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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 7
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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6.

Der Ueberfall der Indianer.

»Wehe Ihnen,« rief Don Alappo, außer sich vor Entrüstung, als er dem kaltlächelnden Hauptmanne gegenüberstand. »Das Blut, welches wegen dieser Ihrer Handlung fließen wird, komme über Sie! Sie bringen Unglück über mich und mein Haus, denn der springende Panther glaubt, ich habe meine Hand zu Ihrem Streiche geboten.«

»Seien Sie unbesorgt und machen Sie nicht so viel Aufhebens wegen der Festnahme eines erbärmlichen Indianers!« entgegnete der Hauptmann. »Vorläufig bleibe ich mit meinen Leuten bei Ihnen und gehe nicht eher, als bis ich die Ruhe wiederhergestellt habe. Frisch, Musikanten, spielt auf, wir wollen uns in unserem Vergnügen nicht stören lassen!«

Die militärischen Musiker waren an dergleichen Fälle gewöhnt, sie mußten ja auch während der Schlacht spielen. Aber so lustig die Klänge auch durch den Garten schmetterten, der Frohsinn war gelähmt, die Gäste konnten nicht mehr auf dem Rasenplatze tanzen, sondern standen in Gruppen zusammen und besprachen flüsternd das Vorgefallene.

Don Alappo eilte nach der Kammer, wo der Häuptling gefangen lag, und wollte die Tür öffnen. Sie war verschlossen.

»Aufgemacht!« schrie der in seinem Rechte verletzte Hausherr und donnerte gegen die hölzerne Tür.

»Wir haben den strengen Befehl, niemanden zu dem Gefangenen zu lassen,« antwortete drinnen einer der Soldaten.

»Was, ihr wollt mir, dem Besitzer dieses Hauses, den Zutritt in meine Räumlichkeiten verweigern?« rief der Haziendero empört. »Bei allen Heiligen, öffnet, oder ich lasse die Tür sprengen und euch durch meine Diener aus dem Fenster werfen.«

Diese Drohung wirkte; die beiden Soldaten wußten, daß Don Alappo keine leere Drohung sprach. Sie öffneten die Tür, und der Haziendero trat ein.

»Häuptling,« redete er den auf einer Bank bewegungslos liegenden Indianer an. »Bei dem Gott meiner Väter, ich bin unschuldig, daß du gefangen worden bist. Glaubst du mir das?«

Der Indianer antwortete nicht, rührte sich nicht, öffnete nicht einmal die Augen, auch dann nicht, als Don Alappo ihn an der Schulter rüttelte. Er stellte sich schlafend, schlief aber natürlich nicht. Die Hände waren ihm auf den Rücken gebunden, die Füße waren frei.

Noch mehrmals versuchte Don Alappo, den Indianer zu überzeugen, daß er an dessen Gefangennahme unschuldig war, daß sie gegen seinen Willen ausgeführt worden sei. Aber der Häuptling schien ihn nicht zu hören.

Schließlich mußte der Haziendero seine Bemühungen aufgeben, wohl wissend, daß er jetzt in dem Häuptling einen Feind für immer bekommen habe. Gern verließ er das Zimmer, denn er fürchtete schon immer, daß, wenn der Häuptling zu sprechen anfinge, er von dem sich als Freund ausgebenden Manne fordern würde, ihm die Banden zu zerschneiden und die Freiheit zu schenken; dies zu tun, ging aber über die Macht des Haziendero.

Durch die Befreiung des Gefangenen ward er selbst straffällig, denn der Häuptling war von einem Beamten der Regierung gefangen genommen worden, und der Befreier wurde geächtet.

In gedrückter Stimmung verließ er das Gemach und begab sich in den Garten zurück, nachdem er den beiden Soldaten vorher noch mit recht deutlicher Stimme befohlen hatte, so daß es der Häuptling hören mußte, es dem Gefangenen an nichts fehlen zu lassen.

Auch diese List war vergeblich gewesen, der Indianer lag bewegungslos wie ein Block auf der Bank.

Im Garten traf Alappo zwei Männer, welche sich eben von ihren Rossen, halbwilden Mustangs, schwangen und diese am Gartenzaun anbanden.

Der eine der Männer war groß, knochig und sehr mager, fast wie ein Gerippe anzusehen, aber dabei äußerst kräftig gebaut, der schmale Mund, die eigentümlich geschlitzten und doch großen Augen und besonders das straffe, schwarze Haar verrieten, daß er von einem Indianer, ebenso aber die helle Haut, daß er auch von einem Weißen abstamme. Er war also ein Mestize, das Kind eines Spaniers und einer Penchuenchin.

Hätte er nicht noch ein Jagdhemd über dem Oberkörper getragen, so wäre er wie ein Indianer bekleidet gewesen. An die Mokassins hatte er riesige, stählerne Sporen geschnallt, an Waffen führte er nur einen Revolver und das Messer im Gürtel. Ueber die Schulter schlang sich ein kunstvoll geflochtener Lasso, der fast doppelt so lang war, wie die gewöhnlichen.

Sein Genosse war ebenso ausgerüstet, nur trug er einen einfachen Lasso. Er war von kleinerer Statur, machte aber einen ritterlicheren Eindruck, als sein knochiger Gefährte.

Der größere hatte soeben von einem Gaste, einem benachbarten jungen Haziendero, das Vorgefallene erfahren, brach in ein kurzes, rauhes Lachen aus und wünschte dann mit einem Fluche alle hier versammelten Dummköpfe, wie er sich ungeniert ausdrückte, zur Hölle. Dann wandte er sich an seinen Begleiter und sprach leise mit diesem.

»Wer ist dieser ungehobelte Kerl?« fragte der Hauptmann den Sohn Alappos.

Dieser warf dem Frager einen finsteren Blick zu.

»Juba,« antwortete er, »ein Mestize, von den Indianern Riata genannt, wegen seiner Geschicklichkeit im Lassowerfen. Seinen Begleiter kenne ich nicht, sehe ihn überhaupt hier zum ersten Male.«

Der Hauptmann wollte noch mehr Fragen an Pedro stellen; dieser wandte sich jedoch kurz ab und ging zu der ängstlich gewordenen Mercedes.

Riata ist in Südamerika der Ausdruck für Lasso, vom spanischen Mata kommend, was soviel als Strick, Schlinge bedeutet.

Don Alappo eilte auf die Ankömmlinge zu.

»Ein Glück, daß du gerade jetzt hierherkommst, Juba Riata,« rief er, »du hast schon erfahren, was passiert ist? Gehe zum Häuptling und beschwichtige ihn! Sage ihm, daß seine Gefangennahme nur von kurzer Dauer sein soll, ich werde mich für ihn verwenden, er soll mich auch fernerhin für seinen Freund halten.«

Juba Riata, der Lassowerfer, stand mit den Indianern auf vollkommen freundlichem Fuße, er hatte bei einem Stamme sogar eine Hütte stehen, aber er lebte für sich, fast nur von der Jagd, und diente gelegentlich auch reisenden Weißen als Führer. Er war ein Mann, der ungebundene Freiheit über alles liebte; nicht einmal das Leben unter den Indianern bot ihm freie Bewegung genug. So lebte er ganz unabhängig für sich, überall, bei Weißen, wie bei Indianern in hohem Ansehen stehend, alle bewarben sich um seine Freundschaft.

»Die Pest über euch alle zusammen,« rief der Schwarzhaarige, »wenn ich eine Dummheit gemacht habe, so muß ich sie auch allein auslöffeln. Juba Riata wird sich hüten, sich einzumengen; der Lasso der Regierung ist ihm zu lang, er geht ihm aus dem Wege. Komm', Don,« wandte er sich an seinen Gefährten, »unter solche Dummköpfe passen wir nicht.«

Er war mit einem Satze auf seinem Pferde, sein Kamerad folgte ihm.

»Gib mir wenigstens einen Rat, wie ich den Häuptling versöhnen kann,« bat Don Alappo, welcher vor seinem Auge schon ein schreckliches Unglück aufsteigen sah.

»Befreie ihn, nimm die Soldaten gefangen und liefere sie ihm aus, dann ist er versöhnt,« entgegnete Juba Riata vom Pferde herab.

»Wie könnte ich das?«

»Dann töte den springenden Panther und seinen ganzen Stamm, nur so bist du vor seiner Rache sicher. Glaubst du, ich würde den nicht strafen, in dessen Hause ich gefangen wurde, ohne daß er mir beisteht? Karamba, ich würde ihn nicht lange am Leben lassen.«

Er gab seinem Mustang die Sporen und verschwand mit seinem Gefährten zwischen den Aepfelbäumen im Dunkel des Abends.

»Da sehen Sie, was Sie angestiftet haben!« sagte der Haziendero vorwurfsvoll zu dem Hauptmann.

Dieser zuckte die Achseln.

»Das ist ein Mann, welcher die Sitten der Indianer genau kennt, er selbst ist einer.«

»Bah,« entgegnete der dicke Kapitän geringschätzend, »ein Schwarzseher und ein feiger Patron ist er, weiter nichts. Militär der chilenischen Regierung wird sich vor Indianern fürchten – lächerlich!«

Er gab den Befehl, wieder zu spielen, und dank der Bemühungen der chilenischen Offiziere, welche keck auftraten und nicht die geringste Besorgnis verrieten, sondern über alles Vorgefallene scherzten, gelang es, wieder Leben in die Gruppe zu bringen.

Es wurden Lanzen mit Fackeln um den Grasplatz herum aufgestellt, und als nur einmal der erste Tänzer sich wieder zu drehen begann, wurde die Fröhlichkeit nach und nach wiederhergestellt, wer noch niedergedrückt war, ließ es sich nicht merken, sondern schloß sich den anderen an. – – –

Der springende Panther lag noch immer bewegungslos auf der Bank. Er schien weder die Musik unten im Garten zu vernehmen, noch das Gespräch der beiden Soldaten, die ihm als Wächter beigegeben waren.

Diese waren äußerst übler Laune. Ihre Kameraden unten vergnügten sich bei Tanz und Wein, und sie saßen hier oben und schienen vergessen zu sein. Der einzige Besucher war Don Alappo gewesen, und der hatte auch nicht daran gedacht, ihnen Speise und Trank zu senden. Das Fenster war vergittert und führte außerdem auf einen menschenleeren Hof hinaus. Die Stube zu verlassen wagten sie nicht. Der Kapitän war ein gar strenger Mann, der an seinen Leuten wegen Verletzung der Disziplin nur zu gern ein Beispiel statuierte.

Als die Nacht anbrach, wurde es den beiden Soldaten aber doch etwas einsam.

»Ich gehe hinunter und schlage Lärm,« sagte einer, »und wenn es mir den Hals kostet. Sollen wir hier vielleicht verschmachten? Caracho!«

»Geh' wenigstens bis an die Treppe und sieh zu, ob du nicht eine Hausdirne vor die Augen bekommst. Sei nicht zu laut, du weißt, der verdammte Kapitän versteht keinen Spaß.«

»Unsinn,« brummte der erste mürrisch. »Kein vernünftiger Mensch kann verlangen, daß wir dieses roten Halunken wegen verdursten.«

»Es ist wahr, ein verdammter Streich ist es. Warum hat Gott nur diese Spitzbuben geschaffen,« philosophierte der zweite. »Das Gesindel kann nichts weiter als stehlen und rauben, das beste wäre, man schickte alle Indianer mit einem Male zur Hölle.«

»Ja, wenn das so schnell ginge; die Regierung wäre wohl auch damit einverstanden.«

»Wenn's weiter nichts ist,« sagte der zweite Sprecher, »ich wüßte wohl ein Mittel. Man ladet einmal alle Indianer zusammen zu einem Trinkgelage ein; kannst dich darauf verlassen, es fehlt kein einziger, denn Schnaps saufen sie gar zu gern, und man mischte ihnen eine ordentliche Dosis Gift hinein.«

»Hahaha,« lachte der erste. »Heh, springender Panther, was meinst du zu diesem Vorschlag? Würdest du wohl noch springen können, wenn du eine Unze Arsenik im Bauche hättest?«

Er rüttelte den Indianer roh an der Schulter, aber dieser rührte sich nicht.

»Du bist wohl noch betrunken von dem, was dir Donna Mercedes kredenzt hat?« rief der Soldat. »Natürlich, da hast du dich gleich toll und voll gesoffen. Pfui, du altes Vieh!«

Er verabreichte dem Häuptling einige derbe Fußtritte. Der Indianer schrie nicht, er veränderte auch sein Gesicht nicht, keine Muskel zuckte, aber er wurde durch die Fußtritte aus seiner alten Lage gebracht, er lag jetzt so, daß er mit dem Rücken, also auch mit den Händen der Wand zu lag.

»Ich gehe,« sagte der erste Soldat nochmals, »ich muß etwas zu trinken haben, oder ich verdurste.«

»Denke an mich!« rief der andere ihm nach, als jener die Tür öffnete und hinauslauschte.

In diesem Augenblicke heulte draußen ein Schakal zweimal auf. Unmerklich zuckte der Indianer zusammen.

»Huh, wie das Tier schreit,« sagte der Zurückgebliebene.

»Das ist nichts. Er streitet sich mit seinem Weibchen,« entgegnete der, welcher den Kopf zur Tür hinaussteckte, und verließ das Zimmer.

Noch einmal ertönte das Heulen des Schakals. Der Indianer stöhnte tief auf, wälzte sich etwas auf die Seite und zog die Beine an.

»Na, dir wird's wohl ungemütlich?« spottete der Soldat. »Möchtest du zu deinem Kollegen draußen, du Kojote?« Kojote ist der Steppenhund Südamerikas.

Der andere Soldat kam wieder herein, in der einen Hand einen Krug, in der anderen eine brennende Lampe haltend.

»Hier, trink!« sagte er. »Ich habe Glück gehabt. Unten traf ich den Verwalter, Fernando, glaube ich, heißt er. Er wußte schon, warum ich kam und holte mir den Wein hier, sagte auch, er würde gleich selbst heraufkommen und uns Essen und Karten bringen.«

»Wenn wir nur abgelöst würden!« knurrte der zweite Soldat, sich den Mund wischend.

»Dafür will er auch sorgen, und dann wollen wir das Versäumte nachholen.«

Die Musik spielte unten noch immerfort, man hörte Lachen, Rufe von tiefen Männerstimmen und Weiberkreischen – der Wein begann seine Wirkung zu tun – und auf der anderen Seite, welche dem Gebirge zu lag, erscholl ein lautes Heulen und Krächzen von Schakalen.

»Karacho,« fluchte der eine Soldat, »die Schakale sind vor Liebe toll, gerade so, wie die Menschen da unten.«

Er trat an's Fenster, sein Kamerad mit ihm, und beide blickten hinaus in die vom Mond schwach beleuchtete Nacht.

»Wahrhaftig, da unten schleichen sie herum. Hätte nicht geglaubt, daß sie sich so nahe an die Hazienda –«

»Heranwagten,« wollte er sagen, da aber legten sich um den Hals der beiden Soldaten zugleich zwei eiserne Hände, und die Köpfe wurden mit furchtbarer Gewalt zusammengeschlagen, noch einmal und zum dritten Mal. Lautlos, mit zerschmetternden Schädeln, sanken die Soldaten zu Boden, ihr brechendes Auge sah nur noch einmal in das vor Leidenschaft glühende Auge des Häuptlings, den sie verspottet und getreten hatten – er hatte sich wieder in den Panther verwandelt.

Da zuckte der Indianer zusammen und duckte sich wie zum Sprunge, die Tür öffnete sich, aber der springende Panther schnellte nicht dem Eintretenden entgegen, um ihn zu erwürgen, denn der Verwalter erschien im Türrahmen.

Der Häuptling beugte sich herab, ohne den Lauf des Rosses zu mäßigen.

Entsetzt prallte dieser zurück und ließ die in der Hand gehaltene Schüssel mit kaltem Fleisch und Brot zu Boden fallen.

»Jesus Christus!« stieß er mit bebenden Lippen hervor.

Hochaufgerichtet stand der Häuptling vor ihm.

»Der springende Panther hält sein Wort,« rief er. »Die weiße Senorita soll dein sein, und er holt sich das Weib, das ihm gefällt.«

Mit einem Satze stand er am Fenster und stieß den schrecklichen Kriegsruf der Penchuenchen aus, mit der Hand schnell auf den Mund schlagend und dadurch einen tremulierenden Ton erzeugend.

Fernando hatte den Kriegsruf der Penchuenchen schon oft gehört, aber noch nie in solcher Nähe. Bleich vor Schreck mußte er sich an die Wand lehnen.

Der Ruf des Häuptlings fand ein hundertstimmiges Echo. Ueberall tauchten wilde Reiter auf, auf flüchtigen Rossen der Hazienda zufliegend.

Der springende Panther nahm die Lampe und zerschmetterte sie am Boden, das Petroleum ergoß sich über die Bretter, fing Feuer, und im Nu standen die ausgedörrten Planken des Zimmers in Flammen. Der Indianer stürzte zur Tür hinaus, dabei den Verwalter mit fortreißend.

»Zeige dich nicht auf dem Hofe, sonst bist du verloren,« schrie er ihm ins Ohr, dann sprang er mit einem Satze die Treppe hinunter.

»Die Penchuenchen kommen,« gellte unten entsetzt der Schrei.

»Ins Haus hinein, zu den Waffen,« ertönte der Ruf des Kapitäns, aber alles wurde noch übertönt durch den Kriegsruf der Wilden.

Mindestens hundert Rosse waren es, welche von einer Seite gestürmt kamen und mit kühnem Sprunge über die hohe Fenz des Gartens setzten. Auf ihnen saßen wilde Gestalten mit fliegenden Haaren, in den Händen die langen Lanzen mit funkelnden Messern als Spitzen, und fort und fort tönte aus ihrem Munde jenes schreckliche, nervenerschütternde Gellen.

Mit Ausnahme der Soldaten dachte niemand an Verteidigung. Wohl wissend, wie sich die Indianer bei einem solchen Ueberfall verhielten, suchte alles Rettung in eiligster Flucht, aber nicht in das schon brennende Haus hinein, sondern in den nahen Apfelbaumwald. Denn ebenso schnell wie die Indianer kamen, verschwanden sie auch wieder. Was sich ihnen in diesen wenigen Augenblicken von Männern in den Weg stellte, wurde niedergemacht. Die Weiber wurden quer über die Pferde geworfen, und fort ging es dann wieder, in die Pampas zurück.

Kreischend eilten Frauen und Männer dem schützenden Walde zu, während die Soldaten in das Haus zu dringen versuchten, um in den Besitz ihrer Waffen zu kommen und Gebrauch davon machen zu können.

Aber den wenigsten gelang es.

Wie der Blitz waren die Penchuenchen über ihnen, und unter ihnen wie durch Zauberei der springende Panther auf seinem eigenen Mustang. Im Mondstrahl zuckten die Lanzenspitzen, und bei jedem Aufblitzen stürzte ein Soldat röchelnd zu Boden, mit seinem Blute das Gras färbend, auf dem er eben noch getanzt hatte.

Der springende Panther brauchte keine Waffen, wie der Wind fegte er über den Rasen, hinter ihm her eine Bande von Indianern. Er erreichte den Waldessaum, als eben eine Frauengestalt mit fliegenden Haaren in den Schutz der Bäume eilen wollte. Der Häuptling beugte sich herab, ohne den Lauf seines Rosses zu mäßigen, schlang das schwarze Haar der Fliehenden um die Hand, und bog sich noch weiter herab – ein Griff mit der anderen Hand, und das Mädchen lag quer über seinem Sattel.

Zugleich drückte er die Flanken des Rosses so mit den Schenkeln zusammen, daß es sich aufbäumte, sich auf den Hinterfüßen herumwarf und zurückgaloppierte.

»Mein Weib,« gellte da plötzlich eine Stimme, und ein Mann warf sich dem Pferde entgegen. »Gib mir Mercedes wieder, Räuber!«

Ein Revolver blitzte dem Häuptling entgegen, aber in demselben Augenblick stürzte Don Pedro, von der Faust des Indianers mächtig an den Kopf getroffen, zu Boden. Die Hand des springenden Panthers brauchte keine Waffe im Kampfe, sie glich einer furchtbaren Tatze.

Zurück jagte der Häuptling und mit ihm seine Genossen. Fast jeder hielt ein Mädchen in seinen Armen, die schönste Beute, welche sie machen konnten.

Da griff der springende Panther plötzlich an den Sattel und wirbelte im nächsten Augenblick eine an einem kurzen Lederriemen befindliche Kugel um seinen Kopf. Eben hatte der dicke Hauptmann das Haus erreicht, da brach er, wie vom Blitz getroffen, im Türrahmen zusammen – eine Leiche. Die von der nie fehlenden Hand des Häuptlings geschleuderte Kugel hatte ihm die Wirbelsäule zerschmettert.

Schnell, wie sie gekommen, waren die Wilden wieder verschwunden, noch ehe das brennende Haus die Gegend weithin mit seinen Flammen erleuchtete. Einige Schüsse wurden ihnen nachgesandt, ein Indianer verlor die Zügel und neigte sich mit gesenktem Kopfe schwer auf die Seite, als wolle er aus dem Sattel stürzen, aber auf einen Ruf des springenden Panthers waren ihm schon zwei andere zur Seite und hielten ihn, denn die Indianer lassen ihre Toten nicht in den Händen der Feinde.

Der Verwundete starb auf dem Pferde, ohne durch das leiseste Stöhnen seine Schmerzen verraten zu haben.

Nach und nach kamen die Geflüchteten wieder aus dem Wäldchen heraus, aber ach, welcher Jammer, als die Anwesenden gezählt wurden; gar viele wurden vermißt, und zwar hauptsächlich Mädchen. Pedro war trostlos, er hatte seine jungfräuliche Frau verloren; und das Eintauschen der geraubten Mädchen von den Indianern ist keine leichte Sache.

Auch die eben erst gerettete Miß Petersen war in den Händen der Entführer.

Aber wo waren denn die tapferen Soldaten, auf deren Schutz man sich verlassen und von denen man wenigstens eine sofortige Verfolgung erhofft hatte?

Nur kurze Augenblicke hatten die Verfolger sich sehen lassen, aber nur wenige Soldaten waren den tödlichen Lanzenstichen entgangen, und die waren auch noch in dem brennenden Hause umgekommen, als sie nach ihren Waffen gesucht hatten.

Außer zwei Soldaten waren alle tot oder lebensgefährlich verwundet, desgleichen zwei Gäste, vier zur Bedienung gehörende Männer, geraubt waren sieben Mädchen.

Außerdem vermißte man noch Fernando, den Verwalter, er war weder unter den Toten, noch unter den Lebenden zu finden.

Noch standen alle in ratloser Verzweiflung da, ohne einen Entschluß fassen zu können, als eine Reiterschar durch das Gartentür auf den freien Rasenplatz gesprengt kam.

Bei dem Bilde, das ihnen die Flammen des dem Einstürzen nahen Gebäudes zeigten, parierten sie entsetzt die Pferde.

Es waren Lord Harrlington, Hastings, Williams, Hendricks und John Davids, welche unter der Leitung eines Führers hierhergekommen waren, um Miß Petersen aufzusuchen. Die übrigen Herren waren in Valdivia zurückgeblieben, die Erfolge der Expedition ihrer Freunde abwartend.

In kurzen Worten wurde ihnen mitgeteilt, was geschehen war – Miß Petersen war also abermals der Fürsorge der Herren entgangen; die letzte der Vestalinnen war in der Gewalt der rohen Indianer.

»Ließ sich Miß Petersen ohne jeden Widerstand von den Räubern fortschleppen?« fragte Lord Harrlington den Erzähler, einen Beamten der Hazienda, der nicht, wie fast alle die übrigen, den Verlust einer geliebten Person zu beklagen hatte.

»Ich kann es nicht sagen. Jeder dachte in dem Augenblick nur an seine eigene Rettung,« war die Antwort.

Verächtlich musterte Harrlington die vor ihm stehende Gestalt und auch die anderen Spanier; in seinem eigenen Schmerz beachtete er nicht den Kummer des trauernden Vaters und des jungen Ehegatten. Es war ihm unbegreiflich, daß diese jetzt jammern konnten, anstatt Vorbereitungen zur Verfolgung der Indianer zu treffen.

»Wer schließt sich mir an, die Indianer zu verfolgen und Miß Petersen zu befreien?« wandte sich Harrlington an seine Begleiter.

Diesmal war es der sonst so schweigsame Lord Hastings, welcher das Wort nahm.

»Ich spreche für meine Freunde,« sagte der auf einem mächtigen, schwarzen Wallach sitzende Lord. »Uns alle hält nichts mehr ab, unser Leben zu schonen, wir stellen es in dem Dienste der Miß Petersen Ihnen zur Verfügung, James.«

Die Stimme des Lords klang seltsam, fast klagend.

»Ich danke Ihnen! Und wer von Ihnen will sich mir anschließen?« wandte sich Harrlington an die Spanier.

»Auch wir wollen natürlich die Räuber verfolgen,« nahm Don Alappo schmerzerfüllt das Wort, »aber so schnell geht das nicht. Wir müssen erst militärische Hilfe erwarten und uns Tauschartikel verschaffen. Ohne diese können wir nichts gegen die Indianer ausrichten.«

»Ich bin anderer Meinung,« entgegnete Harrlington unwillig, »wir brechen sofort auf.«

Die Herren stimmten ihm bei und machten keinen Versuch mehr, die Spanier zum Mitkommen zu überreden.

»Kannst du uns den Weg führen, den der springende Panther mit seiner Beute eingeschlagen hat?« fragte Harrlington den mitgenommenen Führer.

»Auf so etwas lasse ich mich nicht ein,« erwiderte dieser erschrocken, »außerdem bin ich nur Führer zwischen der Küste und dem Gebirge. Im Gebiete der Penchuenchen, in den Pampas will ich nichts zu tun haben.«

»Feigling!« murmelte Hastings in den Bart.

»Seht ab von diesem Versuche,« warnte Don Alappo, und die anderen wollten ihm beistehen, wurden aber unterbrochen.

»Wah!« schrie in diesem Augenblick eine rauhe Stimme an der Gartentür, und man sah Juba Riata neben seinem Begleiter zu Pferde halten. »Der springende Panther hat sich schneller gerächt als ich dachte. Liegt dort nicht der dicke Capitano, Don? Dem Fettkloß ist recht geschehen, allen heimtückischen Schuften soll es so ergehen.«

»Das ist der Mann, den Ihr braucht, Senor,« flüsterte der Führer Harrlington zu.

Die Herren ritten sofort zu ihm und fragten ihn, ob er als Führer in den Pampas dienen wolle.

»Ich diene nie,« war die stolze Antwort.

»Ihr sollt uns führen.«

»Gut. Habt Ihr Tauschwaren bei euch?«

»Nein, doch wir haben Freunde, welche uns nachfolgen und Tauschwaren mitbringen werden.«

Riata besprach sich mit seinem kleinen Gefährten, den er Don nannte.

»Ich traue euch,« sagte er dann laut, »und ich bin bereit, euch zu führen. Was wollt ihr vom springenden Panther, meinem Freunde?«

»Eine Dame, die er geraubt hat.«

»Nur eine?«

»Ja, auf diese kommt es uns hauptsächlich an.«

Wenn ihr dem springenden Panther Tauschwaren versprecht, so werde ich für euch gutsagen, werdet ihr aber auch euer Wort mir gegenüber halten?«

»Wir werden es.«

»Gut, ich traue euch,« wiederholte Riata und besprach sich abermals leise mit dem Don.

»Was für Waffen habt ihr bei euch?« fragte er dann und überzeugte sich selbst davon, daß dieselben in Revolvern, Jagdmessern und Winchesterbüchsen bestanden.

»Wollt ihr mir unbedingt folgen, und mir auch gehorchen, selbst wenn ihr die Zweckmäßigkeit des Befehls nicht einsehen könnt?«

»Ja.«

»Gut, so steige dieser Senor ab,« er deutete auf John Davids, der ein weißes Roß ritt, »und tausche sein Pferd um. Don Alappo wird ihm ein anderes geben. Schimmel sind in den Pampas nicht zu gebrauchen. Sie werden zu weit gesehen.«

John Davids stieg gehorsam ab, und Don Alappo »verschaffte ihm ein anderes Pferd.

»Ich schreibe meinen Freunden, zweiundzwanzig Mann, daß sie nachkommen und Tauschartikel mitbringen,« sagte Harrlington zu dem Mestizen.

Wieder besprachen sich die beiden Jäger leise.

»Tu' so,« war dann die kurze Antwort.

Harrlington riß ein Blatt Papier aus seinem Notizbuch, schrieb darauf, was hier vorgefallen war, und bat seine Freunde, mit Tauschwaren, welche der Ueberbringer des Schreibens bestimmen würde, sofort nachzukommen. Wenn auch nicht alle sich der Expedition anschlössen, möchten doch einige dem Lord als Freunde beistehen.

»Wer soll dieses Schreiben überbringen?« fragte Harrlington den Mestizen.

Dieser musterte mit durchdringendem Blicke den Führer.

»Der Mann da,« sagte er, nahm ihn zur Seite und sprach lange mit ihm, hauptsächlich wegen der mitzunehmenden Geschenke.

»Und wenn du hier wieder angekommen bist,« schloß Riata, »bist du deines Amtes enthoben; du feiger Schlingel, wagst dich doch nicht in die Pampas. Ein anderer Führer wird dich ablösen. Aber wage nicht, mich zu hintergehen. Du kennst mich und weißt, daß ich nicht eher ruhen würde, als bis mein Lasso dich erreicht hätte und ich dich hinter meinem Pferde schleifte.«

Demütig versicherte der Führer, daß er sein möglichstes tun werde, alles schnell auszurichten.

»Getrauen sich die Senores noch heute nacht zu reiten?« fragte Riata die Herren.

»Jede Minute Verzögerung ist schädlich, wir sind bereit!« riefen alle gleichzeitig.

Riata ließ sich einige Ledersäcke mit getrocknetem Fleische geben, ferner Vorräte von Tee, Salz, Tabak und so weiter, auch einige Töpfe, verteilte alles gleichmäßig, und die kleine Kavalkade verließ die Hazienda, von den erstaunten Blicken der Spanier begleitet.

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