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Die Vestalinnen - Band IV

Robert Kraft: Die Vestalinnen - Band IV - Kapitel 24
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typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen - Band IV
publisherH. G. Münchmeyer, G. m. b. h., Niedersedlitz-Dresden
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23.

Alte Bekannte.

Die durch die Pampas reisende Gesellschaft hatte ihre Zelte in weitem Halbkreise aufgeschlagen. In der Mitte desselben brannten die von Pferdemist genährten Feuer, über denen Fleischstücke schmorten; außerhalb der Zelte standen die Pferde angepflöckt, und noch weiter draußen in den Pampas konnte man andere Feuer leuchten sehen, die Wachtfeuer, an denen die meisten mitgekommenen Indianer als treue Wächter lagen.

Das Lager in den Pampas.

Die englischen Herren, die Matrosen des ›Amor‹, saßen um ein Zeltfeuer und ließen sich das Nachtessen schmecken, zwischen ihnen tauchte ab und zu ein bronzefarbenes Gesicht auf, und in der Nähe hockten zwanzig Spanier, die berittenen Treiber der Lasttiere.

Im ganzen bestand die Karawane aus allen Herren des ›Amor‹, nebst Hannibal und Kasegorus, Williams' neuem Diener, sowie aus zwanzig Indianern, welche der schluckende Geier zum Schutze mitgegeben hatte, aus den Lasttiertreibern und aus Juba Riata und Don.

Sie zogen schon wieder seit drei Tagen vereint nach Osten, und noch immer waren sie nicht auf das Lager des springenden Panthers gestoßen, hatten es aber nach Versicherung der Indianer und der weißen Führer auch nicht verpaßt. Doch das machte nichts, die Engländer waren wieder so lustig und guter Dinge, wie sie nur jemals in ihrer glücklichsten Zeit gewesen. Ob sie die angebliche Miß Petersen jetzt fanden oder nicht, das war ihnen ganz gleichgültig. Ihre Absicht war nur, sich einige Wochen recht fröhlich die Zeit zu vertreiben, nach Buenos Aires zu reiten, von dort mit der Eisenbahn nach dem Norden Südamerikas zu fahren und dann über den Golf von Mexiko nach Nordamerika überzusetzen. Dort mußten sie später oder früher die Vestalinnen wieder treffen, das hatte ihnen Nick Sharp in seinem Briefe mitgeteilt und noch viel mehr, sie waren über alles orientiert.

Dennoch wollten sie versuchen, die geraubten Mädchen durch reiche Geschenke aus den Händen der Penchuenchen zu befreien, denn der Haziendero, der zum Ritt durch die Pampas erst militärische Hilfe verlangte, schien sehr saumselig zu sein, und bekamen sie dabei das Mädchen zu fassen, welches sich für Miß Petersen ausgab, sowie ihren schurkischen Begleiter, Fernando, dann gnade ihnen Gott, die Engländer wollten sich dafür rächen, daß sie an der Nase herumgeführt worden waren. Zwei von der Verbrecherbande, von der sie nun schon genug erfahren, und über die sie Nick Sharp in seinem Briefe aufgeklärt hatte, hatten sie nun sicher, und an diesen beiden wollten sie einmal ein Exempel statuieren.

»Und was wurde einstweilen aus dem ›Amor‹?«

»Laßt ihn zum Teufel gehen,« hatte Williams gesagt, als die Herren gleich nach der Wiedervereinigung auf ihn zu sprechen kamen, »meinetwegen können ihn die Heizer behalten, zu ihrem Vergnügen weiter auf ihm fahren oder eine Tanzbude auf ihm einrichten. Mir hängt die Seereise jetzt zum Halse heraus. Bin ich erst in Buenos Aires, dann löse ich mir ein Billett direkt nach Texas und gehe nicht eher von der Eisenbahn oder dem Passagier-Dampfer, als bis sie mich herunterwerfen – das ist ein Faktum, Charles Williams hat gesprochen, uff!«

Die Herren lachten über ihren Freund, der seine Rede nach Art der Penchuenchen schloß, aber Harrlington sprach mit Juba Riata, der sich willig erklärte, nach Erledigung der übernommenen Pflichten mit einem Briefe an das englische Konsulat nach Valdivia zurückzukehren. Der Konsul sollte den ›Amor‹ nach irgend einem noch zu nennenden Hafen dirigieren lassen.

Don wollte bei den Herren bleiben, er hatte keine Heimat wie Juba, die ganze Welt war sein, nach dem Wahlspruch: ubi bene, ibi patria, d. h., wo es dir gut geht, da ist dein Vaterland.

Alles in dem Lager war Humor und Fröhlichkeit, die ernsten Indianer, ja selbst der würdevolle Hannibal und der mürrische Juba wären davon fast angesteckt worden, wenn es sich mit ihrer Ehre hätte vereinbaren lassen.

»Jetzt wäre mir so ein Apfelweingelage schon recht,« meinte Charles zu Chaushilm. »Wurde ich schon damals, als mich traurige Gedanken peinigten, von dem sauren Zeuge heiter gestimmt, daß ich meine Sorgen vergaß, wie würde ich erst jetzt ausgelassen werden und alle anderen mit mir! Ach, Chaushilm, wie schade, daß Sie damals nicht bei uns waren. Sie lieben doch Rum so, nun, ich sage Ihnen, der uns kredenzte Branntwein war über alle Kritik ausgezeichnet!«

»War es wirklich echter Kognak?« fragte Chaushilm zweifelnd, dem sehr viel Von dem Gelage erzählt worden war.

»Bah, Kognak? Neunzigprozentiger Spiritus war es, so stark, daß mir die Kehle noch jetzt brennt, wenn ich daran denke! Es war herrlich! Jetzt erst verstehe ich den Ausdruck Feuerwasser, wie die nordamerikanischen Indianer den Schnaps nennen. Seinetwegen schon sollten Sie unter den Penchuenchen bleiben.«

Don kam langsam auf das Feuer der beiden zugeschlendert, die Pfeife zwischen den Zähnen.

»He, Don,« rief ihm Williams zu, »setzt Euch einmal auf ein Viertelstündchen hierher. Ich habe Euch etwas zu fragen.«

Don wußte schon, worüber er gefragt werden sollte er hatte schon vielen Herren deshalb Rede stehen müssen, aber immer war der gefällige, gutmütige Pampasjäger dazu bereit gewesen.

»Woher kennt Ihr eigentlich Nick Sharp?«

Das war aus Charles Munde dieselbe Frage, die Don wenigstens schon zehnmal hatte beantworten müssen. Er begann abermals zu erzählen, wie er vor vielen, vielen Jahren einst mit Rick Sharp auf einem Schiffe als Leichtmatrose gefahren habe, und wie sie beide auf gemeinschaftliche Verabredung in einem kleinen, südamerikanischen Hafen wegen schlechter Behandlung vom Schiff gelaufen seien. Sie hätten sich einer Expedition ins Innere von Südamerika angeschlossen, sich mit Indianern herumgeschlagen, von der Jagd gelebt, Pferde gefangen, kurz, ein derartiges Leben geführt, daß sie schon nach Verlauf eines Jahres zu richtigen Pampasjägern ausgebildet worden seien. Er, Don, habe Gefallen daran gefunden, Nikolas dagegen sei dieses unruhige Leben noch immer zu ruhig gewesen, er kehrte wieder nach der Küste zurück, und einige Jahre später habe Don ihn als berühmten Detektiven wiedergesehen. Wenn Sharp durch Geschäfte in diese Gegend geführt wurde – und Sharp befände sich immer auf Reisen – suchte er ihn stets auf, und sie begegneten sich wieder mit der herzlichsten Freundschaft. Don sei Jäger geblieben, hielte es aber in keiner Gegend lange aus, sondern durchzöge ganz Amerika, von den Indianern überall als Freund bewillkommnet.

Williams blies nachdenklich den Rauch seiner Pfeife von sich und sah Don eigentümlich an.

»Kennt Nick Sharp den Fuba Riata?« fragte er.

»Er war unser Lehrmeister. Sein Revier, wo wir ihn trafen, war aber damals weiter nördlich. Erst später nahm er indianische Frauen und blieb hier.«

»So, so,« brummte Charles. »Wo gab Euch Nick Sharp den Brief?«

»Er traf mit den übrigen Herren bei Villa Rica ein.«

»Hm, sagt mal offen, Don – Ihr braucht keinen Verrat von mir zu fürchten – wußte Sharp schon früher, daß diese Miß Petersen gar nicht die richtige ist, hatte er es nicht schon vorher zu Euch beiden, dir und Juba, gesagt, und seid Ihr von ihm abgeschickt worden, um uns in die Pampas und hinter dieser hierher zu locken?«

Ueber das sonnenverbrannte Gesicht des Pampasjägers flog ein verschmitztes Lächeln, er nahm mit den harten Fingern ein Stückchen glühendes Holz, legte es auf die Pfeife und fetzte diese mit tiefem Zuge in Brand.

»He, Don, wußtet Ihr schon, daß diese ganze Geschichte nur erlogen war? Steckt Ihr mit Nick Sharp unter einer Decke?«

» Quien sabe? (Wer weiß?)« sagte Don langsam, (die gewöhnliche Antwort der Spanier auf eine Frage, wenn sie nichts wissen wollen) erhob sich und schritt lächelnd nach einem anderen Feuer.

»So ein verdammter Detektiv,« sagte Charles zu Chaushilm. »Läßt uns hier in den Pampas herumjagen, im Freien schlafen und bald ertrinken, und weiß recht gut, das wir auf einer falschen Spur sind.«

»Aber warum hat er dies getan?« fragte Chaushilm. »Das ist doch unverzeihlich.«

»Durchaus nicht,« entgegnete Williams. »Sharp kannte uns besser. Freiwillig wären wir doch nicht auf die Pläne der Verbrecher eingegangen, sondern hätten Hals über Kopf weiter nach der ›Vesta‹ geforscht, die doch untergegangen war. Erst, als wir uns schon in den Pampas befanden, schickte er uns die Nachricht, und nun bleibt uns nichts anderes übrig, als eben weiterzureisen, wollen wir nicht hier bleiben. Wahrhaftig, solche Schlauheit hätte ich Sharp doch nicht zugetraut.«

»Und ich ihm nicht solche Rücksichtslosigkeit,« brummte Chaushilm.

In dem Lager wurde es nach und nach still. Ein langer, anstrengender Ritt hatte die Herren müde gemacht, sie zogen sich bald in ihre Zelte zurück, denn morgen sollte schon beizeiten der Ritt wieder aufgenommen werden.

Die trägen Spanier lagen schon lange in ihre Decken gewickelt am Boden und schliefen, die Indianer und die Pampasjäger, an Strapazen solcher Art gewöhnt, saßen noch lange an den Feuern und rauchten schweigsam die Pfeift«.

Da erscholl plötzlich draußen, wo die Feuer brannten, in regelmäßigen Zwischenräumen das Geheul des Schakals.

Die Indianer, wie auch die beiden Führer horchten auf, das war ein Zeichen von den Wächtern. Noch ehe die Männer sich aber erheben konnten, schritt ein Indianer zu dem Anführer des Trupps, sprach kurze Zeit mit ihm und deutete dann auf Don.

Auf einen Wink des Häuptlings rückten die beiden Weißen und die Indianer näher zu ihm heran, und eine leise Unterhaltung begann, besonders in der den Indianern eigentümlichen Fingersprache geführt, welche überall in Amerika dieselbe ist. Darauf standen alle auf, gingen etwas außer den Bereich des Feuerkreises und spähten scharf nach Norden.

Dort konnte man einen schwachen Lichtschein erkennen; auf den Pampas mußten mehrere Feuer brennen.

»Kennt mein Bruder ihn?« wandte sich der Führer der Indianer an Don.

»Er ist unser Freund,« entgegnete Juba Riata für seinen Gefährten.

Die Indianer streckten sich gleichgültig wieder neben das Feuer, Juba sprach noch einige Worte mit Don, dann kehrte auch er an das Feuer zurück, während Don mit dem Indianer einem Wachtfeuer zuschritt.

An demselben lag ein junger Mann, fast ebenso wie Don gekleidet, und rauchte ruhig seine Pfeife, ohne daß er die um das Feuer hockenden Indianer beachtete, oder daß diese ihm Aufmerksamkeit schenkten. Bei Annäherung der Kommenden stand er auf und erwartete sie.

Mit einem Sprunge war Don bei ihm.

»Sehe ich recht, du selbst bist hier?« rief Don erstaunt.

»Gewiß, und bringe Gesellschaft mit.«

»Aber woher weißt du, daß wir gerade hier sind?«

»Ich habe heute vormittag eure Reiter gesehen und die gefunden, welche ich suchte. Du kennst meine Augen. Doch nun etwas anderes, morgen mehr.«

Die beiden Männer setzten sich nebeneinander ans Feuer und besprachen sich lange. Don nickte lebhaft unter Lachen und schien ganz auf die Pläne seines Freundes einzugehen.

Der Fremde stand auf.

»Können wir unbemerkt in euer Lager kommen?« fragte er.

»Die Engländer schlafen wie die Ratzen. Wären wir nicht da, man könnte ihnen die Zelte über den Köpfen stehlen.«

» All right, in einer halben Stunde bin ich zurück,« entgegnete der Fremde, schnallte sich den Gürtel enger und verschwand bald in der Nacht, während Don am Feuer sitzen blieb und die Rückkehr seines Freundes erwartete, der sich nach dem Feuerschein zu entfernt hatte.

Charles Williams war ein Frühaufsteher. Er hatte aber auch noch eine andere Eigenschaft, welche energische Menschen besitzen: daß er des Morgens zu der Zeit aufwachen konnte, die er sich des Abends zuvor vorgenommen hatte.

Auf Juba Riatas Rat sollte früh bei Sonnenaufgang der Weiterritt erfolgen, dann konnte man vielleicht noch denselben Tag das Lager des springenden Panthers erreichen; er selbst war schon zeitig auf, desgleichen Don. Beide weckten die Lasttiertreiber. Diese mußten Feuer machen und Kaffee kochen, bis zu dessen Fertigstellung, die völlig angezogenen Engländer noch schlafen durften.

Kaum aber trieb der eiserne Juba mit einem Fluch, wohl auch mit Fußtritten, die gähnenden Spanier vom Boden auf, als auch schon Charles die Augen aufschlug.

»Kaffee kochen,« brummte er. »Noch eine Viertelstunde Zeit. Hm, bin noch kolossal müde.«

In seinem Zelte schliefen außer ihm noch Hendricks, Chaushilm und Kasegorus. Aber diese wachten nicht auf, sie schnarchten in verschiedenen Tonarten ruhig weiter; deshalb konnte Charles sein Gespräch auch fortsetzen.

»Es ist eigentlich eine schlechte Angewohnheit, immer eine Viertelstunde eher aufzuwachen als andere,« murmelte Charles. »Besonders dem Diener ist es verwünscht unangenehm, wegen des Ehrgeizes seines Herrn, immer als erster zu Pferd sitzen zu wollen, so zeitig aufstehen zu müssen.«

Charles dachte noch über den Wert des Schlafes und über den des Frühaufstehens nach und kam schließlich dahin, daß schlafen jedermann kann, Frühaufstehen aber eine Tugend ist.

»Dann soll mein Diener aufstehen und mir die Sporen bringen. Kasegorus!« rief Charles, ohne sich umzudrehen.

»Kasegorus!«

Keine Antwort.

»Kasegorus!«

Hinter ihnen ertönte ein Geräusch. Der kleine Schwarze mußte den Ruf vernommen haben, brach aber nicht wie sonst in Seufzen, Stöhnen und Gähnen aus, sondern erhob sich ohne Murren.

Charles wunderte sich darüber, hielt es aber nicht für der Mühe wert, den Kopf nach dem Diener zu wenden.

»Kasegorus,« rief Charles in sanftem Tone, »bringe mir die Sporen und sieh dann nach meinem Pferde!«

Er hörte die Sporen klirren, wie sie vom Boden aufgenommen wurden, und daß ein leichter Schritt sich ihm näherte.

Aber kein Wort ward hörbar. Der sonst so geschwätzige Schwarze muhte geschworen haben, heute kein Wort über seine wulstigen Lippen kommen zu lassen.

»Kasegorus?«

»Hier,« sagte da eine Stimme.

Charles fuhr bei diesem Klange herum, lag einen Augenblick wie gelähmt da und sprang dann entsetzt auf, vorläufig unfähig, ein Wort zu sagen.

Vor ihm stand ein junger Mann, in einem ledernen Anzug, wie Don, hielt die eine Hand in der Hosentasche, die andere mit den Sporen dem Engländer hin und machte dabei ein ganz ernsthaftes Gesicht.

»Nun, wollen Sie Ihre Sporen nicht?« fragte er ruhig.

Charles antwortete noch immer nicht; erstaunt blickte er auf den jungen Mann vor ihm, dann im Zelte herum, betastete sich, ja, griff sich sogar an die Nase und kniff hinein, als wolle er sich davon überzeugen, daß er nicht träume.

Aber er träumte nicht, die Nase tat ihm weh, wenn er daran zog, die Finger knackten, und draußen hörte er ganz deutlich die herzhaften Flüche Jubas.

»Ich träume wirklich nicht?« sagte endlich Charles in fast kläglichem Tone.

»Sie sind wohl ein bißchen verrückt?« entgegnete der junge Mann unbefangen dem Baronet. »Hier sind Ihre Sporen. Wollen Sie dieselben nun endlich nehmen?«

»Hannes, ist es möglich?« erklang es in maßlosem Erstaunen.

»Stimmt, das ist mein Name! Wollen Sie mir nun aber Ihre Sporen abnehmen, oder soll ich sie Ihnen etwa auch noch anschnallen? Sie wissen doch, das steht nicht in unserem Kontrakt.«

»Wie kommen Sie denn hierher? So sprechen Sie doch nur um Gottes willen, sonst rührt mich noch der Schlag.«

»Seit wann sind Sie denn so schreckhaft geworden? Wie ich hierherkomme? Sehr einfach, ich fand in Hamburg keine Arbeit, und damit wir nicht verhungerten, bin ich Ihnen nachgereift und bitte Sie nun, mich wieder als Ihren gehorsamen Diener annehmen zu wollen.«

»Ja, Hannes,« rief Charles, der nach und nach zur Besinnung kam, während sein Staunen noch immer wuchs. »Wo ist denn deine – Ihre Frau, Miß Staunton wollte ich sagen?«

»Die ist auch mit hier, aber mit der Miß ist es jetzt aus, die heißt Frau Vogel. Haben Sie nicht für die irgend eine Beschäftigung? Sie ist zu jeder Arbeit willig.«

Charles wußte nur, daß Hannes mit Hope geflohen war; dann hatte er nichts mehr von den beiden erfahren. Mit großen Augen starrte er den Sprecher an, er glaubte plötzlich, daß er noch in tiefem Schlafe läge und das alles nur träume.

Da kam mit einem Male Leben in ihn. Das Zelt wurde ihm zu enge, er mußte hinaus, um seine wüsten Gedanken in Ordnung bringen zu können. Wie ein Wahnsinniger, den Kopf mit beiden Händen haltend, stürzte er an Hannes vorüber ins Freie, blieb aber hier vor Staunen wie angewurzelt stehen.

An einem Feuer kauerte eine weibliche Gestalt und goß eben kochendes Wasser in den Kaffeetopf – Miß Staunton, wie sie leibte und lebte.

»Miß Staunton!«

Die Gerufene sah sich um, richtete, sich auf und ging mit ausgestreckten Händen auf den an seinem Verstand Zweifelnden zu. Sie konnte aber nicht, wie Hannes, ernst bleiben, sondern mußte laut auflachen.

»Guten Morgen, Sir Williams, der Kaffee ist schon fertig. Haben Sie gut geschlafen?«

»Miß Staunton,« stammelte Charles und ließ sich willenlos die Hand schütteln.

»Ich bin nicht mehr Miß Staunton, sondern Frau Vogel. Sie wissen doch, damals...« lachte Hope aus vollem Halse.

Charles sah sich um.

Dort stand Don und schüttelte sich vor innerem Lachen, als er aber das so völlig verdutzte Gesicht des Baronets sah, brach er in ein unauslöschliches Gelächter aus, und der neben ihm stehende Juba zog ein Gesicht, das man ebensogut für grimmig wie für traurig halten konnte, was bei ihm aber der Ausdruck der größten Freude war.

Plötzlich begriff Charles, daß er nicht träumte, daß alles Wirklichkeit war, daß mit ihm Komödie gespielt wurde, das heißt, nur darum, weil er sich so seltsam betrug, und er stimmte in das Gelächter mit ein, ebenso Hannes.

»Hannes, Herzensjunge, so bist du mir wirklich nachgereist?« rief er und umarmte den jungen Mann. »Aber wie in aller Welt hast du mich gefunden? Wie kannst du es wagen, mit deiner Frau allein durch die Pampas zu reisen? Woher hast du das Geld? Was hast du in Hamburg gemacht? Ist das wirklich deine Frau, wie geht es ihr?«

Diese und andere Fragen sprudelten nur so von den Lippen des Baronets, der wirklich über das Wiedersehen mit seinem ehemaligen Diener überaus glücklich war. Er dachte jetzt gar nicht daran, ihn Sie zu nennen, wie man es ausgemacht hatte, wohl aber Hannes, dem der alte Kontrakt sofort einfiel.

»Halt, halt, Williams,« unterbrach ihn Hannes, dem erst die Tränen in die Augen kommen wollten, der sie aber zurückdrängte, »Sie vergessen ganz, daß Sie mich nicht du nennen sollen, sonst gehe ich einfach wieder an Bord der ›Kalliope‹ zurück, das habe ich Ihnen doch schon ein paarmal gesagt.«

»Na ja, Sie – Sie verfluchter Bengel Sie, aber so antworten Sie mir doch! Wollen Sie wirklich wieder als Diener bei mir antreten und Ihre – Ihre – Frau, Miß Staunton, Pardon, Mistreß Vogel, will auch mit – Nein, nein, Hannes,« unterbrach sich Williams, verlegen werdend, aber doch lachend, »Sie treiben nur Spaß, gestehen Sie es!«

»Nun denn, ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen,« sagte Hannes, nahm eine gravitätische Miene an und faßte Hope an der Hand, »hier, Sir Williams, meine Gemahlin, Freiin Hope von Schwarzburg. Ich habe mich in Deutschland in einen Freiherrn umgewandelt. Mein Name ist jetzt Freiherr Johannes von Schwarzburg.«

Charles riß sich den Mund auf.

»Sie spaßen,« lächelte er endlich.

»Wer hier sagt, der Freiherr von Schwarzburg mache mit ernsten Sachen Spaß, der bekommt es mit mir zu tun,« sagte da plötzlich eine Stimme neben Charles.

»Nick Sharp,« rief der Baronet gleichzeitig und sprang auf den neuen Ankömmling zu. »Ja, nun fange ich wirklich an zu glauben, daß alles auf Wirklichkeit beruht. Sie schwindeln zwar auch sehr gern, Sharps aber diesmal glaube ich Ihnen.«

»Sie können es auch, es beruht alles auf Wahrheit,« rief Hope und trat zu den beiden, sich freudig begrüßenden Männern, »sonst wäre es uns wohl nicht so leicht geworden, Ihnen in die Pampas nachzureisen.«

Ein Engländer nach dem anderen kam aus den Zelten und des Staunens war kein Ende, ebensowenig des Fragens und der Erklärungen. Man freute sich, schüttelte sich die Hände, und weder Hope, noch Hannes, noch Nick Sharp wurden die Bewunderer los. Aber erstere beiden waren doch die Helden.

»Frühstück,« donnerte Juba mit seiner rauhen Stimme, »es wird Zeit zum Aufbruch.

»Pferde satteln,« schrie er dann die Treiber an.

Dabei machte er selbst aber keine Miene, sich zum Aufbruch vorzubereiten, sondern stopfte sich ganz gegen seine Gewohnheit um diese Zeit eine neue Pfeife.

»Zum Teufel mit den Pferden,« schrie Charles, der vor Freude ganz außer sich war. »Meinetwegen brecht allein auf und brecht Euch beim Reiten die Glieder. Wir bleiben hier, heute ist Rast und Ruhetag.«

»Meinetwegen,« brummte Juba, »habe mir so etwas schon gedacht.«

Er setzte sich an das Feuer zurück und schlürfte seinen Kaffee, der für ihn einen großen Genuß bildete, denn das braune Getränk mußte er entbehren, wenn er allein reiste.

»Hannes, Herzensjunge,« fügte Charles und setzte sich zwischen Hope und Hannes auf eine Decke, »also sind Sie wirklich im Handumdrehen Baron geworden? Donner und Doria, da muß ich auch einmal nach Deutschland, vielleicht machen sie aus mir armen Baronet einen Grafen. Aber nun erzählt, wir vergehen alle vor Neugier!«

Alle Herren scharten sich um das junge Paar, und kein Gesicht war darunter, welches nicht vor Freude gestrahlt hatte. Hannes war von jeher ihr Liebling gewesen, vor dem sie aber zu gleicher Zeit Respekt hatten, und für Hope wären sie zu jeder Zeit durchs Feuer gegangen; sie wurde von allen geliebt, geliebt, wie ein unschuldiges Kind. Mit tiefer Betrübnis hatten sie die Nachricht vernommen, daß Hope mit Hannes geflohen sei; jetzt aber wandelte sich diese Betrübnis in helle Freude.

Jetzt zeigte sich wieder, daß Hannes das Schoßkind des Glückes war; wie sie das junge Paar so zusammensetzen sahen, gingen aller Herzen vor Freude über.

Hannes mußte weit ausholen, um die Neugier der Herren zu befriedigen. Er tat es mit sichtlichem Vergnügen, er durchlebte seine letzte Vergangenheit noch einmal, und wenn hin und wieder sein Gedächtnis verfügte, oder er müde wurde, so nahm Hope den Faden der Erzählung auf. Die beiden Befehlshaber der ›Hoffnung‹ spannen ein langes Garn, der Faden drohte oft, sich zu verwirren, wenn einer nicht immer den anderen unterstützt hätte.

Am genanntesten wurden die Herren, als Hannes von dem Wiedersehen der Damen auf der Felseninsel sprach. Man wollte weniger von ihren seltsamen Erlebnissen und deren Lösung hören, sondern jeder fragte den Erzähler nach dem Aussehen einer besonderen Dame, nach ihrem Befinden, ob sie nicht über die Herren, über ihn gerade, den Fragenden, gesprochen hätten, und immer wußte Hannes eine humoristische Antwort zu geben, die aber die Wahrheit enthielt.

Dann erzählte Hannes, wie er von den ihm übergebenen Mädchen bereits fünf in ihre Heimat habe bringen lassen, weiter sein Abenteuer in Santiago, und daß er dann in die Pampas aufgebrochen sei, um die Ostküste Südamerikas zu erreichen und dann nach Brasilien zu fahren, denn dort müsse er abermals zwei Mädchen abgeben oder, wie Nick Sharps Ausdruck dafür war,›abladen‹.

Die Reise durch die Pampas sei in Eilmärschen vollzogen worden, weil man durch Dons Auskunft die Engländer nahe wußte und mit diesen zusammentreffen wollte. Hannes, wie Hope hatten sich sehr auf das Wiedersehen gefreut, und doch mußte dies auf eine so seltsame Weise zu stände kommen.

Gestern hatte Nick Sharp mit seinem unglaublich scharfen Blick, der selbst den des weitsichtigsten Indianers bedeutend übertraf, Reiter gesehen, er hatte spioniert und die Engländer erkannt.

Am Abend war er zu dem Wachtfeuer der Indianer geschlichen, hatte sich mit ihnen verständigt, daß er den kleinen, weißen Führer, Don, zu sehen wünsche, und diesem dann den Auftrag von Hannes überbracht.

Die Indianer wurden aufgeklärt, um was es sich handelte, die Engländer schliefen, die Treiber desgleichen, und so kamen Hannes und Hope noch vor Sonnenaufgang in das fremde Lager. Hope machte sich am Feuer zu schaffen, während Hannes leise in das Zelt von Charles schlich, Kasegorus einweihte und hinausschickte.

Hierauf übernahm Hannes die Rolle eines Dieners, was Williams solches Erstaunen einjagte.

»Sie haben zum Durchqueren der Pampas eine vollständige Expedition ausgerüstet?« fragte Lord Harrlington.

»Sie besteht aus Hope und mir, Mister Sharp, den sieben Mädchen, welche übrig geblieben sind und die auf einem Wagen reisen, einigen Treibern mit Gepäck, Geschenken für die Indianer, und einigen Indianern als Führern. Wir lagern nicht weit von hier, Don ist schon hinübergeritten, um das Lager abzubrechen und hier aufschlagen zu lassen. Wir bleiben nur diesen Tag noch hier. Daß bei diesem Wiedersehen die Unterhaltung nicht fehlt, dafür habe ich schon gesorgt,« fügte Hannes schmunzelnd hinzu.

»Und was treibt Sie, Mister Sharp, in diese öde Gegend? Wollen Sie Indianer verhaften?« fragte Lord Harrlington den Detektiven.

»Indianer nicht, aber Bleichgesichter,« entgegnete der Detektiv.

»Sehen Sie diesen Lasso hier? Wenn wir zusammenbleiben, werden Sie bald bemerken, daß ich ihn wie der geschickteste Penchuenche zu handhaben verstehe; aber ich schleudere ihn nur zweimal, einmal nach dieser Miß Petersen und dann nach Senor Fernando, und dann hänge ich beide wahrscheinlich an einen Apfelbaum.«

»So sind Sie also doch noch hinter Verbrechern her? Natürlich, einen anderen Lebenszweck haben Sie ja nicht.«

»Es sind die letzten, welche mit Ihnen zu tun haben, andere kümmern sich nicht mehr um Sie. Die, welche Sie hierhergelockt haben, um Sie von den Eingeborenen aufreiben zu lasten und sich dann womöglich durch falsche Papiere in den Besitz eines Teiles Ihres Vermögens zu bringen, denken jetzt nicht mehr an Sie, sie sind in Sorge um ihre eigene Sicherheit.«

»Schade,« sagte Hastings, »einige kleine Abenteuer hätten uns ganz gut getan. Jetzt habe ich wieder Lust, durch dick und dünn zu jagen.«

»Abenteuer und Gefahren werden Ihrer auch noch warten, ohne daß diese von jemandem heraufbeschworen werden,« meinte der Detektiv.

Roßhufe stampften den Erdboden, Peitschenknallen erscholl, und die Engländer sahen die kleine Karawane in voller Jagd ankommen. Anders konnten die Indianer ihrer Freude nun einmal keinen Ausdruck geben.

Lebhaft begrüßten die Herren die übriggebliebenen braunen Mädchen, welche sich in dem Planwagen recht gemütlich eingerichtet hatten. Sie kannten dieselben ja nun schon über zwei Jahre und hatten oft genug näher mit ihnen verkehrt. Die Indianer von Hannes, Bewohner der chilenischen Grenze, wurden von ihren Genossen in anderer Weise begrüßt. Beide Teile setzten sich ans Feuer und saßen wohl eine Stunde lang schweigend da, in die Glut starrend und die Pfeife handhabend, ehe sie ein Wort miteinander wechselten.

Um das Aufschlagen der Zelte kümmerten sie sich nicht, das war die Sache der Treiber, waren diese aber nicht dagewesen, so hätten sie nicht eher eine Hand zu dieser Arbeit gerührt, als bis die Weißen selbst ans Werk gingen.

»So sind Sie also unser Schutzengel gewesen,« wandte sich Hendriks an den Detektiven, »wie Sie und Ihre Schwester es auch früher bei den Vestalinnen waren? Können Sie aber auch von hier aus Ihre Fittiche über die Damen in Nordamerika breiten?«

»Dort wacht Mister Hoffmann über sie, und seien Sie versichert, er ist besser als ich imstande es zu tun. Sie sehen, Sir Williams,« wandte sich Sharp an diesen, »ich kann auch einmal bescheiden sein.«

»Und Johanna gibt sich nicht mehr mit ihren früheren gefährlichen Geschäften ab, seit sie Braut des Mister Hoffmann ist?« fragte Hope.

»Hoffmann läßt es nicht zu, aber sie werden zusammentreffen, und Johanna wird bei ihm bleiben, bis die Sache in Ordnung ist. Schade um das Mädchen,« seufzte Sharp, »meine Schwester hatte wie kein anderes Weib Befähigung zur Detektivin, aber diese verdammte Liebe macht nun einmal in der Welt aus sonst ganz brauchbaren Menschen plötzlich ganz unnütze Geschöpfe, die zu nichts mehr zu verwenden sind als zum Essen, Trinken, Schlafen und höchstens zum Küssen.«

»Oho,« riefen die Herren entrüstet, und Williams fügte hinzu:

»Wenn Sie dergleichen noch einmal sagen, werden Sie nach amerikanischem Gebrauch gelyncht.«

»Und können dann zusehen, wenn wir auf die Gesundheit der Damen trinken,« sagte Hannes, winkte und ließ von seinen Arbeitern eine stattliche Anzahl Weinflaschen herbeibringen.

»Zur Feier unseres Wiedersehens und damit die Freude, daß wir die Damen bald treffen, erhöht wird,« sagte er, als er die erste Flasche entkorkte.

»Und daß die keusche ›Vesta‹ dann ihr priesterliches Gewand abwirft und fernerhin dem ›Amor‹ gehorcht,« lachte Hope, den ersten Zinnbecher mit Wein füllen lassend und ihn Lord Harrlington reichend.

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