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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 9
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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8.

Dem Ziele nahe.

Pustend und schnaubend sauste der Pacificzug durch die Fluren des Südens von Nordamerika, mit Windeseile an den goldigen Feldern vorüberfliegend, dann in den Schatten der Urwälder einlaufend und dann wieder über Präirien mit verbranntem Graswuchs jagend. Scheu hob der wilde Indianer den mit Federn geschmückten Kopf über das hohe Gras und schüttelte drohend den Tomahawk dem dampf- und feuerspeienden Ungetüm nach.

Immer weiter drangen die eisernen Schlangen, die Eisenbahnschienen in das Gebiet des roten Mannes hinein, und wo der Dampfwagen erschien, da mußte jener seinen Wigwam abbrechen und mit Weib und Kind auswandern, denn das Wild konnte die lärmende Erfindung der Kultur nicht vertragen. Es floh vor dem unheimlichen Zischen und Heulen, und wohin es sich wendete, dahin nahm auch der Indianer seinen Weg, denn seine Existenz hängt von dem Wildreichtum ab.

Einige Herden blieben wohl noch in der Nähe der Schienenstränge, weil sie sich nach und nach daran gewöhnt hatten, denn schon stießen sie überall auf solche, aber der Indianer konnte sich nicht mehr sättigen, er mußte häufig den großen Geist um fette Büffel bitten, und dazu kam noch, daß aus den Waggons oft genug weiße Männer mit langen Büchsen stiegen, welche unter den den Indianern gehörenden Herden fürchterliche Metzeleien anrichteten, nur um ihre Jagdlust zu befriedigen.

Durch Nordamerika geht nicht mehr nur eine einzige Pacificbahn, es existieren jetzt vier, sie durchkreuzen den Erdteil von Osten nach Westen, von Norden nach Süden, nichts gibt es, was den Bau der Eisenbahnen zu hindern vermocht hat. Der Ingenieur der Gegenwart weiß jedes Hindernis zu beseitigen.

Er lacht und spricht:
Geht dieses nicht,
So geht doch das!

Er überbrückt die Flüsse und die Meere ... und nirgends bewies er dies so, wie bei dem Bau der Pacificbahn von Nordamerika.

Bald führen himmelhohe, schwankende Brücken über schwindelnde Abhänge, bald bohrt die eiserne Schlange schier endlose Kanäle durch Gebirge, die Eisschollen der Ströme suchen vergebens mit donnerndem Anprall die soliden Steinsäulen zu zerstören, auf denen die mächtigen Bogen liegen – sicher rast der Zug darüber, und hat dies dem Ingenieur besser gefallen, so führt gar ein Tunnel unter dem Strome durch, und der Passagier kann mit klopfendem Herzen das Getöse der zornigen Wogen über seinem Haupte vernehmen.

Die Pacificbahn kennt keinen Unterschied von Tag und Nacht; in rasender Geschwindigkeit jagt die Lokomotive dahin, gleichgültig, ob es hell oder dunkel ist, ob die Sonne scheint oder ob eisige Winterstürme das Blut des Personals erstarren machen. Mit ihrem cowcatcher, zu deutsch Kuhfänger, einer vor der Lokomotive angebrachten Vorrichtung, wirft sie alles rücksichtslos beiseite, was ihr in den Weg kommt, meist Kühe und Ochsen, welche in ihrer Dummheit dem Ungetüm blind entgegenrennen. Ganze Herden von Schafen werden oftmals von ihr vernichtet, aber früher kam es auch vor, daß ein Indianer, der in dem feuerspeienden Ungeheuer den Verderber seines Volkes sah, ihm mit geschwungenem Tomahawk entgegensprang und als zerfetzter Leichnam zur Seite geschleudert wurde.

Die von der Lokomotive nachgeschleppten Wagen sind so eingerichtet, daß die Passagiere die Reise durch ganz Amerika machen können, ohne nötig zu haben, nur einmal auszusteigen. Nichts fehlt darin. Speiseräume, Schlafcoupés, Toiletten-, Rauch- und Spielzimmer – alles ist vorhanden.

Alles ist glänzend eingerichtet, und doch ist die Reise durchaus nicht kostspielig, und zwar rührt das von der Konkurrenz her, denn die einzelnen Pacificlinien suchen sich gegenseitig totzumachen.

Die beiden Herren, welche in einem eleganten Coupé erster Klasse im Pacificzug saßen, der von New-York über Philadelphia, Knoxville nach Tuscalosa fuhr und hundert Meilen hinter dieser Station direkt nach Westen abbog, hatten wenig Interesse für die reichen Naturszenerien, welche im raschen Wechsel an den Fenstern vorbeiflogen. Nur ab und zu ließen sie teilnahmlos das Auge darauf haften. Viel lieber blickten sie den blauen Wölkchen ihrer Zigaretten nach oder verkürzten sich die Zeit durch geschäftliche Gespräche.

Es waren Yankees, also keine für die Natur begeisterten Menschen – sie konnten höchstens für Geld schwärmen und dachten bei Ansicht eines Waldes nur an den Gewinn, den man aus dem Verkauf dieser mächtigen Bäume ziehen konnte.

Am Morgen hatte der Zug Jackson verlassen, drei Stunden später in dem achtzig Meilen davon entfernten Vicksburg weniger als eine halbe Minute gehalten und hastete nun mit rasender Eile, nach Ueberschreitung des Mississippi, von den Indianern ›der Vater der Gewässer‹ genannt, dem Staat Louisiana zu.

»Hundertundzwanzig Meilen noch, und wir müssen den Red-River passieren,« sagte einer der Herren, zum Fenster hinaussehend.

Sie fuhren durch eine prärienartige Gegend.

Der andere Herr antwortete nichts, er gähnte laut auf. Das eben Gehörte war ihm ganz gleichgültig.

»Der Red-River mündet in den Mississippi,« fuhr der erste fort, »und ungefähr an der Mündung liegt Miß Petersens Besitzung.«

»Ah,« rief jetzt sein Gegenüber, sich interessiert aus seiner bequemen Stellung erhebend und ebenfalls durch das Fenster blickend. »Kommen wir an der Besitzung vorüber?«

»Nein, aber sehen Sie dort in der Ferne die dunkle Linie? Es ist der Waldgürtel, etwa zehn Meilen breit, welcher das Besitztum Miß Petersens begrenzt. Es liegt zu beiden Seiten des Red-River, ist ungefähr achtzig Meilen lang und fünfzig Meilen breit, hat also den Umfang von etwa viertausend Quadratmeilen.«

»Nicht möglich, Spurgeon,« rief der Herr und richtete sich mit einem Male stramm auf, »dann wird ja Flexan ein Mann, dessen Land dem manches Fürsten in Europa gleichkommt.«

»Allerdings, Kirkholm,« entgegnete der mit Spurgeon Angeredete gleichgültig. »Zwar ist nicht alles bebauter Boden, denn es gehört ein selbst für Amerika ganz ansehnlicher Wald dazu, in dem Indianer noch Hirsche jagen, und weite Prärien liegen dazwischen, aber auf diesen tummeln sich Herden von Pferden und Rindern in unglaublicher Anzahl, und alle tragen ein und dieselbe Brandmarke. Deren Wert allein ist einfach unschätzbar. Den Ertrag der Felder will ich gar nicht rechnen.«

Die beiden Männer sahen gedankenvoll vor sich hin. Spurgeon sowohl, wie Kirkholm gehörten bekanntlich zu jener Gruppe von Herren, welche sich beim Hazardspiel amüsierten, während ihr Freund Chalmers, der von Gott begnadete Redner und bibelfeste Mann, im Andachtsklub die jungen Mädchen erbaute.

»Ich weiß nicht,« begann Spurgeon nach einer Weile wieder, »mir gefällt das Vorgehen Flexans nicht.«

»In betreff der Vestalinnen?«

Spurgeon nickte.

»Warum nicht?« fragte Kirkholm.

»Mir wäre es tausendmal lieber gewesen, wenn Flexan die Weiber spurlos hätte von der Erde verschwinden lassen, anstatt sie auf einer Insel auszusetzen. So einsam und verlassen diese auch liegen und so wenig ein anderes Schiff auch Grund haben mag, sie aufzusuchen, eine Rückkehr von dort ist doch immer möglich.«

»Zum Verschwindenlassen ist noch immer Zeit,« lachte sein Gefährte.

»Das gebe ich zu, aber warum hat er sie nicht sofort dem Meere überliefert, sondern nur den Schiffbruch der ›Vesta‹ und den Untergang der Besatzung ausgesprengt?«

»Flexan wird seine Gründe dazu haben.«

»Gut, welcher Art mögen aber dieselben sein?«

»Ich kenne sie nicht, aber ich ahne sie,« entgegnete Kirkholm.

»Flexan liebt Ellen Petersen und will erst versuchen, ob sie ihm willfährig ist. Geht sie auf seine Bedingungen ein, das heißt, ergibt sie sich ihm in Liebe, heiratet sie ihn, so setzt er sie auf freien Fuß, und beide kehren als Mann und Weib auf Miß Petersens Besitzung heim.«

»Und die anderen Mädchen? Sollen wir uns etwa wegen Flexans Liebe die endlich erjagte Beute aus den Zähnen rücken lassen?«

Kirkholm lachte höhnisch auf.

»Torheit! Die werden einfach nach Hause geschickt und auf dem Wege geht ihr Schiff unter und sie mit ihm, diesmal aber wirklich. Einer Dynamitgranate werden seine Planken wohl nicht widerstehen können.«

Spurgeon sann einen Augenblick mit einem teuflischen Gesichtsausdruck nach.

»Ich traue diesem Flexan aber doch nicht,« sagte er dann. »Er handelt mir überhaupt viel zu eigenmächtig. Er ist der einzige, welcher sein Recht auf die Plantage nicht mit falschen Papieren beweist, sondern dieselben durch die Heirat zu erlangen sucht, und im Falle dieses mißglückt, eine Erbin eingesetzt hat, Martha, glaube ich, heißt sie, welche Ellen liebt, und die wiederum ihn zum Erbantritt berechtigt, denn Martha ist Eduard Flexans rechtmäßiges Kind. Er kann sich darüber legitimieren.«

»Mein Gott, Spurgeon,« verteidigte Kirkholm Flexan, »wenn wir solche Mittel in der Hand hätten, würden wir doch auch nicht anders handeln! Eduard ist ja wirklich ein sehr naher Verwandter Ellens, und daß er die Erbschaft dereinst nicht bekommen würde, liegt ja nur daran, daß das eigensinnige Mädchen ihn nicht leiden kann. Solche Intrigen kommen doch heutzutage überall vor. Uebrigens hält er treu zu uns, und sollte er abfallen, so haben wir ihn in der Hand. Er ist der in unsere Geschichten am meisten verwickelte Mann, und die Entdeckung eines von uns angestifteten Verbrechens zieht auch Flexan mit ins Verderben. Es ist also unmöglich, daß er verräterisch handelt, und er ist ja gerade der gewesen, der am meisten dabei getan hat, nicht nur für sich, sondern auch in unserem Interesse. Das muß man ihm lassen, er ist unermüdlich tätig gewesen.«

Spurgeon mußte dem beistimmen.

»Auch gefällt mir nicht,« sagte er trotzdem, »daß Flexan gar zu unersättlich ist. Nun lockt er wieder die englischen Lords ins Innere von Südamerika, um sie dort vernichten zu lassen. Sollten wir nicht mit unserer Beute zufrieden sein, anstatt uns von neuem in Verwickelungen und Unannehmlichkeiten aller Art zu stürzen?«

»Das betreibt Flexan auf eigene Faust,« entgegnete Kirkholm. »Wir werden, wenn der Plan gelingt, was ich gar nicht bezweifle, keinen Anteil von der Beute bekommen. Die Sache ist nicht schlecht angelegt. Durch jene vorgebliche Miß Petersen werden die Herren immer weiter ins Innere gelockt und schließlich von den Eingeborenen vernichtet werden.«

»Dadurch zieht er aber immer neue Personen ins Spiel, die um seine Pläne wissen und die er erst wieder verderben muß, damit sie später nicht zu Verrätern werden.«

»Mit nichten,« lächelte Kirkholm, »sein Plan mag wohl bekannt sein, einigen wenigstens, aber nicht seine Person selbst, ebensowenig wie die unsrige, dafür hat Flexan, der schlaue Fuchs, schon gesorgt. Die Indianer werden nur aufgehetzt, die Engländer zu töten, und haben sie das aus Sucht nach Beute getan, so werden sie von der Regierung dafür aufgehängt. Das ist alles und für Flexan vollkommen ungefährlich.«

»Wenn Flexan nun aber Miß Petersen wieder als sein Weib auftauchen läßt, was wird dann aus der Doppelgängerin?« fragte Spurgeon zweifelnd.

»Sehr einfach,« lachte sein verbrecherischer Genosse, »dann verschwindet diese Person, oder Flexan läßt sie verschwinden, seine Macht befähigt ihn dazu.«

»Aha, und im anderen Falle verschwinden beide, desgleichen die Engländer, und Flexan beginnt wieder Testaments- und ähnliche Schwindeleien.«

»So ist es,« bestätigte Kirkholm.

»Ein gefährliches Spiel, viel gefährlicher, als das Vermögen der Vestalinnen zu erschleichen, denn sie sind alle ohne Ausnahme unabhängig, sie können über ihr Vermögen frei verfügen, diese englischen Lords aber nicht, sie haben noch Eltern.«

»Nicht alle, und wenn nur etwas abfällt, so ist schon viel dabei gewonnen.«

»Dann operiert also Flexan ebenso wie bei den Vestalinnen?« fragte Spurgeon.

»Gewiß. Er selbst setzt Erben unter der Bedingung ein, daß sie so und so viel jährlich abgeben. Verrat ist dabei nicht zu befürchten; die eingesetzten Erben dürfen nicht versuchen, mehr Ansprüche zu machen, sonst sind sie verloren, denn sie wissen nicht, wer sie zum Erben eingesetzt hat. Alles ist genau so, wie bei den Vestalinnen.«

»Hahaha,« lachte Spurgeon laut auf, »die Gesichter der Verwandten möchte ich sehen, wenn ihnen das Testament verkündet wird und sie hören müssen, daß sie nur mit einer kleinen Summe bedacht sind, während einer ihnen vollständig unbekannten Person die ganze Erbschaft zufällt, und wenn sie dann weiter wüßten, daß dieser Erbe gar nicht der eigentliche Besitzer ist, sondern sozusagen das Vermögen nur für einen anderen verwalten muß und dafür einen hübschen Gehalt erhält.«

»Ja, wir haben diesmal ein glückliches Los vom Schicksal gezogen. Verwandt sind wir acht Mann alle mit den Vestalinnen, das kann uns nicht streitig gemacht werden, und die Summe, welche wir jährlich von dem Erbe der übrigen vierzehn Damen erhalten, beträgt an sich schon jedesmal ein Vermögen, von dem es sich bequem leben ließe. Wir können uns dann an Reichtum mit dem Silberkönig messen.«

»Apropos, Kirkholm,« unterbrach ihn Spurgeon, »wie weit ist Flexan mit Hoffmann gekommen? Hat er schon eine Ahnung, mit welchen Erfindungen Hoffmann sein Schiff ausgerüstet hat? Flexan soll sich doch in den Besitz des Geheimnisses zu bringen suchen.«

Kirkholm zuckte mit den Achseln und sagte, seine aufgerauchte Zigarette zum Fenster hinauswerfend, kurz:

»Weiß nicht, Flexan läßt sich nicht in seine Karten blicken.«

Er wußte mehr von diesem Vorhaben, als er gestehen wollte, denn er selbst war dabei mit Flexan im Bunde.

Eben passierte der Zug einen Strom, einen Nebenfluß des Mississippi. Von der schwindelnden Höhe der stählernen Hängebrücke herab sah man einige Dampfboote den Fluß befahren, und obgleich die Schiffe Nußschalen glichen, war die Luft so klar, daß man selbst die Besatzung und die Passagiere darauf noch erkennen konnte, wenn sie auch nur sich bewegenden Punkten glichen.

Gedankenvoll blickte Kirkholm auf die Dampfer dort unten, dann wandte er sich mit einem Ausdruck des Abscheues in seinem bleichen Gesicht vom Fenster weg und sagte zu seinem Freunde:

»In der nächsten Zeit wird der Totenacker auf dem Meeresboden mit vielen bevölkert werden, und die Haifische werden sich mästen können.«

»Wieso?« fragte Spurgeon, über den eigentümlichen Ton des Sprechers erschrocken.

»Flexan wird dafür sorgen, daß wir keine Mitwisser haben, denn obgleich unsere Helfer uns gar nicht kennen, darf keiner von ihnen am Leben bleiben, es ist dies Flexans ernster Vorsatz.«

»Wie? So sollen alle jene, welche seit Jahren für uns gearbeitet haben, als Dank für ihre Mühe und Arbeit mit dem Tode belohnt werden? Es sind einige Hunderte!«

Selbst der hartgesottene Spurgeon schauderte bei diesem Gedanken, aber Kirkholm erwiderte gleichgültig:

»Was macht's? Sie waren in unseren Händen nur tote Werkzeuge; wir werfen sie fort, wenn wir sie nicht mehr gebrauchen, und das beste ist es auch für die Burschen, daß sie von der Erde verschwinden. Der Galgen ist doch ihr Los, und sofort, wenn sie sich selbst überlassen sind, bricht Hader unter ihnen aus. Ueberall entstehen Verräter, weil sie die Hand eines geheimnisvollen Allmächtigen nicht mehr fühlen, und der Galgen rückt mit einem Male dicht vor sie. Angesichts des Todes könnten sie aber doch noch etwas ausplaudern, was für uns nicht zum Vorteile wäre. Also fort mit ihnen!«

Der Zug verließ die einsame Prärie, die Gegend zeigte schon hier und da angebaute Felder, die mühsam dem grasigen Boden abgerungen waren. Man sauste an Farmen vorüber, und schließlich sah man in der Ferne die Kirchtürme einer Stadt sich über die Bäume erheben.

Das war Shreveport, eine bedeutende Stadt, auf deren Station der unermüdliche Pacificzug aber ebenfalls nur eine halbe Minute hält.

Innerhalb einer Viertelstunde mußte der Ort erreicht sein.

»Sie steigen hier aus?« fragte Kirkholm.

»Ja,« antwortete Spurgeon und griff nach seinem leichten Handgepäck – das übrige lag im besonderen Gepäckraum und wurde auf der Station, nach welcher es signiert war, herausgeworfen. »Ich habe von hier den bequemsten Weg nach Miß Thomsons Plantage, weil ich ein gutes Stück des Weges auf dem Flusse zurücklegen kann. Was meinen Sie, werde ich besondere Schwierigkeiten beim Antreten der Erbschaft vorfinden?«

Er stellte die letzte Frage zwar lächelnd, man sah ihm aber an, daß es ihm doch nicht geheuer war.

»Warum?« entgegnete Kirkholm. »Es ist ja alles in Ordnung, und Sie sind ja außerdem ein naher Verwandter der Thomson.«

»Aber die Texaner sollen ein heißblütiges Volk sein. Diejenigen, welche auf die Plantage gehofft haben, werden nicht so ohne weiteres den Verlust überwinden können.«

»Bah, fürchten Sie sich etwa?« sagte Kirkholm verächtlich.

»Sie haben das Recht auf Ihrer Seite und können jederzeit gesetzliche Hilfe in Anspruch nehmen. Mein Stand im Staate Kolorado ist viel gefährlicher, denn einmal wohnt dort wirklich ein rauher und tatkräftiger Menschenschlag, halb Indianer, halb Weiße, und außerdem ist Miß Murray die einzige, welche Verwandte hat, die gerechten Anspruch auf die Erbschaft erheben können. Ich darf nicht so, wie Sie, einfach hervortreten und sagen: hier sind meine Legitimationen, meine Urkunde, und dort der Rechtsanwalt, der alles beglaubigt, sondern ich muß mich erst aufs Spionieren legen, worüber vielleicht lange Zeit vergehen kann.«

»Kennen Sie einen dieser Verwandten?«

»Nur insofern, daß er Verwandter jenes Altascarez ist, dem einst alle Silberminen in Amerika gehörten. Aber die Verwandtschaft soll eine sehr weitläufige sein. Miß Murray ist ein Schwesterenkelkind des alten Altascarez.«

»Und der Verwandte, der Ihnen gegenübertreten kann?«

»Ich kenne ihn noch nicht, weiß nicht einmal seinen Namen.«

»Und wenn er Ihnen gegenüber nun den Sieg zu behaupten scheint?« fragte Spurgeon lauernd.

Kirkholm drehte sich eine neue Zigarette und antwortete:

»Dann gibt es noch Mittel, um diesen Verwandten der Miß Murray aus dem Wege zu räumen.«

Die Lokomotive stieß einen schrillen Pfiff aus. Sie näherte sich der Station von Shreveport.

Spurgeon nahm sein Gepäck in die Hand.

Der Zug brauste mit außerordentlicher Gewalt daher, ein Knirschen, ein Ruck, alles flog an die Wand, und Spurgeon riß die Tür auf.

» Success – guten Erfolg,« klang es noch einmal aus Spurgeons Munde, dann sprang er hinaus.

» Goodlock, viel Glück,« rief Kirkholm ihm nach.

Eine halbe Minute verstrich, aber der Zug setzte sich noch nicht in Bewegung. Die wenigen Leute, die ihn benutzen wollten, waren schon längst eingestiegen, die ausgestiegen waren, hatten den Perron schon verlassen, nachdem sie ihr herausgeworfenes Gepäck zusammengesucht, die Schaffner standen bereits auf den Trittbrettern, denn beim Pacificzug gibt es kein Nachspringen, aber der Stationsvorsteher zögerte, das Abfahrtszeichen zu geben.

Neben dem Coupé von Kirkholm klammerte sich ein Schaffner, wie die anderen, an das Messinggeländer und blickte erwartungsvoll nach hinten.

Kirkholm steckte den Kopf zum Fenster hinaus.

»Was ist los?« fragte er. »Es sind nun schon fünf Minuten verstrichen.«

»Ein Herr wird noch erwartet,« entgegnete der Beamte.

»Und darum wartet der Zug?« fragte Kirkholm erstaunt. »Seit wann nimmt die Pacificbahn denn solche Rücksicht?«

Der Beamte antwortete nicht; er lächelte schlau und machte nur mit den Fingern die Zeichen des Geldzählens.

»Ach so.« Kirkholm hatte sofort verstanden. »Das ist aber ein teures Vergnügen. Was kostet denn die Minute, welche der Zug für jemanden auf Bestellung wartet.«

»Zehn Sekunden hundert Dollar, jede Sekunde mehr gilt für voll.«

»Alle Wetter,« lachte Kirkholm, dem es gleichgültig war, ob er früher oder später sein Ziel erreichte. »Das macht ja schon dreitausend Dollar aus.«

»Den, der das Warten des Zuges bestellt hat, geniert das nicht weiter,« sagte der Schaffner geheimnisvoll.

»So, wer ist es denn? Vielleicht ein Aktionär von der Pacific-Eisenbahn?«

»Weit vorbeigeschossen, so einer überlegt es sich reiflich, ehe er für zehn Sekunden hundert Dollar bezahlt, das bringt's ihm denn doch nicht ein. Nein, der Silberkönig soll es sein, habe ich munkeln hören.«

»Alle Wetter!«

In diesem Augenblick kam gemächlichen Ganges ein großer, starkgebauter Herr mit langem, blonden Vollbart auf den Perron, in der einen Hand einen kleinen, eisernen Kasten tragend, und hinter ihm her ein herkulischer, breitschultriger Neger, welcher seines Herrn ziemlich gewichtige Effekten nachschleppte, als hätte er Federkissen auf der Schulter.

»Da hinein, Cäsar,« rief der Herr, auf den Gepäckwagen deutend. Gib gut acht auf den Lederkoffer und setze dich nicht auf den Rohrkorb! Halt, den gelben Koffer nehme ich selbst mit.«

Er nahm dem Schwarzen den Koffer ab und wandte sich dann an den Stationsvorsteher.

»Hat sich jemand beschwert?«

»Durchaus nicht,« versicherte der Beamte mit einer Verbeugung, »die Verspätung wird ja wieder eingeholt.«

»Wieviel Minuten habe ich gebraucht?«

Der Mann zog die Uhr.

»Fünf Minuten vierzig Sekunden.«

»Danke, ich hinterlege die Summe auf meiner Endstation. Nein,« sagte er, als der Vorsteher ihm ein leeres Coupé öffnen wollte, »ich liebe auf der Reise Gesellschaft.

Er stieg in den Wagen, an dessen Fenster soeben noch Kirkholms Kopf zu sehen gewesen war.

»Kapitän Hoffmann,« hatte dieser beim Anblick des Reisenden in unsagbarer Verwirrung gemurmelt, »also hatte Flexan doch recht, obwohl ich ihm nicht glauben wollte. Kapitän Hoffmann ist der Silberkönig. Was will er hier?«

Der Herr stieg zu ihm ein.

»Ready,« riefen die Schaffner und verschwanden in ihren Abteilungen, die Lokomotive pfiff, und im nächsten

Augenblick hatten die Räder schon ihre normale Umdrehungsgeschwindigkeit erreicht, um die Verzögerung wieder einzuholen, und die Aktionäre der Pacificbahn konnten sich in die Summe von dreitausendvierhundert Dollar teilen, welche sie innerhalb fünf Minuten und vierzig Sekunden verdient hatten.

Gegenüber Kapitän Hoffmann – denn dieser war es wirklich – saß Kirkholm, und blitzschnell jagten dem jungen Manne die Gedanken durch den Kopf.

Das also war der Silberkönig, Kapitän Hoffmann, dessen Bild er von Flexan, gezeigt bekommen hatte; aber er hätte ihn schon aus dessen Beschreibung erkannt.

Dies war der hohe, athletische Wuchs, der lange, goldigstrahlende Vollbart und das lockige Haar, die hohe, weiße Stirn, die scharfe, gerade Nase und die strahlenden, tiefblauen Augen, die zierlich geschwungenen Lippen und die kleinen Füße und Hände, die Erbschaft der Mutter; er hätte ihn erkannt, auch wenn dieser Mann oberhalb der rechten Augenbraue nicht die kleine Narbe gehabt hätte, die von einem Streifschuß herstammte.

Also hatte Flexan doch recht gehabt, Kapitän Hoffmann war der Silberkönig, der Nachfolger von Altascarez und der Besitzer jener Silberminen, welche ihm seinen Titel eintrugen.

Was wollte er hier? Nun ja, er machte eine Inspektionsreise nach seinen Gruben.

Sonst nichts Wetter?

Miß Murray war eine entfernte Verwandte von Altascarez, Kapitän Hoffmann ein naher Verwandter, wenn sich beide auch vielleicht nicht kannten. Er, Kirkholm, war aus dem Wege nach Kolorado, wo die Besitzungen des Mädchens lagen.

Und Hoffmann? Konnte er nicht dieser Verwandte sein, dessen Namen er noch nicht erfahren hatte, der die Erbschaft antreten wollte?

Krampfhaft umspannten Kirkholms Finger den Revolver, den beständigen Begleiter der Reisenden in Amerika, den jeder ohne Ausnahme in der Rocktasche trägt.

Der junge Mann hatte seinen furchtbarsten Feind vor sich, der alle seine seit Jahren geschmiedeten und kunstvoll angelegten Pläne zu schunden machen konnte. Es war nicht Zufall gewesen, daß sich nach Abreise der Vestalinnen die acht jungen Männer zusammengefunden hatten, die alle etwas verwandt mit den Damen, aber Wüstlinge im vollsten Sinne des Wortes waren.

In New-York, der Metropole Amerikas trieben sie ihr Wesen oder vielmehr ihr Unwesen, sie kannten sich schon vorher, und nach und nach hatten sie sich, erst durch Blicke, dann mit Worten zu verstehen gegeben, welcher Gedanke sie beherrsche, nämlich: wie schön es wäre, wenn die Mädchen nicht wieder zurückkehrten und sie die Erben würden.

Dann waren sie in die Hände Eduard Flexans geraten, eines Menschen, der von Jugend auf als Verbrecher tätig gewesen, ja, als solcher erzogen worden war.

Er hatte ihnen gesagt, wie es zu machen wäre, um gefahrlos und sicher in den Besitz des Erbes der Mädchen zu kommen. Jahrelang hatten sie daraufhingearbeitet, in Angst und Sorge, und nun sie endlich dem Ziele nahe waren, kam dieser Mann und wollte Kirkholms fein angelegte Pläne zunichte machen.

Oho, er wollte sich seine Beute nicht so ohne weiteres entreißen lassen.

Und dann noch eins!

Vor Kirkholm saß jener Mann, welcher das Geheimnis auf der Brust trug, nach dessen Besitz sich Flexan sehnte. Kirkholm selbst sollte in dem Plane, den Flexan zu dessen Erlangung vorhatte, tätig sein, und glückte dies dem unermüdlichen Flexan, dann hatte er seinem Freunde eine Prämie von zweitausendfünfhundert Dollar versprochen.

Was mochte also erst dieses Geheimnis selbst wert sein! Der Chemiker Kinnaird, ihr verbrecherischer Genosse, sollte es enträtseln, das hatte Kirkholm erfahren.

Seine Finger umspannten noch fester den elfenbeinernen Kolben des Revolvers.

Ein Ruck, ein Druck hätte genügt, und Hoffmann läge ihm als Leiche gegenüber. Kirkholm hätte ihn nicht mehr als gefährlichen Nebenbuhler zu fürchten brauchen und wäre im Besitze des Geheimnisses gewesen.

Aber würde die kleine Revolverkugel dieses Riesen Lebenslicht sofort ausblasen können? Wäre ein solcher Angriff nicht gewesen, als schösse ein Kind mit einem Blasrohr nach einem Löwen?

Kirkholm fürchtete immer, diese blauen, strahlenden Augen, welche jetzt teilnahmsvoll in die schöne Landschaft blickten, könnten sich auf ihn wenden, und sie müßten seine Gedanken auf der Stirn lesen, so sehr schien dieser scharfe Blick Verborgenes erforschen zu können.

Es war ein gewagtes Spiel, diesen Mann mit dem Revolver in der Hand anzugreifen, und hier im Waggon unmöglich.

War Hoffmann denn überhaupt der, welcher sich um die Erbschaft von Miß Murray bemühte? Das war erst noch die Frage.

War dies der Fall, so konnte sich Kirkholm ihm als Begleiter anbieten, er hätte sich als einen Handelsmann ausgegeben, der in Kolorado Geschäfte abzuwickeln habe, und auf dem Wege durch die unwirtlichen Wildnisse dieses Staates gab es hundertfache Gelegenheit, diesen Mann aus dem Leben zu schaffen und sich seines Geheimnisses zu bemächtigen.

Aber Vorsicht, erst ausspionieren, wohin Hoffmann wollte! In Amerika ist es schwer, jemanden über Ziel und Zweck seiner Reise auszufragen, oder nach seiner Beschäftigung, denn selbst unter den ärmlichsten Arbeitern gilt ein solches ›Ausholen‹ für unanständig.

Ein Gespräch zwischen zwei Reisenden im Coupé dreht sich hauptsächlich ums Wetter, um die Gegend, um die Verhältnisse der Bewohner und um alles andere; nur über private Angelegenheiten wird nicht gesprochen; nicht die kleinste Andeutung darüber, weder eine Frage, noch Antwort kommt vor, es sei denn durch Zufall, wenn etwa die Bequemlichkeit in Betracht kommt.

Doch Hoffmann selbst begann das Gespräch, welches Kirkholm ersehnte.

Nach einer Einleitung, das Wetter betreffend, fragte Hoffmann, ob die Betten im Schlafwagen gut seien.

»Nicht besonders,« antwortete Kirkholm, »die Federn sind nicht sehr gut, und man verspürt daher selbst im Schlafe das Rütteln des Wagens. Sie bedürfen der Reparatur.«

»Eine solche Reise von einer Küste zur anderen ist schrecklich; wenn man den Wagen verläßt, ist man wie gerädert.«

Kirkholm stimmte bei.

»Nun, ich habe glücklicherweise nur eine Nacht in dieser unangenehmen Lage zu verbringen; morgen früh acht Uhr habe ich erst mein Ziel erreicht,« sagte Hoffmann lächelnd.

Ha, das war's ja, was Kirkholm hören wollte, auch er mußte um dieselbe Zeit den Zug verlassen, um die Reise hinauf nach dem gebirgigen Kolorado anzutreten.

Hoffmann war also derjenige, welcher ihm die Erbschaft streitig machen wollte; noch einmal drückte Kirkholm die Finger krampfhaft um den Revolver, dann zog er die Hand aus der Tasche und führte die Unterhaltung liebenswürdig fort. Aber dabei schoß blitzähnlich noch einmal sein ganzes Leben an ihm vorüber.

Ein heiteres Knabenalter, bewacht von treuen, ehrlichen und wohlhabenden Eltern, dann deren Tod, schlechte Gesellschaft, Nächte in Saus und Braus, am Spieltisch, mit Balletteusen, eine Zeit, welche den kräftigen Jüngling entnervte, und dann kam der Ruin seines Vermögens, und dann – ja dann kam der Teufel, welcher ihm wieder aufhalf, aber unter Bedingungen – Eduard Flexan.

Das wüste Leben fand seinen Fortgang, Geldmittel waren immer vorhanden, manchmal im Ueberfluß, manchmal mangelhaft, aber immer genügend, um die Nächte durchzubringen und die Tage im weichen Bett zu verschlafen.

Flexan brauchte Kompagnons, welche Handschriften nachahmen konnten, welche in den Gesetzen der Vereinigten Staaten zu Hause waren, welche die Kunst der Bestechung kannten, welche auf die Herzen der Menschen einwirken konnten und so weiter, und Kirkholm war in diesen Künsten bewandert, er schwor zur Fahne Flexans.

Bis jetzt waren seine Hände noch rein von Blut, aber an diesem Manne da vor ihm wollte er zum ersten Male probieren, ob er sich auch zum Mörder eigne.

Eine halbe Stunde später war er mit Kapitän Hoffmann, den er gar nicht zu kennen vorgab, einig, daß er ihn auf seiner Reise durch Kolorado begleite. Zu zweit reist es sich angenehmer, besonders, wenn der Weg nicht recht geheuer ist.

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