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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 26
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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25.

Dem Tode entgangen.

Als die ihrer Boote beraubten Mädchen sich vom ersten Schrecken erholt hatten, war ihr erster Gedanke, auf welche Weise sie so schnell als möglich nach der ›Vesta‹ gelangen könnten, um die Strandbewohner an einem Plündern des Schiffes zu hindern; doch war kein Mittel dazu vorhanden, sie hätten denn gerade hinüberschwimmen müssen.

»Nicht einmal sehen kann man sie,« klagte Ellen, »sie schleichen sich wie Katzen an Deck. Ich möchte ihnen gar zu gern eine Lektion zuteil werden lassen.«

»Aber vielleicht können auch sie diese Absicht haben,« sagte ein Mädchen. »Wir wollen uns lieber in Sicherheit zurückziehen, ehe wir mit einem Kugelregen bedacht werden.«

Das konnte leicht eintreten, denn den räuberischen Fischern wäre es sicher lieb gewesen, wenn die Besatzung des Schiffes nicht am Leben blieb, und so ging man hinter den Felsen und beobachtete, von hier aus das Treiben an Deck.

Es vergingen einige Stunden, aber keiner der Männer ließ sich sehen. Vorhin hatten sie etwa vierundzwanzig Mann gezählt. Auf Deck glaubte man höchstens einige vorsichtig herumschleichen zu sehen, die anderen hielten sich jedenfalls in den Kajüten auf und freuten sich der Schätze, deren Besitzer sie bald werden sollten. Die Mädchen am Ufer mußten ihnen natürlich lästig sein, und sie sannen wahrscheinlich auf Mittel, sich ihrer zu entledigen.

Ellen und die anderen waren außer sich vor Zorn über den Streich, der ihnen gespielt worden war. Was half ihnen, daß sie das Schiff beobachteten, die Räuber konnten monatelang auf der ›Vesta‹ bleiben und im Ueberfluß leben, ehe es gelang, sie zu vertreiben. Ein Schiff, das man um Hilfe hätte anrufen können, kam nicht zwischen diese Riffe, und in der Umgegend wohnten nur Fischer, welche mit diesen natürlich unter einer Decke steckten. Um aus Bäumen ein Floß zu bauen, fehlte es an Werkzeug, und außerdem wären sie bei dem Versuch, den Räubern auf einem offenen Floß auf den Leib zu rücken, samt und sonders weggeschossen worden.

Ein Mittel gab es noch, zu dessen Anwendung die Mädchen sich aber nur schwer entschließen konnten, denn dazu war abermalige Trennung nötig. Es blieb ihnen aber schließlich nichts anderes übrig, wollten sie nicht für ewige Zeiten hier liegen bleiben, das Schiff anstarren und schließlich verhungern.

Eine Anzahl von ihnen mußte zu Fuß nach Matagorda, der nächsten Stadt, marschieren, das heißt, nur bis zum Leuchtturm, also achtzig Meilen, und von dort aus telegraphisch die Sache zur Meldung bringen und um schleunige Hilfe bitten, die anderen mußten hier bleiben und die Strandräuber auf der ›Vesta‹ in Schach halten.

Nach längerem Beraten wurde dieser Vorschlag angenommen, und das Los entschied, wie sich die Mädchen verteilen sollten.

Ellen, Miß Murray und neun anderen Mädchen fiel es zu, den Weg nach Matagorda zurückzulegen; die elf anderen, darunter Miß Thomson, Nikkerson und Sargent erhielten die Aufgabe, hier zu bleiben und die Fischer am Plündern zu verhindern.

Ellen nahm an, daß sie die achtzig Seemeilen in vier Tagen gehen konnte, denn obgleich ein Fußgänger auf der Chaussee in der Stunde bequem vier Meilen (englische) macht, so ist ein Marsch durch Wildnisse, Prärien, Urwälder und so weiter, wie hier, doch ungleich schwieriger, anstrengender und daher langsamer, um so mehr, als man unterwegs durch Jagd für Nahrung zu sorgen hat. So zum Beispiel rechnet man bei Märschen in Afrika zehn bis zwölf Meilen auf den Tag.

In zehn Tagen erst konnten darum die Ausgeschickten wieder zurück sein, und bis dahin mußten sich die Zurückgebliebenen so wohnlich als möglich einrichten, sich wenigstens gegen Regen und Tau schützen, und in dem benachbarten Wald Jagd machen. Ein Fluß mündete nicht weit von ihnen in den Golf, für Trinkwasser war also gesorgt.

Auch schärfte ihnen Ellen ein, sich vor den Kugeln der auf der ›Vesta‹ befindlichen Räuber vorzusehen, die sicher keine Gelegenheit vorübergehen lassen würden, die Zahl der Mädchen zu vermindern.

Ein Glück war es, daß die Mädchen selbst mit Schießmunition reichlich versehen waren, weil sie nie die Winchesterbüchsen umhingen, ohne auch den Patronengürtel umzuschnallen und Munition für den Revolver beizufügen.

Dann nahmen die Mädchen mit schwerem Herzen voneinander Abschied. Wer wußte, ob ein böses Geschick sie nicht abermals auf lange Zeit trennte, wenn nicht auf immer?

Ellen führte ihre Schar im Schutze des Felsens nach dem Walde und war bald zwischen den Bäumen verschwunden. Versagte ihr angeborener Instinkt, konnte sie in der Wildnis den Weg nicht finden, so konnte sie sich nach einem Taschenkompaß richten, aber schnell ging dieser Marsch sicher nicht von statten.

Mit traurigen Blicken sahen die übrigen Mädchen den Davongehenden nach; die ihrer Herrin folgende Juno Verschwand zuletzt hinter den Bäumen.

»Wir müssen uns immer hinter diesem Felsen verborgen halten,« nahm dann Miß Thomson das Wort, »ohne aber selbst die Piraten aus dem Auge zu verlieren, und müssen besonders des Nachts scharf Achtung geben, daß sie das Schiff nicht verlassen und sich davonmachen. Ihrer Strafe sollen sie nicht entgehen. Jetzt müssen einige in den Wald gehen und für Brennholz sorgen, ferner Wild zu schießen versuchen und sehen, ob es junge Bäume gibt, mit deren Hilfe wir uns hier eine Art Hütte oder Schutzdach gegen den Tau der Nacht errichten können.«

Die Anordnungen brachten die betrübten Mädchen wieder auf andere Gedanken; sie folgten dem Rate Bettys, und schon nach einigen Stunden hatte man hinter dem Felsen, der unten etwa zehn Meter breit war und nach oben kegelförmig verlief, eine geräumige Hütte aufgeführt. Die zur Jagd ausgeschickten Mädchen brachten schmackhafte Beute mit, andere zogen dieselbe ab, Feuer wurden angezündet, an denen das Fleisch schmorte, kurz, es entwickelte sich das übliche Lagerbild.

Daß die Fischer auf der ›Vesta‹ wirklich mit bösen Absichten umgingen, zeigte sich bald. Als ein Mädchen unvorsichtig hinter dem Felsen hervortrat, knallte sofort ein Schuß, und erschrocken trat die Bedrohte zurück.

Dann aber kamen die Vestalinnen auf einen anderen Gedanken, daß dieser Schuß nämlich nicht der Unwichtigen gegolten habe.

Jetzt knallten nämlich auf der ›Vesta‹ fort und fort Schüsse, ohne daß ein Mädchen sich außerhalb des Felsens zeigte. Auch hörte man keine Kugel anschlagen oder pfeifen, und plötzlich stieg in Miß Thomson eine schlimme Ahnung auf.

»Sie signalisieren,« sagte sie. »Jedenfalls haben sie Freunde in der Nähe, die sie zu ihrem Beistande herbeirufen wollen. Das ist schlimm, daran haben wir noch gar nicht gedacht.«

Die Schüsse knallten fort, fanden aber keine Erwiderung, auch zeigte sich an dem Waldessaum kein Mensch.

»Miß Nikkerson,« wandte sich Betty an die Freundin, »wollen Sie mich bei einer Rekognoszierung begleiten? Es ist besser, wir verschaffen uns Klarheit darüber, ob hier wirklich jemand in der Nähe versteckt ist oder nicht. Dann können wir Maßregeln treffen, um einem Ueberfalle in der Nacht zu begegnen.«

Die übrigen Mädchen erhoben erst Einspruch dagegen, daß die beiden Freundinnen allein eine Streiftour durch den Wald machten, schließlich aber sahen sie die Zweckmäßigkeit eines solchen Unternehmens ein. Sie hatten während der Reise gelernt, sich mit Geschick in einem Walde zu bewegen und auch den Rückweg wiederzufinden.

Miß Thomson und Nikkerson gingen, mit dem Versprechen, bald zurückzukommen und bei einer etwaigen, Gefahr, bei welcher sie Hilfe der übrigen nötig hatten, einen Schuß aus der Winchesterbüchse und einen aus dem Revolver abzufeuern. Die beiden Knalle, einer scharf und hell, der andere krachend und dumpf, waren charakteristisch, sie konnten nicht verwechselt werden.

Die beiden Freundinnen betraten den Wald, von dem sie aus der Landkarte erfahren hatten, daß er einen Flächenraum von über tausend Quadratmeilen einnahm, für Deutschland allerdings ein ganz gewaltiger Wald, für Amerika aber nur einen verschwindenden Punkt für Texas ein mäßiges Holz bedeutend, denn Texas erstreckt sich über ungefähr 300 000 Quadratmeilen und besteht fast nur aus Wald und Prärien, denen Plantagen abgerungen worden sind.

Es war schwer vorzudringen, denn zwischen den Bäumen hingen Schlingpflanzen, dichte Gewebe bildend, und überall suchten Dornen die Wanderer an den Kleidern zurückzuhalten.

»Es ist unbegreiflich, wie hier ein Reitervolk, wie das der Apachen, leben kann,« meinte Miß Nikkerson, die sich eben über die manneshohe Wurzel eines Baumes schwingen mußte, »ein Pferd kann doch sicherlich nicht durch diese Schlingpflanzen hindurch, die Dornen zerfetzten es, und über solche Wurzeln kann es doch nicht setzen, ohne daß der Reiter den Hals bricht.«

»Die Apachen vermögen aber doch durch einen solchen Wald zu reiten,« entgegnete Miß Thomson, »sie sind eben daran gewöhnt, wenn sie auch die offene Prärie vorziehen. Es gibt übrigens verschiedene Stämme; die einen halten sich mehr in der Prärie, andere mehr im Walde auf, und diese leben nicht nur zu Pferde, sie sind ebensogut zu Fuß und ausgezeichnete Läufer. Aber wir wollen uns nicht oder doch nur flüsternd unterhalten, denn der Wald hat Ohren, wie der Indianer sagt.«

Miß Nikkerson bedauerte, daß ihre Freundin eine solche Vorsicht wünschte, denn sie hätte oft Gelegenheit, zu einem prächtigen Schuß gehabt. Wild gab es hier in Menge. Oft tauchte ganz dicht neben ihnen das Geweih eines Hirsches auf, ein Zeichen, daß dieser Wald nur wenig betreten wurde. Miß Nikkerson war eine leidenschaftliche Jägerin, jetzt mußte sie aber ihre Jagdlust bezähmen. Es galt ja auszuspionieren, ob sich in der Umgebung Menschen befanden.

»Seht da, was für ein merkwürdiger Baum,« flüsterte wieder Miß Nikkerson vorausdeutend.

Durch Schlingpflanzen hindurch erblickten sie eine kleine Lichtung, auf welcher ein dicker, weidenähnlicher Baum stand, der auch dieselbe Eigenschaft wie die Weide besaß, nämlich, daß er hohl war. Der Stamm hatte sich in zwei Teile gespalten, und die dadurch entstandene Höhlung, mehr eine Art Tunnel bildend, war so groß, daß ein Mann auf einem Pferde hätte hindurchreiten können.

Betty kannte diese Bäume, sie sah aber doch hin. Plötzlich faßte sie den Arm ihrer Freundin und zog diese zu Boden.

»Still,« raunte sie ihr zu, »an dem Stamme liegt ein Mann, wir wollen versuchen, uns näher zu schleichen.«

Dies war ihnen auch leicht, der Boden war mit Moos bedeckt, das den Schritt dämpfte, die Büsche standen dicht zusammen, im Walde herrschte sowieso Dämmerlicht, und die Schlingpflanzen schließlich verhinderten vollständig, daß sie gesehen wurden.

Dennoch knackte ab und zu ein trockener Zweig unter den Füßen der Mädchen; jedesmal blieben sie ängstlich stehen und horchten, ob sie ein Geräusch wie von nahenden Schritten hören könnten, aber alles blieb still. Ab und zu konnten sie einen Blick nach der Lichtung werfen. Da sahen sie den Mann immer noch an dem Stamme liegen, und schon machte Betty die Bemerkung, daß er weder wie ein Fischer, noch wie ein Jäger, noch überhaupt wie ein Waldbewohner aussehe. Nach langem Kriechen und Schleichen hatte man endlich den Saum der Lichtung erreicht. Ein Gebüsch trennte sie noch von dieser, und als sie die Zweige vorsichtig auseinanderbogen, sahen sie den Mann kaum zehn Schritte vor sich auf dem Boden ausgestreckt liegen.

Es war wirklich wunderbar, wie dieser Mann hierherkam, doch konnten sich die Mädchen jetzt nicht darüber aussprechen, sondern nur beobachten. Sie fürchteten sogar, gesehen zu werden, wenn die Augen des Liegenden ihr Versteck streiften, wie dieses Gefühl jeder hat, welcher beobachtet, wenn sein Versteck auch noch unbemerkt ist.

Miß Thomson hatte sich nicht getäuscht, der Mann dort war, seinem Anzuge wenigstens nach ein Stadtkind, selbst Stehkragen und Manschetten hatte er hier im Walde nicht abgelegt, und das bleiche Antlitz verriet, daß er sich nicht gern der Sonne aussetzte, das heißt, den Aufenthalt in Häusern gewöhnt war.

Er hatte sich auf einen Arm gestützt und drehte sich eben eine Zigarette, wobei er aber die Augen beständig scheu umherschweifen ließ, als erwarte er jemanden, wünsche aber keinen Zeugen bei dieser Zusammenkunft.

Die beiden Mädchen sahen sich an und nickten verständnisvoll, in ihren Köpfen war gleichzeitig derselbe Gedanke aufgetaucht, dieser Mann war mit den Strandbewohnern im Bunde; auf seine Anordnung hin war das Truglicht angezündet worden und – ja, vielleicht hatten sie einen von denen vor sich, welche die Mädchen zu vernichten suchten, um sich ihres Besitzes erfreuen zu können.

Aber sie kannten ihn nicht.

Jetzt zog der Fremde ein Feuerzeug aus der Tasche, entzündete erst die Zigarette und sah dann nach der Uhr.

»Sie bleiben lange aus,« murmelte er, doch noch deutlich genug, daß die Lauscherinnen es hören konnten, »ich wünschte, ich hätte niemals diese von Gott verlassene Gegend betreten, in der man von Ameisen und Mücken zerfressen wird.«

Er zog ein seidenes Taschentuch aus der Tasche seines schwarzen Gehrockes und wedelte die zudringlichen Mücken ab.

Da knackten auf der anderen Seite der Lichtung Zweige, Schritte näherten sich, derb auftretend, die Büsche bogen sich auseinander, und zwei Männer traten heraus.

»Endlich!« rief der Wartende ungeduldig, ohne sich zu erheben. »Sie haben lange auf sich warten lassen. Wenigstens Erfolg gehabt?«

Miß Thomson war nahe daran, laut aufzuschreien, als sie den einen der beiden Ankömmlinge zu Gesicht bekam. Einer von ihnen war, wie ein Fischer gekleidet, trug hohe Stiefeln, eine Flanelljacke und einen Wachstuchhut, der andere dagegen war, wie der Herr unter dem Baume, elegant gekleidet, nur daß sein moderner Anzug durch einen langen Marsch im Walde von den Dornen arg mitgenommen worden war. Auch sein Gesicht zeigte, daß der Wald nicht sein gewöhnlicher Aufenthaltsort sei, obgleich es jetzt gerötet war, wahrscheinlich von großen Anstrengungen.

»Louis Spurgeon,« hätte Betty bald laut aufgeschrieen, wenn sie sich nicht rechtzeitig besonnen hätte.

Sie hatte ihren Verwandten erkannt.

Also dieser war einer von denen, welchen die Vestalinnen so viel Unglück zu verdanken hatten, welche ihnen nach dem Leben trachteten, ihre Unterschriften fälschten und sie selbst als Sklaven verkaufen wollten. Und dieser Mann hatte einst zu Bettys Füßen gelegen und ihr unter tausend Schwüren seine Liebe versichert, aber keine Gegenliebe gefunden. Mit traurigem Herzen und zarten Worten hatte Betty ihn abgewiesen, weil sie aus bloßem Mitleid ihr Lebensglück nicht verscherzen wollte.

Also dieser Mann war hier!

Miß Thomson fühlte, wie ihr das Blut siedend heiß in den Kopf stieg. Sie umklammerte den Revolver, Spurgeon war für sie jetzt nur noch ein wildes Tier, welches zu töten sie berechtigt war.

Miß Petersen – Eduard Flexan, sie – Louis Spurgeon. Richtig, das waren die Gegner in diesem Spiel um Leben und Tod.

»Ich bin halb tot,« seufzte Spurgeon und warf sich neben Kirkholm ins Gras, während der Fischer phlegmatisch stehen blieb und sich eine Pfeife stopfte.

»So sprechen Sie wenigstens erst, haben Sie ihn getroffen?« fragte Kirkholm ungeduldig.

»Das haben wir. Aber zum zweiten Male mache ich diesen Weg nicht, Sie sehen, wie mich die Dornen mitgenommen haben.

»Schon anfangs stachen sie mich halb tot, dann mußten wir auf Händen und Füßen durch Gebüsche kriechen, wenigstens dreimal über Bäche springen, wobei ich bis an die Kniee einsank, und schließlich über einen Baumstamm rutschen, der über einen Sumpf führte.«

Der Sprecher sah wirklich so aus, als hätte er alle diese Schwierigkeiten überstanden. Nicht nur zerfetzt war seine Kleidung, sondern auch mit Schmutz bespritzt, ebenso wie sein Begleiter.

»Der Ritt über den Baumstamm brachte uns auf eine Insel im Sumpf, auf welcher nach Angabe dieses Fischers,« Spurgeon machte eine Kopfbewegung nach dem Manne hinüber, »Nathaniel wohnen sollte, und ich hatte auch das Glück, ihn in seiner Hütte anzutreffen. Es ist ein alter, harmloser, halbkindischer Fallensteller, der auf alles offene Antworten gibt und überhaupt in jeder Weise willig ist. Er sagte, er wüßte, wo der weiße Wolf sich jetzt aufhalte und forderte für Ueberbringung des Briefes nicht Geld, sondern Pulver und Blei, was ich ihm zu schicken versprach.«

Kirkholm richtete sich vor Spannung halb auf.

»Wann kann er den weißen Wolf treffen? Heute noch?« fragte er.

»Heute abend noch wollte er ihn auffinden, und ich glaube sicher, daß der weiße Wolf sofort mit seiner Bande aufbrechen wird.«

»Während Sie weg waren, fiel mir etwas anderes ein,« unterbrach ihn Kirkholm. »Wird der weiße Wolf den Brief auch lesen können?«

»Das habe ich durch Nathaniel selbst erfahren. Der plauderhafte Fallensteller sagte mir nämlich, er könne nicht lesen, dagegen der weiße Wolf sehr gut, wie er überhaupt fortwährend von ihm schwatzte. Wenn das alles wahr ist, was der kindische Alte von ihm erzählt, dann muß dieser weiße Wolf ein sauberes Subjekt sein, vor dem wir uns selbst in acht nehmen müssen, wenn er in diese Gegend kommt. Er führt als Häuptling eine Bande Apachen an und lebt nur von Raub. Uebrigens ließ mich die Höflichkeit, mit der Nathaniel von dem weißen Wolf sprach, fast darauf schließen, daß er mit ihm in näherer Beziehung steht.«

»Er ist sein Sohn, der verrückte Alte weiß es aber wohl nicht mehr,« warf der Fischer ein.«

»Da haben wir es,« rief Spurgeon.

»Dann ging also die Sache gut?« sagte Kirkholm. »Nun aber etwas anderes, Spurgeon, ich habe Ihnen eine angenehme Nachricht zu machen. Die Hälfte der Mädchen, Miß Petersen an der Spitze, ist heute morgen nach Matagorda abmarschiert, um Hilfe herbeizuholen.«

Spurgeon fuhr aus dem Grase auf und starrte den Sprecher erschrocken an, selbst der phlegmatische Fischer zuckte zusammen und stieß einen Fluch aus.

»Sie dürfen Matagorda nicht erreichen,« stieß Spurgeon zwischen den Zähnen hervor.

»Erfahren die Leute dort etwas davon, so werden die Fischer gehangen und ich zuerst,« stammelte der Mann in den Seestiefeln.

»Die Sache ist nun einmal so und gar nicht so schlimm wie sie aussieht,« sagte Kirkholm. »Die Zurückgebliebenen haben es sich hinter dem Felsen, auf dem wir das Feuerwerk abbrannten, bequem gemacht und passen auf, daß die Fischer die ›Vesta‹ nicht verlassen können, und die anderen haben gut fünf Tage zu marschieren, ehe sie den Leuchtturm in Sicht bekommen, denn der Weg führt immer durch dichten Wald, durch Schluchten und Sümpfe, die sie nicht schnell passieren können, sondern umgehen müssen.«

»Daß das blutige Schiff auf den Riffen hängen bleiben mußte!« knurrte der Fischer. »Noch niemals ist so etwas vorgekommen.«

Kirkholm beachtete diesen Einwurf nicht, sondern fuhr fort:

»Die zurückgebliebenen Damen sind uns vorläufig sicher, sie dürfen das Schiff zu unserem Glück nicht verlassen, aber die anderen müssen unterwegs vernichtet werden, und zwar durch den weißen Wolf. Dazu ist es nötig, daß derselbe benachrichtigt wird, vielleicht kann er es mit beiden Teilen zugleich aufnehmen. Wer aber will den weißen Wolf sprechen, Sie oder ich, Mister Spurgeon?«

Spurgeon schwieg, er wollte sich nicht gern einer solch gefährlichen Aufgabe unterziehen.

»Wie spricht man über den weißen Wolf?« fragte er den Fischer. »Habt Ihr ihn schon einmal gesehen?« »Nein, möchte auch seine Bekanntschaft nicht machen,« brummte der Fischer. »Er tötet alles, was ihm in die Hände fällt, auch martert er seine Opfer gern.«

»Glaubt Ihr, daß er uns etwas anhaben würde?«

» Quien sabe?«

»Nathaniel muß weiter mit ihm unterhandeln oder ihm einen neuen Brief bringen.«

»Ehe der zurückkommt, ist es zu spät,« sagte der Fischer, dem am meisten an dem Tode der Mädchen lag. »Der weiße Wolf ist eher da, als er. Wenn Ihr Euch aber für den ausgebt, der ihm die Beute verschafft, so wird er diesmal wohl anders handeln.«

»Er ist ein Weißer?«

»Ja, er hat kein indianisches Blut in den Adern, gibt sich aber für einen Apachen aus.«

»Nun, dann wird er wohl auch das Gehirn eines Weißen haben und mit sich handeln lasten, wenn es seinen Vorteil gilt,« sagte Kirkholm. »Ich werde ihn hier erwarten und ihm die Mitteilung machen. Doch besser wäre es, Spurgeon, wenn auch Sie hier blieben! Sie müssen doch nun gelernt haben, mit den Apachen umzugehen: Ihre Plantagen liegen ja in deren Gebiet.«

»Im Anfange wurden sie oft genug von den Apachen besucht, welche betteln wollten, weil meine schöne Cousine sie darin erzogen hat. Ich aber habe es so gemacht, wie mir meine neuen Nachbarn rieten, das heißt, sie mit Hunden von der Plantage hetzen lasten, weil ich die Bettelei nicht dulden wollte.«

»Sehr unvernünftig von Ihnen,« bemerkte Kirkholm. »Wer weiß, ob Sie unter den jetzigen Verhältnissen die Apachen nicht einmal als Werkzeuge gebrauchen können. Immerhin haben Sie mehr Erfahrung im Umgang mit den Apachen als ich.«

»Das mag sein.«

»Gut, so bleiben auch Sie hier und erwarten den weißen Wolf, er wird uns schon nicht gleich auffressen, wenn wir ihm ein gutes Geschenk anbieten. Tötet er uns, dann bekommt er nichts weiter als die Mädchen, behandelt er uns freundlich, so erhält er eine angemessene Belohnung. Selbst ein Indianer muß auf einen solchen Vorschlag eingehen.«

» All right,« sagte Spurgeon, »ich werde den Mann ebenfalls erwarten. Ich wünsche aber, daß wir dem Ende der Weiber nicht beiwohnen, sondern uns lieber aus dem Staube machen. Weit entfernt ist gut vorm Schuß, mir wird hier der Boden unter den Füßen bald zu heiß.«

»Können wir auch,« bestätigte Kirkholm, »wir haben nichts weiter hier zu suchen. Bringen wir nur erst einmal den weißen Wolf auf die Spur der Mädels, dann brauchen wir uns nicht mehr um ihn zu kümmern. Was sagst du dazu?«

Der Fischer verzog grinsend den Mund.

»Wonach der weiße Wolf seine Finger ausstreckt, das muß sein werden, und wenn alle seine Leute draufgingen. Ein blutdürstigeres Scheusal als den weißen Wolf gibt es gar nicht. Schon wegen eines Messers kann er einen Menschen totschlagen, und erfährt er erst, was für gute Gewehre und Revolver diese Weiber haben, so wird er Tag und Nacht hinter ihnen herschleichen.«

»Aber die Mädchen sind tapfer und geschickt im Gebrauche der Waffen.«

»Und der weiße Wolf ist in dieser Gegend aufgewachsen, er kennt jeden Schritt und Tritt und hat unzählige Kniffe, um Reisende in den Hinterhalt zu locken. Nein, um den ist mir nicht bange, er wird weder die Mädchen Matagorda erreichen lassen, noch mit den Zurückgebliebenen viele Mühe haben.«

»Aber das Schiff? Wird er nicht auch dieses plündern, und wenn Eure Genossen Widerstand leisten, auch sie hinschlachten?«

Des Fischers kleine Augen leuchteten verschmitzt auf, und grinsend verzerrte sich wieder sein Mund.

»Was gehts mich an, ich habe ja meinen Lohn schon bekommen, und erhalte ich das andere auch noch, was Ihr mir versprochen habt, so mögen sie meinetwegen alle zum Teufel fahren.«

»Ihr sollt das Versprochene bekommen und macht dann, daß Ihr Euch in Sicherheit bringt. Texas ist groß, Amerika noch größer, Ihr könnt mit Eurem Lohn ein bequemes Leben führen,« sagte Kirkholm, der dieses Fischers habgierigen, teuflischen Charakter schon kennen gelernt hatte.

Dann wandte er sich wieder zu Spurgeon.

»Wo ist Chalmers? Noch nicht zurück?«

»Er wird wohl auf dem Wege von Galveston nach hier sein. Mag sich geärgert haben, daß sein Feuerwerk vergeblich gewesen ist, destomehr aber wird er sich freuen, wenn er hört, daß es uns gelungen ist, die ›Vesta‹ auf die Riffe zu locken. He, geht nach unserem alten Platz und sorgt für ein anständiges Nachtessen, wir werden diese Nacht hierbleiben und auf den weißen Wolf warten,« fügte Spurgeon, zu dem Fischer sich wendend, hinzu.

Der Mann drängte sich durch die Büsche und machte mit seinen schweren Stiefeln viel Geräusch. Diesen Augenblick hielten daher die beiden Lauscherinnen für günstig, sich ebenfalls zu entfernen. Sie hatten genug gehört. Das Blut war ihnen manchmal während der Unterredung dieser beiden Männer erstarrt, und als sie eine kleine Strecke hinter sich hatten, atmeten sie zum ersten Male wieder auf.

»Jetzt schnell,« flüsterte Miß Thomson, »der Abend bricht an, wir müssen an den Felsen zurück und alles berichten, Flucht ist das einzige, was uns vorläufig retten kann.«

»Und die ›Vesta‹?« seufzte die andere.

»Das Schiff müssen wir einstweilen seinem Schicksal überlassen, den Rumpf können sie ja nicht davonschleppen, und die Räuber kennen wir jetzt.«

Im Laufschritt erreichten sie das Lager, wo die Freundinnen ängstlich ihrer warteten. Die Mädchen wurden natürlich schrecklich aufgeregt, als sie die schlimm Nachricht über das Schicksal erfuhren, das ihnen drohte. Aber schließlich vereinigten sie sich mit Ruhe zu einer Beratung.

Es gab nichts anderes als Flucht. Sie waren alle in Amerika geboren, die meisten waren mit dem Wesen der Indianer vertraut und wußten daher, daß ein Widerstand nichts nutzte, denn die Glieder der Bande, welche der weiße Wolf anführte, waren jedenfalls nichts weiter als Prärieräuber, die Schrecken der Wildnis. Sie griffen bei der Nacht ihre Opfer an und machten alles nieder, was ihnen in den Weg kam.

Lautlos schlichen sie durch das Gras, völlig unhörbar für das Ohr des Weißen, der nicht jahrelang in den Wäldern zugebracht hat, stürzten sich plötzlich auf die Ueberraschten und waren schon bei ihnen, ehe diese ihre Büchse gebrauchen konnten.

Ja, wenn sie einen Anführer gehabt hätten, der den Indianern an List gewachsen und in ihre Kniffe eingeweiht war, dann wäre es etwas anderes gewesen, aber so konnte eine Rettung nur in schleunigster Flucht liegen.

»Wir müssen versuchen, uns mit den anderen Damen zu vereinigen,« sagte Miß Thomson, »und die Indianer so lange wie möglich zu täuschen und aufzuhalten, durch List und durch Gewalt. Stoßen wir aber auf der Flucht nach Matagorda nicht auf hilfsbereite Menschen, so haben wir wenig Hoffnung auf Rettung. Dem schnellen Indianer entgehen wir nicht. Es ist besser, wir machen uns gleich mit dem Schlimmsten vertraut, als daß wir sorglos sind.«

Die Nacht brach bald an; aber es wurde kein Feuer angezündet, dessen Schein sie verraten konnte. Durch die Luken der ›Vesta‹ schimmerte Licht, die Fischer hatten es sich bequem gemacht.

Der kleine Zug der Mädchen bewegte sich in der von keinem Sterne erleuchteten Nacht das Ufer entlang, erst noch den Wald vermeidend, damit man nicht etwa auf die beiden Verbrecher stieß und die heimliche Flucht verriet. Als sie endlich unter Miß Thomsons Führung dem Walde zubogen, an dessen Saum hin sie diese Nacht marschieren wollten, da später der Mond aufging, blickten sie alle noch einmal nach dem erleuchteten Schiffe sich um, auf dem sie so oft trauliche Stunden verlebt hatten, in Sonnenschein und Regen, in Sturm oder auf spiegelglatter See.

Die erleuchteten Bollaugen schienen ihnen ein letztes Mal zuzuwinken.

»Lebewohl, ›Vesta‹! Werden wir dich wohl wiedersehen?« seufzten die Mädchen.

Dann schritten sie, auf dem Boden der Heimat noch von tausend Gefahren bedroht, weiter am Waldessäume entlang. – – –

Kirkholm und Spurgeon saßen unter einem Baume und wärmten sich an einem Feuer. Es war Nacht, kein Laut, höchstens einmal der klagende Schrei eines Vogels, der den Tag flieht und die Nacht liebt, unterbrach die Stille. Auch die beiden Männer wagten nicht, zu sprechen; obgleich sie schon stundenlang hier gesessen hatten, waren nur wenige Worte gefallen. Eine drückende Unruhe hatte sich beider bemächtigt.

»Kirkholm,« flüsterte Spurgeon endlich leise, »Mitternacht ist schon vorüber, und der weiße Wolf ist noch nicht da. Ich verwünsche jetzt, daß ich mich in ein solches Abenteuer eingelassen habe. Wir sind auf Gnade oder Ungnade dem weißen Wolf überlassen, wenn er –«

Ein gellendes Geheul unterbrach den Sprecher, von allen Seiten stürzten halbnackte Gestalten mit entsetzlich bunt bemalten Gesichtern auf die Lichtung, Kirkholm und Spurgeon wurden zu Boden gerissen und erblickten über sich furchtbar funkelnde Augen, Indianer knieten auf ihnen.

Lautlos waren sie herangeschlichen; kein knackender Zweig hatte ihre Ankunft verraten.

Aber das Gesicht, welches sich im Scheine des Feuers auf Kirkholm herabbeugte, war nicht das eines Wilden, wenn es auch verwildert genug aussah – es gehörte einem Weißen an. Die blutunterlaufenen Augen glühten in der Nacht wie die eines Wolfes.

»Hund, verdammter,« brüllte dieser Mensch und hob ein Messer zum Stoße gegen die Brust Kirkholms. »Willst du den weißen Wolf foppen? Wo sind die Mädchen, von denen du mir geschrieben hast? Sprich, Hund, oder ich schneide dir die Nase ab.«

Der weiße Wolf machte Ernst, Kirkholm heulte laut auf, als seine Nase von eisernen Fingern zusammengequetscht wurde, und er das kalte Messer schon daran fühlte.

Kirkholm heulte laut auf, als er das kalte Messer fühlte.

»Hohoho, weißer Wolf,« kicherte da eine dünne Stimme, »sind dir die Täubchen entgangen? Ja, ja, die sind zu zart für deine Zähne, so etwas Feines ist nicht für dich bestimmt. Fortgeflogen sind sie, vor einigen Stunden erst habe ich sie am Waldessaume fliegen sehen, den anderen nach, die nach Matagorda wollen.«

Auf die Lichtung trat ein alter Mann in schneeweißen Haaren, die mageren Glieder in Felle gehüllt, und rieb sich kichernd die Hände.

Der weiße Wolf blickte wild um sich und ließ das Messer sinken.

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