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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 3
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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2.

Eingemauert.

Ellen war von dem Mädchen, das sie für ihre Freundin gehalten, den Verfolgern ausgeliefert worden.

Einen verzweifelten Blick warf sie noch auf die Verräterin, dann ließ sie sich willenlos die Hände binden; eine furchtbare Trostlosigkeit hatte sich plötzlich ihres Herzens bemächtigt. Wie ein Schleier fiel es von ihren Augen, ja, eine Ahnung stieg in ihr auf, daß sie Johanna doch vielleicht unrecht getan habe.

Sie wurde nach dem kleinen Wasserfall geführt, wo die anderen acht Mädchen bereits, gleich Ellen, gebunden, mit niedergeschlagener Miene ihrer Kapitänin warteten.

Da entfuhr Ellens Lippen ein Ausruf des Erstaunens, denn der Mann, der jetzt auf sie zutrat, war niemand anders als Mister Anderson, der Detektiv, den sie in Afrika befreit hatten, und der zuerst Johanna anschuldigte.

Er war besser gekleidet als die übrigen Männer, welche sich in Anzug und Benehmen als Seeleute verrieten; auch versuchte er einen höflichen Ton anzuschlagen.

»Es tut mir leid, Miß Petersen,« begann er, »daß ich den mir von Ihnen geleisteten Dienst mit Undank vergelten muß. Gern würde ich Ihnen als Helfer entgegentreten, aber ich bin gezwungen, zu handeln ...«

»Lassen Sie die Entschuldigungen!« unterbrach ihn Ellen heftig. »Ich sehe, Sie sind im Einverständnis mit diesen Piraten und jedenfalls selbst ein solcher. Zu beklagen ist nur, daß ich Sie damals nicht Ihrem Schicksal überlassen habe, wenn Ihre Gefangennahme nicht auch nur eine Komödie war.«

Tannert zuckte die Achseln.

»Ich bitte Sie, fügen Sie sich geduldig in ihre Lage. Es ist das einzige, was ich Ihnen raten kann, weil ich dadurch nicht genötigt werde, Gewalt anzuwenden. Im übrigen ist Ihr und der anderen Damen Schicksal kein so schlimmes, wie Sie glauben. Ihr Leben ist gesichert, und Sie werden sich über nichts zu beklagen haben. Jede Ungehörigkeit, welche sich diese Leute zu schulden kommen lassen, melden Sie mir, und,« Tannert griff an seinen Revolver und sah sich im Kreise der Piraten um, »es wird Ihnen Genugtuung werden.«

»Versuchen Sie nicht, als Ritter aufzutreten,« entgegnete Ellen höhnisch. »Wohl gibt es Wegelagerer zu Land und zu Wasser, denen Ritterlichkeit nicht abzustreiten ist, diese vergelten aber eine gute Tat nicht mit Undank. Sie rechne ich zu der Kategorie ganz gemeiner Räuber.«

Tannert wurde durch diese Worte nicht gereizt.

»So folgen Sie unbedingt meinen Befehlen,« sagte er kalt. »Sie werden jetzt dort zwischen die Hügel geführt und von dieser Dame,« er deutete auf Miß Morgan, »genau nach Waffen untersucht werden. Versuchen Sie keinen Widerstand, und sinnen Sie nicht auf Selbstbefreiung, ein Ruf dieser Dame holt sofort Hilfe herbei, und ich würde mich dann genötigt sehen, Gewalt anzuwenden, was ich aber möglichst vermeiden möchte.«

»Was soll mit uns geschehen?« konnte Ellen sich nicht enthalten, zu fragen.

»Sie kommen wieder an Bord Ihres Schiffes und werden nach einem Orte gebracht, wo Sie ihr ferneres Schicksal erfahren werden,« antwortete Tannert, lüftete etwas den Hut und wandte sich ab.

Die neun Mädchen wurden wirklich in eine kleine Schlucht geführt und dort mit Miß Morgan allein gelassen. Diese hatte bis jetzt kein Wort mit ihren früheren Kameradinnen gesprochen, auch die auf sie gerichteten, teils entsetzten, teils verächtlichen Blicke nicht beachtet, sondern sich mit gleichgültiger Miene mit einem alten, grauhaarigen und einäugigen Burschen unterhalten, dem Seewolf, der Tannerts Auftreten mit mißgünstigen Augen und unter zornigem Brummen beobachtete.

Jetzt wandte sich Ellen zum ersten Male zu ihr.

»Miß Morgan,« sagte sie, »wie soll ich mir Ihr Benehmen erklären?«

Die Gefragte lachte laut und höhnisch auf.

»Sind Sie darüber noch im unklaren?« entgegnete sie. »Ich dächte doch, meine Stellung Ihnen gegenüber läge nun offen zu Tage: in die Falle gelockt habe ich Sie und Ihre Freundinnen, und Sie sind hineingegangen, wie die Maus an den gebratenen Speck. Nun muß ich bitten, Miß Petersen, sich von mir eine Durchsuchung ihrer ganzen Kleidung gefallen zu lassen; doch es wird schnell gehen, ich weiß ja, wo die Vestalinnen ihre Waffen zu verbergen pflegen. Seien Sie froh, daß ich dazu auserkoren bin. Die Männer dort würden mit Freuden eine derartige Untersuchung an Ihnen vornehmen.«

Nach dieser frivolen Rede begann sie, einem der Mädchen nach dem anderen Revolver und Dolch aus der Tasche zu ziehen und außerdem noch durch Betasten des Körpers sich davon zu überzeugen, daß keine anderen Waffen verborgen waren. Sie beachtete dabei weder die wütenden, noch verächtlichen Blicke, noch die Ausdrücke des Abscheus, welche von allen Seiten an das Ohr der Verräterin schlugen. Wurde ihren handgreiflichen Untersuchungen Widerstand entgegengesetzt, so lachte sie stets höhnisch auf, und zwang die gebundenen Mädchen, sich dieselben doch gefallen zu lassen. Mit Spott verschonte sie die Wehrlosen vorläufig noch.

Als sie dem letzten Mädchen die Waffen genommen und beiseite gelegt hatte, lagerte sie sich neben dem aufgestapelten Haufen ins Gras und betrachtete schadenfroh ihre Opfer.

»Nun, meine Damen,« begann sie, nachdem sie sich genügend an diesem Anblicke geweidet hatte. »Sind Sie nicht begierig, zu erfahren, auf welche Weise ich Sie hierhergelockt habe?«

»Sind Sie nicht begierig, zu erfahren, wie ich Sie hierhergelockt habe?« fragte Miß Morgan.

Keine der Damen antwortete, sie wandten der Sprecherin verächtlich den Rücken, mit Ausnahme von Ellen und Miß Sargent.

Erstere blickte das Mädchen fragend, aber stumm an, letztere mit einem seltsamen Ausdruck im Auge. Miß Morgan kannte dessen Bedeutung. In dem Mädchen kochte es, aber sie brauchte dessen Wut nicht mehr zu fürchten.

»Es war mein Werk,« fuhr Miß Morgan fort, »daß das Wasser in der Nähe dieser Insel ungenießbar wurde, ich habe in der Nacht vorher alle Fässer und Tanks versalzen, mit Wissen dieser Männer hier, welche Sie sehnsüchtig erwarteten.«

»Schlange!« stieß Ellen hervor.

»Ja, zischen Sie nur,« lachte das satanische Mädchen, »es nutzt Ihnen doch nichts. Sie können nicht mehr beißen. Ein Glück für mich war es, daß Sie Miß Lind aussetzten, dieselbe hätte bald meinen Anschlag zuschanden gemacht.«

»Johanna?« fragte Ellen entsetzt.

»Jawohl, Johanna! Sie haben Ihre Klugheit verleugnet, als Sie Ihren Schutzengel von sich stießen.«

»Mein Gott,« stöhnte Ellen auf, »so bestätigt sich meine Ahnung!«

»Ihr Seufzen kommt zu spät,« lachte Miß Morgan wieder, »das arme Mädchen kann froh sein, aus Ihrer Gesellschaft befreit worden zu sein. Aber es war auch die höchste Zeit für mich, daß sie ging, denn sie sah mir zu scharf auf die Finger. Was sagen Sie übrigens zu meinem Briefstil, Miß Petersen? War er dem der englischen Herren nicht vortrefflich nachgeahmt, desgleichen die Handschrift?«

»So waren die Briefe in der Kassette Johannas von Ihnen geschrieben?«

»Natürlich! Johanna war überhaupt ganz unschuldig, ebenso Lord Harrlington. Er hat niemals an mich geschrieben, sondern ich selbst habe mir die Briefe geschickt und sie Ihnen in die Hände gespielt. Ist das nicht köstlich? Der arme Lord, wie er sich grämt, daß Sie ihm zürnen, während er sich gar keiner Schuld bewußt ist.«

Miß Morgan hätte noch lange mit teuflischem Behagen Ellens Herz mit Dolchstößen gemartert, wenn sie nicht unterbrochen worden wäre.

»Sind Sie fertig, Miß Morgan?« ließ sich Tannerts Stimme hinter dem Hügel vernehmen, und Miß Morgan verschwand für einige Minuten.

»Sprechen Sie nicht mehr mit diesem elenden Weibe,« sagte Miß Sargent zu Ellen, »jedes Wort ist verschwendet. Sie ist die teuflischste Kreatur, die mir je vorgekommen ist.«

Ellen antwortete nicht, sie war vollkommen niedergeschmettert von dem, was sie eben erfahren. Und das waren nur Andeutungen, was mochte ihr erst ein offenes Geständnis alles enthüllen!

Miß Morgan kam zurück und mit ihr ein Trupp Piraten.

Die Vestalinnen wurden in die Mitte genommen und nach ihrem Schiffe gebracht.

Die übrigen Piraten waren bereits damit beschäftigt, die Fässer und Tanks zu reinigen und mit Wasser zu füllen, die ›Vesta‹ war also entweiht, Männer, und noch dazu der Auswurf der Menschheit, befanden sich auf ihren Planken.

Von den übrigen Vestalinnen war nichts zu sehen, entweder weilten sie gar nicht an Bord, sondern waren anderswo hingeschleppt worden, oder sie lagen gebunden im Zwischendeck. Doch darüber sollten sie bald von Tannert aufgeklärt werden, welcher den Damen gegenüber überhaupt den Sprecher machte, während sie von seinen Kameraden vollkommen unbelästigt blieben.

Als die neun Mädchen an Deck standen und mit traurigen Blicken dem Treiben der Männer zusahen, trat Tannert zu ihnen.

»Sie sollen während der jetzt vorzunehmenden Reise eine gute Behandlung an Bord der ›Vesta‹ haben, meine Damen,« begann er, »wenn Sie keinen Widerstand versuchen oder Anstalten treffen, die Freiheit wiederzuerlangen, was Ihnen auch nicht gelingen würde. In dem Raume, wo Sie und Ihre Freundinnen untergebracht werden, finden Sie Ihre Koffer mit Kleidern, ziehen Sie Ihre Damenkostüme an, wie es sich schickt«. Ellen wollte ihn heftig unterbrechen, doch beherrschte sie sich.

»Fügen Sie sich in das Unvermeidliche,« fuhr Tannert lächelnd fort. »Wie gesagt, Sie werden über nichts zu klagen haben, weder über Verpflegung, noch über Behandlung, allerdings müssen Sie sich gefallen lassen, daß Sie beobachtet werden, um Ihre eventuellen Pläne rechtzeitig entdecken zu können. Doch soll die Beobachtung soviel als möglich durch Miß Morgan geschehen. Bitte, folgen Sie jetzt mir in den Ihnen zum Aufenthalt angewiesenen Raum.«

»Wollen Sie nicht sagen, was mit uns geschehen soll?« fragte Ellen noch einmal.

»Ich weiß es selbst nicht, nur so viel, daß Sie von einigen Personen verlangt werden, die sich lebhaft für Sie interessieren. Sie können über Ihr Schicksal beruhigt sein.«

»Die englischen Herren!« durchzuckte es Ellens Gehirn, doch gleich verwarf sie diesen Gedanken wieder.

Sie wurden in einen Raum gebracht, der früher als Aufbewahrungsort für Proviant gedient hatte. Jetzt waren die Fässer und Kisten herausgeräumt und dafür Möbel und Betten hineingebracht worden, desgleichen die notwendigsten Garderobenbehälter der Damen. Beim Oeffnen derselben fanden diese, daß man dieselben vorher genau untersucht hatte, wahrscheinlich unter Aufsicht von Miß Morgan, damit keine Waffen in die Hände der Damen kämen.

Ja, selbst die Betten und Möbel hatte man genau untersucht, denn die Vestalinnen waren als energische und kühne Mädchen bekannt, welche sicher auf Befreiung sannen und im Besitze von Waffen das Aeußerste versucht hätten.

Der Seewolf und seine Mannschaft konnten genug davon erzählen.

Aber nicht genug damit, nicht einmal allein sollten die Mädchen bleiben. Aus der Tür wurde eben ein viereckiges Stück herausgesägt, so daß die Damen beständig beobachtet werden konnten, und kaum war die Tür hinter den neun Gefangenen ins Schloß gefallen und der Schlüssel herumgedreht worden, so erscholl schon Miß Morgans Stimme am Guckloch, ihnen zurufend, sie sollten warten, bis die Bewußtlosen aus ihrem Rausche erwacht wären und dann sich von diesen befreien lassen.

Auf den Sofas, Betten und in den tiefen Stühlen lagen nämlich die übrigen Vestalinnen in festem Schlafe, hervorgerufen durch das Narkotikum, welches ihnen Miß Morgan in das Trinkwasser gemischt hatte.

Doch dauerte es nicht lange mehr, so kam eins der Mädchen nach dem anderen zum Bewußtsein, schaute sich erst mit starren Augen um und brach dann in Verwünschungen über die treulose Verräterin aus.

Nachdem sich die Wut gegen jenes Weib, welches dort durch das Guckloch ihnen zusah und höhnische Worte nicht sparte, etwas gelegt hatte, befreiten sie ihre Freundinnen von den Fesseln, indem sie die Knoten mühsam mit den Fingern lösen mußten.

Auf einen Wink Ellens, welche ihre Ruhe wiedergewonnen hatte, zogen sich alle in die entfernteste Ecke des geräumigen Gemaches zurück, damit ihre Unterhaltung nicht von der Beobachterin an der Tür gehört werden konnte, und berieten sich in flüsterndem Ton miteinander.

»Wir sind in die Hände derselben Piraten gefallen,« sagte Ellen, »welche als Schiffbrüchige in der chinesischen See an Bord der ›Vesta‹ kamen, um uns zu fangen, was durch Mister Youngpig vereitelt wurde, ich erkenne die Burschen alle wieder. Es sind auch dieselben, welche uns fortwährend verfolgt haben, der alte grauhaarige, weißäugige Kerl hat mich in Kairo in der Tragbahre fortgebracht und in Konstantinopel rauben wollen, er entführte auch Miß Staunton. Sie sind eben gedungen, uns irgend jemandem auszuliefern, und wenn wir die Sache kaltblütig überlegen und uns keinen Illusionen hingeben wollen, so müssen wir gestehen, daß diesmal ihr Anschlag gelungen ist.«

»Sehr scharfsinnig gesprochen, Miß Petersen,« lachte Miß Morgan an der Tür, »Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, es verhält sich alles wirklich so.«

»Wir müssen noch leiser sprechen,« sagte Ellen, im Gesicht dunkelrot werdend, »kommen Sie noch näher zusammen!«

»Sollten die englischen Herren ...« brachte ein Mädchen zögernd hervor.

»Auf keinen Fall!« flüsterte Miß Murray unwillig. »Wie kann auch nur eine solche Vermutung in Ihnen auftauchen?«

Auch die anderen Vestalinnen verwarfen diesen Gedanken.

»Was mich anbetrifft,« flüsterte Ellen wieder, »so glaube ich bestimmt zu wissen, daß man nach meinem Leben trachtet.«

»Aus welchem Grunde?« fragte Miß Thomson.

»Um in den Besitz meines Vermögens zu kommen.«

»Dann ist anzunehmen, daß dies bei uns allen der Fall ist. Wir sind alle ohne Ausnahme Waisen. Sterben wir, so fällt unser Vermögen an sehr entfernte Verwandte, die wir kaum kennen, und die kein Anrecht auf unser Vermögen haben. Ich zum Beispiel habe in meinem Testament ihnen wohl eine Summe ausgesetzt, den Hauptteil aber, wenn ich, ohne verheiratet zu sein, sterben sollte, zur Errichtung eines Erziehungshauses für Seemannswaisen bestimmt.«

So sprach Miß Thomson, und fast alle Damen stimmten ihr bei und bemerkten, daß sie ähnlich gehandelt hätten. Sie waren auf der richtigen Spur, wenn sie glaubten, ihre Gefangennahme wäre von Verwandten ausgegangen, welche nach ihrem Vermögen Sehnsucht hatten.

»Um dieses zu erlangen, müßten wir aber getötet werden,« sagte Miß Sargent. »Ich bin jedoch fest überzeugt, daß dies nicht unser Los ist.«

»Warum nicht?«

»Weil niemand wagt, in unsere Nähe zu kommen.«

»Sprechen Sie deutlicher! Wir verstehen Sie nicht,« sagte Ellen.

»Angenommen, jenes Weib dort würde in dieses Gemach treten,« erklärte Miß Sargent ruhig, »so könnte ich doch schwören, daß sie es lebendig nicht wieder verläßt, wenn ich nicht durch Gewalt davon abgehalten werde, meine Hände um ihren Hals zu legen und sie so lange zu würgen, bis sie den letzten Atemzug getan hat. Dasselbe würde ich wahrscheinlich mit dem ersten Piraten machen, der dieses Gemach beträte. Da nun aber niemand hereinkommt, so fürchten sie uns wahrscheinlich und wagen nicht, vor uns zu erscheinen, weil sie sonst Gewalt anwenden, und, um ihr Leben zu sichern, vielleicht sogar mit den Waffen in der Hand uns gegenübertreten müßten.«

»Es liegt etwas Wahres in dieser Annahme,« entgegnete Ellen nachdenkend. »Ja, wahrhaftig, sie wollen unser Leben schonen, sonst würden sie uns ganz anders behandeln. Aber warum? Jedenfalls müssen sie uns erst irgendwo abliefern, wo wir vielleicht gezwungen werden sollen, Unterschriften oder etwas Aehnliches auszustellen. Nun, meine Damen, ich brauche Ihnen wohl nicht erst Mut einzusprechen, daß Sie keine derartigen Bedingungen eingehen, und wenn Sie zu Tode gemartert werden sollten! Denn sofort, wenn die Schurken in den Besitz dessen gelangt sind, was sie von uns haben wollen, sind wir erst recht verloren; so lange wir ihnen aber nicht willfährig sind, ist noch Hoffnung vorhanden, daß wir dem Leben erhalten bleiben und auf Rettung sinnen können. Daher, meine Damen, keine unnötigen Weigerungen und Widersetzlichkeiten! Wir müssen vorläufig gute Miene zum bösen Spiele machen, dabei aber nichts außer acht lassen, was uns Hilfe bringen könnte. Nur so können wir hoffen, den Piraten abermals zu entgehen.«

Es wurde noch lange unter den Gefangenen hin- und herberaten, was ihr Los sein könne und wie es abzuwenden möglich sei, ferner wurde ausgemacht, die Piraten und besonders jenes Weib, welches von allem Anfang an ihre Feindin gewesen und im Einverständnis mit ihren Verfolgern gearbeitet hatte, völlig zu ignorieren, bis Miß Morgan die Mädchen abermals aufforderte, ihre Matrosen-Kostüme abzulegen und Damenkleider anzuziehen.

Eingedenk der Ermahnung Ellens führten die Mädchen den gegebenen Befehl sofort aus – sie zogen sich um.

Dann rief ihnen Miß Morgan weiter zu, sie sollten sich jetzt ruhig an dem Platze verhalten, wo sie eben ständen, sonst würde ihnen kein Essen verabreicht werden, und gleich darauf wurde die Tür halb geöffnet, einige Schüsseln mit Essen hereingeschoben und der Raum schleunigst wieder verschlossen. Man sah deutlich, daß die Mädchen gefürchtet wurden und daß die Piraten zugleich von höherer Stelle den Befehl bekommen hatten, sie in Ruhe zu lassen und jeden Gewaltakt zu vermeiden. Für ihre Sicherheit war wahrscheinlich Mister Anderson, jener angebliche Detektiv verantwortlich.

Obgleich die Damen wenig Hunger verspürten, folgten sie doch schließlich dem guten Beispiele Ellens und langten tapfer von den wohlbereiteten Gerichten zu, indem sie einsahen, daß durch Zurückweisung der Nahrung ihre traurige Lage noch hoffnungsloser werden mußte.

Das Hin- und Herwandern von Schritten an Deck dauerte noch bis tief in die Nacht fort, die Piraten füllten anscheinend sämtliche Tanks und Fässer ohne Ausnahme, und noch in derselben Nacht wurden die Anker gelichtet. Die ›Vesta‹ stach in See.

Die Vestalinnen hatten unterdes jenes Schiff gesehen, mittels dessen die Piraten auf der Insel gelandet waren, eine Bark, die gegen Nachmittag die ›Vesta‹ passierte und gegen Norden kreuzte. Es mochten nur zehn Matrosen an Deck stehen, um die Takelage bedienen zu können, während die auf der ›Vesta‹ Befindlichen wohl auf dreißig zu schätzen waren.

Die ›Vesta‹ fing an, auf der See zu schlingern, aber die Mädchen wußten nicht, wohin der Kurs ging, denn das Auge entdeckte durch das Fenster an dem bewölkten Himmel keine Sterne, die natürlichen Wegweiser des Seemanns.

An Deck wurde die ganze Nacht gearbeitet. Fortwährend erschallten spanische Kommandos, Fluchen und Schwören, Hin- und Herlaufen, und schwere Gegenstände fielen heftig auf. Als die niedergeschlagenen Mädchen gegen Morgen in einen unruhigen Schlummer verfielen, hörten sie noch im Traum dieses Hasten und Arbeiten, und als sie bei hoher Sonne erwachten, hatte es auch noch nicht nachgelassen.

An dem Schiffe wurde gezimmert, so viel hatten die Gefangenen herausbekommen. Was aber hätte an der ›Vesta‹, diesem prachtvollen, immer in gutem Stande erhaltenen Schiffe, repariert werden sollen?

Der Tag verging ohne besonderes Vorkommnis. Die Damen wurden gut verpflegt und bis auf einen Beobachter an der Tür völlig in Ruhe gelassen. Diesen Posten nahm meistenteils Miß Morgan ein, nur selten und für kurze Zeit erschien ein bärtiges Gesicht an der Oeffnung.

In der Stimmung der Mädchen war unterdes ein bedeutender Umschlag erfolgt. Die Niedergeschlagenheit war geschwunden. Es wurde noch einmal ernst erwogen, was ihr Los sein könne, und nach der Ansicht der meisten bestand es in Sklaverei. Einige der Mädchen entwickelten sogar wieder Humor. Eine erklärte, einmal in die Sklaverei zu kommen, wäre ihr gar nicht so unangenehm, denn erstens hätte man dann eine herrliche Gelegenheit zu einer kühnen Flucht, und zweitens könne man nach Gelingen derselben etwas erzählen, was sonst nur in Romanen zu lesen sei. Dieses Beispiel von guter Laune steckte an, es wurde bloß noch von Abenteuern gesprochen, die einer Sklavin, und noch dazu einer schönen Weißen, warteten, und die Folge war, daß die Spannung, welche zwischen den Vestalinnen seit der Aussetzung Johannas geherrscht hatte, vollkommen schwand, neue Freundschaft entstand, und von neuem das Gelübde wiederholt wurde, in Leben und Tod treu zusammenzuhalten.

Die Nacht brach wieder an, und die Mädchen genossen diesmal einen tiefen Schlaf, nach dem sie gestärkt und erquickt an Körper und Seele erwachten.

»Land,« sagte Ellen und deutete auf eine felsige Insel in der Ferne, »und wir segeln auf dasselbe zu.«

»Wissen Sie, zu welcher Gruppe diese Insel gehört?« fragte ein Mädchen.

»Ich sehe nur diese einzige Insel,« entgegnete Ellen, »und es scheint mir, als sei sie eines jener Felseneilande, welche, Spiele der Natur, mitten im Ozean einsam daliegen, wahrscheinlich durch vulkanische Eruptionen des Meeresgrundes entstanden. Ich wage aber nicht einmal anzudeuten, wo wir uns befinden.«

Das Eiland, auf welches die ›Vesta‹ zusegelte, erhob sich mit hohen Felsen aus dem Wasser, ohne irgend eine langsam ansteigende Küste zu zeigen. Man trifft im Meere oftmals auf solche sich jäh erhebende Inseln.

»Was mögen die Piraten auf dieser Insel wohl zu suchen haben?« äußerte ein Mädchen fragend. »Dieselbe scheint völlig unbewohnt, ja, sie sieht aus, als könne man nicht auf sie gelangen, denn die Felsen verwehren den Zutritt. Man müßte denn mit Leitern und Tauen sich den Eingang erzwingen.«

»Jener Anderson sagte, wir sollten an einen sicheren Ort gebracht werden,« meinte Ellen. »Könnte dieser jene Insel sein? Es wird schon irgendwo ein Zugang existieren.«

Die ›Vesta‹ hatte sich der Insel so weit genähert, daß man die zerklüfteten Felsen und die in den Höhlen wütende Brandung erkennen konnte. Die Piraten fuhren um das Eiland herum, ohne daß ein Platz zu sehen war, von welchem ein Besteigen der Insel möglich gewesen wäre. Zuletzt aber entdeckten die Mädchen doch eine wie von vulkanischer Kraft erzeugte Bresche in dem Felsen, und auf diese hielt die ›Vesta‹ zu.

»Wir sollen also doch hier gelandet werden!« rief Ellen. »Nun denn, meine Damen, so werden wir Robinson spielen müssen!«

»Das wäre das Schlimmste noch nicht,« entgegnete ein Mädchen. »Aber dem äußeren Aussehen nach ist die Insel nichts weiter als ein Felsenriff, die Bresche in dem Gestein eröffnet dem Blick ein völlig kahles Plateau ohne jede Vegetation.«

»Und doch kommen wir darauf! Hören Sie, die Boote werden ins Wasser gelassen!«

Da wurde die Tür geöffnet, und zum ersten Mal betrat ein Mann den Raum – es war Tannert. Er hatte sich davon überzeugt, daß die verwegenen Vestalinnen nicht gewillt waren, einen Befreiungsversuch zu unternehmen, vorläufig wenigstens nicht, und so hielt er sich für sicher.

»Meine Damen,« begann er höflich, »ich bin damit beauftragt, Sie auf dieser Insel, welche Sie durch das Fenster sehen können, auszusetzen. Ich bitte Sie dringend, nichts zu unternehmen, was einem Fluchtversuch oder einer Verteidigung ähnlich sieht, sonst wäre ich genötigt, Gewalt anwenden zu lassen.«

»Wir sollen auf dieser verlassenen Insel ausgesetzt werden?«, rief Ellen entrüstet. »Das gleicht einem Morde!«

»Sie irren, die Insel ist zwar unbewohnt und besteht nur aus Felsen, aber es sind bereits alle Vorkehrungen zu Ihrem Lebensunterhalt getroffen worden. Sie werden Zelte, Wasser, Lebensmittel, Bücher und so weiter drüben vorfinden. Nichts ist unterlassen, um Ihnen den unfreiwilligen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Ich bitte Sie also nochmals, bei der Ueberfahrt keinen Widerstand zu leisten. Je ruhiger Sie sich verhalten, desto schneller sind Sie wieder sich selbst überlassen und von der Gegenwart der Piraten befreit.«

»Und wer ordnet dies alles an?« fragte Ellen mit klopfendem Herzen.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, einfach darum, weil ich es selbst nicht weiß,« entgegnete Tannert lächelnd, welcher immer bemüht war, sich in ein möglichst gutes Licht zu setzen.

Die Damen hatten natürlich keine Ahnung davon, welch strengen Befehl Tannert unter dem Siegel des Meisters empfangen hatte, die Damen mit ausgesuchtester Höflichkeit zu behandeln und alles zu vermeiden, wodurch die Mädchen zum Widerstand gereizt werden konnten, so daß man sie mit Gewalt zum Gehorsam zwingen müßte. Furchtbare Drohungen schlossen den Brief, wenn den Damen auch nur ein Haar gekrümmt würde, wenn man ihnen auch nur mit einem Worte zu nahe träte, und wäre Miß Morgan darin nicht vergessen worden, so hätte auch diese die einstigen Freundinnen ganz anders behandeln müssen.

Tannert zitterte bei dem Gedanken, daß die Mädchen sich nicht fügen würden, denn, mußte er zur Schonung seines eigenen Lebens den Damen Schaden zufügen, so war sein Kopf verloren.

Aber glücklicherweise versicherte ihm Ellen aufrichtig, sie würden nicht widerstreben, jene Insel zu betreten, nur sollte er möglichst schnell machen und ihnen dann noch eine Unterredung gönnen.

Tannert bat darauf, daß je vier Damen zugleich den Raum verließen.

Ellen befand sich unter den ersten der vier Mädchen, welche das Deck betraten.

Ach, wie hatte sich die ›Vesta‹ verändert! Ihre früheren Besitzer konnten sie kaum noch erkennen, zugleich aber konnte Ellen nicht die Bewunderung verhehlen, mit welcher Geschicklichkeit die Piraten das Aussehen eines Schiffes zu verwandeln verstanden.

Das einst völlig weiße Schiff war gelb angestrichen worden, das Deck dunkel gebeizt, der Schiffsrumpf aber war, wie sie vom Boote aus bemerkten, mit einer schwarzen Farbe versehen worden.

Selbst die Masten und Raaen hatten den gelben Anstrich erhalten.

Das waren aber nur Aeußerlichkeiten, denn das Schiff selbst hatte eine andere Form erhalten.

Es waren nicht mehr an jedem Mast sechs Raaen angebracht, sondern deren nur fünf, die obersten fehlten; die Masten waren gekürzt worden. Das Häuschen am Ruder hatte einem anderen Platz machen müssen. Die Kombüse war nicht mehr zu erkennen, der Klüverbaum war kürzer geworden, und das Heck hatte einen Aufbau erhalten, daß das ganze Aussehen der ›Vesta‹ total verändert wurde. Die Mädchen selbst konnten ihr eigenes Schiff nicht wiedererkennen. Sie hätten geglaubt, sich auf einem anderen zu befinden, wenn sie nicht wußten, daß sie die ›Vesta‹ gar nicht verlassen hatten.

Der Seewolf weidete sich am Erstaunen der Mädchen, das seine Kunstfertigkeit bezeugte. Er stand vor der Front von zwanzig Matrosen, welche so postiert waren, daß die vier Damen auf dem Wege nach dem Fallreep zwischen zwei Reihen hindurch mußten. Bei dem geringsten Zeichen zur Widersetzlichkeit wären sie sofort überwältigt worden.

Die Damen stiegen in das Boot, in dem sich außer acht Matrosen Tannert befand. Es stieß ab und erreichte nach wenigen Ruderschlägen die Bresche zwischen den Felsen, dem einzigen Zugang zu dem Inneren der Insel.

Die Damen stiegen gelassen aus.

»Nehmen Sie Besitz von der Insel und Ihrem Eigentum,« rief ihnen Tannert beim Abstoßen des Bootes zu, »dies jungfräuliche Eiland gehört Ihnen.«

Die vier Mädchen befolgten seinen Rat. Wohl zwanzig Meter mußten sie durch die schmale Felsspalte gehen, dann tat sich vor ihren Augen ein weites Plateau auf, welches völlig nackt war, wenigstens seiner Natur nach, jetzt aber standen in weitem Kreise fünfundzwanzig Zelte herum, in denen die Mädchen ihre eigenen wiedererkannten.

»Es sind schon vorher Vorbereitungen getroffen worden, uns zu empfangen,« rief Ellen erstaunt. »Das hat wahrscheinlich jenes Schiff getan, welches schon vorher an uns vorbeigefahren ist.«

Sie eilten von Zelt zu Zelt und fanden die Aussagen des Mister Anderson bestätigt. Ein jedes enthielt die vollständige Garderobe jeder einzelnen Dame, alles, was sie auf der ›Vesta‹ zu ihrer Toilette gebraucht hatten, nichts war vergessen worden, aber nicht nur dies, sondern auch die gesamte Bibliothek war vorhanden, in den einzelnen Zelten verteilt. Selbst das Klavier hatte man ausgeladen und in einer geräumigen Höhle aufgestellt, deren in den Felswänden noch unzählige vorhanden waren.

Als die Damen einzeln dieselben besichtigten, fanden sie diese zu ihrem grenzenlosen Erstaunen mit fast allen Möbeln ausgestattet, die sich auf der ›Vesta‹ befunden hatten, selbst Geschmack war entwickelt worden. Eine jede Höhle zeigte eine andere Einrichtung; unter den Piraten mußte es einen Mann mit künstlerischem Blick geben. Vor den Eingängen zu den Höhlen waren Portieren in schönem Faltenwurf angebracht und die Wände, ebenso wie der trockene Boden mit Teppichen belegt.

Der Befehl des Meisters in Verbindung mit seinen furchtbaren Drohungen mußte diese Leute zu einer fabelhaften Schnelligkeit anspornen.

»Das ist ja wirklich reizend,« rief ein Mädchen förmlich entzückt, »das ist ja fast so ein Eiland, wie es sich einige Damen gewünscht haben, um darauf ihr Leben zu beschließen, wenn es auch keine paradiesische Schönheiten aufzuweisen hat.«

Es kamen nach und nach immer mehr Damen an, und alle waren anfangs sprachlos vor Staunen.

Sie untersuchten eine Höhle nach der anderen, und immer fanden sie alles, was sie auf Jahre hinaus zum Leben nötig hatten. Fässer mit Trinkwasser, gesalzenes Fleisch, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, eine Unmenge von Büchsen und Konserven, ferner einen ungeheuren Vorrat von kleingespaltenem Holz und Kohlen.

Bald aber bemerkten die Mädchen, daß der Anführer der Piraten, Tannert, bei Auswahl aller dieser Gegenstände eine ganz besondere Vorsicht hatte walten lassen; soviel sie unter den Vorräten auch suchten, außer Löffeln, kleinen Gabeln und Tischmessern fanden sie nichts, was einer Waffe geglichen hätte, nicht einmal eine Axt wurde vorgefunden, und zum Oeffnen der Fässer waren nur ein Meißel und ein Holzhammer vorhanden.

Alle zweiundzwanzig Mädchen waren an Land gebracht worden, und zu ihrer Verwunderung wurden auch noch die dreizehn befreiten Sklavinnen gelandet.

Mit dem letzten Boote begab sich auch Tannert ans Land und trat unbefangen unter die Vestalinnen, während die Matrosen in der Felsspalte beschäftigt waren, aber da diese eine starke Krümmung machte, von den Mädchen nicht bemerkt werden konnten.

»Haben Sie Ihre Vorräte untersucht, und haben Sie sonst noch einen Wunsch?« fragte Tannert.

»Wir möchten erfahren, wem wir diese Vorsorglichkeit zu danken haben,« entgegnete Ellen, »und wer es ist, der uns hat fangen lassen, um uns hier auszusetzen. Die Insel gleicht einem Gefängnis. Wir können sie nicht verlassen, wenn Sie wegfahren, also beraubt man uns der Freiheit. Von wem geht dies aus und was wird dabei bezweckt?«

»Ich darf Ihnen diese Fragen nicht beantworten und kann es auch nicht; es hat keinen Zweck, wenn Sie weiter fragen. Aber ich versichere Ihnen, meine Damen, bald werden Sie alles erfahren. So viel haben Sie wohl schon gesehen, daß man Ihnen wohl will, und sollten Ihnen diese Vorräte ausgehen, so werden dieselben erneuert werden. Not brauchen Sie also niemals zu leiden. Vertreiben Sie sich die Zeit, so gut Sie können, ich bin der festen Ueberzeugung, daß sich jemand von Zeit zu Zeit nach ihrem Ergehen erkundigen wird, dem sie eventuelle Wünsche mitteilen können. Und nun lassen Sie es sich gut gehen, meine Damen, ich glaube, Sie können meinem Betragen Ihnen gegenüber nur das beste Zeugnis ausstellen.«

Schnell wandte sich Tannert um und war im nächsten Augenblick in der Felsspalte verschwunden, ehe er noch von einem der Mädchen zurückgehalten werden konnte.

Erstaunt sahen sich diese an.

»Was soll man davon denken?« rief endlich Ellen. »Sollen wir denn hier, abgeschlossen von aller Welt, für immer gefangengehalten werden? Wir wollen schnell noch einmal nach der Küste eilen und sehen, was aus der ›Vesta‹ wird, und ob sie abgesegelt.«

Sie gingen nach der Spalte, Ellen voran.

Da prallte diese entsetzt zurück.

»Wir werden eingemauert,« rief sie erschrocken.

Die Piraten hatten, während die Damen mit der Besichtigung der Vorräte beschäftigt gewesen waren, in die Boote eine Menge Steine geworfen, ausgeladen und zu einer sechs Meter hohen Mauer aufgetürmt, welche sich am Wasserrand erhob. Wie stark sie war, konnten die Damen nicht berechnen, aber jedenfalls stark genug, um ein Durchbrechen mittels der schwachen, zurückgelassenen Messer nicht zu gestatten.

Auf dieser Mauer, welche noch immer wuchs, standen einige Matrosen und gossen aus Eimern, welche ihnen von unten zugereicht wurden, dünnflüssigen Zement über das Steingefüge. Die Masse drang in die Fugen und stellte so eine feste Verbindung her. Die unteren Schichten waren schon erstarrt und fest.

Die Matrosen gossen dünnflüssigen Zement über das Steingefüge.

»Warum mauert man uns hier auch noch ein?« rief Ellen den Matrosen zu.

Diese antworteten nicht. Sie gossen die letzten Eimer Zement in die Fugen der Mauer und verschwanden auf der anderen Seite. Die Mädchen hörten, wie sie in das Boot sprangen, wie die Riemen auf die Bordwand fielen und ins Wasser klatschten. Ein Kommandoruf erscholl, und das Boot setzte vom Ufer ab.

Ellen rannte mit Wucht gegen die Steinmauer, als wollte sie dieselbe niederreißen, aber sie spottete aller Anstrengungen, auch der vereinigten Kräfte der Mädchen. Dieselben waren gefangen, denn die natürlichen Felswände rings um das Plateau erhoben sich senkrecht. An ein Ersteigen derselben war nicht zu denken, selbst wenn sie Stricke und Hacken gehabt hätten, und die künstliche Mauer mit ihrer Zementverbindung bot ein weiteres unübersteigliches Hindernis.

Noch standen die Mädchen da, selbst wie versteinert auf dieser steinernen Insel, noch konnten sie ihr Schicksal nicht fassen, als über der Mauer die äußersten Spitzen von Masten erschienen. Sie gehörten der ›Vesta‹, welche die Anker gelichtet hatte und sich von der Insel entfernte.

Da brach bei einigen Mädchen eine Art von Verzweiflung aus. Sie stürzten stöhnend zu Boden. Ein unnennbares Gefühl von Verlassenheit war über sie gekommen.

»Mut, meine Freundinnen,« rief da Ellen, »wir wollen uns nicht der Verzweiflung hingeben! Es ist besser, die Piraten verlassen uns, als daß wir uns in ihren Händen befinden. Die Zeit wird uns schon zeigen, wem wir dies alles zuzuschreiben haben. Ich erwarte ganz sicher einen Besuch von ihm.«

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