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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 8
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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7.

Unsichtbare Hände.

Den ersten Tag hatten die auf der Felseninsel eingemauerten Vestalinnen untätig verbracht. Sie konnten sich noch nicht in ihre Lage finden; sie glaubten, es sei ein böser Traum, daß sie hier gefangen saßen.

Teilnahmlos gingen sie aneinander vorüber, bereiteten sich das Essen einzeln, oder die eine aß von dem, was die andere gekocht hatte. Unterhaltung fand gar nicht statt, und am Abend legten sie sich alle zur Ruhe in die Zelte, mit solchem Bedürfnis nach Schlaf, als hätten sie den ganzen Tag schwer gearbeitet – so waren sie seelisch ergriffen.

Doch der nächste Morgen brachte neuen Mut.

»Wir wollen die Mauer erklettern,« schlug Ellen vor, »und sehen, ob wir vom Meere Hoffnung auf Befreiung zu erwarten haben.«

Die Ersteigung der Mauer war keine schwere Arbeit. Es wurde ein Faß hingerollt, umgestürzt und ein Stuhl darauf gesetzt, und der Mauerrand war erreichbar. Aber ein Sitzen darauf war sehr unangenehm, denn die Matrosen hatten die Mauer oben scharf zugehen lassen, und der Rand war durch den Zement so fest geworden, daß weder mit den Händen, noch durch Schläge mit einem Stuhlbein etwas davon abgebröckelt werden konnte.

Die Mauer fiel jäh zum Wasser ab.

»Ein Floß oder etwas Aehnliches herzustellen, wäre ganz unnütz,« sagte Ellen, »denn wir können es nicht ins Wasser lassen. Diese Mauer bietet uns also mehr Schwierigkeiten, als ich erst glauben wollte.«

»Wie sollten wir übrigens ein Floß herstellen?« entgegnete Miß Murray. »Holz hätten wir in Gestalt von Kisten und Fässern wohl genügend, aber wir haben kein Werkzeug, denn die Gabeln und Messerchen sind doch ganz unbrauchbar.«

»Aus den Faßreifen würden schon schneidende Instrumente herzustellen sein, und Steine müßten Hämmer vertreten. Aber ich schlage vor, erst einmal ruhig abzuwarten, was uns die nächste Zeit bringen wird. Mit uns soll noch etwas ganz Besonderes geschehen, vermute ich, und ich bin wirklich neugierig, was dies ist.«

»Sagte nicht jener verräterische Anderson, wir würden Besuch zu erwarten haben?«

»Ja, das sagte er,« entgegnete Ellen, »und ehe wir diesen nicht bekommen haben, bin ich gar nicht gewillt, die Insel zu verlassen, ich brenne vor Neugier.«

Es wurde beschlossen, sich in die häuslichen Geschäfte zu teilen und überhaupt recht fleißig zu arbeiten, soviel es ging, nach dem alten Grundsatze, daß nichts die Zeit so schnell vergehen läßt und nichts den Menschen so sehr befriedigt, wie Arbeit.

Die Zelte wurden anders geordnet, die Mädchen quartierten sich in Gruppen zusammen. Die Sklavinnen wurden auf die einzelnen Zelte verteilt. Man richtete die Höhlen noch bequemer ein, entfernte das Steingeröll von dem Plateau, und wirklich erlangten die Mädchen bald ihre gute Laune wieder.

Was war es denn weiter, als ein Abenteuer mehr zu den schon erlebten, und zwar fast das interessanteste? Ans Leben ging es ihnen nicht. Not brauchten sie nicht zu leiden, also darum nur frischen Mut bewahrt! Ihr einziger Traum galt der ›Vesta‹, dem Schiffe, welches sie geliebt, an dem ihr Herz gehangen hatte.

Doch kommt Zeit, kommt Rat, die ›Vesta‹ existierte noch, vielleicht, daß sie doch noch auf ihr die Heimreise nach New-York antreten konnten!

»Unser Wunsch ist in Erfüllung gegangen,« meinte Miß Murray einmal, »jetzt haben wir ein Eiland, verlassen und einsam im bläulichen Meer.«

»Das Laub welkt auch nie am Baum, weil es keins gibt,« fügte eine andere lachend hinzu.

Der Abend fand die jungen Mädchen lachend und scherzend um drei große Küchenfeuer versammelt, über denen es in Töpfen zischte und brodelte. Während der Mahlzeit, aus Salzfleisch und Kartoffeln bestehend, wurden großartige Pläne geschmiedet. Morgen wollte man an der Felswand aus Steinen einen Backofen bauen, Mehl war in Ueberfluß vorhanden, und so sollte es fortan nie an Brot fehlen.

»Wir müßten uns ja schämen,« scherzte ein Mädchen, »wenn wir Besuch bekämen und könnten ihm nicht einmal ein Stück Kuchen vorsetzen. An Schiffszwieback dürften sein Magen und seine Zähne nicht gewöhnt sein.«

Bei völlig wolkenlosem Himmel hatten sie sich schlafen gelegt, aber während der Nacht zogen schwere Wolken auf, grelle Blitze und fürchterlicher Donner schreckten die Schläferinnen auf, und ehe sich diese noch vergegenwärtigten, daß ein Gewitter über ihrer Insel schwebte, prasselte schon ein klatschender Platzregen auf die Leinwandzelte herab.

Diese waren zwar in New-York als wasserdicht gekauft worden, aber welche Leinwand widersteht wohl einem Tropenregen? Es regnete nicht mehr in Tropfen, sondern endlose Wasserstrahlen stürzten senkrecht vom Himmel herab, alles im Nu durchnässend.

Einige der Mädchen liefen nach den Höhlen, wo sie Schutz fanden, wurden aber von Ellen aufgefordert, in denselben alles zu bergen, was vom Wasser Schaden erleiden konnte und durch Trocknen nicht wieder seine alte Beschaffenheit erlangte.

Das waren die Fässer mit Schiffszwieback, die man im Freien hatte stehen lassen, und dann ganz besonders die in den Zelten befindlichen Bücher und Schriftsachen.

Ehe dies alles in Sicherheit geschafft war, brach der Morgen an. Der Regen ließ nach und hörte plötzlich auf. Der Himmel strahlte wieder in gewöhnlicher Bläue, doch die Damen selbst waren bis auf die Haut durchnäßt, und die zum wechseln nötigen Kleider waren ebenfalls feucht geworden.

Doch was galt dies Menschen, welche über zwei Jahre lang in Sonnenschein, Sturm und Regen an Deck gestanden hatten, denen oft genug die Meereswogen über den Kopf gegangen waren, und welche es nicht immer für nötig befunden hatten, die nassen Kleider zu wechseln, sondern sie einfach am Körper trocknen ließen.

Man zog die am wenigsten feuchten Kleidungsstücke an und legte die nassen auf das Plateau in die Sonnenstrahlen zum Trocknen, denn es zeigte sich wieder einmal, daß die Damen doch nicht mit allem versehen waren, was sie brauchten, so zum Beispiel mit Stricken, die sie als Trockenleinen hätten benutzen können, oder aber auch – zum Zusammenbinden eines Flosses und Erklettern der Felsen.

»Jetzt erst einmal Feuer anmachen und Kaffee kochen,« meinte Ellen. »Ist einmal der Magen gewärmt, so schadet die nasse Kälte weniger.«

Einige Damen machten sich sofort daran, unter einem vorspringenden Felsen auf dem Platz, der schon vorher als Feuerherd gedient hatte, einen Holzhaufen aufzutürmen.

»Sind Sie krank?« fragte Miß Murray, Ellen besorgt in die Augen sehend, denn diese zeigte eine seltsame Unruhe und ein schlechtes Aussehen. Ihre Augen glänzten merkwürdig, und auf den Wangen machten sich rote, scharf abgegrenzte Flecken bemerkbar.

»Nicht im mindesten,« entgegnete Ellen, »ich habe schlecht geschlafen, oder vielmehr gar nicht, der Regen hat auch nicht gerade dazu beigetragen, mich heiter zu stimmen und ebensowenig die nächtliche Arbeit. Ich lechze jetzt nach einer Tasse Kaffee.«

Sie ging in eine Höhle, um die dort untergebrachten Vorräte zu ordnen. Gleich darauf kam ein Mädchen zu ihr und fragte sie, ob sie Streichhölzer unter den Vorräten habe, die, welche sie bis jetzt benutzt hätten, seien durchnäßt worden.

Ellen öffnete eine große Kiste, welche nur Streichhölzer enthielt, aber, o weh, die Schachteln waren alle ohne Ausnahme feucht, die Hölzer fingen kein Feuer.

Alle Mädchen wurden zusammengerufen, ein sorgfältiges Suchen nach diesem wichtigen Bedarfsartikel, dessen Wert man erst schätzen lernt, wenn man ihn nicht besitzt, begann; aber alle gefundenen Streichhölzer hatten unter der Nässe gelitten, sie fingen kein Feuer.

»Haben die Piraten uns nicht irgend einen optischen Apparat dagelassen, in welchem sich Vergrößerungsgläser befinden?« fragte ein Mädchen. »Mittels eines Brennglases könnten wir Feuer anzünden.«

Ellen verneinte. Die Piraten hatten es nicht für nötig gehalten, die Damen mit Ferngläsern, Mikroskopen oder dergleichen zu versehen.

»Oder wir können auch durch Reiben von Holz Feuer erzeugen,« schlug ein anderes Mädchen vor.

Trotz ihrer nervösen Laune mußte Ellen über diesen Vorschlag lachen.

Sie wußte, wie schwer es ist, auf diese Weise Feuer zu gewinnen. Es gehören dazu Hölzer von ganz besonderer Art, eins davon muß weich, das andere hart sein, und zum Reiben gehört die Geschicklichkeit und Ausdauer eines Wilden. Höchstens der Feuerbohrer kann von einem Uneingeweihten benutzt werden; aber das passende Holz zu wählen, bleibt dabei die Kunst, ohne welche man nie Feuer erhält, und wenn man auch stundenlang riebe.

»Ich bin imstande, ein Brennglas herzustellen,« sagte Ellen, »aber es wird zu schwach sein, um bei dem niedrigen Stande der Sonne das Holz in Brand zu setzen, erst gegen Mittag wird es kräftig genug wirken. Doch können wir jetzt schon einen Versuch anstellen, vielleicht entzündet es Papier.«

Sie legte solches in die Morgensonne, damit es möglich trockene, und ließ sich dann zwei gleiche Uhrgläser geben. Die Taschenuhren waren ihnen von den Piraten gelassen worden. Diese gewölbten Uhrgläser wurden mit Wasser gefüllt, soweit dies möglich war, und die Strahlen der Sonne wurden durch diesen Apparat wirklich so konzentriert, daß ein schwaches Brennglas hergestellt wurde.

Nun wurde versucht, das Papier in Brand zu setzen, doch es gelang nicht; es sengte wohl, fing aber kein Feuer.

»Wir müssen warten, bis die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat,« meinte Ellen. »Wirkt es dann noch nicht kräftig genug, so müssen wir fortan auf warme Speisen verzichten und das Fleisch durch Klopfen verdaulicher machen.«

Enttäuscht sahen die umstehenden Mädchen den vergeblichen Versuchen zu.

»Kann man die Streichhölzer nicht trocknen?« fragte eine.

»Nein, sie fangen nie wieder Feuer, wenn sie einmal naß geworden sind.«

Da stieß ein Mädchen, welches sich umgewendet hatte, einen lauten Schrei der Ueberraschung aus und deutete dorthin, wo die Holzstapel unter dem Felsen aufgeschichtet worden war. Der Holzstoß stand in lichterlohen Flammen.

»Wer hat das getan?« fragte Ellen, halb freudig, halb unwillig darüber, daß eine Vestalin den Besitz von Streichhölzern verheimlicht und Ellen unnötig bemüht hatte.

»Ich nicht,« erklang es einstimmig und bestimmt.

Man besichtigte den lustig brennenden Holzhaufen, aber nichts verriet, wodurch er in Flammen gesetzt worden war.

Der Vorgang war und blieb allen ein Rätsel.

»Wenn die Insel keine übernatürlichen Wesen beherbergt, welche durch ihr Machtwort Feuer hervorrufen können, so muß hier außer uns noch ein Mensch existieren,« so dachten einige, darunter z. B. Miß Murray und Miß Thomson, und machten sich daran, die einzelnen Höhlen genauen zu untersuchen, ohne an das Kaffeetrinken zu denken. Diesmal war Ellen wunderbarerweise nicht unter den Wißbegierigen, sie saß auf einem Steine und sah teilnahmslos der Zubereitung des Morgentrunkes zu.

Das Suchen war erfolglos gewesen, die Höhlen waren leer und hatten das Aussehen, als waren sie noch von keinem Menschen betreten worden. Höchstens fand man Spuren, daß hier einst zahlreiche Vögel gehaust hatten.

Miß Murray kehrte wieder zu Ellen zurück und teilte ihr das Ergebnis der Untersuchung mit.

»Was ist Ihnen denn?« unterbrach sich die Sprecherin plötzlich und schaute Ellen erschrocken an.

Das auf dem Steine sitzende Mädchen, dessen Wangen noch eben fast unnatürlich rot gewesen, verlor plötzlich alle Farbe und griff mit beiden Händen in die Luft. Dann schloß sie die Augen und glitt besinnungslos vom Steine herab.

Auf dem Schreckensruf Miß Murrays sprangen noch einige andere Mädchen hinzu und trugen die Bewußtlose in eine Höhle, wo sie auf ihr Bett gelegt wurde. Ihr Puls hatte fast aufgehört zu schlagen, sie glich einer Toten.

»Auch das noch,« jammerten ihre Freundinnen, indem sie Ellen durch Reiben wieder zum Bewußtsein zu bringen suchten.

Ein Mädchen sollte die Schiffsapotheke bringen, von der man bestimmt voraussetzte, die Piraten hätten sie ihnen gelassen, die Abgeschickte kehrte aber bald mit der Bestürzung verbreitenden Nachricht zurück, der Medizinkasten sei nicht unter den Vorräten.

Alles Suchen nach ihm war fruchtlos.

Das Einzige, was man tun konnte, war, daß man Ellens Kleider öffnete, ihr so mehr Luft verschaffte und kalte Umschläge anwendete. Wirklich kam sie bald wieder zu sich, aber das sonst so kräftige Mädchen war mit einem Male so schwach geworden, daß es kaum sprechen konnte.

»Um Gottes willen, liebste Ellen,« flehte Jessy, »was fehlt Ihnen? Sagen Sie es! Fühlen Sie Schmerzen irgendwo, oder ist es nur ein plötzliches Unwohlsein?«

»Ich weiß nicht, was es ist,« entgegnete Ellen mit matter Stimme, »ich fühle mich unsäglich schwach, mein Kopf ist mir zentnerschwer.«

»Sie haben sich diese Nacht in den nassen Kleidern erkältet.«

Ellen lächelte; es wäre das erstemal gewesen, daß sie sich erkältet hatte. Nein, die Aufregung, welche seit einigen Tagen fortwährend ihre Seele in Spannung hielt, hatte das Leiden hervorgerufen. Die sonst so starke Natur des Mädchens hatte diese nicht mehr aushalten können, je mehr die Unruhe um ihr künftiges Schicksal wuchs, desto größer wurde diese seelische Spannung, bis sie endlich bewußtlos zusammengebrochen war.

Ein heftiges Fieber war im Anzug, wie es an Stärke nur in tropischen Gegenden die Menschen heimsucht. Schon jetzt begannen die Pulse der Kranken furchtbar zu jagen, und der Kopf glühte. Innerhalb eines Tages mußte das Fieber bereits seinen höchsten Punkt erreicht haben, und wurde die Krisis nicht zu Gunsten des Lebens abgewendet, so war Ellen dem Tode verfallen.

Noch wußte dies jetzt zwar weder Jessy, noch ein anderes Mädchen, aber jede ahnte, daß diese Krankheit nicht leicht zu nehmen war.

»Wir können die Apotheke nicht finden,« klagte Jessy.

»Ich weiß es,« lispelte Ellen, »sie ist nicht auf die Insel gebracht worden. Machen Sie mir kalte Umschläge, liebe Jessy, damit mir mein Kopf nicht springt. Oder nein, unterlassen Sie es, das hat doch keinen Zweck.«

Ellen selbst also fühlte, trotz ihres bewußtlosen Zustandes, daß sie wenig Hoffnung auf Genesung hatte.

Man tat alles, was man konnte. Die Höhle wurde mit Portieren verhangen, so daß das helle Tageslicht den angegriffenen Augen nicht wehtat; den ganzen Tag wechselten die Damen in der Pflege ab, aber immer blieb nur eine in dem Räume, um jedes Geräusch zu vermeiden. Ununterbrochen wurden die nassen Tücher auf dem Kopf gewechselt und der Trinkbecher an die heißen Lippen der Durstigen gehalten.

Es war alles umsonst. Das Fieber nahm stetig zu, denn alles fehlte, womit ein derartig Kranker behandelt werden muß, vor allen Dingen Chinin, jene nicht zu ersetzende Medizin, ferner Eis und dann leichte Nahrung, hauptsächlich Milch, Fleischbrühe und höchstens Reis. Das schwere Salzfleisch und Hülsenfrüchte sind für Fieberkranke Gift, und auch Präserven können von dem schwachen Magen nicht verdaut werden.

Gegen Abend schon nahmen die Kräfte Ellens sichtlich ab. Sie lag entweder in heftigen Phantasien oder bewußtlos da, doch kam sie einmal zur Besinnung, so sprach sie der trostlosen Freundin, die gerade bei ihr war, Mut ein. Sie sollte ihretwegen nicht verzagen, sei sie nicht mehr am Leben, dann würden die übrigen Mädchen auch aus dieser Gefangenschaft befreit werden.

Es war in der Nacht, als Miß Thomson bei der Kranken Wache hielt. Mit angehaltenem Atem und klopfendem Herzen lauschte sie den Phantasien Ellens. Diese sprach fortwährend von ihrem Stiefvater, von einem Vetter, von Eduard, und beschuldigte beide des Mordes. Dann rief sie wieder mit gellender Stimme nach Harrlington, flehte ihn an, er solle sie nicht verlassen, solle sie vor dem Stiefvater schützen, und bat darauf Johanna um Verzeihung. Ein leises Wimmern löste diese wilden Phantasien ab, und endlich lag die Kranke stumm und bewegungslos da, die plötzlich ganz weiß gewordenen Hände über der Brust gefaltet.

Da wurde draußen vor der Höhle leise Miß Thomsons Name gerufen. Sie begab sich hinaus, und ein Mädchen teilte ihr mit, sie habe, auf der Mauer sitzend, geangelt und einen großen Fisch gefangen. Ob die Kranke davon essen könne? Es wurde hohe Zeit, daß Ellen etwas zu sich nahm. Salzfleisch und die vorhandenen Hülsenfrüchte wagte man ihr nicht zu geben, ebensowenig Kartoffeln und Brot. Die süße, präservierte Milch aber verschmähte die Kranke unter Zeichen des Widerwillens.

Betty bejahte und ordnete an, daß man den Fisch gleich abkochen sollte. Erwachte die Kranke, so sollte sie zu essen bekommen. Das Feuer war immer unterhalten worden.

Als Betty die Höhle wieder betrat, fand sie Ellen erwacht, bei Besinnung und ganz merkwürdig gut gelaunt.

»Sie haben den Medizinkasten gefunden?« rief sie der Eintretenden entgegen.

Betty verneinte.

»So hat eine der Damen Chinin bei sich gehabt?«

Betty verneinte abermals verwundert.

»Aber soeben hat mir doch jemand Chinin mit einem Teelöffel eingeflößt,« sagte Ellen, »ich glaubte, Sie wären es gewesen.«

»Ich war in diesem Augenblick gar nicht bei Ihnen, Sie haben geträumt, Miß Petersen ...«

»Wie soll ich geträumt haben,« rief diese, fast unwillig, »ich habe ja noch den bitteren Geschmack im Munde, habe die Person, welche mir es gab, neben mir stehen sehen und weiß noch ganz bestimmt, daß ich etwas von dem Chinin verschüttet habe. Ueberzeugen Sie sich davon, ob nicht etwas auf der Bettdecke liegt.«

Zu ihrem unaussprechlichen Erstaunen fand Betty wirklich etwas weißes Pulver auf der Bettdecke liegen, sie kostete es – es war Chinin; Ellen hatte nicht geträumt.

Betty ließ Ellen nichts von ihrem Erstaunen merken, aber sie mußte hinauseilen und es ihren Freundinnen verkünden, zugleich fragend, ob jemand Ellen Chinin eingegeben habe. Wie am Morgen beim Anzünden des Feuers, so behauptete auch jetzt eine jede, nichts davon zu wissen. Wer das Feuer angemacht hatte, gab Ellen auch das Chinin ein – ein unbekannter Inselbewohner.

Schnell eilte Betty wieder in die Höhle, nahm eine Lampe vom Tisch und untersuchte jeden Winkel, fand aber nichts, was darauf schließen ließ, daß diese einen anderen Zugang hätte, als den von vorn. Sie war ziemlich tief, die Wände erschienen rauh, aber durchaus nicht zerklüftet.

Das Mädchen stand vor einem Rätsel, doch die Hauptsache war, daß Ellen Chinin erhalten hatte. Vielleicht wurde sie auch noch fernerhin von dieser geheimnisvollen Person mit Medizin versehen, dann konnte Rettung erhofft werden, sonst nicht, denn eine einmalige Dosis hielt die Krankheit wohl auf, vermochte aber nicht, sie zu beseitigen.

Gedankenvoll saß Betty neben der schon wieder phantasierenden Kranken. Ein seltsam unheimliches Gefühl überschlich sie, wenn auch nicht das der Furcht. Dieser zweimalige Beweis der Anwesenheit eines Wesens, sei es eines übernatürlichen oder natürlichen Ursprungs, das Anteil an dem Schicksal der Vestalinnen nahm, hatte doch etwas Aufregendes für das Mädchen.

Als Betty abgelöst wurde, übergab sie nur ungern die Wache einem anderen Mädchen, denn die Kranke phantasierte wieder heftiger, denn je, das Fieber hatte bedeutend zugenommen, und eine Krisis stand unmittelbar bevor.

Doch sie durfte sich nicht weigern, der Freundin den Platz abzutreten, denn die Pflege Ellens wurde als heilige Pflicht betrachtet.

Mit sorgenschwerem Herzen verließ Betty die Höhle und begab sich zum Schlafen in ihr unterdes getrocknetes Zelt.

Noch hatte sich am Morgen die Sonne nicht über den Felsrand erhoben, noch herrschte eine unsichere Dämmerung, als sich die Vestalinnen schon vollzählig um den Eingang zur Höhle versammelt hatten.

Daß das Feuer in der Nacht erloschen war, weil die Mädchen, durch die Aufregungen der letzten Zeit zu ermüdet, vergessen hatten, regelmäßig Holz nachzulegen, darauf achtete vorläufig niemand. Ellen hatte etwas gekochten Fisch zu sich genommen, das war die Hauptsache, und außerdem brannte auch noch die Lampe im Krankenraum.

Jetzt war man begierig, zu erfahren, wie es mit der Kranken stände.

Mit niedergeschlagener Miene trat die Krankenpflegerin aus der Höhle und verkündete, daß es mit Ellen schlimmer wäre denn je, sie käme fast gar nicht mehr zum Bewußtsein.

»Wir wollen das Gebot aufheben, daß nur eine die Höhle betreten darf,« sagte Miß Murray, »kommen Sie, wir wollen zusammen die Kranke besichtigen.«

Ein trauriger Anblick bot sich ihnen dar. Ellen ging wirklich mit raschen Schlitten ihrer Auflösung entgegen; jede Stunde konnte dieselbe bringen.

»Chinin müssen wir haben,« rief Jessy, »sonst stirbt sie uns unter den Händen. Wenn die Person, welche der Kranken schon einmal Medizin eingeflößt hat, ein Herz hat oder doch Anteil an uns nimmt, so wird sie, so muß sie zum zweiten Male helfen. Hörst du es, rätselhafte Person?« rief Jessy laut in den Hintergrund der Höhle.

Die Umstehenden schauerten zusammen, es war ihnen, als wohnten sie einer Geisterbeschwörung bei, und wirklich glich das Verhalten von Miß Murray einer solchen Handlung.

In der Höhle blieb es still, es zeigte sich weder ein Gesicht, noch eine unheimliche Gestalt, nur Ellen stöhnte tief auf und wälzte sich auf ihrem Lager.

Doch Jessy nahm ihre Geisterbeschwörung völlig ernst, sie versuchte es noch einmal.

»Wenn du willig bist, uns zu helfen, so gib uns ein Zeichen,« rief sie in die Höhle hinein.

Da schraken die Mädchen plötzlich zusammen, ein unterirdisches Rollen, verbunden mit leisem Donner, erschütterte den Boden der Insel, und gleichzeitig erscholl draußen ein seltsames Prasseln und Knattern.

Die Mädchen stürzten, von Entsetzen erfaßt, zur Höhle hinaus, sie glaubten nicht anders, als die Vulkane der Insel begännen ihre alte Tätigkeit wieder, als sie aber draußen standen, glaubten sie ihren Augen nicht trauen zu dürfen. Unter dem Felsvorsprung, wo das ausgebrannte Feuer lag, war ein neuer Holzstoß aufgerichtet worden, und eben züngelte die Flamme daran empor.

Das erste Wunder hatte sich wiederholt, aber wiederum ließ sich niemand sehen.

Während alles noch sprachlos vor Staunen dastand, eilte Miß Thomson, von einem Instinkt getrieben, in die Höhle zurück und blieb beim Anblick der Kranken wie gebannt stehen.

Auf dem Kopfe Ellens lag eine Eiskompresse, jener Gummibeutel, in dem Eis aufbewahrt werden kann, ohne daß das Wasser herausläuft.

Dann stürzte Betty plötzlich schnell nach dem Tische, nahm die noch brennende Lampe und eilte nach dem Hintergrunde der Höhle. Es war ihr, als hätte sie dort eine dunkle Gestalt gesehen.

Betty eilte mit der Lampe nach dem Hintergrunde der Höhle.

Da, wirklich – sie erkannte eine in dunkle, lange Frauengewänder gehüllte Gestalt.

»Wer du auch seiest,« rief Betty außer sich, aber furchtlos, »steh, und zeige dich!«

Sie sprang vorwärts, aber in diesen: Augenblicke durchstrich ein kalter Luftzug die Höhle, die Lampe erlosch, und Betty stand im Dunkeln. Dennoch tastete sie vorwärts, doch wohin sie auch griff, sie fühlte nur die rauhe Felswand. Die Höhle war so eng, daß die eben gesehene Gestalt sich nirgends verbergen konnte. Aber sie war verschwunden. Und doch hätte Betty auf ihre Seligkeit schwören wollen, kein Gebilde ihrer Phantasie gesehen zu haben.

Schnell verständigte sie die unterdes wieder hereingekommenen Freundinnen; die Lampe wurde wieder angezündet und damit die Höhle beleuchtet. Die Wände wurden ganz genau untersucht, aber es wurde nichts gefunden. Die Wand zeigte keine Fuge, keine Spur, daß hier eine geheime Tür vorhanden war, und um nach Fußabdrücken forschen zu können, waren die Damen nicht erfahren genug.

»Wissen Sie, wen ich zu erblicken glaubte?« sagte Betty. »Die Gestalt war zwar dicht verschleiert, aber die Figur und hauptsächlich der Gang erinnerten mich an Johanna, daß ich diese ganz bestimmt vermutete. Jedenfalls ist es jetzt über allen Zweifel erhaben, daß diese Insel von einem Wesen bewohnt ist, welchem übernatürliche Kräfte zur Verfügung stehen oder doch solche, welche wir uns nicht zu erklären vermögen. Wie könnte sie sonst aus dieser Höhle ohne Ausgang spurlos verschwinden?«

»Und woher bekommt sie Eis?« fragte ein Mädchen.

Man betrachtete die Kompresse. Sie war wirklich mit Eis gefüllt, es mußte hier in dieser heißen Gegend natürlich künstlich hergestellt oder durch das Machtgebot eines Gottes entstanden sein.

»Was steht denn hier unter dem Bett?« rief plötzlich ein Mädchen, deren Fuß an etwas Hartes gestoßen hatte, bückte sich und zog zwei Kästchen hervor, die vorher nicht unter dem Lager gestanden hatten.

Da war ein Mahagonikasten, den Damen vollständig unbekannt, d. h., er gehörte nicht zu dem Inventar der ›Vesta‹. Er enthielt eine kleine, aber vollständige Apotheke, und als man die Flasche aufhob, welche beim Hervorziehen des Kastens von demselben heruntergefallen war, da leuchtete in den Strahlen der Sonne den Damen in großen Buchstaben die Aufschrift ›Chinin‹ entgegen. Der andere, eiserne, schwere Apparat mit einem Handkübel war eine Eismaschine, mittels welcher man mit Leichtigkeit Eis erzeugen kann, indem man durch Luftverdünnung Kälte erzeugt.

Ellen konnte ihren Freundinnen erhalten bleiben.

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