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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 33
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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32.

Flucht und unerwartete Hilfe.

Die Nacht in der Hütte, die früher einem Holzfäller gehört hatte, war schrecklich gewesen. Die Mädchen waren nicht wie Menschen, sondern wie Tiere behandelt worden.

Frankos hatte zuerst die Absicht, die Gefangenen im Freien schlafen zu lasten, sie vorher aber auch noch an den Füßen zu fesseln, doch war er bei Chalmers auf heftigen Widerstand gestoßen.

»Auch ich wünsche den Tod dieser Weiber,« erklärte er, »dulde aber nicht, daß sie gemartert werden. Ich bin kein Indianer, der seine Gefangenen vor dem Tode quält. Habt Ihr, Frankos, solche Angewohnheiten angenommen, so werde ich sie doch nicht in meiner Anwesenheit dulden.«

Diese Worte waren mit so finsterer Energie gesprochen, daß Frankos es für gut fand, seinen ersten Entschluß zu ändern.

Die Mädchen wurden in die Hütte wie Schlachtvieh zusammengetrieben; sie lagen dicht nebeneinander, aber das war ihnen gleich. Nur schlafen, schlafen und womöglich gar nicht wieder erwachen, das war ihr sehnlichster Wunsch, so erschöpft fühlten sie sich von körperlicher und geistiger Anstrengung. Noch niemals war ihnen der Begriff so klar wie jetzt geworden, was es heißt, todmüde zu sein.

Die Fischer, oder vielmehr die Räuber, lagerten sich um ein Feuer und ließen sich die mitgenommenen Vorräte schmecken, welche sich die Mädchen hatten holen lassen. Die zwei vorausgeschickten Leute hatten übrigens auch schon Proviant mitgebracht.

»Wollt Ihr die Weiber auch noch füttern?« murrte Frankus, als Chalmers Brot und Fleisch nahm und es zu den Mädchen hinübertrug.

Chalmers wandte sich um.

»Glaubt Ihr, sie können einen zweitägigen Marsch durch den Wald aushalten, wenn sie nichts zu essen und zu trinken bekommen?« fragte er. »Sie bleiben unterwegs liegen, und Ihr habt dann Mühe mit ihnen.

»Was würde das weiter machen? Ob sie eher oder später sterben, ist gleichgültig.«

»Sehet ein, Mann, daß es besser ist, wenn wir sie an dem von Euch bezeichneten Orte zusammen sterben lassen. Nach Eurer Erzählung gibt es dort viele Verstecke, wo man sie für immer verschwinden lassen kann; im Walde dagegen können die Leichen gefunden werden. Nehmt Vernunft an, Mann, und gebt Euren Leuten den Befehl, daß sie die Mädchen füttern, denn daß ich ihnen die Hände frei mache, wollt Ihr doch nicht.«

»Auf keinen Fall,« rief Frankos, sah aber die Richtigkeit von Chalmers Vorschlag ein.

So wurden die elf Vestalinnen und Pueplo von den Fischern gefüttert, und sie verschmähten die dargebotene Nahrung nicht, denn Ellen hatte ihnen bei der ersten Gelegenheit, die sie erspähen konnte, zugeflüstert, sich vorläufig in ihr Schicksal zu ergeben und alles zu tun, ihre Kräfte zu erhalten.

Sie vertrauten Ellen. Ihre Kapitänin hatte sie oft genug aus schlimmen Lagen befreit.

Glich dieses Fortschleppen durch den Wald nicht fast ganz der Gefangennahme durch die Inder, und war es damals nicht auch Ellen gewesen, die zuerst ihre Fesseln gebrochen? Und damals hatten sie es mit schlauen Indern mit wirklichen Kriegern zu tun gehabt, hier dagegen nur mit unbeholfenen Fischern. Zwei Tage standen ihnen noch zur Verfügung, und noch ein Umstand hielt ihre Hoffnung aufrecht.

Wenn sie sich nicht ganz täuschten, so stand Chalmers auf ihrer Seite. Warum suchte er denn ihre Lage zu erleichtern, warum trat er Frankos gegenüber heftig auf, wenn er ihnen grollte?

Wollte Chalmers wirklich nur Grausamkeiten verhüten? Das hätte nach dem, was er den Mädchen bis jetzt zuzufügen suchte, lächerlich geklungen. Nein, es schien eher, als besaßen sie in Chalmers einen Freund, der auf ihre Rettung sann.

Darauf also setzten die Gefangenen ihre Hoffnung, mit Ausnahme von zweien, Miß Murray und Ellen. In beider Herzen stand der Entschluß fest, die erste Gelegenheit zur Flucht zu benutzen, und sollte diese auch in den Tod führen.

Doch noch einmal sollten sie einer rohen Behandlung unterworfen werden, ehe sie sich dem langersehnten Schlafe hingeben durften, ersehnt, trotzdem sie die Nacht mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen verbringen sollten.

Chalmers war einmal hinausgegangen, um aus dem nahe vorbeifließenden Flusse Trinkwasser für die Mädchen zu schöpfen.

Darüber verging einige Zeit, und als er wieder in die Hütte trat, sah er, wie eben ein Fischer das letzte Mädchen mit roher Hand visitierte. Chalmers kam zu spät, diesen Akt zu verhüten. Die Fischer waren schon in, Besitz aller der Waffen und Wertsachen der Mädchen, die sie ihnen während seiner Abwesenheit schnell abgenommen hatten. Die Gefangenen hatten dies willenlos geduldet. Was hätte ihnen auch Schreien oder Sträuben genützt.

Die Beute war eine sehr reiche. Gierig zählten die Räuber das Geld. Noch nie hatten sie so viel davon beisammen gesehen, und dazu kamen noch Uhren, Ringe und andere Wertsachen.

Es wurde alles sofort verteilt, Frankos beanspruchte natürlich den Löwenanteil.

Endlich wurden aber auch die Fischer müde. Sie legten sich schlafen, nachdem sie einen Wachtposten ausgestellt hatten. Auch die Mädchen, so trostlos ihre Lage war, fielen sogleich in Schlaf, als sie unbelästigt blieben.

Nur drei Personen floh der Schlaf, den Wachtposten, Pueblo, der mit geschlossenen Augen dalag, aber oftmals seufzte und stöhnte, weil er an Frau und Kind dachte, und Chalmers. Letzterer saß an der Holzwand, die Arme übereinandergeschlagen, und starrte unverwandt in das flackernde Feuer.

Wer konnte sagen, was hinter der weißen Stirn vorging? Ein seltsames Bild bot die Hütte dar.

Um das Feuer lagen die wilden Gestalten der langgestiefelten Fischer, Haar und Bart zerzaust, ungewaschen und einen Dunst von Fisch um sich verbreitend. Dort in der Ecke schmiegten sich die jungen Mädchen zusammen, die Hände zwar gebunden, aber doch glücklich lächelnd im Schlafe, der Traum täuschte sie über ihr Los. Zwischen ihnen saß der elegant gekleidete Herr mit dem blassen Gesicht und den dünnen, weißen Fingern, deren einzige Beschäftigung bis jetzt gewesen war, in der Bibel und dem Gebetbuch zu blättern – am Tage, oder die Spielkarte zu mischen – des Nachts.

Chalmers, der Fromme genannt, wurde selbst von seinen Freunden als Spieler bezeichnet. Manche Nacht hatte er am Spieltisch durchwacht, daher entbehrte er auch jetzt nicht den Schlaf, denn als der Posten beim Morgengrauen die Kameraden und die Gefangenen weckte, erhob sich Chalmers, ohne ein Auge geschlossen zu haben, und ohne eine Spur von Müdigkeit zu zeigen.

Der Zug wurde wieder geordnet und es ging weiter, dem Ziele zu.

Voran schritt Frankos, dem sich diesmal Chalmers beigesellte, dann kamen die Mädchen zu zweien, und neben ihnen schritten die zehn Fischer. Die Stricke der Gefangenen waren am Morgen von ihnen nachgesehen worden, und so gaben sie nicht besonders acht auf ihre Opfer. Ueberdies war es nicht immer möglich, neben diesen herzugehen, denn der Marsch ging durch einen Urwald. Oftmals kam der Zug in Unordnung. Wo einer den Durchweg gefunden hatte, fand ihn der andere nicht, nun wurde es so eingerichtet, daß immer einige Fischer zurückblieben, um die Gefangenen beobachten zu können.

Die Mädchen unterhielten sich nicht. Alle Versuche, ein Gespräch anzufangen, waren ihnen barsch verboten worden.

Es mochte gegen mittag sein, als es Ellen vorkam, als wenn Jessy sie manchmal lange und eindringlich ansähe und sich möglichst weit von den Männern zu entfernen suche.

Ellen ahnte, daß die Freundin ihr etwas mitzuteilen habe, und richtete es so ein, in deren Nahe zu kommen.

Das glückte auch, ohne daß es einem Wächter auffiel.

»Kann meine Fesseln abstreifen, sie haben sich gelockert,« flüsterte Jessy.

Ellen hätte fast aufgejubelt, so wenig auch Aussicht auf ihre eigene Befreiung vorhanden war. Wenn nur wenigstens eine diesen Teufeln entschlüpfte.

»Soll ich fliehen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Wenn der Zug sich gerade recht ausdehnt.«

»Wohin?«

Ellen zögerte einen Augenblick.

»Nach Norden, nach der Ruine.«

»Ich kenne sie nicht.«

»Halten Sie sich auf unserer Spur. Haben Sie Waffen?«

»Man hat mir alles abgenommen.«

Das flüsternd geführte Gespräch mußte abgebrochen werden, denn der Führer näherte sich beiden und trieb sie mit einem Fluche zum Schnellergehen an. Dann trat er wieder zu Chalmers, dessen Tabaksbeutel er fleißig in Anspruch nahm. Diesem hatte Chalmers es zu danken, daß er manchmal einer freundlicheren Unterhaltung von dem groben Fischer gewürdigt wurde, so wenig ihm auch daran lag.

»Ein verdammter Wald, nicht?« sagte Frankos. »Gerade noch so undurchdringlich wie vor zwanzig Jahren, da ich mich als Kind in ihm herumtrieb. Und die Mücken, brrr. Gebt mir euren Beutel, der Rauch vertreibt sie.«

Wortlos überreichte Chalmers ihm das Verlangte.

Frankos stopfte sich eben bedächtig die Pfeife, ohne im Gehen einzuhalten, als plötzlich ein lautes Schreien seiner Leute ihn veranlaßte, dieselbe schnell wieder einzustecken und nach der Pistole im Gürtel zu greifen.

»Haltet sie, sie flieht!« erklang es.

Da krachte es schon in den Büschen, Frankos sah eine Gestalt durch die Zweige brechen, ein Mädchen, Sofort schoß er nach ihm, noch andere Pistolen krachten, aber mit unveränderter Schnelligkeit floh es weiter.

»Zurück,« schrie Frankos, »zurück ihr da, sonst fliehen alle!«

Doch die Mädchen dachten mit auf dem Rücken gebundenen Händen an keinen Fluchtversuch, aber einige, und ganz besonders Ellen, hatten einer Szene beigewohnt, die für Frankos verloren ging.

In dem Augenblick, da alle zehn Fischer zugleich der Fliehenden nachsetzten, zog der hinter Frankos stehende Chalmers blitzschnell einen Revolver aus der Tasche und hielt ihn in den Rücken des Führers.

Doch der Ruf Frankos' brachte die letzten Fischer zum Stehen, Sechs von ihnen kehrten um, damit die anderen Mädchen nicht ebenfalls entflöhen, und sofort verschwand Chalmers' Revolver wieder in der Tasche.

Er hatte keine Zeit gehabt, seine Absicht auszuführen, welche vielleicht den Mädchen zum Nutzen gewesen wäre, vielleicht auch zum Schaden. Jedenfalls hatten sie jetzt erkannt, daß er auf ihrer Seite war und sie aus den Händen der Fischer befreien wollte.

Noch immer hörte man die vier Fischer durch die Büsche brechen, kein Schuß fiel mehr, denn sie hatten nur einfache Pistolen, also war anzunehmen, daß Jessys Flucht geglückt war.

Fluchend kehrten die anderen sechs zurück; noch ehe sie aber die alte Stelle erreicht hatten, fühlte Ellen plötzlich ein unbändiges Verlangen nach Freiheit in sich auftauchen. Ihre Hände waren zwar gebunden, aber mit diesen plumpen Fischern wollte sie dennoch um die Wette laufen.

Gedacht, getan! Ellen drehte sich kurz entschlossen um, ein Sprung über einen Baumstamm, und sie war schon den Augen der Verfolger entschwunden.

»Ihr nach, Brentano!« rief Frankos einem seiner Leute zu, außer sich vor Wut über diesen neuen Fluchtversuch. »Ihr übrigen bleibt hier. Und ihr,« wandte er sich wutschnaubend an die letzten neun Mädchen, die schnell zusammengedrängt worden waren, »wer von euch auch nur eine Miene macht, wegzulaufen, den schieße ich sofort nieder.«

Frankos machte Ernst. Er hielt den Mädchen die geladene Pistole entgegen, und auch seine Genossen waren schußbereit.

Man hörte in der Ferne einige Schüsse fallen, und nicht lange dauerte es, so kamen die vier Verfolger von Miß Murray mit erhitzten, aber befriedigten Gesichtern zurück.

Sie erzählten, wie die Flüchtige von ihren Kugeln erreicht worden war, als sie gerade mitten in einem Flusse war, den sie durchschwimmen wollte. Der Kopf wäre sofort unter dem Wasser verschwunden und nicht wieder aufgetaucht.

Als Frankos an der Wahrheit dieser Aussage zweifelte, schwuren die Schurken hoch und heilig, sie hätten gesehen, wie ihre Kugeln den Kopf des Weibes zerschmettert hätten, und wie das Wasser ringsum von Blut gerötet gewesen wäre. Sie sei sicher tot.

Frankos glaubte ihnen.

Aber der hinter Ellen nachsetzende Mann kam nicht zurück, und Frankos nahm nach längerem Warten den Marsch wieder auf. Vorher machte er jedoch Chalmers noch die heftigsten Vorwürfe über dessen Gleichgültigkeit.

»Zum Teufel, Mann!« schrie er. »Warum schoßt Ihr nicht nach dem Mädel? Es rannte doch ganz dicht an Euch vorüber!«

»Warum schoßt Ihr nicht?«

»Ich mußte meine Pistole laden. Ihr aber habt einen Revolver.«

»Ich verstehe nicht, mit ihm umzugehen,« entgegnete Chalmers gleichgültig. »Was sorgt Ihr Euch überhaupt um das Mädchen? Dessen Hände sind gefesselt, ich habe es deutlich gesehen, und so kann es dem Verfolger nicht entgehen. Sollte es ihm aber doch entkommen, so kann es mit gebundenen Händen doch in dieser Wildnis nicht lange leben. Verlaßt Euch darauf.«

Frankos dachte auch, daß sein Kamerad das Weib bald einholen würde, und ferner, daß er es wohl auf der Stelle töten würde. Denn die um ihre Sicherheit besorgten Fischer, denen ein Menschenleben nichts galt, wünschten nichts sehnlicher, als den Tod der Mädchen, die sie an den Galgen bringen konnten, wenn sie freikamen.

Frankos führte den Zug weiter, mochte Brentano sehen, wie er ihnen folgen konnte. –

Ellen floh trotz den auf dem Rücken gebundenen Händen wie ein Pfeil davon, wenn es der Wald erlaubte, schnellte wie eine Feder über Wurzeln und gestürzte Baumstämme hinweg und schlüpfte wie eine Eidechse durch die Büsche.

Der plumpe Fischer konnte ihr nicht folgen, immer entfernter klang das Krachen, wie er durch das Buschwerk brach, und oft schon konnte er sie nicht mehr sehen. Dennoch wurde Ellen in fortgesetzter Aufregung gehalten. Sie merkte wohl, daß der Fischer zurückblieb, dann aber war es wieder, als wäre er dicht hinter ihr, ja, manchmal sogar, als wäre er neben ihr. Oft raschelte es dicht an ihrer Seite. Sie glaubte, jemanden durch das Buschwerk huschen zu sehen, schrieb es aber ihren aufgeregten Nerven zu.

Das Blut kochte in den Adern, die Pulse flogen, mühsam rang die hochgehende Brust nach Atem, und vor den Augen begann es zu flimmern.

Lange konnte sie es nicht mehr aushalten. Solch ein Lauf mit gebundenen Händen war selbst für die gewandte Ellen zu viel.

Da wollte es das Unglück, daß ihre Schritte sie in einen dicht mit Schlingpflanzen bewachsenen Teil des Waldes führten.

Ueberall, wohin sie sich auch wandte, wurde sie von den Ranken gehemmt, die von Bäumen herabhingen, aus der Erde emporsprangen, sich wie ein Fischnetz quer über den Weg spannten und dem Fuße heimtückisch Fallen stellten.

Mit Entsetzen erkannte Ellen, in welch furchtbarer Gefahr sie sich befand.

Zurück konnte sie nicht, und die Schlingpflanzen vor ihr nötigten sie zu ganz langsamem Lauf, Schritt für Schritt. Sie mußte sich drehen und winden, um den umstrickenden Umarmungen zu entgehen; sie mußte den Fuß zurückziehen, weil sich ein grünes Seil um denselben geschlungen hatte, und oft war sie sogar gezwungen, Umwege zu machen, weil ein Geflecht von Schlingpflanzen ein undurchdringliches Hindernis bildete.

Hinter ihr ertönte ein lautes Lachen. Ellen sah sich um und erblickte in kurzer Entfernung den Fischer, der sich mit seinem scharfen Messer schnell durch die Schlingpflanzen arbeitete.

Wieder begann Ellen zu laufen, aber sie sah schon jetzt ein, daß sie dem Verfolger nicht entgehen konnte.

Mit voller Gewalt brach sie sich durch die Geflechte, sie riß sich von den Stricken los, strauchelte oftmals, stürzte, raffte sich wieder aus und floh weiter.

Endlich lag vor ihr wieder eine Lichtung und jenseits freier Wald.

Pfeilgeschwind flog sie der rettenden Blöße zu, schon hatte sie dieselbe fast erreicht, als sich plötzlich wieder Schlingpflanzen um den flüchtigen Fuß legten, sie stürzte und versuchte vergebens, den Fuß frei zu bekommen. Sie vermochte sich nicht einmal auf die Seite zu wälzen, so war sie umstrickt worden.

»Habe ich dich endlich,« schrie hinter ihr eine Stimme, und ein fürchterlicher Fluch folgte. »Zum zweiten Male sollst du mich nicht außer Atem bringen, dafür will ich sorgen; erst aber wollen wir ein Wort zusammen sprechen.«

Der Fischer sprang aus dem Gebüsch und warf sich auf Ellen. Der Mann schäumte vor Anstrengung und vor Wut, und ehe er weiter darüber nachsann, was mit ihr zu beginnen sei, wollte er erst sein Mütchen an ihr kühlen.

Mit roher Gewalt stürzte er sich aus die wehrlos um Boden liegende Ellen, drückte sie mit den Knien noch fester nieder und schlug sie mit der Faust einige Male in den Rücken.

Ellen stieß einen lauten Hilferuf aus, im Augenblicke nicht daran denkend, daß kein Retter in der Nähe war.

Vernahm diesen Hilfeschrei aber auch kein menschliches Ohr, so doch ein anderes.

Als der Fischer zum vierten Male die Faust zum Schlage erhob, wurde er plötzlich mit unwiderstehlicher Gewalt, als wäre er von einem stürzenden Felsblock getroffen worden, zur Seite geschleudert, und ehe er noch zur Besinnung gekommen war, zermalmte ein furchtbares Gebiß seinen Halswirbel.

Ellen konnte noch nicht sehen, was sie von dem Unholde befreit hatte, sie vernahm nur das Krachen der Knochen und ein dumpfes Knurren, und sofort wußte sie, wer ihr Retter sein konnte. »Juno,« rief sie, sich aufrichtend.

Auf dem Körper des Fischers stand die Löwin, die Pranken tief in das noch zuckende Fleisch gegraben, den Kopf weit vorgebeugt und mit der Zunge das rauchende Blut leckend, welches dem Halse entquoll. Es war ein furchtbarer Anblick. Selbst Ellen stockte der Atem. Kaum wagte sie sich aufzurichten.

Das Raubtier hatte zum ersten Male Menschenblut geschmeckt, seine wahre Natur war erwacht, und man konnte nicht wissen, ob es jetzt noch seine Herrin kannte.

Junos ganzes Aussehen hatte sich plötzlich geändert. Der gutmütige Ausdruck im Gesicht war verschwunden, ein furchtbar wilder, grimmiger hatte ihn verdrängt. Das Auge war schärfer und glänzender geworden, und zum ersten Male sah Ellen, wie das Tier fortwährend die Krallen aus- und einzog, jenes Spiel, mit dem die Raubtiere ihre noch lebenden Opfer so entsetzlich quälen. Früher hatte es nie die Krallen auch nur gezeigt.

Ellen selbst fürchtete sich vor dem Tiere. Doch mußte ihr Juno nicht gefolgt sein? Hatte sie den Hilferuf nicht vernommen, oder vielmehr, hatte sie sich nicht auf den gestürzt, der Ellen schlug? Es war das erste Mal, daß Juno Zeuge wurde, daß ihre Herrin tätlich angegriffen wurde, und das hatte die Umwandlung herbeigeführt.

Die Löwin hob den Kopf, sah nach Ellen, wedelte mit dem Schweif und sprang sofort zu ihr hin, sie im Gesicht leckend, wie sie es stets gern getan hatte, wenn es ihr gelang, Ellen im Schlafe oder in liegender Stellung zu überraschen.

Ellen wehrte schaudernd diese Liebkosung ab. Die Zunge des Tieres hatte soeben Menschenblut geleckt, aber zugleich wurde ihr Herz doch auch von einer unsagbaren Freude erfüllt.

Juno war ihr gegenüber noch die alte, aber Ellen wußte, was für eine treue, gewaltige Freundin sie jetzt in der Löwin bekommen hatte. Nachdem diese erst einmal die Scheu vor dem Menschen, welches jedes Tier, selbst das größte und stärkste, der Elephant, vor dem aufrechtgehenden Wesen der Schöpfung empfindet, überwunden hatte, würde sie jederzeit bereit sein, die Herrin gegen jeden Feind zu schützen.

Ellen sah nicht zu, wie das Tier von seinen, Opfer die Fleischstücke abriß und fraß, sie stand auf und überlegte, wie sie sich der Bande entledigen könne.

Der Fischer hatte ein Messer bei sich, das konnte ihr aber jetzt nichts nützen. Sie dachte auch an Juno, doch auf deren Zähne durfte sie nicht rechnen.

Da erblickte sie einen großen Stein an einem Baumstamme liegen, wie man so oft einzelne mächtige Felsblöcke da finden kann, wo sonst nur Humusboden vorhanden ist. Vulkanische Tätigkeit und Ueberschwemmungen haben ihnen vor tausenden von Jahren ihren einsamen Platz angewiesen.

Ellen fand an dem Block eine scharfe Kante. Sie lehnte sich mit dem Rücken dagegen und begann die Stricke zu zersägen. Wurde auch manchmal die Hand arg geschrammt, die steinerne Säge tat ihre Wirkung. Nach einer Viertelstunde fiel die letzte Umwindung ab, Ellen war frei.

In großen Sätzen umsprang Juno die Befreite und wurde von dieser mit Liebkosungen überschüttet. Was wäre wohl Ellens Los gewesen, wenn Juno ihr nicht gefolgt wäre und sie von dem Manne befreit hätte?

Das Mädchen schauderte, wenn sie sich in Gedanken die Bilder ausmalte.

Nun galt es, auch die Freundinnen zu retten und womöglich Jessy aufzufinden.

In zwei Tagen sollte die Ruine, von der Kirkholm gesprochen hatte, erreicht sein, bis dahin mußte Ellen die Fortgeschleppten eingeholt haben und hatte inzwischen hoffentlich Jessy gefunden, denn das Mädchen blieb jedenfalls auch in der Nähe der Gefangenen, wenigstens, wenn sie deren Spur wiederfinden konnte.

Wie leicht konnte Ellen diese armseligen Fischer niederwerfen, seit Juno ihre Feinde haßte. Sie brauchte nur ein Wort zu sagen, und die Löwin würde wie ein böser Dämon über sie herfallen, ehe sie nur an den Gebrauch der Waffe dachten.

Schon jetzt verließ Juno ab und zu die nachdenkende Herrin, kehrte zu dem toten Fischer zurück und ließ an dessen Leichnam ihre Wut aus, dabei nach Ellen blickend, als wolle sie zeigen, wie sehr sie den haßte, der Ellen etwas hatte zuleide tun wollen.

Das Mädchen nahm dem Fischer Messer, Pistole und Munition ab, ebenso die geraubten Wertsachen, und ein gutes Zeichen war es schon, daß sie bei ihm Jessys Taschentuch vorfand.

Dann rief sie Juno zu sich und machte sich auf den Weg, den sie eben in eiligem Laufe gekommen war. Auch sie hatte zwar unter den Anstrengungen der letzten Tage zu leiden gehabt, aber sie war die kräftigste von allen Mädchen, und was ihr an Kraft fehlte, das ersetzte die Energie.

Nach einer Stunde schon hatte sie den Platz erreicht, von wo aus sie geflohen war, und deutlich konnte sie die Spuren erkennen, welche die vielen Personen hinterlassen hatten.

Ein amerikanischer Wald gleicht keineswegs dem europäischen, wenn es auch in Europa noch immer mächtige Waldungen gibt. Der amerikanische Wald ist weglos. Höchstens sogenannte Indianerpfade schlängeln sich durch ihn, und daher kommt es, daß in einem solchen Walde selbst Ungeübte leicht eine Spur verfolgen können, wenn sie noch frisch ist.

Das Gras ist niedergetreten, die Zweige sind abgebrochen und in weichem oder lockerem Boden nimmt man deutlich Abdrücke von Füßen wahr, zumal, wenn nicht leichte Mokassins darüber hinweggeschritten sind, sondern schwere Schuhe.

Ellen war nicht unerfahren im Verfolgen von Spuren. Sie war darin von ihren alten Freunden unterrichtet worden, und wenn sie auch nicht die Geschicklichkeit der Indianer und der weißen Jäger erlangt hatte, konnte sie diesen Abdrücken der Fischerstiefel doch schnell und ohne Anstrengung folgen.

Auch Jessy würde wohl dieser Spur nachgehen, und so konnte Ellen, wenn sie sich beeilte, hoffen, die Freundin rechtzeitig wiederzufinden, um gemeinsam die Rettung der Gefangenen zu versuchen.

Vorsichtig um sich spähend, schritt Ellen durch den Wald, und lautlos folgte ihr Juno, als wüßte das treue Tier, um was es sich handelte.

Eine Felspartie unterbrach die Wildnis, Pflanzen hatten auf dem steinigen Boden nicht Wurzeln fassen können, und eine weite Ebene war daher vegetationslos.

Hier verlor Ellen die Spuren zum ersten Male. Sie machte den Versuche mir der Löwin, ob deren seine Nase ihr helfen könne. Aber so sehr sie sich auch bemühte, dem Tiere verständlich zu machen, was sie von ihm verlange, es war vergebens. Juno sah sie wohl mit klugen Augen an, schüttelte aber den Kopf, als wollte sie sagen, sie könne den Wunsch ihrer Herrin nicht verstehen.

Ellen mußte selbst versuchen, die Spuren wiederzufinden.

Sie überschritt vorsichtig das Plateau und begann an der jenseitigen Seite, wo der Wald und der Graswuchs wieder anfingen, nach den Spuren zu suchen, ohne vorläufig Erfolg zu haben.

War Frankos auch kein Waldmann, sondern ein Fischer, und verstand daher wenig von der Kunst Spuren zu verstecken oder zu verwischen, so hatte er doch wahrscheinlich sein möglichstes getan, etwaige Verfolger irrezuleiten.

Das Steinplateau bot ihm hierzu eine ausgezeichnete Gelegenheit, ohne jeden Zweifel war er lange auf ihm marschiert und hatte den Wald an einer entlegenen Stelle wieder betreten.

»Nur Geduld!« dachte Ellen. »Ich werde Euch schon finden. Aber vorsichtig muß ich sein, damit sie mich nicht eher sehen und nach mir schießen können.«

Wie sie so gebückt den Waldessaum abschritt, ließ ein drohendes Knurren Junos sie plötzlich zusammenschrecken. Zwischen den Büschen sah Ellen eine Gestalt. Es schien, als strebe dieselbe ihr zu, und sofort warf sie sich hinter einen Baumstamm.

»Ellen!« rief da eine Stimme.

Das Mädchen sprang hervor, sie hatte Jessy erkannt, und beide Freundinnen lagen sich in den Armen.

»Ich wollte mich schon verstecken, weil ich glaubte, es wären Verfolger,« sagte Jessy, »als ich Juno erblickte, daraufhin sah ich mir ihren Begleiter an und erkannte Sie.«

Ellen erzählte schnell, wie sie entkommen war, und Jessy, auf welche Weise sie ihrer Verfolgung ein Ende bereitete. Sie war gezwungen gewesen, ein Gewässer zu durchschwimmen. Die vier Männer schossen fast gleichzeitig nach ihr über Wasser, fehlten sie jedoch alle, und blitzschnell kam Jessy der Gedanke, ihren Tod zu heucheln. Sie war eine vorzügliche Schwimmerin, die Matrosenkleidung hinderte sie nicht in den Bewegungen, und so tauchte sie unter, tat aber, als wäre sie getroffen worden, steckte noch ein paar Mal die Hände aus dem Wasser, als suche sie einen Halt, und schwamm dann unter der Oberfläche an das andere Ufer, wo sie sich in dem dichten Schilf versteckte, bis die Verfolger, zufrieden mit ihrem Erfolge, sich entfernten.

Noch jetzt war Jessys Kleidung naß von der geglückten Schwimmpartie.

»Eben als ich Sie erblickte,« schloß Jessy, »stieß ich auf die Spur, welche auch ich verloren hatte. Hier ist sie.«

Jessy führte die Freundin nach einer Stelle der Plateaugrenze, wo man in dem weichen Boden deutlich die Abdrücke der Fischerstiefel erkennen konnte.

Während sie der neuen Spur folgten, besprachen sie sich leise, wie sie am besten die Rettung der Freundinnen bewirken könnten. Juno mußte dabei die Hauptrolle spielen, wenn nicht ein anderer Umstand hindernd dazwischen kam.

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