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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 46
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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45.

Was die Liebe vermag.

Unsere Erzählung führt uns abermals nach Deutschland, und wieder bringt sie Liebesglück und Liebesleid, den Kampf einer zarten Mädchenseele, welche nicht weiß, ob sie der Wahrheit die Ehre geben soll, wodurch sie den Geliebten verliert, oder ob sie für immer ein tiefes Geheimnis verschließen soll, wodurch sie den Geliebten zwar besitzen, aber ihm nie ihr Herz offen zeigen darf.

Es war auf dem Eise gewesen, wo sie sich kennen gelernt hatten. Er hatte sie nicht aus dem Wasser vor dem Tode des Ertrinkens gerettet, sie nicht mit Lebensgefahr unter dem Eise hervorgeholt, er war ihr nicht beim Aufhelfen nach einem Sturz auf der glatten Decke behilflich gewesen, nein, es war alles viel einfacher gekommen, und doch dünkte es beiden wie ein Beschluß des Himmels, daß sie sich zusammengefunden hatten.

Ein Grund zu der schnellen Annäherung war vielleicht, daß sie beide sehr gut fuhren. Ein gewandter Schlittschuhläufer sucht sich wohl immer als Begleiterin eine ebenfalls geschickte und graziöse Läuferin aus, und doch gibt merkwürdigerweise selbst die leidenschaftlichste Anhängerin des Eissportes diese Passion auf, wenn sie einen Bräutigam bekommt, der diese Kunst nur mittelmäßig versteht, eben weil sie sich nicht mit einem Stümper auf der glatten Fläche bewegen will, und wäre sie auch die verliebteste Braut.

Unsere beiden jungen Leutchen hatten sich dadurch zusammengefunden, daß sie sich gegenseitig als Meister des Schlittschuhlaufs erkannten. Kein anderer Herr konnte so geschickt über das Eis gleiten, wie der junge Mann mit der aufrechten, strammen Haltung, dem trotz des Winters braungebrannten Gesicht, den hellen Augen und dem blonden Schnurrbärtchen, und keine Dame wußte sich so graziös zu wiegen, wie das junge Mädchen in dem einfachen Kleide, dem polnischen Barett, mit dem winzigen Muff und dem niedlichen Gesicht.

Wohl hatten sie sich gleich das erstemal einander vorgestellt, als der junge Mann um die Ehre bat, sie eine halbe Stunde zu führen, aber, wie so oft, hatte keines in der Verlegenheit den Namen des anderen verstanden. Arm in Arm, Hand in Hand, schwebten sie stumm nebeneinander her, bald vorwärts, bald rückwärts, bald die Rollen wechselnd, ganz in dem Genusse vertieft, welchen jeder passionierte Eisläufer empfindet, nämlich in dem Gedanken, von dem Gesetze der Schwerkraft befreit zu sein und wie ein Vogel in der Luft schweben und fliegen zu können.

Jeden Tag fand sich das junge Paar zusammen, vormittags oder nachmittags, und merkwürdigerweise verabredeten sie sich doch niemals. Das kam daher, weil jedes von ihnen des Vormittags sowohl, als des Nachmittags am Teiche erschien, einige Male um ihn herumging und dann, wenn es den Erwarteten nicht sah, wieder nach Hause ging.

War der Partner da, dann wurden die Schlittschuhe schnell angeschnallt, und jedesmal konnte man dieselbe Begrüßung hören:

»Ah, wie schön, daß auch Sie hier sind! Ich hatte schon eine Ahnung, Sie diesmal vormittags – oder nachmittags – zu treffen.«

Dann wurden die Hände gereicht, einige Stunden, ohne viel zu sprechen, über den Teich geschwebt, nach der Brücke geführt, abgeschnallt, auf beiden Seiten eine stumme Verbeugung gemacht und auf zwei verschiedenen Wegen nach Hause gegangen.

Vierzehn Tage hatte dieses seltsame Spiel der beiden schon gedauert, und sie wußten noch immer nicht, wie sie hießen, noch wer sie waren. Da, eines Nachmittags, die Dämmerung brach schon an, mäßigte der junge Mann plötzlich den schnellen Lauf, bremste und kam gerade in einer Bucht des Teiches unter einige dichte Büsche zu stehen.

»Es war heute das letztemal, daß ich mit Ihnen gefahren bin, Fräulein,« sagte er.

»Ach, wie schade! Es war – Sie fahren so schön. Bleiben Sie nicht hier?«

»Mein Dienst ruft mich zurück.«

»Ihr Dienst? Ich glaubte immer, Sie wären Kaufmann.«

Der Herr lächelte.

»Als ich mich Ihnen vorstellte, nannte ich Ihnen doch meinen Beruf.«

»Ich habe Sie damals nicht verstanden. Was sind Sie eigentlich?« fragte die junge Dame naiv.

»Unterleutnant zur See,« sagte der junge Mann in einem Tone, dem man anhörte, daß er diese Stellung noch nicht lange innehatte.

»Ach, also Seeoffizier! Das ist ein interessanter Beruf.«

»Und ein ehrenvoller. Ich bin stolz darauf, die Uniform der Kaiserlichen Marine zu tragen.«

Die Dame blickte träumerisch auf die Winterlandschaft.

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte der Herr wieder, »ebenso, wie Sie meinen Beruf nicht verstanden haben, so habe ich auch Ihren Namen überhört.«

»Eugenie Ebeling,« lächelte das Mädchen, »und mir ging es ebenso mit dem Ihrigen.«

»Johannes Vogel.«

Das Mädchen erschrak furchtbar, es versuchte nochmals seine Hände zu befreien, aber es gelang ihm nicht, der Offizier hielt sie fest.

»Warum erschraken Sie so? Sie haben keinen Grund dazu,« sagte der Offizier vorwurfsvoll. »Doch ich kann es mir erklären. Ich bin einst Gegenstand allgemeiner Neugierde gewesen, mein Name ist viel in Zeitungen genannt worden, ohne daß ich etwas Hervorragendes getan, und ohne, daß ich es gewollt hätte. Diese Hand, der Sie die Ihrige entziehen wollen, schmückte lange Zeit das Wappen eines freiherrlichen Hauses. Kann ich dafür, daß ich es unrechtmäßigerweise geführt habe? Ich glaube, nein, ich und niemand sonst kann mir einen Vorwurf machen, sonst trüge ich auch des Kaisers Rock nicht mehr.«

Wohl hatte das Mädchen diese Worte gehört, aber es bemühte sich noch, die Hände frei zu bekommen.

»Lassen Sie mich los!« sagte es in klagendem Tone. »Lassen Sie mich los, ich bitte Sie!«

Der Offizier gab es frei.

»Sie reisen ab?« fragte Eugenie.

»Morgen früh!«

»Dann leben Sie wohl auf Nimmerwiedersehenl«

Johannes sah, wie Tränen ihren Augen entstürzten, denn plötzlich jagte sie im schnellsten Laufe der Brücke zu, und ehe der bestürzte Offizier ihr folgen konnte, sah er schon, wie sie diese, mit den Schlittschuhen in der Hand verließ, ohne sich noch einmal umzusehen.

»Rätselhaft,« dachte der Offizier, schnallte auch ab und ging mit traurigen Gedanken nach Hause, um seine Koffer zu packen.

Aber mochte die Sehnsucht nach der Unbekannten wohl so stark in dem jungen Offizier sein, daß er ganz die Folgen seines Ungehorsams vergaß, oder hatte sich sein Urlaub verlängert? Am nächsten Morgen erschien er wieder mit den Schlittschuhen in der Hand am Teiche, spazierte stundenlang auf und ab, aß in einem nahen Restaurant zu Mittag, erschien dann sofort wieder am Eis und blieb dort bis gegen Abend.

Er war vergebens gekommen, Eugenie Ebeling erschien nicht.

Geduld ist eine herrliche Tugend, und der junge Seeoffizier besaß sie. Am nächsten Tage hielt er sich wieder von Sonnenaufgang bis -untergang am Eise auf, und am dritten Tage ebenso, ohne das Ziel seiner Sehnsucht zu erblicken. Sah er ein polnisches Barett, so schlug sein Herz schneller, tauchte in der Ferne eine kleine, schlanke Gestalt auf, so richtete er sich schon höher auf, aber immer wurde er getauscht.

Niedergeschlagen gab er auch am Abend des dritten Tages seine Hoffnung auf, aber morgen wollte er sein Suchen wieder beginnen, wenn auch auf eine andere Weise.

»Wer ist sie?« dachte er. »Sie geht einfach, aber geschmackvoll angezogen. Sie spricht ein reines Deutsch und drückt sich sehr gut aus, also muß sie auch gebildet sein. Sie kommt bald des Vormittags, bald des Nachmittags, also ist sie Herrin ihrer Zeit, sie gehört nicht dem dienenden Stande an. Aber es fehlt ihr der Schliff, den man in besseren Kreisen findet. Sie wird einer einfachen, bürgerlichen, soliden Familie entstammen. Die Hauptsache ist, sie gehört nicht dem dienenden Stande an, und das ist sehr, sehr gut.«

Der junge Offizier in Zivil gefiel sich in diesem Selbstgespräch. Der direkte Weg hätte ihn bald nach seiner Wohnung geführt, und da er dies nicht wollte, so schlug er den entgegengesetzten ein, der ihn in einen Wald brachte. Gemächlich wandelte er auf dem beschneiten, hell vom Monde beschienenen Wege, auf dem die Schatten der Bäume lagen.

»Warum ist es sehr, sehr gut?« führte er sein Selbstgespräch fort. »Könnte mir nicht ganz gleichgültig sein, ob sie dient oder nicht? Nur immer redlich gegen dich selbst, Johannes, Selbstbetrug ist die allergrößte Lüge. Also warum? Weil du sie liebst? Mache nur ja keine Umschweife darüber. Ja denn, ich liebe das Mädchen, und es ist meine erste, aufrichtige Liebe. Möchtest du es heiraten, Johannes? Sehr gern, am liebsten gleich auf der Stelle. Ich möchte, es wäre jetzt hier, dann würde ich zu ihm sagen: Eugenie, willst du meine liebe, kleine Frau werden?«

Des Offiziers Herz schlug schneller, und infolgedessen machte er größere Schritte, doch gleich mäßigte er sie wieder.

»Kaltes Blut,« murmelte er, »schäme dich, gleich wieder die Besinnung zu verlieren! Also heiraten möchte ich sie, das steht fest. Aber nun weiter zur Hauptfrage: Kannst du sie ernähren? Nein, denn deine zweihundertvierzig Mark Gehalt und die Zulagen reichen nicht, und eine Heiratskaution kannst du nicht aufbringen. Hat sie Geld? Ich glaube kaum. Also der Schluß ist, du kannst sie nicht heiraten. Verdammt, daß für den Offizier beim Heiraten so viele Wenn und Aber zu bedenken sind. Wir sind durchaus nicht zu beneiden, wie sich viele Leute einbilden. Herr Gott, ich bin stolz darauf, Seeoffizier zu sein, das ist wahr, aber so eine kleine Frau zu besitzen, ist auch nicht schlecht! Liebst du sie denn wirklich so?«

Wieder ging der junge Mann schneller, bis er plötzlich stehen blieb.

»Ja, ich liebe Eugenie mit aller Kraft meines Herzens,« rief er laut, daß die Bäume das Echo wiedergaben, er zusammenschrak und dann über seine Heftigkeit lachen mußte.

»Aber was hilft's?« murmelte er, den Weg fortsetzend. »Vorläufig ist die Sache aussichtslos. Mein Los wird sein, wie das so vieler anderer: Warten, warten und warten, bis man Kapitän zur See ist. Oder soll ich an die Freigebigkeit meines Nachfolgers, des Freiherrn von Schwarzburg, appellieren? Teufel, nein, das kann ich nicht! Aber helfen würde er doch. Verflucht!«

Dann fiel ihm wieder etwas anderes ein.

»Ja so, ich weiß ja noch gar nicht, wo sie wohnt, wo sie überhaupt lebt, und kenne ihre Familie nicht. Wie soll ich es denn nur anfangen, sie wieder zu treffen? Daß sie mich liebt, ist ganz sicher, sonst würde sie nicht jeden Tag wiedergekommen sein, als sie wußte, daß ich kam, und kaum habe ich ihr gesagt, ich reise ab, so kommt sie auch nicht mehr. Das ist ein sicheres Zeichen, daß sie mich liebt. Wie soll ich sie nun wiederfinden? Annoncieren? Nein, das schickt sich nicht. Ich muß auf gut Glück suchen.«

Der Weg führte Johannes an einen kleinen Fluß, dessen Eisfläche im Mondschein glitzerte.

»Es ist gegen sechs Uhr! Wenn ich hier anschnalle und geradeaus fahre, kann ich um sieben Uhr in der Stadt sein. Der Fluß läuft nicht weit von unserer Wohnung vorbei.«

Gedacht, getan! Im nächsten Moment saß der Herr Leutnant zur See im Schnee, hatte mit einem Druck die Schlittschuhe an den Füßen und schwebte in der nächsten Minute mit beflügelten Sohlen über die spiegelglatte Fläche, welche noch von keinem anderen Stahl zerrissen war.

Es war eigentlich nicht erlaubt, hier zu fahren, aber was kümmerte sich der junge Mann darum? Verbotene Früchte sind die süßesten. Hier lief es sich zehnmal schöner, als auf dem befahrenen Teiche, wo man fortwährend Leuten ausweichen mußte und aus einem Spalt in den anderen geriet.

Der Abend war wunderschön. Ein sternenklarer Himmel wölbte sich über dem einsamen Läufer. Kein Lufthauch hemmte seine Bewegungen, und das leise Kratzen des Stahles war das einzige Geräusch. Der Offizier gab sich ganz der berauschenden Ruhe hin, aber seine Gedanken waren nur bei Eugenie. Er zermarterte sein Gehirn, wie er sie erstens wiederfinden, und zweitens, wie er sie sein eigen nennen könne.

Da bemerkte er plötzlich im Mondschein auf der spiegelglatten Fläche leichte, gebogene Risse.

»Hier hat noch ein anderer von der verbotenen Frucht gekostet,« dachte er. »Immerhin ein Trost, daß ich nicht der einzige Uebertreter des Gesetzes bin. Er war ein guter Läufer, die Bogen sind schön und ohne Ecken, sicher, graziös und kühn. Hier ist er gesprungen, er setzte über und fuhr rückwärts auch Bogen. Er kann noch gar nicht vor so langer Zeit hier gewesen sein, die Einschnitte sind noch ganz frisch.«

Der Beobachter hemmte seinen Lauf und lauschte. Er hörte nicht weit von sich ein leichtes Schlürfen auf dem Eise.

»Boot ahoi, Segel grad voraus,« lächelte er, »da ist ja mein Mann. Werde mir ihn einmal betrachten.«

Der Fluß machte eine Biegung, so daß er den einsamen Läufer nicht sehen konnte.

Langsam fuhr er bis an die Ecke, bog um dieselbe und blieb überrascht stehen. Dann aber jagte er lautlos hinter der Gestalt her, welche im Mondschein Figuren in das Eis schnitt.

Es war eine Dame, die sich graziös hin- und herwiegte, klein, schlank, und auf dem Kopfe trug sie ein Pelzbarett.

Der Offizier wußte, wen er vor sich hatte. Vorbei war alle Selbstbeherrschung.

Im Nu hatte er sie unbemerkt erreicht und schlang von hinten die Arme um sie.

»Eugenie!«

Das Mädchen zuckte, wie vom Blitz getroffen, zusammen, nicht, weil es über den plötzlichen Ueberfall erschrak, sondern über den Klang dieser Stimme.

»Warum haben Sie mir das angetan?« waren die ersten Worte, die es hervorbringen konnte.

»Ich? Ich habe Sie drei Tage vergebens auf dem Schloßteiche erwartet. Denken Sie sich, mein Schiff, auf das ich kommandiert worden bin, ist noch einmal auf sechs Wochen in Dock geschickt worden, es schlingert zu toll nach dem Backbord hinüber. Verstehen Sie das? Nein. Nun, die Hauptsache ist, ich habe sechs Wochen Nachurlaub bekommen, das Eis hält auch noch, und da wollen wir tüchtig zusammen fahren. Sind Sie damit einverstanden, Fräulein Eugenie – Ebeling?« kam es langsam nach.

»Es wäre besser für mich und für Sie gewesen, der Zufall hätte uns nicht wieder zusammengeführt,« seufzte das junge Mädchen tief auf.

»Es wäre besser für mich und für Sie gewesen, der Zufall hätte uns nicht wieder zusammengeführt,« seufzte das junge Mädchen tief auf

»Wünschen Sie, daß ich mich entferne? Sie brauchen nur ein Wort zu sprechen, und ich existiere nicht mehr für Sie.«

Aber der Offizier blieb, weil – Eugenie ihn nicht fortließ.

Sie erzählte, sie wohne nicht weit entfernt in einem Häuschen, welches dicht am Flusse liege. Der Besitzer sei ein Fischermeister, und da er es erlaube, so dürfe sie hier fahren.

»Und jetzt stehen Sie unter meinem Schutze, ich protegiere Sie,« fügte sie lächelnd hinzu.

»Warum kamen Sie nicht wieder nach dem Schloßteiche, nachdem ich Ihnen gesagt hatte, ich würde am anderen Tage abreisen?«

Es erfolgte keine Antwort, so oft der Offizier auch fragte:

»Hatten Sie keine Zeit?«

»Ich habe immer Zeit.«

»Warum also nicht? Ich bitte Sie, beantworten Sie mir diese Frage.«

»Weil Sie nicht mehr dort waren,« kam es endlich zögernd über die Lippen des jungen Mädchens, und gleichzeitig schlug sie die Hände vor das tieferrötende. Gesicht.

›Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort‹, sagt Schiller, und auch mit der Tat ist sie nicht zögernd, denn beide entspringen aus demselben Gefühl. Und die Liebe ebenso. Schon nach einer halben Stunde hatten sich die beiden gestanden, daß sie sich liebten von dem Augenblicke an, da sie sich zum ersten Male die Hand reichten zum gemeinsamen Lauf.

Dann erst fiel es dem jungen Manne ein, daß er ein wenig unbesonnen gehandelt hatte, er hätte sich vorher wenigstens etwas über die orientieren müssen, der er seine Liebe schenkte, und die ihm die erste Liebe entgegenbrachte.

Er fragte, und Eugenie antwortete, verschämt, zaghaft und oft lange wartend, ohne aber etwas Beleidigendes in dem Verhör zu finden.

Sie war armer Leute Kind gewesen, hatte aber eine sehr gute Erziehung genossen. Sie stand allein in der Welt und ernährte sich – Johannes hielt den Atem an – vom Uebersetzen englischer und französischer Zeitungsberichte. Völlig selbständig verfüge sie vollkommen über ihre Zeit, habe ein gutes Auskommen und fühle sich zufrieden.

Langsam fuhren sie nebeneinander, in der Ferne tauchten die erleuchteten Fenster eines kleinen Hauses auf.

»Eine Frage muß ich noch an Sie stellen, Eugenie,« fing Johannes nach einer langen Pause mit gedrückter Summe an, er war gegen das Mädchen noch etwas zurückhaltend. »Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal gedient?«

»Nein, niemals,« entgegnete sie unbefangen.

»Gott sei Dank,« jubelte der junge Mann jetzt auf, »dann steht uns nichts im Wege, als die Zeit. Geduld müssen wir freilich haben, Eugenie; aber wie gern will ich sie üben, wenn ich doch das Ziel in der Ferne sehe.«

Das Mädchen wurde aufmerksam.

»Was verstehen Sie unter dienen?«

»Das ist eine schwierige Definition. Schließlich muß ja jeder Mensch arbeiten und dem anderen dienen, und ganz besonders wir Soldaten, aber im speziellen versteht man unter dienen die Leistung einer Arbeit für Geld bei fremden Leuten.«

»Ich war allerdings schon einmal bei fremden Leuten, aber gedient habe ich da ebensowenig, wie irgend ein Kaufmann. Ich war Direktrice in einem Geschäft. Was ist Ihnen?«

Johannes hatte ihre Hand plötzlich fallen lassen, war stehen geblieben und sah sie erschrocken an.

»Warum haben Sie mir das verheimlicht?« stammelte er.

»Wie können Sie so etwas sagen!« sagte sie traurig. »Bin ich Ihnen entgegengekommen? Habe ich Sie ermutigt, daß Sie sich mir wieder näherten? Nein, vor drei Tagen habe ich mich von Ihnen fast ohne Abschied auf Nimmerwiedersehen entfernt, und nun sprechen Sie so! Kann ich etwas dafür, daß ich ›dienen‹ mußte, und daß ich als ›dienende‹ Person für Sie zu gering bin? Hier ist meine Wohnung, leben Sie wohl!«

Sie wandte sich kurz um und wollte die Uferböschung hinaufklimmen, doch schon war Johannes neben ihr und hielt sie zurück.

»Nein, nein, Eugenie,« rief er leidenschaftlich, »du beurteilst mich ganz falsch! Nicht ich bin es, der dich verachtet, weil du eine Stellung bekleidet hast, welche die Welt als eine dienende bezeichnet, es sind die Ansichten jener Kreise, in denen zu verkehren ich gezwungen bin. Sieh, Eugenie, wir Offiziere dürfen kein Mädchen heiraten, welches jemals, auch nur einen Tag lang, eine Stellung angenommen hat, und wenn sie unbeschränkte Direktrice des größten Weltgeschäftes wäre und in den vornehmsten Kreisen ganz frei verkehrt hätte. Es sind törichte Ansichten, ich weiß es, aber ich bin von ihnen abhängig.«

»So lassen Sie mich!« sagte Eugenie dumpf, und suchte sich aus seinen Armen zu befreien. »Gute Nacht!«

»Nein, Eugenie, ich lasse dich nicht! Höre mich an, sträube dich nicht, ich gebe dich nicht frei, bis du mich hast ausreden lassen. Du kennst meine Lebensgeschichte, sie wurde genügend ausposaunt, und ich wäre unglücklich geworden, wenn mir mein Frohsinn nicht über alles hinweggeholfen hätte. Aber mein Temperament ist auch wieder ein solches, daß ich dennoch den Schicksalsschlag oft genug nachträglich verspüre, und zwar auf eine Weise, die ich nicht vertrage. Ich kann mich noch nicht selbst ernähren, dazu ist meine Leutnantsgage zu klein, und so muß ich die Unterstützungen annehmen, mit denen mich der Freiherr von Schwarzburg reichlich bedenkt. Ich nahm diese an, weil sie mir edelmütig angeboten worden sind, und weil ich sie nicht ausschlagen darf, will ich nicht zugleich die Offizierskarriere aufgeben.

»Aber doch wird es mir manchmal sauer. Ich höre hinter meinem Rücken spotten. Man nennt mich den Exfreiherrn, den abgedankten Baron und so weiter. Ins Gesicht wagt man mir natürlich so etwas nicht zu sagen, der Spott fiele auf den Urheber zurück, aber ich habe eine Natur, der so etwas weh tut. Ach, Eugenie, es ist so schwer, dergleichen zu ertragen. Im bürgerlichen Leben kennt man so etwas nicht, aber einer, welcher einst einen Adelstitel besessen hat, empfindet die Zurückversetzuug ins Bürgertum schwer. Und doch, ich hätte alles ertragen, weil ich mir meines Wertes als Mann bewußt bin, und weil ich weiß, daß ich von meinen Vorgesetzten nie darunter zu leiden habe, aber hätte ich einen Grund, ich würde mit Freuden des Kaisers Rock mit der Zivilkleidung vertauschen.

»Als Offizier kann ich dich nicht heiraten, weil du schon einmal eine dienende Stellung eingenommen hast, und jetzt habe ich einen Grund, meinen Beruf zu wechseln. Ich finde gewiß Stellung. Ich kenne mehrere Sprachen, ich bin, ohne mich loben zu wollen, ein Mensch, der in die Welt paßt, und ich will leicht ein gutes Engagement bekommen. Als ich früher einmal mit jemandem darüber sprach, erhielt ich von ihm schon das Angebot, in einer großen Schiffsreederei einzutreten, aber ich schlug es aus. Ich liebe zwar meinen jetzigen Beruf, dich aber, Eugenie, liebe ich mehr. Mit Freuden entsage ich ihm und nehme dich dafür. Und dann, bedenke, wie lange wir warten müßten, bis wir uns heiraten könnten, wenn ich Offizier bliebe. Wir sind zwar beide noch jung, aber wir könnten doch ein hübsches Alter erreichen. Eugenie, ich bitte dich, sage ja, und ich reiche mein Entlassungsgesuch ein, Sei mein, Eugenie!«

Das junge Mädchen lag an seiner Brust und schluchzte.

»Antworte mir, Eugenie, willst du?«

»Ja,« hauchte sie.

»Sage mehr!«

»Komm – morgen – zu mir,« schluchzte sie.

»Sage mir heute etwas!«

»Ich liebe dich, Johannes, aber jetzt laß mich nach Hause gehen! Komm morgen zu mir; mein Hauswirt wird dir öffnen. Ich bin so aufgeregt.«

»Gut, so komme ich morgen zu dir, da wollen wir alles noch einmal vernünftig besprechen.«

»Aber komm nicht zu früh!«

»Komm erst am Nachmittag, ich habe gerade morgen viel zu tun. Vielleicht erst gegen Abend.«

»So komme ich am Abend. Wie lang werden mir die Stunden bis dahin werden!«

»Gute Nacht, Johannes!«

Der Offizier hob das Köpfchen der Geliebten und drückte einen langen, langen Kuß auf die roten Lippen.

»Der Verlobungskuß,« sagte er ernst. »Er besiegelt meinen Abschied. Bis morgen denn!«

Das Mädchen erwiderte den Kuß innig. Noch einen Händedruck spürte der Glückliche, dann fuhr sie nach dem Ufer und erklomm, mit den Schlittschuhen an den Füßen, die Böschung.

Johannes sah ihr nach, so lange er konnte. Sie verschwand im Dunkeln, dann schlug in dem Hanse ein Hund freudig an.

Der junge Mann seufzte tief auf, aber es klang wie ein Seufzen der Erleichterung.

»Der Würfel ist gefallen, und ich werde es nicht bereuen.«

Schon wollte er die Fahrt nach der nicht weit entfernten Stadt fortsetzen, als plötzlich eine Gestalt von der Böschung, aus der Richtung des Häuschens heruntergelaufen kam und ihm in die Arme stürzte.

»Gute Nacht, Johannes,« flüsterte Eugenie.

»Schlaf wohl, Eugenie, rege dich nicht auf! Morgen wollen wir ruhiger sprechen. Auf Wiedersehen!«

»Gute Nacht, mein Geliebter!« seufzte sie noch einmal schmerzlich, dann ging sie abermals zurück.

Als sie oben stand, wandte sie sich um, winkte mit dem Tuche, und nochmals hörte Johannes ihr ›Gute Nacht!‹.

Es war ihm plötzlich, als müsse er auf sie zustürzen und sie halten, eine furchtbare Unruhe erfaßte ihn, aber er bezwang sich, rief ihr noch einen Abschiedsgruß zu und machte sich auf den Weg nach der Stadt.

Entsetzlich langsam verstrichen die Stunden des Tages nach einer schlaflosen Nacht. Kaum begann der kurze Wintertag zu dunkeln, so klopfte er an die Tür des Häuschens, welches seinen Schatz beherbergte.

Er hörte schon von draußen Kinderstimmen und zwei ältere Stimmen. Eine männliche und eine weibliche befahlen den Kleinen fortwährend Ruhe, ohne daß sie Gehör fanden, und ein Hund begleitete sie mit seinem Geheul.

»Ein ungemütlicher Empfang,« murmelte Hannes, »bin kein Freund von Kindergeschrei, muß mich aber nun langsam daran gewöhnen.«

Die Tür wurde aufgestoßen, und Johannes blickte in die geröteten Augen einer ältlichen Frau. Ehe er noch zum Worte kam, wurde er schon angeredet.

»So, Sie sind der Herr, der heute kommen sollte?« sagte die Frau in ärgerlichem Tone. »Habe mir doch gedacht, daß so etwas schuld daran war! Warten Sie draußen, ich bringe Ihnen den Brief!«

Sie ging ins Haus zurück, und Johannes, zum Tode erschrocken, blickte ihr sprachlos nach.

»Was ist denn? Ist Eugenie nicht zu Haus?« brachte er verwirrt hervor, als die Frau mit einem Briefe zurückkehrte.

»Zu Haus? Ausgezogen ist sie heute morgen Hals über Kopf. Gestern abend kommt sie weinend nach Haus, ißt und trinkt nicht, sagt uns aber auch nichts, wo wir es doch immer so gut mit ihr gemeint haben, rumort die ganze Nacht in ihrem Zimmer herum und erklärt uns heute morgen ganz einfach, daß sie ausziehen wolle und zwar sofort. Dachte mir gleich, daß da so eine Liebelei vorgefallen ist.«

»Sparen Sie sich alle Bemerkungen,« brauste Johannes auf, in dessen Adern leicht erregbares Blut wallte. »Können Sie mir sagen, wohin Fräulein Eugenie gezogen ist?«

»Gar nichts weiß ich, da ist Ihr Brief.« Damit flatterte ihm ein Brief vor die Füße, und die Tür wurde krachend zugeschmettert.

Halb betäubt stand Johannes da; dann hatte er nicht übel Lust, noch einmal energisch um Auskunft über das Mädchen zu bitten, welches er als seine Braut betrachtete. Aber er besann sich anders, ging erst mit großen Schritten auf und ab, und als die kalte Winternacht sein Blut etwas gekühlt hatte, erbrach er den Brief und las ihn.

»Herr Johannes Vogel!

»Weil ich Sie wirklich geliebt habe, wünsche ich nicht, daß Sie meinetwegen einen Beruf aufgeben, zu welchem Sie Lust und Fähigkeit besitzen, und in dem Sie es so weit bringen können, daß Sie das, was Sie verloren haben, wiedererhalten. Ich gehe von hier, ohne Sie noch einmal zu sehen. Suchen Sie mich nicht, Sie werden mich nicht finden! Vergessen Sie mich, wie ich Ihr Bild aus meinem Herzen reiße.

Eugenie Ebeling.«

»Eugenie,« murmelte der junge Mann mit gebrochener Stimme. »Das also hatte gestern dein letzter Gutenachtgruß zu bedeuten, den Abschied für immer.«

Wir wollen die Empfindungen übergehen, welche den jungen Mann marterten, als er mit langsamen Schritten und gebeugtem Haupt der Wohnung zustrebte, die er mit seinen Eltern und Geschwistern teilte. Der Offizier schämte sich nicht, Arbeiter Eltern zu nennen. Er verschmähte nicht einmal, in dem einfachen Mansardenstübchen zu wohnen; die sorgenden Hände der Mutterliebe verwandelten es durch ihre rührenden Bemühungen, dem wiedergefundenen Sohne die alte, prächtige Behausung vergessen zu machen, in ein gemütliches Heim, und Johannes war dankbar dafür.

Aber er war nicht der Mann, der sich dem Spiele des Schicksals oder einer Weiberlaune ohne weiteres fügte, denn als solche mußte er die Handlung Eugenies immer wieder bezeichnen.

Er besuchte am anderen Morgen noch einmal die früheren Wirtsleute seiner Braut und fand eine bessere Aufnahme. Es waren brave Leute. Sie hatten Eugenie wirklich geliebt und wie ihr eigenes Kind behandelt. Die Grobheit gestern abend hatte nur den Schmerz der alten Frau bemänteln sollen.

Doch Johannes erfuhr nichts Neues.

Eugenie war ohne Angabe einer neuen Adresse abgereist, hatte auf dem Tische die Miete für den künftigen Monat liegen lassen und beim Abschied der Wirtin nur einen Brief mit der Bitte eingehändigt, ihn dem jungen Herrn zu geben, welcher am Abend nach ihr fragen würde.

Tränen hatten dabei ihre Worte fast ersticken wollen.

Der Offizier nützte die sechs Wochen Nachurlaub nach besten Kräften aus, um die Verschwundene wiederzufinden, allein vergeblich. Eugenie sollte recht behalten: ›Suchen Sie mich nicht, denn Sie werden mich nicht finden.‹

Es nützte ihm nichts, daß er seine Monatsgage opferte, um sich die Beamten auf den Stadthäusern williger zu machen. Er schrieb den ganzen Tag Briefe und empfing auch Antworten, doch keine brachte die Nachricht, daß Eugenie gefunden sei.

Endlich aber kam er auf eine Spur. Sie war zuletzt in Hamburg gesehen worden, wo sie mit einem Agenten, der Mädchen nach dem Auslande verschickte, verhandelt hatte.

Mit seinem letzten Gelde bestritt Johannes die Reise nach Hamburg – und fand das Bureau des Agenten geschlossen. Er mochte Grund gehabt haben, sein einträgliches, aber unsauberes Geschäft aufzugeben.

Johannes ruhte nicht. Er musterte alle Passagierlisten, welche ungefähr zu der Zeit ausgestellt worden waren, als Eugenie verschwand. Und endlich, endlich, fand er auch ihren Namen auf der Liste eines Schiffes, das nach Chile gegangen war. Auf weitere Erkundigungen erfuhr er, Eugenie habe in Valparaiso das Land betreten, ohne anzugeben, wohin sie sich wenden wollte.

Der Urlaub war abgelaufen, Johannes mußte nach seiner Garnison zurückkehren.

Während er die Schiffslisten studierte, hatte er Bekanntschaft mit dem Direktor einer großen Reederei geschlossen. Der Direktor fand Gefallen an dem aufgeweckten, tatkräftigen, jungen Manne, und ehe Johannes abreiste, hatten beide eine längere Unterredung. Als der Offizier vor der Abreise seine Uniform anlegte, hatte er recht wehmütige Gedanken. – –

Das Eis war schon lange geschmolzen. Auf den Teichen und Flüssen tummelten sich keine Schlittschuhläufer mehr, sondern Boote und Gondeln durchschnitten das lauwarme Wasser.

An der Alster, dem mächtigen Wasserbecken Hamburgs saß auf einer Bank ein junges, tiefschwarz gekleidetes Mädchen, dessen bleiches Gesicht seltsam gegen die Trauerkleidung abstach.

Es blickte hinab auf das glitzernde Wasser, aus welchem Gondeln, von raschen Ruderschlägen getrieben, dahinglitten, und bewimpelte Segelboote geschickt oder unbeholfen kreuzten, je nachdem sie von kundiger oder unkundiger Hand gesteuert wurden.

Die weißen, fast durchsichtigen Hände des jungen Mädchens hielten eine Ledermappe umklammert, welche sie fest gegen die Brust drückte, als enthielte sie große Geheimnisse oder Schätze.

»Es muß sein,« flüsterte es endlich mit einem Seufzer, »ich darf nicht anders handeln. Hätte ich ahnen können, daß bei meiner Rückkehr in die Heimat mir solche Gewalt in die Hand gelegt würde, den einen von seiner Höhe zu stürzen, den anderen wieder erheben zu können, fürwahr, ich wäre lieber in der Fremde in Schande und Elend gestorben. Ach, ich muß nun meinem edlen Wohltäter das bitterste Leid zufügen, wie schwer mir das auch wird. Was soll ich tun? Soll ich das Rad des Schicksals in Bewegung setzen? Ja, ich muß der Wahrheit die Ehre geben, will ich nicht die Achtung vor mir selbst verlieren.«

Sie umklammerte die Mappe noch fester und erhob sich von der Bank, sank aber sofort mit einem leisen Schrei und mit noch bleicherem Gesicht, als sonst, zurück.

Eben passierten zwei Männer, die sich eifrig unterhielten, die Bank. Der eine trug die Kapitänsuniform eines Hamburger Passagierdampfers, der andere einen Zivilanzug nach modernem Schnitt.

Da begegnete das Auge des letzteren dem entsetzten Blicke des jungen Mädchens. Wie angewurzelt blieb er stehen, dann aber war er mit einigen schnellen Schritten bei dem Mädchen, die Hände ausstreckend, das Gesicht vor Freude dunkelgerötet.

»Eugenie!«

Das Mädchen fand keine Antwort. Schnell verständigte der Herr, der natürlich Johannes Vogel war, den Kapitän, daß er ihn in einigen Stunden wiedertreffen wolle, und wandte sich dann Eugenie zu, ohne weiteres ihren Arm in den seinen nehmend, und führte sie in die buschigen Anlagen, welche das Alsterbassin einschließen.

Wie gebrochen hing Eugenie an dem Arme des Geliebten. Sie wagte nicht aufzusehen, und die freie Hand drückte die Briefmappe noch fester an die Brust. Die zarten Finger zitterten dabei heftig.

Doch Johannes wußte den Bann zu brechen.

Bald mit Kopfschütteln, bald mit Bedauern hörte der junge Mann die gestammelte Erzählung von Eugenies Erlebnissen, welche oftmals durch Tränen unterbrochen worden wäre, wenn Eugenie sie nicht immer energisch zurückgedrängt hätte. Dann klangen die Worte noch unsicherer, oft traten lange Pausen ein, ehe sie weitersprechen konnte, und alles Streicheln der kleinen Hand, die auf Johannes' Arm ruhte, vermochte das Zittern nicht zu beseitigen.

Eugenie wollte ihren Geliebten nicht der Offizierskarriere entreißen, in welcher er mehr, als in jeder anderen Laufbahn erreichen konnte, und war entschlossen, sich ihm durch Flucht zu entziehen. Ihre Sehnsucht stand schon lange nach fernen Ländern. Sie nahm eine Stelle als Erzieherin in Chile an. Dort angekommen, wurde ihr mitgeteilt, daß sie Betrügern zum Opfer gefallen sei; ihr Retter schickte sie zurück, und nun war sie wieder, in der Heimat.

Kopfschüttelnd hörte Johannes diese Erzählung an, besonders beim ersten Teile derselben sah er seine Begleiterin manchmal zweifelnd von der Seite an.

»So liebtest du mich damals wirklich?« fragte er.

»Von ganzem Herzen.«

»Aber, Kind, wie konntest du mich denn verlassen, da ich erbötig war, meinen Beruf zu wechseln, damit ich dich vor aller Welt lieben und meine Braut nennen konnte?«

»Ich tat es doch nur aus Liebe zu dir,« versicherte Eugenie mit gesenkten Wimpern.

»Das ist mehr als Selbstlosigkeit, sogar noch mehr als Entsagung,« dachte Johannes.

»Und was machst du jetzt? Warum gehst du in Trauer?«

»Ich habe gestern meine Tante begraben, die hier wohnte,« entgegnete Eugenie unsicher.

Von einer Tante hatte sie ihm damals nichts erzählt, jetzt aber erfuhr er, sie habe dieselbe immer ernährt.

Nun begann Johannes seine Verhältnisse zu schildern.

Er habe den Dienst bei der Marine bald nach der Flucht Eugenies quittiert, das Angebot, das ihm gemacht worden, sei ein zu verlockendes gewesen. Er sei in Hamburg bei einer Dampfergesellschaft angestellt und gehöre mit zu dem Komitee, welches die Schiffe vor der Abfahrt auf Seetüchtigkeit untersuche und nach der Rückkehr die Reparaturen bestimme. Er wäre jetzt so gestellt, daß er – die beiden jungen Leutchen traten eben in einen schattigen, einsamen Weg – nicht nur sich, sondern auch noch eine Frau ernähren könne.

Dabei blieb Johannes stehen, zog die freie Hand Eugenies an die Lippen und blickte ihr fragend ins Gesicht.

Es erfolgte einiges Zögern, einiges Sträuben, Bitten um Bedenkzeit, Verweigerung derselben, einige Tränen, viele Küsse und ein leises, kaum hörbares ›Ja‹.

Eugenie wurde von dem glücklichen Johannes nach Hause gebracht; in wenigen Tagen sollte sie eine ihr angemessene Wohnung beziehen, in welcher sie bis zur Hochzeit, nur wenige Wochen, bleiben sollte.

Als Eugenie allein war, fiel sie auf die Knie und hob inbrünstig die Hände zum Himmel auf. Dann nahm sie die Ledermappe vom Tisch, warf sie in den Ofen und wollte schon Feuer anlegen, als sie durch die Wirtin gestört wurde. Sie warf die Mappe unter einen Haufen von Zeitungen und Büchern, schloß den Schrank ab und ließ den Schlüssel nie aus der Tasche kommen. – –

Das Rad der Zeit steht nie still, wenn es sich auch für den einzelnen sehr ungleichmäßig bewegt. Für den Glücklichen saust es im Kreise herum; der Leidende klagt über seine geringe Schwungkraft, und der sehnsüchtig Wartende verwünscht seine schneckenlangsame Bewegung. Aber es läuft immer.

So verging auch für Eugenie und Johannes Woche nach Woche, und der Tag der Hochzeit kam immer näher.

Aber Johannes machte recht seltsame Bemerkungen an seiner Braut. Besuchte er sie in der Pension, in welche er sie gebracht hatte, so kam sie ihm einmal entgegengeflogen und hing jubelnd an seinem Halse, das andere Mal bewahrte sie vor ihm eine bange Zurückhaltung und schien kaum warten zu können, bis er wieder nach Hut und Stock griff. Sie bewegte sich immer in Extremen. Entweder sie erdrückte ihn mit Liebkosungen und schalt selbst über ihr gestriges, komisches Benehmen, oder sie zeigte ihm abermals ein bleiches, banges Gesicht und bebte in seinen Armen.

Alles Fragen blieb nutzlos. Eugenie entschuldigte sich, sie sei ein törichtes Mädchen.

Eines Tages kam Johannes in das Zimmer seiner Braut gestürmt.

»Zwei große Neuigkeiten,« rief er schon auf der Türschwelle.

»Eine kenne ich schon,« lächelte Eugenie. »Heute über acht Tage findet unsere Hochzeit statt.«

»Stimmt,« sagte Johannes und drückte einen Kuß auf die roten Lippen. »Aber nun die andere Nachricht: heute hätte ich beinahe sechs Millionen Mark geerbt. Die hätten wir gebrauchen können, nicht?«

»Du scherzest.«

»Es ist Wahrheit! Denke dir nur, wie das zuging. Heute morgen sitze ich in meinem Privatkontor, als ein Herr eintritt und mich fragt, ob er die Ehre habe, Herrn Johannes Vogel zu sprechen. Ich bejahte. Ob ich zu der und der Zeit in China gewesen wäre. Ich rechne nach, nehme ein altes Notizbuch zu Hilfe und bejahe abermals. Jetzt glaubte der Herr, den richtigen vor sich zu haben, und teilte mir mit, daß ich von einer gewissen Mistreß Congrave, die in einem chinesischen Hospital gestorben sei, sechs Millionen Mark nach unserem Gelde geerbt hätte.

»Du kannst dir denken, daß ich bald von meinem Kontorsessel gefallen wäre. Jedenfalls sprang ich so hoch auf, wie du eben jetzt. Aber freue dich nicht, ich bin der falsche Mann, der richtige ist Freiherr Johannes von Schwarzburg. Dieser Glückspilz hat in China Bekanntschaft mit einer wahnsinnigen Engländerin gemacht, die an ihm, mit Verlaub zu sagen, einen Narren fraß. Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken nur mit ihm, und als sie einige Tage vor ihrem Tode plötzlich ihre volle Vernunft wiedererlangte, setzte sie den Freiherrn als Universalerben ein. Aber was ist dir? Du wirst so blaß?« unterbrach sich Johannes befolgt.

»Nichts, nichts, fahre nur fort!«

»Das ging aber nicht alles so schnell, wie ich jetzt erzähle. Ich mußte mit auf das Gericht; ich wurde für den Erben gehalten, man wollte mir die Erbschaft mit Gewalt aufdrängen, denn ich hieß ja Johannes Vogel und war in China zu jener Zeit gewesen, sogar auch in Sha-tou, bis ich die Sache endlich dahin aufklarte, daß mein Vorgänger, Johannes oder Hannes Vogel, der jetzige Freiherr von Schwarzburg, der Gesuchte sein würde. Ich habe das Testament gesehen, es hat alles seine Richtigkeit. Ich zog mit langer Nase ab.«

Atemlos, mit starren Augen hatte ihm Eugenie zugehört.

»Nun, bemitleidest du mich vielleicht,« scherzte Johannes, »daß mir die Erbschaft entgangen ist? Ich glaube, wenn ich nicht ein ehrlicher Mensch wäre, ich hätte sie mir aneignen können. Der Beamte fragte auch so sorglos, daß ich immer mit Ja und Nein zu meinen Gunsten antworten konnte, wenn ich gewollt hätte. Kein Teufel hätte den wahren Sachverhalt erfahren.«

Eugenie sah träumerisch vor sich hin.

»Johannes, ich habe einige Fragen an dich zu richten, über die du mich belehren kannst,« begann sie dann. »Gesetzt nun den Fall, dir würde diese Erbschaft aufgedrängt werben, du wüßtest zwar, daß sie dir nicht zukommt, aber du wüßtest auch, daß der, dem sie zufallen sollte, nicht mehr lebte, würdest du sie dann annehmen?«

Johannes war über diese Frage erstaunt.

»Auf keinen Fall,« rief er, »dann kommen erst die Angehörigen des verstorbenen Erben in Betracht.«

»Ich meine natürlich, solche existieren nicht. Auch dann würdest du die Erbschaft nicht annehmen?«

»Auch dann nicht. Ich würde erklären, daß ich nicht der richtige bin, und die Erbschaft ausschlagen.«

»Aber warum denn nur?«

»Weil ich mich dann immer in Besitz eines Gutes wüßte, welches eigentlich nicht mir gehörte. Ich müßte mich selbst für einen Spitzbuben halten, und wenn ich vor der Welt noch so ehrlich dastände.«

»Denken andere Leute auch so wie du?«

»Jeder ehrliche Mensch denkt so. Wer den Wert eines reinen Gewissens zu schätzen weiß, nimmt überhaupt kein Geschenk von unbekannter Hand an.«

Wieder überlegte Eugenie.

»Ich habe meine Frage nicht richtig gestellt, ich meinte etwas anderes,« begann sie abermals. »Angenommen, dir wäre eine Erbschaft zugesprochen worden. Alles wäre in Ordnung vor sich gegangen, und du selbst zweifeltest nicht im geringsten daran, daß sie dir gehörte! Nur ich wüßte, daß sie dir nicht gehörte, sondern einem anderen. Der andere wäre mir gleichgültig, auch bedürfte er der Erbschaft gar nicht, dich aber achtete und ehrte ich, ich freute mich, daß du im Besitze des Geldes seist, und brächte daher nicht zur Anzeige, daß dir die Erbschaft gar nicht gehört, fügte es dir überhaupt auch nicht. Wäre das unrecht von mir gehandelt?«

»Sehr, sehr unrecht,« entgegnete Johannes, »es wäre sogar eine ehrlose Handlung. Würde ich erfahren, daß du von der Unrechtmäßigkeit wüßtest und es mir verheimlicht hast, so müßte ich dich verachten, und wärest du auch mein bester Freund, denn du machtest mich ohne mein Wissen und meinen Willen zum Lügner und Betrüger, ich glaubte, ich sei der rechtmäßige Erbe und wäre es gar nicht. Käme der Betrug heraus, so würde ein Schatten auf mein ganzes Leben fallen. Und so wie ich, denkt jeder brave Mensch. Um Gottes willen, Eugenie, was ist dir?« rief Johannes plötzlich erschrocken.

Eugenie war mit der Hand nach dem Herzen gefahren und mit geschlossenen Augen in den Lehnstuhl zurückgesunken. Das schwache Rot, welches in letzter Zeit ihre Wangen zu schmücken begann, war verschwunden. Totenblässe bedeckte ihr Antlitz.

Johannes wollte sie emporrichten; aber bei seiner Berührung erwachte sie aus ihrer Betäubung und richtete sich mit einem Rucke auf.

»Es ist nichts, ein kleiner Anfall,« sagte sie, sich

erhebend. »Warte einen Augenblick, ich komme gleich zurück!«

Sie ging zur Tür hinaus; der verwirrte Bräutigam hörte im Nebenzimmer einen Schrank aufschließen und ein Werfen von Büchern, dann trat Eugenie wieder herein, in ihrer Hand eine Briefmappe haltend.

Langsam ging sie auf den Tisch zu, vor welchem Johannes stand, legte die Mappe hin und sagte mit leiser Stimme, welche vor Erregung bebte: »Lies die Papiere, welche die Mappe enthält – sie sind dein.«

Verwundert sah Johannes dem Mädchen nach, welches sich schon wieder in das Nebenzimmer entfernte. Er konnte sich dieses sonderbare Benehmen nicht enträtseln.

Doch die Briefmappe da konnte ihm wohl eine Aufklärung geben.

Er schlug die schwarze Decke auf, und einige vergilbte Schriftstücke flatterten ihm entgegen.

Schon beim Lesen des ersten Papieres färbte sich sein Gesicht dunkelrot, und je weiter er las, desto unruhiger wurde er, seine Augen vergrößerten sich. Seine Brust atmete schwer, und seine Hände, welche immer wieder nach anderen Papieren griffen, zitterten heftig.

»Großer Gott,« stammelte er, als das letzte Papier seiner Hand entsank.

Da hörte er im Nebenzimmer das Knarren eines leichten Stiefels, dann wurde die Tür, welche nach dem Korridor führte, geöffnet und wieder geschlossen.

Mit einem Satze stand Johannes auch draußen und hatte eine weibliche Gestalt gefaßt, welche soeben die Treppe hinuntergehen wollte. Sie war mit einem Regenmantel bekleidet und trug einen Schirm und eine Tasche in der Hand.

»Wohin, Eugenie, was soll das bedeuten?«

Entgeisterte Augen blickten dem jungen Manne ins Gesicht, aber ehe die zuckenden Lippen Antwort geben konnten, war sie halb mit Gewalt in das Zimmer zurückgeführt worden. Sie warf einen Blick auf die geöffnete Mappe und verhüllte dann mit dem Taschentuche ihr Gesicht.

»Was soll das bedeuten, Eugenie?« wiederholte Johannes. »Ich bitte dich nicht um eine Antwort, ich verlange sie von dir. Warum hast du dich angezogen? Wolltest du mich abermals heimlich und ohne Abschied verlassen? Habe ich dir irgend einen Grund zu solch einer Handlungsweise gegeben?«

Der junge Mann sprach sehr ernst. Bitterkeit lag in seinen Worten. Mit fester Hand drückte er das Mädchen in den Lehnsessel nieder.

Eugenie erhob den Kopf; ein entgeistertes Gesicht und tränenumflorte Augen wurden sichtbar.

»Setze dich mir gegenüber,« hauchte sie, »ich will dir meine Beichte ablegen, und dann wirst du mich nicht mehr zurückhalten, du wirst mich selbst von dir stoßen. Ich bin nicht wert, deine Braut zu heißen, du wirst mich verachten, wie du es vorhin gesagt hast.«

Johannes ließ sich in einen Stuhl gleiten. Er war wieder vollkommen Herr seiner selbst. Er zeigte bei der folgenden Erzählung durchaus keine Erregung, wenn Eugenie ihn auch angstvoll anblickte.

»Ich hatte dich schon belogen, als ich dir sagte, ich stände allein in der Welt,« begann sie mit tonloser Stimme, »ich besaß eine Mutter, welche unter anderem Namen lebte, weil sie Strafe fürchtete. Sie hieß Ebeling und war die Amme des jungen Freiherrn von Schwarzburg.«

»Ist es dieselbe, welche lange Zeit vom Gericht gesucht wurde?«

»Dieselbe. Sie liebte mich, ich sie und nannte sie Tante. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander, ich wußte, daß sie von Emil von Schwarzburg bestochen worden war, das Kind des Freiherrn von Schwarzburg zu verwechseln, und daß sie es auch getan hatte. Für das erhaltene Geld ließ sie mir eine gute Erziehung zu teil werden. Ich habe also mit dir an einer Brust gelegen.«

»Und auch mit Hannes Vogel, dem jetzigen Freiherrn.«

Eugenie beachtete diese Frage nicht, sondern fuhr fort:

»Als der alte Freiherr starb, wurde durch Recherchen festgestellt, daß du nicht der Majoratserbe seiest, sondern ein untergeschobenes Kind, und Hannes Vogel, der Matrose, wurde zum Erben proklamiert. Es traten verschiedene auf, welche dies bezeugen konnten, darunter auch die Pflegemutter jenes Hannes. Hatte doch Emil, der Anstifter des Kindesraubes, selbst auf dem Sterbebette das Gleiche ausgesagt. Der Hauptzeuge, die Amme, welche die Verwechslung vorgenommen hatte, fehlte zwar, aber sie war auch nicht mehr nötig. Meine Mutter, die alt geworden war, lebte unter anderem Namen, bereute ihr Jugendverbrechen, und fürchtete sich vor Strafe. Ich war ihr einziges Kind, und ich vergalt dankbar, was sie mir getan hatte, ohne ihr jemals Vorwürfe zu machen.

»Da lernte ich dich kennen, Johannes. Noch ehe ich wußte, wer du warst, liebte ich dich, und du kannst dir meinen Schrecken erklären, als ich deinen Namen erfuhr. Du warst also der, welcher durch den Frevel meiner Mutter in glänzenden Verhältnissen aufgezogen wurde und endlich zum Sohne eines Tagelöhners herabgesunken war. Mein böses Gewissen verbot mir, dir noch ferner zu begegnen, ich wußte auch nicht, ob du mich liebtest, doch als wir uns dann auf dem Flusse abermals trafen und du mir deine Liebe gestandest, da war ich glücklich. Schon nahm ich mir vor, durch meine Liebe wieder gutzumachen, was meine Mutter an dir gefrevelt, als du mit einem Male sagtest, meinetwegen wolltest du die Seeoffizierskarriere aufgeben.

»So hätte dich meine Mutter zum Freiherrn gemacht, damit du später gestürzt wurdest, und ich hätte dich einer glänzenden Karriere entrissen. Das war zuviel für mich. Ich floh, um dir nie wieder zu begegnen. Aber das Schicksal wollte es anders.

»Daß ich nach Chile ging als Erzieherin, weißt du, ebenso, daß ich beinahe in namenloses Elend geraten wäre, wenn sich nicht ein wackerer Kapitän meiner angenommen hätte, der mir die Augen öffnete und mich in meine Heimat zurückschickte. Ich verschwieg dir aber, daß dieser Kapitän kein anderer als Hannes Vogel, der Freiherr von Schwarzburg war.«

»Ich dachte es mir fast,« murmelte Johannes.

»Es wäre mir lieber gewesen, ich wäre in Chile geblieben, mochte es kommen, wie es wollte. Mit dem Gefühle unsagbaren Dankes gegen diesen edlen Menschen und seine Gemahlin, die sich meiner wie eine Schwester angenommen hatte, kam ich hier an und fand meine Mutter auf dem Sterbebette. In ihrer Todesstunde gab sie mir jene Dokumente und konnte mir noch mündlich ausführlich erzählen, daß sie damals die Verwechselung mit dem Kinde, für welche sie bezahlt wurde, nicht vorgenommen, sondern diese nur vorgegeben habe. Das ihr von Emil von Schwarzburg gebrachte Kind gab sie der Pflegemutter, du, der Freiherr selbst, bliebst bei ihr. Also bist du wirklich Johannes Freiherr von Schwarzburg, Hannes Vogel dagegen ist der geraubte Sohn derjenigen, welche du als deine Eltern anerkanntest, der Sohn der Tagelöhner. Meine Mutter schob die Bekanntmachung dieser Tatsache von Tag zu Tag hinaus; immer fürchtete sie sich in ihren alten Tagen vor Strafe, und erst der Tod löste ihre Zunge mir gegenüber.

»Warum ich dir nicht gleich die Wahrheit gesagt habe, sondern dich in dem Glauben ließ, du seist wirklich ein untergeschobenes Kind gewesen? Weil ich dich liebte; aber meine Liebe war eigennützig, sie konnte und durste keine Früchte bringen.

»Nachdem ich das Geheimnis erfahren und meine Mutter begraben hatte, verbrachte ich einige furchtbare Tage. Ich glaubte, du seist noch Offizier, und ich brauchte nur zu sprechen, so wärest du wieder Freiherr, Hannes Vogel aber gestürzt. Doch ich achtete diesen Mann als meinen Wohltäter. Er ist so edel, er nimmt sich der Verfolgten an, er bringt befreite Sklavinnen in ihre Heimat, seine Gemahlin unterstützt ihn, sie gleicht ihm vollkommen, und diese Menschen mühte ich durch meine Aussage ins Elend stürzen. Aber die Wahrheit siegte über meine Gefühle, ich begab mich mit diesen Papieren in der Hand nach dem Justizgebäude, um meine Aussagen zu machen. So unkundig ich auch in solchen Sachen bin, so viel weiß ich doch bestimmt, daß diese Dokumente und meine Erklärung genügen, um dich wieder als Freiherrn einzusetzen.«

»Sie genügen vollkommen,« stimmte Johannes bei.

»Als ich auf der Bank an der Alster saß, stiegen noch einmal Zweifel in mir auf. Warum sollte ich denn dem Schicksal vorgreifen? Ich dachte, du seiest als Seeoffizier glücklich, und, ob Freiherr oder nicht, ständen dir die Wege zur höchsten Ehre offen, Hannes Vogel dagegen war ohne den Freiherrntitel nichts weiter als ein Matrose und dessen doch würdig. Er verwandte seine Mittel nicht unnütz, wie so oft geschieht, sondern gebrauchte sie zum Nutzen seiner Mitmenschen. Doch diese Zweifel wurden wieder besiegt; ich dachte an mein Gewissen, auf welchem das Geheimnis stets wie ein Alp lasten würde.

»Da kamst du, Johannes; du warst nicht mehr Seeoffizier, du gestandest mir abermals deine Liebe und begehrtest mich zum Weibe. Alle meine Vorsätze zerrannen zu Nebel. Ich liebte dich, und hätte ich nun gesagt, daß du der eigentliche Freiherr seiest, so wärst du mir entgangen, denn wie konnte ich, das dienende Mädchen, die Tochter einer Amme, fernerhin an deiner Seite bleiben? Um dich besitzen zu können, verbarg ich mein Geheimnis tief in der Brust und nahm mir vor, dich durch meine grenzenlose Liebe und Hingebung zu entschädigen.

»Wohl war ich glücklich als deine Braut, aber doch kamen oft schwarze Stunden, in denen ich von Gewissensbissen gequält wurde, und diese Anfälle mehrten sich von Tag zu Tag. Dies war die Ursache eines häufigen Stimmungswechsels, über den du dich so oft wundertest, und den du dir nicht erklären konntest. Meine einzige Entschuldigung lag in dem Gedanken, daß ich aus Dankbarkeit gegen meinen Wohltäter, Hannes Vogel, das Geheimnis nicht preisgäbe, damit er aus seiner Höhe, von der aus er Gutes stiftete, nicht wieder herabsänke, und dich sah ich immer heiter und glücklich.

»Diese Entschuldigung hast du mir vorhin geraubt. Hannes Vogel hat sechs Millionen geerbt; er braucht den Freiherrntitel nicht mehr, ich weiß sogar, er macht sich sehr wenig daraus. Aber noch wollte ich dir das Geheimnis deiner wahren Abstammung nicht verraten, denn dadurch verlor ich dich. Doch eine innere Stimme trieb mich, die Fragen an dich zu stellen, welche mir deutlich sagen sollten, was ich zu tun hatte. Ich hörte, du würdest mich verachten, wenn ich einen Menschen im Besitze einer Sache ließe, die ihm nicht gehört. Jetzt frage ich dich noch einmal: Wird auch Hannes Vogel mich verachten, wenn er erfährt, daß ich um seine wahre Abstammung wußte, daß er also gar nicht der Freiherr ist?«

Gespannt hingen Eugenies Blicke an des Mannes Lippen.

»Ich kenne Hannes Vogel sehr gut. Ja, auch er würde als ein Ehrenmann dir zürnen, daß du ihn vor der Welt eine falsche Rolle spielen ließest. Er selbst würde dich zwingen, dein Geheimnis preiszugeben, er würde mir sofort alles wieder abtreten, und ich würde es ohne Zögern, ohne Haß gegen Hannes Vogel wieder annehmen.«

»Das ist, was ich hören wollte,« fuhr Eugenie mit bebender Stimme fort. »So habe ich also recht gehandelt. Ich dachte doch manchmal, auch meinem eigenen Herzen müsse ich nachgeben, es hätte ebensogut ein Anrecht auf Glück.«

Sie stand auf, knüpfte den Regenmantel zu und griff nach dem Schirme, ohne Johannes anzublicken.

»Leben Sie wohl,« sagte sie leise, die Anrede plötzlich wechselnd.

Doch da stand Johannes schon vor ihr.

»Wo willst du hin?« fragte er vorwurfsvoll.

»Ich will versuchen, meine Liebe zum zweiten Male zu vergessen, ich bin Ihnen jetzt nur im Wege,« hauchte sie mit gesenktem Blick.

Sie stand wie eine Verbrecherin, die einer Schuld überführt ist, vor ihm.

»Du darfst jetzt nicht gehen, ich brauche dich,« entgegnete Johannes, sie leise am Arme festhaltend.

»Ich weiß, daß Sie mich noch brauchen. Ich werde Ihnen meine Adresse zusenden; rufen Sie mich, und ich stehe Ihnen jederzeit zu Diensten, um meine Aussage zu geben und zu beschwören.«

Wieder versuchte sie an seiner Seite vorbeizuschlüpfen, ohne ihn anzusehen.

»Halt, ich brauche dich noch zu etwas anderem.«

»Wozu?«

»Ich bin zwar wieder das geworden, was ich ehedem gewesen bin, aber mein Schloß ist unterdes verödet, mein Vater ist gestorben, und einsam möchte ich in den großen Räumen nicht sein.«

Es lag ein fröhlicher Klang in dem Tone, der sie veranlaßte, aufzublicken, und wirklich sah sie in ein lachendes Gesicht.

Da wollte sich auch auf ihre Züge ein Schimmer von Glückseligkeit legen, aber ebenso schnell verschwand er wieder.

»Lassen Sie mich!« sagte sie mit erhobener Stimme. »Für das, was Sie aus mir zu machen gedenken, bin ich zu gut.«

»Zu gut?« klang es lächelnd zurück. »Als Offizier war ich für dich zu gut, und nun, da ich ein Freiherr, also ein freier Herr meiner Handlungen bin, bist du mit einem Male für mich zu gut! Das verstehe ich nicht. Eugenie, hörst du denn nicht? Ich brauche dich, damit ich glücklich werde, und ich brauche dich, damit ich dein liebes Gesichtchen wieder lächeln sehen kann. Eugenie, willst du mit mir kommen und als mein Weib das teilen, was du mir gebracht hast?«

Mit ausgebreiteten Armen stand Johannes vor ihr, Eugenie brauchte nicht an dem Ernste seiner Worte zu zweifeln – mit einem Freudenschrei lag sie an seiner Brust.

Eugenie brauchte nicht an dein Ernste seiner Worte zu zweifeln – mit einem Freudenschrei lag sie an seiner Brust.

»Aber du bist ein Freiherr,« stammelte sie endlich, als der neue Bund gebührend durch Küsse besiegelt war.

»Und habe sogar gedient,« scherzte Johannes. »Laß das nur gut sein, Eugenie! Kannst du auch nicht hoffähig werden, ich sehne mich nicht besonders nach dem glatten Parkett; auf der glatten Eisdecke damals war es viel schöner. Ich bin mein freier Herr, ich habe keine Rücksichten zu beachten, denn die meines Standes existieren nicht mehr für mich, seitdem ich dich kenne. Hätte ich sonst die Offizierskarriere verlassen? Ich will mich jenen Vorkämpfern der Menschheit anschließen, welche nur Seelenadel, aber keinen Geburtsadel gelten lassen. Dereinst wird die Zeit kommen, da man über unsere jetzigen Kastenverhältnisse unbarmherzig spotten wird, die auch wirklich lächerlich sind. Aber, Eugenie, heute über acht Tage können wir nun unsere Hochzeit freilich noch nicht feiern, ein paar Wochen müssen wir uns schon noch gedulden

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