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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 37
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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36.

Im Reiche der Azteken.

Waldblüte hatte Wort gehalten. Nach weniger als drei Minuten kehrte sie zu den beiden Mädchen zurück und brachte einen jungen Indianer mit, an dessen wunderbar blitzenden Augen Ellen schon Sonnenstrahl zu erkennen glaubte.

Selten hatten die Mädchen solch eine ebenmäßige Gestalt gesehen, wie hier im Urwalde vor sie trat, sie konnten dieselbe um so mehr bewundern, als sie von keiner überflüssigen Kleidung verhüllt wurde.

Eng schmiegte sich das weißlederne Beinkleid an, der Oberkörper war nackt, und sofort fiel die einzige Tätowierung auf der rotbraunen Brust, eine weiße Sonne, auf. Keine Zierraten schmückten ihn; er trug nicht einmal den gewöhnlichen Schmuck der Indianer, Ketten aus Glasperlen oder Raubtierkrallen, um den Hals. Sein einziger Schmuck, der durch nichts ersetzt werden konnte, lag in der harmonischen Schönheit seiner Figur, in der ruhigen, sicheren Bewegung der Glieder, in denen sich Kraft mit Anmut paarte.

Er mochte etwa siebzehn Sommer zählen, wenn auch der Arm schon die Kraft des Mannes verriet. Das stolze bronzefarbene Gesicht, das vollkommene Ebenbild seiner Schwester, mit der edlen Nase, welchem durch die blitzenden Augen Kühnheit und Männlichkeit verliehen wurden, war von keinen Runzeln durchzogen, von welchen sonst schon junge Indianer entstellt werden.

Er trug nicht wie die Schwester Sandalen, sondern Mokassins, mit Sonnen bestickt. Auch auf seinem langen, pechschwarzen Haar saß ein goldener Ring mit Federkrone, und um die schmalen Hüften schloß sich ein Ledergürtel, in dem ein Messer mit reichem Griff steckte. Sonst trug er keine Waffen bei sich.

So ungefähr mußten die ersten Indianer ausgesehen haben, welche Kolumbus erblickte, als er in Westindien landete.

Sonnenstrahl verriet durchaus keine Scheu, als er von seiner Schwester an der Hand zu den weißen Mädchen geführt wurde. Die Art, wie er sie begrüßte, zeigte an, daß er bei keinem modernen Zeremonienmeister in die Lehre gegangen war, aber der natürliche, ihm angeborene Anstand machte seine Begrüßung zu einer unnachahmbaren.

Ungezwungen streckte er den Mädchen die Hand entgegen, umschloß die ihre zart mit den Fingern, führte sie aber nicht küssend an den Mund und plapperte keine leeren Redensarten, sondern legte die andere Hand auf sein Herz und versicherte hochaufgerichtet, so, wie es einem Manne geziemt, den Damen, daß er erfreut sei, ihnen dienen zu können. Er sei ihr Freund, ihr Feind sei sein Feind, was sie freue, freue auch ihn, und ihr Leid wolle er teilen. Wie der Mund sprach, so fühlte auch sein Herz. Seine Züge konnten ebensowenig lügen, wie die seiner Schwester.

Auch er sprach sehr gut Englisch.

In Jessys Gedächtnis tauchte plötzlich ein Bild auf. Sie gedachte eines anderen Indianers und mußte Ellen dies mitteilen, wollte es aber diesem Jünglinge nicht merken lassen und bediente sich deshalb der französischen Sprache.

»Ist das nicht Unkas, der letzte Mohikaner, aus Coopers Lederstrumpf?«

Ehe Ellen ihre zustimmende Antwort geben konnte, sagte der Indianer einfach: ›Ich verstehe Französisch‹, und die Mädchen verstummten.

»Ihr seid mir willkommen,« fing Sonnenstrahl wieder an. »Ihr könnt bei uns bleiben, so lange ihr wollt. Fürchtet euch nicht, wenn euch nicht alle, die bei mir wohnen, willkommen heißen,« fügte er lächelnd hinzu.

»Einige sehen nicht gern fremde Gesichter, aber meinem Willen müssen sie sich fügen.«

Ehe die Mädchen wußten, was er vorhatte, bückte sich Sonnenstrahl zu Jessy hinab, hob sie wie ein Kind empor und setzte sie sorgsam auf seinem Arm zureckt, so daß sie in eine bequeme Lage kam.

Sie ließ alle Verlegenheit schwinden; sie umschlang mit beiden Armen den Hals des Indianers, um so die Last zu erleichtern. Er schritt voran, und Ellen und Waldblüte folgten ihm, letztere immer fröhlich lachend wie ein Kind, welches sich freut, wenn Besuch ins Haus kommt.

In der Höhlung des Baumes, in welcher Waldblüte vorhin verschwunden war, zeigte sich unten ein finsteres Loch, welches grundlos zu sein schien, weil vollkommene Dunkelheit darin herrschte. Wie ein Abgrund gähnte es den an, der hinunterblickte.

»Spring unbesorgt hinunter, es ist nicht tief!« sagte Sonnenstrahl. »Sonst kannst du dich auch an Wurzeln hinablassen.«

Ohne weiteres sprang er selbst mit Jessy im Arm hinunter; das Mädchen konnte einen leisen Schrei nicht unterdrücken, denn es ist ein entsetzliches Gefühl, in ein finsteres Loch zu springen, von dem man nicht weiß, wie tief es ist. Merkwürdig ist dabei, wie lange die Sekunde dauert, während welcher man in der Luft schwebt.

Auch Ellen zögerte, dem Beispiele Sonnenstrahls zu folgen, denn zwei Meter war das Loch sicher tief, der Kopf des Indianers war nicht mehr zu sehen. Derselbe mochte zwei Meter nicht tief finden, für sie war dies schon ein ganz beträchtlicher Sprung.

Waldblüte kam ihr zu Hilfe. Sie zeigte ihr, wie sie sich an den Wurzeln festhalten sollte, führte ihre Hand selbst immer an die hervorragenden Holzstücke und geleitete sie so sicher bis an den Boden.

Zwei Meter war das Loch allerdings tief; von oben schimmerte das in dem hohlen Baume an sich schon schwache Licht kaum herein, und so konnte Ellen nicht sehen, ob oder von wo ein Gang abzweigte. Aber es mußte natürlich einer existieren, denn Sonnenstrahl war mit Jessy bereits verschwunden.

Im nächsten Augenblicke war Waldblüte neben Ellen.

»Gib mir deine Hand und folge mir« sagte sie. »Du kannst aufrecht gehen und ruhig auftreten, der Gang ist hoch und breit, und der Boden vollkommen eben; kein Hindernis hemmt deinen Fuß.«

Sorglos ließ sich Ellen von Waldblüte führen, obgleich ihr Auge nicht einmal die Umrisse der Indianerin erkennen konnte, solche Finsternis herrschte in dem Gange. Wohl war der Boden eben und glatt, als wäre er gepflastert, aber Ellen merkte, daß er sich senkte. Man kam also immer tiefer in die Erde hinein.

Von Sonnenstrahl und Jessy war nichts mehr zu sehen, sie mußten schon weit voraus sein.

»Wer hat diesen Gang gebaut?« flüsterte Ellen.

»Die Priester der alten Azteken,« entgegnete Waldblüte, »Es gibt noch mehr, alle führen aus dem Tempel des Huitzilopochtli unter der Erde fort und münden im Walde an versteckten Plätzen, in hohlen Bäumen, in kaum zugänglichen Büschen, in Felsen, oder ihr Zugang ist auch mit Rasenerde bedeckt. Einige von ihnen sind verschüttet, einige noch sehr gut erhalten. Du kannst übrigens laut sprechen, wir haben niemanden zu scheuen.«

»Einige sind zusammengestürzt?«

»Nein, sie sind wahrscheinlich absichtlich verschüttet worden. Die Gänge sind sehr gut gebaut, das Gewölbe ist bei allen ausgemauert, und die Decke ruht auf Pfeilern. Du kannst sie jetzt nicht sehen, bleibst du aber länger bei uns, was wir hoffen, so will ich dir alles zeigen, es gibt hier viel zu sehen.«

Ellen nahm sich vor, ihren Rettern bei der ersten Gelegenheit ihr Schicksal zu erzählen. Aber es mußte bald geschehen, denn durch sie konnten vielleicht die anderen Freundinnen befreit werden. Ellen wünschte nur, die Fischer kämen noch nach dieser Ruine.

Jetzt erinnerte sie sich auch der Worte Frankos, daß es in derselben nicht recht geheuer sei. Leicht also konnten die abergläubischen Fischer in Furcht gesetzt und in die Flucht gejagt werden.

Fast eine Viertelstunde gingen die beiden Mädchen.

Der Gang schien kein Ende zu nehmen, als Waldblüte plötzlich stehen blieb.

»Wir sind am Ziele,« sagte sie. »Warte hier, bis ich wiederkomme! Deine Freundin befindet sich auch hier.«

»Wo?« wollte schon Ellen fragen, da aber wurde es plötzlich hell in dem Gange, und sie erblickte Jessy auf einem Lager von Binsenmatten liegen.

Waldblüte hatte einen schweren Vorhang zurückgeschlagen und ließ Ellen in das Gemach eintreten, welches durch diesen von dem Gange getrennt wurde.

Es war ein kleines Zimmer, welches von Mauern aus Steinquadern eingefaßt war und von dem durch eine kleine Oeffnung hochoben hereinfallenden Licht spärlich erleuchtet wurde. Wahrscheinlich lag das Fenster zu ebener Erde, was Ellen schon daraus schloß, daß sie immer abwärtsgestiegen war. Das Zimmer erschien besonders deshalb so klein, weil die Decke ungeheuer hoch war, man konnte kaum das Gefüge der Sandsteinblöcke erkennen.

Außer der Tür des Ganges befanden sich noch zwei Oeffnungen in den Wanden, beide durch schwere, kostbare Teppiche mit fremdartigen Stickereien verhängt. Dieselben stellten Bilder dar, wie man sie an den Gräbern der alten Azteken vorfindet; also stammten sie noch aus jener Zeit, da die Ureinwohner von Mexiko ihre kunstvollen Webereien fertigten.

Das Gemach enthielt nichts weiter als Binsenmatten, sonst war es völlig leer.

Waldblüte lockte erst das Reh und Juno zu sich herein und blieb dann lauschend stehen, selbst der Rabe auf ihrer Schulter verhielt sich regungslos und neigte den Kopf zur Seite, als bemühe er sich, das Gespräch zu verstehen, welches durch einen der Vorhänge drang.

Einmal hörte man eine hohe, oft überschnappende Fistelstimme sprechen, die einem Weibe anzugehören schien, dann die volle, melodische Stimme Sonnenstrahls. Jener fragte, und er antwortete, aber er schien, so ruhig er auch sprach, sehr energisch auf seinem Rechte zu beharren.

»Arahuaskar ist böse, daß wir euch hergeführt haben,« sagte Waldblüte, »er will, wir sollen euch sofort zurückbringen, aber Sonnenstrahl sagt, dann ginge auch er. Mein Bruder will die kranke Freundin nicht eher verlassen, als bis sie wieder gehen kann. Laßt den Alten nur schimpfen, daran sind wir schon gewöhnt. Wir tun doch, was wir wollen, und schließlich muß der Alte immer klein beigeben.«

Es lag etwas Aengstliches und zugleich Geringschätzendes in den Worten der Indianerin, und unwillkürlich mußte Ellen über die Worte und den Ausdruck im Gesicht derselben lächeln. Gerade so hatte sie gesprochen, und so hatte sie ausgesehen, wenn sie vor langer Zeit, als junges Mädchen von vierzehn Jahren, von jemandem gesucht wurde, um sie zur Unterrichtsstunde bei ihrem Lehrer oder der Gouvernante zu holen. Fand der Bote sie dann auf der Prärie bei den Rinderherden, so hatte sie fast ebensolche Worte zu dem Cowboy gesprochen, der ihr seine Heldentaten erzählen mußte.

»Laß die Gouvernante nur schimpfen,« hatte sie immer geringschätzend gesagt, »ich komme, wenn es mir paßt.«

Aber sie kam doch immer sofort, um die geliebte Mutter nicht zu erzürnen, und war sie zu lange fort gewesen, hatte sie die Stunde versäumt, so nahte sie sich dem elterlichen Hause mit Herzklopfen, aber mit einem gleichgültigen Gesicht, als wäre sie über Lob und Tadel erhaben.

Die Fistelstimme des Alten wurde immer leiser und war weniger oft zu hören, der volle Ton Sonnenstrahls dagegen öfters.

»Jetzt gibt Arahnaskar nach,« nickte Waldblüte lächelnd. »Sonnenstrahl hat seinen Willen durchgesetzt. Der Alte will euch sehen, er hat noch nicht die Neugierde überwunden, obgleich er sich immer so stellt. Da, jetzt befiehlt mein Bruder einem Indianer, daß er Essen für euch besorgt.«

»Es wird auch die höchste Zeit,« seufzte Ellen, deren Hunger sich bei diesen Worten wieder fühlbar machte.

Die Unterredung war in einer den Mädchen fremden Sprache geführt worden. Obgleich Ellen mehrere indianische Dialekte beherrschte, weil sie in der Nähe des Indianers-Territoriums – Louisiana grenzt an dieses – aufgezogen war, aber diesen Dialekt verstand sie nicht. Es mußte eine alte, ausgestorbene Sprache sein, schloß sie aus dem Klange der Worte.

Da wurde der Vorhang zurückgeschlagen, und eine Gestalt trat, von Sonnenstrahl gestützt, herein, bei deren Anblick selbst Jessy erschrocken zurückfahren wollte, hätte ihr Fuß sie nicht daran gehindert. Man glaubte nicht anders, als eine Mumie, die balsamierte Leiche eines vor Tausenden von Jahren verstorbenen Menschen, sei plötzlich wieder lebendig geworden. Der Körper, nur mit dem notdürftigsten Gewand bedeckt, bestand bloß aus Knochen und einer schmutzigschwarzen, pergamentartigen Haut, welche von Fett erglänzte. Dieses verbreitete sofort einen scharfen, unangenehmen Geruch im Zimmer, den die Mädchen schon vorher schwach wahrgenommen hatten.

Der Kopf war ein vollkommener Totenschädel; die Nase war fast nicht mehr vorhanden; nur ein Stumpf saß mitten im Gesicht; die Augen sahen aus wie leere Löcher, in deren Hintergrunde feurige Kohlen lagen. Jeder Knochen trat weit heraus, und nur die Zähne waren nicht nur vollkommen erhalten, sondern waren sogar noch von einer prachtvollen Beschaffenheit. Der Kopf ähnelte um so mehr einem Totenschädel, als auch kein einziges Haar sich mehr darauf befand, und nichts hatte der Alte getan, um alle diese Häßlichkeit zu verdecken oder zu mildern.

Der eine Knochenarm lag auf des jungen Indianers Schultern, die Spinnenfinger der anderen Hand hielten einen knorrigen Stock mit sonderbaren, eingeschnitzten Figuren, auf den sich der Alte stützte.

Unbeweglich stand der greise Indianer da, die Mädchen scharf ansehend, ohne den Mund zu öffnen.

Unbeweglich stand der greise Indianer da.

Es war ein wunderliches Bild, welches diese beiden darstellten, der häßliche Greis und der blühende Jüngling, nie hatten die Mädchen solchen Kontrast gesehen. Es waren Allegorien der Jugend und des Alters, des Lebens und des Todes, der Schönheit und der Häßlichkeit. Waldblüte war zurückgetreten, kreuzte die Arme über der Brust und verbeugte sich tief vor dem Alten. Diese Bezeigung von Ehrfurcht war um so auffälliger, als sie vorhin so wenig ehrfurchtsvoll von ihm gesprochen hatte.

Langsam wandte Arahuaskar den Kopf nach der Indianerin, öffnete den Mund mit den prachtvollen Zähnen und sagte einige kurze Worte, worauf Waldblüte untertänig, aber fest antwortete, und verließ dann das Gemach ebenso langsam wieder, wie er gekommen war.

»Das war Arahuaskar,« sagte Waldblüte, als der Vorhang wieder gefallen war, »und nun seid Ihr aufgenommen. Geduldet Euch eine Minute, Ihr bekommt sofort Essen!«

Ein Indianer trat ein, schon hofften die Mädchen, endlich würde der Tisch gedeckt, aber er brachte nur eine Art Rauchgefäß herein, dem Dampf entstieg, und das er an einer Schnur durch die Luft schwang.

Ein angenehmer, süßlicher Duft erfüllte das Zimmer.

»Wozu das?« fragte Ellen.

»Arahuaskar reibt sich mit Schlangenfett ein, das erhält die Glieder geschmeidig,« war die Antwort. »Seine Diener müssen ihm Schlangen fangen, die der alte Vater selbst auskocht, aber das Fett riecht übel, und wohin Arahuaskar geht, immer folgt ihm ein Diener mit dem Ranchgefäß. Ich glaube, weil er innerlich kein Fett hat, reibt er sich wenigstens äußerlich die Haut damit ein.«

Also innerhalb dieser Mauern gab es auch Humor.

Ellen hatte noch Zeit, einige Fragen zu stellen, ehe das langersehnte Essen erschien.

»Arahuaskar hat Diener?«

»Ja, einige Indianer.«

»Wohnen diese auch hier?«

»Gewiß, wir haben viel Platz.«

»Und woher bekommt ihr die Nahrungsmittel? Müssen die Indianer jagen?«

»Nein, die umwohnenden Indianer wissen, daß in der Ruine jemand lebt. Wer, darüber sind die Meinungen verschieden. Die einen sagen, es wäre ein alter Azteke, der die Indianer wieder zu ihrer alten Macht führen will – und diese haben recht. Andere glauben, ein Geist wohne hier, die Indianer müßten ihn bedienen, und sie geben ihnen willig alles, was diese verlangen. Uns gebricht es nie an irgend etwas, wir haben stets Nahrungsmittel in Ueberfluß.«

»Ist Arahuaskar wirklich ein Azteke?«

»Ich glaube, er sagt so,« entgegnete Waldblüte ausweichend.

»Und wer ist der alte Vater?«

»Ein weißer Mann, auch sehr alt, wenn auch nicht so alt wie Arahuaskar. Er ist sehr klug.«

»Wie kam er hierher?«

»Ich weiß nicht. Er war hier, so lange Sonnenstrahl und ich uns erinnern können. Er lehrte uns fremde Sprachen, von ihm haben wir auch Englisch gelernt und noch viel mehr. Doch ich darf nicht darüber sprechen, es ist mir von Arahuaskar streng verboten worden.«

»Wie heißt er eigentlich?«

»Wir nennen ihn nur den alten Vater, einen anderen Namen haben wir nie gehört.«

»Wo ist er jetzt?«

»In seinem Turmzimmer. Dieses liegt hoch in einem halb zusammengefallenen Hause. Das Gemach ist ganz mit Büchern und Instrumenten vollgepfropft, durch die er nach den Sternen sieht.«

Ellen und Jessy sahen sich fragend an.

»Ist er ein Astronom?« fragte Jessy.

»Jedenfalls ein Gelehrter, der sich hierher zurückgezogen hat,« meinte Ellen.

»Der alte Vater kriecht fast Tag und Nacht in dem Gemäuer herum,« fuhr Waldblüte fort. »Er sammelt alles, was er finden kann, alte Schriften, Götter, Figuren, Schmucksachen und so weiter. Dann setzt er sich vor sie hin und starrt sie lange an, blättert in Büchern und schreibt.«

»Er ist ein Altertumsforscher,« dachten die Mädchen.

Das Gespräch fand eine willkommene Unterbrechung. Ein Indianer brachte auf alten, sonderbar aussehenden Steinschalen Speisen herein, setzte sie zwischen den beiden Mädchen hin, und diese warfen sich mit Heißhunger über die Maiskuchen, das gebratene und gekochte Rindfleisch und Wild her. Noch nie, glaubten sie, habe ihnen eine Mahlzeit so gut geschmeckt, wie hier im Tempel des Huitzilopochtli und von denselben Schüsseln, von denen einst die Azteken gespeist hatten.

Auch Juno wollte sich durchaus als Gast in die Gesellschaft der Mädchen eindrängen, doch ein Blick und eine Handbewegung der Indianerin genügten, um das Tier zurückzuscheuchen. Ein weiterer Wink mit der Hand, und Juno folgte mit gesenktem Kopf dem hinausgehenden Indianer. Das Raubtier mußte dem Blicke dieses Mädchens gehorchen.

»Ein Tier, welches Fleisch ißt, darf die Schüsseln der Azteken nicht berühren, sonst müssen wir sie fortwerfen,« sagte Waldblüte, setzte sich dann zu den Mädchen und bediente sie mit der größten Liebenswürdigkeit.

Ellen war nicht sehr in der Geschichte der alten Azteken bewandert, aber so viel wurde ihr aus den Worten der Indianerin klar, daß Waldblüte und wahrscheinlich auch Sonnenstrahl in der alten heidnischen Religion der Azteken erzogen worden waren.

Besonders, daß sie von einem Tiere nie fressen, sondern essen sagte, bestätigte dies, denn ebenso wie die Inder, glaubten die Azteken an Seelenwanderung, das heißt, sie glaubten, die Seele des gestorbenen Menschen ginge in ein Tier über, und daher wurden die Tiere gut behandelt, ja, man gab ihren Verrichtungen auch keine anderen Namen als den von Menschen ausgeführten. Ebensowenig sagt der Inder von einem Tiere, es frißt, säuft, krepiert und so weiter, eher gebraucht er derartige Ausdrücke bei einem verächtlichen Menschen.

Mochte Waldblüte auch eine Heidin sein, mochte sie in der barbarischen, Blut fordernden Religion der Azteken – den mexikanischen Göttern wurden Menschen geopfert – erzogen worden sein, sie besaß ein gutes Herz. Lächelnd saß sie zwischen den Mädchen, freute sich, wenn es ihren Gästen schmeckte, und ließ nicht nach, sie fort und fort zum Zulangen zu nötigen.

Als der Hunger gestillt war und Waldblütes Bitte, mehr zu essen, nicht nachgekommen werden konnte, klatschte sie in die Hände, und sofort trat Sonnenstrahl ein.

Er hatte die Mädchen durch seine Gegenwart nicht stören wollen, mußte aber draußen auf dieses Zeichen, näherzutreten, gewartet haben.

Waldblüte und ihr Bruder besprachen sich in ihrer Sprache, dann hob Sonnenstrahl Jessy wieder auf den Arm und verließ das Gemach, von den beiden Mädchen gefolgt.

Ellen durchschritt mehrere, ebenso wie das erste eingerichtete Gemächer, die gleichfalls von oben durch eine Oeffnung Licht erhielten, bis sie in ein größeres Zimmer traten, in welchem aus Binsenmatten und Decken zwei Lagerstätten errichtet waren. Man sah, daß dieselben soeben erst bereitet worden waren.

Sanft ließ Sonnenstrahl die Kranke auf das Bett gleiten und entfernte sich mit einer graziösen Neigung des Kopfes.

»Der alte Vater wird kommen und der Fuß in wenigen Wochen heilen,« sagte er im Hinausgehen.

»Dies ist Euer Zimmer,« wandte sich Waldblüte an die beiden Mädchen, »ich werde Euch Gesellschaft leisten, wenn Ihr mich wünscht. Klatscht einmal in die Hände, so komme ich, klatscht zweimal, und ein Indianer wird erscheinen, dem Ihr Eure Wünsche sagen könnt.«

»Bleibe immer bei uns,« rief Ellen und ergriff die Hand des Mädchens. »Setze dich neben mich und höre an, was ich dir schnell erzählen will, und dann sage uns, ob es dir möglich ist, zu helfen. Kannst du und Sonnenstrahl es nicht, so bleibt Jessy hier, ich aber muß sofort wieder von hier gehen.«

Nun erzählte Ellen so kurz wie möglich, wie sie in diesen Urwald kämen, wie sie von räuberischen Fischern fortgeschleppt worden wären, ihre Flucht, und wie sie glaubten, die neun Freundinnen sollten hier zwischen den Mauern der Ruine getötet werden.

Waldblüte hatte aufmerksam zugehört, ihr Gesicht nahm eine immer besorgtere Miene an, und kaum konnte sie den Schluß von Ellens Erzählung erwarten.

»Warum hast du mir das nicht eher gesagt?« rief sie dann. »Ich will es schnell Sonnenstrahl erzählen, er und andere Indianer müssen den Wald durchstreifen und sehen, wo die bösen Männer mit deinen Freundinnen geblieben sind, und ob sie hierherkommen wollen.«

»Aber er darf sich nicht sehen lassen,« rief Ellen der schon Hinauseilenden nach.

»Kannst du den Sonnenstrahl sehen oder greifen?« lächelte Waldblüte zurück. »Du kannst ihn nur fühlen oder seine Wirkung spüren, aber nicht ihn selbst sehen oder hören.«

Den beiden Mädchen fiel eine Zentnerlast vom Herzen. Auch Jessy bekam jetzt dasselbe Gefühl, von dem schon vorher Ellen gesprochen hatte, daß sie nämlich fest an die Rettung ihrer Freundinnen glaubte.

Wieder wurde der Vorhang zurückgeschlagen, und wieder trat eine alte, gebückte Gestalt herein. Diesmal war es aber kein Indianer, sondern ein Weißer, wie er auch gleich einem solchen gekleidet war.

Er mochte wohl achtzig Jahre zählen. Lange, weiße Locken umrahmten das milde Antlitz, auf dessen Stirn sich tiefe Falten hinzogen. Sorgen oder auch angestrengtes Nachdenken mochten sie eingegraben haben, denn der tiefe Blick der blauen Augen war der eines Denkers.

Der alte Vater

Ein langer Mantel aus blauem Stoff umhüllte die gebeugte Gestalt. Auf den Locken saß ein breitrandiger Filzhut, und um den Leib hatte der Greis einen aus Leder geflochtenen Gurt geschlungen, wodurch er fast das Aussehen eines Priesters oder eines Eremiten erhielt.

Die schmalen, blutleeren Lippen hielt er fest geschlossen, als er auf die Mädchen zuschritt. Er öffnete sie weder zum Gruß noch zu einer Frage, so daß er einen finsteren oder doch sehr ernsten Ausdruck bekam, der ganz im Widerspruch zu den milden, freundlichen Augen stand.

Als sich beim Gehen der Fuß zeigte, sah man deutlich, daß auch er Sandalen trug, wodurch er noch mehr den Eindruck eines Mönches machte.

Stumm schritt er also auf Jessy zu, ließ aus dem weiten Aermel des Ueberwurfs ein Paket auf den Boden fallen und löste dann den Verband des kranken Fußes. Zarte, weiße Hände, die nie schwere Arbeit getan hatten, kamen dabei zum Vorschein.

Bald trat ein Indianer ein, der in einem Becken heißes Wasser und eine Büchse brachte.

Der alte Vater badete den verletzten Fuß, rieb ihn mit einer wohlriechenden Salbe ein und legte die Schienen wieder an. Er benahm sich dabei mit einer solchen Geschicklichkeit, daß die Mädchen vermuteten, er sei ein Arzt.

Bis jetzt war das Schweigen von keiner Seite unterbrochen worden, als der Arzt aber die Büchse dem Indianer zurückgab und Miene machte, das Zimmer zu verlassen, nachdem er eine Schachtel mit Salbe neben Jessys Lager gestellt hatte, konnte Ellen eine Frage nicht mehr zurückhalten.

»Ist der Bruch gefährlich?«

Langsam wandte der Greis den schönen Kopf nach Ellen hin, es sah fast aus, als merkte er jetzt überhaupt zum ersten Male die Anwesenheit noch eines Mädchens. Seine Lippen öffneten sich, doch gleich lagen sie wieder fest übereinander.

» Quien sabe?« murmelte er.

»Wie lange wird es dauern, bis meine Freundin wieder zum Gehen fähig ist?«

»Bis der Fuß geheilt ist,« erklang es abermals in dumpfem Murmeln, und mehr war aus dem Alten nicht herauszubringen, er raffte das Paket auf und verließ das Zimmer, ohne die Mädchen noch eines Blickes zu würdigen.

»Ein seltsamer Kauz,« sagte Ellen, als sie wieder allein waren, »er scheint in diesen Mauern das Sprechen verlernt zu haben.«

»Aber er versteht einen gebrochenen Fuß zu heilen,« entgegnete Jessy. »Die Salbe besitzt eine wunderbare Wirkung, ich fühle nicht den leisesten Schmerz mehr, selbst die Spannung hat nachgelassen.«

»Das ist die Hauptsache; mag er ein alter Brummbär sein, wenn er Ihnen nur helfen kann. Aber ich möchte doch wissen, wer er ist, warum er sich hier aufhält, und welche Rolle er hier spielt! Ich interessiere mich für solche Sonderlinge.«

»Er wird ein Altertumsforscher sein.«

»Aber er hat auch Sonnenstrahl und Waldblüte erzogen. Sollte er nicht den Plänen des alten Arahuaskar, das Reich der Azteken einst wiederaufzurichten, nahestehen? Waldblüte scheint deren Religion anzugehören, und es ist doch nicht anzunehmen, daß der alte Vater auch an Götter glaubt. Ueberhaupt muß er ein gebildeter Mann sein, er spricht viele Sprachen, scheint die aztekische Religion zu studieren und versteht Arzneikunde, also muß er doch wissen, daß die Hoffnungen Arahuaskars Luftschlösser sind, deren Zusammenbrechen jedes Schulkind einsehen kann.«

Doch der rätselhafte, alte Mann mit seinem ernsten Schweigen und dem freundlichen Blick war bald vergessen. Die Gedanken der beiden Mädchen beschäftigten sich mit anderen Sachen.

Weder Sonnenstrahl noch Waldblüte hatten sich wieder sehen lassen, und es war seit ihrem Fortgang fast schon eine Stunde verstrichen. Es mußte Nachmittag sein.

Da plötzlich sprang Waldblüte herein. Die Mädchen fuhren auf, die Indianerin mußte eine gute Nachricht bringen, denn ihr Antlitz leuchtete.

»Sie kommen,« rief sie plötzlich, »es sind zwölf Männer, einer davon ist gebunden, und ebenso die neun Mädchen. Das also sind eure Freundinnen! Die armen Geschöpfe, sie sehen so niedergeschlagen aus und konnten kaum noch gehen, ich habe sie ganz deutlich gesehen, als Sonnenstrahl mir sagte, sie kämen auf die Ruine zu.«

»Können wir sie sehen?« fragte Ellen, die ihre Ungeduld kaum bemeistern konnte.

»Gewiß; auch du, Jessy, sollst an einen Ort gebracht werden, von dem aus du deine Freundinnen beobachten kannst. Seid nur unbesorgt, sie sollen noch heute abend wohlbehalten bei euch sein.«

Da trat Sonnenstrahl mit einigen Indianern herein, und auch er verkündete, daß die Erwarteten schon in der Nähe der Ruine seien. Er wäre ihnen durch einen unterirdischen Gang vorausgeeilt, bald müßten sie hier eintreffen.

Auf seinen Wink faßten vier Indianer das Bett, auf welchem Jessy lag und trugen sie hinaus. Er, Waldblüte und Ellen, gingen voran.

Aus einem Gemach traten sie in einen langen, schier endlosen Gang. Von beiden Seiten zweigten sich Gemächer ab.

»Wozu wurden diese früher benutzt?« fragte Ellen.

»Hier wurden die aztekischen Häuptlinge und deren Familienmitglieder beigesetzt,« erklärte Waldblüte. »Arahuaskar hat einige Zimmer bestimmt, welche nicht geöffnet werden dürfen. In diesen liegen Mumien, und der alte Vater hält sich oft bei ihnen auf. Die übrigen Gemächer hat Arahuaskar ausräumen und die Mumien verbrennen lassen.«

Jetzt erst bemerkte Ellen die alten Steinbilder an den Wänden und auch die halb verblichene, einst bunt gewesene Malerei. War der alte Vater wirklich ein Gelehrter, der sich mit der Geschichte der alten Mexikaner beschäftigte, so fand er hier reichen Stoff für seine Studien.

Der Gang mündete an einer steinernen, terrassenförmigen, sehr breiten, aber schon halbzerfallenen Treppe. Der Weg hinauf war sehr beschwerlich, die Stufen lagen nicht mehr geordnet. Besonders das Tragen des Krankenbettes mußte vorsichtig geschehen.

Während dieses Aufstieges fiel Ellen eine andere Besorgnis ein.

»Die Männer sind alle bewaffnet,« sagte sie. »Habt Ihr auch die Mittel, ihnen erfolgreich gegenübertreten zu können? Ohne Waffen können wir nichts gegen sie ausrichten.«

Waldblüte wollte eben etwas erwidern, als Ellens Frage auf andere Weise beantwortet wurde.

Die Terrasse machte eine Biegung, und kaum betrat Sonnenstrahl die geräumige Plattform, als zwei mächtige, graue Bären, die furchtbarsten Raubtiere Amerikas, aus einem Winkel herausgestürzt kamen und Sonnenstrahl und dessen Schwester vor Freude bald erdrücken wollten.

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