Autos, Autobusse und Straßenbahnen dröhnt als ein zusammengeschmolzener Ton an sein Ohr. Wie Glocken einer ungeheuren barbarischen Kathedrale. Ein kleines Gedicht fällt ihm ein, das er vor vielen Jahren an Bord des tanzenden Schiffleins niedergeschrieben hat, das ihn an dem Felseneiland Patmos-Patino vorübertrug, an der heiligen Insel des Apostels und Offenbarers Johannes. Jetzt tönt in ihm der Refrain auf:

»A und O, A und O
Läuten die Glocken von Patino.«

Und dieser Versklang scheint zwei so gegensätzliche örtlichkeiten wie Patmos und Potsdamer Platz miteinander zu verbinden.

 

Das Leben eines scheuen Nachttiers in Stambul.

Johannes Lepsius weiß sich verfolgt und beobachtet. Er verläßt daher das Hotel Tokatlyan meist nur bei Nacht. Am ersten Tag seines Aufenthaltes hat er seinen Pflichtbesuch auf der deutschen Botschaft abgestattet. Anstatt des Ministers, des Botschaftssekretärs oder Presseattachés empfängt ihn ein untergeordneter Beamter mit der eindeutig dürren Frage, welche Absichten ihn nach Konstantinopel führen. Lepsius erwidert, er sei ohne bestimmten Zweck in dieser Stadt, die er sehr liebe, gekommen, nur um sich ein wenig zu erholen. Das mit dem mangelnden Ziel stimmt übrigens. Der Pastor hat keine bestimmte Vorstellung von dem, was er werde unternehmen können. Er weiß nur, daß er bei den Türken und nun auch bei den Deutschen verfemt ist. Jener vortreffliche Korvettenkapitän von der Botschaft zum Beispiel, der seine Unterredung mit Enver Pascha damals so mühsam zustande gebracht hat, begegnet ihm auf einer Straße von Pera und schaut auffällig fort. Gott weiß, was für niederträchtige Lügen über ihn im Schwange sind! Oft überläuft es ihn eisig bei dem Gedanken, daß er in der türkischen Hauptstadt ganz verlassen dasteht und an der Vertretung seines Heimatlandes nicht nur keinen Rückhalt, sondern fast einen Feind besitzt. Sollte Ittihad den guten Gedanken fassen, ihn um die Ecke zu bringen, ein großes diplomatisches Geräusch um seinen Leichnam würde nicht entstehen. In kleinmütigen Stunden denkt er an die Heimreise. Er verliert nur seine Zeit. Die dritte Augustwoche ist schon angebrochen. Unbeschreibliche Hitze brütet über dem Bosporus.

Was will ich hier ausrichten, fragt er sich. Und dann vergleicht er seine Situation mit der eines ungeübten Einbrechers, der eine siebenfach versperrte Eisentür ohne Dietrich und Nachschlüssel nur mit der nackten Hand, dafür aber unter den Augen der Polizei aufzusprengen sucht. Dies aber ist klar. In die siebenfach versperrte Eisentür, die ins Innere führt, muß eine Bresche gelegt werden, sofern auch nur eine Spur wirklicher Hilfe möglich sein soll. All jene Gelder, die auf offiziellen Wegen ins Innere fließen, zerstäuben und bringen diese wirkliche Hilfe nicht.

Johannes Lepsius wagt es, Monsignore Sawen, den armenischen Patriarchen, zu besuchen. Seit dem Tage, da er ihn zum letzten Male sah, scheint der letzte Rest von Leben aus der erloschenen Gestalt des Erzpriesters gewichen zu sein. Geistesabwesend starrt der fromme Mann seinen Besuch an. Als er ihn erkennt, kann er die Tränen nicht zurückhalten.

»Sie werden sich schaden, mein Sohn«, flüstert er, »wenn man Sie bei mir weiß.«

Der Pastor bekommt nun die Wahrheit in ihrem ganzen Grauen zu hören, so wie sie sich in den Wochen seiner Abwesenheit entwickelt hat. Der Patriarch berichtet ihm kurz und trocken, wie ohne Sprache gleichsam. Jeder Rettungsversuch ist nicht nur aussichtslos, sondern auch überflüssig, da die Aussiedlung nun völlig durchgeführt ist. Die Priesterschaft sei zum größten Teil, die politische Führerschaft zur Gänze ermordet. Das Volk bestehe nur mehr aus verhungernden Weibern und Kindern. Jede Unterstützung, die man von deutscher oder neutraler Seite diesen Armeniern zuwende, reize die Wut Envers und Talaats zu neuen Schreckenstaten auf:

»Am besten, man unternimmt gar nichts, man bleibt still, man stirbt.«

Ob Lepsius nicht bemerkt habe, daß dieses Haus, das Patriarchat, von Spitzeln und Konfidenten umlagert sei. Jedes Wort, das in diesem Zimmer falle, gelange morgen unausweichlich zur Kenntnis Talaat Beys. Mit entsetztem Augenzwinkern bittet Monsignore Sawen den Gast, das Ohr an seinen Mund zu neigen. Auf diese Weise erfährt Lepsius von der Armeniererhebung auf dem Musa Dagh, von den Niederlagen des türkischen Militärs und von der bisherigen Uneinnehmbarkeit des Berges. Die Flüsterstimme des Patriarchen zittert: »Ist es nicht schrecklich? Das Militär soll mehrere hundert Tote haben.«

Johannes Lepsius findet das gar nicht schrecklich. Seine blauen Augen leuchten knabenhaft hinter seinem scharfen Zwicker:

»Schrecklich? Nein, herrlich! Gäbe es noch drei solche Musa Dagh, die Sache würde anders aussehen. Ach, Monsignore, am liebsten wäre ich auf diesem Musa Dagh!«

Der Pastor hat unachtsam laut gesprochen. Der Patriarch hält ihm mit angsterstarrter Gebärde den Mund zu. Beim Abschied übergibt ihm Lepsius einen Teil der Sammelgelder des deutschen Hilfswerkes. Sawen sperrt die Banknoten hastig in die Wertheimkasse seiner Kanzlei, als seien sie Feuer. Die Hoffnung ist nicht sehr groß, daß ihr Segen den Bestimmungsort Deïr es Zor erreicht. Der Monsignore flüstert dem Deutschen wieder etwas scharf ins Ohr, das dieser zuerst gar nicht begreift:

»Nicht wir vom Patriarchat und nicht Sie und nicht andre Deutsche und keine Neutralen, man müßte Türken als Mittler und Helfer finden, verstehen Sie, Türken!«

»Wieso denn Türken«, murmelt Lepsius leise und sieht Enver Paschas Gesicht vor sich. Die Idee ist verrückt.

 

Die Idee ist verrückt. Und doch befindet sie sich schon über den Kopf von Lepsius hinweg auf dem Wege der Verwirklichung. Im Speisesaal seines Hotels hat der Pastor einen türkischen Arzt von ungefähr vierzig Jahren kennengelernt. Professor Nezimi Bey ist eine sehr elegante westliche Erscheinung. Er wohnt im Tokatlyan, hat aber seine Ordination in einer vornehmen Straße von Pera. Lepsius hält den Professor anfangs für eine der sympathischesten Verkörperungen der jungtürkischen Welt. Trotz der europäischen Wissenschaft und eines fabelhaft geschnittenen Gehrocks trügt jedoch dieser Schein. Die beiden Herren geraten öfters ins Gespräch. Drei- oder viermal nehmen sie die Mahlzeit an demselben Tisch ein. Lepsius ist äußerst vorsichtig und zurückhaltend; muß es sein. Der andre aber ist durchaus nicht vorsichtig und zurückhaltend. Als er seinen Haß gegen die herrschende politische Richtung, gegen die Diktatoren Enver und Talaat unverhohlen zu erkennen gibt, erschrickt der Deutsche und verstummt. Sollte man ihm einen Lockspitzel beigesellt haben? Wenn er aber die vornehme Gestalt des kultivierten Nezimi ansieht, wenn er seine Stellung, seine Ausdrucksweise, seine überraschende Sprachenkenntnis bedenkt, so erscheint der Argwohn lächerlich. Über Agents provocateur von solchem Rang kann Enver unmöglich gebieten. Dennoch ist Lepsius weise genug, sich nicht hervorlocken zu lassen. Er leugnet nicht, daß er als christlicher Geistlicher das Los seiner armenischen Glaubensgenossen zu mildern suche, übt aber keine Kritik und beschränkt sich im übrigen auf abwartendes Zuhören. Obgleich Nezimi kein ausgesprochener Freund der Armenier zu sein scheint, tobt er doch gegen die Verschickungspolitik des Komitees:

»An den armenischen Leichenfeldern wird die Türkei zugrunde gehn.«

Lepsius zuckt bei seinen Worten mit keiner Miene:

»Hinter Enver und Talaat steht doch die große Mehrheit der Nation.«

»Wie? Die große Mehrheit der Nation?« fährt Nezimi auf. »Ihr Ausländer wißt ja gar nicht, wie klein diese Partei in Wirklichkeit ist, wie moralisch klein vor allem. Sie besteht aus dem schäbigsten Parvenugesindel. Wenn sich diese Leute etwas auf ihre osmanische Rasse einbilden, so ist das die größte Unverschämtheit, die es gibt. Diese Reinblütigen kommen zumeist aus dem mazedonischen Mischtopf, in dem das Rassenragout des ganzen Balkans schwimmt.«

»Das ist eine alte Sache, Professor. Auf Rasse berufen sich meist nur diejenigen, die etwas Ähnliches nötig hätten.«

Nezimi sieht Lepsius mit traurigen Augen an:

»Es ist ein Unglück, daß ein Mann wie Sie, der unsere Verhältnisse so genau studiert hat, doch keine Ahnung vom wahren türkischen Wesen besitzt. Wissen Sie, daß die wahren Türken die armenischen Verschickungen noch heftiger verwerfen als Sie?«

Johannes Lepsius horcht gespannt auf:

»Und wer sind diese wahren Türken, wenn ich fragen darf, Professor?«

»Alle, die ihre Religion noch nicht verloren haben«, sagt Nezimi, läßt sich aber auf eine nähere Erklärung nicht ein. Am Abend desselben Tages klopft er an die Tür des Pastors. Er macht einen sonderbar erregten Eindruck:

»Ich werde Sie, wenn Sie einverstanden sind, morgen in das Tekkeh des Scheichs Achmed einführen. Es ist ein großes Geschenk, das Sie damit bekommen. Und dann. Sie werden wegen der Armenier offen reden können und vielleicht auch etwas ausrichten.« Und er wiederholt noch einmal: »Es ist ein Geschenk für Sie.«

Gleich nach Tisch holt Nezimi den Pastor ab, wie sie es vereinbart haben. Der weite Weg wird größtenteils zu Fuß zurückgelegt. Heute ist die Sommerhitze durch eine kühle Brise vom Marmarameer gemildert. Über den lebendigen Nachmittagshimmel Stambuls ziehen Scharen von Störchen und Fischreihern, die drüben auf der asiatischen Seite nisten. Der Professor führt den Pastor am Seraskeriat Enver Paschas und an der Sultan-Bajazid-Moschee vorbei in die langen Straßenzüge von Ak Serai. Endlos zieht sich der Weg westwärts. Schon geraten sie in das ruinenhafte Gewirr der innersten Stadt. Die Pflasterung der Gassen verschwindet. Schaf- und Ziegenherden begegnen ihnen. Aus dem schwärzlichen Durcheinander zahlloser Holzhäuser ragt die uralte byzantinische Stadtmauer mit ihren Zinnen, Türmen und Vesten drohend empor. Johannes Lepsius ist durchaus nicht in der Stimmung, sich mit seinem künstlerischen Auge dieser romantischen, wenn auch mißduftenden Stadtschaft zu erfreuen. Auch jener Mittelpunkt der islamischen Frömmigkeit, den er heute kennenlernen soll, interessiert ihn nicht um neuer Erfahrungen willen. Wie jeder Geist, der von einem übermächtig quälenden Streben ausgefüllt ist, setzt er alles einzig und allein in Beziehung zu dem armenischen Unglück. Er ist also keineswegs empfänglich für neues Erleben, sondern wälzt bereits Pläne und Entwürfe. Diese Entwürfe und nicht etwa Neugier sind der Grund für die Fragen, die er seinem Begleiter stellt:

»Wir gehen wohl zu den Mewlewi-Derwischen?«

Lepsius weiß trotz seiner langen Aufenthalte in Palästina und Kleinasien so gut wie gar nichts vom Islam. Er sieht in ihm nur den fanatischen Feind des Christentums. Da es aber eine der trübsten menschlichen Schwächen ist, denjenigen, welchen man aus seinem innersten Inneren heraus verstehen müßte, den Feind, am allerwenigsten zu kennen, so hat auch der Pastor kaum eine blasse Vorstellung von der moslemischen Glaubenswelt. Er nennt die Mewlewi-Derwische nur, weil dieser sehr bekannte Name ihm geläufig ist. Doktor Nezimi macht eine fast wegwerfende Geste:

»Nein, nein! Scheich Achmed, unser Meister, ist das Haupt eines Ordens, den das Volk ›Die Herzensdiebe‹ nennt.«

»Ein komischer Ordenstitel. Warum die ›Herzensdiebe‹?«

»Das werden Sie später selbst sehen ...«

Während des Ganges läßt sich aber der Führer doch noch zu einigen Erklärungen herbei. Er unterrichtet den Deutschen darüber, daß der Strom der Mohammed-Religion sich in zwei gewaltige Arme geteilt habe, in das Schaariat und das Tarikaat. Entspreche das Schaariat ziemlich genau dem Begriff der katholischen Weltpriesterschaft, so werde das Tarikaat durch den Vergleich mit dem Mönchstum verfälscht. Derwisch sein heiße nicht der Welt entsagen und sich fürs ganze Leben in ein Tekkeh zurückzuziehen. Derwisch könne jeder werden und sein, der gewisse Bedingungen erfülle, er brauche sein Berufs- und Familienleben darum nicht aufzugeben: der Großwesir ebenso wie der Schneider, Kupferschmied, Bankbeamte oder Offizier. So seien denn auch die verschiedensten Bruderschaften über das ganze Land verbreitet, und die Brüder erkennen einander überall »aus dem Gefühl«, ohne einander zu kennen. Johannes Lepsius fragt mit zweckhafter Nachdenklichkeit:

»Demnach müssen diese Derwisch-Orden zahlenmäßig eine große Macht vorstellen.«

»Nicht nur zahlenmäßig, mein Herr Doktor, das können Sie mir glauben.«

»Und woraus besteht das Gottesleben dieser Leute?«

»Bei euch nennt man das, wie man mir gesagt hat, Exerzitien. Aber wahrscheinlich ist auch dieser Ausdruck falsch. Wir versammeln uns von Zeit zu Zeit. Es werden Übungen abgehalten. Gebetsübungen! ›Zikr‹ nennt man das. Jeder muß auch einmal oder mehrere Male im Leben Dienst in dem Tekkeh tun und dort längere Zeit leben. Die Hauptsache aber ist, daß wir unserm Lehrer und Meister aus der Fülle des Herzens heraus gehorsam sind.«

»Ihr Lehrer und Meister ist der Scheich Achmed, Professor ...«

Obgleich Lepsius nicht offen fragt, wer dieser Scheich Achmed, eigentlich sei, gibt Nezimi doch Antwort:

»Er ist ein Weli. Ihr würdet sagen ein Heiliger, und diese Übersetzung ist wieder ganz falsch. Er hat durch sein Leben, das höher steht als das Leben der Menschen, Kräfte in sich entwickelt. Kennen Sie den französischen Ausdruck: Initiation? Und das Herrlichste an ihm, Sie werden es sehen, er ist ein ganz einfacher Mensch.«

Sie bleiben vor einer hohen Mauer stehn. Die Wipfel von Zypressen und Feigenbäumen, überhängender Goldlack und Glyzinien verraten einen Garten. Nezimi Bey klopft mit seinem Stock an die wurmstichige Pforte in dieser Mauer. Man muß lange warten. Dann öffnet ein alter Mann mit einem schweren Körper und milden, liebevollen Augen. Das dunkle Wunder des Gartens tut sich auf. Eine vielhundertjährige Zeder beherrscht alles. Von zwei mächtigen Ästen hängen die rostigen Stücke einer schweren Kette herab. Nezimi erzählt dem Pastor, daß vor undenklichen Zeiten die Zeder in ihrer Jugend gefesselt war, bis die innere Kraft des Wachstums die Eisenkette zersprengte. Ein Sinnbild des Derwischlebens. In die aus dem Stadtlärm sonderbar ausgesparte Stille tönt ein Brunnenstrahl. Und dies wieder ist ein ergreifendes Sinnbild für die türkische Wasserverehrung. Der Garten wird rechts von einem dunkeln unheimlichen Haus und links von einem hellen und guten begrenzt. Sie treten in das gute Holzhaus ein, nachdem sie die Schuhe abgelegt haben. Nezimi führt den Fremden über eine kleine finstere Treppe in eine Art von Loge, die auf den großen Saal des Tekkeh hinausblickt, der mit seinen schlanken Holzpflastern und den in der Höhe filigranhaft durchbrochenen Wänden den Eindruck eines umfänglichen Pavillons erweckt. Die Holzdiele des Raumes bedecken die schönsten Teppiche. In die östliche Wand, Mekka zugekehrt, ist eine Thronnische mit einer erhöhten Matte eingebaut. Auf den Stufen zu beiden Seiten dieses Hochsitzes hocken einige Männer. Der Arzt bezeichnet sie als »Kalifen«, als Stellvertreter und Beauftragte des Scheichs, die seinem Herzen besonders nahestehen. Alle tragen den weißen Turban, selbst ein Infanteriehauptmann, der sich merkwürdigerweise unter diesen Gestalten befindet. Lepsius unterscheidet ferner einen kleinen spindeldürren Alten, der eine nervöse Krankheit haben muß, da sein spitzbärtiges Gesicht dann und wann von Zuckungen befallen wird. Einen auffallend schönen Mann mit weichem, braunem Bart, der in eine hemdartige Kutte gekleidet ist, nennt Nezimi »den Sohn des Scheichs«. Neben diesem jünglinghaften Mann, durch dessen Materie es silbern zu schimmern scheint, hockt auf gekreuzten Beinen ein fünfjähriger Knabe, der Sohn des Sohnes, ebenso weiß gewandet wie sein Vater. Lepsius aber richtet sein Augenmerk vor allem auf einen Menschen, der sich durch sein Aussehen und seine Haltung als mächtigste Persönlichkeit unter den Anwesenden offenbart. So stellt sich der Pastor die großen Kalifen vor, Bajazid, Mahmud den Zweiten, vielleicht den Propheten selbst. Ein durch Fanatismus verzehrtes Gesicht, dessen blauschwarzer Bart beinahe bis unter die Augenhöhlen vordringt. Der starre Blick, der an nichts hängenbleibt, kennt keine Gnade, weder für den Feind noch auch für den Freund. »Das ist der Türbedar von Brussa«, hört Lepsius und bekommt die Aufklärung, daß man mit diesem Titel ein sehr hohes symbolisches Amt bezeichne, nämlich den Wächter über die Grabstätten der Sultane und Heiligen. Der Mann sei überdies ein großer Gelehrter, nicht nur in der koranischen, sondern auch in einigen modernen Wissenschaften. Auch der kleine alte Herr, der so still ihm gegenübersitze, ja, ganz recht, jener mit den weißen Händen, die den Bernsteinkranz drehen, bekleide ein hohes symbolisches Amt: »Verwalter der Stammtafel des Propheten.«

»Leben diese Männer immer in dem Tekkeh?«

»Nein, es ist ein großer und glücklicher Zufall, daß sie heute den Scheich besuchen. Der alte Herr dort, der Verwalter der Stammtafel, kommt von sehr weit her, aus Syrien, von Antiochia, glaub ich. Er ist der älteste Freund unsres Scheichs, wissen Sie. Agha Rifaat Bereket heißt er.«

»Agha Rifaat Bereket«, wiederholt Lepsius zerstreut, als sei ihm dieser Name nicht ganz fremd. Er hat aber weder für den Agha Augen noch auch für die dreißig oder fünfunddreißig anderen Personen, die erwartungsvoll den Saal durchmurmeln, sondern nur für den stolzen Türbedar. Deshalb bemerkt er den Eintritt des Scheichs Achmed erst in dem Augenblick, da sich dieser auf seinen Sitz niederläßt. Nezimi Bey hat recht gehabt. Äußerlich sieht man diesem geistlichen Ordenshaupt, das wohl über Hunderttausende treue Seelen gebietet, nicht viel von seiner Bedeutung und seinen Kräften an. Er ist ein korpulenter Weißbart, dessen Züge von überlegener Freundlichkeit sprechen und eine praktische Beurteilung der Erdendinge nicht verhehlen.

Alles ist aufgesprungen und hat sich geradezu mit Gier auf den alten Scheich gestürzt, um seine Hand zu küssen. Erst als sich die andern mit diesem Ehrfurchts- und Liebesbeweis gesättigt haben, neigt sich der Türbedar als letzter über die weiche dicke Rechte Achmeds.

Die Zikr-Ekstase, deren Zeuge er nun wird, läßt Johannes Lepsius nicht nur kalt, sondern erfüllt ihn sogar mit einem dunkeln, schwer beschreiblichen Unbehagen. Die Zeremonie beginnt damit, daß sich der schöne Sohn des Scheichs mit zehn anderen jungen Leuten, die gleich ihm weiße hemdartige Kutten tragen, an die westliche Wand des Saales in eine Reihe stellt. Den rechten Flügel dieser Reihe bildet das kleine Kind, dessen Gesichtchen von altklugem Ernste strahlt. Irgendwoher dringt eine einförmig näselnde Schalmeienmusik. Vor einem goldgeschnitzten Koranständer steht ein Mann mit geschlossenen Augen, der in halblauten unangenehmen Falsettönen eine Sure psalmodiert. Der alte Scheich Achmed gibt ein kaum sichtbares Zeichen mit der Hand. Die Schalmei und Litanei verstummt. Der Sohn wirft den Kopf lauschend zurück wie einer, der einen leisen Regen mit seinem Gesicht auffangen will. Aus seiner Kehle aber steigen Laute auf, zittrig erstickt, als sei des Glückes zuviel, die Silben des unfaßbaren Verses aussprechen zu dürfen, in denen die ganze Kraft des geoffenbarten Buches gesammelt ist: »La-ilah-ila-'llah.« »Es ist kein Gott außer Gott.« Nun haben auch die anderen Männer den Kopf zurückgeworfen, und die zweimal drei Silben des Bekenntnisses vereinigen sich zu einem wundersamen stöhnenden Summen. Damit ist wie bei einem Musikstück das Thema angeschlagen, das nun entwickelt wird. Die Gestalt des Sohnes gerät zunächst in eine leichte eckige Schwingung. Während das »La-ilah-ila-'llah« einen entscheidenden Tonfall annimmt, neigt er seinen Oberkörper in die vier Richtungen des Weltraumes, vorwärts, rückwärts, nach rechts, nach links. Diese viertaktige Schwingung geht auf die andern über, indem sie sich allmählich steigert. Es herrscht aber durchaus keine Symmetrie der Bewegung wie etwa beim Exerzieren oder beim Ballett. Im Gegenteil! Jeder überläßt sich seinem eigenen Gesetz. Jedes Ich dieser Gemeinschaft scheint in der leidenschaftlichen Anrufung seines Gottes mit sich allein zu sein. Dadurch aber entsteht eine vielfältigere und höhere Symmetrie, als sie der mechanische Gleichtakt je bewirken kann, die Symmetrie eines sturmgeschüttelten Waldes, die Symmetrie einer erregten Meeresbrandung. Die völlige Freiheit und Einsamkeit des Ichs zu seinem Gott ermöglicht erst eine organische Gemeinschaft. Der alte Scheich, seine Kalifen und die übrigen Anwesenden nehmen an der Zikr-Übung mit leicht begleitenden Bewegungen teil. Der Knabe des jungen Scheichs neigt mit verzweifeltem Ernst seinen kleinen Körper nach allen Seiten. Manchmal kann man sein rührendes Kinderstimmchen aus dem allgemeinen Schwall des »La-ilah« piepen hören. Nach zwölf Minuten etwa sind die Körperschwingungen der Derwische fast rechtwinklig und die Rufungen zu einem ungegliedert heiseren Gebrülle geworden. Wieder ein knappes Zeichen des alten Scheichs. Die Zeremonie bricht jäh ab. In die Herzen der Teilnehmer und der Zuschauer aber scheint eine überschwengliche Freude, eine innerlichste Glücksbefriedigung eingezogen zu sein. Die Gesichter verklärt ein erschöpftes Lächeln. Die Männer umarmen einander. Johannes Lepsius muß an die altchristliche Agape denken. Aber wie? Diese Liebesfeier dort unten kommt ja nicht aus dem Geiste, sondern aus wilden Verrenkungen des Körpers. Er versteht sie nicht. Inzwischen sind ein paar neue Menschen durch eine kleine Tür in den Saal getreten. Sie tragen Wasserkrüge, Schüsseln mit Speisen, ja sogar Kleidungsstücke vor Scheich Achmed, der über diese Dinge mehrmals hinhaucht. Nun haben sie Heilkraft gewonnen. Nach einer Pause wird dann der Zikr von neuem und auf einer gesteigerten Stufe aufgenommen. Die heilige Vierzahl herrscht. Es finden daher vier Ekstasen statt, jedesmal durch eine Pause unterbrochen. Die Gewalt und das Tempo der letzten ist von solcher beinahe unerträglichen Wildheit, daß Johannes Lepsius zeitweilig die Augen schließt, weil ihm seekrank zumute ist. Als dieser letzte Zikr seinem Höhepunkt entgegengeht, springt plötzlich der spindeldürre Greis mit den Gesichtszuckungen von den Stufen in den Raum hinab und beginnt sich wie ein toller Kreisel um sich selbst zu drehen, bis er in einem epileptischen Krampf zusammenbricht. Der Pastor wendet sich nach dem Arzt um, der hinter ihm sitzt. Wird Nezimi nicht hinabeilen, um dem Epileptiker zu helfen? Doch der elegante Mann, der an der Sorbonne studiert hat, scheint selbst nicht mehr bei Sinnen zu sein. Sein Oberkörper kreist. Die Augen sind ertrunken. Und zwischen den Lippen unter dem englischen Schnurrbärtchen lallt er nun auch das lang zurückgedrängte »La-ilah-ila-'llah« hervor. Das Unbehagen des Pastors erreicht seinen Tiefpunkt. Doch er fühlt nicht nur einen Widerwillen gegen das, was ihn so fremd barbarisch anmutet, sondern zugleich auch befangene Scham darüber, daß er diesem gottestrunkenen Vorgang dort unten mit seiner westlichen Seele nicht gewachsen ist.

 

Diese tiefe Befangenheit hält auch noch an, als er in das Innerste dieser wildfremden Welt, in das Audienzzimmer des Scheichs tritt. Damals, als er sich Enver Pascha gegenüberfand, war er nicht beklommener gewesen als jetzt. Der Scheich Achmed jedoch empfängt ihn mit großer Freundlichkeit. Er geht ihm und Nezimi Bey einige Schritte entgegen. In dem geräumigen Zimmer haben sich von den Kalifen des Scheichs der Türbedar aus Brussa, Agha Rifaat Bereket, der junge Scheich und der Infanteriehauptmann eingefunden. Es gibt keine anderen Sitzgelegenheiten als niedrige Diwans, die an die Wände geschoben sind. Scheich Achmed bietet dem Pastor einen Platz dicht an seiner Seite an. Johannes Lepsius muß sich wie die anderen auf seine gekreuzten Beine niederlassen. Die Augen des alten Achmed, in denen außer der klarsten Weltklugheit noch eine unerklärliche Windstille haust, wenden sich zu dem Gast:

»Wir wissen, wer du bist und was dich zu uns führt. Ich zweifle nicht, daß du uns verstehen wirst, so wie wir dich zu verstehen hoffen. Vielleicht hat dir unser Bruder Nezimi schon berichtet, daß wir hier weniger uns auf Worte verlassen als auf die Berührung von Herz zu Herz. So laß uns denn prüfen, wie es mit unsern beiden Herzen steht.«

Der Rock des Deutschen ist zugeknöpft. Scheich Achmed öffnet mit seiner eigenen weißen Hand diese Knöpfe. Er lächelt, wie um Entschuldigung bittend:

»Wir wollen uns näherkommen.«

Johannes Lepsius spricht und versteht gut türkisch und recht gut arabisch. Scheich Achmed aber bedient sich einer schwierigen Mischung beider Sprachen, weshalb er für besonders heikle Wendungen Nezimi zum Dolmetsch bestimmt. Der Arzt übersetzt:

»Es gibt ein zwiefaches Herz. Das fleischliche und das geheime himmlische Herz, das jenes umschließt, so wie der Duft die Rose einhüllt. Dieses zweite Herz verbindet uns mit Gott und mit den Menschen, öffne es bitte!«

Der schwere Leib des vielleicht Achtzigjährigen neigt sich aufmerksam gegen den Pastor. Eine kleine Gebärde bedeutet, er möge die Augen schließen gleich ihm. Über Johannes Lepsius kommt eine gewisse Ruhe. Der verzehrende Durst, der ihn soeben noch quälte, weicht von ihm. Er benützt die Zeit, sich hinter seinen geschlossenen Lidern zu sammeln und jene Gründe zurechtzulegen, mit denen er für die Armenier kämpfen will. Gott hat ihn auf wunderbare Weise hierhergeführt, wo er vielleicht ganz unerwartet Bundesgenossen findet. Der Wunsch Monsignore Sawens, nicht Deutsche und Neutrale, sondern Türken selbst möchten die Mittler sein, dieser absurde Wunsch, nun hat er einen Schein von Erfüllbarkeit bekommen. Als Lepsius die Augen wieder aufschlägt, erscheint ihm das Gesicht des alten Scheichs wie in warmes Sonnenlicht getaucht. Dieser läßt über das Ergebnis der Herzprobe nichts verlauten, sondern bittet den Pastor, er möge sagen, womit man ihm dienlich sein könne. Das große Gespräch beginnt.

Johannes Lepsius (anfangs findet er nur langsam und steif die türkischen Worte. Er sieht auch den Doktor Nezimi Bey öfters hilfesuchend an, damit er ihm mit dem entsprechenden Ausdruck beispringe):

»Durch die große Güte von Scheich Achmed Effendi bin ich hier in diesem ehrwürdigen Tekkeh als Christ und Fremder ... Ich durfte sogar euren religiösen Übungen beiwohnen. Die Inbrunst und Innigkeit eures Strebens zu Gott hat mein Herz mit Freude erfüllt. Wenn ich als unwissender Ausländer den innersten Sinn eurer heiligen Bräuche auch nicht verstehen kann, so fühle ich doch eure große Frömmigkeit ... Um so schrecklicher aber scheint mir, angesichts dieser Frömmigkeit und Religiosität, was in eurem Vaterland geschieht und geschehen darf ...«

Der junge Scheich (holt sich mit einem fragenden Augenaufschlag von seinem Vater die Erlaubnis zu sprechen):

»Wir wissen, daß du schon seit vielen Jahren ein warmer Freund der Ermeni millet bist ...«

Johannes Lepsius: »Ich bin mehr als nur ihr Freund. Ich habe der Ermeni millet mein ganzes Leben und meine ganzen Kräfte gewidmet.«

Der junge Scheich: »Und nun willst du uns wegen dieser Vorgänge anklagen?«

Johannes Lepsius: »Ich bin ein Fremder. Ein Fremder hat nie und nirgends das Recht, anzuklagen. Ich bin nur hier, um zu klagen über das Geschehene und euren Rat und eure Hilfe zu erbitten.«

Der junge Scheich (mit einer deutlichen Hartnäckigkeit, die sich nicht durch feierliche Worte beruhigen läßt):

»Und dennoch gibst du uns Osmanen insgesamt die Schuld an dem, was geschieht.«

Johannes Lepsius: »Ein Volk besteht aus vielen Teilen. Aus der Regierung und ihren Organen. Aus den Klassen, die mit der Regierung gehen, und aus der Opposition.«

Der junge Scheich: »Und welchen von diesen Teilen machst du verantwortlich?«

Johannes Lepsius: »Ich kenne eure Verhältnisse seit zwanzig Jahren gut. Auch im Innern. Mit den Häuptern eurer Regierung habe ich verhandelt. Gott helfe mir, doch ich muß sagen, sie tragen allein die volle Schuld am Untergang eines unschuldigen Volkes.«

Der Türbedar (hebt seinen verzehrten Fanatikerkopf mit den erbarmungslosen Augen. Sein Wesen und seine Stimme beherrschen sogleich den Raum):

»Wer aber ist schuldig an der Regierung?«

Johannes Lepsius: »Deine Frage verstehe ich nicht.«

Der Türbedar: »So will ich dir eine andere stellen. Haben Osmanen und Armenier immer in Unfrieden gelebt? Oder hat es eine Zeit friedlichen Beisammenwohnens gegeben? Du kennst unsere Verhältnisse, so wirst du auch unsere Vergangenheit kennen.«

Johannes Lepsius: »Meines Wissens haben die großen Metzeleien erst im vorigen Jahrhundert begonnen, nach dem Berliner Kongreß ...«

Der Türbedar: »Du hast damit meine erste Frage beantwortet. Auf jenem Kongreß habt ihr Europäer euch in das innere Leben des Reiches gemengt, habt Reformen gefordert und uns für billiges Geld Allah und den Glauben abkaufen wollen. Die Armenier aber waren eure Geschäftsreisenden.«

Johannes Lepsius: »Hat nicht die Zeit und die Entwicklung des Lebens diese Reformen dringender gefordert als Europa? Und es ist ja selbstverständlich, daß sich die Armenier als das schwächere und tätigere Volk nach ihnen gesehnt haben.«

Der Türbedar (glüht auf und erfüllt das ganze Zimmer mit seinem heiligen Zorn):

»Wir aber wollen eure Reformen, eure Entwicklungen und eure Tätigkeiten nicht. Wir wollen in Gott leben und jene Kräfte in uns fördern, die Allah gehören. Weißt du nicht, daß alles, was ihr Tat und Tätigkeit nennt, der Teufel ist? Soll ich es dir beweisen? Ihr habt einige oberflächliche Erkenntnisse über das Wesen der chemischen Elemente. Was aber ist die Folge, wenn ihr diese mangelhaften Erkenntnisse in Taten und Tätigkeiten umsetzt? Die Erzeugung von Giftgasen, mit denen ihr eure hündisch feigen Kriege führt! Und ist es mit euren Flugzeugen etwa anders bestellt? Sie dienen euch dazu, ganze Städte in die Luft zu sprengen. In der Zwischenzeit aber befördern sie die Wucherer und Geschäftemacher, damit diese die Armut mit höchster Geschwindigkeit ausrauben dürfen. Eure ganze teuflische Unruhe zeigt uns, daß es keine Aktivität gibt, die nicht auf Zerstörung und Vernichtung hinausläuft. Wir hätten daher gern auf die Reformen, Entwicklungen und Segnungen eurer Kultur verzichtet, um in unsrer alten Armut und Ehrfurcht zu leben.«

Der alte Scheich Achmed (will einen versöhnlicheren Ton in das Gespräch bringen):

»Gott hat seinen Trank in viele Gläser geschenkt und jedes hat eine andre Form.«

Der Türbedar (kann sich noch nicht beruhigen, da er für seinen abgrundtiefen Groll den richtigen Gegner gefunden zu haben glaubt):

»Die Regierung ist an diesem blutigen Unrecht schuld, sagst du. Doch es ist in Wahrheit nicht unsre Regierung, sondern die eure. Bei euch ist sie in die Schule gegangen. Ihr habt sie in ihrem verbrecherischen Kampf gegen unsre heiligen Güter unterstützt. Eure Lehre und eure Gesinnung vollstreckt sie jetzt. Du mußt demnach erkennen, daß nicht wir Osmanen, sondern Europa und Europas Knechte am Schicksal des Volkes schuld haben, für das du kämpfst. Und den Armeniern geschieht nach Gerechtigkeit, denn sie haben jene abtrünnigen Verbrecher ins Land zurückgewünscht, sie gefördert und ihnen gehuldigt, damit sie jetzt von ihnen gefressen werden. Siehst du etwa nicht den Finger Gottes darin? Wo ihr und eure Schüler hinkommt, da bringt ihr die Verwesung mit. Ihr bekennt euch zwar heuchlerisch zu der Religion des Propheten Jesus Christus, doch im Grunde eurer Seele glaubt ihr nur an die stumpfen Mächte des Stoffes und an den ewigen Tod. So matt sind eure Herzen, daß sie nichts mehr von den Kräften Allahs wissen, die in ihnen ungenützt verdorren. Ja, der Tod ist eure Religion, und ganz Europa ist die Hure des Todes.«

Der alte Scheich (gebietet mit einem strengen Blick dem Türbedar, sich zu mäßigen. Dann streichelt er die Hand des Pastors, wie um ihn zu trösten und zu begütigen):

»Alles liegt in Gottes Absicht.«

Der junge Scheich: »Es ist wahr, Effendi. Du kannst es nicht leugnen, daß der Nationalismus, der heute bei uns herrscht, ein fremdes Gift ist, das aus Europa kam. Vor wenigen Jahrzehnten noch lebten unsre Völker treu unter der Fahne des Propheten: Türken, Araber, Kurden, Lasen und andre mehr. Der Geist des Korans glich die irdischen Unterschiede des Blutes aus. Heute sind auch schon die Araber, die sich wahrlich nicht zu beklagen haben, zu Nationalisten und unseren Feinden geworden.«

Der alte Scheich: »Der Nationalismus füllt die brennend-leere Stelle, die Allah im menschlichen Herzen zurückläßt, wenn er daraus vertrieben wird. Und doch! Ohne seinen Willen kann er nicht vertrieben werden!«

Johannes Lepsius (sitzt als angeklagtes Europa auf seinen gekreuzten Beinen. Er verliert sein Ziel nicht aus den Augen. Freundlich nimmt er deshalb die Flüche des imposanten Türbedars aus Brussa entgegen. Sie tun ihm nicht halb so weh wie seine verrenkten Beine):

»All das, was ich hier von euch zu hören bekomme, ist mir nicht neu. Ja, ich selbst habe oft ähnliche Worte zu meinen Landsleuten gesprochen. Ich bin Christ, christlicher Priester sogar, dennoch bekenne ich hier vor euch gerne, daß ein großer Teil der Christen, die mir begegnet sind, aus gleichgültigen und gottlosen Lippendienern besteht ...«

Der Türbedar (läßt trotz des stummen Verweises durch Scheich Achmed von seiner verstockten Rechthaberei nicht ab):

»Du siehst also ein, daß nicht wir Türken, sondern ihr selbst die wahren Schuldtragenden seid?«

Johannes Lepsius: »Meine Religion befiehlt mir, alle Schuld als unausweichliche Erbschaft Adams anzusehen. Die Menschen und Völker werfen einander die Erbschuld zu wie einen Ball. Es ist nicht möglich, sie durch ein Datum oder eine Begebenheit abzugrenzen. Wo sollten wir da anfangen und wo aufhören? Ich bin nicht hier, um auch nur ein einziges Wort des Vorwurfs gegen das türkische Volk zu erheben. Das wäre ein großer Irrtum. Ich bin hier, um euer gütiges Verständnis zu erbitten.«

Der Türbedar: »Jetzt kommt ihr, Verständnis zu erbitten, nachdem ihr das Böse erweckt habt!«

Johannes Lepsius: »Ich bin kein Chauvinist. Jeder Mensch gehört einer Volksgemeinschaft an, ob er will oder nicht, und bleibt mit ihr verbunden. Das ist eine selbstverständliche Tatsache der Natur. Als Christ glaube ich, daß unser Herr im Himmel die Verschiedenheiten um der Liebe willen schuf. Denn ohne Verschiedenheit und Spannung ist ja keine Liebe möglich. Auch ich bin meiner Natur nach sehr verschieden von den Armeniern. Und dennoch habe ich sie verstehen und lieben gelernt.«

Der Türbedar: »Hast du aber jemals darüber nachgedacht, wie sehr die Armenier uns lieben und verstehen? Sie waren es, die wie ein elektrischer Draht eure höllische Unruhe in unseren Frieden geleitet haben. Und hältst du sie gar für unschuldige Lämmer? Nun, ich sage dir, daß sie jeden Türken, der ihnen bei guter Gelegenheit in die Hand fällt, kalt abschlachten. Wäre es dir vielleicht nicht bekannt, daß sich selbst ihre christlichen Priester an solchen Mordtaten freudig beteiligen?«

Johannes Lepsius (muß das erstemal an sich halten, um keine scharfe Antwort zu geben):

»Wenn du es sagst, Effendi, so werden derartige Freveltaten der Rache da und dort wirklich geschehen sein. Vergiß aber nicht, was eure Hodschas, Mollahs und Ulemas sich an Aufhetzereien geleistet haben. Dabei seid ihr doch die Starken und die Armenier die Ohnmächtigen.«

Der Türbedar (nicht nur ein gelehrter Mann, sondern mehr noch ein trefflicher Polemiker, versteht die Kunst aufs beste, sich aus gefährlichen Einzelheiten sofort hinter das Wohlumpanzert-Allgemeine zurückzuziehen):

»Ihr habt in der ganzen Welt Verleumdungen über unsre Religion ausgestreut. Die boshafteste ist die Verleumdung der Unduldsamkeit. Glaubst du, es würde in dem Reich, das der Kalif jahrhundertelang beherrscht, auch nur ein einziger Christ mehr leben, wären wir unduldsam gewesen? Was tat der große Sultan, der Stambul eroberte, im ersten Jahr seiner Regierung? Verjagte er die Christen aus seinem Reich? Wie? Nein, er errichtete das griechische und das armenische Patriarchat und stattete es mit Macht und Glanz und Freiheit aus. Was aber taten die Euren in Spanien? Sie warfen die Moslems, die dort ihre Heimat hatten, zu Tausenden ins Meer und verbrannten sie auf Scheiterhaufen. Schicken wir euch Missionare, oder ihr uns? Das Kreuz tragt ihr vor euch nur her, damit die Bagdadbahn und die Ölgesellschaften bessere Dividenden abwerfen.«

Der alte Scheich: »Die Sonne ist herrschsüchtig, der Mond ist milde und friedlich. Der Türbedar spricht beleidigende Worte, dir aber, unserem Gaste, gelten sie nicht. Du mußt es verstehen, daß auch unsere Leute erbittert sind über das Unrecht, das unserer Religion geschieht. Weißt du, welches das Wort ist, das nach dem Namen Gottes am häufigsten den Koran ziert? Das Wort: Frieden! Und weißt du, was die zehnte Sure sagt? ›Einst waren die Menschen nur eine einzige Gemeinde. Dann wurden sie uneins. Doch wäre der Befehl des Herrn nicht ergangen, entschieden wäre schon zwischen ihnen, worüber sie uneins sind.‹ Auch wir streben nicht anders als ihr Christen nach einem Reich der Einheit und der Liebe. Auch wir hassen unsere Feinde nicht. Kann ein Herz überhaupt hassen, das die Empfängnis Gottes in sich schließt? Frieden zu bringen, das ist eine der wichtigsten Pflichten unserer Bruderschaft. Siehe, der Türbedar hier, der so hart redet, ist einer unserer eifrigsten Friedensboten. Lange, ehe wir noch von dir wußten, arbeitete er schon für die Ausgetriebenen. Und er ist nicht allein. Wir haben unsere Friedensboten auch unter wirklichen Kriegern ...«

(Er winkt den Infanteriehauptmann zu sich heran, der, wahrscheinlich als der jüngste und unvollkommenste Ordensbruder, auf der entferntesten Matte sitzt.)

Der Hauptmann (nimmt schüchtern neben seinem alten Scheich Platz. Er hat große zärtliche Augen und empfindsame Züge, denen nur der große wohlgepflegte Schnurrbart zu soldatischer Stattlichkeit verhilft.)

Der alte Scheich: »Du hast in unserem Auftrag die armenischen Transportlager im Osten besucht.«

Der Hauptmann (wendet sich an Johannes Lepsius):

»Ich bin Offizier bei dem Stabsregiment, das dem Generalkommando deines großen Landsmannes Marschall Goltz Pascha zugeteilt ist. Auch das Herz des Pascha ist von Sorge und Leid um seine christlichen Glaubensgenossen erfüllt. Doch nur wenig kann er in dieser Sache gegen den Willen des Kriegsministers ausrichten. Ich habe mich bei ihm gemeldet und den Urlaub für meine Aufgabe erhalten ...«

Der alte Scheich: »Und welche Orte hast du auf deiner Reise gesehen?«

Der Hauptmann: »Die meisten Deportationslager liegen an den Ufern des Euphratflusses zwischen Deïr es Zor und Meskene. In den drei größten habe ich mich mehrere Tage lang aufgehalten.«

Der alte Scheich: »Und kannst du uns einen Bericht darüber geben, was dir begegnet ist?«

Der Hauptmann (streift Lepsius mit einem gequälten Blick):

»Es wäre mir viel lieber, dürfte ich vor diesem Fremden hier schweigen ...«

Der alte Scheich: »Der Fremde soll verstehen lernen, daß es sich um die Schmach unsrer eigenen Feinde handelt. Rede!«

Der Hauptmann (starrt zu Boden, sucht nach Worten. Er kann das Unbeschreibliche nicht beschreiben. Die blassen abgerissenen Sätze geben den Geruch und die Bilder nicht wieder, deren Ekel ihn würgt):

»Schlachtfelder sind grauenhaft ... Aber das größte Schlachtfeld ist gar nichts gegen Deïr es Zor ... Das kann sich niemand vorstellen ...«

Der alte Scheich: »Und was ist das Schlimmste?«

Der Hauptmann: »Es sind keine Menschen mehr ... Gespenster ... Doch nicht von Menschen ... Gespenster von Affen ... Sie sterben nur langsam, weil sie Gras fressen und hie und da einen Bissen Brot bekommen ... Das Allerschlimmste aber, sie haben keine Kraft mehr, die Zehntausende von Leichen zu begraben ... Deïr es Zor, das ist ein ungeheurer Abort des Todes ...«

Der alte Scheich (nach einer langen Pause):

»Und welche Hilfe gibt es für sie?«

Der Hauptmann: »Hilfe? Am wohlsten wäre ihnen, wenn man sie alle an einem einzigen Tag totschlüge ... Ich habe ein Rundschreiben an unsere Brüder gerichtet ... Es ist uns gelungen, mehr als tausend Waisenkinder in türkischen und arabischen Familien unterzubringen ... Aber das bedeutet ja so wenig.«

Der Türbedar: »Und was wird die Folge davon sein, daß wir diese Kinder in unseren Familien sorgfältig und liebevoll erziehen? Die Europäer werden eifern, wir hätten sie geraubt, um sie zu schänden und zu mißhandeln.«

Der alte Scheich: »Das ist wahr, aber gleichgültig.« (Zum Hauptmann:) »Haben diese Armen in dir, dem Türken, nur den Feind gesehen, oder konntest du ihr Vertrauen gewinnen?«

Der Hauptmann: »In ihrem entmenschten Elend wissen sie nicht mehr, wer Freund und Feind ist ... Immer, wenn ich in eines dieser Lager kam, stürzten sich die Horden auf mich ... Es sind meist nur Weiber und Greise, alle beinahe nackt ... Sie brüllten vor Hunger. Die Weiber suchten im Kot meines Pferdes nach unverdauten Haferkörnern ... Später haben sie mich dann mit ihrem Vertrauen fast zerrissen ... Ich bin beladen mit ihren Aufträgen und Bitten, die ich nicht erfüllen kann ... Hier zum Beispiel dieser Brief ...«

(Er zieht einen schmutzigen Zettel aus der Tasche und zeigt ihn Johannes Lepsius.)

»Ihn hat ein christlicher Geistlicher geschrieben, wie du einer bist. Er saß neben der unbegrabenen Leiche seiner Frau, die schon den dritten Tag dalag. Es war nicht auszuhalten ... Ein ganz kleiner Mann, von dem kaum mehr etwas übrig war. Harutiun Nokhudian heißt er und ist irgendwo an der syrischen Küste zu Hause. Seine Landsleute sind auf einen Berg geflohen. Ich habe ihm versprochen, diesen Brief den Seinigen zukommen zu lassen. Aber wie?«

Johannes Lepsius (spürt, durch die Erzählungen des Hauptmanns im Innersten erstarrt, den Muskelkrampf seiner gekreuzten Beine längst nicht mehr. Er liest auf dem hingehaltenen Zettel nur die großen armenischen Buchstaben der Anschrift: »An den Priester von Yoghonoluk Ter Haigasun«):

»Auch diese Bitte wird nicht erfüllt werden wie alle andern.«

Agha Rifaat Bereket (hat seinen Bernsteinkranz verschwinden lassen. Die feine Gestalt des Alten von Antakje macht einige wiegende Bewegungen gegen den Scheich hin):

»Diese Bitte kann erfüllt werden ... Ich will den Brief des Nokhudian seinen Landsleuten zustellen. In einigen Tagen schon werde ich an der syrischen Küste sein.«

Der alte Scheich (wendet sich mit einem kleinen Lächeln zu Lepsius):

»Welch ein Beispiel für Gottes Walten! Zwei Brüder, die sich fremd sind, begegnen einander in dieser großen Stadt, damit der Wunsch eines Unglücklichen erfüllt werden kann ... Nun aber wirst auch du uns besser erkennen. Sieh meinen Freund, den Agha aus Antakje! Er ist kein Mann mehr im kräftigen Alter wie du, er trägt seine siebzig Jahre schon. Und doch reist er und arbeitet seit vielen Monaten für die Ermeni millet, er, ein guter Türke. Um ihretwillen hat er sogar den Sultan und den Scheikh ül Islam aufgesucht.«

Agha Rifaat Bereket: »Der Leiter meines Herzens kennt meine Absichten. Leider aber sind die anderen sehr stark und wir sehr schwach.«

Der alte Scheich: »Wir sind schwach, weil die Knechte Europas unserem Volk die Religion rauben. Es ist so, wie es der Türbedar mit bösen Worten gesagt hat. Nun weißt du die Wahrheit! Die Schwachen aber sind nicht feige. Ich kann nicht beurteilen, ob dir deine Wirksamkeit für die Armenier Gefahren bringt. Dem Agha und dem Hauptmann kann sie höchst gefährlich werden. Wenn ein Verräter oder Spitzel der Regierung sie angibt, verschwinden sie für immer im Gefängnis.«

Johannes Lepsius (beugt sich über die Hand Scheich Achmeds. Es wird aber kein Kuß daraus, da der Pastor seine Scham und Verschlossenheit nicht überwinden kann):

»Ich segne diese Stunde und ich segne euren Bruder Nezimi, der mich hierhergeführt hat. Keine Hoffnung hatte ich mehr. Jetzt aber hoffe ich wieder, daß man trotz aller Transportlager einen Teil des Armenierstammes mit eurer Hilfe wird erhalten können.«

Der alte Scheich: »Das steht allein bei Gott ... Verabrede dich mit dem Agha!«

Johannes Lepsius: »Gibt es eine Möglichkeit, die Männer vom Musa Dagh zu retten?«

Der Türbedar (gerät wieder in Zorn, da dieses Mitgefühl mit Empörern für sein osmanisches Herz zu weit geht):

»Der Prophet sagt: Wer zugunsten eines Verräters beim Richter einschreitet, ist selbst Verräter. Denn wissentlich oder unwissentlich fördert er die Unruhe.«

Der alte Scheich (die nüchterne Überlegenheit seines Wesens weicht zum erstenmal von ihm. Er starrt in die Ferne und seine Worte klingen unentwirrbar zweideutig):

»Vielleicht sind die Verlorenen schon in Sicherheit und vielleicht sind die Sicheren schon verloren.«

Ein Diener des Scheichs und der dicke Pförtner mit den milden Augen bringen Kaffee und Lokum, türkisches Zuckerwerk. Scheich Achmed reicht seinem Gast eigenhändig die Tasse. Ehe er sich verabschiedet, will Johannes Lepsius noch einmal das Gespräch auf die armenische Sache bringen. Es gelingt ihm aber nicht. Der alte Scheich lehnt jedes weitere Wort darüber kühl ab. Der Agha Rifaat Bereket hingegen verspricht dem Pastor, ihn noch an demselben Abend im Hotel aufzusuchen, da er schon sechsunddreißig Stunden später verreisen müsse.

Doktor Nezimi Bey verläßt den Pastor beim Seraskeriat. Die beiden Männer haben den langen Weg fast schweigend zurückgelegt. Der Türke glaubt, der Pastor sei mit seinen Eindrücken so leidenschaftlich beschäftigt, daß er kein Wort findet. Das stimmt auch, doch in anderem Sinn. Der Kopf dieses Besessenen ist zum Platzen voll von neuen Ideen. Er denkt nicht an die geheimnisvolle neue Welt, in der er einige Stunden verbracht hat, sondern nur an »Die Bresche ins Innere«, die sich durch einen wundersamen Zufall plötzlich aufgetan hat. Immer wieder drückt er Nezimi stumm die Hand zum Danke. Doch die Worte, die jener jetzt spricht, vernimmt er nur ungenau. Er möge, so fordert ihn der Türke auf, in den nächsten Tagen die kleinen Begebenheiten seines Lebens wohl beachten. Wen Scheich Achmed der Herzprobe gewürdigt habe, dem begegneten mitunter Ereignisse, die ihre Bedeutung hätten, wenn man sie zu erfassen verstünde. Allein geblieben, blickt Johannes Lepsius zu den Fenstern von Envers Hochsitz empor. Sie brennen in der Nachmittagssonne. Er wirft sich in eine Droschke: »Zum armenischen Patriarchat!« Alle Konfidenten der Welt sind ihm jetzt gleichgültig. Er bedrängt mit seinem Ungestüm den erloschenen Erzpriester. Der Gedanke des Monsignore Sawen lasse sich unglaublicherweise verwirklichen. Alttürkische Kreise helfen den Armeniern, ohne daß man es bisher gewußt habe. Die beste Klasse des Volkes sei in unauslöschlichem Haß gegen die atheistischen Führer entbrannt. Man müsse dieses Feuer für die eigene Sache benützen ... Monsignore Sawen greift sich mit beschwörender Geste an den Mund. Nicht so laut, bei Christi Barmherzigkeit! Der rasche Geist des Pastors entwickelt einen großzügigen Organisationsplan. Das Patriarchat soll sich heimlich mit den großen Derwisch-Orden in Verbindung setzen und so den Grund zu einem weitverzweigten Hilfswerk legen, das zum entscheidenden Rettungswerk anwachsen müsse. Durch einen starken Impuls würde die religiöse Schicht der Türken in ihrem Kampf gestärkt werden und ein mächtiger Widerstand gegen Enver und Talaat im Volke sich bilden. Monsignore Sawen ist weit weniger optimistisch als Johannes Lepsius. Ihm sind diese Dinge nicht unbekannt. Er flüstert mit kaum hörbarer Stimme. Nicht alle Derwisch-Orden glichen dem erwähnten. Die größten und einflußreichsten zumal, Mewlewi und Rufai, seien blinde Armenierhasser. Sie verfluchten zwar Enver, Talaat und alle andern Größen des Komitees, fänden aber die Ausrottung völlig in Ordnung. Johannes Lepsius läßt sich seine Zuversicht nicht rauben. Man müsse die Hände ergreifen, die sich bieten. Er schlägt dem Patriarchen eine verborgene Zusammenkunft mit Scheich Achmed vor, die Nezimi Bey vermitteln soll. Monsignore Sawen ist über all diese Kühnheiten so entsetzt, daß er froh zu sein scheint, als der temperamentvolle Pastor sein Zimmer verläßt.

Lepsius entlohnt die Araba am jenseitigen Brückenende. Er will die kurze Strecke bis zum Tokatlyan zu Fuß gehen. Seit Monaten einer unausdenklichen Depression fühlt er sich jetzt so wundervoll erhoben, als dürfte er auf einen großen Erfolg zurückblicken. Dabei hat er gar nichts Wirkliches erreicht, sondern nur einen schwachen Lichtspalt erblickt. Er geht in Gedanken die Grande rue Pera immer weiter und an seinem Hotel vorbei. Ein herrlich kühler Abend ist herabgesunken. Der Himmel schimmert hellgrün über den Baumspitzen einer parkartigen Alleestraße. Das ist eine ausnehmend feine Stadtgegend. Gesandtschaftsviertel, denkt Lepsius, und kehrt langsam um. Sogar Bogenlampen gibt es hier, die zögernd aufstrahlen. Ein Auto kommt ihm in gemächlicher Fahrt entgegen. Das Innere des Wagens ist beleuchtet. Ein Offizier sitzt neben einem dicken Zivilisten, in lebhaftem Gespräch begriffen. Johannes Lepsius fühlt plötzlich den Geschmack eines leisen Schrecks auf der Zunge. Er hat Enver Pascha erkannt. Die blitzende Jugendgestalt, das frische Gesicht mit den langen Mädchenwimpern. Und der Nachbar mit dem schief gedrückten Fez und der weißen Weste ist ohne Zweifel Talaat Bey, wie man ihn auf vielen Bildern sehen kann. Nun ist er dem großen Feinde doch wieder begegnet. Im stillen hat er es sonderbarerweise immer gewünscht. Gebannt rührt er sich nicht von seinem Fleck und sieht dem Auto nach. Es hat sich noch keine hundert Meter entfernt, als zwei Schüsse kurz hintereinander fallen. Die Bremse zieht kreischend an. Aus dem Dunkel springen undeutliche Gestalten hervor. Scharfe Stimmen fahren aufeinander los. Wird um Hilfe gerufen? Der Pastor spürt, wie seine Glieder eiskalt werden. Ein Attentat!? Hat Enver und Talaat das Schicksal erreicht? Und er sollte Zeuge sein? Es zieht ihn unwiderstehlich zu der Unheilstelle. Er möchte nichts sehen, aber er kann nicht anders. Nur zaghaft kommt er der schreienden Gruppe näher. Jemand hat ein grelles Karbidlicht angezündet, um das sich die Gaffer drängen, laut ihre Ratschläge erteilend. Der Chauffeur arbeitet ächzend und fluchend unter dem Wagen. Enver Pascha aber und Talaat Bey stehen friedlich nebeneinander und rauchen ihre Zigarette. Das Auto ist mit den Vorderreifen auf ein scharfkantiges Hindernis aufgefahren, die Reifen sind geplatzt und die Maschine hat Schaden genommen. Das Lächerlichste aber, weder ist Enver Enver noch Talaat Talaat. Der eine hat sich in einen ganz gleichgültigen Offizier verwandelt, der andre in einen noch gleichgültigeren Kaufmann oder Beamten. Nur die weiße Weste ist Wirklichkeit. Lepsius ärgert sich über seine aufgewühlte Phantasie, die solchen Spuk erzeugt. Ich bin ja ganz verrückt, brummt er.

Als aber eine Stunde später Rifaat Bereket bei ihm im Zimmer sitzt, hat er den Vorfall mit dem Auto schon vergessen. Der Agha mit seinem Turban und seinem langen blauen Mantel paßt nicht gut in solch ein europäisches Hotelzimmer. Er paßt nicht auf einen harten Holzstuhl und unter das kalte Licht der Glühbirnen. Lepsius erkennt, daß dieser alte Mann, der Kalif des Scheichs der Herzensdiebe in Syrien, ein großes Opfer bringt. Er bittet ihn, fünfhundert Pfund von den deutschen Hilfsgeldern entgegenzunehmen und sie womöglich für die Männer vom Musa Dagh zu verwenden. Der Pastor geht nicht, wie vielleicht mancher annehmen könnte, leichtsinnig vor. In diesen kleinen leuchtenden Händen, das sieht er, ist dieses Geld sicherer und zukunftsreicher aufgehoben als bei den ohnmächtigen Konsulaten und Missionen. Vielleicht kann es das erstemal seiner Bestimmung voll zugeführt werden. Rifaat Bereket füllt mit der umständlichsten Schriftmalerei der Welt einen großen Bogen als Empfangsbestätigung aus. Er überreicht ihn feierlich dem Deutschen:

»Ich werde dir in einem Brief genauen Bericht über meine Einkäufe geben.«

»Und wenn es dir nicht gelingt, die Waren auf den Berg zu bringen?«

»Ich bin mit guten Papieren ausgerüstet ... Fürchte nichts! Was zurückbleibt, werde ich in anderen Transportlagern aufteilen. Auch darüber wirst du Bestätigungen erhalten.«

Johannes Lepsius bittet den Agha zuletzt, seine Briefe an Nezimi Bey zu richten. Dies sei sicherer. Er möge um Allahs Barmherzigkeit willen dafür sorgen, daß dieser neue Weg offenbleibe.

Ich bin vielleicht nicht vergebens nach Stambul gekommen, weiß Johannes Lepsius, als er den Agha auf die Straße geleitet hat und in sein Zimmer zurückkehrt. Irgend etwas ist in dem kleinen Raum von dem frommen Gaste übriggeblieben, eine tiefere Ruhe als vorher. Im Bewußtsein, daß sein Werk heute einen großen Fortschritt gemacht hat, legt sich der Pastor zu Bett. Jetzt aber beginnen die Gestalten aus dem Tekkeh mächtig zu werden und bedrängen ihn mit ihren Augen und Gesichtern, mit ihren Worten und Gebärden. Er hat es vorher gar nicht so deutlich gewußt, wie überlebensgroß diese Persönlichkeiten waren, denen er heute begegnen durfte: Scheich Achmed, sein Sohn, der Türbedar. Er verliert sich in lange Disputationen mit ihnen, die ihm endlich den Schlaf bringen. Doch der Schlaf dauert nicht lange. Mitten in der Nacht weckt ihn ein dumpfes Dröhnen. Die Fensterscheiben klirren so eigenartig. Lepsius kennt dieses Klirren. Die Schiffsgeschütze der englisch-französischen Flotte hämmern um Einlaß. Er setzt sich im Bett auf. Seine Hand tastet nach dem Lichtschalter. Sie findet ihn nicht. Es ist wie ein schrecklicher Stich im Herzen. Hat Nezimi nicht von ihm gefordert, er solle seine kleinen Erlebnisse genau beobachten? Sie könnten eine besondere Bedeutung haben. Das Attentat auf Enver und Talaat! Es war keine leere Täuschung, sondern ein Gesicht, das mit Scheich Achmeds Kraft zusammenhing. Johannes Lepsius möchte seine Augen vor dem gottverboten starrenden Abgrund schließen, der vor ihm klafft. Tiefe Furcht erfüllt seinen Geist. Hat er einen Blick in die Zukunft getan oder ist er nur einem dunklen mörderischen Wunschgedanken erlegen? Das Geschützfeuer murrt. Die Scheiben klirren. Unsinn, Unsinn, will er sich einreden. Doch seine fiebernde Seele ahnt, daß der Herr im Himmel die Gerechtigkeit wiederhergestellt hat, noch ehe sie gebrochen war.

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