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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 43
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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42.

In falschem Verdacht.

Der Eingang zu den Räumen, welche von den Mädchen und den Trappern bewohnt wurden, lag ziemlich weit entfernt von der Stelle, wo Charles und Betty das Glück des Wiedersehens kosteten. Die Entfernung war eine so große, daß das Lärmen der vielen Menschen nicht zu ihnen drang, denn ohne Geräusch ging das Zusammentreffen doch nicht ab. Die Ausrufe der Freude und des Jubels nahmen kein Ende.

Verwundert schauten die Trapper auf die Herren und Damen, welche sich so ganz ohne Scheu um den Hals fielen und sich küßten. Sie hatten so etwas lange nicht gesehen, vielleicht überhaupt noch niemals, wie sie auch von Liebe ganz eigentümliche Begriffe hatten. Ihre Meinung war nun einmal, daß man für Liebe bezahlen müsse, und zwar so viel, daß man sich hinterher stets über den Luxus ärgerte, geliebt zu haben.

Joker, der Cowboy, war einer der Gebildetsten; er war in den Städten schon mehrmals im Theater gewesen, und da hatte er noch eine andere Art von Liebe gesehen. Schnell hatte er sich sein Urteil gebildet.

»Hol mich der Henker,« sagte er zu seinem Nachbar, dem alten Fallensteller. »Jetzt weiß ich, was für Leute das sind. Ich hätte mir das eigentlich gleich denken können, als ich die Weiber in Männerkleidung sah.«

»Nun, was für Leute sollen es denn sein? Vielleicht Geschwister?« brummte die Biberratte.

»Bah, Geschwister! Die prügeln sich lieber, als daß sie sich küssen. Ich hätte meine Schwester nie geküßt, und wenn sie mir für jeden Kuß einen Dollar gegeben hätte.«

»Das sind aber feine Leute. Bei solchen küssen sich vielleicht die Geschwister.«

»Unsinn, ich weiß jetzt, was für Leute es sind.«

»Nun?«

»Verdammt will ich sein, wenn es nicht Komödianten sind, die machen es gerade so.«

»Komödianten? Was ist das?«

»Ja, Biberratte, das ist schwer zu erklären. Komödianten sind Leute, welche sich in einem Hause gegenseitig totstechen, totschießen, prügeln, lieben und allerlei dummes Zeug treiben. Die, welche zusehen wollen, müssen Geld dafür bezahlen, einen halben Dollar bis zehn, ich bezahlte natürlich immer zehn Dollar. Die am meisten bezahlen, sitzen unten, und die ganz wenig bezahlen, oben. Ich saß immer ganz vorn. Wenn nun jemand totgestochen worden ist, dann klatschen die Zuschauer in die Hände und schreien, manchmal pfeifen sie auch, kurz, es ist ein Höllenspektakel, und ich schrie natürlich immer am tollsten, obgleich ich nicht wußte, warum. Einmal habe ich sogar mit dem Revolver geschossen, weil das noch mehr Spektakel machte, aber das hat man mir verboten.«

»Das ist ja merkwürdig,« sagte die Biberratte, den greisen Kopf verwundert schüttelnd. »Darf denn da jeder hinein?«

»Jeder, der bezahlt.«

»Und die stechen sich tot?«

»Freilich, aber sie werden wohl nicht tief stechen, denn ich habe selbst gesehen, wie einer von den Komödianten, der totgestochen worden war, nachher in einer Schenke Bier trank. Ich forderte ihn dann zu einem Glas Whisky auf, und der Kerl konnte wie ein Loch saufen.«

»Mich wundert nur, daß so etwas erlaubt ist. Dann geht es ja in der Stadt noch viel wilder her, als in der Prärie. Donnerwetter, stechen die sich ganz öffentlich tot! Hör' mal, Joker, du flunkerst mir wieder einmal etwas vor.«

»Wirklich nicht,« beteuerte der Cowboy.

»Mischen sich da die Zuschauer nicht ein? Das ist doch eine furchtbare Ungerechtigkeit.«

»Man darf sich nicht dazwischen mengen. Mein Freund Tommy war einmal mit mir in der Stadt. Wir hatten uns vorgenommen, in drei Tagen tausend Dollar durchzubringen, was uns auch geglückt ist. Ich nahm ihn mit in das große Haus. Tommy wollte nämlich nicht glauben, daß sich die Leute darin totstechen und niemand sie daran hindert. Tommy saß denn auch mit offenem Munde da und starrte sprachlos die Männer und Weibchen an, die wie Puppen herumhopsten. An dem Abend wurde nun aber keiner totgestochen, und das tat mir furchtbar leid. ›Siehst du, du hast gelogen, Joker,‹ sagte Tommy zu mir. In diesem Augenblick aber zieht ein Kerl in hohen Stiefeln und mit einer einen Meter langen Feder am Hut den Degen heraus und springt auf das Mädel zu, mit dem er ganz allein da steht. ›Willst du mein Weib sein?‹ schreit er es grimmig an. ›Nein, nein, nein!‹ heult das kleine Mädchen, weint, ringt die Hände und rutscht auf den Knien herum. ›Ich steche dich tot!‹ schreit er. ›Du lieber Gott, ist denn keiner da, der mich von diesem Ungeheuer befreien will?‹ schreit das Mädchen wieder.«

»Ist das auch alles wahr?« unterbrach die Biberratte mißtrauisch den Erzähler.

»Verdamme meine Augen, wenn es nicht so ist! Nun aber weiter! In dem Hause war es totenstill geworden, und der Kerl mit der Feder brüllt, und die Kleine heult. Da steht mein Freund Tommy auf, dreht sich um und schreit den Zuschauern zu: ›Ihr feigen Hunde, könnt Ihr denn der Kleinen nicht beistehen?‹ Und ehe ich mich versehe, saust schon sein Lasso durch die Luft, die Schlinge legt sich dem Räuber, der eben stechen will, um den Körper, ein Ruck, und der Kerl fliegt über den Boden, reißt einige Lampen um, nimmt einige Stühle mit und liegt dann vor den Füßen Tommys, der ihn am Kragen packt und links und rechts ohrfeigt. ›Du ehrloser Wicht,‹ schreit er, ›wie kannst du Lump ein wehrloses Mädchen erstechen wollen? Warte, dir will ich so etwas austreiben, du kennst Tommy noch nicht.‹ Und dabei prügelte er den Kerl windelweich.

»Nun aber ging es los. Der Räuber heulte unter den Füßen Tommys. Die Zuschauer schrien und johlten. Das Mädchen vorn jammerte, und da dachte ich, ich müßte mitmachen und schoß mit dem Revolver dreimal in die Luft. Oben saßen auch noch einige wilde Kerle, und diese schossen auch mit. Es war ein Höllenspektakel. Da tritt plötzlich vorn auf das Ding – ich glaube, es heißt Bühne – ein anderer Kerl, der gar nicht darauf paßte, weil er einen Zylinder und einen Frack trug. Man sagte mir später, es wäre der Direktor von dem Hause gewesen. Der hob die Hände auf und machte immer Bewegungen, als ob er sprechen wollte, aber wir ließen uns nicht beruhigen. Zuletzt machte er mir aber zu viel Kapriolen. Ich schnallte sachte meinen Lasso ab, und ehe der Direktor sich's versah, riß ich ihn ebenfalls von der Bühne herunter. Nun ging der Spektakel nochmals los.

»Plötzlich stürzten hinter einem Vorhange hervor ein Dutzend Menschen auf uns beide zu, wie ich sie komischer noch gar nicht gesehen habe. Der eine sah aus wie ein Mönch, der andere war ganz in eiserne Kleidung gehüllt, der dritte war fast ganz nackt. Einer hatte hellblonde, lange Haare und einen schwarzen Schnurrbart, an einem Fuße einen Pantoffel, an dem anderen einen hohen Stiefel mit Sporen, kurz, es war ein närrisches Volk.

»Wir beiden sahen gleich, daß sie uns zu Leibe wollten, und wir machten uns bereit, sie ordentlich zu empfangen. Ich griff gleich dem Mönch in seinen langen, weißen Bart, denke dir aber meinen Schrecken, als mir die ganzen Haare in der Hand blieben, und aus dem ehrwürdigen Mönche plötzlich ein junges Bürschchen von siebzehn Jahren ward!«

»Es war ein falscher Bart, wie ihn die Indianer bei ihren Medizintänzen umbinden,« bemerkte die kluge Biberratte.

»Ganz richtig, das weiß ich jetzt auch. Damals aber erschrak ich und griff nach dem Revolver. Tommy machte es ebenso, und das Dutzend Kerle flog zurück, wir schnell zwischen ihnen hindurch, unter dem Halloh der Zuschauer hinaus und auf die draußen angebundenen Pferde. Seit der Zeit bin ich nie wieder in solch einem Hause gewesen.«

Es ist kaum anzunehmen, daß die alte Biberratte nun wußte, wovon Joker gesprochen hatte, was er mit dem großem Hause und den Komödianten meinte. Der Fallensteller hatte eben noch nie von einem Theater gehört und wie man in einem solchen das menschliche Leben in Wahrheit oder Phantasie, so wie es ist oder sein könnte, darstellt.

Ueberhaupt hielt er die Erzählung des Cowboy für erlogen, aber er betrachtete jetzt die Szene da unten mit ganz anderen Gefühlen.

Das waren also Komödianten, die sich für Geld sehen ließen. Jetzt küßten sie sich, und nachher stießen sie sich vielleicht wieder. Und dafür wollten sie Geld haben? Bah, die alte Biberratte würde sich schön hüten, ihnen auch nur einen Cent für solchen Unsinn zu geben.

Die Leutchen wußten nicht, daß sie für Komödianten gehalten wurden, sie spielten ihre Rolle natürlich, die Wonne und Seligkeit, in der sie schwammen, war nicht erkünstelt.

Es war die schönste Stunde der ganzen Weltreise. Alle Vorschriften der ›Vesta‹ wurden zu Boden getreten. Niemand dachte mehr an sie, und dies alles hatte nur die lange Trennung bewirkt, während welcher die Damen in schweren Leiden so recht die Abwesenheit der Herren bedauert, bis sich das Bedauern in Sehnsucht, in namenlose, unermeßliche Sehnsucht umgewandelt hatte.

Jetzt war der Augenblick gekommen, da diese gestillt wurde. Waren es auch nicht nur Liebespaare, die sich hier zusammengefunden hatten, die meisten waren es doch, einige empfanden erst jetzt, daß sie zusammengehörten, und nur sehr, sehr wenige gab es, welche sich bloß mit herzlicher Freundschaft begrüßten.

Einige fanden nicht sofort die Person, welche sie suchten, so zum Beispiel Charles, doch der instinktive Spürsinn führte sie schnell auf die rechte Fährte.

Lord Harrlington aber suchte vergebens nach Miß Petersen. Mit klopfendem Herzen fragte er einige Damen, wo sie sich befände, aber er erhielt nur sehr ungenaue Antworten. Jeder war nur mit sich selbst und seiner Liebe beschäftigt.

Endlich erfuhr er, daß Miß Petersen mit Miß Thomson nach einem kleinen Haine gegangen sei. Der Platz wurde ihm beschrieben, und sofort machte er sich auf den Weg.

Es war nicht so leicht, sich zwischen dem Steingeröll der Ruine zurechtzufinden, eine des Weges kundige Dame fand er nicht bereit, ihn zu führen, und so wollte er schon allein aufbrechen, als sich John Davids ihm anschloß.

»Erlauben Sie, daß ich Sie begleite,« sagte er, »es ist besser, wir gehen zu zweit.«

Harrlington blieb zögernd stehen.

»Ich bin nicht so indiskret dem Wiedersehen beiwohnen zu wollen,« lächelte Davids, »nur suchen will ich Ihnen helfen.«

Jetzt gab Harrlington das Zögern auf. Er murmelte eine Ausrede und lief mit großen Schritten voraus, so daß ihm John Davids kaum folgen konnte.

Sie kamen an den beiden Männern vorüber, welche sich über Komödianten unterhielten.

»Wo ist hier ein Orangenhain?« rief Lord Harrlington den Männern schon von weitem zu.

Die Antwort blieb aus, bis sie dicht heran waren, und Harrlington wiederholte seine Frage nochmals.

»Ein Orangenhain,« brummte die Biberratte. »Ich kenne hier keinen. Habe hier niemals Orangen gesehen, aber genug Vogelbeeren.«

Doch Joker war gefälliger, er wollte sich als einen besser erzogenen Menschen aufspielen und sagte daher mit einer Verbeugung:

»Doch, doch, glaubt diesem blutigen Lügner nicht, Herr Komödiant. Geht hier gerade aus, an der verfallenen Mauer vorbei, biegt die vierte Schlucht links ein, geht etwa fünfzig Meter wieder geradeaus, bis Ihr an den Stein mit der Nase kommt, dort biegt links ein. Dann seht Ihr ein paar Orangenbäume stehen, an denen aber keine Orangen wachsen. Ihr seid dort ganz ungeniert, kein Mensch sieht es, wenn Ihr Euch totstecht.«

Die beiden Herren sahen sich verwundert an, sie begriffen den Sinn dieser Worte nicht, schlugen aber doch unverzüglich die angedeutete Richtung ein.

»Siehst du, es sind Komödianten,« erklärte Joker der Biberratte. »Jetzt gehen sie zu den Bäumen und schießen oder stechen so lange, bis einer tot ist.«

»Aber warum denn, nur so zum Spaß?«

»Hast du nicht bemerkt, wie erregt beide waren? Gerade so wurde es in dem großen Hause gemacht, und ich habe gehört, in den Städten soll es unter den feinen Herren ebenso zugehen. Wenn da nämlich einer zu dem anderen ›Du Lügner‹ sagt oder ihn nur einmal scheel ansieht, oder wenn zwei ein und dasselbe Mädchen lieben, dann ist es ihre Pflicht, sich gegenseitig totzuschießen, und wenn sie es nicht tun, dann sind sie ehrlos, und kein Hund nimmt von ihnen ein Stück Brot mehr an.«

»Nanu,« rief der Fallensteller, »alle beide schießen sich tot?«

»Nein, nur manchmal, gewöhnlich bleibt einer davon leben und zwar fast immer der, der Schuld hat. Aber du darfst nicht denken, daß sie sich vorher hassen oder schimpfen. Gott bewahre, sie sind ganz höflich miteinander, und das Komischste dabei ist, daß der, der den anderen erschossen hat, hinterher gewöhnlich weint und den Toten um Verzeihung bittet.«

»Und du meinst, die beiden wollen sich auch schießen, weil der eine den anderen beleidigt hat?«

»Sicherlich, aber ich will nicht sagen, daß sie sich beleidigt haben. Der eine kann den anderen nur auf den Fuß getreten haben, dann aber müssen sie sich schon schießen. Sie stellen sich gegenüber, zählen bis drei, und bei drei schießen sie beide los. Gewöhnlich wird der getroffen, welcher den anderen getreten hat.«

»Hahaha,« lachte der alte Fallensteller aus vollem Halse, »das kann doch kaum möglich sein. Wenn mich ein Esel tritt, dann schieße ich ihn doch auch nicht gleich tot, sondern prügle ihn ordentlich durch.«

»Feine Leute prügeln sich nie, sie schießen oder stechen nur, aber immer zu gleicher Zeit, damit der andere nicht im Nachteil ist, sagen sie.«

»Das möchte ich doch einmal sehen.«

»Das können wir. Es ist überhaupt nicht mehr nötig, daß wir hier stehen. Komm, Biberratte, wir wollen zusehen, wie sich die beiden totschießen.«

»Aber dann wollen sie Geld für das Zusehen haben,« meinte Biberratte, sich in den Haaren kratzend.

»Wenn sie es nicht vorher verlangen, gebe ich ihnen keins, und überhaupt ist dies ja kein Haus, hier kann ich hingehen und Hinsehen, wohin ich will, niemand hat es mir zu verbieten.«

Die beiden schulterten die Büchsen und gingen der Richtung zu, in welcher die Lords verschwunden waren.

Kaum hatten sich die beiden Posten entfernt, so kroch hinter dem Felsen, an welchem sie gestanden hatten, eine kleine, geschmeidige Gestalt hervor, ein Indianer, und blickte sich nach allen Seiten vorsichtig um. Ein häßliches Lächeln überflog dabei sein bronzefarbenes Gesicht.

»Fort,« murmelte er. »Besser hätte ich es nicht treffen können. Jetzt schnell zu dem weißen Mädchen! Es wird mir willig folgen, und Schmalhand wird seinen Lohn bald verdient haben.«

Wie eine Schlange wand er sich durch die Steine und schlug den Weg ein, welcher nach der Gruppe der Herren und Damen führte, die noch immer scherzend und kosend zusammenstanden. Das Weggehen der beiden Posten machte ihm diesen Weg möglich.

Vorsichtig kroch und schlich er, ehe er aber in Sicht der vielen Menschen kam, schlüpfte er schnell zur Seite und folgte dann schnell den Weg, der nach dem Orangenhain führte.

Er wurde von niemandem gesehen, denn alle hatten jetzt etwas anderes zu tun, als auf Spione zu achten.

Schmalhand, wie sich der Indianer genannt hatte, kroch so dicht auf der Erde hin, bis er vor sich einen leichten Schritt vernahm, und eine helle Kleidung zwischen den Steinblöcken schimmern sah. Er befand sich jetzt gerade in einem ganz zerstörten Teile des alten Tempels; jeder Block bot ein sicheres Versteck. Man bewegte sich hier wie in einem Labyrinth. Es gab hundert Wege. Links und rechts führten sie ab, so daß man überallhin ausweichen konnte.

Schmalhand hob den Kopf und spähte. Er befand sich hier allein, nur leichte Schritte näherten sich ihm.

Jetzt sprang er auf und stand vor dem ankommenden Mädchen, welches erschrocken zusammenfuhr, aber auf das friedliche Zeichen des Indianers hin, nicht laut aufschrie. Nur ein leiser Ruf des Schreckens war ihr entschlüpft. – – – –

Die beiden Herren, Lord Harrlington und John Davids, hätten eigentlich auf dem Wege nach dem Orangenhain Miß Petersen treffen müssen, wenn der Weg eben nicht so zerklüftet gewesen wäre und so unendlich viele Abzweigungen gehabt hätte.

Die Erklärung des Cowboys war eine sehr deutliche gewesen, aber sie fanden die bezeichneten Merkmale nicht, und schon nach kurzem mußten sie sich gestehen, sich verlaufen zu haben. Lord Harrlington wollte auf gut Glück weiter nach dem Haine suchen. Davids schlug vor, zurückzukehren und einen Führer mitzunehmen.

Auf diese Weise hatten sie also die unterdes zurückgekehrte Ellen verpaßt.

Während beide noch dastanden und berieten, was zu tun sei, erblickten sie zu ihrer Freude die zwei Männer, welche sie vorhin angesprochen hatten. Sie waren ihnen gefolgt.

»Nun, noch nicht geschossen?« rief ihnen Joker zu.

Die Frage wurde nicht verstanden; man hielt den Cowboy für etwas verrückt oder für einen unsinnigen Spaßmacher.

»Guter Freund, zeigt uns den Weg nach dem Orangenhain,« sagte Harrlington. »Ihr sollt es nicht zu bereuen haben.«

»Mit dem größten Vergnügen. Wir wollen auch weiter nichts dafür haben, als die Erlaubnis zusehen zu dürfen, wenn Ihr Euch totschießt,« entgegnete Joker.

Die beiden achteten nicht mehr auf den vermeintlichen Spaßmacher, sie hielten seine Reden für plumpe Witze oder Folgen eines überspannten Geistes. Die Hauptsache war ihnen, daß er ihnen den Weg zeigte, und dazu war er willig.

»Seht Ihr die Bäume zwischen den Felsen?« fragte Joker die Herren.

Diese bejahten.

»Das wird der Platz sein, den Ihr sucht. Vorhin ging schon ein anderer Herr hin, er suchte zwei Mädchen auf.«

Harrlington eilte voraus, jetzt konnte er seine Ungeduld nicht mehr bemeistern. Ellen, nur Ellen, das war sein einziger Gedanke und seine einzige Triebfeder.

Er war den drei anderen weit voraus. Jetzt mußte er um eine Ecke biegen. Er blieb plötzlich stehen, dann aber stürzte er mit ausgebreiteten Armen auf die weibliche Gestalt zu, die vor ihm stand, und jauchzte laut auf.

Harrlington sah Ellen vor sich stehen, aber ach, wie hatte sie sich verändert! Beim ersten Anblick sah er, wie mager sie geworden war, doch was machte das, wenn es nur seine Ellen war.

Doch Ellen zeigte keine Freude, erschrocken fuhr sie zurück, und noch ehe der Lord sie erreicht hatte, floh sie schon so schnell als möglich zurück.

Was sollte das bedeuten?

Lord Harrlington stand erst wie erstarrt, dann aber setzte er sofort der Flüchtigen nach. Sie schämte sich vor ihm, sie glaubte vielleicht, er zürne ihr, weil sie nun ihr Unrecht eingesehen habe, und der Stolz war aus ihrem Herzen noch nicht ganz entfernt.

Aber Harrlington jubelte auf. Diese Flucht zeigte ihm, wie sie sich geändert hatte, denn früher wäre sie nicht vor ihm geflohen, sie wäre ihm stolz, kalt und hochmütig entgegengetreten.

Er lief ihr nach. Ach, wie wollte er die Geliebte haschen und sie im Triumph an seinem Arme zurückkehren!

»Hah, was ist das?« rief Joker.

»Laßt sie,« entgegnete Davids, »wir wollen zurückkehren. Wir sind jetzt überflüssig geworden.«

»So wollt Ihr Euch also nicht schießen?«

»Nein, wir wollten es überhaupt niemals.«

»Daraus werde ein anderer klug,« brummte die Biberratte. »Ich glaube, Joker, du bist der größte Lügner unter der Sonne. Du hast schon gelogen, wie du als Säugling zum ersten Male den Mund auftatest.«

»Unsinn, so etwas kommt in einer Komödie immer vor,« verteidigte sich Joker, »es ist aber nicht anständig, wenn zwei hinter einem Mädchen herlaufen.«

»Was sagst du da?« schrie ihn plötzlich Davids an, und es schien fast, als wolle er den Sprecher an der Brust packen.

Doch gleich besann er sich wieder, fuhr mit der Hand über die Stirn und schlug eiligst den Rückweg wieder ein.

Kopfschüttelnd blickte ihm die Biberratte nach.

»Siehst du, er ist doch so ein halbverrückter Komödiant,« sagte Joker. »Er rennt immer halb im Traume herum und muß erst fühlen, ob er seine Augen wirklich offen hat, sonst glaubt er manchmal, er schlafe oder träume.«

Lord Harrlington gelang es doch nicht gleich, Ellen einzuholen, das Mädchen war leichtfüßig. Er wunderte sich zwar nicht wenig, warum sie vor ihm floh. Einige Schritte hätten ja genügt, um ihre Bestürzung anzudeuten, aber er kannte die Launen der Weiber. Er gab die Verfolgung nicht auf, dem gewandten Läufer konnte sie doch nicht entgehen.

Immer mehr näherte er sich ihr.

»Ellen, Ellen,« rief er, aber vergeblich.

Sonderbar, Ellen hatte schon die Ruinen hinter sich, jetzt lief sie dem Waldessaum zu. Fast hatte sie ihn erreicht, Harrlington befand sich noch zwischen den Steinen, als plötzlich etwas geschah, was ihn veranlaßte, wie eine Bildsäule stehen zu bleiben.

Ellen hatte den Wald erreicht, da aber stürzten eine Menge Indianer vor und umringten das Mädchen. Einer hob es trotz ihres Sträubens und Hilferufens auf den Arm, und ebenso schnell war alles wieder im Walde verschwunden.

Entsetzt starrte Harrlington nach der Stelle, wo sich die Szene ereignet hatte. Er glaubte nicht richtig gesehen zu haben.

Wollte denn sein Unglück nur gar nicht aufhören? Mußte die grausame Hand des Schicksals immer störend eingreifen?

Doch im nächsten Augenblick war er wieder bei Besinnung. Er riß den Revolver aus der Tasche und wollte schon den Indianern nachstürzen, als er von hinten am Gürtel gepackt wurde.

»Nicht so hitzig,« rief ihm eine Stimme in's Ohr, »Mit Kaltblütigkeit und Ueberlegung kann man zweimal so viel erreichen und doppelt so schnell zum Ziele kommen, als durch bloßen Mut.«

»Laßt mich los,« schrie Harrlington in höchster Wut und versuchte sich von dem eisernen Griff des alten Fallenstellers zu befreien, der mit Joker ihm nachgekommen. »Laßt mich los, sonst ist es zu spät!«

»Nichts da,« rief auch Joker, »allein könnt Ihr gegen die Indianer nichts ausrichten, sie skalpieren Euch im ersten Augenblick.«

Dennoch wäre es dem starken und gewandten Harrlington gelungen, sich loszumachen, wenn nicht in diesem Augenblick Deadly Dash erschienen wäre und auch seine Warnung hätte hören lassen:

»Geben Sie nach, Lord Harrlington!« rief seine mächtige Stimme. »In fünf Minuten sind wir alle bereit, der Geraubten nachzusetzen.«

Jetzt hörte Huntington auf die Ermahnung; er fügte sich und ging wenige Schritte zurück, wo er einige Trapper um einen Gegenstand stehen sah.

Er sah einen Indianer am Boden liegen, aus dessen Schenkel ein Blutstrom quoll und auf ihm kniete Stahlherz, aber nicht, um die Wunde zu untersuchen, sondern es schien, als wolle er den halb Ohnmächtigen erdrosseln.

Stahlherz Züge hatten sich furchtbar verändert; der edle Ausdruck war daraus verschwunden und hatte einem solchen von entsetzlichem Haß Platz gemacht. Die Augen, auf den kleinen Indianer geheftet, traten fast aus den Höhlen, und die Hand, welche die Kehle zuschnürte, zitterte wie im Fieber.

Die Trapper wußten gar nicht, was vorgefallen war. Sie hinderten Stahlherz nicht am Würgen, und der Verwundete wäre sicher bald erstickt gewesen, wenn des Indianers Hand nicht von einem festen Griff gepackt und er selbst von seinem Opfer hinweggerissen worden wäre.

Wütend wollte Stahlherz das Messer erheben, als er aber in die ernsten Züge von Deadly Dash blickte, ließ er es sinken.

»Es ist Schmalhand,« sagte er grimmig.

»Ich habe ihn sofort erkannt. Will mein roter Bruder den töten, der unbedingt leben muß, weil er sonst nicht sprechen kann?«

»Deadly Dash hat recht. Stahlherz hat wie ein Kind gehandelt,« gestand der Indianer, ließ aber seine Augen grimmig auf dem am Boden Liegenden heften.

»Rasch, wir haben keine Zeit zu verlieren,« drängte Harrlington. »Wißt Ihr, um was es sich handelt?«

»Ich weiß es und auch die Trapper. Wer begleitet uns?«

Alle Trapper traten vor, aber Deadly Dash suchte sich nur einige aus.

»Ihr übrigen bleibt hier und sorgt für die Sicherheit der Herren und Damen,« sagte er. »Jetzt bringt Pferde her.«

Die Herren waren zu Pferde gekommen; eine Minute später waren die als Verfolger ausgesuchten Leute beritten.

»Kommst du nicht mit, Stahlherz? Wir können dich gut gebrauchen.«

Doch Stahlherz schüttelte den Kopf.

»Ich bleibe bei diesem,« sagte er, auf Schmalhand deutend, »ich werde ihn pflegen, bis seine Wunde geheilt ist, damit er meine Rache doppelt fühlt.«

»Hebe ihn auf, bis ich zurückkomme!«

»Stahlherz wird ihn wie eine Mutter pflegen,« entgegnete der Indianer mit einem furchtbaren Lächeln.

Deadly Dash pfiff Lizzard. Die Dogge sprang an seinem Pferde empor und rannte der Reiterschar voraus, dem Walde zu. Harrlington konnte seine Ungeduld nicht mehr bezähmen, er gab seinem Rosse die Sporen zu fühlen, daß die Weichen bluteten.

Die anderen Herren und Mädchen wußten noch gar nicht, was geschehen war. Erst die zurückkehrenden Trapper brachten die entsetzenerregende Nachricht mit, daß Ellen von Indianern geraubt worden sei.

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