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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 42
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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41.

Wiedervereint.

Zwischen dem Gemäuer der alten Ruine war Leben entstanden, aber nicht die ruhelosen Geister der Azteken wanderten bei Nacht umher, sondern heitere Menschen aus Fleisch und Blut, welche nicht das Licht der Sonne zu scheuen brauchten.

Wohl gab es einige unter ihnen mit bleichen Gesichtern und schleppendem Gange, aber nichtsdestoweniger waren sie ebenso fröhlich gestimmt, wie diejenigen, welche auf dem Gemäuer herumkletterten und Götzenbilder suchten oder in den Wald hinauszogen, um mit Wildbret reich beladen zurückzukommen.

Auch einige Bahren standen den ganzen Tag zwischen den gestürzten Säulen, am Morgen und des Abends in der Sonne, am Mittag im Schatten, und auf ihnen lagen die drei Mädchen und die beiden Männer, auf welche die Apachen ihre Kugeln nicht vergeblich abgeschossen hatten.

Am fünften Tage schon kam Deadly Dash und brachte zu Pueblos unaussprechlicher Freude Inez und deren Kind mit. Beide waren in einem Kloster zu Matagorda untergebracht gewesen. Auf alle Fragen, wie er sie der Obhut der frommen Schwestern entzogen hätte, antwortete Deadly Dash nur mit einem Lächeln. Charly meinte, er selbst würde sie einfach herausgeholt haben, wenn man sie ihm nicht mitgeben wollte, und sein Freund würde erst recht so gehandelt haben, Inez aber sagte, daß sie von den Nonnen herzlichen Abschied genommen habe, also konnte Charlys Vermutung betreffs der Entführung nicht richtig sein.

Chalmers war nicht zurückgekehrt. Auf dem Wege nach der Küste hatte er dem Waldläufer seine Beichte abgelegt, und dieser traute ihm jetzt vollkommen.

Auch auf Deadly Dash wartete eine wunderliche Nachricht, die selbst ihn in Erstaunen setzte.

Charly erzählte ihm, wie der Trapper, dessen Schenkelknochen zerschmettert worden war, eines Morgens von seinem Bette verschwunden gewesen wäre – gleich nach der Abreise von Deadly Dash – und alles Suchen nach ihm war vergebens. Nach zwei Tagen aber befand er sich auf eine rätselhafte Weise wieder bei ihnen, doch nur mit einem Bein, das andere war ihm abgeschnitten worden und der Stumpf mit Bandagen umwunden. Der Mann konnte nicht sagen, wie dies alles zugegangen war. Er wäre immer bewußtlos gewesen und hätte auch keinen Schmerz verspürt.

»Er ist chloroformiert worden,« meinten die Damen, aber nur Ellen und Jessy konnten sich den Vorgang erklären. Um die Neugier der anderen zu befriedigen, mußten sie wenigstens so viel sagen, daß zwischen diesen Mauern ein Mann wohne, welcher heilkundig sei.

Deadly Dash hielt sich lange bei dem Operierten auf. Er untersuchte ganz genau den Verband, fragte den Mann kreuz und quer und schüttelte oft gedankenvoll den Kopf.

Deadly Dash untersuchte ganz genau den Verband und schüttelte oft den Kopf

Er sprach mit Stahlherz, und dieser deutete nur auf Lizzard, welcher schon tagelang am Eingange des Ganges lag und die Wand anheulte. Er hatte mehr gesehen als sein Herr. Wenn er nur hätte erzählen können, dann würde man alles erfahren haben.

Jedenfalls aber sorgten unsichtbare Hände für die Gäste, denn in einem bestimmten Raume fanden sie jeden Morgen frische Medizin in richtigen Fläschchen und Büchsen, welche von Ellen und Charly geschickt angewendet wurden. Die Heilmittel wirkten ausgezeichnet, die Wunden vernarbten schnell, und die Kraft kehrte den Kranken wieder.

Man hoffte, in vierzehn Tagen den Marsch nach der Küste antreten zu können.

»Haben Sie etwas von unserem Schiffe, der ›Vesta‹ gehört?« fragte Ellen den Waldläufer.

»Ja, es werden Verbuche gemacht, die ›Vesta‹ von den Klippen herunterzubringen. Ich glaube, die Felsen werden gesprengt, und dann kommt sie in das Dock von Matagorda.«

»Auf wessen Veranlassung wird dies getan?« riefen die Damen erstaunt.

»Das Seemannsamt von Matagorda hat die Arbeiter zur Verfügung gestellt. Wer dies bewirkte, weiß ich nicht,« war die ausweichende Antwort.

»Ist das Schiff ausgeraubt worden?«

»Nur wenig, und das meiste ist den Räubern wieder abgenommen worden. Es ist eine große Untersuchung gegen alle Bewohner der dortigen Gegend eingeleitet worden. Unsere Fischer können sich freuen, daß sie tot sind, sonst wartete ihrer jahrelange Zwangsarbeit.«

Von den sechs Fischern, welche in Pueblos Hütte vergiftet gefunden worden waren, erwähnte er nichts, doch erfuhren sie später durch Inez davon. Deadly Dash war der einzige, welcher wußte, daß Chalmers den Gifttrank für die elf Vestalinnen bereitet hatte, aber er verschwieg es, um nicht von neuem Mißtrauen gegen den Mann zu erwecken, den er jetzt für treu hielt.

Die Mädchen hatten die letzte und wichtigste Frage bis zuletzt aufgespart, doch zur Enttäuschung aller konnte Deadly Dash gerade diese nur um ungenauesten beantworten.

»Wo befinden sich die englischen Herren?« kam es zögernd von den Lippen, und die Augen der Fragerinnen waren ängstlich auf den Mund des Waldläufers gerichtet.

Deadly Dash hatte Erkundigungen eingezogen, aber nur sehr wenig erfahren. Die Herren befanden sich nicht mehr auf dem ›Amor‹, aber auf der Reise nach Nordamerika, nachdem sie durch ganz Chile und Argentinien marschiert waren. Der Waldläufer führte auch eine Entschuldigung an, warum er so wenig über sie erfahren hätte.

Er konnte nämlich in Matagorda nicht offen auftreten, um Erkundigungen einzuziehen, sondern suchte unter der Maske eines Arbeiters von niedrigen Hafenbeamten etwas über das Schicksal des Lords zu erfahren. Viel brachte er nicht aus den Leuten heraus, weil sie eben selbst nichts wußten.

Dann führte Deadly Dash seine Pläne weiter, die auch bei den Damen Billigung fanden.

Chalmers hatte seinen verbrecherischen Kameraden vorgespiegelt, die Vestalinnen seien vom weißen Wolf ohne Ausnahme getötet worden und ebenso die Fischer. Als Veranlassung zu dieser List gab der Waldläufer an, daß die Damen so in aller Ruhe die Genesung ihrer verwundeten Gefährtinnen abwarten könnten, ohne unter Nachstellungen leiden zu müssen. Die Verbrecher würden im Bewußtsein der Sicherheit nach ihren ergaunerten Besitzungen zurückkehren und dort sorglos leben. Waren die Kranken wieder hergestellt, so konnten Maßregeln getroffen werden, um die im Genüsse Schwelgenden zu überraschen und dingfest zu machen.

Die Damen versprachen, sich den Anordnungen des Waldläufers zu fügen, welche hauptsächlich darauf hinausliefen, jedes Lebenszeichen der Damen zu vernichten.

Sie sollten die Ruinen nur im dringendsten Notfall und dann nicht zu weit verlassen, und bei einem Zeichen der wachsamen Trapper sich sofort in einen der vielen Schlupfwinkel begeben.

Sie waren eben für tot erklärt worden und sollten diese Rolle auch wirklich spielen. – – –

Wieder war eine Woche vergangen.

Zwei der Mädchen gingen langsamen Schrittes über die zerstreut umherliegenden Steine und wanden sich zwischen den Trümmern hindurch, bis sie den großen Schutthaufen hinter sich hatten und sich einem mit Bäumen besetzten Platze näherten, wenn dieser auch noch immer innerhalb der Ruinenmauern lag.

Nach Verlauf der Jahrhunderte zeigten jetzt einige Stellen der Ruine förmliche Haine und Gebirgsszenerien, indem aus den mit Erde bedeckten Steinhaufen überall Pflanzen hervorsproßten.

Das eine der Mädchen sah bleich und angegriffen aus. Schwer stützte es sich auf den Arm der Freundin und ließ sich langsam dem Ziele, einem kleinen Haine, zuführen.

Es war Miß Thomson, die gestern zum ersten Male ihr Lager auf wenige Minuten verlassen hatte, um ihre wiedergewonnenen Kräfte zu versuchen, und heute am Arme Ellens den ersten kleinen, für sie aber großen Spaziergang machte.

Hatte die Krankheit sie auch arg mitgenommen, der Lebensmut war ihr nicht geraubt worden. Noch immer blickten die braunen Augen heiter wie früher, und noch immer wußte ihr jeder Gegenstand der Natur, die ihr jetzt doppelt lieblich erschien, ein glückliches Lächeln abzuringen, welches ihr Gesicht wie früher verschönte. Sie fühlte sich wie neugeboren; noch nie war ihr die Sonne so golden vorgekommen, noch nie die Blumen so prächtig und das Gras so grün wie heute. Sie hätte sich am liebsten auf den grünen Teppich werfen und vor Freude lachen und weinen mögen, wenn die besorgte Ellen es geduldet hatte.

»Hier wollen wir uns hinsetzen,« sagte Ellen, als sie den kleinen Orangenhain erreicht hatten. »Die Männer sind auf ihren Posten, und wenn der Geier dreimal schreit, so suchen wir uns schnell ein Versteck aus. Es gibt ja hier genug.«

Der Hain lag inmitten von Trümmern und mächtigen Steinen. Ringsum erhoben sich wildzerklüftete Mauergehänge, und in den manneshohen Spalten und Löchern konnte man leicht ein Versteck finden, wenn der Ruf des wachthaltenden Trappers die Mädchen unsichtbar machen sollte. Der Fleck glich fast einem alten Kirchhof. Es war hier ebenso still, friedlich und romantisch wie auf einem solchen, denn gerade die Friedhöfe, welche durch die den Toten gezollte Scheu und Achtung vor zerstörenden Händen geschützt sind, zeichnen sich ja besonders durch derartige idyllische Schönheit aus.

Ellen ließ die Freundin sanft ins Gras gleiten und setzte sich dann neben dieselbe.

Mit leuchtenden Augen schaute Betty um sich; sie war entzückt über die Schönheit, über die sonntägliche Stille, mit welcher das Zwitschern der Vögel harmonierte. Ellen schien nicht so empfänglicher Natur zu sein; trübe blickte sie vor sich hin und nahm nur eine heitere Miene au, wenn die Freundin ihr leise die Hand drückte.

Lange Zeit saßen die beiden Hand in Hand und stumm da, eine jede mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

Plötzlich brach Betty in ein heiteres Lachen aus, so daß Ellen verwundert aufschaute.

»Sehen Sie nur dort das Nest!« rief das lachende Mädchen, auf ein Vogelnest in einem Baum deutend. »Wie sich die Jungen um den Wurm streiten, den ihnen die Mutter bringt! Ist das nicht reizend, wie sie mit den Flügelchen schlagen und wie jedes das andere zu verdrängen sucht und den hungrigen Schnabel aufsperrt?«

Ellen sah wohl nach dem Neste mit den schreienden, jungen Vögeln, die von der Mutter gefüttert wurden, aber die kleine Szene vermochte ihr diesmal kein Interesse abzugewinnen, während sie sonst bei solch einem natürlichen Schauspiel stets Freude empfand.

»Es ist ein Abbild des Lebens,« sagte sie. »Jeder sucht den anderen zurückzustoßen, ihm zuvorzukommen und ihm das zu nehmen, worauf jener ein ebenso großes Anrecht hat wie er. Zugleich sieht man daraus, daß es in der Natur keine andere Liebe gibt als die der Mutter, und die, welche von Nächstenliebe und so weiter sprechen, lügen. Nirgends in der Natur sehen wir etwas von Nächstenliebe, nicht einmal etwas von Geschwisterliebe, und die Liebe des Kindes zu den Eltern, oder besser, zur Mutter, hört sofort auf, wenn es sich selbst ernähren kann. Wir Menschen haben durch Religion und Erziehung den Begriff einer Liebe erhalten, wie sie gar nicht existiert, und die Folge davon ist eine fortwährende Enttäuschung, welche aber dem erspart bleibt, der sich mit dem Gedanken vertraut macht, daß eine andere Liebe, als Mutterliebe nicht möglich ist.«

Verwundert blickte Betty die Sprecherin an.

»Wie, Ellen? Ihnen hätte ich am allerwenigsten zugetraut, daß Sie so prosaisch von Liebe sprechen könnten! Uebrigens haben Sie die Gattenliebe ganz vergessen.«

»Die gibt es nicht. Das ist keine Liebe, es ist nur ein Begehren, also vollkommen egoistisch.«

»Oho, da bin ich doch anderer Ansicht,« rief Betty entrüstet. »Aber Sie sind schlechter oder doch trüber Laune, sonst würden Sie auch anders denken. Nun sehen Sie, wie sich der kleine Vogel freut, weil er den Wurm glücklich erwischt hat, wie er pfeift und zwitschert und schwatzt.

»Der Wurm wird aber wohl nicht pfeifen und zwitschern und sich freuen,« entgegnete Ellen. »Warum muß gerade er leiden, damit der Vogel satt wird? Nein, die ganze Welt ist ein großes Schlachthaus, wo ein Wesen so lange andere frißt, bis es selbst gefressen wird. Die einzigen Wesen, welche auf der Erde nicht gefressen werden, sind die Menschen, dafür aber haben wir uns allerlei Leidenschaften geschaffen, und eine davon ist die Liebe.«

»Hören Sie auf!« bat Betty. »Sie rauben mir mit Ihren schwarzen Gedanken allen Frohsinn, und ich war doch so glücklich, als Sie sich erboten, mich ins Grüne zu führen, und es ist ja auch so herrlich hier. Muß man sich denn alles Schöne selbst verbittern? Man soll den Augenblick ergreifen und genießen, denn im nächsten Moment gehört er uns nicht mehr, er ist in die Ewigkeit hinübergerollt, und wir wissen nicht, was uns die Zukunft bringt. Ist der Augenblick aber so, daß wir uns nicht seiner freuen können, dann sollen wir wenigstens freudig in die Zukunft blicken! Hoffnung ist ein großer Trost, und Hoffnung läßt nicht zu schanden werden, und ich habe dies Wort bis jetzt immer bewahrheitet gefunden.«

»Ja, Hoffnung,« seufzte Ellen tief auf und blickte träumerisch nach dem Nestchen, in welchem noch immer der kleine Vogel seine Jungen fütterte.

Jetzt kam noch ein anderer dazugeflogen, wahrscheinlich das Männchen. Auch dieses brachte den Jungen Futter im Schnabel mit, doch kaum war ihm dieses abgenommen worden, so hüpfte es mit ausgebreiteten Flügeln zu dem Weibchen, zwitscherte laut und liebkoste es mit dem Schnabel.

Aber nicht Betty betrachtete dieses Spiel, sondern Ellen. Sie wußte, an was die Freundin jetzt dachte, und wollte sie nicht in ihren Hoffnungen stören. Ellen hatte vorhin gerade das Gegenteil von dem gesprochen, was in ihrem Herzen vorging. Betty wußte wohl, wie sehr Ellen sich nach Liebe sehnte.

Ach, und sie selbst, Betty, schmachtete sie nicht auch nach dem, der nicht einmal ahnte, wo sie sich jetzt befand? Wie gern hätte sie ihm ein Lebenszeichen gegeben, aber wie wäre dies möglich gewesen, und dann war auch noch der zwar rücksichtsvolle, aber doch auch wieder so unerbittliche Deadly Dash. Er befahl immer mit bittenden Worten, was er aber befohlen hatte, das wollte er auch ausgeführt haben, und nie hätte er geduldet, daß seine Absicht, die Damen als getötet gelten zu lassen, durch irgend einen Wunsch zu nichte gemacht würde.

Doch nur Geduld, die Zeit mußte kommen, da eine Vereinigung ohne Trennung stattfand!

Ellens Gedanken mochten wohl eine andere Richtung bekommen haben. Sie wendete den Kopf vom Neste ab und hob die Augen zum Himmel auf. Hoch oben in dem blauen Aether konnte sie einige dunkle Punkte sehen, welche in großen Kreisen über der Ruine schwebten. Es waren Geier, die ihr Jagdfeld musterten, und ihre Beute bestand in Kadavern. Der Wassermangel der Prärie lieferte ihnen zahlreiche Beute, und die Raubtiere des Waldes fraßen von den niedergerissenen Tieren nur die besten Teile, das übrige überließen sie den Aasgeiern und anderen Marodeuren.

»Könnte ich so hoch in der Luft schweben, und besäße ich den Blick des Adlers!« murmelte Ellen sehnsüchtig.

Die beiden Mädchen schraken plötzlich zusammen. Als käme der Ton aus hoher Luft, so erklang ein kurzer, mißtönender Geierschrei.

»Eins,« zählte Ellen leise, an die Verabredung denkend, »zwei – drei. Auf, Betty, wir müssen uns verstecken!«

Doch sie blieb noch sitzen. Das Signal war entweder unterbrochen worden, oder es war gar keins. Ein Geier hatte wirklich geschrien, wenn man auch keinen in der Nähe erblicken konnte.

Der dritte Ruf sollte nicht, wie die beiden ersten, kurz, sondern langanhaltend ausgestoßen werden, so hatte Deadly Dash angeordnet.

Nun setzte der Schrei auch ganz lang an, brach aber gleich am Anfang wieder ab.

»Was sollen wir tun?« flüsterte Betty.

»Es war ein Geier,« entgegnete Ellen, halb aufgerichtet.

»Es konnte aber auch ein Posten sein, der bei dem Signale unterbrochen wurde.«

»Auch das! Er wird einen der indianischen Bewohner der Ruine gesehen haben und hat signalisiert, dann aber seinen Irrtum erkannt. Diese Indianer brauchen wir ja nicht zu fürchten, sie wissen unseren Aufenthalt und schützen uns sogar.«

»Wir wollen uns lieber verstecken,« meinte Betty. »Der Posten kann auch durch etwas am letzten Schrei gehindert worden sein. Es ist besser, wir sind vorsichtig, weil es der Waldläufer so haben will.«

Ellen half der Freundin auf und führte sie langsam nach der zerklüfteten Mauer. Eine der Spalten lag so versteckt, daß man nicht direkt hineinsehen konnte, und hierher brachte Ellen das kranke Mädchen. Ein anderes Versteck gab es nicht. Wer suchte, hätte sie doch gefunden, und waren sie entdeckt, dann mußten die Trapper sowieso durch einen Schuß zu Hilfe gerufen werden.

»Warten Sie hier!« flüsterte Ellen. »Ich will mich nach unserem Quartier schleichen und fragen, ob sich jemand der Ruine nähert. Ich komme sofort wieder.«

»Bleiben Sie lieber hier,« bat Betty. »Ich fühle mich unheimlich in diesem alten Gemäuer. Es ist zwar lächerlich, daß ich so etwas sage, aber die Schwäche hat meine Nerven empfindlich gemacht.«

»Nur fünf Minuten, liebe Betty. Bedenken Sie doch! Haben wir uns getauscht, war es keine Warnung, so müßten wir ja so lange hier sitzen bleiben, bis wir von den Unsrigen gesucht werden, oder bis wir zufällig jemanden vorbeigehen sehen.«

Daran hatte Betty allerdings nicht gedacht, und so willigte sie ein, allein zurückzubleiben.

Ellen entfernte sich mit dem nochmaligen Versprechen, sofort wieder zurückzukommen, und machte sich dann auf den Weg nach dem Quartier, jeden Stein als Deckung benutzend, um sich vor einem fremden Menschen rechtzeitig verbergen zu können.

Bald hatte Betty sie aus dem Gesicht verloren.

Die fünf Minuten waren verstrichen, und Ellen war noch nicht zurückgekommen; es vergingen weitere zehn Minuten, noch eine Viertelstunde, und Betty war noch immer allein.

Dem einsamen Mädchen wurde es bange. Die Wunde hatte es wirklich sehr geschwächt, und eine Krankheit greift ja nicht nur den Körper, sondern auch die Seele an. Das sonst so mutige Mädchen war etwas furchtsam geworden. Es schauerte zusammen, wenn eine Eidechse neben ihm raschelte, oder wenn sich draußen ein Steinchen von dem Gemäuer löste und mit leisem Geräusch zu Boden fiel.

Was war denn nur vorgefallen? Warum kam Ellen nicht wieder? Sie hätte sie doch wenigstens rufen können, wenn keine Gefahr vorlag, und bei einer solchen wäre sie auch lieber an ihrer Seite gewesen.

Betty war sehr böse auf Ellen, noch böser aber auf sich selber, weil sie ihre Ungeduld gar nicht beherrschen konnte. Sie war eben furchtbar aufgeregt, und als wieder einige Minuten verstrichen waren, ohne die Erwartete zurückzubringen, brach sie sogar in Tränen aus.

Doch ebenso schnell hörten sie wieder auf; da endlich vernahm sie einen leichten, kurzen Schritt, den Schritt Ellens.

Betty konnte sich nicht bemeistern, sie mußte der Ankommenden entgegengehen. Sie ging leise nach dem Ausgang und steckte ganz wenig den Kopf heraus. Der Schritt war schon ganz nahe.

Doch ebenso schnell fuhr sie wieder zurück, preßte die Hand aufs Herz und wäre zu Boden gestürzt, wenn nicht in diesem Augenblick die Gestalt, welche sie erblickte und die ihr solchen Schrecken eingejagt, um die Ecke gesprungen wäre und sie in die Arme genommen hätte.

»Betty,« jauchzte der junge Mann auf, der sie umfaßt hielt.

»Charles! Ist es möglich?« stammelte das Mädchen, den Mann durch die von Tränen umflorten Augen kaum erkennend.

»Es ist möglich,« lachte der Mann und umschlang das Mädchen noch fester. »So überzeuge dich doch, daß ich ein Mensch von Fleisch und Blut bin! So, lege den Arm um meinen Hals, so ist es recht! Nun? Bin ich ein Geist oder wirklich dein Charles?«

Das Mädchen fand keine Gelegenheit zur Antwort; sein Mund wurde von einem anderen verschlossen. Halb besinnungslos duldete es die heißen Küsse, welche kein Ende nehmen wollten, und daß es nicht ohnmächtig war, bewies eine brennende Röte, die sich von der Schläfe bis zum Hals erstreckte.

»Mein Charles!« flüsterte es endlich mit glücklichem Lächeln, als der Wiedergefundene auf einen Moment seine eifrige Beschäftigung einstellte. »So ist es also wirklich kein Traum? Ach, bin ich glücklich! Nun aber trennen wir uns nie wieder!«

»Nie, nie, Betty,« rief Charles leidenschaftlich, ließ die Geliebte auf einen Stein gleiten und kniete selbst vor ihr nieder. »Ich bleibe von jetzt ab bei dir. Keinen Augenblick mehr lasse ich dich aus den Augen. Du armes Kind,« fuhr er teilnahmvoll fort. »Was hast du alles auszustehen gehabt! Ich habe es schon erzählen hören. Du brauchst kein Wort darüber zu sagen, strenge dich also nicht an, und wenn du etwas sagen willst, dann nur drei Worte. Weißt du welche?«

Williams hielt die auf dem Stein Sitzende noch immer umschlungen Mit feuchten Augen blickte er das Mädchen an, um dessentwillen er beinahe seinen ganzen Frohsinn verloren hatte.

»Mein lieber Charles,« flüsterte Betty und neigte den Kopf vor, ihre Lippen den seinen darbietend.

Es ward nicht mehr viel hörbar; sie hatten sich mit Worten nichts zu erzählen; die Küsse und Händedrücke waren die Sprache, in der sie sich verständigten.

Auch draußen war es still. Nur die beiden Vögelchen zwitscherten, und die unersättlichen Jungen schrien nach neuer Aesung. Aber Betty achtete jetzt nicht mehr auf sie, sie brauchte das Pärchen nicht mehr zu beneiden.

Endlich machte sie sich sanft aus der Umarmung frei. Sie dachte daran, daß sie und ihr Geliebter nicht die einzigen Menschen auf der Erde seien.

»Gibt es noch mehr Glückliche in diesen Ruinen?« fragte sie lächelnd.

»Was geht das mich an?« rief Charles lustig. »Ich bin glücklich, ich sehe dich glücklich, und nach anderen frage ich nicht.«

»Das ist nicht schön von dir.«

»Warum nicht? Glaubst du die anderen kümmern sich jetzt um uns?« scherzte Charles, der mit Betty auch seine gute Laune wiedergefunden hatte, weiter. »An verschiedenen Stellen geht es jetzt ebenso zu wie hier.«

»Wie denn?«

Charles zeigte ihr, was er meinte, das heißt, er küßte sie wiederholt.

»So sind alle Herren hier?«

»Ja, und Hope und Hannes ebenfalls. Diese sind vielleicht die einzigen, welche sich vernünftig betragen, weil bei denen die Liebe etwas Altes ist, sie sehen nur zu.«

»Pfui, Charles, das ist ungezogen! Wie kannst du so sprechen?«

»Aber wunderbar ist es,« fuhr Charles lustig fort, »was sich zwischen diesem alten Steingerümpel alles offenbart. Ich hatte mir nicht träumen lassen, daß sich schon so viele Herzen zusammengefunden haben. Das flog sich nur immer so in die Arme, eine dorthin, die andere dahin, dann fiel da ein Kuß, dann einer dort, und es war ein Jauchzen, ein Weinen und Lachen, daß es mir angst und bange wurde.«

»Wie fandest du mich?« fragte Betty lächelnd.

»Ich bemerkte gleich, daß du nicht da warst, und erfuhr das Ziel deines Spazierganges.«

»Hat Marquis Chaushilm auch ein Herz gefunden, das ihn erwartet hatte?«

»Der? Nun, ich weiß nicht, ich glaube, er hat wieder einmal mehr Glück als Verstand bei der Geschichte gehabt. Mir kam es erst vor, als wolle er sich mit ausgebreiteten Armen auf Miß Nikkerson stürzen, da aber kam zufällig Lord Hastings dazwischen, und der liebebedürftige Herzog kam an dessen breiter Brust zu liegen. Chaushilm schien erst nicht zu merken, daß er seinen Arm um einen Mann geschlungen hatte, und Hastings zog ein sehr dummes Gesicht. Dann aber packte er den Herzog am Kragen und schleuderte ihn mit einem seiner kräftigen Flüche von sich. Der Herzog drehte sich einige Male um sich selber und kam endlich an der Brust einer Dame zur Ruhe. Dort lag er noch, als ich die Gruppe verließ. Weißt du, wer die Dame ist?«

»Jedenfalls Miß Sargent.«

»Alle Wetter, sollte da doch kein Zufall vorliegen?« rief Charles erstaunt. »Na, meinetwegen, ich gönne es ihm von Herzen. Aber bei Miß Sargent kann er sich in acht nehmen, die hat ihn gleich am ersten Tage unter dem Pantoffel.«

»Und Lord Harrlington?«

»Der rannte wie ein wildes Tier herum. Richtig, nun fällt mir erst ein, was ich schon immer fragen wollte: Wo ist Miß Petersen geblieben? Sie ist nicht hier und war auch vorhin nicht bei den übrigen.«

»Sie befand sich auf dem Wege dorthin, du hättest ihr begegnen müssen.«

»So. Na, dann wird Lord Harrlington wohl auch schon zur Ruhe gekommen sein.«

»Und Mister Davids?«

Das lachende Gesicht von Charles wurde plötzlich sehr ernst.

»Mister Davids zeigte keine Freude,« entgegnete er.

»Er begrüßte die erste Dame, die er sah, sehr höflich; als sein Gruß aber unbeachtet blieb, verlor er sich zwischen den Steinen. Erst als Harrlington vergeblich nach Miß Petersen ausschaute, erbot er sich, die Vermißte zu suchen. Beide verließen die Gruppe gleichzeitig mit mir.«

»Wie habt Ihr uns eigentlich gefunden? Das ist doch kein Zufall!«

»Durchaus nicht! Wir wußten schon, daß Ihr in Matagorda wäret, und als wir im Hafen ankamen, erfuhren wir sofort durch eine Agentin, daß wir die Vestalinnen hier in den Ruinen finden würden. Hals über Kopf stürzten wir durch den Wald und ruhten nicht eher, als bis wir die Stolle in Sicht bekamen. Wie heißt der lange Kerl mit der kleinen Flinte, der hier eine Art von Aufsicht führt?«

»Deadly Dash.«

»Richtig, Deadly Dash. Dieser Mann empfing uns im Walde; er mußte schon auf uns gewartet haben, und einem Trapper, der wie ein Geier schreien wollte, legte er schnell die Hand auf den Mund, so daß der letzte Ruf kurz abbrach.«

»Das stimmt. Darum habe ich mich auch hier versteckt. Warum bleiben wir denn überhaupt hier in diesem dumpfen Loch? Laß uns hinausgehen in die Sonne.«

»Bleib' lieber hier,« bat Charles. »Hier sind wir ungestörter. Oder willst du lieber in die Sonne, weil sie dich erwärmt?«

»Wo du bist, da scheint immer die Sonne, und wenn es im dunkelsten Kerker wäre,« sagte Betty zärtlich und umschlang von neuem den Hals des Geliebten. »O Charles, wenn du wüßtest, wie ich mich nach dir gesehnt habe.«

»Und ich mich nach dir! Nun aber, da wir uns wiedergefunden haben, soll es keine Trennung mehr geben!«

»Niemals mehr!«

»Bis zum Tode?«

»Ja, bis in alle Ewigkeit.«

»Und noch ein paar Jahre länger.«

»O, Charles, kannst du denn nun gar nicht ernst sein?« schmollte das Mädchen. »Ich glaubte, die Schicksalsschläge hätten aus dir einen vernünftigen Menschen gemacht.«

»Aber Betty, wenn diese Stunde auch keine lustige ist, Grund zum Traurigsein haben wir doch nicht. Ich bin ja so fröhlich, und du weißt, wie sich meine Fröhlichkeit äußert. Oder willst du, daß ich immer ganz ernst bin? Dir zuliebe würde ich mir Mühe geben und nie wieder etwas sagen, worüber jemand lachen könnte.«

»Nein, nein, bleibe so, wie du bist!« rief Betty. »Es war nur Spaß von mir. Ich möchte dich niemals anders sehen als so, wie damals, da ich dich kennen lernte. Ich weiß, du bist kein oberflächlicher Mensch, nur Blinde und Törichte halten dich für einen solchen.«

Es währte lange, ehe sich die beiden erinnerten, daß die Freunde und Freundinnen sie vermissen und suchen könnten. Betty dachte zuerst daran, und zwar an Ellen.

»Wir müssen zurückgehen,« sagte sie. »Gib mir deinen Arm, mir fällt das Gehen schwer.«

»Meinen Arm? Nein, den gebe ich dir nicht!«

»Nicht, was soll das heißen?«

»Was habe ich dir vorhin gesagt?«

»Du hast mir so viel gesagt, Schmeicheleien, Dummheiten und Sachen, von denen vielleicht manches Lüge war, daß ich gar nichts mehr weiß.«

»Ich sagte dir, ich wollte dich mein ganzes Leben lang aus den Händen tragen, und damit will ich jetzt anfangen.«

Im Nu saß Betty auf dem Arme Charles'.

»Das ist auch wieder nicht wahr,« scherzte das Mädchen, sich an ihn schmiegend. »Dein ganzes Leben lang wirst du das wohl nicht aushalten können.«

»Nur absetzen muß ich natürlich manchmal, damit ich etwas verschnaufe.«

Unter solchen Reden trat Charles mit seiner süßen Last ins Freie, noch aber waren sie keine zehn Schritte gegangen, als wieder der Geierruf dreimal erschallte, diesmal so, wie es als Warnungssignal verabredet worden war.

»Schnell, wir müssen uns verstecken,« drängte Betty, »die Waldläufer wollen es so haben.«

»Was gehen mich die Waldläufer an,« brummte Charles und blieb unschlüssig stehen.

»Haltet ihn, laßt ihn nicht entkommen!« schrie da eine Stimme über den beiden, und als sie aufblickten, sahen sie gerade über sich auf der halb zusammengestürzten Terrasse Deadly Dash stehen, die Büchse schußbereit an der Wange.

Da raschelte es neben ihnen. Wie eine rote Schlange glitt plötzlich ein Indianer zwischen den Steinen hindurch und war im nächsten Augenblick verschwunden, doch schon kam mit mächtigen Sprüngen eine Dogge gerannt, die Nase dicht am Boden, und gleich darauf schlüpfte wieder ein anderer Indianer, Stahlherz, wie ein Schemen an ihnen vorbei.

»War das ein Schattenspiel?« rief Charles erstaunt.

Ueberrascht sah Williams zur Seite – da huschte schon wie eine rote Schlange ein Indianer unmittelbar an ihm vorüber.

»Bindet ihn!« schrie oben wieder der Waldläufer. Unwillkürlich lenkten sie die Blicke in die Höhe, sie sahen, wie er die kurze Büchse, deren Lauf noch rauchte, zu Boden senkte, und wie er auf der anderen Seite abstieg.

Einen Schuß hatten sie aber nicht gehört.

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