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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 31
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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30.

Kinderlieder und Nachklänge.

Die Küche der kleinen Hütte vermochte kaum die vielen Personen zu fassen, welche sich in ihr einquartiert hatten. Was nur irgend zu einem Sitzplatze dienen konnte, war als solcher benutzt worden, und außerdem mußten Kleider, Decken, alte, zerflickte Segel, ja, sogar Fischernetze dazu dienen.

Die elf Mädchen unter Führung Ellens hatten Besitz von Pueblos Hütte ergriffen.

Der beschwerliche Weg war von der energischen Ellen nicht in vier, sondern in drei Tagen zurückgelegt worden. Allerdings hatten sie auch die letzte Nacht nicht geschlafen, sondern nur eine kurze Ruhepause gemacht und ein geschossenes Reh verzehrt.

Der Marsch durch den Wald war zwar sehr beschwerlich gewesen, aber Ellen ließ ihre Schutzbefohlenen nicht zur Ruhe kommen, mochten sie klagen, wie sie wollten, ja, sie gestattete ihnen kaum genügende Zeit, um zu essen, kaum, einen Vogel zu schießen, ein Feuer anzuzünden, um etwaige in der Umgegend hausende Indianer oder räuberische Menschen nicht auf ihre Spur zu lenken.

Als sie die Hütte Pueblos, die erste Wohnung in der Nähe von Matagorda, erreichten, war es mit ihrer Kraft aber auch vorbei, sie konnten sich mit den wunden Füßen kaum noch gegen den Sturm aufrecht erhalten. Sie beschlossen, die Nacht hier zu verbringen, fragten den Fischer, ob er sie beherbergen könne, sie wären mit dem kleinsten Schlafplatz zufrieden und erhielten die Erlaubnis.

Der gutmütige Fischer gab den verhungerten Mädchen alles, was die Hütte bieten konnte. Er dachte an keinen Lohn, er hatte sogar die Absicht, in anderen Hütten sich noch mehr Brot und Fische zu erbitten, wurde aber von Ellen daran gehindert.

Sie gab ihm ein Goldstück, damit er in der Schenke, von der er gesprochen hatte, Wein und Lebensmittel besorgen könne.

Der sonst redselige und kecke Pueblo fühlte sich den vornehmen Damen gegenüber beklommen. Er sprach nicht davon, daß er verheiratet war, nicht, daß seine Frau auswärts arbeite, und daß in der Kammer nebenan sein Kind schlafe.

Wortlos brachte er aus der Kammer Decken und Kleider heraus, und aus letzteren errieten die Damen, daß auch eine Frau hier wohnen müsse. Wahrscheinlich war sie abwesend.

Dann, als Pueblo in der Kammer herumwirtschaftete, fing plötzlich ein Kind an zu schreien. Die Damen hörten, wie der Fischer den kleinen Schreihals unbeholfen zu beschwichtigen suchte, was ihm aber nicht gelang. Aus der Kehle des Kleinen drangen immer jämmerlichere Töne.

Die Damen hatten schon lange kein Kindergeschrei in solcher Nähe gehört. Sie vernahmen die liebkosenden Worte des Vaters, sie malten sich aus, wie unbeholfen er das Kind auf seinen Armen wiegte, und plötzlich fiel ihnen ein, daß sie als Frauen so etwas besser verständen als er.

Ellen war die erste, in welcher der Gedanke zum Entschluß reifte. Sie öffnete die Tür und trat in die kleine Kammer, das Schlafzimmer des Fischerpaares, wo das Kind sich befand.

Pueblo hatte das kleine Mädchen wirklich auf dem Arm und machte eben mit der freien Hand ein Bettchen zurecht. Ellen wußte sofort, was er vorhatte. Er wollte die Kiste, auf welcher das Kind bisher gelegen, frei machen und es auf die Erde legen.

»Meine Frau ist nicht zu Hause,« suchte der Fischer sich, verlegen lächelnd, zu entschuldigen, »und unsereins weiß mit so etwas nicht umzugehen.«

»Ueberlassen Sie mir das,« entgegnete Ellen und nahm ihm den Schreihals ab. »Gehen Sie und seien Sie unbesorgt, wir wollen uns des Kindes annehmen und uns inzwischen behelfen. Wir werden Ihnen die Unannehmlichkeiten, denen Sie durch uns ausgesetzt werden, reichlich vergüten.«

Der Fischer murmelte etwas, was wie eine Ablehnung des Anerbietens klang, ergriff einen großen Krug, warf ein Netz über die Schulter und verließ die Hütte.

Ellen rief ein Mädchen zu sich herein und machte mit dessen Hilfe das Bettchen auf der Kiste wieder zurecht, in welches sie das noch immer schreiende Kind legte.

»Diesem Fischer geht es wie vielen Menschen,« sagte Ellen während dieser Beschäftigung. »Wenn sie auch nur einen Gast bekommen, so wissen sie aus lauter Höflichkeit gar nicht, was sie tun. Sie werfen alles im Hause durcheinander und denken, dadurch dem Gast ihren guten Willen zu zeigen. Sie lassen ihre Familie darunter leiden, während es dem Gaste lieber wäre, wenn ihm ein ganz bescheidener Winkel angewiesen würde.«

Das Kind protestierte ebenfalls gegen die Gastfreundschaft des Vaters. Es konnte nicht einsehen, warum es wegen des Besuches plötzlich, mitten im besten Schlaf, aus dem warmen Bett gerissen worden war, und schrie erbärmlich, auch dann noch, als es von Ellen schon wieder vorsorglich gebettet war.

»Mein Gott,« sagte die andere Dame, »was kam so ein Fischerkind schreien. Das macht ja mehr Spektakel, als zehn andere zusammen.«

»Wir wollen es allein lassen und die Lampe hinausnehmen,« meinte Ellen. »Wenn es uns nicht mehr sieht und im Dunkeln ist, wird es sich schon beruhigen. Wir sind ihm fremd.«

Sie nahm die kleine Oellampe und ging zu den Gefährtinnen zurück, die Tür zumachend.

Die Damen nahmen wieder Platz und suchten sich bis zur Rückkehr Pueblos die Zeit durch Gespräche zu verkürzen. Sie stellten Vermutungen auf, wo die Frau des Fischers wäre, ob er weit bis zur Schenke zu laufen habe, aber das Gespräch kam nicht in Fluß, weil das Kind in der Nebenkammer immer noch schrie.

»Wir können das Kind nicht mehr schreien lassen, wir müssen es beruhigen,« meinte endlich ein Mädchen.

»Wenn es sich ausgeschrieen hat, hört es schon von selbst auf,« entgegnet ein anderes Mädchen.

»So denken unzuverlässige Kindermädchen, und ich denke so vom Regen,« sagte Miß Murray, »ein Kind aber muß man anders behandeln.«

Jessy stand auf und ging hinüber. Ihr folgten alle anderen Mädchen.

Es war wirklich die höchste Zeit, daß man etwas tat, denn das Kind war schon kirschrot im Gesicht und ballte die Hände wie in Krämpfen zusammen.

»Mein Gott, was sollen wir tun?« jammerte ein Mädchen.

Jessy nahm das Kleine wieder aus dem Bett, legte es auf die Arme und wiegte es hin und her – ohne Erfolg, aber es war doch ein Anfang. Die eine tätschelte es im Gesicht, die andere hielt ihm einen kleinen Taschenspiegel vor die Augen, eine dritte zupfte es am Ohr und lachte, man zeigte ihm Juno, die Pueblo für einen Hund gehalten hatte, aber das Kind war unempfindlich gegen Koseworte und achtete die Spielerei nicht, es schrie weiter.

»Wir sind zu viele, es fürchtet sich vor uns,« sagte Ellen wieder. »Wir müssen alle hinausgehen, und nur eine bleibt mit dem Kinde allein hier. Wer von uns weiß am besten mit Kindern umzugehen?«

Die Damen sahen sich verwundert an. Keine derselben hatte sich bis jetzt mit der Kunst beschäftigt, ein schreiendes Kind zu beruhigen.

»Ich kannte ein Kind,« nahm endlich Jessy das Wort, »wenn das schrie, brauchte ich ihm nur einen Spiegel vorzuhalten, und es lachte. Bei diesem hier hilft das Mittel nicht.«

»Es fürchtet sich vor dem Spiegel, weil es noch nie einen gesehen hat,« erklärte ein Mädchen.

»So will ich mein Glück versuchen,« sagte Ellen, »bitte, gehen Sie hinaus und verhalten Sie sich still! Es wird mir schon gelingen, es zu beruhigen.«

»Sie?« rief Jessy verwundert.

In Ellen hätten die Vestalinnen am allerwenigsten die Eigenschaften eines Kindermädchens vermutet.

»Allerdings,« entgegnete Ellen, »wir haben uns bis jetzt überhaupt sehr unvernünftig benommen. Wenn die Mutter nicht da ist, so ist doch anzunehmen, daß sie dem Kinde etwas zu trinken da läßt. Haben wir nun schon daran gedacht, dem Kinde etwas Milch zu geben?«

Triumphierend blickte sich Ellen im Kreise ihrer Freundinnen um.

»Das ist wahr,« sagte Jessy kleinlaut, »ich habe die volle Milchflasche in der Küche stehen sehen. Soll ich sie holen?«

»Geben Sie mir erst das Kind – so. Und nun machen Sie die Flasche warm, aber vorsichtig, und wenn es so weit ist, dann bringen Sie sie herein.«

»Aber es ist kein Gummipfropfen darauf, sondern nur ein Kork!«

»Dann wird er wohl durchbohrt sein, sonst stechen Sie ihn mit einer Gabel durch.«

Die Damen waren verblüfft über diese umsichtigen Anordnungen ihrer Führerin. Ihr hätten sie so etwas am allerwenigsten zugetraut.

Schweigend verließen sie das Zimmer und machten sich draußen mit der Flasche, die wirklich ein durchstochener Kork verschloß, mit einer Sorgfalt am Feuer zu schaffen, als hinge von der Temperatur der Milch Leben und Tod des Kindes ab.

In der Kammer saß Ellen sinnend mit dem kleinen Schreihals in den Armen und wartete auf die Milch. Als diese kam und Ellen sich durch eigenes Kosten davon überzeugt hatte, daß sie weder sauer, noch zu heiß, noch zu kalt war, steckte sie den Kork in das Mündchen mit den kleinen Zähnen.

Doch die Mühe war vergebens, das Fischermädchen hätte ihr die Flasche mit seinen kräftigen Fäustchen beinahe aus der Hand geschlagen. Es wandte den Kopf und schrie in einer anderen Tonart weiter.

Der erste Versuch war mißlungen. Andere hatten auch keine besseren Resultate. Das Kindchen wollte nur schreien, aber durchaus nicht trinken.

»Tür zu, Ruhe in der Küche!« kommandierte Ellen, als stände sie noch auf der Brücke der ›Vesta‹.

Ellen wiederholte noch mehrmals ihre Versuche, setzte aber schließlich mit einem Seufzer die Flasche weg. Sie mußte auf ein anderes Mittel sinnen.

War sie denn nicht auch einmal so klein gewesen und hatte geschrien? Ganz gewiß, vielleicht noch lauter und anhaltender als dieses Kind, denn schon als Baby hatte sie ihren Willen stets durchsetzen müssen. Aber wie sie zum Schweigen gebracht worden war, das wußte sie nicht mehr, jedenfalls durch Erfüllung ihres Wunsches.

Was wollte denn dieses Kind haben?

Ellen zermarterte ihr Gehirn. Sie blickte hilfesuchend in der kleinen, niedrigen Kammer umher, die Oellampe erleuchtete diese notdürftig und ließ die wenigen Sachen, eine Kiste, einige Frauenkleider, Oelröcke, Seestiefel und Netze kaum erkennen.

Ein kleines Bild an der Wand fesselte Ellens Auge.

Es war ein schlechter Oeldruck ohne Rahmen, welcher eine junge Frau mit einem Wickelkind im Arm, vorstellte. Darunter stand die Anzeige von einem Kindernahrungsmittel, also ein Reklamebild. Gott wußte, wie sich diese Anzeige in die Fischerhütte verirrt hatte.

Ellen fand eine Aehnlichkeit zwischen der jungen Mutter und irgend einer Person, die sie einst gekannt hatte. Sie wußte nicht gleich, wem sie glich; dann aber kam sie durch den seltsamen Kopfputz der Figur auf den richtigen Gedanken: ein ebensolches Häubchen hatte immer die Amme von Martha, ihrem Liebling, getragen, und im Nu tauchten jene alten Zeiten vor ihr auf, da sie die Amme und das Kind spazieren gefahren, wie sie Martha auf ihrem Schoße gehalten, auf ihr Pferd gesetzt hatte, wie das ängstliche Kind zu schreien anfing, und plötzlich fiel es ihr ein, wie die Amme das Kind beruhigt hatte.

Alte Melodien klangen in ihr Ohr, leise summte sie vor sich hin, Kinderlieder, die man nie wieder vergißt, wenn man sie nur einmal gehört hat. Ellen hatte sich erhoben und das Kind auf ihren Armen in eine andere Lage gebracht; ohne daß sie es wußte, ahmte sie die Haltung der Amme nach, ging auf und ab, wiegte den kleinen Schreihals und sang dazu, sie wußte selbst nicht was. Die Worte und Melodien flossen ihr, ohne ihr Wollen, von den Lippen.

Kinderlieber! Wer kann den Einfluß der Musik auf die Empfindungen leugnen? Sie hat mehr Macht, als man beim oberflächlichen Nachdenken ahnt. Ein flottes Lied macht den Traurigen heiter. Eine Trauermelodie stimmt den Fröhlichen traurig, ohne daß er Grund dazu hat, ja, ohne daß er einer für andere traurigen Handlung, wie einem Begräbnis, beiwohnt. Ein feuriger Marsch begeistert den Feigsten zu den kühnsten, todesverachtenden Taten. Ein frischer Parademarsch elektrisiert plötzlich die Glieder des fast zusammenbrechenden Soldaten; noch einmal nimmt er die Kräfte zusammen, er reckt die Glieder und marschiert dem Ziele entgegen, als rücke er eben aus dem Quartier. Eine Symphonie versetzt uns aus diesem Leben voll Arbeit und Leiden in andere Sphären, und erst bei dem Schlußton stürzen wir zurück auf die Erde, verwundert um uns schauend.

Kinderlieder aber führen uns zurück in die Jugend, so alt, so bedrückt, so voll Kummer man auch sein mag. Der Mensch mit empfänglichem Gemüt sieht sich plötzlich wieder als Kind, er hört die alten Lieder nicht von fremden Leuten spielen, er hört sie von seiner Mutter singen. Er liegt ihr auf dem Arm, in nebelhafter Gestalt tauchen die Geschwister vor ihm auf; andere Personen, an die er jahrelang nicht gedacht hat, fallen ihm wieder ein! Onkel in Perücken, Tanten mit Löckchen an den Schläfen. Ein traumhafter Zustand hat sich seiner bemächtigt, ein unsagbares Glück, welches er nicht aussprechen kann, erfüllt seine Seele. Er weiß gar nicht, daß es Glück ist, sein Wunsch ist nur, es möchte immer so bleiben. Der härteste Verbrecher glaubt sich plötzlich unschuldig, der Geizhals ist freigebig wie ein Kind, der Verschwender genügsam– ach, könnte es doch immer so bleiben, denkt man, warum denn nicht? Ich wache ja, ich träume nicht.

Da verstummt der letzte Ton, und der Träumer mit offenen Augen ist wieder der alte. Verschwunden sind Eltern, Geschwister und Freunde, und das Herz, eben noch erfüllt von den lieblichsten Bildern und Gedanken, wird wieder von den alten Begierden erfaßt. Ein Schauer rieselt durch die Glieder, der mit eisigen Krallen an die Seele greift.

Die Einfachheit der Melodie ist es, welche das Kind zum Einschlafen bringt, denn sie beruhigt die aufgeregten Nerven, wie sie auch die des Erwachsenen beruhigen kann, wenn er empfänglich ist.

Wer kennt nicht das Lied von Karl Maria von Weber:

»Schlaf Herzenskindchen, mein Liebling bist du,« und welcher Mensch mit einem weichen Herzen, kann es hören, wenn er gerade von Sorge und Kummer bedrückt wird, ohne daß es ihm die Tränen in die Augen treibt? Dann kommt der Moment, da er träumend der Vergangenheit gedenkt und nie wieder zu erwachen wünscht.

Leise ging Ellen in der engen Kammer auf und ab. Sie wiegte das Kind und sang ihm alle die Lieder vor, die sie einst von Marthas Amme gehört hatte. War ihr der einfache Text entfallen, vielleicht, weil er zu einfach war, so improvisierte sie, aber der Text war derselbe. Mochte das spanische Fischerkindchen den Sinn verstehen oder nicht, die Melodie tat ihre Wirkung. Immer schwächer wurde das Schreien, immer schwerer sank das Köpfchen gegen Ellens Brust, bis es endlich ruhig daran lag und der kleine Mund verstummt war.

Leise ging Ellen in der Kammer auf und ab, singend und das Kind wiegend.

Ellen setzte ihren Gang dennoch fort, sie war selbst von den Liedern ergriffen. Je länger sie sang, destomehr Melodien fielen ihr ein, und desto deutlicher entsann sie sich ihrer.

Sie ahnte, daß sie in der Küche nebenan Zuhörer hatte, denn es war still draußen geworden. Die Mädchen saßen träumend auf den Kisten oder am Boden und ließen die einfachen Melodien auf sich wirken.

Aber Ellen wußte nicht, daß sie noch einen anderen Zuschauer hatte. Wäre sie selbst nicht so vertieft gewesen, so hätte sie sicher schon vor einer Viertelstunde die glühenden Augen bemerken müssen, welche durch das Fensterchen in die von der Oellampe erleuchtete Kammer starrten, und dann vielleicht auch den Wechsel, der mit diesen Augen vorging.

Erst grimmig, finster blickend, den Bewegungen Ellens gleich einem Raubtiere folgend, änderten sie nach und nach ihren Ausdruck. Je länger Ellen sang, desto mehr wurde die Wildheit des Blickes gemildert, immer feuchter wurde das Auge, und als Ellen dem schlafenden Kinde ein kleines Weihnachtslied sang vom Sankt Klaus, Sankt Klaus ist der amerikanische Weihnachtsmann. der artigen Kindern im Schlafe Spielsachen in die Strümpfe stecke, da entströmten den Augen Tränen.

Draußen lehnte ein Mann an der Wand, ein großer, erwachsener Mann, und schluchzte wie ein Kind. Er trocknete die Tränen nicht, die unaufhaltsam aus den Augen drangen, es war ja finster, und niemand konnte ihn sehen, wußte überhaupt, daß hier jemand stand und beobachtete.

Noch immer klangen leise die schmelzenden Töne aus der Kammer. Der bleiche Fremde hatte gehofft, wenn er das Mädchen und das Kind nicht mehr sähe, würden seine weichen Empfindungen schwinden, aber er hatte sich getäuscht. Gerade, da er sie nicht mehr sah, und nur sein Ohr von der Melodie berührt wurde, war die Wirkung doppelt stark.

»Bringen dich Engel zur ewigen Ruh',« verklang drinnen ein Lied.

Der bleiche Fremde wollte schon wieder ans Fenster treten, sprang aber schnell zurück, denn in diesem Augenblick kam keuchend und in schnellem Laufe ein Mensch durch die Nacht. Es war Pueblo mit Wein und Speisen. Er hatte zu lange mit seinem Weibe geplaudert und war deshalb so schnell gelaufen, wie seine Beine und Lungen erlaubten.

Ellen hörte, wie der Fischer eintrat; sie wollte ihren Schützling in das Bett legen, bei dem Versuche aber, die Aermchen vom Halse zu lösen, wachte das Kind auf und blickte Ellen freundlich ins Gesicht.

Als dagegen jetzt Ellen nochmals versuchte, es ins Bett zu legen, umklammerte es deren Hals abermals und machte Miene, wieder zu schreien.

Dem Mädchen blieb also nichts anderes übrig, als das Kind auf dem Arme zu behalten, wollte sie ein abermaliges Lamento vermeiden, und gern fügte sie sich dem kleinen Eigensinn.

Die Mädchen in der Küche hatten dem Fischer die Sachen abgenommen und empfingen nun die eintretende Ellen mit lachenden Gesichtern. Das hatte man der Kapitänin doch nicht zugetraut, daß sie durch Geduld, Sanftmut und Singen ein schreiendes Kind zur Ruhe bringen könnte. Ja, wenn es ein wildes Pferd zu bändigen gegolten hätte, dann würde niemand ihre Fähigkeit bezweifelt haben.

Nun hatte Ellen aber bewiesen, daß sie auch Anlage zur Mutter habe.

Pueblo nahm den Krug und goß in das von Ellen hingehaltene Töpfchen – Glaser und Tassen kannte man hier nicht – den süßen, roten Wein, der wie Blut in großem Bogen dem Kruge entquoll.

Schon setzte Ellen das Gefäß an die Lippen, das belebende Getränk zu schlürfen, als das erwachte Kind auf ihrem Arme verlangend die Händchen nach dem Topfe ausstreckte und das Mündchen zum Weinen verzog.

Ellen setzte ab.

»Darf sie?« fragte sie den Fischer.

Dieser nickte.

»Aber nicht zuviel,« meinte Ellen lächelnd und führte den Krug an des Kindes Lippen.

Schmunzelnd blickte der Vater auf sein Töchterchen, das mit beiden Händchen den Krug umspannte und die Lippen saugend an den Rand des Kruges legte.

Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen, ein Mann stürzte herein, ein Schlag, und der Topf flog dem Kinde aus der Hand, ergoß den Inhalt über Ellens Gewand und lag zerschmettert am Boden.

Erstaunt blickten alle auf den Fremden mit dem geisterbleichen Gesicht und den rollenden Augen und auf die zitternde Hand, welche den Schlag geführt hatte.

»Nicht das Kind,« murmelten die farblosen Lippen. »Das habe ich nicht gewollt!«

»Chalmers!« rief in diesem Augenblick ein Mädchen. »Wie kommen Sie hierher?«

Jetzt erkannten ihn die meisten der Damen; es war der fromme Chalmers, der Straßenprediger aus New York.

Pueblo faßte die Sache anders auf. Er glaubte, einen Räuber oder etwas Aehnliches vor sich zu haben, sprang auf den Eindringling zu und wollte ihn an der Brust packen. Aber er erhielt einen Stoß, der ihn auf die Kiste schlenderte.

»Mister Chalmers,« sagte das erschrockene Mädchen, welches ihn zuerst erkannt hatte, eine Verwandte von ihm mit gleichem Namen, »was soll das bedeuten?«

Aber der stand wie versteinert da, den Arm noch vorgestreckt und die Augen auf das Kind geheftet.

»Nein, dir galt mein Tun nicht,« murmelte er wieder. »Was hast du getan, daß ich Ungeheuer dich töten sollte?«

Sprachlos vor Staunen blickten die Damen auf den Sprecher, dessen Worte ihnen unverständlich blieben.

Dann schlug dieser plötzlich die Hand gegen die Stirn, brach in ein heiseres Lachen aus und war mit einigen Sprüngen wieder zur Tür hinaus, ebenso schnell wie er gekommen war.

»Er ist wahnsinnig,« flüsterte Ellen. »War das wirklich Mister Chalmers?«

»Er war es.«

»Wie kommt er hierher? Hat ihn sein Wahnsinn – denn er litt unbedingt an religiösem Wahnsinn – hier in diese Wildnis getrieben, um Bekehrungsversuche unter den Indianern zu machen?«

Ellens Frage wurde nicht beantwortet.

Draußen erscholl mit einem Male wildes Schreien, Rufen, Fluchen. Es war, als ob Männer um Leben und Tod rängen. Zwei Revolverschüsse fielen, ein Weheruf folgte und dann ein Schrei der Ueberraschung.

»Zu den Waffen,« schrie Ellen, ließ das Kind auf eine Kiste gleiten und sprang dahin, wo die Gewehre zusammengestellt und die übrigen Schußwaffen niedergelegt worden waren.

Verschwunden war die Müdigkeit. Alle Mädchen stürzten mit Ellen gleichzeitig nach der Ecke. Dadurch entstand ein Gedränge, jede wollte zuerst ihre Waffe in der Hand haben, aber ehe die vordersten dazu kamen, wurden die hintersten schon von rohen Fäusten gepackt.

Hilferufe gellten. Man sah Pueblo mit einem Manne, wie ein Fischer gekleidet, ringen, er wurde überwältigt, und in der nächsten Minute war dies das Los aller.

Die ganze Stube wimmelte von Fischern, doch konnten es keine Bekannten von Pueblo sein. Zwischen ihnen befanden sich zwei andere Gestalten, von denen sie eine eben vorhin erst gesehen hatten – Chalmers. Auch die andere erkannten einige der Mädchen, es war Kirkholm..

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