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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 40
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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39.

Am Hafen von Matagorda.

»Kommen Sie, Spurgeon,« sagte in dem Zimmer eines kleinen Gasthofes zu Matagorda Kirkholm zu seinem Freunde, »wir wollen noch einmal an den Hafen gehen und uns erkundigen, wann und ob die ›Seeschwalbe‹ überhaupt heute einläuft. Merkwürdig, daß sie noch nicht signalisiert ist. Wenn ihr kein Unglück zugestoßen ist, muß sie, laut der Depesche, heute unbedingt eintreffen. Kommt sie heute nicht, so gebe ich die Hoffnung auf, diese Engländer je zu Gesicht zu bekommen.«

»Liegt Ihnen so viel an diesem Anblick?« fragte Spurgeon, der schon zum Ausgehen fertig dastand und sich eben die Handschuhe zuknöpfte.

»Ich möchte lieber, ich brauchte sie nie wiederzusehen.«

»Interessant ist es doch, die Burschen einmal zu betrachten. Schade, daß wir nichts mehr machen können. Seit Flexan fort ist, ist unsere Sache gelähmt, der Meister hat aufgehört, seine Rolle zu spielen. Möchte nur wissen, wo er sein Ende gefunden hat.«

»Doch auf einem Schiffe, oder Wilde haben ihn aufgefressen,« meinte Spurgeon gleichgültig.

»Was aber mögen wohl unsere früheren Genossen denken, wenn sie jetzt weder Aufträge, noch Geld erhalten?«

»Sie werden wohl auf eigene Faust weiteroperieren, und, da sie die Hand des Meisters nicht mehr spüren, so ungeschickt sein, daß sie bald ihr Ende am Galgen finden werden.«

»Dann sind wir sie wenigstens los,« lachte Kirkholm, »und das wäre gut, wenn wir sie auch nicht zu fürchten brauchen. Die Hauptsache ist, daß Chalmers heute abend kommt und gute Nachrichten mitbringt.«

»Eher können wir ihn nicht erwarten, und selbst dann muß er sich schon sehr beeilt haben. Haben Sie schon wieder etwas von Inez, Pueblos Frau, gehört?«

»Nein,« entgegnete Kirkholm, »sie ist nach Matagorda in ein Kloster gebracht worden, wo sie so lange bleiben soll, bis etwas Näheres über das Schicksal ihres Mannes erfahren worden ist. Nun, wir wollen hoffen, daß auch Pueblo nicht mehr zu den Lebenden zählt. Rätselhaft ist nur, von wem die sechs Fischer vergiftet worden sind. Sie müssen unbedingt etwas Giftiges gegessen oder getrunken haben.«

»Pueblo mag Rattengift in der Küche gehabt haben, und die Fischer haben aus diesem vielleicht Kuchen gebacken,« lachte Spurgeon.

Unter solchen Gesprächen zog sich Kirkholm an und verließ dann mit Spurgeon das Hotel.

»Sehen Sie! Da ist der Mann, von dem ich Ihnen erzählt«,« flüsterte Spurgeon auf der Straße, eine unmerkliche Bewegung nach einem Herrn machend, der ihnen entgegengekommen war, aber bei dem Anblick der beiden vor einem Schaufenster stehen blieb. »Er beobachtet uns, verlassen Sie sich darauf.«

»Es mag sein,« entgegnete Kirkholm ebenso leise, »mir wird der Boden hier überhaupt schon heiß. Sofort, wenn Chalmers uns Nachricht bringt, verlasse ich Matagorda und verschwinde. In einer großen Stadt im Innern Amerikas findet uns niemand. Wir können dort in Ruhe und Sicherheit unser Geld verzehren.«

»Ja, wenn Chalmers nur erst eine günstige Nachricht gebracht hatte,« seufzte Spurgeon.

»Der Streich muß geglückt sein! Wie wäre es anders möglich. Die Fischer lassen ihre Opfer sicher nicht fahren.«

»Pst, keine Namen,« warnte Spurgeon, »wir wollen hier überhaupt nichts mehr sprechen.«

Die beiden gingen schweigend dem Hafen zu, blieben aber oftmals stehen, anscheinend, um sich die Schaufenster anzusehen, in Wirklichkeit aber, um den fremden Herrn zu betrachten, von dem sie sich beobachtet glaubten.

Sie wußten, daß die Sicherheitspolizei von Matagorda seit der Zerstörung der Feuer des Leuchtturms alle Fremden scharf beobachten ließ, doch die drei Genossen: Kirkholm, Spurgeon und Chalmers, hatten alles so fein eingefädelt, daß sie für ihre Sicherheit nichts zu befürchten hatten.

Die beiden ersteren wohnten jetzt in einem kleinen Hotel und gaben sich als Pferdehändler aus, wünschten aber nichts sehnlicher, als daß Chalmers erst eingetroffen wäre, damit sie weiterreisen könnten. Seit der letzten Geschichte, wo sechs Fischer in Pueblos Hütte vergiftet gefunden worden waren, während dieser selbst samt seinen Gästen spurlos verschwunden war, wurde das fremde Element in Matagorda noch schärfer überwacht, und besonders wurden die Schiffe bei der Einfahrt und Ausfahrt genau untersucht.

Man vermutete, daß sich auch hier eine Räuberbande eingerichtet habe, wie in anderen Hafenstädten, und die Geheimpolizei hatte ihren ganzen Apparat in Bewegung gesetzt, um diesem spitzbübischen Gesindel auf die Spur zu kommen.

So fühlten sich diese beiden Männer nicht mehr sicher, besonders, weil ihnen die Hilfsmittel nicht zu Gebote standen, mit denen Flexan von überall und über alles, selbst über das Vorhaben der Polizei, Kenntnis erhielt.

Sie wußten nicht einmal, wo sich Miß Morgan befand. Sie mochte mit Flexan untergegangen sein, und ebensowenig wußten sie, wo die Dame war, welche sich als Miß Petersen ausgegeben und die Engländer nach Südamerika gelockt hatte.

Kirkholm unterhielt nur wenige Geheimagenten, sich dabei noch immer des Siegels des Meisters bedienend, so zum Beispiel um über die Bewegungen der Engländer orientiert zu werden, weil diese zu fürchten waren. Aber das Haupt des ganzen Betriebes, Flexan, fehlte, und die Maschine stand still, man konnte sich ohne ihn nur notdürftig behelfen.

Viel schaden konnten ihnen die englischen Lords nicht mehr, man mußte sich nur vor ihnen in acht nehmen. Es wäre wohl noch möglich gewesen, einen Indianerstamm oder gedungene Mörder auf sie zu hetzen, wie man es jetzt bei den Mädchen getan hatte, aber ein ganzes Schiff in die Luft zu sprengen oder verschwinden zu lassen, so etwas konnte nur Flexan fertig bringen. Wie sehr bedauerten sie dessen Fehlen!

Nun, waren die Mädchen tot, dann waren deren Mörder in Sicherheit. Jeden Augenblick konnte Chalmers diese freudige Antwort bringen.

»Er beobachtet uns nicht,« flüsterte jetzt Spurgeon dem Freunde zu. »Er dreht sich um und geht wieder zurück, ohne sich um uns zu kümmern. Aber natürlich, man hat ein böses Gewissen, wenn man etwas getan hat, was nach Paragraph so und soviel bestraft wird. In jedem, der einen nur ansieht, wittert man gleich einen Detektiven.«

»Es ist noch nicht gesagt, daß er uns nicht beobachtet, weil er uns nicht nachläuft,« entgegnete Kirkholm. »Detektive sind schlau, sie lassen sich nicht gleich an der Nasenspitze ansehen, wer sie sind. Vorsicht ist immer gut und in unserem Falle doppelt nötig.«

Aber der Fremde verfolgte sie nicht, und die beiden erreichten unbelästigt den Quai des Hafens von Matagorda.

Dort herrschte ein reges Leben, sowohl auf dem Wasser als auf dem Lande. Eine Menge bewimpelter Schiffe lagen bereit, die Anker zu lichten, andere ankerten dicht am Quai, die Schornsteine rauchten, alles Weißangestrichene mit schwarzen Rußflocken bedeckend, die Winden arbeiteten und luden große Ballen, Kisten und Fässer, Holz und so weiter aus und ein.

Auf dem Hafendamm fuhren die schwerbeladenen Wagen ab, kamen die leeren an. Andere brachten neues Frachtgut herbeigeschleppt, geschäftige Hände luden es ab, hingen es an die Haken der Winden, und diese luden es ins Schiff ein.

Dazwischen standen die Packträger und harrten auf Arbeit, und gerade jetzt waren sie zahlreich vertreten, weil zwei ankommende Schiffe signalisiert waren. Deshalb auch befanden sich so viele müßige Zuschauer am Quai, Herren und Damen, entweder nur aus Neugier die Schiffe erwartend, oder weil sie Bekannte abholen wollten.

»Sehen Sie dort die Dame?« fragte Kirkholm den Freund. »Sie kommt mir so bekannt vor. Kennen Sie dieselbe vielleicht?«

Er zeigte dabei mit dem Kopfe nach einer elegant gekleideten Dame von etwa dreißig Jahren, welche sich auf einen langstieligen Sonnenschirm stützte und auf das in der Sonne glitzernde Wasser hinausblickte. Es war eine imposante Figur mit einnehmenden, aber nicht schönen Zügen. Sie sah etwa wie eine gewesene Schauspielerin aus, das Gesicht verlebt, weich und blaß.

»Nein, sie ist mir völlig unbekannt,« entgegnete Spurgeon, »ich habe sie noch nie gesehen.«

»Ich muß ihr schon einmal begegnet sein,« sagte Kirkholm nachdenkend.

»Doch lassen wir das! Warten Sie einen Augenblick hier, ich will mich erkundigen, wie die Namen der beiden ankommenden Schiffe lauten! Hoffentlich ist eins davon die ›Seeschwalbe‹, dann ist unsere Neugier wenigstens befriedigt.«

Er ging in ein Zollwärterhäuschen und fragte, erfuhr aber zwei andere Namen.

»Wieder nicht,« sagte er, zu Spurgeon zurückkehrend, »wir können wieder gehen. Vor heute abend kommt doch kein anderes Schiff hier an.«

»Wir können ja die Ankunft der Dampfer erwarten,« meinte Spurgeon. »Chalmers kann noch nicht zurück sein. Etwas interessanter ist dies doch, als immer im Hotel Zeitungen zu lesen.«

Kirkholm war einverstanden.

Beide schlenderten am Quai entlang, Spurgeon die Schiffe betrachtend, Kirkholm fortgesetzt die Dame beobachtend und darüber grübelnd, wo er dieselbe schon einmal gesehen habe.

Ein Postdampfer kam an. Er brachte Güter, Passagiere und Briefe von jenseits des Aequators, aus Rio de Janeiro, der Hauptstadt Brasiliens.

Die sonnenverbrannten Matrosen zogen die kleinen Dampfboote der Kompanie, welcher das Schiff gehörte, heran, warfen die Taue um die Boller, legten die Laufbrücke aus, die Passagiere gingen über das schwankende Brett und wurden an Land gebracht.

Es ging alles sehr schnell; der Dampfer blieb nur wenige Stunden hier. Schon lagen schwimmende Dampfkrähne und große Kähne bereit, das Frachtgut abzunehmen und anderes auszuliefern. Dann ging es weiter, aus dem Busen von Mexiko hinaus und an der Küste von Nordamerika entlang dem Heimatshafen zu.

Zeit ist Geld, und vor allen Dingen bei einem Schiffer. Jede Stunde im Hafen kostet eine beträchtliche Summe Ankergeld. Jeder uniformierte Hafenbeamte hält gierig die offene Hand dem Kapitän hin und fordert irgend einen Zoll.

Plötzlich fuhr Spurgeon mit totenblassem Gesicht zurück und wendete den Kopf ab.

»Miß Petersen,« stammelte er.

Auch Kirkholm erschrak, als er eine Dame von einem der kleinen Dampfer an Land gehen sah, doch gleich hatte er sich wieder gefaßt.

»Unsinn,« sagte er, »es ist nicht Miß Petersen. Wie sollte sie es sein? Aber ähnlich ist sie ihr allerdings sehr.«

»Ich habe Miß Petersen nur einmal gesehen,« entgegnete Spurgeon noch immer aufgeregt. »Diese Aehnlichkeit ist zu frappant.«

»Ich kenne Miß Petersen sehr genau. Sie ist es nicht. Sie kann es ja auch nicht sein, die Fischer haben dafür gesorgt.«

»Donner und Doria,« rief plötzlich Spurgeon aus, »das ist doch nicht etwa die – die – wie hieß gleich die Dame, welche sich für Miß Petersen ausgab und die Engländer irreführte?«

»Wahrhaftiger Gott,« rief jetzt auch Kirkholm erstaunt, »das wird sie sein, Miß Leigh.«

»Wollen wir sie begrüßen?«

»Nein, auf keinen Fall,« sagte Kirkholm heftig, »es sind ihr Versprechungen gemacht worden, die ich nicht zu halten gedenke.«

»Sie hat ihre Mission auch nicht erfüllt.«

»Doch, doch! Sie hatte nur den Auftrag, die Rolle der Miß Petersen zu spielen, und das hat sie getan. Ich sollte für sie nach dem Auftrage von Flexan dreitausend Dollar deponieren, habe es aber nicht getan, weil ich erst auf die Rückkehr Flexans warten wollte. Jetzt soll sie das Geld auch nicht bekommen, ich kann es besser verwenden.«

»Wenn sie uns aber sieht?«

»Sie kennt uns nicht. Ueberhaupt weiß niemand, daß wir die Leiter des Ganzen sind, mit Ausnahme von Miß Morgan. Ich wünschte, dieses Weib wäre schon in der Hölle,« fügte Kirkholm grimmig hinzu.

»Wo mag sie jetzt sein?«

»Weiß nicht. Sie hat sich jedenfalls irgendwohin zurückgezogen und eine tüchtige Summe Geld mitgenommen. Sie war ja die Vertraute Flexans, vielleicht noch mehr, und weiß ebensogut wie wir, daß die Gesellschaft des Meisters krachen gegangen ist. Jeder zieht sich nun mit soviel Beute wie möglich aus dem Bankrott zurück, und Miß Morgan wird schon tief in die Kasse gegriffen haben.«

Die Dame, von der sie vorhin gesprochen hatten, Miß Leigh, stand an der Laufbrücke und ließ ihr Gepäck an Land bringen. Sie glich Ellen wirklich sehr. Auch sie war schön, besaß ein stolzes Gesicht und kalte Augen, aber um ihren Mund lag ein herber Zug, sie war magerer, und auch ihr Haar war dunkler als das aschblonde Ellens.

Um sie drängten sich Dienstleute, und ganz besonders war es ein Mann, welcher durchaus ihr Gepäck tragen wollte, und als der erste Koffer an Land war, ergriff er ihn, drängte einen anderen Mann rücksichtslos zurück und wartete geduldig, bis alles andere ausgeladen war. Jetzt mußte die Dame ihn nehmen, sie nannte eine Adresse, und der Träger ging voran, von noch mehreren gefolgt. Zuletzt kam die Dame, die Leute im Auge behaltend, denn nur zu oft sieht der Passagier in Hafenstädten weder Träger noch Gepäck wieder.

Sie kamen an der Fremden vorüber, welche zuerst die Aufmerksamkeit der beiden beobachtenden Freunde erregt hatte. Aber wenn sie auch noch näher gewesen wären, sie hätten doch nicht den Blick bemerken können, den die Dame auf den ersten Träger warf und der von diesem unmerklich zurückgegeben wurde.

Zwischen beiden fand also eine geheime Verständigung statt.

»Laß sie laufen,« sagte Kirkholm zu Spurgeon. »Uns kann sie nicht mehr nützen. Sie wird sich schön ärgern, wenn sie nach der angegebenen Adresse geht und einen fremden Menschen dort antrifft, der ihre Fragen ganz unverständlich findet, und wenn sie dort kein Geld bekommt.«

Kirkholm sprach natürlich von Miß Leigh.

»Könnte sie uns nicht durch einen Verrat schaden?« meinte Spurgeon besorgt.

»Bah, dann bricht sie sich selbst das Genick. Sie wird sich sehr hüten, etwas zur Anzeige zu bringen. Was will denn der Kerl von mir? Brr, ist das eine Jammergestalt!«

Den kleinen Dampfer hatte soeben ein Mann verlassen, welcher an den beiden Auf- und Abgehenden vorüber mußte. Es war wirklich eine Jammergestalt und erregte den Abscheu eines jeden, der ihn nicht bemitleidete. Das Gesicht war dick angeschwollen, am Munde und in den Backen waren tiefe Löcher, fast so aussehend, als wäre das Barthaar mit Gewalt herausgerissen worden und hätte Narben hinterlassen. Eine Haarkrankheit mußte ihn so zugerichtet haben, was dadurch Bestätigung fand, daß auch der Teil des Kopfes, welchen die Mütze nicht bedeckte, völlig nackt war. Das Gesicht war so angeschwollen, daß die Augen nur Schlitzen glichen, die Lippen blau und dick, selbst die Nase war unförmlich, ebenso auch die Hände.

Der Körper dagegen war wie ausgetrocknet, aber es schien noch Kraft darin zu sein. Er war nur notdürftig mit einem alten schäbigen Anzuge bekleidet, der ihm nicht paßte.

Aufrecht ging er an den beiden vorüber, blieb aber plötzlich vor ihnen stehen, riß die Schlitzaugen so weit wie möglich auf und starrte die beiden an, was Kirkholm Veranlassung zu seiner Frage gab.

Doch gleich wandte sich der Mißgestaltete um und setzte seinen Weg fort.

»Wer war das?« fragte Spurgeon. »Kennen Sie ihn?«

»Ich? Nein! Wer weiß, aus welchem Lande der kommt! Dort mögen die Menschen alle so sein wie er, und nun sieht er in uns vielleicht zum ersten Male Männer von wohlgefälligem Aeußeren. Darum mag er mich so angegafft haben.«

Der Mann war bald vergessen, man betrachtete das zweite Schiff, welches jetzt ankam. Es war ein kleiner Dampfer, ein gewöhnliches Frachtschiff, schien aber fast ebenso schnell wie ein Postdampfer zu fahren.

Jedenfalls arbeiteten seine Maschinen sehr angestrengt, dicke Rauchwolken wirbelten aus den Schornsteinen.

»Donnerwetter, der hat's eilig!« meinte Kirkholm.

»Jetzt hat er gleich den Hafen erreicht, und stoppt er dann nicht, so kann es den Kapitän eine hübsche Geldstrafe kosten.«

Im Hafen dürfen die Dampfer nur mit Viertelkraft fahren, Schnelldampfer mit noch weniger.

Mit voller Gewalt kam das Schiff dahergebraust. Der Kapitän und alle Offiziere standen auf der Brücke, alle Matrosen vorn am Bug, Taue, Korkfender, mit welchen die Wucht eines Zusammenpralls abgeschwächt wird, wurfbereit in der Hand. Jetzt machte das Schiff eine Schwenkung, schäumend spritzte das Wasser über Deck, der Schiffsschnabel war schon in der Schleuse, da erst drehte der Kapitän den elektrischen Signalapparat, um das Schiff langsamer fahren zu lasten.

»Das hat nun keinen Zweck mehr,« lachte Spurgeon, »er schießt ja mit voller Fahrt in den Hafen hinein.«

Unter den Beamten im Hafen entstand eine Bewegung. Alle steckten die Köpfe zusammen, zeigten auf das Schiff und sahen nach dem Hause des Hafendirektors, auf welchem sich ein Aufbau erhob.

Hier saß beständig ein Mann, der alles, was im Hafen passierte, protokollierte, hauptsächlich jedes Vergehen gegen die Hafengesetze.

Jetzt bekam er etwas zu tun.

Das Schiff war schon durch die Schleuse, aber noch immer schoß es wie ein Pfeil durchs Wasser. Der erste Steuermann stand selbst am Ruder und wich geschickt allen Hindernissen aus. Doch der Kapitän verringerte bald die Schnelligkeit. Am Heck brodelte und schäumte es, es wurde Gegendampf gegeben, die Schraube drehte rückwärts.

Schon war dem Kapitän mittels Signalen die Stelle bezeichnet worden, wo er am Quai anlegen sollte, und glatt und sicher, ohne auch nur ein Tau auswerfen zu müssen, bog das Schiff zur Seite und legte sich langsam und direkt mit der Breitseite an den Steindamm.

Der erste, der, ehe das Laufbrett ausgefahren wurde, sich über die Bordwand schwang und das Deck betrat, war ein alter Zollbeamter. Er stand im Dienste der Regierung und mußte also das Vergehen des Kapitäns tadeln, aber er war zugleich Seemann, und als solchem rang ihm dieses Manöverkunststückchen die höchste Bewunderung ab.

»Bravo, Mann,« rief er und schüttelte dem Kapitän auf der Kommandobrücke die Hand, »das war einmal ein Manöver vom alten Schlage. Mir greisem Gesellen lacht immer das Herz im Leibe, wenn ich so etwas zu sehen bekomme, selten ist es aber! Doch ich bedaure Sie, diese Fahrt kostet Sie mehr Strafe, als Sie in dem Hafenneste verdienen können,« fügte der alte Seemann mitleidig hinzu.

»Macht nichts,« lachte der Kapitän, »ich habe es nicht mit eigenem Willen getan. Einige Passagiere verlangten von mir, daß ich mit voller Kraft bis an die Schleuseneinfahrt führe, sie wollten für jeden Schaden und jede Strafe aufkommen, wenn ich zu schnell in den Hafen einliefe. Wir sind wie der Teufel gefahren, sogar an die Ventile haben sie sich gehängt, daß es den Heizern angst und bange wurde.«

Die Zuschauer des Schauspieles und besonders die seemännische Bevölkerung standen dichtgedrängt am Quai und bewunderten den Kapitän und das Schiff. Jetzt hätte ersterer nur zu wollen brauchen, und er hätte die besten Matrosen bekommen.

Auch Kirkholm und Spurgeon traten hinzu und lasen den Namen am Heck.

»Malaga, Liverpool,« entzifferte Spurgeon Namen und Heimatshafen des Schiffes, »mir wäre es lieber gewesen, wenn es die ›Seeschwalbe‹ gewesen wäre.«

»Dann würden wir uns wohl nicht so hinstellen, daß uns die englischen Lords gleich sähen,« entgegnete Kirkholm. »Wo sind denn aber die Passagiere? Und Fracht wird auch nicht ausgeladen! Das ist ja merkwürdig! Ach so, das Schiff geht wahrscheinlich nur in Dock oder es erwartet Ladung«

Die beiden Freunde wollten schon gehen, als jene Dame, welche Kirkholm schon einmal irgendwo kennen gelernt zu haben glaubte, über das unterdes ausgelegte Laufbrett schritt, mit dem Kapitän sprach, der sie sofort sehr höflich begrüßte und sie ehrerbietig nach dem Eingange zur Kajüte führte.

»Was hat denn die auf dem Schiffe zu tun?« sagte Kirkholm. »Na, meinetwegen, uns geht's ja nichts an. Kommen Sie, Spurgeon, wir wollen nach dem Hotel gehen! Hoffentlich ist Chalmers unterdes eingetroffen.«

Sie erkundigten sich noch, ob bald wieder ein Schiff ankäme, erfuhren aber, daß noch keins von dem Leuchtturm signalisiert sei. Die Schiffe fuhren von dort bis nach dem Hafen drei Stunden, so lange hatten die Verbrecher also noch Zeit.

Auf dem Rückwege beschlich sie abermals ein banges Gefühl, als sie den Fremden wieder erblickten, und sonderbarerweise wendete er sich auch wieder um und betrachtete angelegentlich ein Schaufenster, bis sie vorüber waren.

»Er ist unsertwegen hier aufgestellt worden,« flüsterte Kirkholm. »Nur so schnell als möglich fort von hier, ehe sie uns am Kragen haben.«

»Lebendig lasse ich mich nicht fangen,« sagte Spurgeon.

»Bah, so schlimm wird es nicht gleich werden. Es ist etwas Herrliches um Beweise, wenn diese nicht aufgetrieben werden können.«

Mit beschleunigten Schritten eilten sie dem Hotel zu.

»Ein Herr erwartet Sie in Ihren Zimmern,« meldete ihnen der Kellner im Hausflur.

Kirkholm nahm drei Stufen auf einmal, heftig riß er die Zimmertür auf.

»Gott sei Dank, Chalmers, daß Sie es sind,« rief er dem jungen Manne zu, der mit müden Zügen in einem Lehnstuhl saß und noch um einen Ton bleicher als gewöhnlich war. »Ist alles geglückt? Sprechen Sie, wir vergehen vor Spannung.«

»Sind wir hier ungestört? Können wir nicht belauscht werden?« fragte Chalmers vorsichtig.

»Niemand kann etwas hören, und wenn Sie schreien. Wir sind allein.«

Langsam stand Chalmers auf.

»Nun denn, es ist alles geglückt, besser als wir gedacht haben,« sagte er.

»Gott sei Dank,« jubelten die beiden auf. »Wieso aber noch besser, was heißt das?«

»Das heißt, auch die Fischer leben nicht mehr.«

»Was, die sind auch tot?« rief Kirkholm, aber sein Gesicht leuchtete dabei freudig auf. »Sie haben doch nicht –?«

»Ich? Nein, der weiße Wolf hat mir und den Fischern die Arbeit abgenommen, die Mädchen zu töten. Er hat es getan und auch die Skalpe der Fischer abgezogen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Niemand ist mehr am Leben.«

»Erzählen Sie!«

Und nun begann Chalmers zu erzählen, eine lange Geschichte, an welcher allerdings nichts Wahres war.

Auf dem Marsche nach der Ruine war er angeblich mit den elf Mädchen zusammengetroffen, welche von den Apachen verfolgt wurden. Sie befanden sich in voller Flucht, denn ihre Munition war vollständig verschossen, und die Apachen, durch schwere Verluste zur höchsten Wut getrieben, lechzten nach ihrem Blute. Gerade, als Chalmers mit ihnen zusammentraf, wurden sie von den Wilden erreicht. Die Mädchen wehrten sich mit der Kraft der Verzweiflung, er, Chalmers und sein Trupp wurden mit in den Kampf verwickelt, doch die Pistolen und Revolver waren machtlos gegen die Ueberzahl der Indianer.

Ein Mann nach dem anderen fiel, selbst die gebundenen Mädchen wurden abgeschlachtet, sogar den Lebenden wurde der Skalp genommen, denn sie konnten sich ja nicht wehren.

Nach der Schilderung Chalmers' mußte es eine scheußliche Metzelei gewesen sein. Den beiden Zuhörern standen die Haare zu Berge, denn Chalmers war gewandt im Reden. Wie er einst die Qualen der Hölle auszumalen wußte, so verstand er es auch jetzt, den Kampf mit allen seinen blutigen Vorkommnissen so getreu zu schildern, als wäre er selbst Augenzeuge desselben gewesen.

Und doch war alles erdichtet.

»Sie sind der einzige, welcher der Metzelei entgangen ist?« fragte Kirkholm atemlos.

»Der einzige, alle anderen habe ich abschlachten sehen, auch die Mädchen, zweiundzwanzig Stück, keine einzige lebt mehr. Wie ich mich gerettet habe, ist zwar nicht ehrenvoll, aber mein Leben gilt mir mehr, als ein ruhmvoller Tod.«

»Natürlich! Was heißt ehrenvoll und ruhmvoll?« stimmte ihm Kirkholm bei.

»Gleich als die Apachen anstürmten,« fuhr Chalmers fort, »schwang ich mich in die Zweige eines Baumes, und in ihrer blinden Wut merkten sie meine Flucht nicht. Ich fand den Baum hohl, rutschte hinein und beobachtete den ganzen Vorgang durch ein Astloch. Ich habe lange gebraucht, ehe ich die Höhlung wieder verlassen konnte. Stundenlang stellte ich vergebens Versuche an, bis mir das Entkommen endlich geglückt ist. Ich habe viel auszustehen gehabt, und zuletzt noch die beschwerliche Fußwanderung hierher.«

Chalmers sah wirklich sehr angegriffen aus.

»Das hat alles nichts zu bedeuten,« lachte Kirkholm überglücklich und schüttelte Chalmers die Hand. »Jetzt sind wir endlich sicher und können uns unseres Besitzes freuen. Was Flexan mit all seiner Schlauheit nicht geglückt ist, das haben wir zustande gebracht, und das meiste haben Sie dazu beigetragen, Chalmers. Können wir Ihnen auch kein Denkmal setzen, an Dankbarkeit soll es doch nicht fehlen.«

»Ich schlage vor, wir reisen sofort nach Austin und schicken unseren Kollegen chiffrierte Depeschen über den Tod der Mädchen zu, damit sie endlich ruhig schlafen können,« sagte Spurgeon.

»Ja das wollen wir tun,« rief Kirkholm.

»Und bestimmen einen Ort, wo wir alle acht zusammenkommen und unseren endlichen Sieg durch ein solennes Fest feiern,« fuhr Chalmers fort.

»Gewiß, auch das ist ein guter Vorschlag,« entgegnete Kirkholm fröhlich. »Ich stimme ihm aus vollem Herzen bei. Und Sie, Chalmers, können für die armen Seelen der Verblichenen eine Totenmesse lesen,« schloß er lachend.

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