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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 49
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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48.

Der Priester Huitzilopochtlis.

Das quadratische Gemach, von ziegelroten Wänden eingefaßt, leuchtete im Scheine eines Feuers blutigrot auf. Dicker Rauch stieg wirbelnd zu der nicht sichtbaren Decke auf, wo er einen Ausweg zu finden schien, und malte an der Wand seltsame Schatten. Rote Lichter zuckten darüber hin, grausige Gestalten spiegelten sich ab, und selbst der Schatten des jungen Indianers, welcher seine Rede mit Gestikulationen der Arme begleitete, veränderte sich fortwährend, bald wachsend, bald wieder fast verschwindend, je nachdem die Flammen hoch emporschlugen oder zwischen die Holzscheite zurücksanken.

Der junge Indianer in dem malerischen Kostüm war Sonnenstrahl, und als ein solcher paßte er nicht in dieses unheimliche Gemach, dem man es sofort ansah, daß es ein altes Grabgewölbe war, ebensowenig, wie Waldblüte hierherein gehörte. Das Mädchen kauerte neben einem Lager aus geflochtenen Binsen und schaute mit unverwandten Augen den Sprecher an, einmal durch leises Kopfneigen ihren Beifall zollend, dann wieder, wenn des Bruders Stimme drohend klang, die Augen mit erschrockenem Ausdruck noch fester als zuvor auf ihn heftend.

Der, zu dem der Indianer sprach, war hier eher am Platze, ja, man hätte ihn für ein Ueberbleibsel der alten Azteken halten können, für eine Mumie, welche hier seit Jahrtausenden schlummerte und noch so lange sich erhielt, bis auch die Balsamierung sie vor dem Zerfall nicht mehr schützte, wenn nicht die glühenden Augen, in denen sich das Feuer spiegelte, Leben verraten hätten.

Dieses Geschöpf hockte auf einem Binsenlager in jener Stellung, wie man sie bei den mexikanischen Mumien gewöhnlich vorfindet; es saß auf den Schenkeln, die Knie waren dicht zusammengerückt, und die Füße spreizten sich nach beiden Seiten, eine für den Ungewohnten sehr unbequeme Stellung.

Es war Arahuaskar, der so regungslos dahockte, den Oberkörper zugleich auf Schenkel und Arme gestützt, den Totenschädel vorgeneigt und mit glühenden Augen den Sprecher betrachtend. Ein leichtes Gewebe umhüllte die ganze Gestalt, aber es war so dünn, daß man jedes Glied darunter erkennen konnte.

Sonst befand sich niemand in dem Gemach, welches weder Tür noch Fenster besaß. Der Raum konnte nur durch künstliches Licht erhellt werden.

Sonnenstrahl suchte so zu sprechen, wie es einem jungen Krieger geziemt, ernst und leidenschaftslos, aber nur zu oft brachen Heftigkeit und Bitterkeit hindurch.

Arahuaskar sprach, ohne eine Miene zu verändern, seine Worte klangen kalt und überlegt.

»Du bist ein Tor, Sonnenstrahl,« sagte der Alte. »Bedenke, was dich in wenigen Tagen, vielleicht morgen schon, erwartet. Tausende von Indianern werden dir zujubeln, man wird dich auf den Schild heben und dich den Weibern und Mädchen mit den Worten zeigen: ›Seht, das ist unser König, er wird die Blaßgesichter aus unseren Jagdgründen vertreiben; sein Tomahawk ist scharf und fehlt nie, seine Hände rauchen von Blut!« Aber das erste, was man von dir verlangt, ist, daß du eine Probe deines Könnens ablegst. So lange du nicht jedem deiner Anhänger zu genügend vielen Skalpen verholfen hast, daß er seinen Gürtel damit zieren kann, darfst du auch nicht auf sie bauen. Zeige es ihnen, mache schon jetzt den Anfang! Es ist dir ein leichtes. Gib deinen Wunsch zu erkennen den alten Vater zu verstehen, und die Bleichgesichter sind in deiner Hand, sie sind wie Schafe im Stalle zusammengepfercht. Dann schicke jenen die Schwester und laß ihnen sagen, die Skalpe der Bleichgesichter gehörten ihnen; das ist der Anfang deiner Laufbahn.«

Finster hatte der junge Indianer zugehört.

»Nimmermehr!« rief er dann heftig. »Waldblüte und ich haben die beiden Mädchen in Schutz genommen und ihnen versprochen, auch über ihre Freunde zu wachen. Soll Sonnenstrahl sein Wort brechen? Nein, er tut es nicht, er müßte sich sonst selbst verachten.«

»Dein Wort gilt nicht mehr, du hast nur noch der Stimme des Volkes zu gehorchen,« unterbrach ihn der. Alte streng. »Ich habe nicht geglaubt, bei dir auf solchen Widerstand zu stoßen. Warum gabst du mir deine Gesinnungen nicht schon früher zu erkennen? Ich hätte Maßregeln getroffen, sie auszurotten.«

»Wir sind nie mit denen zusammengekommen, welche du uns zu hassen gelehrt hast,« warf Waldblüte ein.

»Schweig!« herrschte Arahuaskar sie an, »Ihr brauchtet sie nicht zu sehen. Meine Schilderungen und die des alten Vaters mußten genügen, euch den Haß einzuimpfen, den ihr gegen sie hegen sollt. Doch ich bereue jetzt, nicht anders gehandelt zu haben. Ich hätte mir denken können, daß ihr, klug im Hören, aber unerfahren im Sehen, beim ersten Verkehr mit den Bleichgesichtern einen günstigen Eindruck von ihnen bekommen mußtet. Genau so ging es meinen Vorfahren, und das war der Grund, daß sie unterlagen. Leutselig kamen ihnen die ersten Spanier entgegen, sie versicherten sich ihrer Freundschaft, lehrten sie nützliche Sachen und zeigten ihnen, wie sie ihre Handwerkszeuge besser benutzen konnten und nicht mehr selbst den Pflug zu ziehen brauchten, sondern Pferde davorspannen mußten. Vertrauensvoll nahmen die Indianer die Fremdlinge in ihre Häuser auf, sie glaubten, die Götter wären auf die Erde herabgekommen und bei ihnen eingekehrt. Aber bald zeigte sich, wen sie aufgenommen hatten. Die unersättlichste Gier brach bei den Fremdlingen hervor, sobald sie den Reichtum ihrer Wirte an Gold bemerkten, und als erst einmal diese eine Sucht erregt worden war, kamen noch viele andere der scheußlichsten Art zum Vorschein. Sie begnügten sich nicht damit, durch allerlei unredliche Mittel in den Besitz der Schätze eurer Vorfahren zu kommen, sie raubten dieselben, nahmen sie fort, ohne erst zu fragen, und wurden sie von den Besitzern versteckt, so wurden diese auf die entsetzlichste Art gemartert, bis sie das Versteck angaben. Von wem haben die Indianer die Grausamkeit gelernt? Von den weißen Fremden. Die fremden Gäste haben ihre Weiber und Kinder geschändet, sie haben ...«

Sonnenstrahl machte eine abwehrende Handbewegung.

»Ich weiß es,« sagte er nachlässig, »der alte Vater hat es uns oft genug erzählt. Aber sag', Arahuaskar, wie kommt es, daß der alte Vater und die weiße Frau obgleich sie selbst Weiße sind, die Bleichgesichter hassen und sich auf die Seite der Indianer stellen?«

»Weil sie einsehen, daß diesen Indianern von den Fremden Unrecht geschieht, wie ihnen selbst von ihren eigenen Brüdern und Schwestern Leid zugefügt worden ist. Deshalb stellen sie sich auf unsere Seite, auch sie wollen, daß du als Häuptling die Krieger zum Kampf rufst. Der alte Vater hat dich erzogen, er weiß, daß du befähigt bist, die Indianer zum Siege zu führen. Wie oft hat er nicht gesagt, wir brauchten nur einen Führer, dem alle gehorchten, und wir müssen siegen, oder,« – Arahuaskar dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern herab – »oder wir fallen alle.«

»Gut, du sagst also, auch ein Weißer kann sich gegen seinen Bruder erheben,« entgegnete Sonnenstrahl mit Nachdruck, »wenn ihm ein Unrecht zugefügt worden ist, was seine Rache herausfordert. Gibt es nun nicht Indianer, welche Grund haben, ihre Brüder zu hassen, also auf der Seite der Bleichgesichter gegen uns kämpfen?«

»Es kann solche Indianer geben. Falsche Lehrer haben ihnen gesagt, es brächte ihnen Ruhm, wenn sie ihren Brüdern die Skalpe nähmen. Die meisten sind jedoch schon eines Besseren belehrt worden, sie haben, unter sich den Tomahawk begraben und schwingen ihn nur noch gegen die Bleichgesichter.«

»Es kann aber auch noch andere Gründe geben, aus welchen ein Indianer den anderen haßt.«

»Es gibt keine. Sie alle müssen schweigen vor der Rache der Indianer gegen die Fremdlinge.«

»Warum bewacht denn jener Indianer in der Ruine unseren Schmalhand Tag und Nacht, damit er nicht entweicht? Warum spähst du nach einer Gelegenheit, ihn durch deine Diener den Händen jenes entreißen zu lassen? Warum hassest du den fremden Indianer und hast ihm den Tod geschworen?« fragte jetzt Sonnenstrahl direkt.

Arahuaskars Züge verfinsterten sich; seine Augen glühten unheimlich auf.

»Stahlherz ist kein Indianer mehr, er ist ein Verräter, denn er hält zu den Weißen. Sein Ohr ist unempfindlich gegen die Einflüsterungen, die ich ihm zukommen ließ. Er haßt uns, und darum hasse ich auch ihn. Er stirbt als erster unserer Feinde.«

»Warum haßt er uns?« fragte Waldblüte. »Ich habe ihn beobachtet, er gefällt mir.«

»Er muß uns hassen, die Weißen haben ihm Gift in die Adern gespritzt,« war die ausweichende Antwort.

»Er muß Schmalhand kennen, und dieser muß ihm etwas Böses zugefügt haben, sonst würde er ihn nicht so sorgsam pflegen, bis er sich so weit erholt hat, daß er die Marter ertragen kann.«

»Er wird ihn nicht martern,« entgegnete Arahuaskar höhnisch, »noch heute wird Schmalhand ihm entzogen werden. Mag er dann schäumen vor Wut. Auf dem Altar des Huitzilopochtli wird er seinen Feind um Erbarmen anbetteln, denn da er mit den Bleichgesichtern verkehrt, hat er auch verlernt, seinen Tod mit Gelassenheit zu ertragen.«

Eine lange Pause trat ein, jeder der drei war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

»Auch einen unseres Stammes willst du opfern?« fragte dann Sonnenstrahl vorwurfsvoll.

»Stahlherz ist kein Indianer mehr; er schändet diesen Namen,« wiederholte Arahuaskar. »Huitzilopochtli wird wohlgefällig auf uns herabschauen, wenn das Blut dieses Verruchten vergossen wird.«

Die beiden Geschwister mußten schon zur Genüge darauf vorbereitet worden sein, daß in den nächsten Tagen, wahrscheinlich zur Feier ihrer Erhebung, Menschenopfer stattfinden sollten; sie zeigten weder Abscheu noch Schrecken darüber, gleichgültig hörten sie, wie Arahuaskar davon sprach.

»Das wäre erst einer, und du redetest von vielen Opfern; es müßten so viele Weiße geschlachtet werden, wie Häuptlinge hier zusammenkämen, und zwanzig sind schon eingetroffen. Woher willst du die Opfer bekommen? Ich sehe noch keine.«

»Sie werden zur rechten Zeit da sein. Für jeden Häuptling, ja, womöglich für jeden anwesenden Indianer, muß ein Mensch geschlachtet werden, denn das Herz des Opfers gibt ihnen Kraft und Mut, die Brüder der Geschlachteten können nicht einmal den Atem des Mundes ertragen, welcher das Herz gegessen hat.«

»Es mag sein, ich bin damit einverstanden, denn ich sehe ein, daß wir uns Huitzilopochtli günstig stimmen müssen, wollen wir siegen. Aber,« und Sonnenstrahl richtete sich hoch auf, »die Bleichgesichter, welche unsere Mauern bewohnen, bleiben verschont. Ich habe den beiden Mädchen versprochen, ich würde sie beschützen, und ich werde es auch tun. Kein Haar soll ihnen gekrümmt werden.«

»Tor!« rief Arahuaskar. »Sie werden von hier gehen und gegen uns kämpfen. Jetzt sind sie in unserer Hand.«

»Und ich halte mein Wort. Im offenen Kampfe will ich mich mit ihnen messen, so lange sie aber bei uns sind, sind sie meine Freunde. Schwöre mir, Arahuaskar, daß du sie schonen willst!«

»Und wenn ich es nicht tue?«

»Dann sieh dich nach einem anderen Häuptling um! Tritt du selber an die Spitze der Krieger und führe sie an,« lachte Sonnenstrahl höhnisch, »ich kann nicht mehr kämpfen, wenn ich mein Wort gebrochen habe; der Tomahawk ist mir dann zu schwer.«

Ueberlegend blickte Arahuaskar vor sich hin, dann flog ein schlauer Zug über sein runzliges Gesicht, doch unmerklich für Sonnenstrahl, wie für dessen Schwester.

»Es sei,« sagte er, »ich werde sie nicht opfern, aber meine Feinde bleiben sie doch.«

»Schwöre mir bei Huitzilopochtli, daß du sie ihm nicht opfern willst.«

»Ich schwöre beim allmächtigen Huitzilopochtli, ich werde sie nicht auf seinem Altar opfern. Sollte ich es aber doch tun, so will ich ihn niemals schauen, und er soll mich bis in alle Ewigkeit die Schmerzen des Marterpfahls schmecken lassen. Genügt dir dieser Schwur?«

»Er genügt mir,« sagte Sonnenstrahl freudig, und auch Waldblütes Auge leuchtete fröhlich auf. »Diesen Schwur wirst du halten. Wann sollen die Fremden die Ruine verlassen? Waldblüte wird ihrer weißen Freundin die Botschaft bringen, und sie werden ihr gehorchen.«

»Bis morgen abend müssen sie uns verlassen haben und weit genug entfernt sein, daß sie die Ruine nicht mehr sehen können, niemand darf sich mehr in der Nähe derselben aufhalten.«

»Ich werde dafür sorgen,« entgegnete Waldblüte.

»Und tun sie es nicht?« fragte Arahuaskar.

»So werden sie fortgescheucht, aber nicht mit Gewalt,« rief Sonnenstrahl. »Ihr Leben gehört so lange mir, bis der Krieg gegen alles, was weiß ist, begonnen hat.«

»Gut, so lange,« nickte Arahuaskar. »Nun schwöre auch du mir, daß du sofort, wenn du zum Oberhäuptling über alle Stämme erklärt worden bist und der Krieg aus dem Munde der versammelten Häuptlinge gebilligt worden ist, nichts schonen wirst, was feindlich gegen die Indianer gesinnt ist. Nichts soll dich dann mehr hindern, keine Freundschaft, keine Zuneigung, die Weißen zu töten und, wenn es Huitzilopochtli wünscht, sie auf seinem Altar sterben zu lassen.«

»Ich schwöre es bei Huitzilopochtli und bei allen Göttern,« sagte Sonnenstrahl feierlich.

»So werde ich die, welche du jetzt noch Freunde nennen darfst, ziehen lassen, und gehen sie nicht von selbst, sie durch meine Macht unverletzt davonjagen. Doch Stahlherz gehört schon jetzt mir. Ich muß Schmalhand wieder haben, und vermißt Stahlherz diesen, so bleibt er doch in der Ruine und forscht nach ihm. Deshalb werde ich mich seiner schon jetzt bemächtigen.«

»Stahlherz gehört dir.«

Sonnenstrahl nickte seiner Schwester zu.

»Gehe! Verkünde deinen weißen Freunden, daß sie die Ruine verlassen sollen. Ich werde über dir wachen, während du mit ihnen sprichst.«

Er und seine Schwester verbeugten sich tief vor Arahuaskar, aber ohne daß in dieser Bezeugung von Ehrfurcht wirklich solche zu lesen gewesen wäre. Sonnenstrahl legte die Hand an eine Stelle an der Wand. Diese schob sich plötzlich zur Seite und legte sich nach dem Hinausschreiten der beiden wieder in die Fugen, ohne durch eine Spur zu zeigen, daß hier ein Ausgang sei.

Als Arahuaskar allein war, änderte sich plötzlich sein bis jetzt ruhig gewesenes Gesicht. So alt und runzlig die Züge auch waren, noch immer konnten sich Haß und andere Leidenschaften darin abspiegeln. Jetzt verzerrten sie sich vor Haß und Hohn zu einer scheußlichen Fratze.

Er nahm den neben ihm liegenden Stock und fuchtelte damit in der Luft umher, fortwährend unverständliche Worte murmelnd.

Da kam ein schwarzer Gegenstand von irgendwoher geflattert, der zahme Rabe, der sich auf die Schulter des Greises setzen wollte.

»Arahuaskar, Arahuaskar,« krächzte er heiser.

Ein Stockhieb traf ihn.

»Huitzilopochtli,« kreischte er auf und verschwand wieder in der von Rauch verdunkelten Höhe.

»Ja, Huitzilopochtli,« sagte Arahuaskar mit grimmigem Lächeln. »Jetzt wird die Zeit kommen, da dein Name nicht nur beständig von den Raben gerufen wird; überall, wo sich die Zungen nur regen können, wird er bald erklingen, und deine Altäre werden sich von Blut röten. Wenn du die Nase in den aussteigenden Dämpfen des Blutes deiner Feinde vollsaugst, wirst du auch wieder gnädig auf uns herabblicken und unseren Waffen Sieg verleihen. Und meiner, allmächtiger Huitzilopochtli, wirst du dich auch erinnern, denn ich bin es, der deinen Namen wieder zu Ehren bringt. Vergiß mich nicht, Allmächtiger, und deine Altäre sollen von Blut triefen.«

Arahuaskar hatte sich in die Begeisterung hineingeredet. Mit strahlenden Augen blickte er in die Höhe, wo die Flammen blutigrote Bilder malten.

Dann huschte über sein Gesicht ein spöttisches Lächeln, doch die Ehrfurcht vor dem, mit welchem er sprach, unterdrückte es sofort wieder.

»Und auch du, Mexitli, wirst mit deinem Priester zufrieden sein. Auch dein Altar soll reichlich mit Blut besprengt werden, die Körper derer, die du hassest gleich mir, sollen auf deinem Altare im Todeskampfe zucken und sich winden.«

»Ja, das sollen sie,« sagte neben Arahuaskar ein Mann, der durch eine unsichtbare Tür auf der anderen Seite eingetreten war. »Diejenigen, die aus mir friedliebendem Menschen ein Raubtier gemacht haben, die mich vor aller Welt brandmarkten, sollen mein Ohr durch ihr Wehgeschrei ergötzen, daß sich die Götter daran werden können.«

Der alte Vater, wie er hier genannt wurde, war der Sprecher dieser Worte.

Wohl hatte er noch den freundlichen Blick der blauen Augen, der so entsetzlich gegen diese grausamen Worte abstach, aber sein übriges Gesicht drückte nur Haß aus, gepaart mit einer rücksichtslosen Energie, welche alles zu vernichten drohte, was ihn von dem Opfer seiner Rache trennte.

»Es ist gut, daß du kommst,« begrüßte ihn Arahuaskar, eine einladende Bewegung nach der Matte machend, auf welcher er saß. »Ich habe dich erwartet. Ist das weiße Mädchen zurück, von welchem du gesprochen hast?«

»Noch nicht, ich erwarte die Dame stündlich.«

»Dürfen wir ihr auch trauen? Ein Verräter könnte uns fürchterlich werden.«

»Sie ist treu. Auch sie hat Ursache, die zu hassen, welche wir hassen. Sie ist beredt und kennt die Indianer, wir werden von ihr vielen Nutzen haben.«

»Die Indianer, welche sie geworben hatte, werden von den Weißen verfolgt, die hier in der Ruine leben?«

»Nur einige folgen ihnen und auch dem weißen Mädchen, das sich bei jenen befindet.«

»Weißt du, daß alle Weißen bis morgen abend die Ruine verlassen haben müssen?«

»Sonnenstrahl sagte es mir vorhin.«

»Sprach er auch davon, daß er den Grund dazu gab?«

Der Alte zuckte die Achseln.

»Man muß ihnen nachgeben,« entgegnete er vorsichtig. »Es hängt jetzt alles davon ab, daß er die Rolle so spielt, die wir ihm beigebracht haben. Weigert er sich, so kann unser ganzes Bemühen fruchtlos gewesen sein, wir können die Versprechungen nicht halten, die wir den Indianern gegeben haben. Nur Sonnenstrahl ist die geeignete Person, die allen Anforderungen entspricht, jung, stark, kühn, und schier dasselbe gilt von Waldblüte.«

»Darum gab ich ihm nach.«

Der Weißkopf warf dem alten Indianer einen mißtrauischen Blick zu, er schien ihm nicht zu glauben.

»Und Schmalhand?« fragte er dann. »Wir müssen ihn aus den Händen von Stahlherz befreien. Wehe uns, wenn er uns verrät! Es ist schon schlimm genug, daß jener ihn erkannt hat, er bewacht ihn wie seinen Augapfel. Plaudert Schmalhand, so ist alles verloren. Wir können uns wohl retten, weil wir schon genug sind, aber erreichen können wir nichts mehr. Alles wird im Keime erstickt.«

»Schmalhand ist ein Diener Huitzilopochtlis,« entgegnete Arahuaskar stolz, »er kann sterben, ohne gesprochen zu haben. Es war nicht gut, daß du ihn jenem weißen Mädchen zur Verfügung stelltest, er wäre uns nicht verloren gegangen.«

»Es verlangte einen treuen Mann, und ich gab ihm Schmalhand. Dieser ist uns auch noch nicht verloren. Ich weiß sehr wohl, wie nützlich er uns sein kann.«

»Wie gedenkst du, ihn zu befreien?«

»Ich werde nachher den Versuch machen. Stahlherz ist immer allein in jener Kammer, er duldet nicht einmal, daß einer seiner Freunde hineinkommt, mit Ausnahme eines Mannes, seitdem unsere ersten Versuche, ihm Schmalhand abzunehmen, mißglückt sind. Die Diener wollten sich nicht dem Streiche seines Tomahawks aussetzen. Da Gewalt nichts zu nützen scheint, so werde ich nun eine List anwenden. Ich verspreche dir, daß Schmalhand noch heute abend wieder in unserer Mitte ist und,« fügte der Alte leise hinzu, »Stahlherz wahrscheinlich auch.«

Arahuaskars Augen leuchteten auf.

»Bestimmt?«

»Ich will es versuchen.«

Dem alten Indianer mußte viel daran liegen, Schmalhand und Stahlherz in seine Gewalt zu bekommen.

Ein höhnischer Gesichtsausdruck verzerrte seine an sich schon so häßlichen Züge.

»Die Gräber der Azteken sind gefüllt mit Leuten, die alle nicht mehr sprechen können,« sagte er. »Aber es ist noch Platz für mehr darin. Doch nein, Huitzilopochtli wird Wohlgefallen an dem Blute des Abtrünnigen haben.«

»Du willst ihn opfern?«

»Warum nicht?«

»Stahlherz ist ein Indianer.«

»Aber er hat das Herz eines Weißen.«

»Er ist allen Häuptlingen bekannt, die hier zusammenkommen.«

»Er ist von allen gehaßt.«

»Der Indianer achtet auch an dem Mut und Tapferkeit, den er haßt, und Stahlherz besitzt diese Tugenden.«

»So meinst du, Stahlherz sollte nicht geopfert werden?«

»Wenigstens nicht, daß die Häuptlinge darum wissen.«

Arahuaskar lachte höhnisch auf.

»Selbst Sonnenstrahl ist damit einverstanden. Hihihi« kicherte der Alte, »wenn er davon wüßte!«

»Wehe uns dann!« rief der Graukopf erschrocken.

»Sonnenstrahl ist erst halb auf unserer Seite. Er hat oft noch seine eigenen Ansichten, mit denen er durchdringen will, und diese sind nicht nur töricht, sondern oft sogar gefährlich. Ich bin manchmal besorgt.«

Auch der alte Vater blickte nachdenklich vor sich hin.

»Und doch ist er zu der Rolle, die er spielen soll, wie geschaffen.« sagte er dann. »Das erste muß sein, daß er die Macht voll zu spüren bekommt, über welche er verfügt. Eine Schilderung hilft nichts, er kann sie nicht fassen, aber die Wirklichkeit wird ihn berauschen, und dann wird er zu allem fähig sein.«

»Das hoffe auch ich,« entgegnete Arahuaskar, »und im Rausche seines Machtbewußtseins soll er tun, wodurch er nie wieder zurück kann.«

»Was wäre das?«

»Er opfert, wenn er zum Häuptling erhoben worden ist, mit eigener Hand Stahlherz.«

Wieder erschrak der Weiße.

»Und dann?«

»Dann erfährt er, wer Stahlherz gewesen ist.«

»Das kann uns gefährlich werden.«

»Nein, der Jüngling wird dann nichts mehr scheuen, es bleibt ihm dann nichts mehr übrig, als sich ganz dem Gotte hinzugeben und nur dafür zu sorgen, daß das Blut an dessen Altar nie zu stießen aufhört, nicht eher, als bis der letzte Weiße verblutet ist.«

Die Lippen fest zusammengepreßt, stand der alte Gelehrte lange Zeit regungslos da und blickte mit starrem Auge in das zuckende, dem Erlöschen nahe Feuer.

»Ich möchte,« begann er leise wieder, und seine Augen nahmen mit einem Male einen ganz anderen Ausdruck an, »Sonnenstrahl hätte ein weniger edles Herz. Früher habe ich mich darüber gefreut, ich habe versucht, es ihm zu erhalten, aber jetzt sehe ich, daß es uns zum Nachteil ist. Wir hätten gleich jede bessere Regung in ihm ersticken sollen, und vor allen Dingen hätte er nicht in beständiger Gesellschaft von Waldblüte auferzogen werden dürfen.«

»Bis jetzt hat uns dieses edle Herz noch nicht geschadet,« entgegnete Arahuaskar spöttisch, »er wird noch zu lenken sein.«

»Nein!« rief der Weiße und warf auf den Alten einen seltsamen Blick. »Fordert er nicht, daß die Fremden, welche so lange den Tempel Huitzilopochtlis entweiht haben, in Sicherheit abziehen, ehe ihnen durch die Indianer Gefahr droht? Er weiß noch gar nicht, daß es gerade die sind, die er einst rücksichtslos vernichten, jetzt aber schon bis aufs äußerste hassen soll. Er nennt sie Freunde, weil sie Freunde jenes Mädchens sind, welches er hilflos im Walde fand, und welches sein Mitleid gleich so erregte, daß er es in Schutz nahm und mich und dich zum Helfen zwang. Ja, er zwang uns dazu,« fuhr er erregt fort, als Arahuaskar mit dem Kopfe schüttelte. »Du hättest ihm schon damals nicht nachgeben sollen. Ich habe ihm gesagt, es seien jene Feinde, die sein Volk unglücklich gemacht hätten, er aber entgegnete, jetzt seien sie hilfsbedürftig und nicht seine Feinde. Wer hat ihm solche Gedanken eingegeben?«

»Glaubst du, ich?«

»Ich weiß, daß du ihm kein Mitleid beigebracht hast, aber doch bist du hauptsächlich daran schuld, weil du ihm stets nachgabst, und ich mußte mich dann natürlich auch stets fügen. Und die Folge davon ist nun, daß wir diese Fremden ruhig abziehen sehen müssen, während wir sie so sicher hatten. Bedenke, Arahuaskar, wie gnädig Huitzilopochtli unserer Sache sein würde, wenn diese verruchten Fremden, junge, schöne Männer und Mädchen, auf seinem Altar verbluteten.

Arahuaskar stützte sich auf seinen Stock und wandte seinen Kopf langsam dem Sprechenden zu.

»Sie sollen es auch.«

»Wie?« rief der Weiße erstaunt und erfreut zugleich. »Du willst sie opfern? Hast du nicht geschworen?«

»Ich habe geschworen!«

»Ah so, ich verstehe, du meinst, ein anderer soll sie opfern, aber nicht du. Hm, ein gewagtes Spiel! Sonnenstrahl wird damit nicht einverstanden sein.«

»Ich nehme die Verantwortung auf mich.«

»Du willst deinen Schwur brechen? Das darfst du auf keinen Fall.«

»Nein, ich breche ihn auch nicht. Ich habe bei Huitzilopochtli geschworen, die Fremden ihm nicht zu opfern, und das Versprechen muß ich halten. Aber in diesem Tempel standen auch einst die Altäre von Mexitil, des Dieners von Huitzilopochtli, und dieser wird für uns bei seinem Herrn bitten, wenn er eine so reiche Gabe erhält.«

»Wahrhaftig, Arahuaskar, so brichst du deinen Schwur nicht und betrügst Huitzilopochtli doch nicht. Aber,« fügte der Alte langsam hinzu, »Sonnenstrahl? Wird dieser auf diese Täuschung eingehen?«

»Er muß!« rief Arahuaskar mit Nachdruck.

»Er wird, wie immer, damit drohen, nicht auf unsere Pläne einzugehen, wenn seinem Willen nicht gefolgt wird.«

»So greife ich zu einer List.«

»Welcher Art ist diese?«

»Ich gestatte den Fremden den Abzug. Schon haben sie durch Waldblüte den Befehl dazu erhalten. Wollen sie doch nicht gehen, so mußt du selbst versuchen, sie durch Schreck davonzujagen. Dann ist Sonnenstrahl befriedigt. Die übrigen Tage nehmen ihn und Waldblüte mit Vorbereitungen vollkommen in Anspruch, er kann sich nicht um das kümmern, was draußen passiert, und diese Zeit benutze ich, die Fremden zu überwältigen und wieder hierher schleppen zu lassen. Uns stehen jetzt genug Indianer zur Verfügung, so daß dies ein leichtes sein soll. Sie werden einstweilen in Gräbern untergebracht, welche keinen anderen Ausgang haben, als den sichtbaren. Es gibt hier solche, welche noch nicht einmal Sonnenstrahl und Waldblüte kennen. Ihre Zugänge sind verschüttet, aber ich werde sie wieder aufgraben lassen. Ist Sonnenstrahl zum Häuptling erhoben, jubeln ihm alle zu. Hat er schon geopfert, so bemächtigt sich seiner ein wilder Taumel, man fordert noch mehr Opfer von ihm, und sei versichert, dann wird er nicht mehr zögern, die zu schlachten, welche er einst für seine Freunde hielt! Sie werden und müssen unter den Messern der Priester sterben.«

Mit angehaltenem Atem hatte der alte Mann dem Indianer gelauscht.

»Der Plan ist gut überlegt, so wird es gelingen, Sonnenstrahl den letzten Freundschaftsgedanken aus der Brust zu reißen. Hat er einmal das Blut von Weißen vergossen, dann wird er mit Würgen nicht einhalten, so lange er noch die Hand bewegen kann. Doch, was wird Waldblüte dazu sagen?«

»Was wir bei Sonnenstrahl durch Drohungen nicht erreichen konnten, wird uns bei ihr durch solche gelingen. Sie ist ein Weib und bleibt stets unter unserer Aufsicht. Wir sprechen ihr vor, was sie zu sagen hat, und Sonnenstrahl wird sich nicht mehr um sie kümmern, ist er erst Häuptling. Seine Neigungen werden sich dann ändern.«

 

Ende des vierten Bandes.

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