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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 34
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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33.

Zwischen Feuer und Kugeln.

Die Mädchen von der Vesta, die Aufnahme in dem Blockhause gefunden hatten, wo die Trapper sich bereitmachten, die vom weißen Wolf geführten Apachen mit ihren Kugeln zu empfangen, waren von ersteren neugierig empfangen worden.

Mehr Aufmerksamkeit als ihnen schenkten aber die Männer dem riesigen Waldläufer, der sie hierhergebracht hatte, sowie auch dessen Begleiter, dem Indianer.

Das also war Deadly Dash, über dessen Person unter Indianern, wie auch unter den weißen Jägern so viel gesprochen wurde, obgleich ihn wenige selbst gesehen hatten. Er sollte Häuptling einiger Indianerstämme sein, mit fast allen anderen Häuptlingen in Freundschaft leben, von ihnen wie ein Gott verehrt werden und nur zu befehlen brauchen, daß sie Hütte, Weiber und Kinder im Stich ließen und ihm folgten.

Woher er diese Autorität hatte, wußte man nicht. Viele hielten das Gerücht davon überhaupt für übertrieben, zweifelten sogar daran, daß Deadly Dash überhaupt existiere. Sie sagten, er sei nur eine sagenhafte Person. Joe aber hatte ihn gesehen und war mit ihm einmal in enger Gemeinschaft gewesen, und durch seinen Ausruf erfuhr man jetzt, daß man den berühmten Waldläufer vor sich hatte, welcher von den Indianern Deadly Dash, tötender Schlag, benannt worden war. Nun, er sah allerdings aus, als könne er mit einem Schlage einen Menschen leblos niederstrecken; aber das konnte Charly auch und noch mancher andere.

Den Indianer kannte man. Er hatte sich schon vor einem Jahre in der Gegend sehen lassen. Stahlherz sollte keinem Stamme mehr angehören; vielleicht war er verstoßen, oder er hatte seine Hütte selbst verlassen, oder sein Stamm war aufgerieben, wie schon so viele andere. Man wußte es nicht, und Stahlherz sprach zu niemandem darüber. Aber so viel stand fest, daß er ein Freund von Deadly Dash war, von dem er auch die Dogge geschenkt bekommen hatte.

»Stellt euch hinter uns und reicht uns die Büchsen zu.« rief Charly den Mädchen zu, »ihr habt ja Schießdinger, so werdet ihr sie Wohl auch zu laden verstehen.«

Die Mädchen dachten aber anders, sie wollten bei der Verteidigung des Blockhauses nicht die Rolle von Büchsenladern spielen.

Schnell verständigten sie sich untereinander und traten dann ebenfalls an die Fenster, die Büchsen schußbereit in der Hand.

»Was, glaubt ihr, ihr könntet nach den anschleichenden Indianern wie nach der Scheibe schießen?« lachte Charly. »Legt euch auf den Boden, da seid ihr sicher aufgehoben. Die Apachen sind ungalant, sie kennen keine Rücksicht gegen das zarte Geschlecht.«

»Laß es gut sein,« rief ihm Deadly Dash zu, »diese Mädchen haben schon öfter um ihr Leben gekämpft als ihr.«

Der zurechtgewiesene Waldläufer hatte eine scharfe Antwort auf den Lippen, als plötzlich der Kriegsruf der Apachen erscholl und wohl gegen zweihundert Indianer zu Fuß gegen das Blockhaus anstürmten. Der Vollmond beschien hell die halbnackten, buntbemalten Gestalten mit den flatternden Haaren und wilden Zügen; die Tomahawks und Messer funkelten, und die Luft erzitterte von dem gellenden Geschrei.

Vom weißen Wolf angefeuert, stürmten sie gegen das Blockhaus vor, um so schnell wie möglich ihr Ziel zu erreichen. Reicher Lohn winkte ihnen, Skalpe, Weiber und die Vorräte des Store.

Schon manches derartige Magazin hatten die Wilden überfallen, ausgeraubt und dann geschwelgt, bis nichts Genießbares mehr vorhanden war. Dieses einsame Haus war ihren Spionen bis jetzt entgangen.

Aber nur die wenigsten der Stürmenden sollten den Wald überhaupt verlassen und die Blöße betreten.

Kaum gelangten die ersten in den Schein des Mondes, als aus den Fenstern des Hauses unzählige Feuerstrahle brachen. Ein knatternder Donner erscholl, und Reihe auf Reihe der Indianer sank, zu Tode getroffen, zu Boden.

Das war den Angreifern zu viel. Schnell, wie sie gekommen, waren sie wieder im Schatten des Waldes verschwunden. Sie hatten nicht einmal Zeit, die Toten und Verwundeten mitzunehmen, denn wo sich nur eine Gestalt sehen ließ, wurde sie von einer sicheren Kugel niedergestreckt.

»Donner und Blitz,« schrie Joe erstaunt, als der Angriff abgeschlagen worden war, »was für lange Revolver habt ihr Mädchen?«

Er hatte ebenso wie seine Gefährten nur zweimal mit seiner Doppelbüchse schießen können, die Vestalinnen sandten dagegen Schuß auf Schuß aus ihren Winchesterbüchsen in die Reihen der Feinde.

»Sollen wir euch noch die Gewehre laden und reichen?« lachte Miß Thomson, die vor Kampfeslust glühte.

Die Trapper und Waldläufer, die sich für nichts mehr interessierten als für Waffen, waren verblüfft über die Wirkung, welche die Mädchen mit ihren Büchsen erzielten, ja, selbst Stahlherz schaute mit Ehrfurcht, der sich ein Teil wirklicher Furcht beimischte, auf das Mädchen, das neben ihm am Fenster stand.

Nur Deadly Dash blieb gegen diesen Erfolg gleichgültig. Er nahm aus seiner Tasche eine Handvoll Patronen, öffnete eine Klappe am Kolben seiner kurzen Büchse und ließ die Patronen in die Oeffnung hineinfallen. Also auch er besaß ein Repetier-Gewehr.

»Hurra, Jungens,« schrie Joker, »das wird ein guter Spaß. Ich fürchte nur, die Bluthunde kommen nicht wieder, weil sie glauben, hier stecken ein paar hundert Menschen. Hol' sie der Teufel! Ich möchte, sie rennten fortwährend gegen uns an, dann hatte der weiße Wolf bald keine Apachen mehr.«

»Seid ohne Sorge,« lachte Charly, »der weiße Wolf läßt sich nicht so leicht von einem Mißerfolge abschrecken. Er hat noch Mittel und Wege genug, um uns klein zu kriegen.«

»Möchte wissen, wie!« wollte Joker antworten, da aber fiel ihm ein, daß die Indianer mit Vorliebe Feuer anlegen. Er hatte solch einer Belagerung noch nie beigewohnt, wenn er auch oft genug feindselig mit Indianern zusammengetroffen war. Das aber war stets draußen in der Prärie gewesen, wo es auf die Schnelligkeit des Pferdes und darauf ankam, wer zuerst den Revolver aus dem Futteral hatte.

Aehnliche Gedanken, wie Joker, hatten auch die übrigen, und Deadly Dash, welcher, ohne daß ihm jemand widersprach, sofort den Oberbefehl übernahm, fragte Bill:

»Habt ihr Wasser im Hause?«

»Genug zum Trinken, aber nicht zum Löschen,« war die Antwort.

»Woher bekommt ihr das Wasser?«

»Zehn Schritte hinter dem Hause fließt ein Bach. Ehe wir ihn aber erreichen, sind wir längst lahm geschossen. Es ist eine verdammte Lage. Wollte immer einen Brunnen graben, habe es aber von Tag zu Tag aufgeschoben.«

Deadly Dash wollte antworten, riß aber plötzlich die Büchse an die Wange. Doch ehe er noch losdrücken konnte, knallte es schon neben ihm aus dem Gewehre des Indianers.

Stahlherz hatte die Gegend scharf beobachtet, was den anderen mit Ausnahme seines Freundes entgangen war, hatte er bemerkt.

Aus dem hohen Grase sprang ein Indianer mit einem Schmerzensschrei hoch und sank wieder zurück. Die Kugel von Stahlherz hatte den Feind getroffen, obgleich er nicht zu sehen gewesen war. Das sich bewegende Gras hatte ihn verraten.

»Er wollte sich heranschleichen und Feuer anlegen,« sagte Deadly Dash. »Jetzt aufgepaßt, es werden noch mehrere denselben Versuch machen.«

Mit verschärfter Aufmerksamkeit lugten die Trapper aus den Fenstern, ohne sich selbst eine Blöße zu geben. Nicht umsonst schossen sie manchmal in das meterhohe Gras, immer ertönte entweder ein Schmerzgeheul, und der Getroffene blieb liegen, unfähig, aufzustehen, oder er sprang brüllend in den bergenden Wald zurück, von der sicheren Kugel eines Trappers schwer verwundet.

Keinem Indianer gelang es, sich dem Blockhaus zu nähern und die Absicht, die Belagerten zu überraschen oder auch Feuer anzulegen und sie so ins Freie zu treiben, zur Ausführung zu bringen.

Die Indianer verhielten sich eine lange Zeit still, sie schienen sich zu beraten, und auch die Eingeschlossenen sannen nach, wie man am besten zu Wasser gelangen könnte, ohne sich einer zu großen Gefahr auszusetzen. Denn daß das Blockhaus doch noch in Brand gesteckt werden würde, bezweifelte niemand, und ohne Wasser waren sie verloren.

Sie mußten das brennende Haus verlassen und wurden von den im Hinterhalt liegenden Indianern niedergeschossen, ohne daß sie sich verteidigen konnten.

»Da kommt, was ich schon lange erwartet habe,« rief plötzlich Deadly Dash.

Ein Feuerpfeil zischte durch die Luft und blieb in der Holzwand des Blockhauses haften; dann kam noch einer, dann ein dritter, und schließlich sausten von allen Seiten die Feuerbrände gegen das Haus. Es waren Pfeile, welche mit harzigem Werg umwickelt waren, das in Brand gesetzt war.

Unzählige Feuerbrände sausten gegen das Haus

Das Holz des Hauses war ausgetrocknet. Im Nu fing es Feuer, und kaum konnte man das wenige Wasser durch die Fenster ausgießen, ohne zu fürchten, daß man dabei eine Kugel empfing.

»Es nützt nichts, daß wir den Versuch machen, das Feuer zu löschen,« sagte Deadly Dash und warf den geleerten Holzeimer unwillig auf die Erde. »Ich könnte wohl noch mehr Wasser besorgen, aber was hilft es, wenn wir es nicht ausgießen können, ohne dabei erschossen zu werden.«

»Wie wolltet Ihr das machen?« fragte Bill verwundert.

»An den Bach laufen,« meinte der Waldläufer. »Ich würde schon durchkommen, aber es hilft nichts.«

»Wir machen einen Ausfall,« rief Charly.

»Geht nicht wegen der Mädchen.«

»Dieselben bleiben zurück.«

»Wir können sie nicht allein lassen, sie würden auch nicht damit einverstanden sein.«

Vorschläge schwirrten hin und her, doch diese brachten das Feuer nicht zum Verlöschen.

Es knisterte und prasselte. Schon wurden die Blöße vom Scheine des Feuers erhellt, und schon machte sich die Glut im Innern des Hauses bemerkbar. Schon nach wenigen Minuten konnte das Haus vielleicht lichterloh brennen, so daß man es verlassen mußte, wollte man sich nicht von den glühenden Balken erschlagen lassen.

Und draußen drohten die Pfeile und Kugeln der Indianer.

Die Lage der Eingeschlossenen wurde immer kritischer.

Deadly Dash unterhielt sich hastig mit Stahlherz in einem den anderen unbekannten indianischen Dialekt. Der Indianer gab durch Kopfnicken seine Beistimmung zu erkennen.

»Kennt Ihr die Ruinen des alten, indianischen Tempels, der gute zehn Wegstunden von hier entfernt ist?« wandte sich Deadly Dash hierauf an Charly.

»Die Ruinen, darin die vielen Säulen und Gräber sind, und wo es nicht ganz richtig zugehen soll, wie die Indianer wenigstens sagen?«

»Dieselben.«

»Ich kenne sie.«

»Gut, so paßt auf, was ich Euch jetzt sage! Wir müssen fliehen, sonst verbrennen wir. Aber wir müssen auch eine List anwenden, sonst kommen wir nicht lebendig aus diesem Haus.«

»Dann kommen wir aus dem Fegefeuer in die Hölle,«, meinte Joker.

»Stahlherz und ich schleichen uns jetzt hinaus und beschäftigen die Aufmerksamkeit der Apachen. Es wird etwas Lärm entstehen, das ist das Zeichen zu Eurem Aufbruch noch nicht. Erst wenn die Indianer mehr heulen, als sie es sonst bei einem Angriff zu tun pflegen, wenn sie vor Wut wie die Teufel brüllen und zusammenstürzen, dann brecht alle zusammen aus und zwar in entgegengesetzter Richtung, als dorthin, woher das Geschrei kommt. Schlagt den Weg nach den Ruinen ein, lagert, wenn Ihr es für gut befindet! Im offenen Wald seid Ihr den Indianern überlegen. Wir stoßen bald zu Euch! Habt Ihr mich verstanden, Charly?«

Erstaunt hatten die Männer zugehört. Dieser Waldläufer war gewohnt, zu befehlen und schnell zu handeln, schon schnallte Stahlherz den Gürtel enger.

»Ich habe verstanden,« sagte Charly. »Der Tod wartet auf uns, aber draußen können wir ihm eher entgehen als im brennenden Hause.«

»Aber meine Vorräte,« meinte Bill zögernd. »Soll ich die denn alle verlieren? Es ist alles, was ich habe.«

»Bleibt Ihr hier, so verbrennen sie mit Euch, gelingt Euch die Flucht, so bemächtigen sich ihrer die Indianer, und Ihr habt Gelegenheit, sie ihnen wieder abzujagen,« erklärte Deadly Dash.

»Das war richtig gesprochen,« rief Joe, »aber sagt, was habt Ihr vor?«

»Wir rauben den Apachen die Pferde. Gebt acht auf das Geheul!« war die kurze Antwort, und ehe die Jäger und Mädchen nur ahnten, was die beiden vorhatten, sprang Deadly Dash schon mit gleichen Füßen durch das Fenster, ihm nach Stahlherz und Lizzard, man sah sie mit einigen Sätzen über die Lichtung fliehen, schneller als der Gedanke waren sie im Walde verschwunden.

Diese kühne Flucht war natürlich von den wachsamen Indianern nicht unbemerkt geblieben.

Ein wildes Geschrei erhob sich. Schüsse fielen, aber zu spät, als daß die Kugeln die Flüchtigen noch auf der Blöße hätten erreichen können. Doch dort, wo die beiden den Wald betreten hatten, mußte ein Handgemenge stattfinden. Man hörte Rufe der Wut und des Schmerzes, ja, selbst Todesschreie. Der Lärm nahm immer mehr zu – einmal heulte Lizzard laut auf – dann nahm er ab.

»Sie werden verfolgt,« raunte Charly den übrigen zu.

»Bei Deadly Dash und Stahlherz aber eine vergebliche Arbeit,« ergänzte ihn Joe.

»Jetzt aufgepaßt! Wenn es den Tollkühnen gelingt, die Pferde zu befreien und davonzusprengen, so muß ein Höllenspektakel entstehen.«

Vorläufig trat die vorige Stille ein. Die Indianer mußten die Verfolgung der beiden Flüchtlinge aufgegeben haben, denn es schien den Belagerten, als kehrten sie auf ihre alten Posten zurück.

Aber die Lage wurde immer gefährlicher. Das Feuer leckte mit gieriger Zunge empor, schon schlugen die Flammen zu einem Fenster herein, und jede Minute konnte die Männer zwingen, das Haus zu verlassen, wollten sie nicht unter den Trümmern desselben begraben werden.

Alles lauschte, daß das Signal ertönte. Es waren fürchterliche Minuten.

Da – plötzlich erscholl ein Schreckensschrei, und dann ertönte der Wald von einem furchtbaren Wutgebrüll. Gleichzeitig erzitterte der Boden, als würde er von vielen flüchtigen Rossehufen gestampft.

Die Laute kamen aus der Gegend, wo die beiden verschwunden waren. Die Indianer liefen dahin, ein wildes Durcheinander entstand, und plötzlich schien die Lichtung menschenleer.

»Jetzt ist es Zeit,« rief Charly, »drauf und dran, Tod oder Freiheit!«

Er stieß die Tür auf, und die Gefährten und Mädchen stürzten, die Büchse schußbereit in den Händen, die Messer in der Scheide gelockert, heraus, eilten über die Lichtung und erreichten den Wald, ohne daß ihnen eine einzige Kugel nachgesandt worden wäre.

Aber kaum hatten sie die schützenden Bäume erreicht, als ein neues Wutgeheul verriet, daß ihre Flucht von den Indianern bemerkt worden war. Dieselben waren unvorsichtig genug, den Flüchtlingen nachzueilen. Doch wohlgezielte Schüsse zeigten, daß die Ausgebrochenen sich den Rücken zu decken wußten; mancher Apache sank getroffen ins Gras.

»Zeigte sich nur dieser Schuft, der weiße Wolf!« knirschte Joe. »Für ihn behalte ich stets eine Kugel im Lauf.«

Der weiße Wolf setzte sich aber dieser Gefahr nicht aus.

Unter der Führung von solchen Männern war das Fortkommen durch den Wald ein leichtes. In der Wildnis aufgewachsen, besaßen sie dieselben Eigenschaften wie die Indianer und einen noch größeren Scharfsinn. Als die Apachen noch einmal einen Massenangriff auf die Fliehenden machten, belehrte eine Salve sie, daß sie vorderhand im Nachteil waren. Im offenen Kampfe konnten sie selbst mit ihrer Uebermacht nichts ausrichten, und sie ließen die Flüchtlinge einstweilen in Ruhe.

Charly machte den Führer. Er war hier zu Hause und kannte jeden Baum und Strauch.

Während sie im Geschwindschritt, von den Indianern unbelästigt, durch den Wald eilten, hatten sie Zeit genug, über das kühne Unternehmen Deadly Dashs zu sprechen.

»Beim heiligen Dunstan,« sagte Joe, »so viel Achtung ich vor diesem Manne auch schon bekommen habe, ich hätte nicht für möglich gehalten, Apachen, die sich auf dem Kriegspfade befinden, die Pferde zu stehlen. Ich glaube, er und Stahlherz stehen mit dem Teufel im Bunde.«

»Wahrhaftig,« entgegnete Charly, »ich hätte es nicht fertig gebracht. Jetzt, hier hinein, dieser Indianerpfad macht später einen Bogen und führt uns nach Osten.«

Charly machte so große Schritte, daß die anderen ihm kaum folgen konnten, und Miß Thomson ihm ohne weiteres andeutete, daß sie und ihre Freundinnen schwerlich einen solchen Marsch lange aushalten könnten. Hatten sie diese Nacht doch nur wenige Stunden geschlafen.

»Alle Wetter,« rief Charly, »das ist etwas anderes. Nun, nehmt Eure Kraft noch für eine halbe Stunde zusammen. Ich bringe Euch an eine Stelle, wo Ihr ruhig bis zum Anbruch des Tages und noch länger schlafen könnt. Unter unserem Schutze seid Ihr sicher.«

Unbelästigt von den Indianern erreichten sie den betreffenden Ort, eine kleine Waldblöße, auf welcher die Trapper eiligst Feuer anzündeten und für die Ruhe der Mädchen sorgten. Wachen wurden verteilt und alles vorbereitet, um einem etwaigen Angriff der Indianer erfolgreich begegnen zu können.

Aber diese dachten nicht an die Flüchtlinge; sie waren mit der Beraubung des Stores beschäftigt, und als sie einige Fässer aus dem brennenden Hause geschleppt hatten und dieselben mit Branntwein gefüllt fanden, stießen sie ein solches Freudengeheul aus, daß es selbst in dem entfernten Lager zu hören war.

Doch die Mädchen vernahmen es nicht. Sie lagen schon längst in tiefem Schlummer, und die des Schlafes nicht so bedürftigen Trapper und Waldläufer wachten über sie.

Bill wußte wohl, was dieses Freudengeheul zu bedeuten hatte.

»In einer halben Stunde wäre es Zeit, die Apachen zu überraschen, »und ein Blutbad unter ihnen anzurichten,« meinte er grimmig. »Ich kalkuliere, sie werden so viel trinken, daß sie sich nicht mehr rühren können.«

Doch Charly schüttelte den Kopf.

»Es sind ihrer zu viele; wir müssen froh sein, ihnen mit heiler Haut entwischt zu sein. Außerdem sind wahrscheinlich viele hinter den losgekoppelten Pferden her und werden bald zurückkehren, denn ein Pferd wieder einzufangen, ist dem Indianer doch eine leichte Sache. Hört Ihr, wie sie sich verständigen?«

Ein langgezogenes Geheul ertönte, oftmals kurz unterbrochen und dann wieder einsetzend. Es waren Zeichen, mittels deren sich die Indianer verständigten.

»Lieber wäre mir, wenn wir noch weiter gegangen wären,« fuhr Charly, zu Bill gewendet, fort, der mit ihm auf gleichem Posten stand. »Werden wir von den Apachen umzingelt, so müssen wir entweder abermals durchzuschlüpfen suchen oder uns durchschlagen. Ruhig, Bill! Bewegt sich dort nicht das Gebüsch?«

Bill verschwand blitzschnell hinter einem Baum, und Charly war plötzlich wie in die Erde gesunken. Beider Büchsen waren auf den Busch gerichtet.

Aber ruhig wurden die Zweige desselben auseinandergebogen, und Deadly Dash und Lizzard traten heraus.

»Es ist geglückt,« sagte ersterer gelassen, als hätte er sich nicht eben einer furchtbaren Gefahr ausgesetzt. »Die Apachen jagen hinter den Pferden her, welche von Stahlherz immer weiter geführt werden. Die, welche den Store plündern, sind schon betrunken, sie lassen den Branntwein in Strömen laufen, aber nicht auf die Erde.«

»Teufel!« brüllte Bill auf, »und ich soll ruhig zusehen, wie die roten Halunken meinen Whisky aussaufen? Kommt, Männer, wir wollen die Betrunkenen einschläfern, daß sie nicht wieder aufwachen:«

»Geht,« sagte Deadly Dash. »Ihr werdet leichte Arbeit haben. Ich bleibe hier und wache über die Schlafenden. Ich habe hier nichts zu fürchten, und im Falle der Not werde ich euch zur Hilfe rufen.«

Die Augen der Männer leuchteten grimmig auf. So wurde ihnen also doch Gelegenheit geboten, sich an den Apachen zu rächen, die ihre Todfeinde waren. Wären sie nicht gewesen, so hätten die Weißen im Walde ein freies und friedliches Leben führen können. Der Apachen wegen aber waren Trapper und Waldläufer gezwungen, wie wilde Tiere vorsichtig im Walde zu schleichen und dem erbeuteten Wild das Fell abzuziehen, während sie die geladene Büchse neben sich liegen hatten. Und wenn sie sich nachts am einsamen Feuer niederlegten, so wußten sie nie, ob sie von indianischen Augen beobachtet wurden. Ebenso konnten die friedlichen Fallensteller nie nach ihren Schlingen sehen, ohne die Büchsen über den Schultern zu haben. Nie saßen ihre Skalpe fest auf den Köpfen.

Und gerade der weiße Wolf mit seiner Bande war zu fürchten. Es wäre eine Wohltat für das ganze Land gewesen, wenn sie niedergemacht, wie das Vieh geschlachtet würden. Gab es doch sogar weiße Jäger, welche es nicht verschmähten, diesen Bluthunden den Skalp zu nehmen, so stark war der Haß gegen diese Räuber in ihnen eingeprägt.

»Schade, daß Ihr nicht mitkommt,« meinte Charly zu Deadly Dash.

»Ich bin ein Mann des Friedens.«

»Oho,« riefen die Trapper.

»Ich vermeide Blutvergießen.«

» Well, wir lassen nicht lange auf uns warten, wir kommen mit den Waffen der Apachen zurück, und wenn diese im Feuer liegen, dann ziehen wir weiter.«

Die Männer schlichen, mit Charly an der Spitze, davon. Deadly Dash aber setzte sich ans Feuer und streichelte sanft das Fell der Dogge.

So gedankenvoll er auch in das Feuer sah, entging ihm doch nicht des leiseste Geräusch, er schaute schon auf, wenn eine der Schläferinnen sich im Schlafe rührte Der Hund neben ihm bürgte ihm überdies auch dafür, daß er rechtzeitig auf eine Gefahr aufmerksam gemacht wurde.

Kein Laut unterbrach lange Zeit die nächtliche Stille, bis auf einmal ein klägliches Geheul erscholl – die weißen Jäger waren an der Arbeit, sie sorgten für ihre Sicherheit in späterer Zeit.

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