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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 36
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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35.

In die Irre gelockt.

Longfellow, ein amerikanischer Dichter, der seine Studienzeit in Deutschland zugebracht und sich um unser Vaterland insofern verdienstlich gemacht hat, als er viele deutsche Lieder und Sänge, auch Studentenlieder, übersetzte und in Amerika verbreitete, hat ein Gedicht geschrieben, welches so recht die Verhältnisse in Westindien charakterisiert. Es heißt »Das Quarteron-Mädchen« Quarterone, auch Quadrone, ist die Tochter eines Weißen und einer Terzerone, diese wieder die Tochter eines Weißen und einer Mulattin. Die Quadronen sind wegen ihrer Schönheit bekannt, man merkt wenig von ihrer Abstammung von einer Negerin. und beginnt mit dem Verse:

Vor Anker harrt das Sklavenschiff
Am Rande der Lagun'
Des Mondaufgangs, des Abendwinds,
Die schlaffen Segel ruh'n.

Beim ersten Durchlesen glaubt man, der gerade melancholisch gestimmte Dichter habe nur das Schicksal eines Mädchens geschildert und dazu eine reiche Szenerie gewählt, aber er hat ein Bild aus dem Leben gegriffen.

Es ist leider nur zu wahr, daß die Plantagenbesitzer in Amerika aus Geldsucht selbst die eigenen Kinder, die sie mit Negerinnen und Mulattinnen erzeugten, als Sklaven verkauft haben, und wie oft wiederholt sich wohl noch heute, nach Abschaffung des Sklavenhandels, derartiges.

Es ist überhaupt eine eigentümliche Sache um die Abschaffung des Sklavenhandels. Wer mit offenem Auge das Land bereist, wo Neger zu harter Arbeit verwendet werden, kommt bei unparteiischer Beurteilung wohl auf den Gedanken, daß deren Lage nicht gebessert, sondern eher verschlechtert ist, und daß überhaupt die Sklaverei noch fortexistiert, nur in anderer Form.

Der Pflanzer unterm Rohrdach schmaucht'
Gedankenvoll und träg',
Der Sklavenhändler schritt zur Tür,
Als hastet' er hinweg.

Sklavenhändler gibt es noch, also muß es auch noch Sklaven geben, und besonders nach schönen, weiblichen ist noch immer eine starke Nachfrage. Neben dem Pflanzer sitzt seine Tochter, eine Quarterone, und auf diese bietet der Händler.

Vor ihnen hebt das Köpfchen auf
In holder Schüchternheit
Mit Neugier erst, mit Schrecken bald
Die Quarteronenmaid.

Im Herzen des Pflanzers geht ein harter, aber kurzer Kampf vor sich.

»Der Boden karg und alt die Farm!«
Der Pflanzer sprach's und sann,
Erst blickt' er auf des Händlers Gold
Und auf die Maid sodann.

Im Streit lag sein Herz mit solch
Fluchwürdigem Gewinn;
Er wußte gut ja, wessen Blut
In ihren Adern rinn'.

Und der letzte Vers des ziemlich langen Gedichtes lautet:

Der Sklavenhändler schritt vors Tor,
Die Jungfrau an der Hand,
Daß sie ihm Liebchen, Sklavin sei
Im fernen, fremden Land.

Der Pflanzer hatte also sein eigenes Kind verkauft.

Der Pflanzer hatte sein eigenes Kind verkauft.

Das war ungefähr auch das Schicksal Loras gewesen. Wort für Wort konnte man das Gedicht auf sie beziehen, nur daß sie keine Quarterone, sondern die Tochter eines Kreolen und einer Indianerin in Jamaika war. Auch ihr Vater, ein Pflanzer in der Nähe von Kingston, der Hauptstadt von Jamaika, hatte Lora für schnödes Geld verkauft, um eine Spielschuld zu decken.

Wohl hätte man ihn vor Gericht zur Verantwortung ziehen können, aber einmal bat Lora wunderbarerweise selbst für den Vater, der sein Kind allerdings nicht anerkennen wollte und Lora eine Betrügerin schalt, und dann hätte eine gerichtliche Untersuchung auch lange Zeit in Anspruch genommen.

Aller Energie der englischen Herren hätte es bedurft, um Lora, einen unehelichen Mischling, zum Schwure kommen zu lassen; die Anwesenheit der Vestalinnen wäre nötig gewesen, und schließlich hätte auch die Person des Sklavenhändlers festgestellt werden müssen.

Darüber konnten unter Umständen Monate und Jahre vergehen, und den ungeduldigen Herren schienen schon die wenigen Tage, die sie bis zum Eintreffen des nächsten Schnelldampfers hier warten mußten, eine Ewigkeit.

Lora wurde daher auf ihren Wunsch in eine spanische Missionsanstalt gebracht, die Herren sorgten für sie und harrten dann untätig und sehnsüchtig der Ankunft ihres Schiffes.

Das Hotel, in dem die Engländer mit Hannes und Hope zusammen wohnten, lag auf einem Hügel, wie überhaupt Jamaika durch und durch gebirgig ist, aber die Abhänge sind äußerst fruchtbar. Auf dem Dache des Hauses erhob sich noch ein Aussichtsturm.

Gern standen die Herren auf diesem, aber ihre Augen ergötzten sich nicht an der prächtigen Landschaft, den sonnigen Abhängen, den grünen Feldern und den bunten Fluren, ihre Augen hingen an dem nördlichen Horizont, denn dort lag das Ziel ihrer Sehnsucht.

Lange schon hatten sie nichts von den geliebten Mädchen gehört, keine Depesche von unbekannter Hand war mehr an Sharp eingetroffen, welche ihn über das Schicksal der Vestalinnen orientierte. Sie wußten noch nicht einmal, ob jene ihr Ziel Matagorda erreicht hatten.

Waren sie dort? Waren sie schon auf der Landreise nach ihrer Heimat, oder hatte das Schicksal abermals mit grausamer Hand ihre Absicht durchkreuzt?

Eine furchtbare Aufregung hatte sich der Herren bemächtigt. Stunde für Stunde standen sie auf dem Aussichtsturm und starrten nach dem blauen Horizont, als könnten sie dadurch bewirken, daß ihnen eine Depesche mit günstiger Nachricht zukäme.

Zu den schon auf der Plattform versammelten Herren trat Hendricks, der sich im Hotel aufgehalten hatte.

»Morgen abend trifft der Dampfer hier ein,« rief er. »Soeben ist er von Valencia abgegangen, die Depesche ist angekommen.«

Morgen abend erst, also noch über dreißig Stunden! Die Herren hatten sich erst auf einige Tage gefaßt gemacht, weil der Dampfer anfangs für später gemeldet worden war, jetzt erschienen ihnen aber auch noch die dreißig Stunden zu lang.

»Geht denn nur kein anderer Dampfer nach Matagorda?« fragte Harrlington den Kellner, der auf dem Turme die Bedienung versah.

»Nach Matagorda direkt nicht, wohl aber nach anderen Städten von Texas, so zum Beispiel nach Galveston, aber auch erst morgen,« erwiderte der mit allen Fahrgelegenheiten vertraute Kellner. »Wenn ich Ihnen aber raten darf, so warten Sie auf den Schnelldampfer, denn ehe Sie von Galveston nach Matagorda Fahrgelegenheit bekommen, können einige Tage vergehen.«

»Es ist überhaupt kein Schiff in ganz Kingston, welches nach Matagorda fährt?«

»Wohl Segelschiffe, aber mit denen werden Sie doch keine Seereise machen?«

Es war zum Verzweifeln.

Wie bedauerten die Herren, daß der ›Amor‹ jetzt nicht hier war. Harrlington hatte den Heizern den Befehl gegeben, ihn mit Mannschaft zu versehen und dann nach Matagorda zu dirigieren.

Hannes und Sharp kamen ebenfalls herbei, sie waren seit dem Morgen fort gewesen und hatten sehr geheimnisvoll getan.

Sharp sah eher aus wie ein Reitdiener als wie ein Gentleman, er hatte ein sehr gewöhnliches Gesicht aufgesetzt, war nachlässig gekleidet und rauchte einen entsetzlich scharfen Tabak.

Niemand wußte, was ihn dazu veranlaßte, solche Maskerade zu spielen, allen war aber streng verboten, ihn mit seinem Namen anzureden. Er gab sich für den Diener Harrlingtons aus, nannte sich Ralph und besorgte wirklich alle Dienstleistungen für den Lord, mit einer Gewissenhaftigkeit, als wäre er zeitlebens Diener gewesen und würde dafür bezahlt.

Es war ausgemacht worden, daß die Briefe für Harrlington, bei denen die Adresse des Namens nur mit einem r geschrieben wären, für ihn bestimmt seien. Er öffnete sie, ohne vorher den Lord davon zu benachrichtigen.

»Meine Herren,« rief Hannes, als er auf die Plattform trat, »der Pflanzer, dieser barbarische Vater, braucht nicht erst bestraft zu werden, er ist schon bestraft genug. Ralph und ich fuhren heute morgen in der Absicht nach seiner Plantage, um zu versuchen, ob wir ihm nicht etwas am Zeuge flicken könnten. Ich ließ mich von Ralph als einen englischen Kapitän anmelden und wurde ins Vorzimmer geführt. Hier wurde ich zufällig Zeuge einer Szene, die mich meinen Vorsatz gleich wieder aufgeben ließ. Der Pflanzer scheint nämlich unter dem Pantoffel einer sehr eifersüchtigen Frau zu stehen. Ich hörte, wie seine liebliche Ehegattin ihm wegen Loras die Leviten las. Sie machte ihn so herunter, daß kein Hund ein Stückchen Brot von ihm annähme, wenn er das gehört hätte, und dann hörte ich es auch ein paarmal klatschen, worauf stets Jammertöne folgten. Ich denke, wir sprechen den Mann von der Strafe frei. Wer so eine Zuchtrute im Hause hat, der braucht nicht mehr zu sagen: Gott strafe mich!«

Die Herren zeigten wenig Interesse für die Erzählung von Hannes, sie dachten an anderes; nur Hope wollte mehr wissen, und Hannes mußte ausführlich erzählen.

»Hast du ihn dann noch gesprochen?«

»Gott bewahre mich! Mir wurde angst, mit dem Weibe zusammenzukommen, und ich empfahl mich, ohne jemanden gesehen zu haben. Ich habe die Pferde ausgreifen lassen, bis ich die Plantage aus den Augen verlor. Vor solchen Frauen habe ich eine höllische Angst, und ihre Männer bemitleide ich und bete für sie, wenn es auch meine ärgsten Feinde sind. Ich kalkuliere, dem Pflanzer wären drei Jahre hinter festen Mauern ganz lieb, wenn er nur vor der Zunge und den Fäusten seiner Frau sicher ist.«

Wo ist Ralph?« fragte Harrlington.

»Er ist unten beim Wirt, ich glaube, er hat eine Depesche für Sie.«

»Und das sagen Sie erst jetzt?« schrie Harrlington, und auch die anderen Herren sprangen von den Stühlen auf.

»Sie bekommen Sie noch immer zeitig genug,« sagte Hannes phlegmatisch und ließ seinen Blick über die Plattform schweifen, auf welcher außer den Engländern noch andere Gäste saßen.

Schon wollte Harrlington die Treppe hinunterstürzen, als Ralph ihm entgegentrat und eine Depesche hinhielt.

»Aus Matagorda,« sagte er mit pfiffigem Lächeln.

Harrlington war viel zu erregt, als daß er die Adresse betrachtet hatte. Aber wenn er sie auch noch so genau besehen, er hätte schwerlich bemerkt, daß sein Name zwar mit zwei r, also richtig geschrieben war, aber daß das eine r nachträglich eingeschaltet, nachdem das andere ausradiert war. Die Umänderung war fast unmerklich vorgenommen worden.

Hastig brach der Lord die Depesche auf. Er überflog sie. Seine Hand bebte, und kaum konnte er die Zeilen entziffern.

Die Herren hatten ihn umdrängt. Aller Augen hingen an den Lippen des Lesers.

»Nicht hier,« bat Harrlington tonlos. »Kommen Sie in unseren Salon!«

Die Herren besaßen unter ihren Zimmern einen Salon, in dem sie sich zu versammeln pflegten. Hier teilte ihnen Harrlington den Inhalt der Depesche mit.

»Den Damen ist ein neues Unglück zugestoßen,« begann er, »aber es ist nicht so schlimm, als Sie meiner ersten Erregung nach vielleicht erwarten. Ich wurde von der ersten Zeile übermannt. Hören Sie, was mir aus Matagorda mitgeteilt wird:

»Die ›Vesta‹ auf den Matagordariffen gestrandet, Damen von Strandräubern und Apachen überfallen, doch ernstliche Gefahr nicht vorhanden. Kommen Sie sofort nach hier, wenn keine Fahrgelegenheit, chartern Chartern ist der seemännische Ausdruck für mieten. Sie ein Schiff.

F. H.

»Das heißt Felix Hoffmann, er wacht also über die Damen,« schloß der Lord.

»Ein Schiff chartern,« rief Williams. »Warum haben wir nicht eher daran gedacht? Es ist zwar ein teures Unternehmen, aber was macht das?«

»Ralph, Sie wissen ja alles,« wandte sich Harrlington an seinen Diener. »Welches Schiff ist im Hafen, das nicht benützt wird und so bald als möglich, womöglich noch heute, bereitgemacht werden kann, in See zu stechen?«

»Es giebt mehrere,« entgegnete Ralph und nannte einige Namen.

»Gut, ich werde sofort versuchen, was sich tun läßt. Koste es, was es wolle, wir fahren noch heute abend ab!«

»Halt!« rief der Detektiv. »Ich bitte Sie, Lord, überlassen Sie das Freiherrn von Schwarzburg! Er ist mehr Seemann als Sie, er kann besser mit den Kapitänen umgehen und weiß ein Schiff auch besser zu taxieren. Sind Sie damit einverstanden?«

Harrlington willigte nach kurzem Zögern ein, er wußte, daß Sharp nur gute Ratschläge gab und stets einen triftigen Grund dazu hatte, wenn er diesen auch nicht gleich offen aussprach.

»Und mir schreiben Sie ein Telegramm aus,« fuhr Ralph fort, »daß Sie heute abend nach Matagorda abfahren und stets unter voller Kraft dampfen lassen. Am Mast führt das Schiff die Flagge des ›Amor‹ als Erkennungszeichen.«

»Warum setzen Sie das Telegramm nicht auf?«

»Weil Sie es sollen,« entgegnete Sharp kurz.

Harrlington nahm ein Telegrammformular aus der Brusttasche.

»Kennen Sie schon ein Schiff welches sich chartern lassen wird und schnell fährt? Aber es muß bestimmt sein.«

»Ganz bestimmt! Der deutsche Dampfer ›Seeschwalbe‹ liegt ohne Fracht hier, sein Kapitän ist außer sich darüber. Er läßt sich sofort chartern. Ich garantiere dafür«

»Gut!«

Harrlington ergriff die Feder und schrieb:

»Fahren heute abend mit gechartertem deutschen Dampfer ›Seeschwalbe‹ von hier ab. Am Mast die Amorflagge.

Harrlingto

n.«

»Wohin soll ich adressieren?«

»Miß Forbes, Matagorda, das genügt.«

Die ebenfalls anwesende Hope blickte erstaunt auf.

Sie glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. Das war ja ihre Tante. Doch jetzt war keine Zeit zum Fragen. Ueberdies sah Hope sofort ein, daß noch andere Menschen so heißen konnten.

Harrlington schrieb die Adresse und händigte sie seinem Diener ein, der sie auf der Post aufgeben wollte.

»Und Sie gehen sofort nach dem Schiff, Baron?« fragte er dann Hannes.

»Sofort! Habe ich Vollmacht, zu handeln, wie ich will? Der Spaß kann teuer zu stehen kommen.«

»Zahlen Sie, was der Kapitän verlangt, und wenn es eine halbe Million Pfund Sterling kosten sollte, wir sagen für alles gut.«

»So viel kostet es nicht,« lachte Hannes. »Für meine Verhältnisse wäre das auch ein bißchen viel.«

»Erst muß ich Sie aber noch sprechen,« sagte der Detektiv zu Hannes. »Gehen Sie auf Ihr Zimmer und rufen Sie mich, wie man einen Diener ruft. Ich nehme es Ihnen diesmal nicht übel, wenn Sie grob gegen mich sind.«

Hannes verließ das Zimmer.

»Machen Sie sich bereit, meine Herren!« wandte sich Sharp jetzt an die Engländer. »Und Sie, Baronin, sorgen Sie dafür, daß die Mädchen reisefertig sind! Ich denke, wir werden noch eher abreisen, als heute abend, vielleicht schon in einigen Stunden.«

Alles ging Schlag auf Schlag; es war keine Zeit zu verlieren. Die Herren trafen Anstalten zur Abreise, einige hatten noch Wege zu besorgen, und Hope bereitete die vier Mädchen, die letzten von den achtzehn Geretteten, auf die baldige Abreise vor.

Als Ralph durch den Korridor ging, die Depesche in der Hand, kam er an einem nobel gekleideten Herrn vorüber, der ihn aufmerksam ansah. Besonders an der Depesche hingen seine Blicke. Derselbe Herr saß gewöhnlich auf der Plattform, wenn die Engländer sich auch dort befanden, und suchte sich überhaupt viel in der Nähe der Lords aufzuhalten.

Den Engländern fiel dies nicht auf; es war ein stiller, anständiger Mann. Der Zufall mochte ihn immer mit ihnen zusammenführen.

Ralph ging im strammen Gange eines Bedienten über den Korridor und wollte schon die Treppe hinabsteigen, als sich eine Tür öffnete und ein Kopf heraussah.

»Ralph!«

Wie verabredet, rief Hannes den Diener, dieser blieb stehen, kehrte zurück und ging in das Zimmer hinein, von den Blicken des auf dem Korridor stehenden Herrn verfolgt, der etwas in den Bart murmelte und sich auf die Straße begab.

Ralph blieb ziemlich lange Zeit bei Hannes, aber er erhielt natürlich nicht von diesem Aufträge, sondern erteilte vielmehr ihm Instruktionen, welche dem jungen Manne sichtlich zu behagen schienen. Außerdem erledigte Ralph noch einiges Schriftliche.

Als er die Straße betrat, eilte er, ohne sich umzusehen, in schnellem Schritt der Post zu, schlenkerte mit den Armen, stieß bald hier einen dicken Kreolen zur Seite, rannte da ein eingeborenes Weib bald über den Haufen, so daß man ihm schon von weitem ansehen konnte, wie eilig er es und welch wichtigen Auftrag er hatte.

»Donnerwetter, Ralph, bist du denn blind, daß du so an mir vorbeiläufst?« lachte da plötzlich eine Stimme neben ihm, und der verwundert aussehende Bote sah einen Seemann neben sich stehen, eine untersetzte, vierschrötige Gestalt in blauem Anzuge, die Hände in den Hosentaschen, den Wachstuchhut im Nacken und die kurze Kalkpfeife zwischen den Zähnen.

»Wer seid Ihr denn? Ich kenne Euch gar nicht,« knurrte der aufgehaltene Ralph.

»Was, Ralph, du kennst mich nicht mehr? Nun hört aber doch alles auf! Wir haben doch in Philadelphia Freundschaft geschlossen, als du mit dem Transport Pferde ankamst, die ich mit ausladen half. War eine verdammte Zeit damals, jetzt geht es besser, seit ich wieder Planken unter den Füßen habe. Bin heute abgelohnt worden.«

»War niemals in Philadelphia,« knurrte Ralph.

»Nein, wirklich nicht?« fragte der Seemann erstaunt. »Das ist aber eine verdammte Aehnlichkeit. Wie man sich so täuschen kann! Richtig, Ralph hatte blondes Haar, Ihr habt aber schwarzes. Na, nichts für ungut, Fremder.«

»Ich heiße aber auch Ralph.«

»Wahrhaftig? Das ist sonderbar. Wißt Ihr was, Mann, Ihr könnt mir einen Gefallen tun. Ich will nach dem Seemannsamt, um dort Geld an Weib und Kind aufzugeben. Wollt Ihr mir den Weg dahin zeigen? Mit meinem Spanisch kann ich mich nicht durchfragen, diese Sprache zerbricht mir die Zunge.«

»Ich habe keine Zeit. Ihr habt mich sowieso schon zu lange aufgehalten.«

»Ach was,« rief der Matrose und packte Ralph am Arme, ihn zurückhaltend, »so viel Zeit werdet Ihr wohl haben! Ihr zeigt mir den Weg, und dann trinken wir eins.«

Möglich, daß der Matrose sicher glaubte, Ralph würde solch ein Angebot nicht abschlagen, denn Ralphs Nase war mit einem rötlichen Schimmer überhaucht.

»Gut denn, unter solchen Bedingungen werde ich Euch den Weg zeigen,« lachte er und beschrieb dem Matrosen die Richtung, welche er nach dem Seemannsamt einzuschlagen hatte.

» Well, habe verstanden, ich werde mich nun zurechtfinden,« meinte der Matrose und faßte den Arm Ralphs unter, »nun kommt mit, in Jamaika soll der Rum gut und billig sein.«

»Aber nicht zu weit, ich habe es eilig.«

»Was habt Ihr denn so furchtbar wichtiges?«

»Depeschen! Mein Herr hat mich beauftragt, sie so schnell wie möglich aufzugeben.«

Ralph machte auf den Matrosen den Eindruck eines etwas dummen Menschen.

»Ach was,« sagte er wieder, »darum braucht Ihr nicht so zu rennen. Der Telegraphist klappert sie sowieso nicht gleich, ein halbes Stündchen vergeht doch. Wenn Ihr ihm dann aber ein Trinkgeld gebt, so beeilt er sich, und die verlorene Zeit ist wiedergewonnen.«

»Meint Ihr?«

»Sicher, ich kenne das.«

»Ich bin aber selbst froh, wenn ich Trinkgelder bekomme. Anderen kann ich keine geben.«

»Ich gebe Euch dann einen Dollar. Jetzt aber kommt mit, ich muß in eine Schenke, wo ich Freunde erwarten will.«

Er schleppte Ralph mit sich fort.

Der Weg war sehr weit; er führte durch kleine und krumme Straßen und Gassen, ging dann ins spanische Viertel über, doch Ralph schien seine Mission vergessen zu haben, er war ganz Ohr für die Anekdoten und Schwänke, die der Matrose ihm in unerschöpflicher Fülle zum besten gab.

Ob er Ralph wirklich für so dumm hielt?

Hätte er gewußt, daß sein Begleiter, der ihm mit solch kindlichem Lachen und gläubigem Herzen folgte, der gewiefteste und schlaueste aller Detektiven war!

»Hier sind wir,« sagte der Matrose plötzlich und öffnete eine Tür, welche in eine elende, schmutzige, spanische Weinstube führte.

Er ging ohne weiteres in ein separates, gut eingerichtetes Zimmer, wo sie von dem Wirte mit einer wahren Galgenphysiognomie empfangen wurden.

»Trinkt Ihr Rum? All right, ein Glas Rum, und für mich Gin, ich mag Rum nicht, ich bekomme Rheumatismus davon.«

Ein ist ein weißer, wasserheller Branntwein, aus Wachholderbeeren bereitet.

»Gläser gibt es hier nicht,« schmunzelte der Wirt, »dann müßten die Senores nach vorn gehen.«

»Das Volk ist mir dort zu gewöhnlich; unter Spitzbuben mische ich mich nicht,« sagte der Matrose. »Dann bringt uns meinetwegen Flaschen.«

Der Wirt ging, um das Verlangte zu holen.

»Hier soll es den besten Rum von ganz Jamaika geben,« meinte der Matrose, sich in der kleinen Stube umsehend, welche wie ein Wohnzimmer möbliert war.

»Ich trinke alles, wenn nur Spiritus darin ist,« lachte Ralph.

Die Flaschen standen auf dem Tische, und der Wirt schenkte die Gläser voll.

»Brrr,« sagte Ralph, »das Zeug ist stärker, als ich je getrunken habe.«

»Wollt Ihr Wasser?« fragte der Matrose, und jedem anderen wäre der Blick entgangen, welchen er dabei dem Wirt zuwarf, aber der Detektiv hatte ihn bemerkt.

Die beiden ahnten aber nicht, welch schlauen Gesellen sie vor sich hatten.

»Danke,« entgegnete Ralph auf des Matrosen Frage, »jeder Tropfen Wasser verdirbt den Rum. Erst wenn er mir zu sehr brennt, nehme ich Wasser, aber viel darf ich jetzt sowieso nicht trinken, ich muß mich vorsehen.«

»So ist es recht,« lachte der Matrose. »Wie sagtet Ihr? Jeder Tropfen Wasser verdirbt den Rum? Ich hatte einmal einen Schiffsmaat, der sagte immer: Jeder Tropfen Wasser verdirbt den Grog, und wenn wir nun Grog tranken, schluckte er den blanken Rum hinunter, behauptete aber, es wäre Grog ohne Wasser.«

Ralph lachte aus vollem Halse. Die Glaser klangen zusammen, und es wurde getrunken.

Der Wirt kam ab und zu herein und hielt es für seine Pflicht, jedesmal die Glaser zu füllen, wenn sie leer waren. Die Flaschen waren ja von dem Matrosen bezahlt worden.

Als des Matrosen Witz versagen wollte, kam der Wirt ans Erzählen und brachte Schnurren und Schwänke vor, daß Ralph nicht aus dem Lachen herauskam.

Der Matrose trank sehr viel, er stieß fortwährend an Ralphs Glas, und dieser mußte ihm Bescheid tun.

Des Dieners Augen begannen schon zu glänzen, seine Zunge wurde schwerer, und auch der Matrose schwankte, wenn er aufstand und durch die Stube ging, aber sonst sah man ihm nicht an, daß er betrunken war.

Jetzt mußte Ralph erzählen, von den Engländern, die hinter den Vestalinnen hergefahren waren, von seinem Herrn, Lord Huntington; er wurde gefragt, ob jene nicht bald die Damen wieder aufsuchten, wo diese wohl jetzt wären und so weiter, und Ralph plauderte immer lustig aus der Schule, ohne Anstoß an den seltsamen Fragen, die an ihn gestellt wurden, zu nehmen.

Ralph oder Nick Sharp mußte wirklich betrunken sein, denn sonst hätte er wohl nicht erzählt, daß die Herren wahrscheinlich schon heute abend abfahren würden, er sprach sogar von dem gecharterten Schiffe, von der ›Seeschwalbe‹, wie er gehört hätte, daß diese die Engländer zu ihrer Reise benutzen wollten.

Des Dieners Augen wurden immer gläserner und starrer, je öfter er Rum hinuntergoß. Seinen Auftrag, die Besorgung der Depesche, hatte er ganz vergessen.

»Gebt mir Wasser in den Rum,« stammelte er mit schwerer Zunge, »sonst werde ich noch betrunken.«

Der Wirt lachte und brachte eine Flasche mit Wasser herein, aus der er in das Glas Ralphs nachgoß.

Ob der Detektiv wohl wußte, daß diese klare Flüssigkeit kein Wasser, sondern Gin war?

Er schien keinen Argwohn zu schöpfen, als er das große Glas hinuntergoß, der scharfe Rum hatte der Zunge den Geschmack geraubt.

Schon konnte Ralph kaum noch sprechen, und wenn er es tat, so brachte er Unsinn vor, ja, er kippte schon bedenklich mit dem Stuhle, und als er einmal aufstand, klammerte er sich erst krampfhaft am Tische an, aber schon beim ersten Gehversuche stürzte er zu Boden, den Stuhl mit sich reißend.

»Oho, nur langsam, Kamerad,« rief der Matrose, sprang aus und wollte Ralph in die Höhe helfen.

Doch das war nicht mehr gut möglich, denn Ralph hatte bereits die Besinnung verloren, so, wie er gefallen, war er eingeschlafen.

»Der ist gut versorgt,« flüsterte der Wirt, sich über den Betrunkenen beugend, »der Gin hat ihm den Rest gegeben.«

Der Matrose überzeugte sich, daß sein Opfer schlief, und wandte sich dann an den Wirt.

»Jetzt laßt mich allein,« sagte er. »Euer Geld für die Hilfe habt Ihr empfangen.«

»Wenn er nun wieder zu sich kommt, was soll ich ihm dann sagen? Er wird seine Papiere vermissen.«

»Sagt, der Matrose, mit dem er gezecht, hätte ihn wahrscheinlich ausgeplündert, und ein anderes Mal soll er nicht mehr trinken, als er vertragen kann. Will er dann aufmucken, so lehrt ihn die Gesetze von Kingston kennen, das heißt, werft ihn hinaus. Im übrigen kennt Ihr mich ja, Ihr habt uns schon öfter geholfen. So, nun laßt mich mit ihm allein und sorgt dafür, daß ich für fünf Minuten nicht gestört werde. Erst legt ihn jedoch mit mir auf das Sofa.«

Die beiden Männer faßten den Bewußtlosen an und trugen ihn nach einem Sofa. Dann verließ der Wirt das Zimmer.

Der Matrose, welcher seltsamerweise trotz des vielen Trinkens ganz nüchtern geblieben war, schloß hinter ihm die Tür, lauschte auf die sich entfernenden Schritte, auf das Lärmen der Gäste im vorderen Zimmer und ging dann zu dem Bewußtlosen.

»Jetzt schnell,« murmelte er. »Ich hätte nicht geglaubt, daß es mir so leicht werden würde.«

Er knöpfte Ralphs Rock und Weste auf, untersuchte die Taschen und brachte eine Menge Briefe und Schriftstücke hervor, die er in die eigene Tasche verschwinden ließ. Er las sie nicht durch, mit Ausnahme des von Harrlington geschriebenen Telegramms, weil es gerade dieses war, nach welchem er getrachtet hatte.

Ein befriedigendes Lächeln huschte über sein breites Gesicht.

»Also hat der Dummkopf vorhin doch die Wahrheit ausgeplaudert, die ›Seeschwalbe‹ soll die Engländer nach Matagorda bringen. Erkennungszeichen die ›Amor‹-Flagge. Gut, man wird dafür sorgen, daß dieses Schiff den Hafen nicht erreicht; wie, weiß ich nicht, geht mich auch nichts an, ich soll nur die Papiere bringen. Wird noch manches Interessante darin stehen, denke ich.«

Der Matrose suchte in allen Taschen Ralphs, fand aber keine Papiere mehr, sondern nur noch Messer, Pfeife, einen Schlüssel und etwas Geld, dann auch noch in der Weste eine Uhr.

»Nun gibt es zwei Möglichkeiten,« murmelte der Matrose weiter, »entweder ich nehme ihm alles, und wenn er dann zur Besinnung kommt, schlägt er Lärm, oder aber, ich nehme ihm nur die Papiere und stecke ihm ein paar Goldstücke in die Tasche. Ist er ein Spitzbube, so schweigt er und geht nicht wieder zu seinem Herrn, weil er seine Pflicht verletzt hat, und macht sich unsichtbar. Ist er aber ehrlich, so schlägt er dennoch Lärm.«

Der Matrose überlegte.

»Besser ist, ich nehme ihm alles, denn der Kerl scheint ehrlich zu sein. Dann werde ich zwar als Räuber verfolgt, aber das macht nichts, mich findet doch keiner. Die Uhr ist gut, so habe ich außerdem noch einen Profit.«

»Besser ist es, ich nehme ihm alles, der Kerl scheint ehrlich zu sein.

Er steckte alles, was er gefunden hatte, ein.

»So, nun schlafe wohl, Ralph, und wenn du erwachst, so ertrage die Kopfschmerzen wie ein Mann,« grinste der Matrose. »Du wirst wohl noch manchmal an den Rum von Jamaika zurückdenken.«

Er schloß die Tür auf und verließ das Haus, ohne den Wirt erst noch einmal zu sprechen.

Der Matrose hatte lange Zeit gebraucht, ehe er seine Absicht erreichte; es war unterdes Abend geworden, und er hatte sich gerade noch rechtzeitig entfernt, um nicht in die Hände derer zu fallen, die ihn für sein Werk gezüchtigt hätten.

Kaum war er nämlich aus der Haustür hinaus, als einige Männer eindrangen und den Wirt zu sprechen verlangten.

Dieser sah mit einem bösen Gewissen die vier vornehmen Herren an, da solche sonst nie diese Spelunke betraten, und er wurde um so unruhiger, als er beim Eintreten der Herren gehört hatte, wie einer sagte:

»Er hat Ralph zuletzt gesehen, wie er hier eintrat, und ein Matrose war mit ihm. Chaushilm hat geschworen, daß es nur Ralph gewesen sein kann.«

Der eine Herr – Lord Harrlington – zog ein sehr finsteres Gesicht, als er den Wirt erblickte.

»Ist mein Diener bei Ihnen gewesen?«

»Ihr Diener? Ich kenne ihn nicht.«

»Ein Mann mit Reithosen, kurzer Joppe und Jockeimütze. Er war in Begleitung eines Matrosen.«

»Ach ja,« sagte der Wirt gleichmütig. »Ein solcher Mann war hier, und ich glaube er brachte einen Matrosen mit.«

»Wann sind sie wieder weggegangen?«

»Weiß ich nicht.«

»Entsinnt Euch,« rief da Lord Hastings drohend, und der Wirt, durch das herrische Auftreten eingeschüchtert, tat auch, als überlege er.

»Richtig,« sagte er dann, den Finger, an der Nase, »die zwei gingen in das kleine Zimmer und ließen sich zwei Flaschen bringen. Aber fortgehen habe ich sie noch nicht sehen. Ich glaube, sie müssen noch hinten sitzen.«

Der Wirt wollte die Herren nicht führen; er stellte sich sehr beschäftigt und gab ihnen nur den Weg an.

Die Herren, Harrlington, Hastings, Williams und Hendricks, drangen in das Zimmerchen ein und blieben bei dem Anblick, der sich ihnen bot, erschrocken auf der Schwelle stehen.

Dann aber trat Harrlington an das Sofa und schüttelte den Bewußtlosen heftig am Arm. Er wußte sofort, daß hier ein Zechgelage stattgefunden habe, infolgedessen Ralph, oder Nick Sharp, sinnlos betrunken war.

Harrlington war wirklich äußerst entrüstet; seit Stunden warteten alle Herren nur auf diesen Menschen, und jetzt lag er regungslos da. Die Abreise mußte seinetwegen verzögert werden.

»Mensch, wachen Sie auf!« rief Harrlington, den Detektiven heftig am Arm und an der Brust schüttelnd. »Wie können Sie sich betrinken, während wir auf Sie, warten?«

Plötzlich schlug der Schläfer die Augen auf und blickte dem Lord mit Augen, die durchaus klar waren, voll ins Gesicht.

»Geht Sie das etwas an, wenn ich mich betrinke?« fragte Sharp kalt. »Haben Sie etwa die Getränke bezahlt?«

Harrlington und die übrigen Herren zogen ein verblüfftes Gesicht. Es war nicht das erstemal, daß sich Sharp ernstlich jede Einmischung in seine Pläne verbat und sie zurechtwies.

»So sind Sie gar nicht betrunken?«

»Ich war es vielleicht, wenigstens für andere.«

Sharp griff in die Taschen. Die waren leer.

»Alles weg,« sagte er, »sogar die Uhr hat mir der Schuft gestohlen.«

»Alles?« rief Harrlington, »Wo ist die Depesche? Haben Sie dieselbe vorher aufgegeben?«

»Die ist auch weg.«

»Lassen Sie! Wir senden eine andere ab. Jetzt kommen Sie, wir sind vollständig reisefertig.«

»Haben Sie die ›Seeschwalbe‹ gechartert?«

»Wir haben sie bekommen.«

»Wo liegt sie?«

»Bereits auf der Reede. Die Ebbe tritt bald ein, und dann kann sie den Hafen nicht mehr verlassen.«

»Haben Sie unweit der ›Seeschwalbe‹ noch ein anderes Schiff liegen sehen?«

»Es liegen verschiedene Schiffe auf der Reede,« sagte der ungeduldig werdende Harrlington. »Erheben Sie sich endlich vom Sofa und kommen Sie! Ihr Gepäck ist bereits von Schwarzburg besorgt worden.«

Aber Ralph schien Zeit zu haben, er blieb bequem im Polster liegen.

»Nur gemach,« entgegnete er freundlich. »Wir haben es durchaus nicht eilig, und seien Sie vor allen Dingen versichert, daß ich meine Fragen nicht unnütz stelle. Liegt auf der Reede ein Schiff unter Dampf?«

»Allerdings,« nahm Williams das Wort, »ein englischer Dampfer.«

»Was für eine Flagge führt er am Großmast?« fragte Ralph beharrlich weiter. »Sie haben ja ein gutes Gedächtnis, Sir Williams.«

»Ein springendes Känguruh im blauen Felde, er heißt ›Malaga‹ und fährt nach New-Orleans. Genügt Ihnen das nun, Sie neugieriger Mensch?«

» All right,« rief Ralph und sprang auf, »meine Neugier ist befriedigt.«

Aber zum geheimen Aerger der vier Herren hielt sich Ralph noch einmal für einige Minuten in dem vorderen Schankzimmer auf, und sie waren nicht wenig erstaunt über die Unterhaltung, die er mit dem Wirte anknüpfte. Aber dieser selbst zog ein ungemein verblüfftes Gesicht, als der, den er für wenigstens zwölf Stunden besinnungslos glaubte, mit festem Gang und klaren Augen plötzlich vor der Bar stand und ein großes Glas Rum forderte.

»Es wurde mir vorhin etwas schwindlig,« meinte Ralph gelassen. »Ich habe mich ein halbes Stündchen schlafen gelegt, und was meinen Sie, was der Matrose, der vorhin bei mir war, in der Zeit mit mir gemacht hat?«

Der Wirt antwortete nicht, er starrte nur den Sprecher an.

»Ausgeraubt hat er mich! Geld, Uhr, Papiere, alles ist weg. So ein Spitzbube!«

»Ist nicht möglich,« stammelte der Wirt.

»Es ist so, aber dieses Papier hat er doch nicht gefunden,« fuhr Ralph fort und brachte eine Banknote aus einer verborgenen Tasche zum Vorschein.

»Er war doch nur ein dummer Dieb. Bitte, wechseln Sie mir die Fünfundzwanzig-Dollarnote.«

Des Wirtes Hände zitterten, als er den Schein nahm, er wagte nicht, ihn zurückzuweisen, untersuchte ihn jedoch und fand ihn echt.

Ralph fuhr während dieser Prüfung im Plaudern fort.

»Sie haben einen schönen Streich gemacht, Wirt. Als ich Wasser verlangte, haben Sie sich vergriffen und nur Gin in den Rum gegossen. Na, ist mir egal, Sie haben den Schaden davon, ich bezahle ihn nicht.«

Dem Wirt wurde es unheimlich. Kaum konnte er das Gold sehen, welches er aufzählte, so flimmerte es ihm vor den Augen.

»Möglich, das macht nichts,« murmelte er.

»Ja, ja, ich habe die Verwechslung wohl gemerkt,« plauderte Ralph gemütlich weiter, »Sie gaben die Wasserflasche dem Matrosen, und, dieser trank statt Gin immer Wasser, damit er nicht betrunken wurde und mich dann recht besonnen ausplündern konnte. Brrr,« Ralph schüttelte sich, »möchte um keinen Preis der Welt so viel Wasser schlucken, wie heute nachmittag der Matrose getan hat, und dabei immer heucheln, es wäre Gin.«

Ralph strich die vierundzwanzig Dollar und einige Cents ein, die ihm herausgegeben worden waren, grüßte den sich unbehaglich fühlenden Wirt freundlich und verließ mit den Herren das Lokal.

»Nun sagen Sie einmal, mein lieber Ralph,« begann Williams auf der Straße – und er sprach nur die stille Frage seiner Freunde aus – »was hat das alles eigentlich zu bedeuten? Waren Sie wirklich betrunken, sind Sie wirklich beraubt worden, und ist die Depesche nicht aufgegeben?«

Der pfiffige Ralph antwortete vorläufig noch nichts. Er erbat sich erst von einem der Herren ein Blatt Papier und einen Bleistift, von einem anderen ein Kuvert, schrieb etwas, ohne stehen zu bleiben, und warf das adressierte Schreiben in den nächsten Briefkasten, nachdem er sich aber vorher überzeugt hatte, daß er mit den Herren auf der einsamen Straße allein war.

»Betrunken war ich nicht,« sagte er dann, »meiner Mutter ältester Sohn kann ziemlich viel trinken, besonders wenn er dafür nichts zu bezahlen braucht. Beraubt bin ich allerdings worden, habe dies aber mit dem größten Vergnügen zugegeben, denn ich wollte es so. Die Depesche von Lord Harrlington sollte in die Hände derer kommen, welche sich für die Bewegungen und Handlungen der ›Amor‹-Mannschaften interessieren, aber schon ist eine andere Depesche unterwegs, von der diese neugierigen Leute keine Ahnung haben.«

In den Köpfen der Herren begann es zu dämmern. Der Detektiv hatte wieder einen seiner Streiche vom Stapel gelassen. Jetzt verstanden sie auch, was er vorher zu dem Wirt gesagt hatte.

»Was haben Sie vor? Was für eine Depesche haben Sie abgeschickt?« fragte Harrlington.

»Das werde ich Ihnen später ausführlich erzählen. Wohin gehen Sie, ins Hotel?«

»Nein, Baron Schwarzburg hat unser Gepäck bereits nach dem Hafen bringen lassen.«

»Desto besser, so bin ich reisefertig. Lassen Sie uns eilen.«

»Noch eins,« sagte Williams, während sie schnellen Schrittes dem Hafen zugingen. »Konnten Sie dem Matrosen die Depesche nicht auf eine andere Weise in die Hände spielen, als daß Sie eine Unmenge Rum trinken mußten?«

»War diese Art nicht ganz nett?« lächelte Ralph, oder, wie wir ihn jetzt nennen wollen, Nick Sharp. »Ich bekam so viel zu trinken, als ich forderte, ohne bezahlen zu müssen, statt des verlangten Wassers Gin vorgesetzt, und dann vom Wirt auch noch vierundzwanzig Dollar und zweiundzwanzig Cent geschenkt.«

»Geschenkt?« staunten die Herren.

»Allerdings, geschenkt,« versicherte der Detektiv. »Die Banknote war falsch, ich habe sie einmal jemandem abgenommen und trug sie lange mit mir herum. Vorhin nun habe ich die Polizei, deren Direktor ich kenne, benachrichtigt, daß der Wirt im Besitze einer falschen Banknote ist, noch heute abend wird sie ihm abgenommen.

Der spitzbübische Wirt mit dem bösen Gewissen darf nicht wagen, etwas gegen mich anzugeben. Uebrigens wird die Abnahme so schlau bewerkstelligt, daß er keinen Verdacht schöpft, daß ich der Angeber bin, es geschieht wie zufällig.«

Am Hafen empfing die übrige Gesellschaft die Ankommenden. Auch ein großes Boot lag schon bereit, welches alle an Bord bringen sollte.

Es war schon Nacht. Man konnte die auf der Reede liegenden Schiffe nicht mehr erkennen, man sah nur die Seitenlichter und die Toplaternen der Dampfer leuchten.

Ehe noch Hannes die vier Herren begrüßte, rief er Sharp beiseite und sprach einige Minuten mit ihm. Die übrigen stiegen inzwischen ins Boot, dann nahmen auch Hannes und Sharp darin Platz.

»Wohin wollen Sie gerudert werden?« fragte der Bootssteurer.

»Nach der ›Seeschwalbe‹,« rief der von ihm weit entfernt sitzende Hannes sehr laut.

Die Ruderer legten sich in die Riemen, und das Boot schoß in die Finsternis hinaus.

Nach zehn Minuten bekamen sie einen Schiffsrumpf in Sicht, und im Schein der Hecklaterne konnten sie den Namen ›Seeschwalbe‹ lesen.

»Wieviel hat der Kapitän für die Charterung gefordert?« fragte Harrlington Hannes.

Dieser blieb die Antwort schuldig, und der Lord vergaß die Frage, denn ohne daß der Steuermann Anweisung bekommen hatte, dirigierte er das Boot an dem Schiffe vorbei. Es fuhr noch weiter hinaus.

»Was soll das heißen?« riefen die Herren bestürzt.

»Das soll heißen,« nahm Sharp mit erhobener Stimme das Wort, »daß wir nicht mit der ›Seeschwalbe‹ fahren.«

»Was?«

»Nein. Die ›Seeschwalbe‹ hat auf meine und Baron Schwarzburgs Vermittlung Ladung nach Iquique bekommen, fährt aber unter der Flagge des ›Amor‹ ab. Der Kapitän ist von uns orientiert worden, und er geht auf unsere Pläne ein. Dagegen hat der Kapitän der ›Malaga‹ seine Reise nach New-Orleans aufgegeben, obgleich er sie hier angemeldet hat, ebenso wie die ›Seeschwalbe‹ nach Matagorda designiert worden ist. Der Kapitän der ›Malaga‹ erleidet hierdurch einen Schaden von dreitausend Pfund und fordert für die Passagiere nach Matagorda tausend Pfund; um die Verwechslung auf dem Seemannsamt fertig zu bringen, waren hundert Pfund nötig. Diese Summen sind vom Freiherrn von Schwarzburg angewiesen worden. Sind die Herren damit einverstanden?«

Die Herren waren sprachlos vor Staunen.

»So kommt die ›Seeschwalbe‹ gar nicht nach Matagorda?« fragte endlich einer.

»Nein. Diejenigen, auf deren Geheiß mir die Depesche abgenommen worden ist, werden vergeblich in Matagorda auf die ›Seeschwalbe‹ lauern, um uns einen Streich zu spielen, so daß wir von den Damen ferngehalten werden. Wir benutzen die ›Malaga‹, aber natürlich nicht unter der ›Amor‹-Flagge.«

»Und ist der Bootsbesatzung zu trauen?« flüsterte ein Herr leise.

»Ist uns vom Seemannsamt zur Verfügung gestellt, es sind verkleidete Hafenbeamte. Für Geld kann man alles erreichen, und Baron von Schwarzburg hat Geld und Zeit wirklich großartig auszunützen verstanden Ich muß ihm meine Anerkennung zollen.«

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