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Die vierzig Tage des Musa Dagh

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Werfel
titleDie vierzig Tage des Musa Dagh
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun6. Auflage
year1975
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20151125
modified20170206
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Drittes Kapitel
Die Prozession des Feuers

Nunik, Wartuk, Manuschak, den Klageweibern, lachte neues Berufsglück.

Ehe sie noch die Trauerfarbe mit Lattich vom Gesichte reiben konnten, rief sie ihr andres Amt, das gegensätzliche. Wenn die Wehen der Frau recht lange währten, und das hofften sie zuversichtlich, fielen für sie wohl zwei Mahlzeiten ab. Sie hatten überdies in der richtigen Annahme, daß sich unter fünftausend Menschen jederzeit alles Menschliche ereignen könne, in den mürben Falten ihrer Kleider das Notwendigste mitgenommen: Sevsamith, den schwarzen Fenchelsamen, etwas Schwalbenmist, das Schwanzhaar eines roten Pferdes und dergleichen Arzneimittel mehr.

Noch bevor sich die Erde des Damlajik über den Toten geschlossen hatte, begannen Howsannahs Wehen. Nur Iskuhi war bei ihr im Zelt, da sich alle anderen zur Totenfeier begeben hatten. Das Mädchen konnte wegen seines Gebrechens der Schwägerin nur ungenügenden Beistand leisten. Es gab keinen Sitz mit Rückenlehne, gegen den sich die Kreißende hätte stützen können. Die untergeschobenen Kissen reichten nicht aus, um ihr Halt zu bieten, und auch die Bettstatt besaß nur einen leeren Eisenrahmen. Da setzte sich Iskuhi mit dem Rücken zu Howsannah, damit die gequälte Frau sich gegen ihren Leib stemmen könne. Doch Iskuhi war zu zart, um den mächtigen Druck der Gebärenden auszuhalten. Wie krampfhaft sie sich auch an den Bettrahmen festklammerte, sie klappte zusammen. Howsannah Tomasian aber stieß einen kurzen Schrei aus. Dieser erklang als Signal für Nunik. Die Klagefrauen hatte ihr scharfer Instinkt von der Feier fortgezogen. Ihr Werk war getan und das überraschend hohe Entgelt eingescheffelt. Nuniks Beweisführung schien auf die Trauernden ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Die wohltätigen Metalliks sollten auf dem Damlajik nicht verrosten, sondern den Armen und Elenden des Volkes zu Hilfe kommen. Einige unter den milden Gebern hatten bei Nuniks Notschilderung eine zwinkernde Grimasse gezogen. Es ging nämlich die Sage, daß nicht allein Nunik mit der abgefressenen Nase, sondern auch die kleine fette Manuschak eine heimliche Millionärin sei. Die Heuchlerinnen sollten nicht nur einen Schatz von Paras, Piastern und Metalliks, sondern ganze Töpfe voll ausgewachsener Medjidjeh-Taler, ja dicke Pfundnotenbündel auf dem Friedhof begraben halten. Wegen dieser geheimnisvollen Kapitalien kam es auch von Zeit zu Zeit auf dem Friedhof von Yoghonoluk zu regelrechten Bettlerschlachten, die Ter Haigasun meist durch die Drohung geschlichtet hatte, er werde das ganze Gelichter erbarmunglos von dem entweihten Totenort seiner unverschämten Lebensgier verjagen. Die Millionärinnen aber jammerten bei jeder Gelegenheit nach echter Millionärsart, daß sie gezwungen seien, unermüdlich ihrem Verdienste nachzugehen, um für ihre alten Tage nicht verloren zu sein. Unter diesen alten Tagen des wohlerworbenen Ruhestands schienen sie eine übermenschlich hohe Ziffer zu verstehen. Waren die fette Manuschak und die zänkische Wartuk der nackten Gewinnsucht ergeben, so hatte man in Nunik eine Berufene zu bewundern, die außer dem Geschäftsgeiste auch noch anderen Geistern diente. Sie witterte mit ihrer entstellten Nase in der Luft. Nein! Im Laubhüttenlager gab es nichts. Hier war die Stunde der Schwangeren noch nicht gekommen. Nur ein paar kleine Kinder plärrten. Steif ausgestreckt lagen die schnellatmenden Verwundeten vor dem Lazarettschuppen. Doch in der warmen, himmelsklaren Luft stand ein leichtes Zittern, das Nunik genau kannte, das immer über jenem Orte erschien, wo eine Menschenseele ins Leben treten sollte. Diesem Zittern ging die Führerin nach und kam bald mit Wartuk und Manuschak auf den Dreizeltplatz. Als sie Howsannah Tomasians Schrei im Zelte hörten, sahen sich die Kolleginnen mit nickendem Einverständnis an. Sowenig der echte Musikkenner die Melodien der einzelnen Meister miteinander verwechselt, ebensowenig verwechselten sie die Eigenart der menschlichen Schreie. Der Schrei einer Gebärenden hatte sein eigenes Gesetz, ganz bestimmte Schwellungen, Höhepunkte, Pausen, Abstürze. Nicht anders auch hatte der Schrei eines Verbrannten, der Schrei eines tödlich Verfolgten sein besonderes Gesetz. Das Ohr wußte die Wahrheit. Die Nase wußte die Wahrheit. Am ehesten noch ließ das Auge sich täuschen.

Iskuhi wollte gerade aufbrechen, um Mairik Antaram zu suchen, als die drei Parzen ohne Anmeldung sich in das Zelt drückten. Im Dunkel glühte das regungslose Violett ihrer Gesichter auf. Die beiden Frauen Tomasian waren sprachlos. Doch sie erschraken nicht über die Erscheinungen – wer in Yoghonoluk kannte diese Altweiber nicht –, sondern über den Totenpomp, den sie noch nicht abgelegt hatten. Nunik, die den abergläubischen Sinn dieses Erschreckens sogleich erfaßte, beruhigte die Frauen:

»Töchterchen, es ist eine gute Vorbedeutung, wenn wir so kommen. Dann bleibt der Tod hinter uns.«

Als erste ärztliche Handlung zog Nunik den Sis hervor, einen dünnen Eisenstab, mit dem das Tonirfeuer geschürt wird, und begann auf die Innenwände des Zeltes große Kreuze zu zeichnen. Iskuhi schaute gebannt:

»Warum zeichnest du diese Kreuze?«

Ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen, erklärte Nunik den Zweck der Kreuze. Um das Gemach einer Kreißenden versammeln sich alle Geistermächte der Welt, die bösen jedoch zahlreicher als die guten. Wenn das Kind zur Welt kommt, ja sooft während der Wehen sein Köpfchen aus dem Schoße stößt, werfen sich die bösen Mächte darauf, um es ganz und gar zu durchdringen. Jeder Mensch bekommt darum rettungslos etwas ab von ihnen. Deshalb auch schlummert in jedermanns Herzen heimlich die Besessenheit. Der Teufel hat folglich teil an allen Menschen, und einzig Jesus Christus, der Erlöser, war kein vom Teufel Gerittener. Nach Nuniks Meinung bestand nun die höchste Kunst der Geburtshilfe darin, diesen Anteil des Teufels zu verringern. Die Kreuze dienten gleichsam als Absperrungsmaßnahme, als mythische Quarantäne. Iskuhi erinnerte sich ihrer Verschickungsträume, Nacht für Nacht. Da lag ein ausgepichter Satan über ihr, das Kaleidoskopgesicht. Und auch sie versuchte mit ihrer freien Hand große Kreuze ins Nichts zu zeichnen, um ihn zu bannen, besonders dann, wenn sich ihr Körper seiner Macht ergeben wollte. Oh, für wieviel Angst in dieser Welt mußte Christus, der Heiland, allsekündlich in Bereitschaft sein. – Nuniks Weisheit war damit aber noch lange nicht zu Ende. Sie erklärte den gebannten Frauen, wie den einzelnen Eingeweiden, insbesondere dem Herzen, der Lunge, der Leber, ganz bestimmte dämonische Wesenheiten entsprächen, die sich in den Vollbesitz jener Organe zu setzen suchten. Der ganze Geburtsakt sei in der Hauptsache ein Ringkampf von übernatürlichen Gegnern um die Parteizugehörigkeit des Kindes. Je heftiger dieser Kampf hin und her tobe, um so schwerer entwickle sich die Geburt, um so langwieriger die Wehen. Deshalb müsse eine kluge Kindsmutter die alterprobten Hilfen und Finten anwenden, die ihr Nunik übermittle. Der Säugling werde dann die ersten gefahrvollen Tage wohl überstehen. Und auch der künftige Mensch sei hinfort gut ausgerüstet für die großen Schicksalswenden seines Lebens, in denen sich der Geburtskampf immer wiederholt. Nunik entledigte sich ihrer Verkündigungen in einem weichen eingelernten Singsang, der mit altarmenischen Worten untermischt war. Iskuhi verstand diese Worte nicht, obgleich sie in der Missionsschule von Marasch die klassische Sprache ihres Volkes ein wenig gelernt hatte. Nachdem der erste Schreck vorüber war, wirkte die Anwesenheit der drei bemalten Wehmütter merkwürdig wohltuend, ja einschläfernd. Howsannah schlief auch wirklich ein und schien es nicht zu bemerken, daß Wartuk mit einer dünnen langen Seidenschnur ihre Handgelenke verband und mit einer zweiten Schnur die Gelenke ihrer Füße. Nunik aber trat nahe ans Bett und ermahnte sie:

»Je länger du geschlossen bleibst, um so länger bleibt deine Kraft geschlossen. Je später du dich öffnest, um so mehr Segen wird in dich eingehen und aus dir kommen.«

Die kleine vierschrötige Manuschak hatte indessen vor dem Zelt ein kleines Reisigfeuer entzündet. Darin hitzte sie zwei glatte Steine, die Brotlaiben ähnelten. Dies war eine höchst verständige Zaubertätigkeit, denn die heißen Steine sollten, in Tücher gewickelt, den ermatteten Leib der Gebärenden wärmen. Mit diesem sachlichsten Teil der magischen Kurpfuscherei, einschließlich des Fencheltees, den Manuschak auf dem Feuer bereitete, hätte auch Bedros Hekim einverstanden sein müssen. Dennoch sträubten sich die spärlichen Haare Altounis vor Wut, als er seine Erzfeindinnen bei der Patientin antraf. Mit jugendlicher Gelenkigkeit hob er den Stock und prügelte die Klageweiber von hinnen, während seine schartige Stimme ihnen Schmeicheleien nachrief, unter denen das Wort »Aasgeier« noch die mildeste war.

 

Man sieht demnach, daß Doktor Bedros Altouni ein sehr hitziger Vertreter der westlichen Wissenschaft war. Hatte ihn Awetis Bagradian, der Stifter, nicht ausbilden lassen und fünf Jahre lang sein Leben und seine Studien an der Universität zu Wien ermöglicht, damit er die Leuchte der Vernunft hochhebe über den Irrwahn des Volkes? Und hatte Bedros die von ihm beschworene Bedingung dem Wohltäter nicht treulich erfüllt, seine Praxis bis zum Tode in Yoghonoluk auszuüben und aus den armseligen sieben Dörfern bei Suedja nicht zu weichen? Ist vielleicht jemand des Glaubens, daß die Erfüllung dieses Eides und die unverrückbare Treue ein leichtes Opfer gewesen sei? Nicht zehn-, sondern dreißigmal lockte die ehrenvollste Verführung. Die Gemeindeverwaltung von Antakje hatte ihm öfters die günstigsten Anträge gemacht, ebenso Alexandrette, ja selbst die Großstadt Aleppo. Er besaß Anträge mit eigenhändiger Unterschrift von Wali und Kaimakam, in denen ihm das amtliche Physikat in der Kasah in Aussicht gestellt wurde, wenn er die elenden Nester an der Küste verlasse. Im ganzen Reiche war kein menschliches Wesen so gesucht, so hoch mit Gold aufgewogen wie ein Arzt, der das Diplom einer europäischen Hochschule sein nannte. Solche Männer besaßen den größten Seltenheitswert. Bedros Hekim hätte schon seit Jahren ein steinreicher Herr sein können, Hausbesitzer in Aleppo oder Marasch, geehrt von Stambul bis Deïr es Zor, Vorstand von zehn Spitälern, Generalstabsarzt der ottomanischen Armee. In seinem Fall hätte der Makel des Armeniertums keine Rolle gespielt und die Austreibung wäre an ihm mit geschlossenen Augen vorübergezogen. Wie aber stand es in Wirklichkeit um ihn? Was war der gnädige Dank des Schicksals dafür, daß er dem alten Wohltäter sein Versprechen gehalten hatte? Es ist überflüssig, darauf eine Antwort zu geben. Wer das Kreuz des Ideals auf sich nimmt, hat nichts andres zu erwarten. Vielleicht entschädigte den Alten das Bewußtsein der lebelang »hochgehaltenen Leuchte«. Doch gerade für diese nicht minder dekorative als ermüdende Tätigkeit hatte er sein allerbitterstes Lachen vorrätig. He, ich bitte euch, seht euch nur dieses Volk an! Wie wenig hat es gelernt in den vierzig Jahren, die ich in Yoghonoluk praktizierte? Den Argwohn gegen den »fränkischen Hekim« verliert es nie, mögen die Leute auch einem ins Gesicht so aufgeklärt tun, wie sie wollen. Gewiß, meine Mühe hat schon Früchte getragen. Die Sterblichkeit ist bei uns vielleicht geringer als in der Nachbarschaft, und gar in der muselmanischen. Und doch, nichts hat genügt, um Nunik samt allen anderen Gräberwachteln und Hausmagierinnen auszurotten. Wirft man sie bei Tag hinaus, so schleichen sie nachts, von den Angehörigen geholt, an die Krankenbetten zurück. Wie soll man da in diesem schmutzigen Meer des Aberglaubens die Fackel der Wissenschaft hochhalten oder, was noch weit schwerer ist, hygienische Reinlichkeit durchsetzen?

Ähnliche Reden bekam man von dem diplomierten Bedros Altouni gar oft zu hören. Was aber noch weit bitterer an ihm nagte, das behielt er bei sich. In all den langen Jahren, da er auf seinem frommen Reitesel nicht nur in den Dörfern Visiten abstattete, sondern auch von den Moslems des ganzen Bezirkes häufig zu Rate gezogen wurde, hatte er die sonderbarsten Erfahrungen machen müssen. Sträubte sich auch sein ganzes wissensgläubiges Selbst dagegen, er mußte die zahlreichen Erfolge anerkennen, welche die schmutzigsten Gesundheitszauberer mit ihren ekelhaften Kuren, die aller Aseptik und Antiseptik ins Gesicht schlugen, immer wieder errangen. In achtzig von hundert Fällen lautete ihr Befund auf: »Böser Blick!« Die Gegenmittel bestanden aus Speichel, Schaf-Urin, verbranntem Pferdehaar, Vogelmist und noch appetitlicheren Arzneien. Und doch, mehr als einmal war es schon vorgekommen, daß ein von ihm aufgegebener Kranker, nachdem er einen Zettel mit Bibel- oder Koranversen verschlungen hatte, unheimlich schnell wieder genas. Altouni war nicht der Mann, an die Wunderkraft des verschluckten Zettels zu glauben und dadurch in Zweifelschwierigkeiten zu geraten. Aber was half es? Heilung war Heilung. Auch in den armenischen Dörfern verbreitete sich von Zeit zu Zeit die Kunde derartig glückhafter Therapie und dann geschah es, daß Altounis Fälle in hellen Scharen zu den arabischen Hekims der Umgebung ausrissen oder gar Nunik und ihre sauberen Schicksalsschwestern konsultierten. Nicht selten fanden sich unter den Abtrünnigen geeichte Aufklärer, selbsteigene Hochhalter der Leuchte, dieser oder jener Lehrer zum Beispiel, was den Gemütszustand des Arztes nicht gerade aufhellte.

Lag hierin der eine Grund von Bedros Altounis Bitterkeit, so war der andre womöglich noch verschwiegener. Wissenschaft, Aufklärung, Fortschritt wohlan! Aber um Aufklärung und Fortschritt zu verbreiten, muß man selbst erst aufgeklärt werden und fortschreiten dürfen. Wer aber konnte im Schatten des Musa Dagh fortschreiten, ohne Kenntnis neuer Errungenschaften, ohne medizinische Bücher und Zeitschriften? Krikors rückwärtsgewandte Bibliothek wußte auf die verrücktesten Fragen Bescheid, in der Heilkunde versagte sie, obgleich oder gerade weil ihr Inhaber Apotheker war. Bedros Altouni besaß nicht mehr als ein »Handbuch der Medizin« in deutscher Ausgabe aus dem Verlagsjahr 1875. Dies war übrigens ein dickes Buch, in dem alles Nötige verzeichnet stand. Und doch hatte es damit ein kümmerliches Bewenden. Denn die unerbittliche Zeit war nicht nur über dem Vademecum dahingegangen, sondern auch nicht minder über Altounis Beherrschung der deutschen Sprache. Bedros Hekim jedoch glich nicht dem Apotheker. Blätterte dieser Auserwählte in den Bänden seiner Bücherei, deren Sprache er nicht mächtig war, so schlug die Flamme des Geistes dennoch auf ihn über und er vermochte wie die Sibylle aus verschlossenen Büchern zu weissagen, so daß selbst der mißtrauische, scheelsüchtige Oskanian Prophetie und Wissenschaft nicht unterschied. Bedros Altouni hingegen war ein dürftiger Rationalist, in dem die schöpferische Quelle nicht selbsttätig sprudelte. Deshalb schlug er sein stummgewordenes Handbuch gar nicht auf und benützte es nicht einmal mehr als Amulett und Fetisch. Alles, was er vor Jahrzehnten einmal theoretisch gelernt hatte, war zu einem unbeträchtlichen Etwas zusammengeschmolzen. Es gab für ihn daher nur zehn bis zwanzig benennbare Krankheiten. Obgleich er an menschlichen Leidensbildern unendlich viel gesehen hatte, stopfte er doch alles in die spärlichen Wissensfächer, über die er verfügte. Er hielt sich in der Tiefe seines armen Selbstgefühls für ebenso unbelehrt wie die Hekims, Kurpfuscher und Klageweiber ringsum, deren greuliche Kuren mit Hilfe einer geduldigen Natur verdammt oft gelangen. Gerade sein Mangel an Selbstgefühl war es, der ihn, ohne daß er's wußte, zum guten Arzte machte, denn jede Meisterschaft der Welt hat sowohl die Demut vor dem Unerreichbaren als auch das Unbehagen vor dem Erreichten zur Voraussetzung. Andrerseits entstammte derselben Ursache jener wütende Haß, der ihn, den enttäuschten Westler, beim Anblick Nuniks, Wartuks, Manuschaks stets in Harnisch brachte. Heute aber half ihm sein Zorn wenig. Die verjagten Kurpfuscherinnen hielten stand und musterten den alten Feind vom Rande des Dreizeltplatzes her mit höhnischen Augen.

Howsannah Tomasian, die Pastorin, war die erste Frau des Volkes, die auf dem Damlajik in die Wehen kam. Selbst unten im Tale war die Geburt eines Kindes eine Art öffentliches Ereignis, zu dem die nähere Verwandtschaft und weitere Sippe Zutritt hatte, die Männer nicht ausgenommen. Um wieviel feierlicher und damit auch öffentlicher aber war dieses Ereignis hier oben, da in der ungeheuerlichsten Notlage, in der sich jemals ein Volksstamm befunden hatte, der erste Armeniersohn zur Welt kommen sollte. Selbst das strahlende Geschenk des Kriegsglücks, die beiden goldenen Haubitzen, verlor an Anziehungskraft. Die Menge, die am Vormittag zu den herrlichen Trophäen gepilgert war, drängte sich jetzt auf dem Dreizeltplatz, dieser vornehmsten Stätte des Elendlagers. Die Vorhänge wurden von dem Zelt der Gebärenden zurückgeschlagen und die arme Howsannah unerbittlich der Sonne ausgesetzt. Ihre Leiden gehörten ihr, doch sie gehörte nicht mehr sich selbst. Die Neugierigen gingen ein und aus. Bedros Altouni erkannte bald, daß er hier nicht an seinem Platze war, und räumte knurrend seiner Frau das Feld, die ja auch sonst den meisten Gebärenden in seiner Vertretung beistand. Er entfernte sich, ohne das tiefe Selam der Klageweiber zu beachten, zu den Verwundeten des Lazarettschuppens. Mairik Antaram blieb bei Howsannah. Sie drängte die Vordringlichen mit kräftigen Fäusten und Worten zurück. Entschlossen waltete sie ihres Amtes, das ihr seit Jahrzehnten vertraut war. Und doch, so alt Mairik Antaram auch geworden, sie konnte keiner Kreißenden beistehen, ohne daß ihr die beiden mißglückten Geburten ihrer eigenen Jugend einfielen. Iskuhi kühlte mit ihrer trotz des Gluttages eisigen Hand die Stirn der Schwägerin. Ihre Augen lagen mit ängstlichem Eifer auf Mairik Antaram, damit ihr ja keine Weisung entgehe. Mit ihrer ganzen Energie konnte es die Doktorsfrau nicht verhindern, daß die Menschen immer wieder mit Fragen, Ermunterungen, Ratschlägen in das Zelt eindrangen. Auch Gabriel erschien, um sich zu erkundigen. Iskuhi fiel es trotz des betäubenden Treibens auf, wie verfallen und blaß sein bärtiges Gesicht seit gestern war. Sie wunderte sich auch darüber, daß Juliette kaum eine halbe Stunde bei Howsannah blieb, da man doch so lange schon wie eine Familie miteinander hauste. Aram, der Gatte, tauchte alle zehn Minuten einmal auf, lief aber sogleich wieder davon. Er behauptete, daß er unabkömmlicher sei als je, damit nach dem gestrigen Siege und dem Abzug der Türken keine schlaffe Beruhigung unter den Diensthabenden einreiße. In Wahrheit aber jagten ihn Erregung und Sorge um sein Weib im Kreise umher. Der gute Vater Tomasian folgte seinem Sohne von fern auf den verschlungenen Irrwegen, damit der Pastor für seine Überreiztheit einen Blitzableiter habe. In freudiger Erwartung eines Stammhalters hatte der Baumeister seinen schwarzen Sonntagsrock angetan. Die goldene Uhrkette lag noch immer waagerecht auf seinem Bauch, der unter der mageren Fleischkost nicht gelitten hatte. Jeder Freund brachte irgendein Geschenk oder Hausmittel, Apotheker Krikor zum Beispiel ein Fläschchen mit Wacholderessenz eigener Erzeugung, um Herz und Nerven zu stärken. Doch dies war eine sehr harmlose Gabe, denkt man an das Hahnen-Ei. Als die Sache kein Ende nehmen wollte und die ergebnislosen Wehen sich immer von neuem wiederholten, erschien plötzlich eine alte Frau, die ein überlebensgroßes Ei in der Hand hielt und behauptete, dieses Ei habe bei Neumond ein Hahn gelegt. Wenn eine Schwergebärende dieses Naturprodukt roh und mit der Schale zu sich nehme, sei das Kind im Handumdrehen heraußen. Mairik Antaram, die mit den Leuten weit besser umzugehen verstand als ihr Gatte, dankte dem alten Weibe für das Ei-Ungeheuer, versprach sofortige Befolgung ihres Ratschlages und schob sie hinaus. Die Frauen des Volkes mißbilligten es, daß Howsannah Tomasian während ihrer Leiden keinen Schmerzlaut mehr von sich gab. Sie witterten irgendeinen Hochmut dahinter. Und es war auch, wenn man will, ein Hochmut der Scham. Längst waren Nunik, Wartuk, Manuschak wieder auf dem Plan erschienen. Nunik selbst hockte im Zelte und betrachtete die Mühewaltung Antarams mit nachsichtig belustigten Fachaugen, wie etwa ein weltberühmter Chirurg die Arbeit eines Dorfbaders betrachten würde.

Nach mehr als achtstündigen Qualen gebar Howsannah endlich einen Knaben. Das Kind, das schon im Mutterleibe seit Zeitun soviel Angst und Elend durchlitten hatte, war bewußtlos und atmete nicht. Antaram schüttelte den winzigen Körper, der noch voll Blut und Pech war, während Iskuhi in seinen Mund hauchen mußte. Nunik aber und ihre Kolleginnen, die besser Bescheid wußten, raubten blitzschnell die Nachgeburt, steckten sieben Nähnadeln aus dem Besitz sieben verschiedener Familien hinein und warfen das Ganze ins Feuer. Das Leben, das sich in den leblosen Teil geflüchtet hatte, um seinem Erdengeschick zu entgehen, durch das Feuer wurde es frei. Einige Sekunden später begann das Kind zu schlucken, dann zu atmen, dann zu wimmern. Mairik Antaram reinigte es vorsichtig mit Hammelfett. Die stillgewordene Menge begann Beifall zu rufen. Die Sonne ging unter. Pastor Aram ergriff mit dem ungeschickten und etwas lächerlichen Stolz des jungen Vaters das runzlige Lebewesen, das ein Mensch werden sollte, und hielt es den Leuten hin. Alle freuten sich und lobten Tomasian, weil es ein männliches Kind war. Rauhe Scherzworte machten unter den anwesenden Schützen die Runde. Keiner dachte an die wirkliche Zukunft. Es ist ungewiß, wer als erster jenes kleine rundliche Feuermal bemerkte, das dieser echte Sohn des Musa Dagh über seinem kleinen Herzen trug. Die Frauen rieten über die Bedeutung des Zeichens hin und her. Nunik, Wartuk, Manuschak aber, die von Berufs wegen die Enträtselung solcher Chiffren verstehen mußten, äußerten nichts, banden ihre Schleier um, nahmen ihre Stöcke zur Hand und machten sich reichbeschenkt auf den Rückweg. Weit griffen ihre braunen Greisenbeine aus. Und wiederum glichen sie irgendwelchen Masken des antiken Chors, wie sie im aufsteigenden Mond zu den Gräbern der Vergangenheit hinabwanderten.

 

Nicht mehr als drei Tage und drei Nächte waren hingegangen, da meldeten die Beobachter allerlei unverständliche Bewegungen in den Dörfern.

Gabriel Bagradian bezog sofort einen Späherposten. Und wirklich, im Ausschnitt des Zeißglases zeigte sich lebhaftes Gewimmel in scharf unterschiedenen Gestalten. In der Orontesebene, auf der Straße zwischen den Dörfern, auf den Karrenwegen und Saumpfaden ringsum schlichen Züge von Ochsenkarren dahin. In den Dörfern selbst sah man größere Menschenhaufen mit Fez und Turban in eiligem Hin und Her. Gabriel tastete jedes Fleckchen mit dem Glas ab, doch er bemerkte nicht einen einzigen Soldaten und nur einige wenige Saptiehs. Dagegen bemerkte er, daß diesmal nicht nur der altbekannte Pöbel von Antakje und Umgebung in die verlassenen Ortschaften eingebrochen war; der Zustrom des heutigen Tages machte einen gewichtigeren Eindruck und schien auf ein planvolles Ziel hinzusteuern. Auf dem Kirchplatz von Yoghonoluk herrschte hastiges Treiben. Turbanträger erkletterten die Feuerleiter der Kirche und bewegten sich im leeren Glockenturm seitlich der großen Kuppel. Langgedehnte Töne eines ganz dünnen Stimmchens wurden hörbar, nein, ahnbar, die in die vier Weltrichtungen verhallten. Vom Hause Christi schickte der Gebetrufer des Propheten die klagende Lockmelodie aus, die jeden Moslem erzittern läßt und die nun aus allen Flecken, Weilern, Hütten des öden Landes die Gläubigen in die Dörfer des Musa Dagh zu verführen schien. Das Schicksal der Kirche »Zu den wachsenden Engelmächten«, die Awetis der Alte errichtet hatte, war besiegelt. Und im Hirne des Enkels zuckte der heiße Wunsch auf, den stolzen Zerstörungsversuch mit einigen Haubitzgranaten zu wagen. Doch er verwarf dieses Gelüste, kaum daß es geboren war. Sein alter Grundsatz, immer nur verteidigen, nie angreifen, durfte von ihm am allerwenigsten durchbrochen werden. Am gefährlichsten wirkte der Berg auf die Feinde dort unten gewiß, wenn er tot und geheimnisvoll dalag. Jede Herausforderung mußte den Abwehrkampf schwächen, weil sie den Türken, als dem Staatsvolk, ein moralisches Recht der Strafe verschaffte.

Angesichts des unbekannten Gewimmels im Tale fragte sich Bagradian, wie viele Kämpfe man noch werde durchhalten können. Die Munition blieb trotz der zweimaligen Siegesbeute und Nurhans Patronenmanufaktur äußerst begrenzt. Herzbeklemmend war der Umstand, daß der geringste Mißerfolg, die kleinste Schlappe unwiderruflich zum Untergang führen mußte. Für das Volk des Damlajik gab es keine Zwischenstufen, sondern nur Siege oder den Tod. Der Verlust eines einzigen Grabens schon bedeutete das Ende. Gabriel Bagradian überlegte wie schon tausendmal, daß nicht nur ein solcher Verlust das Ende bedeute, sondern alles, das Gute und Schlimme, wie immer es sich auch gestalte. Seine kriegerische Kunst hatte nur dieses Ende hinauszuzögern, so lange wie möglich. Zu diesem Zwecke durfte das Kapital der panischen Angst, die der Berg den Türken nach ihrer doppelten Niederlage offensichtlich einflößte, nicht unnütz verausgabt werden. Die neue Bevölkerung des Tals wuchs von Minute zu Minute. Eine militärische Unternehmung ist sicher nicht geplant, stellte Bagradian nach längerer Zeit fest. Die Absicht dieser Neusiedlung aber verstand er noch nicht ganz. Vielleicht war es die wirkliche, vielleicht nur die demonstrative Landnahme eines christlichen Bezirkes durch den Islam. Vor der Kirchentür von Yoghonoluk unterschied er eine kleine Gruppe von europäisch gekleideten Herren. Der Müdir mit seinen Unterbeamten, meinte er und freute sich, daß kein Offizier dabei war, um die Kriegslage zu begutachten. Dennoch gab Gabriel Bagradian den Befehl, die Bereitschaft in den Stellungen aufs äußerste zu verschärfen. Er ließ ferner alle Beobachterstände mit verdoppelten Posten besetzen und legte Kundschaftergruppen an alle Zugangspunkte des Damlajik bis zu den Obst- und Weingärten hinab, damit sie einen etwaigen Überrumpelungsversuch der Türken bei Nacht unmöglich machten.

Gabriel hatte richtig geschätzt. Vor der Kirche von Yoghonoluk stand der sommersprossige Müdir. Doch es war noch ein Ranghöherer erschienen, der leberkranke Kaimakam höchstselbst, um nach dem Rechten zu sehen. Das hatte seinen guten Grund. In Antiochia nämlich war nach dem zweiten, noch traurigeren und schmählicheren Rückzug der regulären Streitmacht einiges geschehen, was bedeutsame Folgen nach sich zog.

Zwischen dem Kaimakam und dem armen Bimbaschi mit den Kinderwangen war sofort der Kampf auf Leben und Tod ausgebrochen. Der schlichte Kasernenvater einer vergangenen Zeit zeigte sich der Ittihad-Feinheit des neuen Stils in keiner Weise gewachsen. Erst jetzt ahnte er, warum sein scharfer Todfeind und Stellvertreter, der Jüsbaschi, in diesem Zeitpunkt gerade Urlaub genommen hatte. Indem er ihm diesen Urlaub gewährte, war er dem Stellvertreter auf den Leim gegangen. Nun würde der Major tatsächlich in Bälde seine Stelle vertreten. Es begann damit, daß der Kaimakam den Volkszorn gegen den Bimbaschi schlau zu entfesseln wußte. In Antiochia gab es nur ein einziges Lazarett, das der Zivilbehörde unterstand. Die kranken Soldaten verblieben bei leichteren Fällen in der Kaserne. War aber ärztliche Behandlung und Pflege erforderlich, so mußte das Militärkommando beim Kaimakamlik um Spitalaufnahme der Schwererkrankten bittlich werden. Diese bürokratisch vertrackte Umständlichkeit machte sich der Kaimakam heimtückisch zunutze. Wenn der Oberst auf jeden Fall erledigt war, so hätte sich die Sache mit Berichten und Untersuchungen doch noch viele Wochen lang hinziehen können, ehe seine Absetzung erfolgte. Man wäre keinen Schritt weitergekommen. Der Kaimakam aber brauchte für seine Politik in der Kasah zuverlässige Ittihadleute und keine trägen Knasterbärte aus Abdul Hamids Zeiten. Der Major und er hatten die Ereignisse ziemlich genau vorausgesehen und ihre Partie miteinander abgekartet. Wenige Stunden, bevor der Bimbaschi als gebeugter Herold seiner eigenen Niederlage nach Antakje zurückkehrte, trafen in tiefer Nacht die langen Karrenzüge mit den Toten und Verwundeten des Steinschlages und des Kampfes ein. In Hükümet brannte kein Licht, obwohl man dort alles schon wußte. Als die Verwundeten ans Tor des Krankenhauses gelangten, verweigerte ihnen der Verwalter unerbittlich den Einlaß. Ohne den Revers des Kaimakams dürfe auf ausdrücklichen Befehl niemand aufgenommen werden. Da half kein Zetern und Fluchen. Der Arzt legte unter freiem Nachthimmel bei Mond- und Petroleumbeleuchtung die notwendigsten Verbände an. Auch er hatte weder den Platz noch auch die Erlaubnis, den gewaltigen Zuwachs von zweihundert Mann in seiner engen elenden Spitalsbaracke unterzubringen. Verzweifelt entsandte er einen seiner Gehilfen zum Kaimakam, um Weisungen einzuholen. Nach endloser Zeit kam der Bote unverrichteterdinge zurück. Der Kaimakam schlafe so abgründig tief, daß es nicht gelungen sei, ihn zu wecken. Daraufhin entschloß man sich, die stöhnenden und weinenden Verwundeten in die Kaserne zu führen, damit sie wenigstens ein Dach über dem Kopfe hätten. Inzwischen war die Sonne aufgegangen und der Tag rasch fortgeschritten. Der Eindruck, den die blutigen Karren bei der Bevölkerung von Antiochia hervorriefen, läßt sich kaum schildern. Als um dieselbe Stunde der vom Schicksal so arg gerupfte Bimbaschi mit seinem Stab über die Orontesbrücke in die Stadt einritt, wurde er mit Steinen empfangen und konnte sich nur auf unrühmlichen Umwegen in seine Kanzlei retten. Jetzt erst, da das Gedränge des Markttages anhob, sandte der beneidenswerte Morgenschläfer von Kaimakam den notwendigen Erlaubnisschein und ließ die langen Kolonnen der Unglücklichen in das Hospital überführen, jedoch mit dem nachdrücklichen Geheiß, der Weg müsse über den großen Bazar genommen werden. Der neuerliche Anblick der gelben Leidensgesichter und blutbesudelten Verbände erweckte einen stattlichen Aufruhr. Die empörte Menge zog vor die Kaserne und schlug dem armen Bimbaschi die Fensterscheiben ein, was hierzulande die Vernichtung einer Kostbarkeit bedeutete. Doch nicht genug damit! Die Reste der bewaffneten Macht waren so niedergedonnert und kleinlaut, daß sie vor dem Pöbel die Kasernentore ängstlich verriegelten wie erschrockene Spießbürger. In jeder Menschenmenge steckt ein leichtentzündlicher Urhaß gegen die Träger der Staatsordnung. Der Pöbel empfand die Totenstille hinter den Kasernenmauern als seinen eigenen Triumph und eröffnete ein neues Bombardement. Die Offiziere flehten den Bimbaschi an, er möge ihnen den Befehl geben, den Platz durch die Wachmannschaft mit gefälltem Bajonett säubern zu dürfen. Der alte Mann lag aber auf einem Diwan und hörte auf keinen Rat. Jammernd entrang es sich immer wieder seinen Lippen: »Ich bin nicht schuld. Ich bin nicht schuld.« Durch die Strapazen zu Tode erschöpft, weinte er, wenn er nicht schlief, und schlief, wenn er nicht weinte. Das militärische Platzkommando mußte zu allem andern mithin noch die Schmach erleben, daß es durch die bürgerliche Macht, das heißt durch Polizei und Saptiehs, von dem tobenden Pöbel befreit wurde.

Während dieser erfreulichen Vorkommnisse begab sich der Kaimakam mit dem wohlmanikürten Müdir aus Salonik auf das Telegrafenamt der Stadt. Beide Herren entwarfen mit bewundernswertem politischem Feinsinn eine Depesche an Seine Exzellenz, den Wali von Aleppo. Dieser überlebensgroße Drahtbericht umfaßte zehn dichtbekritzelte Formulare oder elfhundertfünfzig Worte. Er war winkelzügig wie der Schriftsatz eines kleinen, aber ehrgeizbesessenen Rechtsanwalts und zungenfertig wie der Leitartikel einer radikalen Zeitung. Eingangs wurde die mißlungene Liquidation in den wirksamsten Farben geschildert, die schweren, doch unnötigen Verluste zahlenmäßig angeführt und die Erbeutung der ungesicherten Geschütze durch die Aufständischen als jene soldatische Ungeheuerlichkeit gebrandmarkt, die sie tatsächlich war. Dann verließ der Kaimakam diesen traurigen Gegenstand, indem er mit Resignation feststellte, daß jede Einflußnahme seinerseits auf die militärischen Stellen stets falsch gedeutet werde. Dagegen aber müsse er mit höchstem Nachdruck auf die kochende Volksseele hinweisen, die zur Stunde die fristlose Abberufung des kommandierenden Bimbaschi immer wütender fordere, und dies sogar mit den Mitteln des Straßenaufruhrs. Die vorhandene Polizei und Gendarmerie reiche aber bei weitem nicht aus, um eines Straßenaufruhrs Herr zu werden. Man müsse deshalb unverzüglich nachgeben und Seine Exzellenz möge die Abberufung und kriegsgerichtliche Bestrafung des hiesigen Kommandanten bei der zuständigen Militärbehörde erwirken. Der Kaimakam folgerte aus diesen Ereignissen weiter, daß an allem »die doppelten Kompetenzen« schuld seien, indem die syrischen Wilajets sowohl den politischen Statthaltern als auch dem Generalkommando der Vierten Armee unterstünden. Solange dieses zwiespältige Verhältnis herrsche, könne er weder die Ruhe in seiner Kasah noch auch die wunschgemäße Abwicklung der Armenierdeportation gewährleisten. Er setzte staatsjuristisch lichtvoll auseinander, daß die Austreibung der armenischen Millet ein Akt der inneren Verwaltung sei, bei dem auch die höchsten militärischen Stellen keine selbständige Rolle innehätten. Die Leistung des Militärs sei in diesem Fall durch den Begriff der »Assistenz« vollkommen umschrieben. Die Verwendung der Truppe bei der Assistenz aber hänge nach dem Wortlaut des Gesetzes einzig und allein von den Entschlüssen der zivilen Behörde ab. Daher sei die gegenwärtige Praxis ungesetzlich, da das Generalkommando nach eigener Willkür vorgehe, die Assistenz meist verweigere, gegen die Provinzregierung gehässig arbeite und sogar die Gendarmerie – einen Teil der bürgerlichen Macht also – für ihre eigenen Zwecke verwende. In Ansehung dieser gefährlichen Tatsache werde die armenische Bevölkerung zum Widerstande aufgereizt, der, sofern er sich ausbreite, unabsehbare Folgen für das ganze Reich nach sich ziehen könne. Der Kaimakam schloß diese ungewöhnliche Staatsdepesche beinahe mit einer Drohung: Er könne die Verantwortung für die Liquidation des bewaffneten armenischen Lagers auf dem Musa Dagh nur unter der Bedingung übernehmen, daß die gesamte Macht in seiner Hand vereinigt werde. Zu diesem Behufe müsse ihm militärische Assistenz in solcher Stärke und Ausrüstung zur Verfügung gestellt werden, daß eine durchgreifende und restlose Säuberung des Berges möglich sei. Es gehe auch nicht an, daß diese Aktion von einem fremden, mit den Verhältnissen unvertrauten Offizier durchgeführt werde, sondern er bitte dringend um die Zuteilung des bisher stellvertretenden Majors als Platzkommandanten von Antakje, der aber in der armenischen Unternehmung ihm völlig unterstellt bleiben müsse. Andernfalls jedoch, sollten diese billigen Vorschläge nicht annehmbar sein, wage er, der Kaimakam, es gehorsamst anzuregen, daß man die obenberichtete Schmach ohne weitere Gegenmaßnahmen hinnehme und die Insurgenten auf dem Musa Dagh ihrem Schicksal überlasse.

Der Rapport des Kaimakams bedeutete in politischer und psychologischer Beziehung ein Meisterstück. Ging auch nur ein Teil seiner Wünsche in Erfüllung, so war er der unabhängigste Landrat in Syrien. Ein gut gedrilltes Beamtenherz älterer Artung wäre vor dem manchmal anmaßenden Ton der Riesendepesche zurückgescheut. Doch gerade dieser schneidig durchgreifende Ton war genau auf das Ohr der jungtürkischen Machthaber von heute abgestimmt. Sie beteten den Westen an und hatten daher abergläubische Verehrung für Worte wie »Initiative« und »Energie«, mochten sich diese auch aufbegehrend äußern.

Gleichzeitig klitterte der vernichtete Bimbaschi, der seine rosigen Wangen wohl für immer verloren hatte, eine lange Depesche an seinen vorgesetzten Etappengeneral zusammen. Sie erging sich in weitschweifigen Anklagen gegen den Kaimakam, der ihn zu dem mißglückten Unternehmen gezwungen habe, ohne ihm Zeit zur hinreichenden Vorbereitung zu lassen. Der Ton des Bimbaschi war wehleidig, feierlich und kleinlaut, demnach ganz und gar verfehlt. Der Unglückliche wurde noch innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden abberufen und vor Gericht gefordert. Er verschwand heimlich bei Nacht und Nebel von der Stätte seiner langjährig bequemen Wirksamkeit, das unschuldigste Opfer des armenischen Kriegsglücks. Seine Exzellenz aber, der Wali von Aleppo, fand die Formulierungen des Kaimakams von Antiochia so bedeutsam, daß er sie mit eigenen bekräftigenden Zusätzen an den Herrn Minister des Innern weiterdepeschieren ließ. Der Untergebene hatte mit feinen Fingerspitzen eine brennende Wunde seines Vorgesetzten berührt. Seitdem nämlich der große Dschemal Pascha, mit der unbeschränkten Macht eines römischen Prokonsuls ausgerüstet, in Syrien kommandierte, waren sämtliche Walis und Mutessarifs zu Schattenkönigen zusammengeschrumpft. Dschemal Pascha behandelte diese Großmächtigen etwa wie Intendanten seines Armeenachschubs. Sie bekamen von ihm strenge Befehle, dort und dorthin soundso viel tausend Oka Weizen zu befördern oder bis zu einem bestimmten Zeitpunkt diese und jene Straße in tadellosen Stand zu setzen. Der Feldherr schien die ganze Zivilbevölkerung für eine lästige Schmarotzerherde zu halten und die Zivilregierung für ein gänzlich überflüssiges Übel. Seine Exzellenz von Aleppo nahm daher die Gelegenheit nicht unerfreut wahr, dem eisernen Pascha eins aufs Zeug zu flicken und die Herrschaften in Stambul von dem kläglichen Mißerfolg des überheblichen Militärs in Kenntnis zu setzen. Talaat Bey las das Meisterwerk des Kaimakams von Antiochia seinerseits mit gemischten Gefühlen. Er hatte die Aufgabe, den inneren Dienst gegen militärische Vordringlichkeiten in Schutz zu nehmen. Auch bedeutete für ihn die Armenierverschickung eine weit erhabenere Tatsache als der langweilige Ehrgeiz unbefriedigter Eisenfresser. Er fuhr, wie es seine Gewohnheit war, mit der gewaltigen Tatze mehrmals an der weißen Weste hinab. Dann aber fügten die flinken Telegrafistenfinger an dieser gewaltigen Tatze die Depeschenblätter mit einer Klammer zusammen. Er legte einen Zettel mit den Worten bei: »Bitte dringend um positive Erledigung.« Der Akt wanderte unverzüglich auf den Schreibtisch des Kriegsministers. Enver Pascha pflegte niemals eine Bitte Talaats abzuschlagen. Als die Herren einander am Abend beim Endjumen, dem engeren Ministerrat, begegneten, trat Enver auf seinen Freund zu. Der junge Kriegsgott lächelte mit seinen langen Mädchenwimpern befangen: »Ich habe wegen des Musa Dagh an Dschemal energisch telegrafiert ...« Ohne Talaats Dank abzuwarten, fügte er mit zierlicher Spottgrimasse hinzu: »Ihr könnt mir alle dankbar sein, daß ich diesen verrückten Menschen nach Syrien abgeschoben und kaltgestellt habe.«

 

Vor dem Jaffator in Jerusalem stand ein arabisches Hotel, dessen Fenster auf die Davidzitadelle mit ihrem hochragenden Minarett hinausgingen. In diesem Hotel hatte Armeegeneral Dschemal Pascha vorübergehend sein Hauptquartier aufgeschlagen, als die Depeschen Envers, des Wali von Aleppo und anderer Funktionäre einlangten, die ihn um eine rasche Bereinigung der armenischen Schmach ersuchten. (In jenen Tagen pflegten die jungtürkischen Machthaber einander ganze Bücher zu telegrafieren. Es war nicht allein die Dringlichkeit, sondern eine barbarische Freude an dem vermittelnden Strom, die sie zu solchem Wortreichtum verführte.) Dschemal Pascha saß allein in seinem Zimmer. Weder Ali Fuad Bey noch auch der Deutsche von Frankenstein, seine beiden Stabschefs, waren anwesend. Dschemal Pascha konnte sich deshalb gehenlassen. Nur Osman, der Oberste seiner Leibwache, stand an der Tür, ein reckenhafter Bergbewohner, der wie eine ausgestopfte und behängte Figur im Waffenmuseum wirkte. Mit seiner Leibwache verfolgte Dschemal einen doppelten Zweck. Er frönte mittels ihrer romantischen Ausstattung der Prachtsucht des Asiaten, die in dem farblosen Kriegsbetrieb der Gegenwart sonst nicht auf ihre Kosten kam. Zugleich aber beschwichtigte er durch sie eine Seelenregung, die alle Diktatoren seit eh und je vor ihren weniger erfolgreichen Mitmenschen auszeichnet, die Attentatsfurcht. Osman durfte nicht von seiner Seite weichen, hauptsächlich dann nicht, wenn irgendein Herr aus Stambul vorsprach. Dschemal hielt es nämlich durchaus nicht für ausgeschlossen, daß seine lieben Brüder Enver und Talaat ihm einen tüchtigen Agenten des Todes mit guten Empfehlungen zu senden willens waren. Er las die Depeschen aufmerksam, insbesondere die von Enver Pascha. Obgleich der Fall, um den es sich handelte, ohne größere Bedeutung war, wurde seine gelbe Gesichtsfarbe noch fahler und die starken Lippen unter dem schwarzen Vollbart erblaßten vor Wut. Der General sprang auf und begann im Zimmer umherzulaufen. Er war ebenso klein wie Enver, aber ganz und gar nicht zierlich, sondern eher vierschrötig. Er hielt die linke Schulter etwas hochgezogen, weshalb Leute, die ihn nicht genau kannten, ihn für verwachsen ansahen. Aus den goldbesetzten Ärmeln seines Generalsrockes hingen schwere rote Hände herab. Angesichts dieser Hände verstand man die Sage, die ihn zum Enkel des Scharfrichters von Stambul machte. Enver Pascha war aus dem leichtesten Stoff, Dschemal Pascha aus dem schwersten Stoff der Welt gebildet. War an jenem alles träumerisch launenhaft, so an diesem alles leidenschaftlich wüst. Dschemal Pascha haßte mit dem unerschöpflichen Haß des niedriger Gearteten den anmutigen Götterliebling. Er mußte sich alles schwer verdienen, was dem anderen unverdient in den Schoß fiel: Kriegsruhm, Spielerglück, Frauengunst. Dschemal nahm noch einmal die Depesche zur Hand und versuchte aus dem amtlichen Wortlaut Envers koketten Tonfall herauszuhören.

In diesem Augenblick stand das Schicksal der sieben Gemeinden des Musa Dagh so scharf auf des Messers Schneide wie noch nie. Ein Dienstzettel Dschemals hätte genügt, um zwei volle Infanteriebataillone, eine Gebirgskanonenbatterie und einige Maschinengewehre gegen den Damlajik zu werfen. Damit wäre die Sache trotz Gabriel Bagradian und aller Tapferkeit binnen einer Stunde erledigt gewesen. Während Dschemal aber die Depesche noch einmal las, schien seine Wut den Siedepunkt zu übersteigen. Er brüllte den verdutzten Osman an, er möge ihn allein lassen und bei Todesstrafe nicht wieder zu stören wagen. Dann ging er ans Fenster, zog sich aber sofort wieder zurück, damit ihn niemand in seinem nackten Seelenzustand sehe. Könnte er Enver doch zermalmen! Diese Salondame des Krieges! Diesen geblähten Favoriten der schönen Welt! Diesen Faiseur, der niemals eine echte Männertat getan, der seinen Siegerruhm erschlichen hatte, bei der Wiedereroberung Adrianopels mit seinen Reitern sich vorschlängelnd, nachdem alles längst entschieden war. Und diesem eitlen unbedeutenden Lustknaben des Ottomanischen Reiches mußte ein Dschemal nachstehen. Dieser geriebene Fant durfte es versuchen, einen Dschemal durch die Machtverleihung in Syrien erledigen zu wollen. Die Raserei des Generals gegen den Mars von Stambul reichte mehrere Seelenschichten tief. Ausgelöst wurde sie durch eine lächerliche Lappalie. Envers Telegramm begann mit den Worten: »Ich bitte Sie, schleunige Maßregeln zu ergreifen ...« Die Anrede »Euer Exzellenz«, ja selbst das einfache »Pascha« fehlte. Nun war Dschemal ein Fanatiker der Förmlichkeit, und insbesondere im Verkehr mit Enver. Er wahrte mit gravitätischem Ernst die Form sogar bei freundschaftlichen Zusammenkünften. Mit fiebrischer Verletzlichkeit aber achtete er darauf, daß Enver Pascha auch ihm die gebührende Ehre bezeuge und keinen Buchstaben seiner Würde raube. Die Depesche mit der hochmütig vergessenen Anrede war nur der letzte Tropfen, der das Gefäß von Dschemal Paschas Haß zum Überlaufen brachte. Enver hatte in den letzten Monaten an den General die ungeheuerlichsten Forderungen gestellt, die von diesem schweigend erfüllt worden waren. Zuerst hatte Dschemal die achte und zehnte Division nach Stambul zurücksenden müssen, später noch die fünfundzwanzigste, und schließlich wurde das ganze dreizehnte Armeekorps nach Bagdad und Bitlis umbeordert. Im Augenblick gebot der kriegerische Diktator Syriens nur mehr über sechzehn bis achtzehn schäbige Bataillone, und zwar in einem riesigen Armeebereich, der von den Gipfeln des Taurus bis zum Suezkanal reichte. Dies war das Werk Enver Paschas und nicht das der vorgeschützten allgemeinen Kriegslage, davon war der knirschende Dschemal überzeugt. Der Generalissimus hatte ihn auf seine taschenspielerische Art völlig entwaffnet, ihn unschädlich gemacht und zugleich um jede Möglichkeit eines Erfolges gebracht. Mit dem erleuchteten Gedächtnis des Hasses brachen in Dschemals Geist hundert verräterische Einzelheiten auf, in denen sich Envers geringschätzige Beziehung zu ihm spiegelte. Dieser mitsamt seiner Clique hatte ihn immer ferngehalten, von entscheidenden Beschlüssen nicht verständigt, zu intimen Beratungen nicht eingeladen. Das Verhältnis war für Dschemal von allem Anfang an eine Kette von ausgesuchten Erniedrigungen gewesen, und die größte Erniedrigung lag darin, daß er sich gegen Enver nicht behaupten konnte, daß er durch dessen Gegenwart und Wirkung rettungslos zum zweiten Rang herabgedrückt wurde, obgleich er von seiner eigenen Überlegenheit als Führer und Soldat erfüllt war. Dschemal Pascha lief, die linke Schulter hochziehend, noch immer um den Tisch. Er fühlte sich völlig machtlos. Durch seinen Kopf zuckten knabenhafte Traumbilder. Mit einer neuen Armee in Stambul einrücken und die freche Blase gefangensetzen, den alliierten Flotten den Bosporus öffnen und ein Bündnis mit dem gegenwärtigen Feinde schließen! Er nahm zum drittenmal die Depeschen in die Hand, warf sie aber sogleich wieder hin. Womit nur konnte man Enver und Genossen am giftigsten weh tun!? Dschemal wußte, daß sie die Ausrottung der Armenier für ihr patriotisch heiligstes Werk ansahen, und er selbst hatte eine ähnliche Meinung oft vertreten. Doch niemals hätte er diesen echt Enverschen Dilettantismus geduldet, daß Syrien zur Kloake des armenischen Todes gemacht werde. Zu den Beratungen über die Deportation war er vom Kriegsminister wohlweislich nicht zugezogen worden. Von dem Plan des süßen Enver wäre ja sonst kein Haar übriggeblieben. Dies auch war einer der Gründe, warum ihn der anmutige Schurke in den Südosten verführt hatte. Nun überlegte er in seiner wilden Rachsucht, ob er die Grenzen Syriens nicht sperren, die Transporte nach Anatolien zurückjagen und das große Werk damit zunichte machen solle. – Im selben Augenblick klopfte der Stabschef Oberst von Frankenstein an die Tür. Dschemal verwarf sofort alle leeren Ausgeburten seiner Erregung. Er wurde der besonnene, ja beinahe skrupelhaft wägende General, als den ihn seine Untergebenen kannten. Seine leidenschaftlichen Asiatenlippen verkrochen sich schleunig im schwarzen Vollbart. Besonders dem deutschen Obersten gegenüber ließ er sich's stets angelegen sein, den Eindruck mürrischer, aber unabwendbarer Logik hervorzurufen. Von Frankenstein bekam nunmehr den gelassensten und kältesten Feldherrnblick Dschemals zu sehen. Sie setzten sich an den Tisch, der Deutsche öffnete seine Aktentasche, zog Notizen hervor, um über die Aufstellung neuer Truppen in Syrien zu referieren. Da bemerkte er die Depeschen, die vor ihm lagen, Enver Paschas Befehl obenauf:

»Exzellenz haben wichtige Post erhalten ...«

»Lassen Sie sich nicht stören, Oberst«, meinte Dschemal, »was hier wichtig ist, das hängt nicht vom Kriegsminister ab, sondern von mir allein.«

Und er nahm mit seiner roten Hand Envers Depesche, zerriß sie in kleine Fetzen und streute sie aus dem Fenster, das zur Davidburg hinübersah. In der Empfindlichkeit dieses türkischen Gewalthabers hatte Gabriel Bagradian einen unfreiwilligen Bundesgenossen bekommen. Denn Dschemal Pascha gab weder eine Antwort, noch auch schickte er einen Mann, ein Maschinengewehr oder ein Geschütz nach Antakje, um den Musa Dagh auszuräuchern.

 

Die Untätigkeit Dschemal Paschas rettete die Bergarmenier vor einem raschen Untergang, ohne sie von der langsameren Todesumschnürung befreien zu können. Wenn auch der Diktator Syriens und Palästinas selbst nicht eingriff, so gab es untergeordnete Kommandostellen genug, die selbständige Entschlüsse treffen konnten. Der scharfe Major, des unseligen Bimbaschi von Antakje Nachfolger, hatte in Aleppo von dem Etappengeneral die Zusendung von mehreren Kompanien der dortigen Garnison erwirkt. Ebenso stellte der Wali in einem Schreiben dem Kaimakam den Abmarsch einer großen Saptiehtruppe in Aussicht. Man sieht also, daß der Kaimakam mit seinem Schritt in Aleppo Erfolg gehabt hatte. Und Erfolg stachelte den Ehrgeiz auf.

Gabriel Bagradian hatte auf seiner Beobachtungskuppe so oft das Gefühl gehabt, der Damlajik sei der tote Punkt in einem unendlichen Drehsystem, der absolute Stillstand innerhalb einer unsichtbaren, aber wilden Kreisbewegung der Todfeindschaft. Heute aber, da die Ochsenkarren, Packesel, Menschenhaufen von allen Seiten in das Tal der Bergdörfer strömten, war die Bewegung um den toten Punkt höchst sichtbar geworden. Was bedeutete diese Überflutung? Der Kaimakam, der die Stunde gekommen sah, sich durch eine vorbildliche politische Tat in die erste Reihe der Partei zu stellen, hatte einen neuen starken Faden in das Todesgeflecht des armenischen Schicksals gewirkt. Es handelte sich hierbei um die arabische Nationalbewegung, die seit einiger Zeit den syrischen Behörden viel zu schaffen machte. Weitverbreitete Geheimbünde, wie El Ahd, »Der Schwur« und »Die arabischen Brüder« betrieben eine feurig wirksame Propaganda gegen Stambul, mit dem Ziel, alle arabischen Stämme dereinst zu einem selbständigen und unabhängigen Staat zu vereinen. Hier wie überall in der Welt war der herrschende Nationalismus am Werke, um ideenerfüllte, ja religiöse Reichsgebilde in ihre armseligen biologischen Bestandteile aufzulösen. Das Kalifat ist eine Gottesidee, das Türken-, Kurden-, Armenier-, Arabertum aber nichts als eine irdische Tatsache. Die Paschas der alten Zeit wußten genau, daß der Gedanke der übergeordneten geistigen Einheit, der Gedanke des Kalifats, erhabener sei als der besessene Fortschrittswahn einiger Streber. In der verlästerten Trägheit des alten Reiches, in dem Geschehenlassen, in der verschlafenen Käuflichkeit lag eine behutsam weise und entsagende Staatsräson, die ein kurzsichtiger Westler, dem es um schnelle Wirkung ging, gar nicht begreifen konnte. Die alten Paschas wußten mit feinstem Gefühl, daß sich ein edler, aber verfallener Palast nicht allzu viele Verbesserungen gefallen lasse. Den Jungtürken aber gelang es, das Werk von Jahrhunderten in einem Atemzuge zu zerstören. Sie taten das, was gerade sie als Beherrscher eines Völkerstaates niemals hätten tun dürfen! Durch ihren eigenen Nationalwahn erweckten sie den der unterworfenen Völker. Doch nicht mit irdischen Toren sei gerechnet. Wie trüb ist das Auge, das hinter dem Drama den Autor nicht ahnen darf! Die Menschen wollen, was sie müssen. Die großen übernatürlichen Reichsbindungen sind zerrissen. Dies bedeutet nur, daß Gott wieder einmal die Schachpartie, die er mit sich selbst spielt, zusammengeworfen hat, um die Figuren neu aufzustellen.

Der arabische Nationalismus war jedenfalls im Vormarsch. Vom Süden her durchdrang er das türkische Reich bis an die Linie Mossul, Mersina, Adana. In den syrischen Vilajets mußte man mit ihm gewaltig rechnen, denn schon verbreitete sich im Rücken und in der Flanke der Vierten Armee jene scheelsüchtige Aufsässigkeit, die für eine operierende Heeresmacht die höchsten Gefahren in sich schließt. Der Krawall gegen den armen Bimbaschi von Antakje stand bereits heimlich im Zusammenhang mit dieser Stimmung. Der Kaimakam hatte nun den guten Einfall, die immer unbotmäßigere arabische Bevölkerung seines Bezirkes auf Kosten der Armenier für sich zu gewinnen. Zugleich auch hoffte er, durch Neuentflammung des islamischen Fanatismus an sein Ziel zu kommen. Das armenische Eigentum war kraft des Verschickungsgesetzes samt und sonders dem Staate verfallen; so stand es wenigstens auf dem Papier. In Wirklichkeit aber blieb es dem Ermessen der Provinzbehörden überlassen, damit zu machen, was sie wollten. Der Kaimakam von Antakje schickte schon am ersten Tage nach der Niederlage der Truppen seine Beamten in alle Kreise mit starker arabischer Bevölkerung, die nicht allzu fernab vom Musa Dagh lagen. Dort ließ er verkünden, daß der fruchtbarste Landstrich Syriens zwischen Suedja und dem Ras el Chansir mit Wein- und Fruchtgärten, mit Raupen- und Bienenzucht, mit Wasser- und Holzreichtum, mit Häusern und Höfen an alle diejenigen unentgeltlich verteilt werden solle, welche sich am übernächsten Tage rechtzeitig in dem armenischen Tale einstellen würden. Die Müdirs deuteten geschickt an, daß man dem fleißigen arabischen Landwirt den Vorzug vor dem Türken geben werde.

Dies war der Grund der überraschenden Völkerwanderung. Der Kaimakam traf höchstpersönlich ein und blieb bis auf weiteres in Yoghonoluk, um die Aufteilung zu überwachen und sich bei den arabischen Notabeln einzuschmeicheln. Er bezog die Villa Bagradian, nachdem man den Mohadschir und seine Sippe hinausgeworfen hatte. Nach achtundvierzig Stunden waren die Dörfer ebenso dicht bevölkert wie früher. Reich gewordene Araber und Türken verbrüderten sich. Niemals hatten sie schönere Häuser gesehen. Es war beinahe zu schade, darin zu wohnen. Aus den Kirchen hatte man im Handumdrehen Moscheen gemacht. Schon am ersten Abend fand ein Gottesdienst statt. Die Mollahs dankten Gott für den neuen herrlichen Besitz, den freilich ein Schatten trübe, das freche Leben der unreinen Christenschweine dort oben auf dem Berg. Es sei die Pflicht jedes Gläubigen, sie zu vertilgen. Dann erst würde man sich des üppigen Gutes in gerechter Frömmigkeit erfreuen dürfen. Die Männer verließen mit funkelnden Augen die Moscheen. Auch sie wünschten heiß, der beraubten Vorgänger schnell ledig zu sein, damit ein leises, recht unbehagliches Mißgefühl aus ihren anständigen Bauernseelen verschwinde.

Finster, aber gleichgültig betrachteten die Verteidiger des Musa Dagh den Untergang ihrer Heimat.

Was war mit der Zeit geschehen? Wieviel Ewigkeiten brauchte ein Tag, bis er sich in der Nacht verkrochen hatte? Und wie schnellfüßig war noch der Tag gegen die Schnecke Nacht? Wo war Juliette? Wohnte sie schon lange in diesem Zelt? Hatte sie überhaupt jemals in einem Hause gewohnt? Hatte sie einmal in Europa gelebt? Wer war Juliette? Dieses Wesen war sie gewiß nicht, das unter dem Bergvolk gefangen saß. Dieses Wesen war sie gewiß nicht, das allmorgendlich mit der gleichen entsetzten Verwunderung erwachte. Eine weiße müde Gestalt glitt vom Bett, trat auf den Teppich, nahm einen Schlafrock um und setzte sich auf den Klappstuhl vor den kleinen Spiegeltisch, um ein fahles und doch von der Sonne versehrtes Gesicht zu bestarren. War es denn möglich? Konnte dieses Gesicht mit den matten Augen, den ausgetrockneten Haaren und dem verbrannten Teint einem jungen Menschen gefallen? Seit einigen Tagen entließ Juliette ihre Mädchen schon am frühen Morgen. Dann begann sie mit angstvollen Händen, als begehe sie ein Verbrechen, sich mit den Resten ihres Essenzenschatzes ein wenig herzurichten. Endlich zog sie sich an, band eine große Schürze vor ihr Kleid und schlang ein weißes Tuch um den Kopf wie eine Haube. Seitdem sie im Lazarettschuppen arbeitete, trug sie keine andere Gewandung mehr. Haube und Schürze taten ihr moralisch wohl. Sie empfand sie wie eine Uniform, die ihrer Stellung auf dem Damlajik äußerlich am gemäßesten war.

Ehe Juliette das Zelt verließ, warf sie sich vor ihrem Bett nieder und umarmte das Kopfkissen, noch einmal den wachen Tag von sich weisend. Früher, vor Tagen (Jahren?), war sie nur ganz verloren und unselig gewesen. Jetzt aber sehnte sie sich nach jener Unseligkeit ohne Schuld zurück. Noch nie, seitdem die Welt bestand, hatte sich eine Frau so niedrig benommen wie sie. Und eine ehrbare, eine selbstbewußte Frau, der in langer Ehe niemals ein »Erlebnis« nahegekommen war. Wären aber nicht hundert Erlebnisse und Liebesabenteuer in Paris läßliche Bagatellen gewesen gegen diesen allergemeinsten Verrat in Angesicht des Verzweiflungskampfes und sicheren Todes? Wie ein kleines Mädchen flüsterte Juliette ins Kissen: »Ich kann nichts dafür.« Doch was half ihr das? Sie war durch einen Machtspruch, den sie nicht kannte, in der unerbittlichen Fremde dem anheimgegeben, was ihr verwandt erschien. Wie um eine Gegenkraft in sich zu erzeugen, rief sie halblaut: »Gabriel!« Aber Gabriel war ebensowenig vorhanden wie Juliette. Sein wahres Bild konnte sie immer seltener aus dem verblaßten Photographienalbum ihrer Erinnerung hervorholen. Und der fremde, bärtig braune Armenier, der sich dann und wann zu ihr setzte, was hatte der mit Gabriel zu schaffen? Juliette erschrak über ihre Tränen, wusch die Augen sorgfältig und wartete, bis sie nicht mehr rot und häßlich waren.

Bedros Altouni hatte alle Verwundeten, die nicht schwer fieberten, fortgeschickt oder in ihre Hütten tragen lassen. Wenn er diese Maßnahme auch nicht näher begründete, so lag doch ein heikler Anlaß dafür vor. Der armenische Sieg vom 14. August hatte sich blitzschnell in den Ebenen und Gebirgen Nordsyriens herumgesprochen. Insbesondere den Fahnenflüchtigen, die sich auf anderen Bergen ringsum noch versteckt hielten, war er sehr zu Herzen gegangen. Tatsächlich meldeten sich schon am nächsten Tage zweiundzwanzig neue Deserteure bei den vorgeschobenen Posten und verlangten Aufnahme in die Kämpferreihen. Gabriel Bagradian, der wegen Verrates und Spionage auf der Hut sein mußte, prüfte die Kandidaten eingehend. Da sie sich durchwegs als Armenier ausgaben, da jeder ein Mausergewehr und Munition besaß, da man ferner die Verluste ersetzen mußte, nahm er alle Zuzügler an. Unter ihnen befand sich auch ein sehr junger Mann, der einen verwirrten und benommenen Eindruck machte. Er behauptete, erst vor vier Tagen aus einer Infanteriekaserne von Aleppo geflohen zu sein und den beschwerlichen Fußmarsch schlecht überstanden zu haben. Am Abend bereits erschien der junge Mensch totenblaß im Lazarett bei Bedros Hekim und brach, nachdem er Unverständliches gelallt hatte, bewußtlos zusammen. Der Arzt ließ ihn sogleich entkleiden. Den Körper des armen Burschen schüttelte ein rasendes Fieber. Seine Brust war mit kleinen roten Punkten besät, die sich über Nacht noch vermehrten. Bedros Altouni hatte seit langer Zeit wieder das entfremdete Handbuch vorgenommen. Aber die Hieroglyphen waren für ihn nicht leserlicher geworden. Jetzt wollte er die Französin zu Rate ziehen und zeigte auf den Kranken.

»Sehen Sie diesen da an, meine Liebe! Was halten Sie davon?«

Juliette war kein Wesen, das sich an Graus und Elend gewöhnen konnte. Jedesmal, wenn sie den Lazarettraum betrat, hatte sie mit dem Erbrechen zu kämpfen. Sie gab sich Mühe, sie griff überall zu, dennoch wurde der Abscheu und Ekel immer heftiger anstatt gelinder. In dieser Sekunde aber kam eine ganz unverständliche Exaltation über sie. Es war ihr, als müsse sie hier auf der Stelle ihren Verrat sühnen. Der grindige, übelriechende Mensch, der zu ihren Füßen mit schaumbedecktem Mund bewußtlos im Fieber zuckte, war Gabriel und Stephan in einer Person. Juliette kniete hin und näherte – als falle sie selbst langsam in Ohnmacht – ihren Kopf mit den geschlossenen Augen der eingefallenen Brust des Kranken.

Erst Gonzagues Stimme fuhr ihr ins Herz und weckte sie:

»Was tun Sie da, Juliette? Das ist doch Unsinn ...«

Daraufhin schien auch der alte Arzt Madame Bagradians wegen Gewissensbisse zu bekommen:

»Es wäre vielleicht wirklich besser für Sie, wenn Sie sich jetzt weniger fleißig bei uns aufhielten ...«

Gonzague zwinkerte ihr heimlich zu. Gehorsam folgte sie ihm. Auch in bezug auf Gonzague war für Juliette die Zeit ganz und gar durcheinandergerüttelt. Wann war es geschehen? In welcher Vergangenheit? Seit wann folgte sie ihm wehrlos, wenn er sie rief? Wie schwer und dick war der Verrat und das Schweigen schon geworden! Gonzague aber hatte sich nicht verändert. Dieselbe dichte Aufmerksamkeit seiner Blicke und Gedanken, die keine unbewachte Fuge frei ließ. Das Lagerleben hatte seiner Erscheinung noch immer nichts angehabt, sein Scheitel blieb zu jeder Stunde tadellos gezogen, sein Rock peinlich sauber gebürstet, sein Körper rein, seine Haut hell, sein Atem appetitlich. Liebte sie ihn? Es war etwas viel Schrecklicheres! Unglückliche Liebe ahnt immer einen Weg, wenn auch nur im Traum. Dies hier war weglos. Gonzague schien oft noch weniger vorhanden zu sein als Gabriel. Anfangs etwas Angenehmes, etwas Heimisch-Trautes, etwas in der Welt Verirrtes, das Mitgefühl erweckte, hatte er sich in eine grausame Unentrinnbarkeit verwandelt, gegen die es keine Hilfe gab. Wenn er sie berührte, empfand sie, was sie nie empfunden hatte. Doch mit dieser Empfindung wuchs auch der Selbsthaß der Verräterin. Schon waren manche baumumhegte und umbuschte Einöden auf der Meeresseite zu mitwissenden Orten geworden. Mit dem letzten Aufgebot ihres Stolzes spürte Juliette: Ich, hier auf der Erde, ich ...? Gonzague aber verstand es immer wieder, alles Häßliche auszuschalten. Vielleicht war er ein Genie der Einseitigkeit, wie es Spieler, Sammler, Jäger sind, die ebenfalls nur eine einzige Neigung und Begabung übermäßig ausgebildet haben. Mit diesen Leuten teilte er auch die zielstrebige und unerschöpfliche Geduld. Sie hatte Gonzague auf den Damlajik geführt und ihn mit sicherer Bescheidenheit seinen Tag erwarten lassen. Sein gesammeltes Wesen erweckte in Juliette ein Gegenwesen der Zerfahrenheit und Willenslähmung. Oft kam über sie eine wuchernde Geistesabwesenheit. Mit widerwärtig pelzigen Blättern rankte in ihr ein inneres Geschehen, das allgemach dem Licht jeden Zutritt verwehren wollte. Sie saßen auf einem der Ruheplätze, die sie untereinander »die Riviera« nannten. Gonzague teilte seine Zigarette in zwei Hälften und zündete die eine umständlich an:

»Ich habe nur noch fünfzig Stück ...« Und als ob er dem sorgenvollen Gedanken wegen des ausgehenden Tabaks, damit eine beruhigende Wendung geben wollte: »Nun, wir werden bald nicht mehr hier sitzen ...«

Sie sah ihn entgeistert an. Seine Stimme blieb lässig:

»Ich meine, wir werden beide davongehen, du und ich! Es wird Zeit.«

Sie schien ihn noch immer nicht zu verstehen. Da setzte er ihr seinen Plan mit der trockensten Genauigkeit auseinander. Nur die ersten zwei Stunden seien ein bißchen beschwerlich. Eine kleine Bergpartie, weiter nichts. Man müsse ein Stück auf dem Felsgrat nach Süden klettern, um rechts von dem kleinen Dorf Habaste die Orontesebene und die Straße nach Suedja zu erreichen. Er habe die gestrige Nacht dazu benützt, diesen Weg zu rekognoszieren, und sei ungeschoren, ohne einem Menschen zu begegnen, in das Geviert der Spiritusfabrik und in die Wohnung des Direktors gelangt, der, wie Juliette ja wisse, ein Grieche und eine einflußreiche Persönlichkeit sei. Er staunte, wie einfach und natürlich sich der ganze Plan erweise:

»Der Direktor stellt sich uns vollkommen zur Verfügung. Am sechsundzwanzigsten August geht der kleine Küstendampfer der Fabrik mit einer Warenladung nach Beirût ab. Nach zwei kleinen Zwischenlandungen in Latakijeh und Tripoli soll er fahrplanmäßig am neunundzwanzigsten in Beirût eintreffen. Der Dampfer fährt unter amerikanischer Flagge. Es handelt sich ja auch um eine amerikanische Fabrikgesellschaft. Der Direktor behauptet, daß nicht die geringste Gefahr vorhanden sei, da die Zypernflotte in diesen Tagen wieder ausläuft. Du wirst eine eigene Kabine haben, Juliette. Wenn wir in Beirût sind, hast du das Spiel gewonnen. Alles Weitere ist eine Geldfrage. Und Geld besitzt du ja ...«

Ihre Augen wurden ganz schwarz:

»Und Gabriel und Stephan ...?«

Gonzague blies angelegentlich eine Aschenflocke von seinem Anzug:

»Gabriel und Stephan? Sie sind weithin erkennbar Armenier. Ich habe den Direktor auch ihretwegen gefragt. Er lehnt es ab, für einen Armenier irgend etwas zu tun. Da er mit der türkischen Regierung sehr gut steht, darf er sich in dieser Sache nicht exponieren. Er hat mir das genau erklärt. Gabriel Bagradian und Stephan kann leider nicht geholfen werden ...«

Juliette rückte von seiner Seite ab:

»Und ich soll mir helfen lassen ... Von dir ...«

Gonzague schüttelte leicht den Kopf, als könne er die übertriebenen Skrupel der Frau nicht nachfühlen:

»Er selbst wollte dich doch fortschicken, bitte, erinnere dich nur, Juliette. Und zwar mit mir!«

Sie krampfte die Fäuste an ihre Schläfen:

»Ja, er wollte mich und Stephan fortschicken ... Und ich habe ihm das angetan ... Und ich belüge ihn ...«

»Du sollst ihn ja gar nicht belügen, Juliette. Ich bin der letzte, der das von dir verlangt. Im Gegenteil! Du sollst ihm die ganze Wahrheit sagen. Am besten noch heute.«

Juliette sprang auf. Ihre Züge waren rot und gedunsen:

»Was? Ich soll ihn ermorden? Das Schicksal von fünftausend Menschen liegt auf ihm. Und in dieser Zeit soll ich ihn ermorden?«

»Diese großen Worte verdrehen alles«, sagte Gonzague sehr ernst und blieb sitzen: »Man bringt zumeist fremde Leute um. Das erleben wir täglich. Manchmal aber müssen wir uns auch zwischen unserem eigenen Leben und dem unserer sogenannten Nächsten entscheiden ... Ist Gabriel Bagradian überhaupt noch dein Nächster? Und wirst du ihn wirklich damit ermorden, daß du dich rettest, Juliette?«

Seine ruhigen Worte und seine so selbstgewissen Augen zogen sie wieder an seine Seite. Gonzague ergriff Juliettens Hand und entwickelte mit klarer Lehrhaftigkeit seine Philosophie. Jeder besitzt ein einmaliges und einziges Leben. Verpflichtungen hat er nur gegen dieses Leben zu erfüllen, sonst gegen niemanden und nichts. Woraus aber besteht das Leben, seiner wahren Natur nach? Aus einer langen Kette von Wünschen und Begierden. Mögen diese oft auch nur eingebildet sein, wichtig allein ist, daß sie stark sind. Man muß dem Leben seine Wünsche und Begierden rücksichtslos erfüllen, dies ist sein einziger Sinn. Deshalb nimmt man Gefahren auf sich und setzt sich sogar dem Tode aus, da es ja außerhalb des Strebens nach Befriedigung unserer Wünsche gar kein Leben gibt. Gonzague führte sich selbst als Beispiel für diese einzig logische und aufrichtige Verhaltensweise an. Er habe nicht einen Augenblick gezögert, um seiner Liebe willen Gefahren und eine sehr unbehagliche Existenz auf sich zu nehmen. Dann zog er den verächtlichen Schluß:

»Alles aber, was du für Schonung, Liebe und Aufopferung hältst, Juliette, ist nichts als bequeme Angst.«

Ihr Kopf fiel schwer gegen seine Schulter. Rauschend wuchs wieder einmal die quälende Geistesabwesenheit in ihr auf:

»Du bist so ordentlich, Gonzague. Sei nicht so entsetzlich klar und ordentlich, Gonzague! Ich halte das nicht aus. Warum bist du nicht so, wie du früher warst ...?«

Seine leichte Hand, ein Wunder zärtlicher Erweckungen, fuhr streichelnd an ihrem Arm, ihrer Brust, ihrer Hüfte hinab. Sie brach in ein lallendes Weinen aus. Gonzague tröstete sie:

»Du hast noch Zeit, Juliette, dich zu entscheiden. Sieben lange Tage. Freilich, wer weiß, was bis dahin geschehen wird ...?«

 

Ter Haigasun hatte nach längerer Pause den großen Führerrat einberufen. Die Männer saßen auf den langen Bänken im Sitzungsraum der Regierungsbaracke. Nur Apotheker Krikor hörte, wie es seine Gewohnheit war, den Beratungen in seiner Schlafkammer zu, ohne sich auch nur mit einem Wort an ihnen zu beteiligen. Es hatte den Anschein, als ob der Weise zum Zwecke seiner inneren Vollendung den Verkehr mit Menschen fast zur Gänze abgeschworen habe. Er sprach beinahe mit niemandem andern als mit sich selbst, dies freilich in ausgiebigem Maße in den einsamsten Stunden der Nacht. Ein Zeuge dieser Selbstgespräche wäre aus ihnen ganz und gar nicht klug geworden. Krikor reihte nämlich großartige lexikalische Begriffe in beziehungslosem Gänsemarsch träumerisch aneinander. Folgendermaßen etwa: »Brennender Erdkern ... Himmelsachse ... Plejadenschwarm ... Blütenbefruchtung ...« Diese herrlichen Worte schienen Krikors Seele über sich selbst zu erheben und sie dem Urgrund aller Dinge näher zu bringen. Er warf sie in die Luft, sie blieben über ihm in Schwebe. Er baute aus ihnen ein Kuppelgewölbe von glitzerndem Wissenschaftsmosaik, in dessen Mitte er mit dem verinnerlichten Lächeln eines buddhistischen Priesters saß. Es gibt eine Stufe des vollkommenen, des asketischen Reichtums, der sich nicht mehr mitzuteilen vermag, weil alles Erhabene asozial ist. Diese Stufe hatte Krikor vielleicht erreicht. Er belehrte die Menschen nicht mehr. Seine ehemaligen Jünger, die Lehrer, blieben aus, und auch er fragte nicht nach ihnen. Die eitlen Zeiten waren vorüber, da er auf nächtlichen Spaziergängen vor den Oskanians, Schatakhians, Asajans und anderen Staubfressern die Welten der Sterne mit den willkürlichen Zahlen und Namen seines unendlichkeitslüsternen Geistes benannt hatte. Nun kreisten die riesigen Sterne und Worte still in seinem Innern und er empfand kein prickelndes Bedürfnis mehr, von ihnen begeisterte Kunde zu geben. Apotheker Krikor konnte kaum eine Stunde schlafen. Von Tag zu Tag wütender krampfte ein grausamer Schmerz seine Sehnen und Gelenke zusammen. Als Bedros Altouni, den Körperverfall seines Freundes bemerkend, ihm die ärztliche Frage stellte, bekam er die triumphierende lateinische Antwort: »Rheumatismus articulorum et musculorum.« Kein einziges Mal kam eine Klage über Krikors Lippen. Die Krankheit war ihm gesandt, die Allmacht des Geistes zu bewähren. Sie hatte eine andere Folge noch. Um ihn herum wurde alles stumpf. Sausend entfernte sich die Wirklichkeit von ihm. Während heute zum Beispiel die Männer zu Rate saßen, folgte er ihren Worten mit den gespannten Augen und verständnislos nachahmenden Lippen eines Taubstummen. Es war, als könne er die alltäglichen Worte der Notdurft nicht mehr auffassen.

Die Beratung währte diesmal stundenlang. Abseits saßen Awakian und der Gemeindeschreiber von Yoghonoluk, um die wichtigsten Beschlüsse als Schriftführer festzuhalten und in Form zu bringen. Vor der Regierungsbaracke hatte die Lagerwache Aufstellung genommen. Eine persönliche Anordnung Ter Haigasuns! Da der Priester ein dekorativen Gebärden abgeneigter Mann war, durfte man annehmen, daß er mit dieser Schutzmaßregel einen weitsichtigen Zweck verband. Wenn heute die Regierungswache auch keine andre Aufgabe zu versehen hatte, als dem Senat Störungen fernzuhalten und den Eintritt unbefugter Personen zu verhindern, so konnte doch einmal ein gefährlicher Tag kommen, da die Führerschaft einer Ordnungstruppe bedurfte. Ter Haigasun leitete den Rat mit halbgeschlossenen Augen und in fröstelnd müder Haltung wie immer. Den Bericht über die Ernährungslage, den der Priester zum ersten Punkt der Tagesordnung bestimmt hatte, legte Pastor Aram Tomasian als Haupt der inneren Verwaltung ab. Er entwarf ein genaues Bild. Nach dem Unglück mit dem Wolkenbruch habe der durch den Granatvolltreffer hervorgerufene Speicherbrand nicht nur die Reste des Mehls vernichtet, sondern die anderen Kostbarkeiten dazu: alles Öl, allen Wein, den Zucker, den Honig und, wenn man von Entbehrlichkeiten wie Tabak und Kaffee absieht, das unentbehrlichste von allen Dingen, das Salz. Man werde nur noch drei Tage lang das Fleisch salzen können. Was aber dieses Fleisch, dessen Genuß allen Mägen bereits widerstehe, selbst anbelangt, so nehme es in einem geradezu erschreckenden Maße ab. Die anwesenden Muchtars hätten eine Viehzählung durchgeführt und berechnet, daß der Herdenstand seit dem Aufbruch bereits um ein Drittel zusammengeschmolzen sei. So dürfe man nicht weiterwirtschaften, sonst stehe man in kurzer Zeit am Ende. Der Pastor gab das Wort an den Muchtar Thomas Kebussjan weiter, damit er den Zustand der Herden als Fachmann beschreibe. Kebussjan erhob sich, wackelte mit dem Kopf hin und her und sah mit seinen ungleichen Bauernaugen alle und niemanden an. Er begann mit einer beweglichen Klagelitanei über den Verlust seiner schönen Schafe, deren Aufzucht er seine unermüdliche Fürsorge jahrelang geweiht habe. Er erkenne seine lieben Tiere nicht wieder. In den goldenen Zeiten des früheren Lebens habe ein gutgewachsener Hammel 45 bis 50 Oka gewogen. Jetzt erreicht er kaum mehr das halbe Gewicht. Der Muchtar machte zwei Ursachen für diesen Rückgang verantwortlich. Die eine war mehr sentimentaler Natur. Die verfluchte Gemeinwirtschaft – er verkenne ja ihre Notwendigkeit nicht – schlage den Schafen schlecht an. Er verstehe seine Tiere. Sie magern ab, weil sie niemand mehr gehören, weil sie keinen Eigentümer spüren, der sich um ihr Wohl und Wehe kümmert. Die zweite Begründung aber war weniger politisch und einleuchtender. Die besten Triften innerhalb der Verteidigungsgrenzen, die nicht nur die Schafe und Ziegen, sondern auch noch die Esel zu ernähren hätten, seien ganz und gar abgeweidet. Das schlechtgefütterte Vieh könne sich nur wenig zähes Fleisch und gar kein Fett aneignen. Mit der Milch sehe es nicht besser aus. Sie fließe immer magerer, immer gehaltloser. Von Butter und Käse sei keine Rede mehr. Kebussjan kam mit trübsinnigem Klageton zum Schluß, daß man andre Weiden werde finden müssen, um den Zustand der Schafe zu bessern. Gegen diese Absicht wandte sich Gabriel Bagradian mit aller Schärfe. Man lebe nicht in Frieden und Fröhlichkeit, sondern bestenfalls in der Arche Noah mitten in einer Sintflut des Blutes. An Freizügigkeit von Mensch und Vieh sei nicht zu denken. Türkische Kundschafter umlauern den Verteidigungsring von allen Seiten. Die Herden außerhalb dieses Ringes, womöglich auf den nördlichen Höhen des Musa Dagh grasen zu lassen, bedeute ein Wagnis, für das niemand die Verantwortung übernehmen könne. Es müßten, zum Teufel, auch noch in den Lagergrenzen neue Weidegründe ausfindig gemacht werden. Man möge das Vieh auf die hohen Kuppen hinauftreiben. »Auf den Kuppen ist das Gras kurz und verbrannt«, mischte sich der Muchtar von Habibli in die Debatte, »das können nicht einmal Kamele fressen.« Bagradian ließ sich nicht beirren: »Besser wir haben mageres Fleisch als überhaupt keines!« Ter Haigasun stimmte der Warnung Bagradians zu und bat den Pastor, in seinem Bericht fortzufahren. Aram Tomasian kam auf die Brotentbehrung, auf die ungemischte Fleischkost und ihre Folgen zu sprechen. Aus hundert Gründen, nicht zuletzt um das Hinschwinden der Herden zu verhindern, sei es nötig, eiligst Abhilfe und Ersatz zu schaffen. An Beutezüge ins Tal könne nach der Neubesiedlung der Dörfer nicht mehr gedacht werden. Andrerseits werde ihm Bedros Altouni bestätigen, daß durch die Entbehrung gemischter Kost der Gesundheitszustand des Volkes schon gelitten habe. Man sehe immer häufiger fahle Gesichter und hinfällige Gestalten. Jeder hier habe ja auch an sich selbst in dieser Hinsicht unerfreuliche Erscheinungen beobachtet. Abwechslung in der Kost müsse auf jede Weise erzwungen werden. Und nun legte Aram Tomasian seinen Plan dar. Man habe bisher das Meer zu wenig in Betracht gezogen. Von gewissen Punkten der Steilseite aus sei die Klippenküste ganz leicht in einem halbstündigen Abstieg zu erreichen. Er selbst habe bei seinen Probegängen jüngst einen alten verfallenen Maultierpfad entdeckt, der sich ohne viel Mühe ausbauen lasse. Wozu besitze man berufsmäßige Straßenarbeiter unter den Männern des Volkes und den Deserteuren? Zwei Tage Arbeit, und eine bequeme Verbindung zwischen Lager und Meer sei geschaffen. Dann aber sollte eine Gruppe aus jungen Leuten, aus kräftigen Frauen und den größeren Knaben der Jugendkohorte gebildet werden, um unten in den Klippenmulden eine Salzbleiche anzulegen und eine kleine Fischerei in Gang zu bringen. Ein Floß, aus Baumstämmen zusammengebunden, und ein paar Ruderstangen genügten, sich an einer sanfteren Stelle ein paar hundert Meter hinauszuwagen. Noch heute möge man kundigen Weibern den Auftrag geben, Schleppnetze anzufertigen, so gut es gehe. Hanfstricke seien in der Stadtmulde genug vorhanden. Und ferner noch! Er, Aram Tomasian, erinnere sich aus seiner eigenen Jugendzeit, ein leidenschaftlicher Vogelsteller gewesen zu sein. Die Jungen von Yoghonoluk dürften ja diese Kunst inzwischen nicht verlernt haben. Also heraus mit Klappnetz und Vogelgabel! Anstatt herumzulungern und den Leuten zwischen die Beine zu fahren, sollen die jüngeren Knaben auf Vogelfang gehen. An sonstige Jagd sei ja leider nicht zu denken.

Des Pastors Aram Vorschlag, Salzbleiche, Fischerei und Vogelfang betreffend, wurde mit Beifall aufgenommen und in allen Einzelheiten durchgesprochen. Der Führerrat erteilte ihm den Auftrag, die Erschließung dieser Hilfsquellen zu organisieren. Als nächster Redner berichtete Bedros Hekim über die Gesundheitslage. Von den einundvierzig Verwundeten der letzten Schlacht befänden sich Gott sei Dank bis auf vier Hochfiebernde alle außer Lebensgefahr. Achtundzwanzig von ihnen habe er in Familienpflege bereits entlassen können. Diese würden insgesamt und in kurzer Zeit in ihre Kampfeinteilung zurückkehren können. Mit weit größerer Besorgnis jedoch als der Zustand der Verwundeten erfüllte den Arzt die neue merkwürdige Krankheit, die der junge Deserteur aus Aleppo eingeschleppt hatte. Dieser selbst ringe seit gestern nacht mit dem Tode und dürfte zu dieser Stunde schon verschieden sein. Doch nicht genug damit, auch an andern Insassen des Lazaretts hätten sich inzwischen bedenkliche Zeichen der Ansteckung gezeigt, Erstickungsanfälle, hohes Fieber, Erbrechen. Es handle sich demnach um eine epidemische Krankheit, von der, wie sich Altouni erinnerte, die Aleppiner Zeitungen in den letzten Monaten mehrmals geschrieben hätten. Eine um sich greifende Epidemie aber bedeute für das enge Lager eine ebenso große Gefahr wie die Türken. Deshalb habe er schon heute in aller Frühe für die strengste Trennung der Ansteckungsverdächtigen von den übrigen Kranken gesorgt. Zwischen den beiden Kuppeln liege, wie jeder weiß, fernab von der Stadtmulde ein kleiner schattiger Buchenwald mit einem Wasserlauf. Diesen Wald, der vom Verkehr der Zehnerschaften und Lagerleute fast niemals berührt werde, habe er zum Infektionsspital bestimmt. Der Führerrat möge nun seinerseits aus den unbrauchbarsten Leuten des Lagers eine Wärtergruppe bilden, die mit dem übrigen Volke ebenfalls nicht in Berührung kommen dürfe. Bedros Hekim nannte Kework, den Tänzer mit der Sonnenblume, als ein Prachtbeispiel für diese Wärterschaft. Dann wandte er sich an Gabriel Bagradian:

»Mein Freund! Ich bitte dich dringend, Juliette Hanum zu ersuchen, sie möge nicht mehr zur Krankenpflege kommen. Ich verliere in ihr eine sehr gütige Helferin. Aber ihre Gesundheit ist mir offen gesagt wertvoller als ihre Hilfe. Auch ohne die Ansteckungsgefahr bin ich um deine Frau besorgt, mein Sohn. Wir andern hier sind harte Leute und kaum eine Meile von unserer Heimat entfernt. Deine Frau aber hat sich, seitdem wir auf dem Damlajik leben, sehr verändert. Ganz sonderbare Antworten gibt sie manchmal. Nicht nur körperlich scheint sie zu leiden. Sie ist diesem Leben nicht gewachsen. Wie wäre das anders auch möglich!? Kümmere dich mehr um sie, das rat ich dir! Am besten, sie bleibt den ganzen Tag im Bett liegen und liest Romane, die sie weit weg von uns führen. Unser Krikor ist ja glücklicherweise der Mann, einer ganzen Stadt von Madames mit französischen Büchern über das Elend hinwegzuhelfen.«

Bei Altounis Mahnung schrak Gabriel schuldbewußt zusammen. Es fiel ihm schwer auf die Seele, daß er seit zwei Tagen kaum ein Wort mit Juliette gesprochen hatte.

Lehrer Hapeth Schatakhian, der nun das Wort erhielt, führte lebhafte Klage über die Verwilderung der Jugend. Der Schulbetrieb könne nicht mehr aufrechterhalten werden. Seitdem Stephan Bagradian und Haik die Haubitzen erobert hätten, fühlten sich die Buben als vollgültige Krieger und begegneten den Erwachsenen mit Frechheit und Unabhängigkeitsdrang. Die Muchtars bestätigten die Klage des Lehrers. »Wo sind die Zeiten«, jammerte der von Bitias, »da sich die Jugend mit alten Männern nicht durch Worte, sondern nur durch unterwürfige Zeichen verständigen durfte?«

Ter Haigasun aber, der jetzt dem Jugendproblem nicht die nötige Wichtigkeit beizumessen schien, stellte an Gabriel Bagradian unvermittelt die Frage:

»Wie ist der wahre Stand unserer Verteidigung, Gabriel Bagradian? Wie lange werden wir uns im äußersten Falle gegen die Türken halten können?«

»Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, Ter Haigasun«, erklärte Gabriel, »die Verteidigung hängt immer vom Angriff ab.«

Ter Haigasun schlug seinen scheuen und doch entschlossenen Priesterblick voll zu dem Gefragten auf:

»Sagen Sie uns Ihre Meinung aufrichtig, so wie sie wirklich ist, Gabriel Bagradian!«

»Ich habe keinen Grund, den Führerrat, was meine Meinung betrifft, schonend zu behandeln, Ter Haigasun. Ich bin fest davon überzeugt, da es mit uns verzweifelt steht ...«

Nach kurzem Nachdenken begründete er diese Überzeugung in einigen Sätzen. Man habe bisher zwei schwere Angriffe blutig abgeschlagen. Gerade aber in der vernichtenden Kraft dieser Erfolge liege das Verhängnis. Ohne Zweifel sei die türkische Regierung bis zur Raserei erbittert. Wenn sich die Kunde dieses Mißerfolges im Reich verbreite, dann habe die militärische Autorität die schwerste Einbuße erlitten. Das ottomanische Militär dürfe diese furchtbare Belehrung nicht auf dieselbe leichtfertige Weise beantworten wie bisher. Wer weiß, ob nicht der Armeekommandant Dschemal Pascha selbst den Krieg gegen den Damlajik bereits in die Hand genommen habe? Er, Bagradian, sei fast geneigt, dies zu befürchten. Jedenfalls werde der dritte Angriff sich mit den vorhergehenden nicht im entferntesten vergleichen lassen. Wahrscheinlich hätten die Türken schon außer mächtigen Infanteriegruppen auch Gebirgsartillerie und Maschinengewehrkompanien zusammengezogen, um den Damlajik unter Trommelfeuer zu nehmen. Demgegenüber könne die Verteidigung einige kleine Vorteile ins Treffen führen. Die Befestigungen seien nach den Erfahrungen vom vierzehnten August in den letzten Tagen wiederum verstärkt und verbessert worden. Der Besitz der Haubitzen biete keineswegs bloß einen moralischen Vorteil. Mehr als alles andere aber bedeute die Kampfgewöhnung der Zehnerschaften auf dem Damlajik ein wirkliches Übergewicht über den Feind: »Aus diesem Grunde ist es vielleicht nicht ganz und gar unmöglich, daß wir mit Gottes Hilfe noch einen Angriff abschlagen ...«

Gabriel Bagradian stellte nunmehr einen überaus wichtigen Antrag. So unsinnig auch jeder Traum der Rettung scheine, der Führerrat dürfe sich nicht ergeben in das unabwendbare Schicksal fügen und träge zuwarten. Nein, nichts, aber auch gar nichts dürfe unversucht bleiben. Das Meer freilich sehe so fürchterlich leer aus; als sei die Schiffahrt bis heute noch nicht erfunden. Und doch, Gott weiß es, vielleicht liege dennoch, gegen alle Wahrscheinlichkeit und Erhoffbarkeit, ein Torpedoboot der Alliierten vor der Reede von Alexandrette:

»Es ist unsere Pflicht, diese Möglichkeit anzunehmen. Es ist unsere Pflicht, sie nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. Und wie steht es mit dem amerikanischen Generalkonsul in Aleppo, Mr. Jackson? Weiß er von den Christenkämpfen und der Not auf dem Musa Dagh? Es ist unsere Pflicht, ihn aufzuklären und von der amerikanischen Regierung Schutz zu fordern.«

Gabriel setzte seinen neuen Plan auseinander. Zwei Gruppen von Boten sollten entsandt werden, die eine nach Alexandrette, die andere nach Aleppo; nach Alexandrette die besten Schwimmer, nach Aleppo die besten Läufer. Die Aufgabe der Schwimmer sei insofern leichter, als die Bucht von Alexandrette nur fünfunddreißig englische Meilen nordwärts liege und der Weg über ausgestorbene Bergeshöhen genommen werden könne. Der eigentliche Zweck des Unternehmens allerdings – das Kriegsschiff in der Bucht schwimmend zu erreichen – erfordere die höchste Entschlossenheit und Körperkraft. Diese Willensleistung bleibe den Aleppoläufern wohl erspart, dafür aber hätten sie eine Wegstrecke von fünfundachtzig Meilen vor sich, die nur bei Nacht, ohne Benützung der großen Straße, jenseits aller menschlichen Wohnstätten, und dennoch unter ständiger Todesgefahr, zurückgelegt werden könne. Gelänge es aber diesen Kurieren, das Haus von Mr. Jackson zu erreichen, so wären sie so gut wie gerettet.

Dieser Plan Gabriel Bagradians, der ja der frevelhaftesten Hoffnung eine Chance gab und damit dem Todesbewußtsein entgegenwirkte, wurde in leidenschaftlicher Zwischenrede durchgesprochen. Man setzte die Zahl der Schwimmer mit zwei fest. Als Bote für Aleppo mochte sogar ein einziger junger Mensch genügen. Es hatte keinen Sinn, Menschenleben überflüssig in Gefahr zu bringen. Zwei Leute halten sich unauffälliger verborgen als drei, und einer schlüpft leichter an Zöllnern und Saptiehs vorüber als zwei. Auf den Vorschlag Ter Haigasuns sollte die Auswahl der Schwimmer und Läufer auf Grund freiwilliger Meldung erfolgen. Die Läufer (ob einer, ob zwei, stand jetzt noch nicht fest) hatten einen Brief an den amerikanischen Generalkonsul mitzunehmen, die Schwimmer desgleichen einen Brief an den mutmaßlichen Schiffskommandanten. Damit aber im Falle einer Verhaftung die Briefe den Türken nicht in die Hand fielen, sollten sie in das aufgeschnittene Leder der Leibgürtel eingenäht werden. – Ter Haigasun bestimmte Tag, Stunde und Form der freiwilligen Meldung. Er diktierte dem kleinen Gemeindeschreiber einen Aufruf an die Bevölkerung der Stadtmulde, diese Meldung betreffend. Die Münadirs, die Austrommler, wurden angewiesen, ihn noch an demselben Abend zu verbreiten. Gabriel Bagradian erbot sich, den Brief an Mr. Jackson zu schreiben. Aram Tomasian übernahm die Abfassung des Manifestes an das Kriegsschiff. Er setzte sich sogleich abseits und entwarf, während bereits ein neuer Punkt der Tagesordnung mit reichlichem Lärm beraten wurde, seinen Text für die Schwimmer. Dann und wann schien er von dem Werke selbst ergriffen zu sein, denn er sprang plötzlich auf, überlas mit lautem Pathos und feierlichen Handbewegungen irgendeine Stelle, wobei er durch und durch Pastor war, der seine Sonntagspredigt memoriert. Er brachte sein Manifest in kürzester Zeit zustande. Es hat sich als ein Zeugnis der vierzig Tage erhalten.

 

An irgendeinen englischen, amerikanischen, französischen, russischen, italienischen Admiral, Schiffskapitän oder Befehlshaber, den die vorliegende Petition erreichen mag.

Sir! Wir flehen im Namen Gottes und menschlicher Brüderlichkeit zu Ihnen. Wir, die Bevölkerung von sieben armenischen Ortschaften, im ganzen fünftausend Seelen etwa, haben uns auf jene Hochfläche des Musa Dagh geflüchtet, die Damlajik genannt wird und drei Wegstunden nordwestlich oberhalb Suedjas und der Steilküste des Meeres liegt.

Wir haben hier Zuflucht gesucht vor türkischer Barbarei und Grausamkeit. Wir haben uns zur Wehr gesetzt, um von unseren Frauen die Schändung ihrer Ehre abzuwenden.

Sir! Sie wissen zweifellos von der Vernichtungspolitik der Jungtürken gegen unser Volk. Unter dem Schein der Umsiedlung, unter dem lügnerischen Vorwand, einer nichtbestehenden Aufruhrbewegung vorzubeugen, treiben sie unsere Leute aus ihren Häusern, berauben sie ihrer Felder, Fruchtgärten, Weinberge und aller beweglichen und unbeweglichen Habe. So ist es unseres Wissens außer anderen Orten schon mit der Stadt Zeitun und ihren zweiunddreißig Dörfern geschehen ...

 

Nun schilderte Aram Tomasian seine Erlebnisse auf dem Transport von Zeitun nach Marasch. Dann ging er auf die Verschickung der sieben Dörfer über und legte die bedrängte Lage des Volkes auf dem Damlajik in erregten Worten dar. Das Manifest schloß mit folgenden Hilferufen:

Sir! Wir flehen Euch an im Namen Christi!

Bringet uns, wir bitten Euch, nach Zypern oder nach einem anderen freien Lande. Unsere Leute sind nicht träge. Wir wollen unser Brot mit härtester Arbeit verdienen, sofern man sie uns gibt.

Ist dies aber zuviel verlangt, um gewährt zu werden, so nehmet wenigstens unsre Frauen, nehmt unsere Kinder, unsre Alten auf! Uns wehrhafte Männer aber wollet gütig mit Waffen, Munition und Nahrungsmitteln hinreichend ausstatten, damit wir uns gegen die Streitkräfte des Feindes verteidigen dürfen, bis zum letzten Atemzug!

Wir flehen Euch an, Sir, wartet nicht, bis es zu spät ist!

Im Namen aller Christen hier oben.

Ihr untertäniger Diener Pastor A. T.

Dieses Manifest bekam eine doppelte Sprachfassung, auf der einen Seite des Blattes in französischer, auf der anderen in englischer Sprache. Die beiden Texte wurden unter Aufsicht Hapeth Schatakhians, des Sprach- und Stilmeisters, sorgfältig durchgefeilt. Das Amt jedoch, sie mit zierlichen kleinen Lettern auf die schmalen Blätter unterzubringen, erhielt sonderbarerweise nicht Lehrer Oskanian, Inhaber der berühmtesten Kalligraphie in allen Schriftarten weit und breit, sondern Samuel Awakian, der ein weit bescheidenerer Künstler war. Hrand Oskanian fuhr von seinem Sitz auf und starrte Ter Haigasun an, als wolle er ihn und die ganze Versammlung zum Zweikampf herausfordern. Diese neue Herabsetzung beraubte ihn aller Worte. Seine Lippen bewegten sich stumm. Ter Haigasun, sein Todfeind, lächelte ihm jedoch gnädig zu:

»Setz dich, Lehrer Oskanian, und gib Ruhe! Deine Handschrift ist nämlich viel zu schön. Niemand, der sie liest, würde an die Ehrlichkeit unserer Not glauben, die noch solche Schlingen und Schnörkel zusammenbringt.«

Der schwarze Knirps aber trat hocherhobenen Hauptes vor Ter Haigasun.

»Priester! Du irrst dich in mir. Ich bin auf die dumme Schmiererei, weiß Gott, nicht eifersüchtig.«

Er schüttelte seine geballten Kriegerfäuste vor Ter Haigasuns Gesicht aufdringlich hin und her, während seine Stimme vor schlechtverhehltem Zorn bebte:

»In diesen Händen steckt längst keine Schönschrift mehr, Priester, sondern ganz etwas anderes, das haben sie bewiesen, wenn du dich auch ärgerst!«

Bis auf diesen lächerlichen Zwischenfall ging diese wichtige Beratung in vollster Ruhe und Einhelligkeit vor sich. Selbst der skeptische Ter Haigasun war zufrieden und hoffte, daß, wie immer sich auch die nächste Zukunft gestalten mochte, die Eintracht der Gewählten wenigstens nicht in Brüche gehen werde.

Auch heute nach der Beratung traf Gabriel seine Frau weder im Zelte noch auf ihrem Besuchsplatz unter den Myrtenbüschen an. Hier hatten sich auch die Lehrer Oskanian und Schatakhian wie so oft in letzter Zeit vergeblich eingefunden, um Madame Bagradian wieder einmal ihre Aufwartung zu machen. Insbesondere Hrand Oskanian war über die vielen fruchtlosen Versuche, sich Julietten als den Löwen der Südbastion zu präsentieren, höchst ungehalten. Knirschend mußte er sich eingestehen, daß die Gegenwart einer eleganten Modepuppe wie Monsieur Gonzague den echten pulvergeschwärzten Manneswert aussteche. So mißtrauischer Natur aber der Schweiger auch war, seine Gedanken verstiegen sich nicht zu einem unreinen Verdacht. Madame Bagradian stand zu sternenhoch über ihm, als daß sich eine unpassende Vorstellung in sein Hirn gewagt hätte. In dieser Beziehung dachte der Unausstehliche wirklich ehrfurchtskeusch wie ein Aschugh, ein Minnesänger. Als Gabriel Bagradian die Gesichter der Lehrer erblickte, machte er schnell kehrt und verließ den Ort. Unentschlossen schlenderte er vom Dreizeltplatz in die Richtung der »Riviera«. Er überlegte, wo Juliette sich zu dieser Stunde wohl aufhalten möge. Schon wollte er sich der Stadtmulde zuwenden, als ihm Stephan über den Weg lief. Der Junge war wie immer von der ganzen Haik-Bande umgeben. Der finstere Haik selbst lief einige Schritte voraus, als wolle er Abstand, Führertum oder nur seine überlegene Selbständigkeit kundtun. Der arme Hagop aber hielt sich mit erzürnter Behendigkeit dicht an Stephans Seite, während die anderen regellos durcheinanderschwärmten und lärmten. Sato bildete in gewohnter Weise die lauernde Nachhut. Die Knaben achteten des obersten Befehlshabers gar nicht und wollten ohne Gruß, ohne Ehrenbezeigung an ihm vorüberstürzen. Da rief Gabriel seinen Sohn scharf an. Der Eroberer der Haubitzen schälte sich aus dem erstarrten Rudel und trabte in jener gravitätischen und affenhaften Haltung heran, die er von den Kameraden schon übernommen hatte. Seine zerrauften Haare hingen in die Stirn. Das Gesicht war rot und feucht. Die Augen schienen von einem Starhäutchen trunkener Besessenheit getrübt zu sein. Auch sein Kittel wies bereits eigenwüchsige Risse und Flecke auf. Gabriel Bagradian erkundigte sich mit mißgelaunter Strenge:

»Nun sag mir, was treibst du eigentlich da ...?«

Stephan gluckste und zeigte unentschieden in mehrere Richtungen:

»Wir laufen ... wir spielen ... wir sind dienstfrei jetzt ...«

»Spielen? So große Kerle spielen? Was spielt ihr?«

»Nichts ... Nur so ... Papa ...«

Bei diesen abgerissenen Worten schaute Stephan seinen Vater merkwürdig von unten an, als frage er, warum willst du meine schwererrungene Stellung in dieser Gesellschaft vernichten, Papa? Wenn du mich jetzt klein machst, werde ich für alle zum Gelächter werden. Gabriel aber verstand diesen Blick nicht:

»Du siehst ja nicht wie ein Mensch aus, Stephan. Wagst du es wirklich, dich Mama so zu zeigen?«

Der Junge antwortete nicht und sah gequält zu Boden. Es war noch gut, daß der Vater französisch zu ihm gesprochen hatte. Der Befehl aber erfolgte leider in armenischer Sprache, so daß ihn das Rudel hören konnte:

»Geh jetzt sofort ins Zelt, wasch dich, kleide dich um! Am Abend meldest du dich in einem menschlichen Zustand bei mir!«

Nachdem Gabriel Bagradian dann verärgert noch ein Stück in südlicher Richtung gegangen war, blieb er plötzlich stehn. Ob der Bursche seinem Befehl wohl gehorcht hatte? Er war des Gegenteils beinahe gewiß. Und wirklich, als er eine Weile später ins Scheichzelt trat, fand sich kein Stephan drin. Gabriel überlegte, welche Strafe er über den Jungen verhängen müßte; es handelte sich hier ja nicht nur um den bloßen Ungehorsam gegen den Vater, sondern um Insubordination gegen den höchsten Führer. Mit den Strafen auf dem Damlajik war's jedoch ein schwieriges Ding. Bagradian ging zu seinem Koffer, der in diesem Zelt stand, und zog irgendein Buch hervor. Doktor Altounis Rat für Juliette, eine Geschichte zu lesen, die von dieser schauderhaften Wirklichkeit weit wegführt, hatte ihn selbst begehrlich danach gemacht. Vielleicht durfte er ein paar müßige Stunden lang die unerbittliche Welt und das unerbittliche Ich vergessen. Für heute war nichts mehr zu befürchten. Der Tag schritt vor. Die Beobachter sämtlicher Stände meldeten allstündlich: Nichts Neues im Tal. Eine Kundschafterpatrouille, die sich fast bis nach Yoghonoluk vorgewagt hatte, war heimgekehrt und berichtete, daß sie nirgends auch nur einen Saptieh zu Gesicht bekommen habe. Gabriel warf einen Blick auf den Titel des gelben Romans. Es war ein Buch von Charles Louis Philippe, das er gern hatte, obgleich er sich nur ganz undeutlich daran erinnerte. Gewiß aber gab es darin kleine Cafés mit Tischen und Stühlen auf der Straße. Breite Sonne lag auf staubigen Vorstadtboulevards. Ein winziger Hof mit einer Akazie und einem moosgrünen Kanalgitter in der Mitte. Und dieser elende Hof verrät einen frühlingshafteren Frühling als die gesamte Rhododendron-, Myrten-, Anemonen- und Narzissenpracht des Musa Dagh im März. Alte finstere Holztreppen, ausgetreten wie Muscheln. Hinab klappert ein unsichtbarer Frauenschritt ...

Als Gabriel das Buch öffnete, fiel ein viereckiges Briefchen heraus. Der kleine Stephan hatte es vor einigen Jahren geschrieben. Damals – es war ebenfalls im August – nahm Gabriel gerade an der großen Konferenz zwischen Jungtürken und Daschnakzagan in Paris teil, während sich Juliette mit dem Kinde zur Erholung in Montreux aufhielt. Auf jenem berühmten verbrüderungsfreudigen Kongreß wurde das einige Vorgehen der freiheitlichen Jugend beider Völker zur Erneuerung des Vaterlandes beschlossen. Die Folge dieses Treueschwures war es bekanntlich, daß sich Bagradian nebst einigen andern Idealisten in die Reserveoffiziers-Akademie einschreiben ließ, als die Kriegswolken sich über der Türkei zusammenzogen. Stephans Briefchen, das seit jenen Augusttagen unberührt in dem Pariser Roman von Charles Louis Philippe lag, wußte noch nichts von der ungeheuerlichen Zukunft. Es war mit der starren Kleinkinderschrift französischer Abc-Schützen in friedlicher Mühsamkeit geschrieben:

Mein lieber Papa! Wie geht es Dir? Wirst Du noch lange in Paris bleiben? Wann kommst Du zu uns? Mama und mir ist sehr bange nach Dir. Hier ist es sehr schön. Es grüßt und küßt Dich Dein dankbarer Sohn

Stephan

Gabriel saß auf dem Bett, in dem Gonzague Maris zu schlafen pflegte, und starrte auf die zittrigen Züge der Kinderschrift. Es war unfaßbar, daß jenes hübschgekleidete Kind, das in einem hellen Hotelzimmer auf Juliettens noch immer duftendem Leinenpapier die wohlerzogenen Zeilen gekritzelt hatte, mit dem herangewachsenen Wald- und Wüstenmenschen von vorhin eins sein sollte. Gabriel Bagradian, der jetzt an Stephans unruhige Tieraugen und an das kehlige Kauderwelsch des Bubenrudels dachte, ahnte gar nicht, daß mit ihm selbst eine ähnliche Verwandlung vor sich gegangen war. Sein Bewußtsein erfüllten jetzt die hundert aufsprießenden Kleinigkeiten jenes fernen Augusttages, die der Kinderbrief erweckt hatte. Und kein Blutgreuel, kein Martertod schien ihm herzzerreißender als dieses kleine Welkblatt eines Alltags, dem nichts mehr etwas anhaben konnte.

Nach dem Versuch, die ersten fünf Zeilen des Romans zu lesen, schloß Gabriel den Band. Er glaubte, daß er in diesem Leben seinen Geist kaum mehr auf ein Buch werde richten können. Ebensowenig vermöchten die schweren Hände eines Eisendrehers eine feine Schnitzerei zu verfertigen. Seufzend erhob er sich von Gonzagues Bett und strich die Decke zurecht. Da bemerkte er, daß Maris auf dem Fußende des Lagers seine frischgewaschene Wäsche peinlich genau bereitgelegt hatte. Nähzeug, Schere und Stopfwolle lagen daneben, denn der Grieche besserte seine schadhaften Hemden und Strümpfe selbst aus. Gabriel wußte nicht, warum ihn der Anblick dieser Wäsche an Abreise gemahnte. Er ging zu seinem Koffer und warf den Roman hinein. Stephans Kinderbrief aber steckte er in seine Tasche. Als er das Scheichzelt verließ, fiel ihm der Bahnhof von Montreux ein. Juliette und der kleine Stephan erwarteten ihn. Juliette hatte damals einen roten Sonnenschirm getragen.

Gabriel stand vor dem Zelteingang der Frauen Tomasian. Er fragte durch den Spalt hindurch, ob sein Besuch der Wöchnerin genehm sei. Mairik Antaram bat ihn herein. Seitdem sie die junge Mutter und den Säugling betreute, mied sie der Ansteckung wegen den Lazarettschuppen. Das leidenschaftlich kühne Gesicht der alten Frau glühte vor mütterlicher Teilnahme. Sie war immer in Bewegung, als koste sie die vielen Handgriffe des Dienstes, die Kind und Wöchnerin erfordern, wie ein ganz persönliches Glück aus, dessen sie nicht genug bekommen könne. Trotz Antarams rastloser Mühe schien das Kind gar nicht gedeihen zu wollen. Das winzige Gesichtchen war noch immer bräunlich und verhutzelt wie knapp nach der Geburt. Die Augen standen ohne Blick weit offen. Das Bedenklichste aber war, das Kind schrie fast niemals. Howsannah sah sehr verfallen aus. Doch es waren nicht nur die Folgen der schweren Geburt, die sich auf ihrem Antlitz zeigten, sondern ein krankhafter Ausdruck feindseliger Verstocktheit dazu. Von ihren Zügen war alle Jugend verschwunden und hatte lauernder Schärfe Platz gemacht. Als Gabriel an ihr Bett trat, entblößte die Pastorin die Brust ihres Kindes und deutete vorwurfsvoll auf das violette Feuermal, das auf der Herzseite schon bis zur Größe eines halben Medjidjehstückes gewachsen war:

»Immer größer wird es ...«, sagte sie in sonderbar feierlichem Ton wie die Prophetin einer himmlischen Strafe. Mairik Antaram aber schalt sie mit ungeduldiger Erbitterung:

»Sei glücklich, Pastorin, und danke Gott, daß der Junge das Zeichen auf der Brust und nicht im Gesichte trägt. Was willst du denn?«

Howsannah schloß böse die Augen, als sei sie es müde, ihr besseres Wissen immer wieder gegen leere Tröstungen behaupten zu müssen:

»Und warum trinkt er so schlecht? Und warum weint er nicht?«

Antaram beschäftigte sich damit, Windeln auf einem heißen Stein zu wärmen. Sie rief, ohne von ihrer Arbeit wegzuschauen:

»Warte noch zwei Tage bis zur Taufe! Manches Kind fängt erst nach der Taufe so recht zu plärren an.«

Howsannahs Gesicht krampfte sich abwehrend zusammen:

»Wenn wir ihn nur bis zur Taufe bringen ...«

Die Doktorsfrau wurde sehr zornig:

»Du bist ein Quälgeist für dich und andre, Pastorin. Wer weiß denn hier auf dem Damlajik, was in zwei Tagen sein wird, Taufe oder Tod? Nicht einmal Bagradian Effendi weiß es, ob wir in zwei Tagen noch leben werden.«

»Wenn wir aber leben«, lächelte Gabriel, »so wollen wir hier vor den Zelten zu Ehren des Täuflings und seiner Mutter eine kleine Feier veranstalten. Ich habe schon deswegen mit dem Pastor gesprochen. Nennen Sie die Leute, Frau Tomasian, die Sie dabeihaben möchten!«

Howsannah Tomasian lag abweisend da:

»Ich bin nicht von hier. Ich habe keine Bekannten ...«

Iskuhi, die auf ihrem Bett saß, hatte den Gast die ganze Zeit über still angesehen. Und auch Gabriels Blick kehrte immer wieder zu ihr zurück. Er hatte den Eindruck, als sei Iskuhi noch viel mitgenommener und hilfsbedürftiger als die Wöchnerin, die zu seltsamer Feindseligkeit noch die Kraft aufbrachte und im übrigen die umhegte Wichtigkeit ihres Zustandes auskosten durfte. Die junge Schwägerin aber saß wie eine Gefangene in dem Zelt. Gabriels Blick umschmiegte sie:

»Haben Sie Lust, Iskuhi Tomasian, mich ein Stück zu begleiten? Meine Frau ist nämlich verschwunden. Ich will sie suchen gehen.«

Iskuhi sah Howsannah fragend an. Diese aber forderte das Mädchen mit weinerlicher Stimme und gekränkter Übertriebenheit auf, Bagradian Effendi zu begleiten.

»Aber natürlich, Iskuhi, geh nur! Ich brauche dich nicht. Beim Umlegen kannst du ja doch nicht helfen. Es wird dir wohltun.«

Iskuhi zögerte, weil sie die Heimtücke in Howsannahs Worten spürte. Da aber legte sich Mairik Antaram ins Mittel:

»Schau, daß du weiterkommst, Sirelis, mein Liebchen! Und laß dich ja vor dem Abend nicht blicken! Das ist hier kein Leben für dich.«

Vor dem Zelte erkundigte sich Gabriel Bagradian verwundert:

»Was ist denn mit Ihrer Schwägerin geschehen, Iskuhi?«

Sie blieb einen Augenblick stehen und sah an ihm vorbei:

»Das Kind ist sehr elend. Howsannah fürchtet, daß es sterben wird.«

Dann aber, im Weitergehen, wandte sie ihm ihr Gesicht zu:

»Vielleicht ist es etwas andres ... Vielleicht kommt ihr eigentlicher Charakter jetzt nach der Geburt heraus ...«

»Und früher haben Sie von diesem Charakter gar nichts bemerkt?«

Sie dachte an die Wohnung im Waisenhaus von Zeitun und an die kleinen Zänkereien, die es dort gegeben hatte. Den verstockten und widerstrebenden Grundzug in Howsannahs Wesen hatte sie immer verspürt. Wozu aber von Howsannah sprechen? Sie überging seine Frage mit einer flüchtigen Bemerkung: »Hie und da schon ...«

Gabriel und Iskuhi nahmen die Richtung zur Stadtmulde, obgleich wenig Aussicht bestand, Julietten gerade dort anzutreffen. Sie schritten durch die engen Laubhüttengassen. Die Menschen saßen vor den Eingängen. Die Luft hier oben war angenehmer und kühler als jemals im Talgrund. Das Meer schickte heute den Hauch seiner langen Atemzüge mild herüber. Alles arbeitete. Die Frauen besserten Wäsche und Gewänder aus. Die älteren Männer der Reserve übten ihr Handwerk, besohlten Schuhe, hobelten Bretter, bearbeiteten Lamm- und Ziegenfelle. Nurhan Elleons Schmiede, Sattlerei und Patronenfabrik stand in starkem Betrieb. Wegen des hochaufschlagenden Feuers außerhalb der Lagerortschaft gelegen, wurde sie heute von Nurhan persönlich mitsamt seinen zwanzig Gesellen in hämmerndem, zischendem Gang gehalten. Der Bedarf an Nägeln und Stiften war allenthalben groß. Zerbrochenes Werkzeug und Grabgerät, hauptsächlich aber beschädigte Waffen mußten rasch instand gesetzt werden. Wie oft an solchen ruhigen Tagen erweckte der friedliche Arbeitslärm den Wahn, als herrsche auf dem Damlajik die einfache Ordnung von Kolonisten und keine Todesbedrängnis. Die Unbewußtheit der Minute, diese kindliche Kraft des Menschen, schien Gestern und Morgen überwunden zu haben. Die Gesichter waren zwar von Mühsal, schlechter Kost und Schlafmangel eingesunken, doch sie lächelten, als sie Bagradian und Iskuhi den Willkomm boten.

Die beiden verließen das Lager. Nur Einsilbigkeiten sprachen sie. Gleichgültige Fragen, gleichgültige Antworten. Es war so, als lege jeder auf die Waagschale des andern immer nur ein winziges Gewichtchen, ein Granatkörnchen Seele gleichsam, damit das wunderbare Gleichgewicht nicht ins Schwanken komme. Sie gingen an den aufsteigenden Gipfelkuppen westlich entlang. Hier war alles kahl. Die milde Landschaft der Hochfläche zog sich zurück. Eine Leere öffnete sich, ohne Vogelstimmen, nur von ein wenig Wind überlaufen, damit der Mann und das Mädchen einander vernehmlicher würden. Gabriel sah Iskuhi nicht an. Es war so schön, sie unsichtbar neben sich zu fühlen. Nur wenn eine geröllige Stelle kam, beobachtete er entzückt das Zögern ihrer Füße, die reizend verlegen zu werden schienen. Dann hörte jedes Gespräch zwischen ihnen auf. Was wäre auch zu sagen gewesen? – Und es geschah, daß Gabriel die gebrechliche Gestalt neben sich immer schwerer werden spürte. Nein, nicht des Mädchens Körper, aber was? Ihm war, als gehe nicht nur die Iskuhi dieses Tages neben ihm, halb sichtbar, halb unsichtbar, sondern Iskuhi mit ihrer ewigen Herkunft und ihrem ewigen Hingang. Nicht ein blutjunges und hübsches Ding, sondern eine herrlich verkörperte Seele in ihrer zeitlosen Gesamtheit von Gott zu Gott. Wer aber vermöchte den allerseltensten, allerzartesten Augenblick auszusprechen, wenn ein Mensch gewürdigt wird, durch die flüchtige Lockung des Geschlechtes hindurch ein andres Wesen in seiner gottentströmten Einmaligkeit und Dauer zu berühren, wenn er die ganze Geschichte dieser Schwesterseele vom Anfang bis zum Ende der Welt während eines Atemzuges jäh in sich aufnimmt. Gabriel ergriff Iskuhis rechte Hand. (Sie ging wegen ihres lahmen Armes an seiner linken Seite.) Während sie gingen, überließ sie sich ihm schweigend, ohne etwas zurückzubehalten, ohne etwas aufzudrängen. Sie sprachen nicht von diesem Gefühl, das sich rasch und krampflos entfaltet hatte; sie küßten sich nicht. Sie gingen und gehörten einander. Iskuhi begleitete Gabriel dann bis in die Nordstellung hinaus. Als sie sich von ihm verabschiedet hatte, sah er ihr lange nach. Kein Wunsch regte sich in ihm, keine dunkle Bewegtheit, kein Skrupel, keine Zukunftsfrage. Zukunft? Lächerlich! Alles in ihm war schwerelose Fröhlichkeit. So leise zog sich Iskuhis Wesen zurück, daß ihn nicht einmal der Gedanke an sie störte, als er seine neue Abwehridee auszuarbeiten begann. Als sich später Stephan bei ihm meldete, vergaß er, den Jungen für seinen Ungehorsam zu bestrafen.

 

Das neue Leben auf dem Musa Dagh zeitigte auch in konfessioneller Beziehung seine Folgen. Der Bekenntniswechsel war in den letzten Jahrzehnten im armenischen Volk beinahe zu einer Mode geworden. Insbesondere der Protestantismus hatte sich seit Mitte des vorigen Jahrhunderts durch amerikanische und deutsche Missionare mit zunehmender Kraft ausgebreitet. Es genügt schon, auf die ausgezeichneten Reverends von Marasch hinzuweisen, die sich durch ihre unermüdliche Bildungs-, Bau- und Fürsorgetätigkeit um die zilizischen und syrischen Armenier, mithin auch um die Heptapolis am Musa Dagh, große Verdienste erworben hatten. Ein sehr glücklicher Umstand jedoch muß es genannt werden, daß durch die Verschiedenheit der Bekenntnisse die Seele der Nation nicht wesentlich gespalten wurde. Das Christentum stand hier im schweren Kampfe, und dieser Kampf verhinderte alle Eifersüchteleien und gegenseitigen Überheblichkeiten. Pastor Harutiun Nokhudian von Bitias hatte in den sieben Dörfern seine Seelsorge frei ausgeübt und sich in allen großen allgemeinen Fragen dennoch der Autorität von Ter Haigasun Wartabed gebeugt. Auf dem Damlajik betreute Aram Tomasian als Nachfolger des alten Pastors die Seelen der restlichen Evangelischen, indem auch er sich der Autorität des Wartabed beugte. Dieser überließ ihm an jedem Sonntag nach der Messe den Altar für seine Predigt, bei der nicht nur die Protestanten, sondern zumeist das ganze Volk zuhörte. Der Unterschied im Ritus hatte alle Wichtigkeit verloren. Ter Haigasun war der unantastbare Hohepriester des Berges und verwaltete nicht nur als Vorgesetzter der kleinen verehelichten Dorfpfarrer, sondern ebenso als Oberer des Pastors das unsterbliche Teil des Volkes. Es war demnach selbstverständlich, daß ihn Aram Tomasian gebeten hatte, die heilige Taufe an seinem Neugeborenen vorzunehmen.

Die Zeremonie war für den nächsten Sonntag, den vierten im August und den dreiundzwanzigsten Tag des Lagers, festgesetzt worden. Wegen des Gottesdienstes und anderer Pflichten Ter Haigasuns jedoch konnte sie erst in den späteren Nachmittagsstunden stattfinden. Da sich Howsannah noch zu schwach und elend fühlte, um den Weg bis zum Altarplatz zurückzulegen, hatte Aram Tomasian den Priester ersucht, auf den Dreizeltplatz zu kommen und das Kind dort zu taufen, damit die Mutter bei der Feierlichkeit anwesend sein könne. Verabredungsgemäß ließ auch Bagradian ungefähr fünfunddreißig Einladungen an die Notabeln und wichtigsten Abschnittsführer ergehen. Die Aufnahme dieses Erstgeborenen des Musa Dagh in die Gemeinschaft Christi bot ihm gute Gelegenheit, die führenden Personen des Volkes in Form eines Festes zu bewirten und sich neu zu verbinden. Er besaß noch neun Zehnliterkrüge des schweren heimischen Weines. Kristaphor mußte davon zwei für den Umtrunk absondern und außerdem noch einige Maß Maulbeerschnaps. Einen Imbiß konnte Gabriel seinen Gästen freilich nicht bieten, da der Proviant des Dreizeltplatzes schon beängstigend eingeschrumpft war.

Die Gäste versammelten sich in der vierten Nachmittagsstunde vor den Zelten. Für die Kindesmutter und die älteren Leute hatte man einige Stühle hergetragen. Der Kirchendiener stellte eine kleine Badewanne aus Blech auf einen niedrigen Tisch. Das uralte wunderschöne Marmor-Taufbecken gehörte zu jenen Schätzen, die in der Kirche zu Yoghonoluk zurückgeblieben waren. Ter Haigasun legte die heiligen Gewänder im Scheichzelt an. Ginkahaï, Taufpate, war auf Arams Wunsch Gabriel Bagradian.

Der Kirchenchor, unter des schneiderdürren Asajan Führung, hatte hinter dem Tisch mit dem Kruzifix und blechernen Wännchen Aufstellung genommen. Das laue Taufwasser war schon vor dem Altar geweiht worden. Jetzt träufelte unter den Gesängen des Chores einer der untergebenen Priester drei Tropfen des heiligen Myron-Öles in das Becken.

Gabriel, der Ginkahaïr, nahm mit verlegener Haltung den Säugling aus den Armen Mairik Antarams entgegen. Die Frauen hatten zu dem feierlichen Anlaß das braungelbe verschrumpelte Wesen, das nicht zu Kräften kam, in ein Staatskissen gesteckt, das im Hinblick auf die allgemeinen Umstände prachtvoll genannt werden mußte. Die Augen des Kindes starrten noch immer ohne Blick an diesem Leben vorbei, in dessen grausamste Veranstaltungen es so schuldlos geraten war. Auch seine Stimme fand es noch immer nicht der Mühe wert, das Gotteslicht, das diesen grausamen Veranstaltungen der Menschheit so großmütig schien, mit einem bejahenden Jammergewinsel zu begrüßen. Gabriel trug das unselige Paket, das in seiner fremdartigen Abgeschlossenheit der religiösen Festnahme und ihren Folgen zu widerstreben schien, vor den Priester, wie es ihm vorgeschrieben war. Die demutscheuen und doch so merkwürdig kalten Priesteraugen Ter Haigasuns schienen Bagradian nicht zu erkennen. Sie sahen zumindest in ihm nicht den Mann, der er war, sondern nur den Funktionär, der bei einer heiligen Handlung eine Aufgabe zu erfüllen hat. Das war immer so, wenn Ter Haigasun vor dem Altare stand oder in die Meßgewänder gekleidet war. Dann wich aus seinen Augen alle menschliche Teilnahme und Erinnerung und machte einzig dem strengen Gleichmut seines Amtes Platz. Mit seinem summenden Melisma stellte er dem Taufpaten die Frage:

»Was verlangt dieses Kind?«

Und Gabriel Bagradian, der sich sehr ungeschickt vorkam, hatte zu antworten:

»Glaube und Hoffnung und Liebe!«

Dies wiederholte sich dreimal. Dann erst kam die Frage:

»Und wie soll dieses Kind heißen?«

Man hatte den Vornamen Meister Mikael Tomasians, des Großvaters, gewählt. Bei dieser Stelle der Zeremonie fand sich der Alte komischerweise bemüßigt, von seinem Sitz aufzustehen und eine kleine Verbeugung zu machen, als sei er in der Zukunft seiner Nachkommenschaft mit aufgerufen. Was diese Zukunft anbelangt, gab es in der Zeugenschaft des Taufaktes nur eine ungeteilte Meinung. Selbst wenn man von dem allgemeinen Todeslos absah und an eine Wunderrettung glaubte, so dürfte dieses elend apathische Körperchen dort sie kaum erleben. Mairik Antaram, Iskuhi und Aram Tomasian waren nun zu Gabriel getreten. Das Kind wurde aller Hüllen entkleidet. Iskuhis und Gabriels Hände berührten einander mehr als einmal. Über den Zuschauern lag eine verbissen hoffnungslose Stimmung. Howsannah starrte mit puritanisch eingekniffenen Zügen auf die Taufgruppe. Irgend etwas stimmte ihre Seele todtraurig, todfeindlich, so hatte es den Anschein. Vielleicht war's die innige Gemeinschaft zwischen Aram und Iskuhi, zwischen Bruder und Schwester, von der sie sich im Augenblick ausgeschlossen fühlte. Ter Haigasun nahm das nackte Kind mit einem unnachahmlich sicheren Griff entgegen. Seine Hände, die viele tausend Säuglinge schon getauft hatten, arbeiteten mit jener fast überirdischen Gewandtheit und Elegantheit, die alle bedeutenden Priester auch in dem handwerklichen Teil ihres Dienstes zeigen. Er hielt eine Sekunde lang das Kind den Augen der Versammlung hin. Jeder konnte genau das große Feuermal auf der Brust sehen. Dann tauchte er es schnell dreimal ins Wasser, mit dem Körper des Täuflings jedesmal ein Kreuzzeichen beschreibend: »Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Howsannah Tomasian hatte sich krampfhaft erhoben. Mit einer verzerrten Grimasse beugte sie sich vor. Der Augenblick der Entscheidung war gekommen. Würde das Kind im Taufbade endlich in das lange, beleidigte Quäken ausbrechen, wie Mairik Antaram es ihr versprochen hatte? Ter Haigasun reichte den Säugling seinem Ginkahaïr zurück. Jedoch nicht er, sondern Antaram nahm ihn in Empfang und trocknete die kränkliche Haut zart mit einem weichen Tuche ab. Das Kind hatte nicht geschrien. Howsannah, die Pastorin, aber schrie. Es waren zwei lange hysterische Aufschreie, die sie ausstieß. Der Stuhl hinter ihr fiel um. Dann bedeckte sie ihr Gesicht und taumelte in das Zelt. Juliette jedoch, die neben ihr saß, hatte aus ihrem Schrei deutlich ein Wort gehört, zweimal sogar: »Sünde ... Sünde!«

 

Aram Tomasian kam nach einer Weile sehr blaß und mit einem gezwungenen Lächeln aus dem Zelt zurück:

»Du mußt ihr verzeihen, Ter Haigasun. Ihre Seele ist ganz und gar zerrüttet, seitdem wir von Zeitun fort mußten, wenn sie es auch bisher nie gezeigt hat ...«

Er winkte Iskuhi, sie möge zu Howsannah hineingehen. Das Mädchen blickte verzweifelt und unschlüssig zu Bagradian hin. Dieser bat den Pastor:

»Können Sie Ihre Schwester nicht bei uns lassen, Pastor? Mairik Antaram ist ja im Zelt.«

Tomasian öffnete einen Spalt des Türvorhangs:

»Meine Frau hat dringend nach ihr verlangt. Vielleicht später, wenn Howsannah schlafen wird ...«

Iskuhi war aber schon verschwunden. Gabriel ahnte, daß die Pastorin nicht dulden wollte, daß, während sie selbst so unsagbar litt, die junge Schwägerin nicht an ihr Leiden gefesselt sei.

Auch während des nachfolgenden Festgelages konnten sich die Menschen von dem lastenden Eindruck dieser Taufe nicht befreien. Neben Juliettens Besuchstisch hatte Gabriel Bagradian noch einen zweiten langen Tisch mit Bänken aufstellen lassen. Dadurch ergab sich für diese gesellschaftlich äußerst empfindliche Klasse eine doppelte Behandlung, die eine größere Anzahl strebsamer Naturen verstimmte. An dem Besuchstisch nahm gewissermaßen der Adel, die Nacharars, Platz, während sich die Plebs an der groben Tafel mit sich selbst begnügen mußte. Dies war natürlich ein vollkommener Unsinn, denn die Zweiteilung stimmte gar nicht. An dem vornehmen Tisch saßen nämlich nicht nur Ter Haigasun, das Ehepaar Bagradian, Pastor Tomasian, Apotheker Krikor, Gonzague Maris, sondern unverschämterweise auch Sarkis Kilikian, der Russe. Gabriel hatte den lumpigen Deserteur durch eine Einladung ausgezeichnet und ihn sogar neben sich sitzen lassen. Hingegen hatte Madame Kebussjan trotz eifrigster Bemühung bei den Honoratioren keinen Platz gefunden und mußte unter den anderen Muchtarinnen sitzen, denen sie doch durch den unvergleichlichen, wenn auch entschwundenen Reichtum ihres Gatten himmelhoch überlegen war. Auch dem Lehrer Oskanian war im Gegensatz zu seinem Kollegen Schatakhian die Ehre nicht widerfahren, einen Sitz am Würdetisch zu erwischen. Er aber packte kurz entschlossen sein Gewehr und ließ sich zu Füßen Juliettens, die an der Ecke saß, auf die Erde nieder. Mit ernster Strenge blickte er zu der bewunderten Französin empor. Seine vollgesogenen Augen schienen sie aufzufordern: So fragen Sie mich endlich doch nach meinen großen Taten, damit ich mit verächtlicher Bescheidenheit über sie hinwegsehen kann. Dies aber geschah ganz und gar nicht. Oskanian mußte im Gegenteil sich immer wieder vom Boden aufrappeln, um Julietten Platz zu machen, die mit sonderbarem Eifer heute die Hausfrau spielte. Sie ging alle fünf Minuten um den großen Tisch, sah nach den Trinkgefäßen, ob sie frisch gefüllt seien, sprach mit den Gästen, ihr gebrochenes Armenisch zusammenscharrend, brachte den Muchtarfrauen süßen Zwieback und Schokoladetafeln. Niemand hatte diese Fremde jemals noch so gütig, ja beinahe demütig gesehen. Juliette schien durch ihre unaufhörlich freundliche Bemühung um Verständnis für sich bitten zu wollen. Ter Haigasuns Blicke verfolgten sie erstaunt unter den halbgeschlossenen Lidern. Gabriel Bagradian aber schien diesen Wandel, der ihn hätte beglücken müssen, am wenigsten zu bemerken. Er beschäftigte sich ausschließlich mit seinem Nachbarn, Sarkis Kilikian. Immer wieder winkte er Kristaphor oder dem Diener Missak, daß er das Gefäß des Russen vollschenke. Kilikian trank nur aus seiner Feldflasche. Das Glas, das vor ihm stand, hatte er weggeschoben. War es Eigensinn? War es ein tiefes Mißtrauen in der Seele des ewig Verfolgten? Gabriel wußte es nicht. Er versuchte mit ebensoviel Leidenschaft wie Mißerfolg in Kilikians Wesen einzudringen. Der gelangweilte Totenkopf mit den achatnen Augen brütete leer vor sich hin und gab die einsilbigsten Antworten der Welt. Gabriel fühlte das Bedürfnis, jenen Triumph, durch den er Kilikian einst gebändigt hatte, vergessen zu machen. Er war überzeugt, daß in dem Russen etwas ganz Besonderes stecke. Vielleicht verwechselte er nach Art mancher Leute, die im Wohlstand gelebt haben, Menschenleiden mit Menschenwert. Das Wohlverhalten des Deserteurs seit jenem Tage der Erniedrigung und seine kommandofähige Überlegenheit am vierzehnten August schienen Gabriel recht zu geben.

Es war eine äußerst komplizierte Art von Gefühlen, die ihn dem Russen gegenüber erfüllten. Er sah in Sarkis Kilikian einen Mann von einiger Bildung (drei Jahre Priesterseminar in Edschmiadsin), mithin keinen Proletarier und gewöhnlichen Asiaten. Er sah in ihm ferner den Mann eines ungeheuerlichen Schicksals, das seine Züge so schauerlich ausgelaugt und seinen Blick in jungen Jahren schon getötet hatte. Gemessen an der Hartnäckigkeit dieses Schicksals wurde sogar das allgemeine armenische Leiden schattenhaft. Der Mann aber hatte das Schicksal gemeistert oder es zum mindesten überstanden, was für Gabriel schon den Beweis einer außergewöhnlichen Persönlichkeit bildete und ihm Ehrfurcht abzwang. Diesen bejahenden Gefühlen aber traten ebenso stark ängstliche und abgeneigte Empfindungen entgegen. Ohne Zweifel hatte Kilikian oft das Aussehen und das Wesen eines Schwerverbrechers, sein Lebenslauf schien nicht immer ganz unverdient gewesen zu sein, sondern in Entsprechung zu diesem Wesen zu stehn. Man konnte nicht genau wissen, hatte ihn das Zuchthaus zum Verbrecher gemacht oder ein angeborenes Verbrechertum auf dem Umweg der Politik ins Zuchthaus geführt. Sarkis Kilikian war übrigens in keiner Faser der Typus des Revolutionärs sozialistischer oder anarchistischer Prägung. Für Ideale oder allgemeine Ziele schien er nicht den geringsten Sinn zu haben. Er war aber auch nicht rein böse, obgleich ihn ein Teil des Weibsvolkes seines Äußeren wegen für einen Teufel hielt. Daß er nicht rein böse war, will aber noch nicht bedeuten, daß er nicht in jeder Minute zu jedem Morde kaltblütig fähig gewesen wäre. Sein Geheimnis lag darin, daß er gar nichts Ausgesprochenes war, daß er mit nichts und niemandem zusammenhing, daß er auf dem Nullpunkt einer unfaßbaren Neutralität lebte. Unter dem Volke des Damlajik war er neben Apotheker Krikor gewiß das asozialste Geschöpf. Der Russe bedrückte Gabriel tief, indem er ihn anzog. Die gemischten Gefühle aber flossen zu einer Art Liebe zusammen. Der »Ethiker Bagradian« wollte, so glaubte er wenigstens selbst, aus dem Deserteur einen Menschen machen, so etwa wie gewisse Männer die Einbildung hegen, Straßendirnen »retten« zu müssen. Es war einer der groben Fehler, die der militärische Führer auf dem Damlajik beging, daß er um Kilikian warb, anstatt ihn nach wie vor in unnahbarem Abstand und unter schärfster Aufsicht zu halten. Während Gabriel mit dem Deserteur sprach, fühlte er sich zu seinem eigenen Unbehagen befangen. Es gelang ihm nicht, den Ton zu treffen. Die undurchdringliche Apathie des anderen machte ihn unsicher. Er war wie jeder Redende gegenüber dem Schweigenden im Nachteil, so wie die Bewegung der Ruhe, das Leben dem Tode gegenüber im Nachteil, oder besser, in einer buhlenden Lage sich befinden:

»Ich freue mich, daß ich mich in dir nicht getäuscht habe, Sarkis Kilikian. Den Erfolg vom Vierzehnten haben wir nicht zuletzt dir zu verdanken. Die Maschinen, die du konstruiert hast, waren ein prächtiger Gedanke. Deine Studien im Seminar sind dir dabei wohl eingefallen. Die Belagerungstechnik der Römer, wie ...?«

»Keine Ahnung, davon weiß ich nichts«, grinste Sarkis.

»Wenn die Türken es nicht mehr wagen werden, im Süden den Berg anzugreifen, so wird es auch dein Werk sein, Kilikian.«

Dieses Lob schien auf den Russen einen leichten Eindruck zu machen, wenn auch keinen angenehmen. Seine stumpfen Augen streiften Gabriel:

»Man hätte es noch viel besser machen können ...«

Gabriel spürte die unbestechliche Ablehnung durch Sarkis Kilikian. Zugleich ärgerte ihn seine eigene Schwäche, die solche Verneinung nicht erwidern konnte:

»Du hast gewiß auf den Bohrtürmen von Baku die Erfahrungen eines Ingenieurs gemacht ...«

Der Russe betrachtete spöttisch seine Feldflasche:

»Ich war nicht einmal Vorarbeiter dort, sondern ein ganz gewöhnlicher Hilfsarbeiter ...«

Gabriel Bagradian schob ihm Zigaretten hin:

»Ich habe dich hierherbestellt, Kilikian, um dir meine Absichten mitzuteilen, die dich betreffen. Hoffentlich werden wir noch einige Tage Ruhe behalten. Früher oder später wird es aber zu einem Angriff kommen, gegen den alles Frühere ein Kinderspiel war. In diesem Kampf will ich dir einen sehr wichtigen Posten anvertrauen, mein Freund ...«

Kilikian leerte die Feldflasche bis auf den letzten Tropfen und stellte sie nachdrücklich hin:

»Das ist deine Sorge und deine Sache. Du bist der Kommandant.«

Der lange Plebejertisch war inzwischen in lärmende Bewegung geraten. Über die des Alkohols entwöhnten Menschen hatte sich Trunkenheit gesenkt. Auf Juliettens Geheiß war übrigens noch ein dritter Weinkrug entsiegelt worden. Zwei streitbare Parteien bildeten sich, die Optimisten und die Pessimisten. Tschausch Nurhan Elleon hatte die Bank bestiegen. Sein grauer drahtiger Schnurrbart zitterte. Er bleckte das rotgeäderte Weiße seiner Augen und rasselte mit seiner ausgeschrienen Feldwebelstimme: Wer die Hoffnung ausspreche, daß der Feind nicht mehr angreifen werde, sei ein verkappter Feigling und Verräter. Er, Nurhan, wünsche mit Ungeduld einen neuen Angriff. Besser heute als morgen! Was wäre das sonst für ein Leben auf dem Damlajik? Nur hungern und versumpfen!? Dazu habe er gar keine Lust! Das Leben mache ihm überhaupt kein Vergnügen mehr. Er sei fünfzig Jahre alt und habe genug. Wer anders denke als er, sei ein dummer Teufel.

Es fanden sich aber dieser dummen Teufel einige, die gegen Nurhans Wahnsinn heftig zu streiten begannen. Der alte Baumeister Tomasian, der seiner Sinne auch nicht mehr ganz mächtig war, wurde dunkelrot vor Zorn. Nurhan sei ein Gotteslästerer, schrie er. Man feiere hier die Taufe seines Enkelkindes, und er wolle solche Reden nicht dulden. Als Großvater bete er zum Heiland, daß sein Enkelsohn, wenn er auch jetzt noch ein elender Wurm zum Auslöschen sei, dereinst schöne und friedliche Tage unten in Yoghonoluk oder anderswo auf dieser Welt erleben möge. Der Heiland werde dies nach seinem eigenen Willen lenken und nicht nach dem Willen eines blutrünstigen Onbaschi. Er aber glaube fest, daß die Türken sehr bald Vernunft annehmen würden. Damit war das Stichwort für den Muchtar Kebussjan gegeben. Auch er stellte sich taumelnd auf die Bank, wackelte mit der Glatze und sah äußerst vergnügt alle und keinen an:

»Verhandeln muß man«, zischte er geheimnisvoll pfiffig; »seit zwölf Jahren bin ich Muchtar von Yoghonoluk ... Ich verhandle mit den Türken, mit Kaimakam und Müdir ... Der Kaimakam hat mich stets geehrt ... Pünktlich habe ich den Bedel der Gemeinde abgeliefert ... Und ich wurde in seine Kanzlei geführt, denn der Kaimakam und der Mutessarif und der Wali und der Wesir und der Sultan, sie wissen alle, daß ich der Thomas Kebussjan bin ... Wenn ich mit ihnen verhandle, wird mir nichts geschehen, denn ich bin ein großer Steuerzahler ... Ihr aber seid kleine Steuerzahler und könnt euch mit mir nicht vergleichen ...«

Die kleineren Steuerzahler, die in ihrer Ehre gekränkten Dorfschulzen der anderen Ortschaften, rissen Kebussjan von seiner Rednerbühne herab. Tschausch Nurhan schrie, daß er unnütze Proviantvertilger nicht mehr dulden werde und daß nun jedermann demnächst unter seine Fuchtel komme, möge er auch siebzig Jahre alt sein oder mehr. Gelächter. Der besoffene Streit drohte in unangenehme Formen auszuarten. Doch glücklicherweise hatte Gabriel Bagradian den weiteren Ausschank seines Weines verboten, ehe er mit Awakian, der ihm eine heimliche Meldung überbrachte, schnell verschwunden war. Der vornehme Tisch wurde immer leerer. Ter Haigasun hatte das Gelage schon nach einer knappen Stunde verlassen. Aram Tomasian war kurz nach ihm in das Zelt zu den Frauen gegangen. Als an dem langen Tisch der Streit ausfallender zu werden versprach, hatte sich Sarkis Kilikian mit seiner Feldflasche hinübergesetzt und beobachtete aus seinen stumpfen Augen die alten Kampfhähne, ohne irgendeine Belustigung zu verraten. Noch saßen Gonzague und Juliette still nebeneinander, Lehrer Hrand Oskanian hockte nach wie vor zu Füßen der Frau. Er verschmähte es, einen der frei gewordenen Plätze einzunehmen. Plötzlich aber sprang der Schweiger auf, sich auf sein Gewehr stützend, als sei er von einer Schlange gebissen worden. Er betrachtete Julietten einige Sekunden lang entsetzt, dann drehte er sich um und ging steif davon. Oskanian hatte nur wenig getrunken und doch hielt er, schon nach wenigen Schritten, das, was er zu sehen geglaubt hatte, für ein Wahngebilde des Weines. Es war ganz und gar unmöglich und nicht denkbar, daß eine blonde und weiße Göttin ihr Knie leidenschaftlich an das Knie eines abenteuernden Subjektes drängt, von dessen Herkunft kein Mensch etwas weiß. Trotz dieser unbezweifelbaren Erkenntnis spürte aber Oskanian den Herzstich noch, als er bereits über den Altarplatz ging. Juliette aber, die plötzlich unruhig geworden war, stand auf und verabschiedete sich, um Howsannah Tomasian zu besuchen, die sie sträflicherweise die ganze Zeit vernachlässigt hatte.

Zuletzt saßen nur noch Apotheker Krikor und Gonzague Maris einander gegenüber. Gonzague betrachtete seinen ehemaligen Hauswirt mit unverhohlen erschrockener Aufmerksamkeit. Die Veränderung, die sich mit diesem seit den letzten Wochen zugetragen hatte, war kaum glaublich. Aus dem mittelgroßen sehnigen Mann schien ein magerer verwachsener Zwerg geworden zu sein, dessen Wasserkopf an einem dürren Halsstengel haltlos schwankte. Die Schultern waren hinaufgezogen und vorgedreht, die Gelenke der Finger durch große Knoten und Wülste entstellt. Nur die Mandarinenmaske hatte sich nicht ganz und gar verwandelt, wenn man von der graubraunen Verfärbung der Haut absah. Doch in das überlegen gleichmütige Spektrum seines Gesichtsausdruckes war eine neue Lichtlinie eingeschaltet, ein Lächeln jenseitiger Verschlagenheit. Krikor trank fleißig seinen Wein aus einer Teetasse. Dabei zitterte aber seine kranke Hand so stark, daß er jedesmal ein unfreiwilliges Trankopfer darbringen mußte.

»Sie sollten nicht so viel trinken, Apotheker Krikor«, mahnte Maris.

Krikor schüttelte seinen schweren Kopf, der in der letzten Zeit so merkwürdig gewachsen zu sein schien:

»Ich esse überhaupt nichts mehr ... Das Trinken aber ist geistiger Dienst, so lehrt der persische Philosoph Ferhad el Katib.«

»Sie müßten sich schonen und ins Bett legen ...«

»Ich fange erst an, mich gesund zu fühlen«, sagte der Kranke mit einer Paradoxie, die nicht nur um ihrer selbst willen erklang.

Der Streitlärm, das aufhetzende Gelächter und Gespotte am langen Tisch wurde, obgleich der Wein längst versiegt war, immer bösartiger. Es hatten sich einige Ungeladene, junge Leute zumeist, eingefunden und verschärften die Gegensätze. Die Sonne ging unter. Es war spät geworden. Die angeheiterte Taufgesellschaft warf eine wildbewegte Schattenschlacht auf den Erdboden. Unzweifelhaft lag eine Rauferei in der Luft, als der lange Trommelwirbel von der Stadtmulde herüberrollte. Ein plötzliches Stillschweigen! »Die Münadirs«, sagte jemand, und ein anderer schrie: »Alarm!« Die jungen und die alten Männer erwachten jäh aus ihrer streitsüchtigen Weltvergessenheit. In langen Sprüngen stürzte alles davon und galoppierte in die verschiedenen Einteilungen. Auch Pastor Tomasian sah man in wilder Hast gegen die Stadtmulde rennen. Binnen weniger Minuten lag der Platz des Gelages leer. »Alarm«, wiederholte Gonzague nachdenklich und in dem ruhigen Braun seiner Augen glitzerten goldene Pünktchen. Der Angriff der Türken kam seinen Plänen zuvor. Diesmal würde es wahrscheinlich nicht gut ausgehen. Sollte man nicht diese Nacht benützen? Und Juliette? Apotheker Krikor konnte sich nicht allein vom Tisch erheben. Gonzague half ihm auf. Es zeigte sich, daß dem Alten auch die kranken Beine nicht gehorchten. Er wäre zusammengestürzt, wenn ihn Maris nicht vorsichtig geführt und nach Hause gebracht hätte. Krikor schien aber seinen gebrechlichen Körperzustand als einen gleichgültigen Betriebsunfall der Natur nicht weiter zu beachten, obgleich die Heimreise unendlich viel Zeit in Anspruch nahm.

»Alarm«, fragte er leichthin, als habe er dieser Kleinigkeit nicht genug Aufmerken geschenkt und sie wieder vergessen. »Alarm«, belehrte ihn Gonzague nachdrücklich, »und einer, mit dem nicht zu spaßen sein wird!«

Der Apotheker blieb stehen. Alle fünf Schritte schon verlor er den Atem:

»Was geht mich der Alarm an«, keuchte er. »Gehöre ich denn zu ihnen? Nein, ich gehöre nicht zu ihnen, ich gehöre zu mir.«

Und er beschrieb mit der zitternden Hand einen Kreis um sich selbst, als deute er damit die Größe und Geschlossenheit seiner Ichwelt an:

»Wenn ich nicht an das Böse glaube, so gibt es kein Böses in der Welt ... Wenn ich nicht an den Tod glaube, so gibt es keinen Tod in der Welt ... Mögen sie mich ermorden, ich werde es nicht einmal merken ... Wer diesen Punkt erreicht, der baut die Welt aus dem Geiste neu!«

Er versuchte die Hände über sein Haupt zu heben. Aber es gelang ihm nicht. Gonzague, dessen Wesensart danach strebte, ein Unheil lieber vorher zu bemerken, als es nachher nicht zu bemerken, hatte von diesen großen Worten nichts verstanden. Um jedoch dem Apotheker eine Freude zu machen, fragte er höflich:

»Welchen alten Philosophen haben Sie jetzt zitiert?«

Die Mandarinenmaske sah gleichgültig in die beginnende Dämmerung. Das weiße Bocksbärtchen wippte. Geringschätzig verkündete die hohe und hohle Stimme:

»Dies hat ein Philosoph gesagt, den niemand jemals außer mir zitiert hat und zitieren wird. Krikor von Yoghonoluk.«

 

Gabriel Bagradian hatte den großen Alarm angeordnet, ohne der unmittelbaren Gefahr noch gewiß zu sein. Merkwürdigerweise wurde es erst nach Sonnenuntergang klar, daß die Türken in der Orontesebene und im armenischen Tale eine unabschätzbar große Truppenmenge zusammengezogen hatten. Die reguläre Streitkraft und die Freischaren schienen so zahlreich zu sein, daß sie in den Ortschaften kein Quartier mehr fanden und unter freiem Himmel nächtigen mußten. Der weite Halbkreis von Lagerfeuern reichte fast vom Ruinensturz Seleucias bis zum äußersten armenischen Dorf, bis zu Kebussije im Norden. Nach und nach rückten die Späherpatrouillen ein und meldeten staunenswerte Dinge. Die türkischen Soldaten wären wie mit einem Schlage aus dem Boden gefahren. Doch nicht nur die Soldaten, die Saptiehs und Tschettehs, alle Moslems der ganzen Landschaft seien plötzlich mit Mausergewehren und Bajonetten bewaffnet und die Offiziere bildeten aus ihnen Abteilungen. Die Zahl der Waffenträger lasse sich gar nicht berechnen. Phantastische Zahlen machten die Runde. Wenn aber Gabriel Bagradian den viele Meilen großen Halbkreis der Lagerfeuer in Betracht zog, so mochten ihm diese Zahlen gar nicht phantastisch erscheinen. Zwei Dinge waren sicher. Der türkische Befehlshaber hatte erstens Mannschaften genug, um den Damlajik von der Südbastion bis zum Nordsattel zu belagern und zu stürmen. Und zweitens mußte er sich so übermächtig fühlen, daß er die Taktik des gedeckten Aufmarsches und plötzlichen Überfalles verschmähte. Diese Offenheit, die auf die Armenier niederschmetternd wirken sollte und wirkte, wies auf einen bestimmten »Fall« hin, den Bagradian unter dem Kennwort »Generalangriff« schon vorgesehen, ausgearbeitet und als Manöver geübt hatte. Gabriel war weit ruhiger als vor den beiden anderen Kämpfen, obgleich die Aussichten diesmal für das Bergvolk hoffnungslos standen. Nach dem ersten Alarm jagte er die Ordonnanzen in die einzelnen Stellungen, um alle Führer und die freien Zehnerschaften bei sich auf seinem Standort zu versammeln. Indessen hatten sich auch die Gewählten des Führerrats eingefunden. Von ihren erschrockenen Zügen war die Wirrnis des Weines völlig verschwunden. Gabriel Bagradian übernahm, wie es verfassungsmäßig bestimmt war, für die Stunden des Kampfes auch den obersten Befehl über das Lager. Er verfügte, daß alles frisch geschlagene Fleisch noch im Laufe der Nacht unverzüglich zubereitet werde. Zwei Stunden vor Tagesanbruch müsse der reichlichste Proviant in die Stellungen geschafft werden. Es solle ferner auch alles, was sich im Lager noch an Wein und Branntwein vorfinde, an die Kämpfer verteilt werden. Er selbst stellte alle Zehnliterkrüge des Dreizeltplatzes bis auf einen einzigen den Verteidigern zur Verfügung. (Diese Gabe war später mitschuldig an dem Märchen vom unerschöpflichen Horte der Bagradians.) Als die Gruppenführer, die Zehnerschaften, die Leute der Reserve und die Jugendkohorte angetreten waren, hielt Gabriel Bagradian eine kurze Ansprache. Er belehrte die Leute über den Kampf, der zu erwarten war, und verschwieg ihnen die Wahrheit nicht. Wörtlich sagte er:

»Aller menschlichen Voraussicht nach haben wir nur zwischen zwei Toden zu wählen, zwischen dem leichten und anständigen des Gefechtes und dem niedrigen und furchtbaren des Massakers. Wenn wir uns dies völlig klarmachen, wenn wir mit unbeugsamer Entschlossenheit den ersten, den anständigen Tod wählen, dann geschieht vielleicht das Wunder, und wir werden nicht sterben müssen. Aber nur dann, Brüder!«

Nun wurden die neuen Einteilungen für den »Generalangriff« getroffen. Tschausch Nurhan Elleon erhielt das Kommando über den Nordsattel. Ein weiterer Befehlswechsel erfolgte, indem Gabriel Bagradian dem Russen Kilikian, wie er es vor einigen Stunden schon angedeutet hatte, den wichtigen Abschnitt oberhalb der Steineichenschlucht übertrug. Zwei gänzlich neue Kampfgruppen wurden gebildet, eine fliegende Garde und ein Komitatschi-Bann. Für letzteren sonderten Nurhan und Bagradian, eingedenk des Bandenkrieges auf dem Balkan, aus den Zehnerschaften etwa hundert der entschlossensten Männer, der besten Schützen, der gewandtesten Kletterer aus. Sie hatten sich über die ganze Talseite des Damlajik zu verteilen und längs der Aufstiege in Baumkronen, hinter Gestrüpp und Felsblöcken, in Gruben und Falten den Hinterhalt zu beziehen. Sie sollten die türkischen Angriffskolonnen zuerst ruhig vorüberlassen, dann aber diese vom Rücken her und womöglich von mehreren Seiten schlagartig unter heftiges Feuer nehmen, ohne Munition zu sparen. Jeder Komitatschi bekam zwölf Magazine, also sechzig Patronen ausgefolgt, unter den gegebenen Umständen eine überwältigend reiche Munition. Bagradian war übrigens, was die Munition im allgemeinen betrifft, ausnehmend großmütig. Da die kommende Schlacht zweifellos die Entscheidung brachte, sah er keinen Grund, zu geizen, und behielt von den alten, den erbeuteten und den neu gefüllten Patronen nur einen unbeträchtlichen Rest in den Verschlägen zurück. Den Franktireurs setzte er die Aufgabe in seiner logischen und einfachen Art auseinander, so daß jeder der jungen Leute bis zum Grund verstand, worum es ging: den feindlichen Anmarsch verwirren und aufhalten! Keinen Augenblick in Ruhe sein, sondern den Rücken des Feindes unausgesetzt belästigen, besonders dann, wenn er zum Angriff vorgehen will! Und das Hauptgesetz wie immer: Jede Kugel ein Toter! Nach dem Komitatschi-Bann wurde die fliegende Garde aus den Zehnerschaften ausgehoben. Gabriel Bagradian verkleinerte die Besatzung der Südbastion, die durch ihre starken Verteidigungswerke so gut wie uneinnehmbar war, auf die notwendigste Kämpferzahl. Die Lücken ließ er durch Reservisten auffüllen. So wurden etwa hundertundfünfzig Gewehre für seine Garde frei, die er selbst führte und mit der er überall dort eingreifen wollte, wo der Kampf ungünstig stand. Ein großer Teil dieser Stoßtruppe wurde auf den Eseln des Lagers, der leichten Beweglichkeit wegen, beritten gemacht. Die Reitesel dieser Gegend sind keine störrisch langsamen Gesellen, sondern für alle Gangarten abgerichtet. Die beiden Gruppen der Jugendkohorte, die Ordonnanzen und ein Teil der Späher, hatten sich der Garde immer an die Fersen zu heften, damit die ausstrahlenden Verbindungen aller Abschnitte mit dem Hauptkommando niemals unterbrochen würden. Dies war in großen Zügen die Ordre de bataille, die Gabriel für den Fall des Generalangriffes ausgearbeitet hatte und deren Vorbereitung er nun während der beiden ersten Nachtstunden in großer Ruhe durchführte. Zuletzt musterte er noch die gesamte Reserve. Sie bekam den Befehl, bei Sonnenaufgang die Stadtmulde zu verlassen. Die eine Hälfte wurde für die einzelnen Stellungen als Ersatzmannschaft bestimmt, die andre Hälfte sollte den langen Streifen der Hochfläche beziehen, die zwischen dem östlichen Bergrand und der Lagerstadt lag. Dieser Streifen, der an mancher Stelle, wie zum Beispiel vor dem Steineichenschlucht-Abschnitt, nur tausend Schritt schmal war, bildete eine äußerst gefährdete Zone. Hier sorgten nur einige Schanzen, oder besser regellose Steinhaufen, für die Abriegelung der Stadtmulde gegen einen feindlichen Ansturm. Nachdem Gabriel Bagradian auch der Reserve ihre große Pflicht eingeschärft und ihr dargelegt hatte, daß sie den letzten Wall gegen die unausdenklichste Frauenschändung und Kindermetzelei vorstelle, blies Nurhan Elleon auf seinem Kornett mit stotternder Erbitterung irgendwelche Fetzen aus dem türkischen Zapfenstreich. Dies war der Befehl zum Schlafengehen. Gabriel begab sich daraufhin zu den Haubitzen, wo er die Nacht zubringen wollte. Er hatte mit Hilfe Nurhans ein paar der klügeren Leute für den Artilleriedienst notdürftig ausgebildet. Vor Mitternacht rückte das letzte Kundschafterpaar ein. Sein Bericht brachte nichts Unbekanntes. Als einzige Neuigkeit erfuhr Bagradian nur, daß vom Dach seiner Villa die Halbmondflagge wehe, daß im Hofe eine Menge Pferde zusammengekoppelt seien und Offiziere ein und aus gingen. Es war demnach klar, daß sich im Hause Bagradian das Hauptquartier der Türken befand. Gabriel wartete auf den späten Aufgang des Mondes. Dann begann er, auf der Karte bedachtsam mit dem Zirkel Entfernungen zu messen und Berechnungen anzustellen. Da der dicke, aufgeblähte Vollmond ziemlich viel Licht verbreitete, gelang es ihm, einen Hilfszielpunkt anzuvisieren und danach die Richtelemente der beiden Geschütze zu ermitteln. Die Mannschaft der Batterie mußte die Geschoßverschläge nahe heranschleppen. Es waren noch fünf Schrapnells und dreiundzwanzig Granaten vorhanden. Bagradian ließ die Hälfte dieser Geschosse hinter dem Sporn jeder Haubitze aufreihen. Dann ging er von einem Geschoß zum andern und tempierte es mit dem Klammerschlüssel im Scheine seiner Taschenlaterne. Während dieser Arbeit tauchte Iskuhi auf. Er bemerkte sie zuerst gar nicht. Iskuhi rief ihn leise an. Da nahm er sie an der Hand und ging mit ihr ein Stückchen weit fort, bis sie allein waren. Sie setzten sich unter einen Arbutusstrauch, der über und über voll roter Beeren stand, die im leblosen Mondlicht die stumpfe Farbe von Siegellacktropfen hatten. Iskuhis Worte kamen gepreßt und befangen:

»Ich möchte dich nur fragen, ob es dich nicht stören wird, wenn ich mich morgen in deiner Nähe aufhalte ...«

»Nichts auf der Welt tut mir wohler als deine Nähe, Iskuhi ...«

Er unterbrach sich, dachte nach und preßte ihre Hand gegen seine Wange:

»Und doch, es würde mich nicht nur stören, sondern peinigen, dich in Gefahr zu wissen.«

»Die Gefahr ist überall, wo wir sind, Gabriel. Ein paar Stunden früher oder später, das ist doch gleichgültig ...«

»Hast du nicht gerade morgen die Pflicht, bei Howsannah und dem Kindchen auszuharren? Wer kann sagen, was bis zum nächsten Abend hier geschehen sein wird?«

Ihr schwacher Körper streckte sich voll entschlossener Festigkeit:

»Wer kann sagen, was bis zum nächsten Abend hier geschehen sein wird? Gerade deshalb erkenne ich keine andere Pflicht mehr an, als ... Howsannah und das Kind haben damit nichts zu tun. Sie sind mir gleichgültig.«

Gabriel beugte sich dicht über Iskuhi, um in ihre Augen einzudringen, die ihm groß entgegenschmolzen. Ein seltsamer Gedanke durchzitterte ihn. Vielleicht war das, was ihn jetzt zu ihr hinzog, keine gewöhnliche Liebe, nicht das, was ihn noch immer mit Juliette verband, sondern weit mehr und auch weniger als Liebe. Er fühlte all seine Sinnen- und Seelenkräfte gesteigert und glückselig gemacht, ohne daß ihn Begehren ablenkte. Vielleicht war es die unbekannte Liebe der Blutsverwandtschaft, die ihn durch Iskuhis Blick wie ein mystisches Quellwasser erquickte, nicht der Wunsch, eins zu werden in der Zukunft, sondern die Gewißheit, in der Vergangenheit eins gewesen zu sein. Er lächelte in ihre Augen hinein:

»Ich habe gar keine Todesgefühle, Iskuhi! Es ist verrückt, aber ich bringe es nicht im entferntesten fertig, mir vorzustellen, daß ich morgen nicht mehr leben könnte. Ich halte das für kein schlechtes Vorzeichen. Und du, was meinst du?«

»Der Tod muß doch kommen, Gabriel. Es gibt doch gar keinen anderen Ausweg für uns ...«

Er hörte den Doppelklang aus ihren Worten nicht heraus. Eine unglaublich sichere Fröhlichkeit entfaltete sich in ihm:

»Man soll nicht zu weit denken, Iskuhi! Ich denke an nichts als an den morgigen Tag. Mit dem Abend beschäftige ich mich nicht. Weißt du, daß ich mich eigentlich auf morgen freue?«

Iskuhi erhob sich, um nach Hause zu gehen:

»Ich wollte von dir nur ein Versprechen haben, Gabriel. Etwas, das auf der Hand liegt. Wenn es soweit sein sollte und keine Hoffnung mehr besteht, bitte, dann erschieße mich und dich! Es ist die beste Lösung. Ich kann ohne dich nicht leben. Doch ich möchte auch nicht, daß du ohne mich lebst, keinen Augenblick! Darf ich mich also in deiner Nähe aufhalten morgen?«

Nein! Sie mußte ihm das Wort geben, daß sie sich während des Tages nicht aus dem Zelt fortrühren werde. Er aber gab ihr das Wort, daß er sie, wenn alles verloren sei, zu sich rufen oder holen werde, um mit ihr zu sterben. Er lächelte bei diesem Versprechen, denn in seiner Seele glaubte tatsächlich nicht die leiseste Regung an das Ende. Deshalb auch fürchtete er für Juliette und Stephan nichts. Als er aber die Arbeit bei den Geschützen wieder aufnahm, wunderte er sich selbst über seinen Lebensglauben, den die furchtbarste Wirklichkeit von allen Seiten im drohenden Halbkreis höhnisch widerlegte.

 

Der Kaimakam, der Jüsbaschi aus Antakje, der rothaarige Müdir, der Bataillonskommandant der aus Aleppo gesandten vier Kompanien und zwei andere Offiziere hielten nach Sonnenuntergang im Selamlik der Villa Bagradian Kriegsrat. Das Empfangszimmer erstrahlte im vollen Kerzenlicht wie bei Juliettens Notabeln-Abenden. Die Offiziersdiener räumten die Reste der Mahlzeit ab, welche die Herren in diesem Salon eingenommen hatten. Durch die offenen Fenster drangen Trompetensignale und die Feierabendgeräusche einer rastenden und menagierenden Truppe. Da man bei diesen Teufelsarmeniern auf unvorhergesehene Streiche gefaßt sein mußte, hatte der Kaimakam für das Hauptquartier eine Bedeckungsmannschaft angefordert, die nun den Park, den Obst- und Gemüsegarten des Hauses durch ihr Zeltlager verwüstete.

Die Beratung der Offiziere und Beamten dehnte sich schon ziemlich lange aus, ohne daß eine volle Übereinstimmung erreicht worden wäre. Es handelte sich um nichts Geringeres als um die Frage, ob die angeordnete Erstürmung des Damlajik im Morgengrauen wirklich gewagt werden sollte. Der Kaimakam mit der mißvergnügten Hautfarbe und den schwarzbraunen Augensäcken war innerhalb dieses Kriegsrates die zögernde und widerstrebende Persönlichkeit. Er begründete seine unentschlossene Haltung mit dem Umstand, daß der Etappengeneral von Aleppo auf Wunsch des Wali zwar ein ganzes Infanteriebataillon gesandt habe, daß aber die versprochenen Maschinengewehre und Gebirgskanonen nicht eingetroffen seien. Der Kolagasi (Stabshauptmann) aus Aleppo erklärte dieses Versäumnis damit, daß diese Waffengattungen allesamt mit den abkommandierten Divisionen aus Syrien verschwunden seien und daß sich in ganz Aleppo kein Maschinengewehr finde. Der Kaimakam gab den Herren zu bedenken, ob es nicht vorteilhafter wäre, mit der Aktion noch einige Tage zu warten und Seine Exzellenz Dschemal Pascha telegrafisch um Überlassung der notwendigen Angriffswaffen dringend zu ersuchen. Die Offiziere aber hielten diesen Vorschlag für unmöglich, da die Umgehung der Instanzen den unberechenbaren Dschemal erbittern und zu einem Gegenstreich aufreizen könnte. Der Jüsbaschi aus Antakje schob den Stuhl zurück und nahm einen Zettel zur Hand. Seine Finger zitterten, weniger, weil er erregt, als weil er ein Kettenraucher war:

»Effendiler«, begann er mit einer leisen und heiseren Stimme, »wenn wir auf Artillerie und Maschinengewehre warten wollen, so bleibt uns nichts übrig, als hier zu überwintern. Mit dergleichen sieht es bei der Feldarmee so schlecht aus, daß wir uns mit unseren Ansprüchen nur lächerlich machen würden. Ich werde mir erlauben, dem Kaimakam die Stärke unserer Truppen noch einmal ins Gedächtnis zu rufen ...«

Ohne jede Betonung las er die Zahlen von seinem kleinen Zettel ab:

»Vier Kompanien aus Aleppo: sind rund tausend Mann. Zwei Kompanien aus Alexandrette: sind fünfhundert Mann. Die aufgefüllte Garnison von Antakje: sind vierhundertundfünfzig Mann. Das bedeutet fast zweitausend Gewehre regulärer Infanterie. Die Regimenter der Front dürften nicht annähernd diese Stärke haben. Weiter, die zweite Linie: vierhundert Saptiehs aus Aleppo, dreihundert Saptiehs aus unserer eigenen Kasah und vierhundert Tschettehs aus dem Norden, das sind wiederum elfhundert Mann. Dazu kommen in dritter Linie noch die zweitausend Moslems der verschiedenen Dörfer, die wir bewaffnet haben. Alles in allem werden wir also mit einer Truppe von rund fünftausend Gewehren angreifen ...«

Der Jüsbaschi unterbrach seinen Bericht, um eine Tasse Kaffee hinunterzustürzen und eine neue Zigarette anzuzünden. Diese Pause benützte jemand, um einen Einwurf zu machen.

»Die Armenier besitzen immerhin zwei Geschütze.«

Die eingefallenen Wangen des Majors hatten sich belebt und seine gelbliche Stirn schimmerte feucht:

»Diese Geschütze sind vollkommen wertlos. Denn erstens fehlt ihnen die Munition, und zweitens kann niemand mit ihnen umgehen. Drittens aber werden wir sie sehr schnell wiederbekommen.«

Der Kaimakam, der müde oder gelangweilt in seinem Fauteuil zurückgesunken saß, hob die Augen:

»Unterschätzen Sie diesen Bagradian nicht, Jüsbaschi! Ich bin dem Mann nur ein einziges Mal begegnet, im Bade. Dort hat er sich merkwürdig frech benommen.«

Der junge Müdir mit den Sommersprossen und fabelhaften Fingernägeln mischte sich vorwurfsvoll ins Gespräch:

»Es war der größte Fehler, daß die Militärbehörde diese armenischen Reserveoffiziere nicht eingezogen hat. Meines Wissens hat sich Bagradian mehrmals freiwillig gemeldet. Ohne ihn hätten wir an der Küste die schönste Ruhe.«

Der Major schnitt diese Überlegungen jäh ab:

»Bagradian hin, Bagradian her! Solche Zivilisten sind gar nicht so wichtig. Ich habe gestern persönlich den Damlajik rekognosziert und mir die Geschichte ein bißchen angesehen. Es ist ein zerlumptes Pack. Ihre Gräben scheinen ganz primitiv zu sein. Wenn ich verschwenderisch rechne, so besitzen sie vier- bis fünfhundert Gewehre. Wir müßten uns selbst ins Gesicht spucken, wenn wir die Sache nicht bis Mittag erledigt haben.«

»Das müßten wir wirklich, Jüsbaschi«, meinte der Kaimakam, einen schnellen Blick auf den Major werfend. »Jedes Tier aber, das sein Leben verteidigt, auch das kleinste, ist furchtbar.«

Der Kolagasi von Aleppo schloß sich der Meinung des Majors nachdrücklichst an. Er hege die entschiedenste Hoffnung, binnen zwei Tagen aus dieser unbequemen Gegend fort und wieder in der schönen Stadt Aleppo zu sein. Da die Offiziere von solch einmütiger Zuversicht erfüllt waren, gähnte der Kaimakam abschließend:

»Sie garantieren also den Erfolg, Jüsbaschi?«

Der Major blies wie ein Drache zwei dicke Rauchstrahlen durch die Nase:

»Bei militärischen Unternehmungen gibt es keine Garantien. Dieses Wort muß ich ablehnen. Ich kann nur sagen, daß ich nicht weiterleben will, wenn das armenische Lager nicht bis zum Abend liquidiert ist.«

Daraufhin rekelte sich der Kaimakam mühsam auf:

»Gehen wir also schlafen!«

Der Schlaf des Hochmögenden gelang jedoch in dieser Nacht nicht zum besten. Er hatte sein Lager in Juliettens Zimmer aufgeschlagen. Der Raum war von dem Geruch der zerbrochenen Parfümflaschen noch immer so durchdringend erfüllt, daß die Nachtruhe des leberkranken Kaimakams durch beklemmende und aufreizende Traumbilder feindselig gestört und durch viele schlaflose Stunden unterbrochen wurde.

 

Das Erwachen war nicht besser als der Schlaf. Kaum hatte sich das erste Morgengrauen entfaltet, als der Kaimakam durch eine ungeheure Explosion geweckt wurde. Er stürzte halbangekleidet vors Haus. Die Verwüstung war groß. Die Granate war dicht vor der Hausrampe niedergegangen. Die Scherben sämtlicher Fensterscheiben bedeckten die Erde. Der Luftdruck hatte einen Türflügel aus den Angeln gehoben und in den Flur geschmettert. Im Mauerwerk klafften tiefe Breschen. Steintrümmer und aufgebogene Eisenstücke lagen überall umher. Das Schlimmste aber war der Anblick des Stabsoffiziers aus Aleppo. Den Unglücklichen hatte das Schicksal dazu ausersehen, gerade im Augenblick des Volltreffers aus dem Hause zu treten. Nun saß er gegen die Wand gelehnt. Seine blauen Augen blickten kindhaft leer. Er schien tief atmend einer träumerischen Vergangenheit nachzuhängen. Ein Sprengstück hatte ihm die rechte Schulter aufgefleischt, ein anderes den linken Oberschenkel verwundet. Der Jüsbaschi von Antakje bemühte sich um ihn. Es hatte den Anschein, als rede er ihm nicht ohne Strenge zu, sich seiner Verwundung weniger bequem hinzugeben. Der Kolagasi aber lieh diesen Mahnungen trotzig kein Gehör, sondern kippte langsam zur Seite. Der Jüsbaschi drehte sich zornig und brüllte die schreckerstarrten Soldaten an, sie möchten nicht glotzen, sondern Feldscher und Sanität holen. Dies aber war nicht so einfach. Der Feldscher befand sich bei der dritten Kompanie in Bitias. Der Major ließ den Schwerverwundeten ins Haus tragen. Er wurde in Stephans Zimmer aufs Bett gelegt. Wieder zur Besinnung gelangt, flehte er den Major an, er möge ihn nicht verlassen, ehe er verbunden sei. Der Kaimakam, der seinem Wesen nach ein überzeugter Zivilist war und den vergossenes Menschenblut praktisch ebenso entsetzte, wie es ihn theoretisch kaltließ, stieg wie von ungefähr still vor sich hin die finstre Treppe in den Hauskeller hinab. Die Kanonade Gabriel Bagradians ging nämlich gemächlich weiter. Soeben polterte ein neuer Krach von der Ortschaft herüber.

Ein mehr als ironischer Zufall hatte die Flugbahn der ersten Granate zum Bagradianhaus gelenkt und den feindlichen Bataillonsführer schachmatt gesetzt. Vielleicht aber war es gar kein Zufall, sondern ein lebendiger Lehrbeweis dafür, daß Gott durchaus nicht immer auf seiten der stärkeren Bataillone steht. Durch die Lähmung des Kommandos wurde jedenfalls der Zeitpunkt des Angriffs um mehr als eine Stunde hinausgeschoben. Die türkischen Schwarmlinien, die sich schon in den Obst- und Weingärten am Fuße des Damlajik entwickelt hatten, wurden zurückgehalten. Diese armenischen Schweine schienen das wichtigste Ziel verteufelt gut herauszuhaben und ausgelernte Feuerwerker zu besitzen. Wenn sich auch die nächsten acht Zufälle als weniger genial erwiesen als der erste, so war die Talsohle doch breit genug, um den Schrapnells und Granaten, wo immer sie auch niedergingen, schreckenerregende Gelegenheit zu bieten. Drei Häuser in Bitias, Azir und Yoghonoluk wurden in Brand geschossen. Unter einer Abteilung lagernder Saptiehs, die aus ihren Feldflaschen Kaffee tranken, richtete eine der Granaten die schwerste Verheerung an. Drei Tote und viele Verwundete zurücklassend, verließen diese Träger der zivilen Ordnungsgewalt den Kriegsschauplatz für immer, ohne einen Schuß abzugeben.

Gabriel Bagradian erreichte durch das Haubitzfeuer ungefähr das, was er angestrebt hatte, ohne freilich von seinen Erfolgen rechte Kenntnis zu haben. Die türkischen Operationen wurden schmählich gestört, der Mut der neuen Bevölkerung so empfindlich herabgestimmt, daß die Frauen in hellen Haufen bereits gegen die Orontes-Ebene zu flüchten begannen, und nicht zuletzt blieb die oberste Führung eine Zeitlang ausgeschaltet. Erst nachdem das Haubitzfeuer längst schon eingestellt war, rafften sich die Schützenketten auf und verschwanden in den Waldungen der Vorberge des Musa Dagh. Bagradian machte sich einen Augenblick lang den Selbstvorwurf, daß er nicht Verwegenheit genug besessen hatte, mindestens vierhundert Mann des ersten Treffens, die Hälfte aller Zehnerschaften, als Komitatschis auf die Anmarschwege zu verteilen und so den Angriff zu vernichten, ehe er sich zu entwickeln noch Zeit fand. Er fürchtete jedoch aus seiner eigenen gefährdeten Natur heraus alles Aufgelöste und Ungeregelte und hatte deshalb darauf verzichtet, diesen Gedanken auch nur auszusprechen. Tatsache jedenfalls war es, daß die hundert Komitatschis durch listenreiche Positionen und geistesgegenwärtige Tollkühnheit schon auf halber Bergeshöhe unter den heraufkeuchenden Feindesgruppen mehr Verwirrung und Schaden stifteten, als ein offener Sturmangriff es vermocht hätte. Zweimal, dreimal schleuderte das unsichtbare Kreuzfeuer die Verbände, die sich mühsam durch das Dickicht emporarbeiteten, wild auseinander und zerstreute sie. Die einzelnen Haufen und Rotten, von der Befehlgebung abgeschnitten, Schritt auf Schritt des Todes gewärtig, jagten die Abhänge wieder hinab, was nicht einmal Feigheit genannt werden darf, da Gegenwehr ja unmöglich war. Nach all diesen mißglückten Versuchen blieb dem Major nichts anderes übrig, als die Kompanien auf der Linie des Vorberges zu sammeln, eine Erholungsrast anzuordnen und abkochen zu lassen. Inzwischen konnten die Komitatschis in aller Ruhe die Gewehre und Patronen der Gefallenen und Verwundeten in Sicherheit bringen. Der Kaimakam, der sich beim Kommando befand, stellte mit bitterster Verdrossenheit dem Jüsbaschi die Frage:

»Wollen Sie Ihre Taktik aufrechterhalten? Ich glaube, wir kommen so nie und nimmer auf den Berg.«

Der Major wurde kaffeebraun vor Wut und schrie den Landrat an:

»Wenn Sie es wünschen, übergebe ich Ihnen hiermit den Befehl und ziehe mich zurück. Das Ganze ist mehr Ihre als meine Sache.«

Der Kaimakam merkte, daß man mit diesem eitlen Offizier äußerst vorsichtig umgehen müsse. Er beschloß deshalb, den plötzlichen Konflikt sofort abzuknicken. Mit seiner schläfrigsten Miene zuckte er die Achseln:

»Das ist richtig. Ich habe die Verantwortung. Merken Sie sich aber, Jüsbaschi, daß Sie mir verantwortlich sind. Wenn die Sache mißlingt, werden wir beide die Folgen tragen müssen, Sie genauso wie ich.«

Diese reine Wahrheit leuchtete dem Major so heftig ein, daß er verstummte. Da man die höchsten Stellen, den Wali, ja den Kriegsminister höchstpersönlich mit dem Musa Dagh beschäftigt hatte, konnte ein neuer Mißerfolg den Jüsbaschi vor ein Kriegsgericht führen, das ihm gegenüber weniger gnädig vorgehen würde als gegen den alten Bimbaschi mit den Kinderwangen. Er war auf Gedeih und Verderb an den Kaimakam geschmiedet und mußte sich daher mit ihm verhalten. Zu diesem Zwecke machte er eine ziemlich friedliche Bemerkung und ging ans Werk. Die Kompanie im Norden wurde angewiesen, sofort gegen die armenische Sattelstellung vorzugehen. Die Südstellung oberhalb des Bergsturzes sollte unbehelligt bleiben, da der Jüsbaschi die Truppen nicht einer neuen Steinlawine aussetzen wollte. Er versammelte die Offiziere um sich und befahl ihnen, ihren Zügen zu verkünden, daß jeder Soldat, der während des nächsten Aufstiegs umkehre und zurücklaufe, unbarmherzig niedergemacht werde. Eigens zu diesem Henkersberufe legte er die Saptiehs und Tschettehs in langer Linie in die Einbuchtungen der Vorberge. Sie bekamen den scharfen Befehl, gegen die zurückflutende Infanterie sofort das Feuer zu eröffnen. Diese Aufgabe zu übernehmen, weigerten sich die Saptiehs und Freischärler nicht. Zugleich ließ der Major im Gelände der Aprikosen- und Weingärten eine dritte, sehr lange Linie aufmarschieren, die bewaffneten Dorfbewohner, zu denen sich ein Teil ihrer Frauen gesellte. Die Angst vor dem Befehl des Jüsbaschi tat bei den Kompanien ihre Wirkung. Die Schwärme rasten, von Angst gehetzt, die steilen Berglehnen empor. Sie wagten es nicht, auch nur eine halbe Minute zu verschnaufen. Mit geschlossenen Augen stürmten sie durch das Komitatschifeuer. Der Mittag war lange vorüber, als es drei Zügen unter dem grausamen Feuer der Verteidiger gelang, auf den Höhen Fuß zu fassen und sich an vier Punkten den armenischen Abschnitten gegenüber notdürftig mit dem Infanteriespaten einzugraben oder hinter Felsen, Geröllstürzen, Bäumen, Bodenwellen Deckung zu finden. Durch diese wahre Heldentat aus Angst hatten die Truppen des Majors ihren ersten ansehnlichen Erfolg errungen. Er selbst, vom echten Schlachtenfieber erfaßt, führte mit gezogenem Säbel eine neue Sturmwelle hinauf. Auch ihr gelang es, sich unterhalb der armenischen Gräben festzusetzen und die Angriffsfront zu verlängern. Die Begeisterung über diesen Erfolg befeuerte die Türkenseelen mächtig. Sie eröffneten an allen Einfallspunkten zugleich ein rasendes Feuer. Dem Major war es vorerst gleichgültig, ob die Schüsse ein Ziel trafen oder nicht. Zwei Stunden lang sollten die Ohren und Seelen der Armeniersöhne so zermürbt werden, daß ihnen der letzte Rest ihrer Frechheit verging. Auch bekamen sie auf diese Weise zu spüren, daß der Staatsgewalt Munition genug zur Verfügung stand, um dieses Feuer mit der gleichen Dichtigkeit drei Tage lang fortzusetzen. Die Verteidiger verkrochen sich wie gelähmt in ihren Gräben, während der undurchdringliche Projektilschleier über ihre Köpfe wegwehte. Das Schlimmste aber war, daß sich von jenen Kampfplätzen, die der Stadtmulde zunächst lagen, Hunderte von Kugeln unter die Laubhütten verirrten und bisweilen Geller als abgeplattete Dumdum-Geschosse furchtbare Wunden schlugen. Ter Haigasun befahl daher, daß die Stadtmulde unverzüglich geräumt werde und daß sich das nicht wehrfähige Volk gegen die Meer- und Felsseite des Berges zurückziehe.

Während der lang dauernden Feuerraserei gegen die armenischen Gräben ließ der Jüsbaschi nacheinander die Kompaniereserven, die Saptiehs und zuletzt die bewaffneten Bauern von seinen Offizieren heranführen, damit sich seine Obermacht beim Sturmangriff in immer wieder erneuerten Männerwellen auswirken könne. Das zweite, dritte und vierte Treffen wurde in ziemlich dichten Abständen hinter der Front bereitgestellt. Als diese durch die tückischen Überfälle der Komitatschis erschütterten und wutgepeitschten Mannschaften brüllend die Höhe erreichten, gab der Major dem ersten Treffen den Sturmbefehl. Die Armenier, die schon eine alte Sturmabwehrerfahrung hatten, schossen von ihren zumeist höher gelegenen Stellungen die zögernden Stoßschwärme in aller Ruhe zusammen. So schnell hintereinander die Wellen auch eingesetzt wurden, sie brachen sich, von der Ungunst des Bergbodens schwer benachteiligt, weit vor den armenischen Gräben. Trotz ihrer unermeßlichen Übermacht und Feuerüberlegenheit konnten die Moslems bis zum späten Nachmittag an keinem der Einfallspunkte auch nur einen Schritt weiterkommen. Dabei hatten die Armeniersöhne durch die kluge Anlage der Verteidigungsabschnitte ein verhältnismäßig leichtes und kostenloses Spiel. Ihre Gräben bildeten da und dort scharfe Winkel, und die anstürmenden Türken erhielten dadurch Front- und Flankenfeuer. Dazu kamen noch die Komitatschis, die plötzlich an dieser und jener Stelle die Reserven mit einem raschen, aber tödlichen Kugelregen überschütteten. Die todesmutigen, vergeblichen Sturmangriffe hatten den Major schon beinahe ebensoviel Männer gekostet wie die letzte Niederlage den armen Bimbaschi, der ihretwegen schmählich davongejagt worden war. Der aus einem weit härteren Holz geschnitzte Jüsbaschi aber gab nicht nach. Er stellte sich immer wieder an die Spitze der Angriffsreihen und entging hundertmal durch das Wunder der echten Führertapferkeit dem Tode. Er hielt sich zumeist im Abschnitt der Steineichenschlucht auf, denn es wurde allgemach klar, daß sich hier der schwächste Punkt der Verteidigung befand. Noch hielt Gabriel Bagradian dank seiner fliegenden Garde alle Fäden in der Hand. Drei Stunden noch, dachte er, und dann ist es Nacht. Die Garde hatte immer wieder in bedrohlichen Fällen eingegriffen, wankende Gräben versteift, die gefährdeten Lücken zwischen den Abschnitten gefüllt und ermüdete Zehnerschaften abgelöst. Jetzt freilich lag Bagradian ausgepumpt, totenfahl und ohne Atem irgendwo auf der Erde und erholte sich nur mühsam. Awakian saß neben ihm, und etwa zwölf Ordonnanzen der Jugendkohorte warteten auf seine Befehle. Haik war unter ihnen, Stephan nicht. Jeden Augenblick trafen Meldungen ein. Hauptsächlich vom Nordsattel, der bis jetzt noch keinen schweren Tag gehabt hatte. Um diese Stunde aber schienen die Türken ihre Absichten zu ändern und einen Hauptschlag im Norden vorzubereiten. Die Berichte Tschausch Nurhans lauteten immer nervöser. Nicht nur der Major, sondern ein ganzer Stab von Offizieren sei hinter den Deckungen auf den Gegenhöhen des Sattels aufgetaucht. Man habe sie deutlich an den Feldstechern erkannt. Bagradian hatte sich vorgenommen, mit dem Einsatz der Garde, das heißt der letzten Kräfte, auf das äußerste zu geizen und sich durch die Unsicherheit der einzelnen Unterführer nicht mißbrauchen zu lassen. Der Nordabschnitt war die bei weitem bestgesicherte Stellung, und es lag gar kein Grund vor, Verstärkungen in dieses Grabensystem zu werfen, ehe der Kampf noch begonnen hatte. Viel wichtiger dünkte es Gabriel Bagradian, immer in der Nähe des sehr gefährdeten Abschnittes der Steineichenschlucht zu bleiben, um dort ein Unglück zu verhüten. Er lag mit geschlossenen Augen da und schien den häufigen Meldungen vom Nordsattel keine Beachtung zu schenken. Nur noch zweieinhalb Stunden, sagte er sich innerlich vor. Eine Kampfpause war eingetreten. Das Feuer schwieg. Bagradian gab sich ganz seiner Erschöpfung hin. Vielleicht aber war dieser geistige und körperliche Schwächezustand der Grund, warum er dem Major doch in die Falle ging.

 

Das Echo des Kampfes erreichte die Riviera mit voller Schärfe. Das Pochen und Plättern der Schüsse klang durch eine sonderbare akustische Übertreibung so peitschend nahe, daß Juliette und Gonzague das Gefühl haben mußten, sie säßen mitten im Feuernetz, während sich die Schlacht in Wirklichkeit doch ziemlich entfernt abspielte. Juliette hielt Gonzagues Hand fest. Sein Wesen war nichts als horchende Spannung. Er saß regungslos in gespannter Haltung da:

»Ich glaube, es kommt von allen Seiten näher. Es hört sich wenigstens so an ...«

Juliette sagte nichts. Dieser polternde, pfeifende Lärm war so traumhaft fremdartig, daß sie ihn nicht zu verstehen und darum auch kaum zu fürchten schien. Gonzague beugte sich nun etwas vor, um die Brandung besser zu sehen, die an den Klippen in der Tiefe hochsprang. Das Meer war heute außerordentlich bewegt und mischte seine ferne Zornstimme in den Wirbel des Gewehrfeuers. Maris deutete südwärts die Küste entlang:

»Wir hätten uns früher entscheiden sollen, Juliette. Du könntest jetzt schon im schönsten Frieden in dem Wohnhaus der Spiritusfabrik warten ...«

Sie schauerte zusammen. Ihr Mund öffnete sich, doch sie mußte ihre Stimme erst lange suchen wie etwas Verlorenes:

»Das Schiff geht am Sechsundzwanzigsten ... Heute ist der Dreiundzwanzigste ... Ich habe noch drei Tage Zeit ...«

»Nun ja« – er beruhigte sie mit zarter Nachsicht –, »du hast noch drei Tage Zeit ... Ich nehme dir keinen Tag fort ... Wenn es die andern dort nicht tun ...«

»Ah, Gonzague, mir ist ganz merkwürdig zumute, ganz unverständlich ...«

Sie verstummte mitten im Satz. Es erschien ihr aussichtslos, ihren Zustand zu schildern, der ihr selbst völlig unbekannt war. Wie irgend etwas Weiches, sehr Verletzliches, das mit seinem frierendsten Teil aus der schützenden Hülse gezogen ist. Ihre Glieder hatten ein kaltes Eigenleben, das mit dem Gesamtbewußtsein selbst nur mehr ganz mangelhaft zusammenhing. Als ob sie die Arme und Beine mit einem schmerzlichen Bedauern hätte ablegen und in einen Kasten sperren können. In früheren Zeiten, in ihrer vernunftvollen und lichten Welt, wäre Juliette nicht untätig geblieben. Irgend etwas fehlt mir, hätte sie sich gesagt und wahrscheinlich zum Fieberthermometer gegriffen. Jetzt grübelte sie darüber nach, wie es komme, daß ihr schrecklicher Zustand doch wieder auch recht behaglich und wunschlos sei. Dabei wiederholte sie noch zweimal:

»Unverständlich ...«

Gonzague zog sie mit lächelndem Ernst dichter an sich:

»Arme Juliette, ich verstehe dich genau ... Du hast zuerst in fünfzehn Jahren und nun in vierundzwanzig Tagen dich selbst verloren. Jetzt kannst du weder die falsche noch die richtige Juliette in dir finden. Siehst du, ich gehöre nirgends hin, ich bin kein Armenier, kein Franzose, kein Grieche, kein Amerikaner, sondern wirklich und wahrhaftig nichts und daher frei. Mit mir wirst du es sehr leicht haben. Der Schnitt aber bleibt dir nicht erspart ...«

Sie sah ihn gänzlich verständnislos an. Jetzt erreichte das Gewehrfeuer dort drüben den Höhepunkt seiner Erregung. Es war unmöglich, länger ruhig sitzen zu bleiben. Gonzague half Julietten auf. Sie schwankte wie betäubt. Er schien unruhig zu werden:

»Wir müssen bedenken, was zu tun ist, Juliette. Das dort klingt nicht besonders vertrauenerweckend. Was hast du vor?«

Sie machte eine unvollständige Handbewegung, wie um sich die Ohren zuzuhalten:

»Ich bin müde ... und möchte mich hinlegen ...«

»Das ist ausgeschlossen, Juliette! Hör nur! Es kann jeden Augenblick ein Unglück geschehen. Ich bin dafür, daß wir diesen Platz hier verlassen und die Sache weiter unten abwarten ...«

Sie schüttelte eigensinnig den Kopf:

»Nein, ich will lieber in mein Zelt zurückgehen!«

Er nahm sie um die Hüfte und versuchte sie leise mit sich zu ziehen.

»Sei nicht böse, Juliette! Aber es ist unbedingt notwendig, jetzt alles klar zu überlegen. In der nächsten halben Stunde kann das türkische Militär in der Stadtmulde sein. Und Gabriel Bagradian? Weißt du, ob er noch lebt?«

Das Krachen und Heulen ringsum schien Gonzagues Befürchtungen zu bekräftigen. Juliette aber erwachte jäh aus der Verworrenheit zu ihrer alten Energie und Willenskraft:

»Ich will Stephan sehn, ich will Stephan bei mir haben«, rief sie mit fast zorniger Überschwenglichkeit. Der Name ihres Kindes zerriß die Nebelschleier der grauenhaften Irrealität, die sie von allen Seiten umlagerte. Die Mutterschaft wurde plötzlich zu einem festen Haus mit undurchdringlichen Mauern, das sich gegen die ganze Welt absperren ließ. Sie packte Gonzague an beiden Armen und stieß ihn ungeduldig von sich:

»Holen Sie sofort Stephan hierher, hören Sie, ich bitte Sie, verlieren Sie keine Zeit, finden Sie ihn! Ich warte, ich warte ...«

Einen Augenblick lang bedachte sich Maris. Dann unterdrückte er ritterlich jeden Widerspruch und neigte den Kopf:

»Gut, Juliette, wenn du es wünschest! Ich werde alles tun, um den Jungen so schnell wie möglich aufzutreiben, und dich nicht lange warten lassen.«

Gonzague Maris kam tatsächlich schon nach einer halben Stunde mit dem völlig verwilderten und verschwitzten Stephan zurück, der ihm nur widerwillig folgte. Juliette stürzte sich auf den Knaben, preßte ihn an sich, während ein trockner Weinkrampf sie erschütterte. Der Knabe war so müde, daß er, als sie sich alle niederließen, sofort einschlief.

Gabriel Bagradian hatte ohne Zweifel bewiesen, daß er, der Schöngeist, echte militärische Führerbegabung besaß, vom tödlichen Zwang an die Oberfläche geholt. Dem Fehler, den er jetzt beging, waren angesehene Generale oft erlegen, indem sie sich durch die Vorliebe für gewisse wohlstudierte Kampfabschnitte in ihren Entschlüssen leiten ließen. Und so ließ sich denn Gabriel auch durch die Vorliebe für das Hauptwerk seines großen Verteidigungsplanes, den Nordabschnitt, dazu verleiten, den zahlreichen Botschaften Tschausch Nurhans, die zuletzt in Hilferufe ausarteten, endlich doch nachzugeben. Da die Türken ihre Angriffe weder aus der Steineichenschlucht noch auch bei den anderen Einfallspunkten des Bergrandes wiederholten, da ringsum das Gewehrfeuer schwieg, um sich mit ungeahnter Wucht im Norden zu sammeln, so erschien es mehr als wahrscheinlich, daß der Feind mit seiner ganzen Übermacht einen Durchbruchsversuch in der Sattelstellung wagen werde. Aus diesem Grunde zog Bagradian die über die lange Randfront verteilten Zehnerschaften der fliegenden Garde zusammen und führte sie nach Norden, wo sie, des türkischen Sturmes gewärtig, den zweiten Graben und die Felsbarrikaden bezogen. Gabriel erwartete das Vorbrechen des Feindes in jedem Augenblick, da das Feuer von Minute zu Minute an Heftigkeit zunahm und der Abend immer näher rückte. (Da niemand andrer als er die Haubitzen richten und bedienen konnte, mußten sie außer Gefecht bleiben.)

Sarkis Kilikian hatte sich während des Tages als Abschnittskommandant über der Steineichenschlucht hervorragend gehalten und fünf Angriffe abgeschlagen. Eine Zeitlang hatte es den Anschein, als ob die türkischen Schwarmlinien, aller Verluste ungeachtet, den Durchbruch nirgendwo anders als hier oben erzwingen wollten, da es sich ja um die Schlüsselstellung handelte, die mitten ins Volkslager führte. Weil Gabriel Bagradian der Ausdauer des Russen in den ersten Kampfstunden nicht völlig traute, hatte er sich zumeist in der Nähe des Steineichenschlucht-Abschnittes aufgehalten und mehrmals, den Türken in die Flanke fallend, mit seinen Zehnerschaften eingegriffen. Die Aufgabe Sarkis Kilikians war alles eher als leicht. Der Hauptgraben dehnte sich nur über ein ziemlich kurzes Bodenstück. Die Gräben der Seitensicherung lagen nicht sehr günstig und waren überdies je einige hundert Schritt weit von den Nachbarabschnitten entfernt, ohne daß diese Lücken, wie zwischen den meisten anderen Einfallspunkten, durch Steilhänge, Felswände oder dicken Knüppelwuchs ungängig blieben. Der Russe gebot über eine verhältnismäßig kleine Besatzung von acht Zehnerschaften, die außerdem, der Bodenbeschaffenheit entsprechend, ziemlich auseinandergezogen stand. Dennoch war er ohne bedeutende Verluste über den Tag hinweggekommen, obwohl immerhin zwei Tote und sechs Verwundete zu beklagen waren. Etwas von Kilikians Wesen, seiner totenhaften Ruhe und Gleichgültigkeit, war auf die Besatzung übergegangen. Sooft die Türken zum Angriff ansetzten, schossen die Leute mit solcher, man kann es nicht anders nennen, gelangweilten Sicherheit, als seien sie im Tode und im Leben gleicherweise zu Hause und es bekümmere sie nicht sehr, welchen von diesen zwei Aufenthaltsorten sie künftig bewohnen würden. Während Kilikian sein Gewehr im Anschlag hielt, ließ er keine der guten Zigaretten verlöschen, von denen ihm Bagradian eine Schachtel zum Geschenk gemacht hatte. Jetzt, nach so vielen blutigen Stunden, lehnte er seine dürre Gestalt gegen die Grabenwand und starrte auf das mit Baumstrünken und Stämmen, mit Sträuchern und Latschen übersäte Vorfeld, das sich in scharfer Neigung bis zum Ausstieg der eigentlichen Steineichenschlucht senkte, die der Feind dicht besetzt hielt. Gabriel Bagradian hatte hier selbstverständlich in den ersten Tagen schon den Bergrand abholzen lassen. Kilikians jugendlicher Totenkopf saß regungslos zwischen den Schultern. In seinen Augen mit dem stumpfen Achatglanz kam die große Kunst zum Ausdruck, das Leben bis auf ein Minimum an Tätigkeit abstellen zu können. In der erbeuteten Uniform sah der Russe mit seinen abfallenden Schultern und seiner mädchenschmalen Taille, die er durch einen festangezogenen Gürtel eigens betonte, wie ein äußerst eleganter Offizier aus. Er sprach mit den Nachbarmännern kein Wort, und auch diese schwiegen. Ihre Augen sahen immer wieder nach den Schatten der Bäume und Sträucher, die von Sekunde zu Sekunde länger, schmäler, goldhaltiger wurden wie geheimnisvolle Lebewesen. Alle Armeniersöhne und -töchter auf dem Damlajik, bis vielleicht auf Krikor und Kilikian, hegten jetzt einen einzigen Gedanken, den Gedanken Gabriel Bagradians: Nur eine Stunde noch und dann ist die Sonne untergegangen. Im Norden knatterte salvenartiges Feuer. Hier unten aber lag Wald und Berg scheinbar im tiefsten Frieden. Manche von diesen abgekämpften Männern schlossen jetzt die Augen, um eine Weile im Stehen zu schlafen. Sie hatten dabei das sonderbare Gefühl, daß dieser gestohlene Schlummer die Zeit heimlich vorwärts- und der rettenden Nacht in die Arme treibe. Der Schläfer wurden immer mehr und mehr. Zuletzt schien von der Besatzung in den drei Gräben kaum ein Mann wach zu sein. Nur die leblos geschliffenen Steinaugen Sarkis Kilikians, des Führers, beobachteten unbeweglich den schwarzen Waldrand der Steineichenschlucht. Das Geschehnis der nächsten Minuten gehört zu jenen Rätseln, die sich wahrheitsgemäß durch nichts erklären und ergründen lassen. Zur Not könnte man die unbegreifliche Lethargie im Wesen Kilikians verantwortlich machen, jene Eigenschaft, die das Leben schon in dem elfjährigen Knaben (als er unter seiner verblutenden Mutter lag) als Selbstschutz gegen das Übermaß von Qualen auszubilden begann. Er rührte sich jedenfalls nicht, und in seine Augen kam kein anderer Blick, als aus dem Walde unten erst einzelne Infanteristen hervorzögerten, denen allmählich ganze Schwärme folgten. Kein einziger Schuß kündigte einen Angriff an. Die Türken schienen sich von der schwarzgezackten Wand der Steineichenschlucht ängstlich nicht lösen zu wollen und verlegen zu warten, bis die Gewehre der Verteidiger losgehen würden. Da dieses nicht geschah, gaben sie sich einen Ruck, es waren schon mindestens dreihundert Mann, liefen vor und warteten, hinter jedes Hindernis sich duckend, wieder auf das armenische Feuer. Ein Teil der Männer in den Gräben schlief noch immer. Andre erwachten, griffen zu ihren Gewehren und blinzelten in das lautlos huschende Bild vor ihnen. In dieser Sekunde blähte sich das Goldlicht der Abendsonne auf und zerplatzte in hunderttausend blendende Splitter und Sprengstücke. Die Halbmonde auf den Pudelmützen der Offiziere blitzten grell. Erstaunlicherweise trugen sie während dieses Kriegszuges keine Feldkappen. Die von dem prahlenden Katzengold der späten Sonne benommenen Armeniersöhne legten die Gewehre aus und starrten, befehlgewärtig, Kilikian an. Und jetzt geschah das ganz Unerklärliche. Anstatt, wie er es bisher getan hatte, ruhig das Zielaviso zu geben, die Distanz für den Rahmenaufsatz zu bestimmen und seine Pfeife an die Lippen zu setzen, stieg der Russe mit nachdenklicher Langsamkeit aus dem Graben. Die Bewegung pflanzte sich wie ein Befehl unter den Zehnerschaften fort. Teils aus müder Verwirrung, teils aus Vertrauen in die unbekannte Absicht des Führers, schwang sich ein Mann nach dem anderen über den Grabenrand. Die Türken, die sich schon bis auf fünfzig Schritte herangepirscht hatten, stutzten, warfen sich nieder. Das Herz blieb ihnen stehen. Sie erwarteten einen wütenden Gegenangriff. Doch Sarkis Kilikian stand ruhig vor dem Mittelgraben, ohne vorwärts-, ohne zurückzugehen, ohne ein Befehlswort zu rufen, ohne ein Zeichen zu geben, die Hände in den Taschen vergraben. Ehe die unglücklichen Verteidiger noch zur Besinnung kommen konnten, brüllte einer der Offiziere unten ein lang anhaltendes Kommando, und aus dreihundert Mausergewehren knatterte ein grauenhaftes Schnellfeuer gegen die erstarrten Zielpuppen oben, die sich schwarz vom lichttrunkenen Himmel des Unterganges abhoben. Binnen wenigen Atemzügen krümmte sich ein Drittel der Besatzung des Abschnitts schreiend und ächzend auf der blutigen Erde des Musa Dagh. Sarkis Kilikian stand noch immer nachdenklich erstaunt da, die Hände in den Taschen vergraben. Das türkische Blei schien ihm auszuweichen, als wäre ein Abschluß dieses einzigartigen Schicksals in offener Feldschlacht viel zu simpel und stillos. Als er dann die Hand erhob und seinen Kämpfern irgend etwas zuschrie, war es längst schon zu spät. Er wurde von der allgemeinen Flucht des Besatzungsrestes mitgerissen, die erst mittwegs bei den Steinschanzen zum Stillstand kam. Es waren vier längere, trapezförmig abgewinkelte Steinhaufen in nächster Nähe der Stadtmulde. Ehe die Flüchtigen diese Deckung erreichten, ließen sie dreiundzwanzig Tote und Verwundete zurück. Die türkische Infanterie besetzte mit unbeschreiblichem Grölen die verlassenen Gräben. Die Reserve drängte nach, die Saptiehs, die Tschettehs und zuletzt die bewaffneten Dörfler. Auch eine recht erhebliche Anzahl von mutigen Weibern war den Moslems gefolgt. Als diese hinter den Bäumen der Eichenschlucht versteckten Frauen den Erfolg der Ihren sahen, brachen sie wie wahnsinngeschüttelte Mänaden aus dem Wald, faßten einander an den Händen, bildeten eine Kette, und aus ihren Kehlen pfiff ein langes eigenartiges Schrillen, Zilgith, der uralte Schlachtruf islamischen Weibervolks. Dieser aufwühlende Schrei befreite den Teufel in den Männern. Sie kümmerten sich, wie ihr kühner Glaube es ihnen eingibt, nicht um Tod und Leben und stürzten in tollem Lauf auf die dürftigen Steinschanzen zu, ohne einen Schuß mehr abzugeben, mit blankem Bajonett.

In diesem Unglück kamen den Armeniersöhnen mehrere Glücksfälle zu Hilfe. Als sie sahen, daß die Türken die Verwundeten mit Bajonettstichen durchsiebten und mit ihren Soldatenstiefeln zertraten, breitete sich wieder die ganze Kälte und Wachheit ihres unentrinnbaren Schicksals über sie. Steif lagen sie hinter dem Schotter und zielten ruhig und tödlich wie sonst. Zeitgewinn! Die Türken hatten die letzte überschwengliche Sonne im Gesicht, sie aber im Rücken. Ein andres Glück im Unglück war die Verwirrung, die dadurch entstand, daß die Angreifer vor den Nachbarabschnitten, ihre eigenen Offiziere überrennend, den Posten verließen und siegestrunken auf die Bresche zuströmten. Daher verließen auch die Verteidiger ihre Gräben und drängten von rechts und links der Unheilstelle entgegen. Die Folge war ein Nahkampf und Durcheinander, in dem Freund und Feind (viele Armenier trugen ja erbeutete Türkenuniformen) unkenntlich durcheinandergeschüttelt wurde, überall dröhnte die Flut in das Loch. Es dauerte blutig lange, und viele, viele Männer mußten fallen, ehe die Gegner sich entmischten und es der Überzahl gelang, die Armenier gegen die Stadtmulde vor sich herzutreiben. Bis zur Sekunde genau reichte die Zeit hin, daß Bagradian mit der völlig erschöpften Garde das Allerletzte vom Lager noch abwenden konnte. Die Türken wurden zurückgedrängt, doch nur bis zu den eroberten Gräben, die sie fest in der Hand hielten.

Das größte Heil war aber die Nacht, und eine bewölkte, mondlose dazu, die jetzt rasch einbrach. Der Jüsbaschi konnte es nicht mehr wagen, noch einen, und zwar den entscheidenden Stoß zu führen. In der Finsternis waren die Armenier, die den Damlajik wie ihren eigenen Körper kannten, trotz ihrer vielen Toten gegen eine ganze Division im Vorteil. Der Kaimakam, durch die riesigen Verluste aufs tiefste verstört, wußte nicht recht, was er von diesem unausgenützten Sieg zu halten habe. Der Major versprach ihm hoch und heilig, er werde bis zur dritten Morgenstunde der Angelegenheit ein radikales Ende bereitet haben. Daraufhin entwickelte er in Kürze seinen neuen Kriegsplan. Bis auf kleine Scheinbesatzungen wurden die türkischen Truppen unauffällig von den Verteidigungsabschnitten zurückgezogen. Die ganze Streitmacht bezog auf der breiten Sohle der Steineichenschlucht das Nachtlager, um in der ersten Morgenfrühe bereit zu sein, aus dem eroberten Graben heraus, wie ein mächtiger Balken, das letzte unbedeutende Hindernis durchzustoßen.

Es ließ sich aber nicht verhindern, daß die bewaffneten Dorf-Moslems als die neuen Hausbesitzer, die sie ja waren, eine Nächtigung unter eigenem Dache dem Freilager vorzogen und die Truppen verließen.

 

Gegen sechs Uhr abends kam Pastor Aram Tomasian schweißbedeckt und aufgelöst in das Zelt der Frauen, stürzte drei Gläser Wasser hinunter und keuchte:

»Iskuhi, Howsannah! Macht euch bereit! Die Sache steht nicht gut. Ich werde euch rechtzeitig abholen. Wir müssen ein Versteck irgendwo unter den Felsen finden ... Jetzt gehe ich den Vater suchen ...«

Ohne zu Atem zu kommen, war Tomasian sofort wieder verschwunden. Iskuhi, die ihr Versprechen gehalten und sich tagsüber nicht aus dem Zelt gerührt hatte, half der jammernden Howsannah beim Aufstehen, so gut es ging, reichte dem Kind die Flasche mit der gewässerten Milch und zog dann noch mit ihrem rechten Arm die wenigen Gepäckstücke der Familie unter den Betten hervor. Plötzlich aber hielt sie mitten in der unvollendeten Arbeit inne und verließ Howsannah, ohne ein Wort zu sagen ...

Eine Stunde nach Sonnenuntergang. Der große, mit zertretenem Gras bedeckte Altarplatz der Stadtmulde. Die Führer hatten sich nicht in die Regierungsbaracke zurückgezogen, sondern saßen vor dem heiligen Gerüst auf der Erde. Das Volk hockte in gepreßter Stille dicht um sie gelagert. Die Laubhüttengassen waren ausgestorben. Manchmal kam das Aufjammern eines Schwerverwundeten vom Lazarettschuppen als einziger Laut herüber. Man hatte einen Teil der Toten des letzten Angriffs bergen können. Sie lagen auf der Holztenne des Tanzbodens nebeneinander, von Decken und Plachen nur unvollkommen verhüllt. Kein Licht, kein Feuer. Der Führerrat hatte jedes laute Wort verboten. Das Schweigen der Menge war so dicht, daß jeder das Geflüster der Gewählten leicht ausnehmen konnte. Ter Haigasun schien als einziger die Fassung bewahrt zu haben. Seine Stimme klang ruhig und bedächtig:

»Wir haben nur eine Nacht vor uns, das heißt, acht Stunden Finsternis ...«

Er wurde mißverstanden. Selbst Aram Tomasian, dessen Herz durch den Gedanken an Howsannah, Iskuhi und das Kind zerrissen war, erwog heute allerlei nervöse Pläne. Er sprach allen Ernstes davon, daß es vielleicht am besten wäre, das Lager zu räumen und in den Felsrissen, Kalkhöhlen und Grotten der Steilseite Schutz zu suchen. Diese Anregung aber fand nur wenig Parteigänger. Es zeigte sich, daß die Menschen unsinnigerweise zu ihrem neuen Wohnort Liebe gefaßt hatten und ihn bis zur letzten Möglichkeit verteidigen wollten. Man begann hin und her zu streiten. Mit leeren Phantastereien drohte von den wenigen Stunden der Finsternis Minute um Minute fruchtlos abzubröckeln. Aus der ringsum gelagerten Volksmenge drangen dann und wann unterdrückte Frauenschreie und krampfhaftes Aufschluchzen. Dieser Tag hatte den Tod über mehr als hundert Familien gebracht, wenn man die Verwundeten mit einrechnete, die den Türken in die Hände gefallen waren. Auch wußte niemand, wie viele Schwerverletzte noch draußen in den Stellungen lagen, die bisher noch nicht ins Lager hatten gebracht werden können. Die schwere Nacht drückte wie eine niedrige Zimmerdecke auf den Musa Dagh. Als das Geflüster immer leerer und wirrer rann, wurde Gabriel Bagradian von Ter Haigasuns Stimme gewichtig getroffen:

»Es bleibt uns nur mehr diese einzige Nacht, Bagradian Effendi! Müssen wir diese Nacht, diese acht kurzen Stunden nicht ausnützen?«

Gabriel hatte sich, die Arme unterm Kopf, zurückgelegt und starrte in das schwarze Oben. Er konnte sich gegen den Schlaf kaum wehren. Alles versank. Sinnlose Worte plätscherten an sein Ohr. Ihm fehlte in dieser Sekunde die Energie, dem Priester auch nur eine Antwort zu geben. Er murmelte etwas Unverständliches in sich hinein. Da fühlte er auf einmal eine kleine eiskalte Hand, die sein Gesicht abtastete. Es war so finster, daß er Iskuhi nicht sehen konnte. Sie hatte ihn nach langer Irrfahrt von Stellung zu Stellung endlich gefunden. Nun setzte sie sich, als sei das selbstverständlich, mitten in den Kreis der Führer an seine Seite. Nicht einmal vor ihrem Bruder schien sie angesichts dieser einzigen und letzten Nacht Scham zu empfinden. Iskuhis kalte Hand wirkte auf Gabriel weckend und belebend wie frisches Wasser. Die Erstarrung begann von ihm zu weichen, sein Denken wieder zu keimen. Er setzte sich auf und nahm ihre Hand in die seine, ohne dessen zu achten, ob in der Finsternis jemand diese Zärtlichkeit bemerkte oder nicht. Iskuhis Hand schien ihn aus der stolprigen Wirrnis seiner Ermattung zu sich selbst zurückzuführen. Er atmete tief. Sein Zwerchfell straffte sich. Ein körperlicher Frohmut regte sich, wie ihn ein Durstiger empfindet, der sich satt getrunken hat. Der Führerrat verstummte plötzlich. Fremde Stimmen nahten. Alles sprang erschrocken auf die Beine. Türken? Mehrere Blendlaternen schwankten. Es war eine Abordnung der Komitatschis, die zurückkehrte. Sie wollten Befehl für morgen entgegennehmen. Die Komitatschis meldeten, daß von ihnen nur ein Mann gefallen und zwei gefangen worden seien und daß sie ihre Posten nach wie vor besetzt hielten. Zugleich berichteten sie, daß die türkischen Kompanien bis auf kleine Reserven die meisten Höhenabschnitte heimlich räumten, um in der Steineichenschlucht zusammenzuströmen. Die Verbindung zwischen dem eroberten Graben und der Hauptmacht werde durch Postenketten und Patrouillen aufrechterhalten. Die Absicht sei sonnenklar.

»Wir werden diese Nacht benützen, Ter Haigasun«, rief Gabriel so laut, daß die ganze Menge es hören konnte. Im selben Augenblick schien auch die Lähmung der anderen Führer überwunden zu sein. Alle Köpfe durchblitzte der gleiche Gedanke, ehe Bagradian noch ein Wort gesagt hatte. Nur ein gewaltiger Überfall auf das türkische Nachtlager konnte den Untergang abwenden. Doch um den Überfall zu vollbringen, reichten die erschöpften Kämpfer dieses endlosen Bluttages nicht hin. Das ganze Volk, Frauen und Kinder mußten in irgendeiner Weise teilnehmen und mit der körperlichen Wucht von Tausenden dem Handstreich Nachdruck verleihen. Alles redete jetzt mit lauter Stimme durcheinander. Jeder Muchtar und Lehrer suchte seinen Vorschlag anzubringen, bis Gabriel mit scharfer Stimme Ruhe gebot. Man dürfe über diese Frage nicht laut verhandeln. Es sei nicht unmöglich, daß sich türkische Spione ins Lager geschlichen hätten. Gabriel Bagradian sandte Nurhan Elleon in seinen Abschnitt zurück, damit er von den zwanzig Zehnerschaften, die ihn besetzt hielten und die durch die Kämpfe verhältnismäßig wenig gelitten hatten, hundertfünfzig Krieger in tiefer Stille heranführe. Der Rest konnte und mußte genügen, um die dortigen Gräben und Felsbarrikaden im Falle eines Gegenangriffes zu behaupten. Desgleichen hatten die Südbastion und die Abschnitte des Bergrandes insgesamt zwanzig Zehnerschaften zu stellen, die auch wirklich im Laufe von zwei Stunden sich lautlos auf dem Altarplatz versammelten. Mit den Komitatschis und seiner fliegenden Garde brachte Bagradian eine Macht von mehr als fünfhundert Männern zusammen. Alle Bewegungen kosteten sehr viel Zeit, da nicht das leiseste Geräusch gemacht und kein Befehlswort gesprochen werden durfte, sondern nur das Notwendigste in knappen Silben geflüstert wurde. In der dichten Finsternis war es sehr schwer, die Einteilungen zu treffen. Nur die Kenntnis jedes einzelnen Mannes ermöglichte es Bagradian, in dem stumpfen und müden Haufen die beiden Gruppen zu organisieren. Die erste, größere wurde der Führung des Komitatschi-Häuptlings unterstellt. Nachdem sie etwas Proviant gefaßt und ihre Patronen ergänzt hatte – was in der Dunkelheit wiederum ein schwieriges und langwieriges Werk war –, zogen diese Männer ein Stück gegen Süden, um sich dann auf einem abgelegenen Wildpfad unendlich vorsichtig, mit traumhafter Schwerelosigkeit gleichsam, in Wald und Dickicht, über Lichtungen und Freihalden hinabzuschleichen und dem Türkenlager zu nähern. Nicht nur die schmiegsame Ortsvertrautheit kam ihnen zu Hilfe, sondern auch die Lagerfeuer der Kompanien, die der Jüsbaschi am Rande der Steineichenschlucht hatte anzünden lassen. Diese Feuer wurden auf kahlen oder felsigen Stellen unterhalten, weil sonst, obgleich die große Schlucht selbst dumpfig und feucht war, durch die Trockenheit des Waldwuchses leicht ein Brand hätte entstehen können. Trotz der Lagerfeuer aber gelang es den Komitatschiführern, die ganze ellipsenförmige Schlucht einzukreisen. In den Baumkronen saßen die erstarrten Armeniersöhne, hinter den dichten Arbutusbüschen lagen sie versteckt, da und dort schmiegten sie sich auch ohne rechte Deckung zwischen knorrige Wurzeln. Mit unbewegten Augen beobachteten sie das Lager, das allmählich zur Ruhe kam. Sie hielten ihre Gewehre in Bereitschaft, obgleich es noch mehr als eine Stunde dauern konnte, bis der Feuerüberfall oben auf dem Berg ihnen das Zeichen gab. Bagradian hatte Tschausch Nurhan Elleon beauftragt, mit der anderen Gruppe, die aus hundertundfünfzig Kämpfern bestand, diesen Überfall auf den verlorenen Abschnitt auszuführen. Nurhan schob seine Leute aus den Steinschanzen vor und an den Hauptgraben mit den Flankensicherungen heran. Nicht nur die Finsternis, auch ein wohlwollend singender Wind deckte diese kriechende und huschende Bewegung derart vollständig, daß die Armenier die Gräben von beiden Seiten ein Stück überholen konnten und sie somit umfaßt hielten. Ein besonderer Umstand begünstigte sie dabei. Die türkische Besatzung, eine der stark hergenommenen Kompanien, hatte unsinnigerweise ein paar Karbidlampen angezündet, die mit ihrem scharfen Licht die Soldaten grell erleuchteten, während es die Umgebung in tiefstes Dunkel tauchte. Die Armeniersöhne konnten auch hier in einer schier unendlichen Spanne und Ruhe das überdeutliche Ziel suchen. Es war, als ob niemand atme. Kein Glied rührte sich. Jedes Leben schien im stollenlosen Bergwerk dieser Nacht verschüttet zu sein.

Wo der Saumpfad zwischen eingestürzten Mauern den Vorberg verläßt, um in die breite Rinne der Schlucht aufzusteigen, standen der Kaimakam und der Major am unteren Rande des Truppenlagers. Ein paar Soldaten mit Laternen und Fackeln warteten abseits, um ihnen zu leuchten. Der Jüsbaschi betrachtete seine sehr moderne Armbanduhr, die ein leuchtendes Zifferblatt besaß:

»Höchste Zeit! ... Ich werde nämlich schon eine Stunde vor Sonnenaufgang wecken lassen.«

Der Kaimakam schien um das körperliche Wohl des Majors sehr besorgt zu sein:

»Wollen Sie nicht lieber die Nacht in unserem Quartier verbringen, Jüsbaschi? Sie haben einen schweren Tag hinter sich. Das Bett wird Ihnen wohltun.«

»Nein, nein! Ich habe zum Schlafen keine Ruhe.«

Der Kaimakam empfahl sich, ging, von den Laternenträgern gefolgt, zwei Schritte hinab, kehrte wieder zurück:

»Nehmen Sie mir die Frage nicht übel, Jüsbaschi. Kann ich sicher sein, daß in den nächsten Stunden nichts Unerwartetes geschieht?«

Der Major, der dem Kaimakam nicht entgegengegangen, sondern nur mit halbgewendetem Kopf stehengeblieben war, unterdrückte ein gehässiges Wort. Unerträglich waren diese Einmischungen des Zivilisten. Mit tadelnder Betonung erklärte er:

»Ich habe selbstverständlich alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Obwohl meine armen Leute ihre Ruhe brauchen, sind sehr starke Postenketten ausgestellt. Sie hätten sich nicht zurückbemühen müssen, Kaimakam! Denn ich habe mich schon vorhin entschlossen, auch noch Patrouillen auszusenden, um die Umgebung unseres Nächtigungsplatzes abzusuchen ...«

Es geschah nach diesen Worten des Jüsbaschi. Diese Patrouillen aber, zu Tod ermattete Unteroffiziere und Soldaten, stolperten halb bewußtlos an den starren Armeniersöhnen vorbei, deren Augen aus dem Eichenlaub katzenhaft glommen. Sie rückten nach kurzer Zeit wieder ein und meldeten dem diensthabenden Offizier, das Gelände ringsum sei frei und alles in bester Ordnung.

 

Gabriel Bagradian warf das brennende Zündhölzchen fort, mit dem er sich eine Zigarette angezündet hatte. Das Flämmchen leckte auf der Erde weiter und brannte eine kleine Grasmulde aus. Iskuhi, die sich nicht von Gabriels Seite rührte, zertrat das gierige Feuer. »Wie trocken ist alles«, sagte sie. Das Zündhölzchen entfachte in Gabriel den verwegenen Gedanken. Er stand eine Weile verloren da. Der Einfall war zweischneidig. Er konnte dem eigenen Volke ebensoviel Schaden bringen wie dem Feinde. Bagradian prüfte mit seinem Taschentuch als Fahne die Richtung des zeitweilig kräftigen Windes. Westwind, Meerwind, der die Zweige talabwärts schüttelte. Die Entscheidung konnte weder der Führerrat noch auch Gabriel allein treffen. Ter Haigasun, das Oberhaupt des Volkes, sollte ja oder nein sagen. Nach einer schweigenserfüllten Minute sagte Ter Haigasun: »Ja!«

Unterdessen hatte schon die gesamte Kriegerschaft Altarplatz und Stadtmulde verlassen. Atemlos warteten die beiden Überfallsgruppen des Signals. Zwischen dem umlauerten Graben und den Steinschanzen lag noch eine Linie der restlichen Zehnerschaften, hinter den Steinschanzen die ganze Masse der Volksreserve. Dies aber war noch nicht alles. Es muß leider verraten werden, daß Stephan, der seiner Mutter längst wieder durchgebrannt war, sich trotz der unabwendbar nahen Katastrophe in einer äußerst gehobenen Stimmung befand. Das Schleichen und Flüstern im Finsteren, die dichte Nähe so vieler angstgeprägter Körper, das jähe Aufblitzen und Verlöschen wandernder Blendlaternen und hundert Abenteuerlichkeiten mehr wirkten auf Stephans gereizte Nerven wie die Bestätigung einer lustvollen Traumwelt. Dazu kam noch der ganz sonderbare Befehl, den die Jugendkohorte erhielt, und der Stolz, als letzte Brustwehr des Lagervolkes an dem vorläufig noch dunklen Plane teilnehmen zu dürfen. Man wird demnach verstehen, daß sich Stephans und seiner Kameraden Übermüdung in einen erwartungsvollen Rausch verwandelte.

Der ganz sonderbare Befehl aber bezog sich auf das Petroleum. Alle Petroleumfässer nämlich, die sich auf dem Damlajik befanden, darunter auch die beiden der Familie Bagradian, wurden ohne jede weitere Erklärung auf den Altarplatz gewälzt, und ebenso alles, was bei den erloschenen Feuerstellen an Ästen, Prügeln und Knütteln aufgestapelt war, eiligst herangetragen. Zuerst mußten die Buben, dann die alten Leute, die Frauen und Kinder bis hinab zu neun Jahren sich aus den Holzstößen einen möglichst starken und schlanken Stock holen. Die Lehrer und Samuel Awakian, welche diese Verteilung leiteten, konnten nur mühsam den Ausbruch von Streit und Geschrei verhindern. Sie schlugen mit den Fäusten zu und zischten: »Ruhe, ihr dummen Teufel!« Nicht anders verhielt es sich dann bei den Petroleumfässern. Die Äste mußten in die dicke Flüssigkeit bis zur Mitte getaucht und gequirlt werden. Es waren ihrer dreitausend mindestens. Dies kostete sehr lange Zeit. Noch immer drängten sich die Leute um die Fässer, als schon der lange Signalpfiff aufgellte und das Überfallsfeuer auf die von den Türken eroberten Gräben einblitzte. Hundertfach antwortete sogleich das hohle Gepolter aus der Schlucht, und ein unaufhörlicher schlaftrunkener Schreckensschrei mischte sich darein, der kaum mehr menschlich heiser war.

Gabriel Bagradian stand auf einer kleinen Felserhöhung zwischen der Linie und den Steinschanzen. Während des jäh aufknatternden Kampftumults, der sich von jedem andern Angriffslärm bisher vollkommen unterschied, hatte der Befehlshaber in einer Art traumgespannter Versunkenheit kein Wort zu den Leuten gesprochen, die hinter ihm warteten. Einige Minuten vergingen. Die nahen Schüsse krachten dünner. Gabriel konnte es kaum fassen, daß dieser erste Akt des Überfalls so schnell gelungen sein sollte. Doch Tschausch Nurhan gab schon das verabredete Zeichen: Einige leidenschaftliche Licht-Achter mit der Blendlaterne. Der Graben war wieder in den Händen der Verteidiger, die ihn, bei der Verfolgung des Feindes, bergabwärts überrannten. Ein Teil der türkischen Infanteristen verirrte sich in der Finsternis und fiel den nachdrängenden Zehnerschaften in die Hand. Ein andrer Teil lief, stolperte, stürzte der brüllenden Schlucht entgegen und wurde von den Verfolgern durch Bajonettstiche und Kolbenhiebe niedergeworfen. Gabriel Bagradian schickte Awakian zurück zur Reserve: »Fertig und vor!« Er wartete, bis das Gescharre und Geflüster der Menge seinem Standort sich näherte, dann lief er vor und stellte sich an die Spitze. Langsam drangen sie über den Bergrand, durch das dichte Unterholz, an Gefallenen vorbei gegen die tobende Waldschlucht hinab.

Dort ging es wie bei einer Treibjagd zu. Zwar versuchten die Tapfersten unter den Offizieren, Onbaschis und Soldaten sich immer wieder den Reisigbränden an der Lagergrenze zu nähern und sie zu zerstören, doch sie zerstörten damit nur ihr eigenes Leben. Der geschlossene Kreis des Komitatschifeuers jagte alles in die Mitte der Schluchtsohle zusammen. Offiziere schrien widersinnige Befehle durcheinander. Keiner hörte auf sie. Infanteristen und Saptiehs suchten brüllend ihre Gewehre, doch wenn sie diese fanden, konnten sie mit ihnen nichts anfangen. Jeder Schuß hätte nur den Kameraden und Bruder getötet. Viele warfen die Waffen fort, denn sie hinderten sie beim Springen und Rennen in dieser dornig-tückischen Weglosigkeit. Selbst das innere Leben des Armenierberges schien an der grausamen Vernichtung teilzunehmen. Das Dickicht wucherte gehässig hoch und höher. Die Bäume blähten sich listig auf. Peitschende Gerten und Schlingpflanzen ringelten sich um die Söhne des Propheten und brachten sie zu Fall. Wer gefallen war, blieb liegen. Der Todesgleichmut seiner Rasse überkam ihn, und er wühlte seinen Kopf in das stachlige Nest. Der Jüsbaschi hatte mit unerschrockener Energie und flachen Säbelhieben einen Haufen der völlig verwirrten Infanteristen zusammengetrieben. Als die Offiziere, Chargen und alten Soldaten in den schwachen Atemzügen der Lagerfeuer ihren Führer erkannten, stießen sie hinzu. Ein Kern des Widerstands oder besser eines neuen Angriffs begann sich zu bilden. Der Major, mit dem Säbel auf die Höhe weisend, röhrte: »Vorwärts!« und »Mir nach!« Seltsam erregt sah er seine Armbanduhr phosphoreszieren. Plötzlich fielen ihm die Worte ein, die er zum Kaimakam gesprochen hatte: »Ich will nicht weiterleben, wenn das armenische Lager nicht bis zum Abend liquidiert ist.« Und wirklich, er wollte nicht weiterleben in diesem Augenblick. »Mir nach!« keuchte er immer wieder. Er fühlte die Willenskraft in sich, als einzelner Mann die Katastrophe in einen Durchbruch zu verwandeln. Sein Beispiel wirkte. Und auch der Wunsch, der Hölle dieses Waldes zu entkommen, riß die Soldaten voran. Sie krochen aus den Verstecken ihrer Apathie und folgten schreiend dem Kommandanten. Unversehrt erreichten sie den oberen Ausgang der Schlucht. Mit jagendem Herzen, völlig entkräftet und ohne Wirklichkeitsbewußtsein mehr schwankten sie den Berghang empor, in das Licht der Blendlaternen und das Feuer der Zehnerschaften hinein, das sie empfing. Wie leblose Körper wurden sie hinabgeworfen. Der Jüsbaschi merkte vorerst seine Wunde gar nicht. Er staunte nur darüber, sich plötzlich ganz verlassen zu finden. Dann wurde ihm der rechte Arm schwer. Als er Blut und Schmerz fühlte, war er zufrieden, ja fast glücklich. Nun erschien ihm seine Schande und sein Schaden weit geringer. Er schleppte sich still und mit geschlossenen Augen zurück. Irgendwo zusammenfallen, hoffte er, und nichts mehr wissen.

Als der Kampflärm vom wiedereroberten Graben sich abwärts verzog, war damit auch das Signal für die Stadtmulde gegeben. Ein Feuerzeug flammte auf. Eine der petroleumgetränkten Fackeln begann knisternd zu brennen, und innerhalb der nächsten Minuten entzündeten sich an der ersten Tausende von anderen Fackeln. Die meisten Lagerbewohner waren dem Beispiel Haiks, Stephans und der übrigen Knaben gefolgt, die, in jeder Hand einen dieser Brände, sich jetzt in langer Front in Bewegung setzten. Eine solche Lichtprozession hatte diese Erde noch nicht gesehn. Jedermann, der die prasselnde Fackel vor sich hertrug, erschauerte unter der unbegreiflichen Heiligkeit, die sich in seinem Innern verbreitete. Dieses Licht war nicht mehr wie die einzelne Flamme eine Verschärfung der unendlichen Nacht, sondern als Lichtfeuer eines ganzen Volkes legte es in die Finsternis des Raumes eine glorreiche Bresche. Feierlich langsam drangen die langen Reihen und Haufen vor, als sei ihr Ziel kein Kampfort, sondern eine Stätte des Gebetes.

Unten in den Dörfern, in Yoghonoluk, Bitias, in Habibli, Azir, in Wakef und Kheder Beg, ja selbst weit im Norden in Kebussije, dem Immendorf, schlief keiner von den Nutznießern der Landabnahme. Als das wilde Knattern des Überfalls die Ortschaften erreichte, hatten die wehrhaften Männer sogleich nach den Flinten gegriffen, sich aufgemacht und hielten nun den Vorberg besetzt, ohne sich freilich in die Nähe der Schlucht zu wagen. Die Frauen aber standen in den Gärten und auf den Hausdächern, um mit ängstlicher Gier das Wutgebell der Schüsse zu belauschen. Da sahen sie auf einmal, daß die Sonne um ein Uhr nachts hinter dem Damlajik aufging. Scharf trat die schwarze Kammlinie hervor, hinter der es rosenhaft zart erglomm. Diese himmlische Erscheinung, dieses Zeichen und Wunder sondergleichen warf die glaubensbereiten Weiber nieder wie die Ankunft des Jüngsten Gerichts. Und als dann, ein wenig später, der Bergrand selbst zu glosen und zu lodern begann, da war's für eine natürliche Erklärung zu spät. Jesus Christus, der Prophet der Ungläubigen, hatte die Sonne seiner Macht hinter dem Berge aufgehen lassen, und die armenischen Dschinns des Musa Dagh schützten im Bunde mit den Kirchenheiligen Petrus, Paulus, Thomas und vielen anderen ihr Volk. Die alte Theorie von den Übermächten, die den Armeniersöhnen beistanden, fand in dieser Stunde die stärkste Bestätigung. Doch nicht nur die unbelehrten Weiber waren von ihr erfüllt. Auch die Mollahs, die im Glockenturm und auf dem Rundgang der Kirchenkuppel von Yoghonoluk dieses Wunder beobachteten, verließen fluchtartig das moscheegewordene Weihtum »Zu den wachsenden Engelmächten«.

Weniger wunderbar, doch noch weit furchtbarer wirkte die unaufhaltsame Fackelmauer auf die türkischen Soldaten, die sich noch auf den Berghängen befanden. Der Eindruck einer unfaßlichen Überzahl ging von ihr aus, als habe sich die gesamte armenische Nation zu dieser Stunde und an diesem Ort vereinigt, alle Verschickungstransporte des Reiches, um das ungeheure Grauen an einem Häuflein des Staatsvolkes mit Kugeln und Feuerbränden zu rächen. Die kleinen türkischen Besatzungen, die vor den Verteidigungsabschnitten lagerten, rasten den Berg hinunter. Kein Offizier konnte sie aufhalten. Was in dem Bann der Steineichenschlucht noch lebte, hatte sich, der Kugeln nicht mehr achthabend, durchs Dickicht geschlagen und den Vorberg erreicht. Die Armeniersöhne waren nicht stark genug, den Eingang der Schlucht völlig abzuriegeln. Einige ehrenwerte tapfere Offiziere und Soldaten, die ihren Jüsbaschi vermißten, hatten sich noch einmal zurückgewagt und den Verwundeten, der bewußtlos am Waldrand lag, geborgen und knapp vor der Gefangennahme gerettet. Sie trugen ihn in die Villa Bagradian, das Hauptquartier. Während dieses schmerzhaften Weges erwachte der Major. Einige schwere Atemzüge. Er wußte, daß alles verloren war, daß die Christen seine Heeresmacht vollständig aufgerieben hatten, daß es für ihn keine Rehabilitierung und Rückkehr gab. Aufrichtig fluchte er dem Geschoß, das nur seinen rechten Arm zerschmettert und keine gründlichere Arbeit geleistet hatte. Er wünschte sich eines nur, wieder bewußtlos zu werden. Dieser Wunsch aber blieb ihm nicht nur versagt, sondern die klarste und kälteste Beurteilung des Geschehenen arbeitete in ihm unerbittlich.

Die Prozession des Feuers hatte keinen Feind mehr vor der Brust. Langsam näherten sich die brennenden Reihen der Steineichenschlucht und ihren Nachbarwäldern. Auf halber Höhe des Berges etwa ließ Ter Haigasun die langen Linien halten und gab den Befehl (der von einem Ende zum anderen lief), die lodernden Fackelstümpfe ins Unterholz zu werfen und eilig zurückzukehren. Die Flammenstöcke versanken im auf qualmenden Wildwuchs. Nach wenigen Minuten schon gab es allenthalben einen endlos fortknatternden Knall, als ob der ganze Damlajik explodieren wollte. An vielen Stellen schoß die Lohe des Waldbrands hoch. Wehe, wenn sich der Wind in den nächsten Stunden und Tagen wendete! Die Stadtmulde, die ja dem Bergrand zunächst lag, wäre den wehenden Funken und Feuerzungen ausgesetzt gewesen. Ein Glück, daß Gabriel Bagradian vor den Abschnitten ein ausgeholztes Glacis geschaffen hatte! Der Waldbrand breitete sich mit derartiger Geschwindigkeit, ja Gleichzeitigkeit über der sommertrockenen Brust des Damlajik aus, daß es nicht irdisches Feuer und irdischen Feuers Nahrung zu sein schien, was da in tobenden Flammen stand. Den Komitatschis und Zehnerschaften tiefer unten blieb kaum Zeit, die Beute des Überfalls sicherzustellen, mehr als zweihundert Mausergewehre, Munition in Hülle und Fülle, zwei Kochkisten, fünf Lastesel mit Proviant, Zeltbahnen, Decken, Laternen und reiches Material sonst.

Als die wirkliche Sonne aufging, lag über dem Damlajik ein steinerner Schlaf. Die Kämpfer schliefen, wo sie hingefallen waren. Die wenigsten nur hatten die Kraft gehabt, sich bis zu ihren Decken zu schleppen. Die Knaben schliefen in Knäueln auf der nackten Erde. In den Hütten der Stadtmulde hatten sich die Frauen auf die Matten hingeworfen, zerrauft und ungewaschen, wie sie waren, ohne sich um ihre kleinen Kinder zu kümmern, die hungrig greinten. Bagradian schlief, und die Führer schliefen alle. Selbst Ter Haigasun hatte nicht mehr die Kraft besessen, die Dankmesse zu vollenden. Gegen Schluß der heiligen Handlung war er, von unabwendbarer Erschöpfung überwältigt, wie ein Trunkener zusammengesunken. Die Muchtars schliefen, ohne unter den Schafherden das Schlachtvieh auszuwählen. Die Metzger schliefen und die Melkerinnen. Keiner ging an sein Tagewerk. Die Feuerstellen auf dem Küchenplatz wurden nicht angeheizt, Wasser wurde von den Quellen nicht zugetragen. Niemand sorgte für die vielen Verwundeten, die noch in den Stellungen schmachteten oder sich im Laufe der Stunden zum Lazarettschuppen geschleppt hatten. Was sich in dem kühlen Wort »Verwundeter« so bildlos summarisch ausnimmt, dort lag es im weiten Umkreis in seiner ganzen schauerlichen Wirklichkeit: Gesichter ohne Nasen und Augen, Kinnladen wie blutiger Brei, von Dumdumgeschossen zermörserte Leiber, ächzende Menschen mit Bauchschüssen, die vor Durst vergingen. Und all diesen Elenden konnte nicht Bedros Hekim, sondern nur der Tod helfen. Doch ehe er sich über diesen oder jenen gnädig beugte, half auch ihnen eine narkotische Fieberbenommenheit über die langsamen Stunden hinweg.

Im Tal unten schliefen die Kompaniesoldaten, die Saptiehs, die Tschettehs, soweit sie dem Gemetzel entkommen waren. Die Offiziere der Truppen schliefen in den Zimmern der Villa Bagradian. Das erste Opfer des gestrigen Tages, den Kolagasi aus Aleppo, hatte man vor vielen Stunden schon mit einem Sanitätswagen nach Antakje gebracht. Jetzt schlief ein neuer Verwundeter, der Jüsbaschi, in Stephans Bett. Auch den Kaimakam in Juliettens Zimmer hatte der Schlaf niedergeworfen. Er war mit einem Bericht an den Wali von Aleppo beschäftigt gewesen, als er sich nicht länger mehr aufrecht halten konnte. Hinter der Blende dieses Schlafes jedoch arbeitete sein Bewußtsein und sein Gewissen mit nackterer Grausamkeit weiter als in dem eitlen Faltenwurf des Wachseins. Er hatte soeben den schwersten Mißerfolg seiner Laufbahn erlebt. In jedem Mißerfolg aber liegt ein Element der Gnade, weil er die ganze Lächerlichkeit menschlicher Wert-Anmaßungen grinsend entlarvt. Der Kaimakam, hoher Beamter, angesehenes Ittihad-Mitglied, hochmütiger Erz-Osmane, von der Überlegenheit seiner Wehr- und Herrenrasse restlos durchdrungen, was hatte er erfahren müssen? Die Schwachen waren die Starken, und die Starken waren in Wahrheit ohne Wert; ja sie waren wertlos selbst in jenen heroischen Belangen, derentwegen sie die Schwachen verachteten. Die Schlaferkenntnisse des Kaimakams aber reichten noch tiefer. Bisher hatte er nicht ein einziges Mal daran gezweifelt, daß sich Enver und Talaat im vollen Recht befanden, ja mehr noch, daß sie der armenischen Millet gegenüber als geniale Staatsmänner handelten. Nun aber stieg ein wütender Zweifel an Enver Pascha und Talaat Bey im Bewußtsein des Kaimakams auf, denn der Mißerfolg ist auch der strengste Vater der Wahrheit. Hatten Menschen das Recht, einen weisen Plan auszuarbeiten, mittels dessen ein andres Volk ausgerottet werden sollte? Gab es überhaupt einen zureichenden Nützlichkeitsgrund für einen solchen Plan, wie der Kaimakam hundertmal behauptet hatte? Wer entscheidet, ob ein Volk besser oder schlechter sei als das andre? Menschen können das gewiß nicht entscheiden. Und Gott hatte heute auf dem Damlajik eine sehr eindeutige Entscheidung gefällt. Der Kaimakam sah sich in gewissen Situationen, die ihn um seiner selbst willen nicht wenig rührten. Er schrieb an Seine Exzellenz, den Wali von Aleppo, ein Abschiedsgesuch und zerstörte freiwillig den ganzen Aufbau seines Lebens. Er bot den Armeniern in Person Gabriel Bagradians, der sich in einen Bademantel hüllte, Frieden und Freundschaft an. Er trat im Zentralausschuß von Ittihad für sofortige Rückbeförderung der armenischen Transporte ein und setzte eine allgemeine Steuer durch, um das Unrecht gutzumachen. Auf dieser ethischen Höhe jedoch vermochte sich seine Seele nur während des tiefsten Tiefschlafes zu halten. Je dünner die Substanz seines Schlafs wurde, je mehr sich sein Zustand dem Taggewissen näherte, um so verschlagener wichen seine Gedanken solch kühnen Entschlüssen aus. Zuletzt hatten sie in geglättetem Schlummer einen recht gängigen Ausweg ersonnen: Es war völlig überflüssig, schuldbewußte Rapporte an die Zentralbehörden loszulassen. Der Kaimakam schlief bis Mittag.

Es schliefen die Toten, christliche und muselmanische, weithin verstreut im Gestrüpp der Eichenschlucht und in den Gehölzen der Berghänge. Die kostenden Zungen des riesigen Waldbrands näherten sich ihnen mit übermütiger Verspieltheit. Das Feuer schien diese Schläfer zu wecken, es hob sie von unten hoch, sie setzten sich schreckerstarrt auf, ehe ihre Leiber platzten und in dem reinigenden Scheiterhaufen versanken. Und von Stunde zu Stunde wuchs der Brand und breitete sich über den Damlajik aus, nordwärts und südwärts. Er verlor sich erst vor den nackten Steinhalden des Bergsturzes unterhalb der Südbastion und in einer felsigen Einbuchtung, die den Nordsattel vor ihm schützte. Der grüne Reichtum der quellgesegneten Alpe, dieses Wunder der syrischen Küste, triumphierte noch einmal mit lodernden Fahnen, tagelang, ehe von allem nur ein gewaltiges Hindernisfeld von kohlender Glut zurückblieb. So umpanzerte der Musa Dagh mit Flammen und rotglosenden Trümmern seine todesmatten Kinder, die im Abgrund ihres Schlafes nicht wußten, daß sie nun für längere Zeit vor den Angriffen ihrer Verfolger gefeit waren. Keiner von ihnen ahnte, daß eine freundliche Windmacht die Gefahr hilfreich von der Stadtmulde abwandte und alle Funken und Flammenfetzen bergabwärts peitschte. Die Zehnerschaften und das Volk schliefen bis in den späten Nachmittag hinein, dann erst verfügte der Führerrat, daß die gefährdeten Punkte des Bergrandes völlig von Holz und Laub befreit werden müßten. Eine neue gewaltige Arbeit begann damit.

Alle hatten den Tag verschlafen, nur eine einzige nicht. Sie saß in ihrem Zelte regungslos auf dem Bett. Doch es half ihr nichts, wie klein sie sich auch in dem dröhnenden Gehäuse ihrer unaussprechlichen Fremdheit und ihrer unentrinnbaren Schuld machte.

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