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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 38
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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37.

Lebendig begraben.

Die Ruinen des Tempels des Huitzilopochtli glichen einer zusammengefallenen Stadt. Fast eine Quadratmeile war von ihnen bedeckt, und überall erstreckten sich noch Mauern und vorgeschobene Nebenabteilungen, Magazine des alten Tempels, in den Wald hinaus.

Der eigentliche Tempel des alten, mexikanischen Kriegsgottes bestand aus einer großen Halle. Doch die Wände waren eingestürzt und lagen zerschmettert am Boden; nur die großen Altäre waren verschont geblieben, auf denen so manchmal Menschenblut geraucht hatte. Auch die terrassenförmigen Gebäude, welche sich rings um den Tempel erhoben, sahen von weitem gut erhalten aus, aber in der Nähe erkannte man, daß ein Aufstieg nur schwer möglich war, ohne Leitern und Stricke gar nicht, denn die meterhohen Stufen hatten sich verschoben, sie lagen oft übereinander, ohne dem Fuß einen Halt zu gewähren, und hingen manchmal in einer gefährlichen Schwebe. Nur dem Gesamteindruck nach war diese Terrasse gut erhalten.

Sie war früher wohl zu dem gleichen Zwecke benutzt worden, wie bei den alten Griechen und Römern die Terrassen im Theater oder Zirkus, die uns in Olympia und auch in Rom erhalten geblieben sind. Auch hier saßen wahrscheinlich die Zuschauer auf den Stufen und wohnten den Menschenschlächtereien bei, durch welche die Götter gnädig gestimmt werden sollten.

Schon lange, ehe man den eigentlichen Tempel erblicken konnte, stieß man auf dessen Vorläufer, auf eingefallene Mauern und Häuser, und die Männer, welche die neun gefangenen Mädchen durch den Wald führten, blieben beim ersten Anblick einer eingestürzten Mauer erschrocken stehen.

»Wir kommen an den Tempel der Mexikaner,« flüsterte einer der Fischer mit erschrockenem Gesicht, und derselbe Schrecken spiegelte sich auch auf den Mienen der übrigen wieder.

Nur Frankos und Chalmers behielten ihren Gleichmut.

»Nun ja, was schadet das?« fragte Frankos.

»Es ist nicht geheuer hier; wir wollen einen Umweg machen, damit wir ihnen nicht zu nahe kommen.«

»Bah, Unsinn,« sagte Frankos ärgerlich, »ich habe sogar die Absicht, die Ruine zu betreten.«

»Auf keinen Fall,« riefen die Fischer entsetzt, »wir wollen uns nicht den Hals umdrehen lassen.«

Frankos, wie auch Chalmers versuchten alles mögliche, um den Männern die Geisterfurcht auszutreiben; dieselben glaubten nun einmal an Gespenster und wollten sich nicht bereden lassen, das Gemäuer zu betreten, in dem es von Spukgestalten wimmeln sollte.

Aber Frankos wußte noch ein anderes Mittel.

»Gut,« sagte er, »ihr wollt nicht in die Ruinen, ihr Hasenfüße, und ich will, daß die Weiber eben dort getötet werden. Da wir uns nicht einigen können, so befreie ich die Gefangenen und lasse sie laufen. Ich will mich schon vor ihnen hüten; ich habe weder Weib noch Kind, fliehe ich von hier, so bin ich sicher. Ihr dagegen habt Familien, und denen wird es schlecht gehen, wenn ihr erst im Zuchthaus sitzt.«

Er zog das Messer und machte Miene, die Banden der Gefangenen zu durchschneiden, wurde aber von den Fischern daran gehindert.

»Laßt sie uns hier töten,« sagte einer.

Mit Frankos' Geduld war es nun jedoch vorbei; er wurde furchtbar wild und drohte, jeden niederzuschießen, der nicht mit ihm ging und nur ein Wort des Ungehorsams sagte, und da seine Brutalität bekannt war, so wagten die Fischer nicht zu widersprechen – an diesem unheimlichen Orte gleich gar nicht. Ihr sonst so kecker Mut war dahin, es bedurfte nur einer energisch auftretenden Person, und sie folgten ihr unbedingt. Um keinen Preis der Welt wollten sie wieder zurückkehren, ohne dem Tode der Mädchen beigewohnt zu haben. Schon hier Hand an sie legen durften sie nicht, Frankos hätte jeden niedergeschlagen, und auch Chalmers stand mit seinem Revolver schußbereit neben jenem, und schon der Gedanke, ohne einen furchtlosen Mann neben dieser schrecklichen Ruine stehen zu bleiben, brachte die Haare der Feiglinge zum Sträuben.

Mit klopfenden Herzen und besorgten Gesichtern, bei jedem Geräusch zusammenzuckend, nahmen sie die Mädchen wieder in ihre Mitte und folgten Frankos, der mit finsterer Miene vorausschritt, während Chalmers kaum ein spöttisches Lächeln unterdrücken konnte.

Die Mädchen gingen also ihren letzten Gang, dort in den Mauern, wo schon so viele Menschen hingeschlachtet worden waren, sollte auch ihr Blut fließen. Aber nicht Mexitli oder Huitzilopochtli hießen die Götter, welche ihr Blut forderten; deren Herrschaft war vorüber, sie waren nicht ewige Götter gewesen. Dämon Gold hieß der Götze, auf dessen Altar die Mädchen geschlachtet werden sollten, der allmächtige, böse Geist, der entstanden ist, als zum ersten Male in der Menschenbrust die Sucht nach Gewinn auftauchte, und der bestehen wird, so lange die Erde sich nicht aus den Fugen löst, trotz aller Religion, Philosophie und allem Streben nach Veredlung des Menschengeschlechts.

Warum hatte aber Chalmers so hartnäckig darauf bestanden, daß die Gefangenen erst in der Ruine ihren Tod fanden? Er war auf ihre Rettung bedacht, darüber glaubten sich die Mädchen völlig klar zu sein, sie hatten schon genug Beweise dafür. Aber wie wollte er sein Vorhaben ausführen, und warum gerade in der Ruine? Rechnete er vielleicht mit der Gespensterfurcht der abergläubischen Fischer? Das wäre die einzige Beantwortung dieser Frage gewesen.

Und sollte Chalmers ihnen auch nicht helfen können, dann hofften die Mädchen doch noch auf Ellen. Vielleicht war es ihr geglückt, dem Verfolger zu entkommen, der nicht zurückgekommen war, und Frankos hatte nicht auf ihn gewartet. Er hoffte, der Fischer hätte Ellen getötet und wäre schon wieder auf dem Wege nach seiner Hütte, die Mädchen dagegen hofften das Gegenteil, und daß Ellen sich schon auf ihrer Spur und zu ihrer Rettung unterwegs befände.

Die unglückliche Jessy! Sie war die erste der Vestalinnen, welche ihren Tod gefunden hatte, Ihr Körper ruhte jetzt auf dem Grunde eines Flusses, und wo würden wohl ihre eigenen verscharrt werden? Ach, Raubtiere würden sich um die Leichen streiten, wie die Jessys von Fischen benagt wurde, und die Skalpe der anderen elf Mädchen jetzt jedenfalls schon an den Gürteln der Apachen hingen.

Und dieses Schicksal mußte ihrer im Heimatlande warten, nachdem sie aus so vielen Gefahren glücklich hervorgegangen waren!

Aber nur Mut! Noch lebten sie, Chalmers war ihr Freund und Ellen hoffentlich in der Nähe.

Immer öfter stießen die Wanderer auf Trümmerhaufen, zusammengestürzte Mauern und gut erhaltene Häuser, in denen Spinnen, Fledermäuse, Käuzchen und Schlangen ein lichtscheues Dasein führten, während in den zerbrochenen Simsen Vögel nisteten. Fuhr ein Käuzchen, durch den Tritt der vielen Menschen aufgeschreckt, aus dem Versteck empor und kreischte auf, so schlugen die Fischer ein Kreuz und schauten auf ihren Führer. Beides gab ihnen frischen Mut, das Kreuz durch seine unsichtbare Macht und Frankos durch sein keckes Auftreten.

Die Sonne sandte schon schräge Strahlen vom Firmament, als Frankos sein Ziel erreicht hatte und hielt. Sie befanden sich mitten im Tempel, der ringsum von Terrassen umgeben war, durch deren einzelne Teile nur drei schmale Gänge führten.

Frankos ordnete, obgleich er sich ganz sicher fühlte, an, daß jeder Gang von einem seiner Leute bewacht würde. Indianer waren nicht zu fürchten, sie scheuten diesen Ort, wohl aber hätte sich ein Weißer hierher verirren oder auch ein Gelehrter oder Reisender die Ruine besuchen können, was öfters vorkam.

Die übrigen Fischer, Frankos und Chalmers umdrängten die Gefangenen, welche angesichts des Götzenaltars ihren Tod erwarteten. Die Hoffnung auf Rettung schwand immer mehr.

»Ich denke, wir machen es kurz,« sagte Frankos, »und jagen jeder eine Kugel durch den Kopf, und fertig sind wir.«

Die Mädchen schauderten bei diesen Worten zusammen.

»Und die Leichen?« fragte Chalmers.

Frankos musterte den Himmel. In dem blauen Aether schwebten dunkle Punkte.

»Die Aasgeier werden dafür sorgen, daß nicht viel davon übrig bleibt,« meinte er. »Wir können sie ja auch in eins der Löcher werfen, deren es genug gibt. Findet man dort ihre Knochen, so denken die Herren mit der Brille auf der Nase, die Knochen gehörten einst mexikanischen Weibern, hahaha!«

Mit Entsetzen sahen die Mädchen, wie schon einige der Fischer ihre Pistolen aus dem Gürtel zogen und Zündhütchen aufs Piston setzten.

Doch noch einmal wurde ihr Tod verzögert.

»Sie durch Schüsse zu töten, ist nicht gut, es könnten dadurch in der Nähe herumschweifende Trapper angelockt werden,« sagte Chalmers.

»Das ist wahr! Aber sollen wir sie mit den Händen erwürgen? Dazu fehlt mir wenigstens die Uebung,« lachte Frankos, »aber Pueblo, dieser Schurke hier, muß etwas länger zappeln.«

»Was habe ich dir getan, daß du mich so hassest?« rief dieser schmerzlich aus.

»Aus der Heimat hast du mich gejagt, Schuft! Die Leute meines Dorfes haben mit Fingern auf mich gewiesen, aber ich habe es nicht vergessen, daß du die Ursache gewesen bist. Rache will ich jetzt an dir nehmen, furchtbare Rache.«

Der sonst phlegmatische Frankos hatte diese Worte mit leidenschaftlicher Glut ausgerufen und dabei Pueblo einen Fußtritt gegeben.

Der Mißhandelte schwieg. Was hatte ihm auch eine Verteidigung genützt oder die Behauptung, daß er damals nur recht gehandelt habe? Frankos war mit Inez versprochen gewesen. Die Verlobung ging jedoch auseinander, als Pueblo, der mit Frankos bei einem Fischer diente, seinen Kameraden als einen Dieb an seinem Herrn bezeichnete und er auch als solcher befunden wurde. Mit Schimpf und Schande wurde Frankos aus dem Dorfe gejagt, Inez aber gab die freigewordene Hand dein Retter ihrer Ehre.

»Weißt du, was ich mit dir mache?« fuhr der schrecklich erregte Frankos fort. »Dort in das Loch werfe ich dich und lasse den Eingang mit Steinen zuschütten, und wenn du vor Hunger in deine eigenen Arme beißest, dann sollst du dich an mich erinnern.«

Frankos deutete dabei auf ein großes, offenes Grab, welches seitlich in den Felsen gehauen war. Gerade über dem Zugange lag ein Stück eines mächtigen Altars so auf einem Steinhaufen, daß man nur einige Steine hätte vorziehen brauchen, und der Block wäre gerade vor den Eingang gerollt, ihn verschließend.

Das Grab glich einer geräumigen Kammer, es hätten viele Särge darin Platz gehabt.

»Erst sollen die Mädchen dran!« rief ein Fischer, unwillig über die Verzögerung. »Schießt sie tot, oder hängt sie auf, dann könnt ihr mit Pueblo tun, was ihr wollt!«

»Ich habe einen anderen Vorschlag,« sagte Chalmers, »das Grab dort hat genügend Platz, um alle Gefangenen aufzunehmen, steckt sie hinein, nehmt einige Steine hinweg, der Block kommt ins Rollen und legt sich quer vor den Eingang. Kein Spalt bleibt offen, sie sind vollständig begraben.«

»Das ist ein Gedanke,« stimmte Frankos erfreut bei, »und sollten die Gerippe einmal gefunden werden, und die Mädchen an ihren Kleidungen erkannt werden, so glaubt man, die bösen Geister haben sie hier verschüttet, als sie nach Schätzen suchten. Mancher ist schon so verunglückt, der alte Schutt kommt leicht ins Rollen.«

»Können sie sich nicht selbst befreien?« meinte einer der Fischer vorsichtig. »Die Mädchen sind kräftig, und zwölf Personen könnten den Block schon fortrollen.«

»Aber nicht, wenn wir eine tüchtige Portion Steine vorlegen und außerdem einige Keile unterschlagen,« lachte Chalmers. »Dieser Plan ist der beste. Befolgt ihn!«

»Das wollen wir tun,« sagte Frankos. »Frisch, Jungens, greift an! Marsch, fort mit euch!« fuhr er die Gefangenen an. »Zetert nicht lange, es hilft doch nichts!«

Die Mädchen schrien auch nicht, als sie mit roher Gewalt fortgestoßen wurden, dem Grabe zu, nur eine stürzte auf Chalmers zu und sank vor ihm zu Buden.

Es war Miß Chalmers, die Cousine desselben.

»Georg,« schrie das unglückliche Mädchen im höchsten Schmerz, »sei du wenigstens barmherzig! Gib nicht zu, daß wir eines so schrecklichen Todes sterben müssen! Rette uns, Georg! Sei barmherzig, es wird dir vergolten werden!«

Doch Chalmers zuckte mit den Achseln und wandte sich weg. Sein Gesicht ward noch weißer, als zuvor, seine Hände zitterten, und seine Augen blitzten plötzlich in seltsamem, finsteren Schimmer.

»Nein!« schrie er dann und stieß das Mädchen von sich. »Zur Hölle mit euch, verdammte Brut! Ich bedaure nur, daß ich euer Schmerzgeheul nicht vernehmen kann, wenn der Hunger euch zur Verzweiflung treibt.«

»So ist's recht,« lachte Frankos roh. »Nur kein Mitleid mit diesen Geschöpfen, sie würden auch keins mit uns haben. Gebt es ihnen nur immer tüchtig.«

So hart das Mädchen auch zurückgestoßen ward, es rutschte noch einmal auf den Knien zu dem Manne und suchte das steinerne Herz zu rühren.

»Georg, bei den Gebeinen unseres Großvaters, von dem wir beide abstammen, habe Mitleid mit uns! Ist uns der Tod beschieden, dann laß ihn nicht grausam sein. Du hast einen Revolver. Nimm ihn und schieße mir und meinen Freundinnen eine Kugel ins Herz! Dann sind wir tot, aber laß uns nicht Hungers sterben, dies ist ein zu entsetzlicher Tod.«

Vergebens! Chalmers blieb unerbittlich. Wieder faßte er das Mädchen an der Hand und schleuderte es weit von sich auf die Granitplatte, und so, wie Miß Chalmers fiel, blieb sie liegen, nicht weil sie unfähig war, aufzustehen, oder weil die Verzweiflung sie übermannte, etwas ganz anderes war es, was sie so in Bestürzung versetzte, daß sie das Aufstehen vergaß.

Als Chalmers sie an der Hand faßte, hatte er nicht hart zugepackt, sie hatte einen leisen Druck verspürt

Was war das? Sollte sie doch noch Hoffnung haben? Wollte Chalmers ihnen doch beistehen, und heuchelte er nur diese Grausamkeit?

Sie erhob sich und wankte zu ihren Gefährtinnen, aber ein Hoffnungsstrahl leuchtete in ihrem Herzen auf. Gar zu gern hätte sie den Freundinnen ihre Vermutung mitgeteilt, aber sie wagte es nicht, da die Pläne ihres Verwandten dadurch gestört werden könnten.

»Hallo, nun fort in die Grube!« schrie Frankos, dem diese Szene schon zu lange gedauert hatte, und mit Schlägen, Schimpfworten und lautem Gebrüll wurden die Gefangenen von den Fischern nach dem Felsengrab getrieben.

Sie wehrten sich nur schwach, es hätte ihnen doch nichts genützt, die Männer kannten keine Schonung gegen die Mädchen. Aber zuletzt, da sie in die Höhlung gestoßen wurden, sträubten sie sich doch energisch. Es half ihnen aber nichts, so sehr sie sich auch dagegen stemmten. Bald waren alle lebendig im Grabe eingeschlossen.

Schon standen einige Fischer auf dem Schutthaufen an dem Block und zogen die darunterliegenden Steine fort, die steinerne Masse bewegte sich und kam dann langsam ins Rollen.

Je näher sie der Oeffnung kam, desto mehr mußten die Fischer die Gefangenen zurückdrängen, denn einige hofften, der schwere Block würde sie erreichen, wenn sie sich gerade an der Felswand befänden. Lieber zerquetscht werden, als des Hungertodes sterben.

Die Höhle führte nicht gerade in die Felswand hinein, sondern war kellerartig angelegt, so daß man eine einen Meter tiefe Stufe hinabsteigen mußte, ehe man den Boden erreichte, und der Eingang selbst war einen Meter hoch. Dadurch wurde es den Mädchen nicht so leicht, schnell herauszukommen, sie konnten ohne Mühe von den Fischern zurückgehalten werden, und im letzten Augenblick, als der Steinkoloß fast die Wand berührte, sprangen doch alle unwillkürlich zurück. Es ist sehr schwer, dem langsam ankommenden Tode ins Auge zu sehen und ihm nicht auszuweichen.

Donnernd schlug die Säule an die Wand, und die Gefangenen waren lebendig begraben.

Aber die Hand Gottes offenbarte sich auf eine furchtbare Weise, sie lenkte den rollenden Stein.

»Zurück!« rief Frankos einem Fischer zu, der zuletzt eine Gefangene in das Loch stieß, als der Stein zum Stillstand kommen mußte.

Doch die Warnung kam zu spät.

Wohl machte der Mann einen Seitensprung, aber auch der Block bekam durch einen Sprung über ein Hindernis eine etwas andere Richtung. Ein grausenerregendes Gebrüll, ein Krachen, und des Fischers Arm ward zwischen Block und Wand zu Brei zerquetscht.

Mit schreckensbleichen Gesichtern sahen die Fischer auf ihren unglücklichen Kameraden, der bewußtlos zusammengebrochen war. Sie sprangen hinzu und wollten ihn freimachen, aber das war natürlich eine vergebliche Mühe. Sie mußten entweder den Block zurückrollen oder den Arm abschneiden.

Frankos hatte schnell einen Entschluß gefaßt.

»Laßt ihn hängen!« rief er. »Der Körper hält keine zwölf Stunden. Geht er in Verwesung über, fällt er von selbst ab.«

Aber selbst die rohen Fischer waren über diese Grausamkeit entrüstet.

»Nimmermehr,« rief einer im Tone des höchsten Zornes, »auch Eurer Rücksichtslosigkeit können Schranken gesetzt werden. Merkt Euch das, Frankos.«

Mit einem Fluche wandte dieser sich ab und ließ die Leute gewähren, welche sich um den Unglücklichen zu schaffen machten, ohne ihm im geringsten helfen zu können. Während ihn zwei hielten, versuchten die übrigen, den Block zurückzurollen. Es gelang ihnen aber nicht, weil sie sich nicht zu gleicher Zeit anstrengten. Dann holten sie Wasser und gossen es dem Bewußtlosen über den Kopf, als könnten sie derart seine Lage erleichtern. Andere stemmten sich wieder gegen den Stein, der sich nicht einmal bewegte – kurz, sie betrugen sich ganz sinnlos. Jeder handelte für sich.

Die drei Posten an den Gängen hatten ihren Platz verlassen und kamen herbeigeeilt. Sie erschraken erst, jammerten und unterstützten dann die Gefährten in ihrer vergeblichen Arbeit.

Chalmers und Frankos beteiligten sich nicht daran, sie schauten diesem Treiben zu.

»Holla, was geht hier vor?« rief da plötzlich hinter ihnen eine tiefe Stimme.

Bis zu Tode erschrocken ließen alle die Arme sinken, wandten sich um und sahen zwei riesige Gestalten, wie Waldläufer gekleidet, und einen Indianer mit einem Hund vor sich stehen.

Alle drei mußten verwundet sein, denn sie trugen blutige Verbände. Der eine hatte eine Binde um den Kopf, der andere hatte den linken Arm in einer Schlinge, und des Indianers Hemd war auf der Brust mit Blut gefärbt. Selbst der Hund zeigte einen tiefen Riß auf dem Rücken.

Da erblickten die Ankömmlinge den Verunglückten, und selbst sie konnten bei der gräßlichen Szene einen Ruf des Entsetzens nicht unterdrücken. Sie waren wohl abgehärtet, aber ihr Herz war nicht verhärtet.

»Was für Unsinn treibt Ihr da?« rief der größte der beiden Riesen, es war Deadly Dash, als die Fischer mit ihren Wiederbelebungsversuchen fortfuhren. »Hier, den Stein angefaßt die Schultern dagegengestemmt und dann zu gleicher Zeit geschoben. Schnell, Leute, in zwei Minuten muß der Mann frei sein.«

Die Fischer hatten nur eines Leiters bedurft. Willig schwangen sie sich auf den Block, traten in die Vertiefung und machten sich bereit, die Bemühungen von neuem zu beginnen.

Auch Deadly Dash, Charly und Stahlherz wollten helfen. Sie warfen schnell die Büchsen weg und machten schon Miene, ebenfalls auf den Block zu steigen und ihre Kräfte mit denen der übrigen zu vereinen, wurden aber von Frankos daran gehindert.

Deadly Dash

Ohne weiteres ergriff er den einen Waldläufer am Gürtel und zog ihn von dem glatten Block, an der man sich nirgends festhalten konnte, herunter.

»Mischt Euch nicht in unsere Angelegenheiten!« rief er dabei in grobem Tone, »Ueberlaßt es uns, den Genossen zu befreien, und Ihr dürft meinetwegen Wild schießen, ich kümmere mich auch nicht um Eure Sachen.«

Aber bei Charly kam er an den Unrechten.

»Was wagt Ihr, Mann?« brauste er auf und ballte die Faust des gesunden Armes. »Bei Gottes Tod, ich schlage Euch zu Boden, daß Ihr das Aufstehen vergeht, wenn Ihr mir noch einmal Vorschriften macht! Ich bin ein freier Mann und kann tun und lassen, was ich will. Diesmal werde ich Eure Tat noch Eurer Dummheit zugute rechnen.«

Wieder erstieg er den Block, und Frankos wagte nicht zum zweiten Male, den herkulischen Waldläufer daran zu hindern. Deadly Dash und Stahlherz saßen bereits oben und warteten auf ihren Gefährten.

Frankos glaubte vor Angst vergehen zu müssen.

Wenn der Block auch nur so weit weggerollt wurde, daß man durch den Spalt in das Innere der Höhle sehen konnte, so waren die Mädchen entdeckt, und die verbrecherische Handlung der Fischer war verraten.

Und diese dummen Leute wollten selbst dazu helfen, ihren Mordanschlag ans Licht zu bringen.

Frankos' Gesichtsausdruck war durch die Angst auffallend geworden, daß auch die übrigen Fischer dies bemerkten, und plötzlich fiel allen fast zu gleicher Zeit ein, welchen dummen Streich sie sich selbst spielen wollten.

Einer nach dem anderen gab seine Absicht auf. Jeder verließ die Vertiefung und rutschte von dem Blocke herab. Mochte der Verunglückte hängen bleiben und so sterben, sein Tod trat sowieso bald ein. Vor allen Dingen bangte ihnen jetzt um ihr eigenes Leben.

»Was? Ihr wollt nicht helfen?« schrie Charly zornig. »Was soll das bedeuten? Herauf mit euch und Hand angelegt, oder ich werde euch wie Sklaven dazu zwingen, ihr elenden, faulen Gesellen!«

Aber keiner machte Miene, dieser Aufforderung nachzukommen. Sie umdrängten Frankos und blickten trotzig die auf dem Blocke sitzenden Männer an.

Chalmers hielt sich etwas abseits, mit gesenktem Kopf und geballten Fäusten stand er da, die Augen rollten in seinem Kopfe, und ein nervöses Zittern ging durch seine Glieder. Sein Benehmen war rätselhaft.

Da trat Deadly Dash vor.

Langsam zog er seinen Revolver aus dem Futteral, entsicherte ihn und sagte, den Arm mit der Waffe erhebend, ganz ruhig:

»Ich zahle bis drei. Wer dann nicht Anstalten trifft, auf den Block zu steigen und uns zu helfen, den behandle ich wie einen Wolf, welcher sich nicht um seine Genossen kümmert.«

Im Nu hatte auch Charly den Revolver zur Hand, und Stahlherz duckte sich zum Sprunge zusammen.

»Eins!« zählte der Waldläufer.

Eine unheimliche Stille war unter den Fischern eingetreten, sie wagten kaum zu atmen.

»Zwei!«

»Zum Teufel, Mann!« brüllte Frankos und sprang vor. »Der Stein ist viel zu schwer, als daß wir ihn fortwälzen könnten. Wir haben es schon unzählige Male versucht. Aber so ist die Sache viel einfacher und dem Krüppel ist geholfen.«

Frankos war zu dem Eingequetschten hingesprungen, sein Messer funkelte in der Hand, und ehe jemand wußte, was er vorhatte, fuhr der Stahl einige Male über den zermalmten Arm und der Körper fiel mit dem blutenden Stumpf schwer zu Boden.

»Scheusal!« schrie Charly und gab seiner Entrüstung über diese maßlose Roheit noch in anderer Weise Ausdruck.

Mit einem Satze war er von dem Blocke herab, und im nächsten Augenblick empfing Frankos einen Schlag ins Gesicht, daß er blutüberströmt zu Boden stürzte und sich noch einige Male überschlug. Das Blut quoll ihm aus Nase und Mund.

Trotzdem atmeten die Fischer erleichtert auf. Jetzt war ein Verrat nicht mehr zu befürchten, und ihrem Anführer gönnten sie diese Züchtigung, die er für alle auf sich genommen hatte. Derselbe stand auf, wischte sich das Blut aus dem Gesicht, wagte aber nicht, den schlagfertigen Waldläufer zur Rechenschaft zu ziehen. Auch er war froh, daß die Sache erledigt war, von einer Rache wollte er diesmal absehen oder sie wenigstens verschieben. »Nun macht, daß ihr fortkommt, ihr rohes, erbarmungsloses Volk,« rief der in Zorn gebrachte Charly, »oder ich hetze den Hund auf euch und mache euch Beine!«

Die Fischer ließen sich das nicht zweimal sagen, schon wandten sie sich zum Gehen, während sich Charly mit dem Sterbenden beschäftigte, der nicht mehr zum Bewußtsein kam, als Deadly Dash von der Säule heruntersprang und den Fortgehenden in den Weg treten wollte.

Doch noch ehe er seine Absicht, die Fischer aufzuhalten, ausführen konnte, geschah noch etwas anderes Unerwartetes, was dem Ganzen eine andere Wendung gab.

Plötzlich sprang der bis jetzt unbeachtet gebliebene Chalmers mit ausgestreckten Armen vor, seine Brust arbeitete heftig, und sein Gesicht war dunkelrot geworden.

»Laßt sie nicht fort!« schrie er. »Haltet sie zurück, sie müssen erst den Block wegwälzen! Es sind Mörder, sie haben Unschuldige lebendig begraben!«

»Lügner, verdammter!« brüllte Frankos, riß die Pistole aus dem Gürtel und schlug auf den Sprecher an. Aber schnell wie der Blitz war Deadly Dash bei ihm und traf den Arm des Schuftes, daß der Schuß schadlos in die Luft ging.

Im nächsten Augenblick lag Frankos wehrlos zu den Füßen des Waldläufers. Die eiserne Hand, die ihn niederdrückte, preßte ihm ein Jammergeheul aus, und Charly und Stahlherz standen bereit, jedem weiteren Mordanschlag zuvorzukommen.

»Was sagtet Ihr?« fragte Deadly Dash den furchtbar aufgeregten Mann in der eleganten Kleidung der nicht zu diesen Fischern gehörte.

»Zwingt sie, den Block zurückzurollen!« wiederholte dieser mit heiserer Stimme. »Sie haben zehn Menschen, neun Weiber und einen Mann in dem Grabe eingeschlossen, damit sie darin verhungern sollen.«

Deadly Dash ließ den Fischer los und wandte sich ganz Chalmers zu.

»Weiber,« rief er überrascht, »und neun? Schnell, Mann, wie sehen sie aus! So sprecht doch! Hatten sie vielleicht Männerkleidung an?«

»Ja,« sagte Chalmers leise.

»Faßt an, ihr Schurken!« schrie Charly wieder und trat mit dem Revolver an die Fischer heran. »In fünf Minuten muß das Loch offen liegen, oder wir schlagen euch, bis das Fleisch mürbe wird. So ist's recht, Fremder!«

Die letzten Worte galten Chalmers, welcher ebenfalls seinen Revolver gezogen hatte und mit geisterbleicher, aber furchtbar entschlossener Miene zu Frankos getreten war, der ihn entsetzt anstarrte.

So war dieser Mensch nur mitgekommen, um die Mädchen zu retten? Er benutzte diese Gelegenheit, um seine Genossen zu verraten?

Frankos konnte nicht darüber nachdenken. Sehr handgreiflich wurde ihm und seinen Genossen klar gemacht, was sie zu tun hatten. Selbst der sonst gelassene Deadly Dash war sehr erregt. Alles ging ihm zu langsam, und seine Worte, sowie seine schwere Hand trieben die Fischer zur Eile an.

Willenlos mußten sie gehorchen. Man hatte ihnen ihre Waffen gelassen, aber die waren diesen Männern gegenüber, die im Kampf mit den Indianern groß geworden, nur Kinderspielzeug. Alle stemmten sich gegen den Block, auf das Kommando des Waldläufers schoben sie gleichzeitig, dieser griff mit an, und der schwere Stein kam ins Rollen.

Weiter und weiter wurde die Spalte, schon glaubten die Fischer die Gestalten in einer dunklen Höhle in eine Ecke gekauert sitzen zu sehen. Manchmal schloß sich die Spalte wieder, weil der Block zurückrollte, aber immer wieder wurden die Fischer zu neuen Anstrengungen angetrieben, sie mußten ihre eigene Schandtat an's Tageslicht bringen.

Da endlich, ein Ruck, eine letzte Anstrengung, der Block rollte einige Meter weg, und die Oeffnung war frei.

Da taumelte Chalmers, wie vom Schlage getroffen, zurück, die Fischer dachten, vor Schreck in die Erde versinken zu müssen, und die Waldläufer ließen den Blick bald in die Oeffnung, bald fragend zu Chalmers hinübergleiten – das Grabgewölbe war leer.

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